Samstag den 13. Arbruar » BSf ZD M JSLHÄB - V S - • M (Nachdruck verboten.) Wlla Jafconieri. Von RichardVoß. Zweiter Band. (Fortsetzung.) Tie vielen Tore der Villa mußten wieder geschlossen werden. Neulich schlichen sich Fremde ein. Es war seit vielen Jahren das erstemal. Eine sehr seltsame Wahrnehmung mußte ich machen . . . Tie Natur ist mir seit kurzem, seit meinem gewaltsamen Erwachen, nicht mehr Allheilerin und Allhelferin. Selbst die große Tragödin, die römische Campagna, hat aufgehört, ihre gewaltigen Strophen aus dem Trama der Weltgeschichte für mich zu rezitieren. Und sie verstummte doch bis jetzt niemals! Was bedeuten diese Zeichen? ' Gestern war ich auf Tusculum. . . Wie in diesem Jahre aus Tusculum der Ginster blüht! * Ich glaube, ich schrieb Euch, daß ich in der Villa Taverna Nachbarn habe. Und zwar schon seit März. Es ist der Prinz von Sora, ein berüchtigter Wüstling. Tie arme junge Frau! Ter Prinz ist nämlich verheiratet und hat seiner Frau willen von dem bankerotten Borghese die Villa Taverna gemietet. Die Prinzessin, die Blut husten soll — habe ich das nicht bereits erwähnt? — gehört zu den Spitzen der römischen Modedamen: zu den allerhöchsten Spitzen. Schade darum! Das heißt — sie soll nämlich im Grunde entzückend sein. Dabei ist sie erst zweiundzwanzig Jahre. Tie göttliche Jugend! Aber bei dieser Jugend bereits für das ganze Leben ruiniert. Und wodurch ruiniert? Durch Weltleben. Es ist etwas so trostlos Oedes! Allerdings kommt in diesem Falle eine sehr unglückliche Ehe hinzu. Vielleicht ist die Prinzessin gar nicht sehr unglücklich? Tenn solche Weltdame — überhaupt die Frauen. . . . Wer kennt sich bei ihnen aus. Wer kennt sie? Ich nicht! Ich bin gar kein Kenner der Frauen; sondern nur ihr „Verklärer". Tas klingt sehr schön, heißt indessen nichts anderes, als daß ich die Poesie benützt habe wie der Anstreicher die Tünche. Eine graue Mauer färbte ich rosenrot, himmelblau, blütenweiß. Jedenfalls war ich so glücklicher. Eine blutjunge, elegante und gewiß reizende Weltdame, die in einer unglücklichen Ehe lebt und sich zu Tode amüsiert— das ist alles! Und es ist im Grunde schrecklich banal. Mit einer solchen Frau sollte kein ernsthafter Mann Mitleid fühlen. Aber die nahe Nachbarschaft stört mich Wenn ich davon auch nur wenig höre und sehe, so weiß ich doch, daß sie existiert: dicht unter mir! Und ich bin der Nähe von Menschen aus jener andern Welt so vollkommen entwöhnt. Tie Prinzessin soll durcb die Extravaganzen ihrer Eleganz ebenso berüchtigt sein, wie der Prinz durch seine sittliche Verlotterung. Sie soll zu den großen Raffinierten gehören: zu den ganz großen! Sie macht immerfort Sensation, kann gar nicht leber^ ohne immerfort Sensation zu machen. Tie Farbe, die sie für eine Saison trägt, wird sogleich Modefarbe; die Blume, die sie für eine Saison protegiert, sogleich Modeblume. In diesem Jahre kleidet sie sich ausschließlich in Weiß, liebt sie ausschließlich die weißen Lilien. Also ganz Madonna. . . Verzeiht die Entheiligung. Ich dachte nämlich an meine Madonna. Welche Kontraste! Uebrigens ist ihr Rus tadellos — ich spreche noch immer von der Prinzessin. Eine tonte graude dame, die einen verächtlichen Gatten besitzt, in Aeußerlichkeiten aufgeht, nur für ihre Schönheit, ihre Eleganz, ihre Emotionen lebt und dann einen tadellosen Ruf besitzt. Und das in Rom! Es scheint ein Mirakel zu sein. Tas Wunder ist aber weniger Wunder, sobald mau annimmt, daß sie kalt ist, marmorkalt und unnahbar. Und nur aus Eitelkeit einen Liebhaber zu nehmen, dafür scheint sie mir denn doch — zwar nicht gerade zu gut; aber viel zu besonders geartet. Auch gibt es Frauen, die einfach aus Bequemlichkeit nicht lieben, weil ihnen jede Leidenschaft lästig ist. Und es gibt Frauen — Doch was verstehe ich davon? Ich kümmere mich nicht um Frauen, die schlaflose Nächte haben, weil sie für eine Toilette eine Farbennüance erfinden müssen, die noch niemals dagewesen ist. Tie Prinzessin von Sora hat schlaflose Nächte; denn Nacht für Nacht sehe ich in ihrem Zimmer Licht. Was gehen mich die schlechten Nächte dieser Weltdame an und weshalb sie schlecht sind? Unsere weiblichen dienstbaren Geister sind durch die prinzliche Nachbarschaft ungemein aufgeregt. Jede Stunde kommen sie — Ihr kennt ja unsere patriarchalische Art, mit unseren Leuten zu leben — mit irgend einer „sensationellen" Neuigkeit angestürzt. . . Tie Prinzessin soll von einem unerträglichen Hochmut sein und von der Dienerschaft trotzdem vergöttert werden. Tie Armen von Frascati kommen scharenweise zu ihr. Tann steht sie in ihrem 94 Weißen Kleide unter Krüppeln und Bettlern wie eine heilige Elisabeth. Tabei gehört sie durchaus nicht zu den so- {genannten Frommen. Tie sichtbarliche Ausübung der Re- igion überläßt sie dem Prinzen; und sie überläßt den Prinzen seinen Maitressen Ihre französische Kammerfrau will wissen, daß sie noch niemals geliebt habe, daß sie unheilbar krank sei und bald sterben werde. Es ist alles Klatsch und Matsch, und doch erregt es mich. Alles kommt nur davon, weil ich verlernt habe, unter Menschen ein Mensch zu sein. Ich glaube doch nicht, daß sie in ihren vielen schlaflosen Nächten nur an Nichtigkeiten denkt. Ich glaube, daß sie sehr leidet und sehr einsam ist. * Ich sprach von der „großen Tragödin", der römischen Campagna, und vergaß, Euch zu erzählen, daß ich die große Frauenoarstellerin Assunta Neri sah: nicht in Rom auf der Bühne; sondern im Park der Villa Falconieri. Ich will nicht lügen! Ich vergaß es nicht, ich verschwieg es. Und ich verschwieg es, weil dieses Ereignis — denn ein solches be- oeutet ihr Besuch für mich — im tiefsten Innern mich erregte, so sehr erregte, daß es Euch erschrecken könnte. Auch würdet Ihr den Aufruhr meines Gemütes doch nur wieder für das Zeichen einer krankhaften und ganz unnatürlichen seelischen Vereinsamung halten. Ihr wißt, daß ich die Neri bei ihrem Tebüt in Rom kennen lernte, daß sie in meiner „Agrippina" auftrat, daß £e das große Ereignis des Abends und der ganzen heaterwelt war, daß sie seit jener Vorstellung die souveräne Herrscherin der italienischen Bühne ist. Und sie ist die große Verkünderin eines neuen Frauen- aeschlechts, das die Zeit geschaffen hat und das die Tichter der Zett versuchen auszusprechen. Nur ich weiß davon nichts. * Eines Vormittags brachte man mir einen Strauß weißer Lilien und sagte: Assunta Neri sei da! Mein erstes Gefühl war Schreck. Es war ein solch rätselhafter Schreck, als drohte mir plötzlich eine große Gefahr. Mein erster Gedanke war, dieser Gefahr zu entfliehen — so schwach und feige kann ein Mann sein, für den es im Leben nichts mehr zu hoffen und nichts mehr zu fürchten gibt. Ich suchte Maria, als müßte ich bei ihr Schutz finden. Sie war aber nicht im Hause. Ta trieb mich eine neue geheimnisvolle Empfindung der Künstlerin entgegen. W war wie eine Gewalt, so daß ick) — ich konnte es gut beobachten — unter einem inneren Zwange stand. So ging ich denn hinaus. Gibt es wirklich, ein neues Frauengeschlecht, und ist Assunta Neri die Verkörperung desselben, so muß diese Gattung der modernen Frau: der Frau fin de siöcle, ein unaussprechlich trauriges tröst- und hoffnungsloses Frauengeschlecht jein, bereits am Anfänge seiner Existenz dem Untergange geweiht. Denn Assunta Neri hat eine kranke Seele. Wenn nun ihre Kunst „Natur" ist; und wenn ihre Natur nur ein Spiegelbild der Natur des Weibes ist, so muß dieses Weib bis in seinen intimsten Lebensnerv hinein krank sein. Nein! Von dieser Frau weiß ich nichts. Ich will davon nichts wissen! Assunta Neri machte auf mich den Eindruck eines Sciroccotags. Alles an ihr ist schwere schwüle Wüstenglut. Ein fahles gespenstisches Licht umzittert Himmel und Erde, die einen erstickenden Tunst ausatmet. Tie ganze Natur ist zu Tode erschöpft und sehnt sich, nach, dem letzten erlösenden Seufzer. So erschien mir diese Frau. Vielleicht legte ich meine eigene Stimmung in sie hinein. Ick) sehe ja Menschen und Tinge derart unwirklich, daß ich meinen eigenen Augen nicht trauen darf. Uebrigens wechselten wir beide nur wenige Worte; denn Maria kam. Tie Neri ging sogleicy auf sie zu und beschäftigte sich beinahe fieberhaft mit ihr, schien sie entzückend zu finden. Ms ich Maria später fragte, was die Neri eigentlich mit ihr gesprochen hatte, wußte sie es kaum. Sie sagte: sie hätte immerfort die andere Tame ansehen müssen. Tie «andere Damü" war die Prinzessin von Sora y Assunta Neri wohnt nänrlich in der Villa Taverna. Tie Prinzessin hatte sie auf einem Spaziergange begleitet und die beiden waren zufällig in unseren Park geraten. Wie Ihr seht, geht alles mit sehr natürlichen Dingen zu. Ta Maria die „andere Dame" immerfort ansehen mußte, werdet Ihr auf sie neugierig sein; denn dieses Anstarren einer vollkommen fiemden Tame sieht Maria so gar nicht ähnlich'. Was soll ich Euch sagen? Ich sah nichts als ein Gewirr schwarzer Spitzen und in dieser leichten dunklen Wolke ein schmales weißes Gesicht mit — ich weiß nicht einmal, was für Augen sie hat. Hch glaube: ihre Augen sind sehr dunkel und — ich weiß es wahrhaftig nicht! Ich, weiß nur, daß ihre Augen einen eigentümlichen Blick haben. Einen unvergeßlichen Blick! Sie trug keine Handschuhe. Ich habe niemals solche kleinen blassen hilflosen Hände gesehen! Ich sah in ihren Händen immerfort den Strauß weißer Lilien, den mir die Neri geschickt hatte; und ich sah die Hände mit dem Lilienschimmer immerfort sich erheben wie in angstvollem Flehen, wie in — Ich bin und bleibe doch ein unheilbarer Träumer! Während die Neri mit Maria sprach, unterhielt sich die „andere Tame" mit mir. Sie hat eine sehr leise, sehr süße Stimme. Ihre Stimme klingt wie Vogelgezwitscher. Vielleicht erhebt sie in ihren schlaflosen Nächten ihre blassen Hänoe und betet mit ihrer süßen Stimme: „Lieber Vater im Himmel, laß mich leben!" Und vielleicht hat der Himmel Erbarmen. * Tie Neri blieb länger als eine Woche in der Villa Taverna. Sie kam jeden Tag herauf. Nicht meinetwillen; sondern um Maria zu sehen. Aber diese verhielt sich scheu und sremd. Wie schwer es doch ist, zu vergessen! Tenkt Euch: ich wartete immer und immer darauf, die Neri würde ein Wort 'mit mir über mich sprechen: von meinen Tramen, meinen Jrauengestalten. Ich wartete mit angehaltenem Atem, mit fieberndem Pulsschlag, laut pochendem Herzen: ich, der. ich mit eigenem Willen mich ausschied aus der Reihe der lebendigen Tichter. Und jetzt wartete ich angstvoll auf ein einziges Wort dieser Frau. Aber sie schwieg. Ich weiß wohl, weshalb sie mit mir nicht über mich sprach. Sie wollte mich schonen. Aus demselben Grunde redete sie auch niemals vom Theater. Ich mußte ihr daher beweisen, daß ich ihrer Schonung nicht bedürftig sei wie der Bettler eines Almosens. So sprach denn ich von der Bühne: der neuen, der modernen, der „lebendigen". Ta ich davon nichts wußte, so fragte ich sie und bat um Belehrung. Seltsamerweise wußte siO mir nicht viel Neues zu sagen. „Ich kümmere mich nicht darum. Man schreibt für mich, Stücke und schickt mir ganze Packe voll. Ich lese sie nicht. Bisweilen höre ich von einem neuen Drama; und dann fühle ich' sogleich: ,Tas könntest du spielen; denn das könntest du sein!' Oder auch: ,Das geht dich absolut nichts an'. Denn ich kann nur spielen, was ich sein kann -h in irgend einem Teil meines Wesens. Dieser wird angeregt, die Gestalt bemächtigt sich meiner Phantasie, geht in mich über, wird Geist von meinem Geist. Und — plötzlich ist es ein Mensch! Er lacht und weint, haßt und liebt, e und verzweifelt, beseligt und vernichtet, geht zu :de und stirbt. Es ist alles so einfach." Ich besaß nicht den Mut, ihr zu sagen: „Auch bei mir war es genau der nämliche Vorgang. Ich dichtete nie; sondern erlebte stets." Wie hätte im mich mit ihr vergleichen können? Sie ist die heilige Wahrheit selbst: und ich bin nichts als Pathos! und Unwirklichkeit. Jetzt wurde sie bestimmt nicht mehr eine von meinen Frauengestalten spielen. Sie könnte es nicht! Weil bei keiner einzigen meiner Gestalten ein Teil ihres Wesens vibrieren würde, weil sie nicht im stände wäre, die Unnatur einer derselben mit ihrer Natur nachzu- empfinden, so könnte sie gar nicht! 95 Tiefe Frau kam zu mir in den tiefen Frieden meines Asyls und brachte mit sich den Sturm. Tie „andere Dame" sah ich nicht wieder: und ich mochte die Neri nicht nacy ihr fragen. Maria tat es. Hört es und staunt: meine schweigsame Maria öffnete den Mund, um sich nach dieser fremden und hochmütigen Modedame zu erkundigen, die sie vollständig ignoriert fiatte. Maria sagte sogar in Gegenwart der Neri, daß ie uiemals ein solch armes süßes Wesen gesehen hätte: „Nicht mehr Kind und doch nicht Weib!" Ihr kennt Maria genug, um mit mir verwundert zu sein. Tenn wenn hätte sich Maria jemals so sehr über jemand geäußert? Assunta Neri antwortete nichts als: „Vielleicht ist sie noch zu retten. Aber ich glaube es nicht." Diese an sich trostlose Aeußerung tat sie mit "dem Blick einer Hellseherin und dem Ausdruck eines physischen Leidens, als hätte sie sich in den Zustand der kranken Prinzessin so tief versenkt, daß sie diesen an sich selber empfand. Ich fühlte mich durch die Mitteilung über das hoffnungslose Leiden der jungen Frau keineswegs erschüttert. Im Gegenteil: sie befreite mich von einem eigentümlichen Truck, den ich seit einiger Zeit mit mir herumtrage. Tas Leben ist schließlich so wenig lebenswert — vielleicht selbst für eine Weltdame! Ick kann nun einmal mit keinem Sterbenden und keinem Gestorbenen Mitleid fühlen; wenn dieser auch noch so jung und schön, so gut und glücklich war. Tann nur um so weniger Mitleid! Aber die Neri hatte es anders gemeint, wie ich erst durch Marias erregtes Fragen verstand. Tie Neri meinte nicht eine rettungslose phyftsche Auflösung der Prinzessin; sondern einen seelischen Krankheitsprozeß, für den sie keine Hilfe möglich sah — wenigstens schwerlich. Was mag es sein, woran dieses seltsame Wesen, „das nicht mehr Kind und noch nicht Weib ist" — ich rede mit Marias Worten — unaufhaltsam zu Grunde gehen soll? Gehört auch dieses fremdartige liebliche Geschöpf zu der langen Reihe moderner Frauengestalten, die ein neues Geschlecht ausmachen mit neuen Organen, mit neuem Nervensystem? Ward das Weib noch einmal aus der Rippe des Mannes geschaffen mit vollkommen anderer Seele als mit der ewigen Evaseele des Weibes? Und ob auch dieses nachgeborene Weib göttlichen Ursprungs und unsterblichen Geistes ist? Ihr seht: ich habe wieder etwa Neues zum Grübeln, * Assunta Neri reiste ab. Sie will im Herbst wiederkommen und oben unter den Cypressen eine neue Rolle studieren: „Wenn ich mich bis zum Herbst noch nicht totgesvielt haben werde . . Wie viele Schicksale muß sie bis Dahin aus der Bühne an sich erfüllen lassen, wie viele Leidenschaften, welchen Jammer, welche Verzweiflung ertragen — das ganze Martyrium des liebenden, leidenden, durch seine Liebe zu Grunde gehen- Weibes. ■ Unter den Cypressen eine neue Rolle studieren — und mein Mund ist für immer verstummt! (Fortsetzung folgt.) Immanuel Kaut. Schluß. Tie Abendstunden in seinem Studierzimmer gehörten der Lektüre, die Tämmerungsstunden der Meditation. Um 10 Uhr war das so geregelte Tagewerk beschlossen. Nicht leicht konnte ihn etwas bewegen, dieses ausgefahrene Geleis seiner täglichen Ordnung zu verlassen. Und war er ja einmal unfreiwillig in die Lage einer kleinen Unregelmäßigkeit gekommen, hatte sich jene Ordnung durch irgeud einen Zufall einmal verschoben, so hütete er sich gewiß vor dem zweitenmale, ja er setzte sich nach einer solchen Erfahrung die Ausdrückliche Maxime, in allen künftigen Fällen eine ähnliche Lage zu vermeiden. So ging das Leben Kants durchgängig wie das regelmäßigste aller Zeitwörter. Alles war überlegt, durchdacht, nach Regeln und Maximen bestimmt und ausgemacht, bis in die kleinsten Umstände, bis in den täglichen Küchenzettel, bis in die Farbe jedes einzelnen Stücks seiner Kleidung. Er lebte in allen Punkten als der kritische Philosoph, von dem Hippel im Scherz sagte, daß er eben so gut eine Kritik der Kochkunst als der reinen Vernunft schreiben könne. . . . Kant hatte für Freundschaft die lebhafteste und wärmste Empfindung. Ter tägliche vertraute Verkehr mit einigen sicheren Freunden entsprach ebenso sehr seinem gemütlichen Bedürfnis als seinem Lebenssystem. In diesem kleinen, heimischen Freundeskreise war ihm Wohl und behaglich, wie in seiner liebsten Gewohnheit. Ter Verlust eines dieser Freunde war ihm unter allen schmerzlichen Lebenserfahrungen die schmerzlichste. So lange noch ein Schimmer von Hoffnung war, verfolgte er mit ängstlichem Teilnahme den Lauf der Krankheit, die einen seiner Freunde ergriffen. Sobald er aber den Todesfall erfahren hatte, übte er jenen Grundsatz, tvonrit er sich stets von den peinlichsten Schmerzen zu befreien pflegte. Er tat sich Gewalt an, zog seine Gedanken von dem unabänderlichen Verluste ab, sprach von der Sache nicht mehr, um sich nicht durch die erneute schmerzliche Vorstellung zu rühren und durch Rührung zu erschlaffen, und ging ruhig und gefaßt zu seiner Tagesordnung, d. h. zu seiner Arbeit über. So ließ er sich nach Hippels Befinden während dessen letzter Krankheit aufs sorgfältigste erkundigen, fragte einen jeden darnach, der zu ihm kam, sagte aber oen Tag nach seinem Tode in einer großen Mittagsgesellschaft, wo man über den Hingang Hippels ein großes Gespräch anknüpfen wollte: „es wäre freilich Schade für den Wirkungskreis des Verstorbenen, aber man müsse den Toten bei den Toten ruhen lassen". Tie Freundschaften Kants waren von seinem gelebrten Stande ganz unabhängig und keineswegs durch wrssen- schaftliche Zwecke oder die akademische Amtsgenossenschaft vermittelt. Tie Philosophie hatte darauf gar keinen Einfluß. Hier war sich Kant selbst genug, und die Freundschaft war ihm auf dieser Seite seines Lebens am wenigsten Bedürfnis. Er folgte da ganz seinen unabhängigen persönlichen Neigungen. Auch mochte ihm der Verkehr mit erfahrenen Männern aus ganz anderen Lebensgebieten, als das {einige, eine wohltuende Ergänzung fein. Seine meisten und liebsten Freunde waren praktische Geschafts- männer der ehrenwerten bürgerlichen Art, tote die ^Kaufleute Green und Motherby, fbie der Bankdirektor Rufsmann, der Oberförster Wobser in Moditten, bei dem sich Kant manchmal Wochen lang während der Ferien aufhielt. Von ihrer wohltätigsten Seite zeigte sich Kants Freundschaft gegen die jüngeren Männer, die feine Schüler gewesen und als solche fein Vertrauen und damit feinen näheren Umgang gewonnen hatten. Gegen diese jüngeren Leute war er überaus teilnehmend, hilfreich, zu ihrer Unterstützung mit Aufopferung bereit, für ihre Zukunft mit väterlicher Sorgfalt bedacht. Konnte er chnen ein Stipen- dium oder eine angemessene Stelle verschaffen, so !var ihm keine Mühe zu viel, und der günstige Erfolg machte ihm die größte Freude. Bei solchen Gelegenheiten zeigte sich das Wohlwollen seines guten Herzens in der liebenswürdigsten Weise. Natürlich mußte er von der Würdigkeit seines Schützlings fest überzeugt fein. Seine Biographen erzählen von der Freundlich kett Kants in dieser Rücksicht eine Menge sprechender Züge. Einem seiner jungen Freunde, den er besonders schätzt, wünscht er zu einer Feldpredigerstelle zu verhelfen. Er empfiehlt ihn dem Chef des Regiments. Nun muß aber der Kandidat eine Probepredigt halten, und Kant liegt alles daran, daß er die Probe besteht. Was tut Kaut? Er erkundigt sich nach dem vorgeschriebenen Text der Probepredigt, entwirft sich im stillen eine Tisposition, läßt den Kandidaten einige Tage vor dem Termin in ungewöhnlicher Morgenstunde zu sich kommen, lenkt das Gespräch geschickt auf den Text der Predigt und unterhält sich mit ihm über das Thema, auf das sich Kant förmlich vorbereitet hat, als ob er selbst die Predigt hätte halten sollen. Pünktlich und wortgetreu, wie er selbst in jeder Hinsicht war, machte er diese Pünktlichkeit auch bei andern zur ersten Bedingung seines Vertrauens. Hier konnte man es leicht mit ihm verderben. Unzuverlässigkeit, namentlich bei jungen Leuten, mochte er am letzten verzeihen. Einem Studenten, der versprochen hatte, zu bestimmter Stunde bei Kant zu erscheinen und nicht erschienen toar, machte er die ernstlichsten Vorwürfe unb erlaubte ihm nicht, bei einem, öffentlichen Tisputationsakte, der eben stattfinden sollte, zu opponieren: „Sie möchten doch nicht SS Wort halten, sich nicht zum Tisputationsakie einfinden und dann alles verderben." Bei ihm selbst galt: ein Wort ein Mann! Ter Sohn seines Freundes Nicolovins hatte den Entschluß gefaßt, Buchhändler zu werden. Kant billigte den Plan und ließ dabei von fern merken, daß er selbst dem künftigen Geschäft, wenn es zustande käme, sich gern nützlich beweisen wolle. Tiefe Andeutung bewährt er wie ein festes Versprechen. Er gab Nicolovius seine Schriften gegen ein Geringes in Verlag und lehnte die vorteilhaftesten Anerbietungen anderer Buchhändler ab, aus Teilnahme für den Sohn seines Freundes. Man hat Kant in seinem philosophischen Werke öfters mit einem Kaufmann verglichen, der bei allem Großhandel, den er treibt, sein Vermögen pünktlich berechnet, die Grenze seiner Zahlungsfähigkeit genau kennt, diese Grenze nie überschreitet. Er hat den Vermögensstand der Philosophie festgestellt, in dem, was sie in 'Wahrheit besitzt, was sie noch zu erwerben vermag, was erworben zu haben und zu besitzen dieselbe sich und andern trügerischer Weise einbildet. Man darf diesen Vergleich von der Philosophie Kants auf dessen Persönlichkeit ausdehnen. Auch sein Charakter hat etwas von dem ehrenwerten Kaufmann, und selbst seine Freimdschaftsverhältnisse zeugen für diese von ihm selbst empfundene Verwandtschaft. Turchaus unverblerrdet und nüchtern, von einfacher, unzerstörbarer Tüchtigkeit, der im Innersten alles Scheinwesen fremd ist, die sich instinktartig dem Echten zu- weudet, — gehörte Kant zu den wenigen, denen mitten in einer Welt, die zum größten Teil vom Schreine lebt, der Schein nichts anhat. Taher unter seinen Charakter- zügen der mächtigste und größte, der alle übrigen in sich schließt, jener solide Wahrheitssinn ist, den vor allem die Wissenschaft braucht, den sie aber unter den mächtigen Mischungen der Welt nur sehr selten in jener Stärke und Reinheit empfängt, der es gelingt, die Nebel zu vertreiben. Lessings echte Wahrheitsliebe gefiel sich bisweilen in Paradoxen, um mit dem gewagten Widerspruch die Sache auf eine unerwartete Probe zu stellen, auch wohl, um ein überraschendes Schlaglicht darauf zu werfen. Kant war darin ftreiiger, er wollte auch nicht überraschen, sondern immer überzeugen. Und ganz dieser pünktlich gerechten Tenkweise gemäß war seine Schreibart, niemals blendend, stets gründlich und deshalb, was bei Lessing der Fall nie war, oft schwerfällig. Um völlig gerecht zu sein, mußte alles zur Sache Gehörige auch ausgedrückt werden. So wurde die Masse eines Satzes oft groß, manches mußte_ut Parenthesen verpackt werden, um noch in dem einen Satze mit sortzukommen. Solche Kantische Perioden bewegen sich einher wie Lastwagen, sie müssen gelesen und wieder gelesen, die eingewickelten Sätze müssen aus einander genommen, mit einem Worte, die ganze Periode muß förmlich ausgepackt werden, wenn man sie gründlich verstehen will. Tiefe stilistische Schwerfälligkeit ist nicht eigentlich Unbeholfenheit, denn Kant vermochte auch leicht und fließend zu schreiben, wenn es der Gegenstand erlaubte: es ist die Gründlichkeit und Wahrheitsliebe des gewissenhaften Tenkers, der in seinem Urteile nichts zerüühalteu will, was zu dessen Vollständigkeit gehört. So vereinigen sich alle Charakterzüge Kants, denen wir absichtlich bis in ihre geringfügigen Aeußerungen nachgegangen sind, zu einer seltenen und wahrhaft klassischen Uebereinstimmung: der tiefe Denker, und der ein» ache, schlichte Mensch! Ueberall pünktlich und genau, parsam im Kleinen, und ivo es Not tut bis zur Aufopferung freigebig, stets überlegt, völlig unabhängig in seinem Urteil, und immer die Rechtschaffenheit, Redlichkeit und Pflichttreue selbst: so ist Kant im besten Sinne des Worts ein bürgerlich deutscher Mann jener soliden Zeit, von der unsere Großväter uns erzählt haben, ist er für uns eine ebenso vorbildliche und bewunderungswürdige als wohltuende und heimische Erscheinung. Literarisches. — Rechtzeitig zur Zeit fröhlichsten Gesellschaftstreibens erschien soeben in der Sammlung Illustrierter Monographien (Verlag von Belhagen u. Klasing in Bielefeld und Leipzig) ein Band „Der Fächer". Ter Verfasser, der Künstgelehrte Georg Buß, begleitet die „Waffe der schönen Frau" in anregender Weise durch alle Länder und alle Jahrhunderte, ;a Jahrtausende, denn die Geschichte des Fächers ist fast so alt wie die Geschichte der Menschheit. Besonders interessant sind seine Schilderungen aus den letzten Jahrhunderten, in denen der Fächer eine so wesentliche Rolle im geselligen Leben spielte. Die Monographie ist erstaunlich reich illustriert, aber auch mit erlesenem Geschmack. Von hervorragender Schönheit sind zumal die Reproduktionen moderner Knnstfächer, die in der vollen Farbenpracht der Originale wiedergegeben wurden. Wir finden darunter Fächer von Passini, Friedrich Stoll, Hans Looschen, Franz Skarbina, Paul Meherheim, Hans Bohrdt, Fischer-Cörlin, Anton von Werner usw. — Blätter, die in ihrer phantasievollen Eigenart das Entzücken jedes Kunstfreundes bilden müssen. Tie Monographie eignet sich in ihrer prächtigen Ausstattung und bei dem billigen Preise vortrefflich als Geschenkband — sie wird jeder Frau Freude bereiten. — Die Frenssen-Mode. Im „Kunstwart" schreibt Ferdmand Avenarius zur Frenssen-Mode: „Kaltes Blut wahren!" — wenn eine literarische Erscheinung heutzutage den Kritiker zu dieser Mahnung an sich selber anregen muß, so ist's wirklich die Frenssen-Mode. Mr vom Kunst- Wart können nicht in dem Verdachte stehen, Frenssen zu unterschätzen, wir sind nächst der „Christlichen Welt" die ersten gewesen, die, int Dezember 1901 schon mit vollster Wärme auf ihn hinwiesen, wenngleich wir Vorbehalte schon damals machten. Nun aber kamen die „Schwäger", die Lober und Preiser ohne Halt, die aus der Freude über ein neues kräftiges Talent das Hosiannah über ein neues Genie erhoben, und mit ihnen kam die Mode. Wir sehen in dieser Mode an sich kein Unheil, im Gegenteil, eher ein Glück. Moden sind nun einmal leine Verkörperungen von Idealen, will man die Frenssensche beurteilen, muß man doch wohl fragen: was wäre von diesen Hunderttausenden sonst gelesen worden, besseres oder schlechteres? Selbst zu denen, so in den Leihbibliotheken im Dunkelsten wühlen, ist durch die Frenssen-Mode einmal ein leiser Himmelsschein gekommen, ein Abglanz von echter Heimatskunst, ein Gnadengeschenk mit einzelnen Stücken künstlerisch gehaltener Darstellung. Ob nun Frenssens Heimatschilderung im eigentlichsten Sinne echt, ob nicht "dieses und das dabei der Wirkung zu Liebe gebogen und gegen die Wahrheit umarrangiert und ob der eigentliche Schöpfer immer Frenssen selber oder aber in den einzelnen Fällen Keller, Raabe, Tickens, Storm sei, was weiß dieses Publikum davon? Und im Grunde: was braucht es zunächst davon zu wissen, da es ja doch nicht unterscheiden kann? Zunächst kommt es nicht darauf an, ob es Frenssen richtig bewertet oder eine Weile lang überschätzt, zunächst kommt es darauf an, doch es überhaupt einmal die Sprache wirklicher Poesie zu hören, zu genießen versucht, um dessen teilhaft zu wer- ven, was ihm auch sonst mit ihr geboten werden kann. Zunächst. Tenn darüber sind wir doch. Wohl einig, daß man die günstige Wirkung der Frenssen-Mode auszunutzen suchen muß, um Frenssens Verehrer zu seinen eigenen Meistern zu führen, zu ihnen, deren Stimmungen er nachempfindet und deren Schilderungen er nachahmt, eben des Tickens, Storm, Raabe, Keller, und damit zu den Quellen germanischer Erzählkunst überhaupt. Ach> , es braucht Weile, bis wir soweit sind, — werden wir nicht darüber das Ziel verlieren? Vorläufig häufen sich die Erscheinungen, die einem das ruhige Warten sauer machen. Schiebrätsel. Nachdruck verboten. Nachstebende Wörter sind ebne Aenderung der Reihenfolge, also nur durch seitliche Verschiebung so untereinanderzusehen, daß zwei nebeneinanderstehende senkrechte Buchstabenreihen bekannte Blumen bezeichnen. Brauerei Dresden 8 t a m b u 1 Nordsee Andreas Fandango Auflösung in nächster Nummer. Auflösung des Sinnrätsels irr vor. Nr.: Die Cigarre. Nrdsktion: August Götz. — Nvtaticr.kdruck und Lertqa der L riitzt schm t.nircrfltätk-Buch- Nvd Cteindruckerei. R. Lange, Eichen.