1904 Mittwoch den 13. Januar AKT L iJ'Hjiül (Nachdruck verboten.) WM Jalcomeri. Von Richard Botz. Erster Band. (Fortsetzung.) Wenn ich abends im Saale unter den Bildnissen der dahingegangenen Falconieri speiste, wurde der große Raum durch das Licht vieler Kerzen beinahe traulich gemacht. Ich mußte oft das lächelnde Antlitz, der unglücklich-glücklichen Teresa, ost die starren Züge der mörderischen Ottavia betrachten. Dabei stieg dann Fran. Marianos schönes trauriges Gesicht vor mir auf. Jfch fühlte tiefes Mitleid. Da ich sehr schlechte Nächte hatte, konnte ich mich niemals entschließen, zu Bett zn gehen. Ich schickte meine Leute zur Ruhe und blieb auf. Lesen konnte ich nicht. So oft ich es versuchte, fühlte ich es in mir wie einen Sturm aufbrausen. Und meine müde Seele bedurfte des Wiegenliedes. Mein Leben war so untätig, so unnütz in meiner traumhaften Feiertagsexistenz! Bald warf ich und) auf mein Ruhebett, bald fuhr ich in die Höhe und eilte hinaus auf die Galerie, wo ich auf und ab, hin mfnd her wandelte, brütete, grübelnd. Erst wenn der Morgen graute, fand ich den schweren Schlaf der Ermattung. * Es war bekannt geworden, daß. ich in der Villa Falconieri lebte. So kamen denn bisweilen neugierige Literaturfreunde, die mich in meinem Tusculum sehen wollten. Anfangs störte es müh nicht besonders, später jedoch mehr und mehr, bis es mir endlich unerträglich! ward. Ich, ließ zuerst das große Falkentor schließen, später, nach Rücksprache mit Herrn Mariano, auch die übrigen -Eingänge. Die Bewohner der Billa bekamen ihre eigenen Schlüssel. Jetzt belästigten mich keine fremden Gesichter mehr. Jetzt war es schön! * Herr Mariano schien sich mitunter in pekuniären Schwierigkeiten zu befinden. Das nahm mich nicht wunder. Seine Pacht war freilich sehr gering; aber durch die Konkurrenz mit den sizilianischen Weinen und dem Olivenöl aus Apulien litten die einheimischen Kulturen. Ueberdies besaß Herr Mariano zuviel vom grand seigneur — wenigstens seinen Leuten gegenüber. Er war jetzt häufig in Rom, wo er spielen und galante Abenteuer suchen sollte. Bei seiner ungewöhnlichen Schönheit und seinen sonstigen physischen Eigenschaften mußte er ein geradezu rasendes Glück bei den Frauen haben. Befand sich Herr Mariano in Rom, so verließ seine Frau die Wohnung nicht; und ich respektierte sie viel zu sehr, um auch nur den Versuch zu machen, mich gegen ihren Wunsch! ihr zu nähern. Abends horchte ich wohl, ob sich von den Cypressen her ihr Gesang hören lasse: sie hatte eine gar so wundersame, zu Herzen gehende Stimme. Mer ich erlauschte nichts. Ich mußte viel darüber nachdenken: ab sie wohl wüßte, daß ihr Mann in Rom seinen Wenteuern nachging? Jedenfalls. Ob sie darunter litt? Kaum. Wenigstens verinochte ich es mir nicht vorzustellen. Eines Tages bat mich. Herr Mariano sehr höflich um ein Darlehen." Ich, hatte es längst erwartet; denn den meisten meiner Landsleute — zu denen ich Herrn Mariano trotz seines väterlichen Blutes rechnete — ist, Borgen so naturgemäß wie Essen und Schlafen. Uebrigens war die Summe nicht groß und ick)! gab sie gern. Aus welchem Grunde ich Herrn Mariano so bereitwillig zu meinem Schuldner machte, verstand ich eigentlich selbst nicht recht. Er war wirklich ein höchst eigentümlicher Mensch! Jeden Morgen ließ er von einem Pater des tuscula- nischen Kapuzinerklosters in der Hauskapelle die Messe lesen, und jeden Abend empfing er den Besuch eines Camal- dolenfers. Oder er befand sich in einem der beiden Heiligtümer, in deren frommer Hut die Villa lag. Es war jedoch weder Muckertum noch Heuchelei bei der Sache; sondern ein kraftvoller katholischer Fanatismus, mit dem er sich der Religion hingab und in die Mysterien der Kirche versenkte. Dazwischen pflanzte er feinen Kohl, wie er's nannte, schrieb Artikel für den „Temps", spielte mit seinen Knechten, rezitierte Victor Hugo und Müsset, mißhandelte seine Frau, vergötterte sein Kind, beschäftigte sich eingehend mit den großen politischen Tagesfragen, betrog mich beim Wein- und Gemüseverkauf, kleidete sich täglich zum Speisen um, warf eine schlecht zubereitete Schüssel zum Fenster hinaus, las vor dem Schlafengehen seinen Virgil und — ließ sich, seine Schulden von irgend einer galanten Dame bezahlen. Weil ich in meiner Abgeschlossenheit, darin ich mich nur zu krankhaft wohl fühlte, nie mehr einen Menschen mit geistigen Interessen sah und die Gefahr erkannte, die in solchem wonnigen Behagen an der Einsamkeit lag, zwang ich mich zu einem oberflächlichen Verkehr mit meinem sehr problematischen Hausbewohner. Auch interessierte mich der Mann, der so schön war wie ein homerischer Held, so raffiniert wie ein Pariser Rous, so kenntnisreich wie ein» Minister und so durchtrieben wie ein neapolitanischer Ruffiano. 26 ■9SÄ Es ist aber traurig', daß sind nun einmal sehr entschlüpfen: , , u. . „Überhaupt ist Herr Mariano einer der eigen ttim- lichsten Menschen, die ich! kenne." ,Me kennen ihn?" „Allerdings — was man so kennen nennt. Wer kennt einen Menschen?" t ,, . mr „Es ist bisweilen schwer." Und nach einer Pause, „Und es ist bisweilen gut, die Menschen wenig oder gar' nicht zu kennen." „Sie haben vielleicht recht- Sie recht haben können." JBarum? Tie Menschen menschlich, Sie freilich "Weshalb sprechen Die nicht aus? Mtte, sprechen Sie doch! Freilich ich?'^ , ______ . .. " Es fiel mir auf, daß ich schwer atmen mußte. , / " ' (Fortsetzung folgt.). Knechte hätten im Hofe eine Coltellata mtieutanber gehabt, wobei der eine tödlich verwundet worden sei. Als handele es sich, um das Leben seines Kindes, so außer sich stürzte Herr Mariano davon. Seine Frau gab kein Zeichen von Teilnahme, wodurch sie mich, zum Zurückbleiben zwang. Sie saß zurückgelehnt im Sessel und blickte über das Päonienbeet, das die Fontäne füllte, in die Mondnacht hinaus. Ta sie beharrlich schwieg und mir in ihrer stummen Gegenwart immer beklommener zu Mute ward, so begann ich, in ziemlich,er Erregung von dem blutigen Vorfall, den sie mit solcher Gelassenheit ansnahm, zu reden. cxWibcrtß» „Ganz abgesehen davon, daß dieses wilde Volk wie wütende Bestien sich aufeinanderstürzt iiiid zerreißt, scheint mir, als käme es auf ein Menschenleben mehr oder weniger in der Welt nicht viel an." ...... „Ich! weiß, daß Sie vom Leben sehr gering denken, was mir unendlich leid tut." „Es handelt sich nicht darum, tote ich, vom Leben denke", lehnte sie meine stark persönlich ausgefallene Antwort ruhig ab. „Aber betrachten Sie doch die Existenz dieser Menschen. Sie werden in höhlenähnlrchen Wohnungen geboren, leben in Fieber und Schmutz, paaren W wie der Zufall es fügt, bringen in höhlenähnlichen Wohnungen Kinder zur Welt, laufen mit dumpfem Herdeninstintt täglich, in die Messe, essen einmal die Wachse ein etwas besseres Gericht, als von verdorbenem Mehl und ranzigem, Oel, quälen sich für niedrigen Lohn die übrigen sechs Tage und sterben in höhlenähnlichen Wohnungen, oder stechen sich bei Gelegenheit einer Tombola und eines Glases TlicbCT.// „Ihr Lebensbild ist grau in grau. Glücklicherweise finden die Betreffenden selbst diese Welt durchaus nicht besonders schlecht." „Um so besser für sie." Damit kein neues Schweigen entstand, bemerkte ich: „Herr Mariano" — ich hätte die Worte: Ihr Mann nicht über die Lippen bringen tonten — „Herr Mariano ist, übrigens ein vorzüglicher Herr für seine Leute. © ja!" Ihre Stimme hatte wieder solchen seltsamen Mang, daß ich in Verwirrung geriet. Ich ließ mir die Bemerkung Tomenioo kam und meldete Herrn Mariano: zwer. Hofe eine Coltellata miteinander gehabt, dlich verwundet worden sei. Als handele. «Stimmung. Plötzlich sprang er auf, riß eine Blume aus der Schale und steckte sie seiner Frau ins Haar. Sie saß regungslos, mit einem Gesicht, weiß tote die Blume, und ließ ihn gewähren. Kaum hatte er sie jedoch geschmückt, als sie langsam/ langsam die Blüte ans dem Haar zog, sie nicht fortwarf, sondern nur fallen liefe als glitte sie ihr ans der Hand. Ich, befürchtete einen Ausbruch seines wahnwitzigen Jähzorns, vor dem ich, die Tarne, die sich, als Gast unter meinem Dache befand, geschützt haben würde und hätte ich mich, dafür von Herrn Mariano, der ein berühmter Schlitze war, niederschießen lassen müssen. Zu meinem Erstaunen blieb er vollkommen gelassen. Er sah seine Frau nur an. Es war jedoch ein Blick — Gott im Himmel, es war eiN Blick-- Boll und ruhig erwiderte ihn Frau Mariano. Mir war's sogar, als lächelte sie dabei. Noch, niemals hatte ich, sie lächeln sehett. Nach vielett, glücklich überwundenen Bedenken entschloß ich mich Herrn Mariano zu Tische zu bitten: ihn und seine Frau. Wahrscheinlich! würde nur er die Einladung annehmen r— ganz sicher nur er! Aber auch seine Frau nahm an. Wahrscheinlich unter feinem Zwange, der, tote ich ja wußte, brutal genug fein konnte. Tiefe Vorstellung quälte mich sehr, sodaß ich meine Aufforderung bitter bereute und schließlich in eine hochf- gradige Aufregung geriet Um meine Gedanken abzulenken, machte ich selbst den Speisezettel, ließ in meinem Beisein mit besonderer Sorgfalt decken, auf die Mitte des Tisches eine Fülle von herrlichen Marschal-Niel-Rosen schütten, auch die Armleuchter mit Rosengewinden bekränzen, in schönen Schalen auserlesene Früchte und Konfekt aufstellen und den hohen Saal mit Lavendel-Parfüm durchräuchern. Herr Mariano erschien im tadellos sitzenden Frack mit weißer Krawatte. Frau Mariano trug ein silbergraues Seidenkleid, wiederum sehr altmodisch und mit viel zu langer Schleppe. Aber wie die vornehme, leuchtende Farbe sie kleidete! Glücklicherweise hatte sie dieses Mal kein Spitzentuch Um den Hals schlingen müssen. Ich war so sicher gewesen, sie würde wieder solche schrecklichen blutroten Flecken zu verhüllen haben, daß ich wie von Angst befreit tief aufatmete und mich viel ruhiger fühlte. «Sie trug nicht den mindesten Schmuck, und die Handschuhe in der Hand, als wäre sie zu müde gewesen, auch noch diese anzuziehen. Ta sie ihren Fächer vergessen hatte, schickte Herr Mariano sogleich sehr ungeduldig danach. Mein Koch leistete sein Bestes. Herr Mariano vermehrte seine eigenen teuren Gemüse, mußte aber auch seine eigenen gewässerten Weine dazu trinken. Tiese kleine Bosheit hatte ich mir nicht versagen können. Frau Mariano war ziemlich unnahbar; aber doch nicht gerade bildsäulenhast. Mas mich anbetraf, so machte ich mit dem letzten Rest noch nicht eingebüßter Liebenswürdigkeit nach, Möglichkeit den angenehmen Wirt. Tie Unterhaltung wurde französisch geführt, das Frau M'ariano wundervoll sprach Wenn sie nur mehr gesprochen hätte! Ter dunkle Ton ihrer Stimme machte mich in der Seele erbeben: niemals hatte ich! ein klangvolleres Frauen- vrgcm gehört. Sarah Bernhardt hatte gewiß recht gehabt: schon allein dieser weiche, ttese Wohllaut wurde eine Schauspielerin berühmt gemacht haben. Auf die Stimme lauschend, mußte ich mir immerfort Vorstellen, wie sie Zärtlichkeit, Liebe, Haß, die ganze Skala leidenschaftlicher Empfindungen ausdrücken würde — hörte ich die zauberhafte «Stimme immerfort mit den Worten der Heldinnen meiner eigenen Tragödien zu mir reden. Bielwicht war sie unglücklicher und bedauernswerter, als manche der von mir geschaffenen tragischen Frauengestalten. Wie jetzt die ganze Welt des Scheins weit, weit hinter mir lag: als wäre sie in einen Abgrund versunken ... Herr Mariano sand den «Sekt, durch! den ich ihn endlich Von seinem eigenen Gebräu barmherzig erlösen liefe ausgezeichnet und trank sehr viel davon, während Frau Mariano ihr Kelchglas auch aus Höflichkeit nicht anrührte. Aber der Nachtisch schmeckte ihr, was mir eine fast knabenhafte Freude bereitete, so herzlich! gönnte ich der stummen bleich,en Frau etwas Gutes, und wenn dieses auch nur aus einer schönen Frucht bestand. Ich hätte für sie den Apfel vorn Baum der Hesperiden pflücken mögen. Den Kaffee nahmen Wir in dem Gemach das die wunderlichen holländischen Fresken schsmücken und das auf die Terrasse mit der großen schönen Wasserschale hinaus- sührt. Ich hatte draußen Teppiche legen, behagliche Sitze aufstellen und das ganze Munn env ecken mit weißen Päonien füllen lassen. Ter über dem Kreuz von Tusculum! aufgehende Mond beschien die lichten Wüten, deren Glanz mit den Wasserstrahlen aus der Schale herabzufließen und alles zu überrieseln schien. IN der Villa Montragone .musizierten bte Aögliuge des Jesuiteninstituts, aus Frascati drang der B; Ruf später Morraspieler herauf, von der Lander Das Schellengeläut der nachts nach Rom ziehenden r ke. „ , Herr Mariano befand sich durch den Sekt in zärttichpr Minnen! Ein herrlicher Gommertag! Die Sonne lacht versühre- m Sie lugt in alle Eckchen, sie kommt auch in den engsten Winkel, und jedes Gräslein, das im verborgenen blüht, öffnet sich ihrem Hauch und entfaltet sich in ihrem Schein immer herrlicher. Und nun erst auf der großen Wiese! Ist das ein Knospen und Blühen! In allen Farben stehen ste ba; tausende von Kelchen haben sich der Sonne geöffnet. Solch! eine Pracht! Menen und Schmetterlinge surren von einer Blüte zur andern, sie taumeln und berauschen sich an all dem süßen Dust. Gleich einem Riesensalter hüpft Klein-Lucie daher. Sie ist, mit Mutter hinausgegangen. Fetzt hat sie sich von Mamas Hand losgerissen. Sie ist sehr beschäftigt, Blumen pflückt sie unermüdlich,: Sternblumen, Klatfchrosen, Korn- blunien, alles mögliche in buntem Durcheinander, einen Riesenstraußi, so groß, daß ihn die kleinen Hände kaum fassen können. Und bei jeder Blume jubelt sie auf, freut sich! von neuem und kann gar nicht genug fragen, wo all die Blumen herkämen und wer sie geschaffen hat. . . . Wie sie nun an einem klaren Bache ausruhen, freut sie sichl als sie die kleinen Vergißmeinnicht erblickt und das Pfennigkraut mit seinen goldgelben Blüten und anmutigen Blättchen. Wie betrübt trippelt Lucie von dannen, als sie nun mit Mama nach Hause eilt; am liebsten möchte sie den ganzen Tag bei den Blumen bleiben. So geht es ja nahezu allen kleinen Knaben und Mädchen; ihre größte Freude sind die Blumen. Lucie hat zuhause ein kleines Brüderchen. Der arme Ernst! kann nicht hernmspringen, wie Lucie; er muß immer in seinem Stühlchen sitzen und wartet ost ungeduldig aus das lebhafte Schiwesterchen. Auch jetzt sitzt er wieder in dem Garten und späht unruhig umher. Seine Lieblinge, die wundervollen Rosen, Nelken, wie sie alle heißen, die, von Gärtners Hand gepflegt, in üppiger Fülle rings um ihn her blühen, die er sonst gar nicht genug anstaunen kann, die ihm tausende von Märchen zuflüstern, jetzt beachtet er sie gar nicht- Der arme Keine Junge! — Auf einmal hört er ein helles Lachsen: Klein-Lucie erscheint, fliegt auf ihn zu und schüttet ihm die Blumen auf die Decke. War das nun ein Vergnügen! Während vier kleine Hände rasch die Blumen ordnen und in schöne Sträuße winden, die noch lange das Zimmer schmücken werden, erklärt Ernst der kleinen Maus das Wachstum der Blumen, und spielend lernt das Kind und staunt die Mrsorge an, mit der der liebe Gott das alles eingerichtet hat. Tie Zeit rückt vor; die Blumen sind verblüht. Aus den Feldern steht nur noch die giftige Herbstzeitlose, die aber immerhin durch ihre schöne Form und Farbe das Auge erfreut. Es wird immer stürmischer und kälter. Lucie ist gar nicht mehr so ftöhlich. Mama spielt und singt nie mehr ihre schönen Lieder und hat ein so garstiges, schjwarzes Kleid an. Der Keine Ernst, aber ist nicht mehr da. . . . Lucie bangt sich so nach ihm! Ste hat immer all das, was ihr Keines Herz bewegte, ihm anvertraut, wenn er so still in seinem Stühlchen saß. Mutter sagt, er wäre jetzt bei den Keinen Englein im Himmel; nun könne er mit denselben herumspringen, gerade so vergnügt, wie Lucie immer springe, und er wäre immer lustig und guter Dinge. Heute soll Klein-Lucie einen Kranz winden, den will Mama Ernst bringen. Lucie eilt in den Garten hinaus. Ja, da ist's kahl; nur noch; wenige Astern und Reseden sind da. Tann geht Mama mit dem Kranz weg und läßt die Kleine allein. Es ist Mlerseeleu, ein ernster, trauriger, den Toten geweihter Tag. Ter Friedhof, nach dem Mama ihre Schritte richtet, wäre kein Ort für Lucie. Mn seltsames Leben herrscht heute dort, ernste, dunkle Gestalten Kuschen durch die fallenden Nebel hin und her; sie alle schmücken die Gräber ihrer Lieben mit den letzten Zeichen des Sommers. Mm wird es kalt und stitt iiberall, gerade wie in dem Grabe. Tie Tage werden kürzer und kürzer, schon fällt der erste Schnee und bedeckt alles mit einer trüben ioeißen Decke; Alles Leben scheint abgestorben, kaum daß man noch ein paar Menschen aus der Straß« sieht. Die lieben Kleinen besonders müssen bei diesem Wetter zu Hause bleiben. . Erft macht es ihnen Spaß, kenn nun können sie den S7 ~ ganzen Dag mit ihren Spielsachen zubringen. Auch Sude freut sich einmal so recht lange mit ihren Puppenkindern spielen zu können; aber nach und nach wurde es ihr doch langweilig. Selbst die Geschichten der alten Emma mochte sie nicht mehr hören. Kaum kann sie die Weihnachtszeit abwarten, die Tagst scheinen ihr endlos. So stille und ruhig ist alles im Hanse. Doch nicht lange mehr währt diese Ruhe. Wie bald ist nun Weihnachten da! Es bringt uns die ersten farbenprächtigen Blüten ans dem Süden, dann öffnen die Warmhäuser ihre Pforten. Was gibt es da nicht alles! Maiblumen, Flieder, Slpfelblüten! Tag für Tag bringt Papal Blumen mit nach Hause, und Lucie hat ihre Freude daran. Wie schön ist es, wenn sie von einem recht langen Spaziergang in das gemütlich, durchwärmte Zimmer kommt und der berauschende Tust ihr entgegenschlägt. Jetzt kann man auch immer größere Spaziergänge machen; die Tage werden heller, die Sonne scheint wieder und jubelnd entdeckt Lucie eines Tages die ersten Schneeglöckchen. Sind die schön: Fröhlich bringt sie die erftert Frühlingsboten nach Haus! Und wieder nach einigen Wochen blühen die Veilchen, Gänseblümchen und Anemonen. Gerade tote im vergangenen Sommer pflückt Lucie ganze Hände voll. Wem wird jie diese Blumen bringen? Ernst ist doch bei den lieben Engeln! Ja, wißt Jhr's denn nicht? Ter Storch hat Lucie ein kleines Brüderchen gebracht; das liegt zu Hause in seinem Bettchen und strampelt und kräht vor Vergnügen. Lucie, die große Schwester, ist sehr stolz auf das Brüderchen. Es kennt sie schon und freut sich> wer» sie ihm die ersten Jrühlingslinder bringt. Helene W a l l a chi. Vermiete»» * Ein grimmiger Feind des Korsetts ist der französische Arzt Dr. Marechal, der den Fehdezug gegen dieses Kleidungsstück sogar mit Hilfe der Gesetze geführt wissen will. Er stellt die Behauptung auf, daß von hundert korsetttragenden Frauen nicht weniger als siebzig Gesundheitsstörungen aufweisen. Er schlägt deshalb vor, gegen diese schädliche Mode ein Gesetz zu erlassen. Keine Frau unter 30 Jahren darf — so lautet die erste Bestimmung — unter irgend welchen Umständen ein Korsett tragen. Jede Frau, die dieser Vorschrift zuwider handelt, wird mit drei Monaten Gefängnis bestraft; ist sie noch nicht mündig, so wird den Eltern oder Vormündern eine Geldstrafe von 100 bis 1000 Francs auferlegt. Eine weitere Bestimmung giebt außerordentlich strenge Vorschriften in Bezug auf die Herstellung und den Verkauf von Korsetts. Zum Korsettverkauf bedarf es einer besonderen Erlaubnis; die jeweilige Käuferin muß ihre Personalien in ein zu diesem Zweck angelegtes Buch eintragen. Ueberschreitungen dieser Bestimmung sollen streng bestraft werden. Wer älter als 30 Jahre ist, unterliegt keinen gesetzlichen Zwangsvorschriften. * 282 Millionäre in Charlottenburg. Uebev die großen Vermögen gibt die Ergänzungssteuer viel genauere Angaben als die üblichen Zusammenstellungen über die Zahl der Millionäre nach der Einkommensteuer, d. h. nach deren Erwerb. Nach dem neuen Verwaltungsbericht von Char- lottenbnrg birgt diese Stadt für die Veranlagungszeit bis 1904 nicht weniger als 282 Personen in ihren Mauern, die ein Vermögen von mehr als eine Million Mark zu besitzen erklärt haben. 60 davon haben mehr als zwei Millionen. Daß einzelne dieser Vermögen noch weit größer sind, beweist die Einkommensteuer, für die Einkommen bis zu 685 000 Mk. für 1902-1903 angegeben sind. Einen Millionär nach dem Einkommen gibt es in Charlottenburg seit dem Jahre 1901 nicht mehr. Vermögen von ein bis zwei Millionen zählt die Stadt 222. Fast doppelt so viel, 530 Einwohner, besitzen eine halbe bis eine Million. Im ganzen haben 3886 Charlottenburger ein Vermögen von mehr als 100000 Mark. * Newyork, 4. Jan. Auf 100 000 Doll, bewertet Mrs. Luis« de Lang hier die Liebe ihres Gemahls. So viel Entschädigung verlangt ste im Klagewege von der Gräfin Sarah E ste rhazy, weil diese ihren Mann Martin 28 — de Lang entfremdet haben soll. Die Gräfin, eine geborene Miß Carroll aus Baltimore, zählt bereits an 70 Jahre, während der angeblich von ihr umgarnte Ehemann deren nur 35 zählt. Tic Gräfin ist seit fast 20 Jahren Witwe. Ihr verstorbener Gemahl stand im österreichischen diplomatischen Dienste, und sie selbst spielte bis zu seinem Tode in verschiedenen euröpäischen Hauptstädten eine hervorragende Rolle in der Gesellschaft. Mr. de Lang stammt aus der Schweiz und heiratete seine jetzige Frau im Februar d. Js. Diese behauptet, er sei im August v. Js. mit der Gräfin Esterhazy bekannt geworden, und seit dieser Zeit habe er in deren Netzen gezappelt. Tie Gräfin gibt zu, daß sie Mr. de Lang während seiner Krankheit in Deren Park (Maryland) in, Sommer v. I. gepflegt habe, sie habe jedoch in keiner Weise versucht, sich die von seiner Frau so fix in klingende Münze umgerechnete Liebe zu erringen. * Schwim m s ch it h. In Sportkreisen sind Schwimm- schuhe, die das Schwimmen erleichtern sollen, schon ziemlich lange bekannt, doch sind die Konstruktionen der bisher gebräuchlichen Systeme häufig noch sehr unvollkommen. Ein kürzlich erfundener neuer Schwimmschuh soll gegenüber den alten große Vorteile haben, indem bei ihm der Druck der Fußsohle ans das Wasser beim Ausstößen bedeutend vermehrt, dagegen beim Einziehen wieder vermindert wird. Ter Schwlmmschuh besteht aus einem strumpsartigen lieber» zug, der über den Fuß gezogen und vermittelst einer Schnur daran befestigt wird. An dem lleberzug ist zwischen zwei halbkreisförmigen Drahtbügeln eingespannt ein wasserdichtes Tuch befestigt. Die Drahtbügel sind an ihren Enden durch Gelenke miteinander verbunden. Besondere Schnüre sollen verhüten, daß die beiden Bügel nach oben über» klappen. Beim Ausstößen des Fuß.s wird daher eine kreisrunde Fläche gebildet, während beim Einziehen die Bügel naturgemäß um die Drehpunkte nach unten unlklappen, sodaß dem Wasser nur eine geringe Widerstandsflüche geboten wird. (Technische Berichte Bruno Heinrich Arendt, Berlin.) * Unter dem Titel „D a s M a s chi „ e n - Fr ä n - lein" Hal Mark Twain das folgende anmutige Idyll veröffentlicht: „Der Chef war wieder 'mal, wie gewöhnlich, bei schlechter Laune. Und war er das, so ließ er sie stets an den Untergebenen aus, denn das geschieht immer. Und da das „Maschinen-Fräulein" am meisten mit ihm zu tun hatte, so hatte sie auch am meisten darunter zu leiden. „Es ist zum Verrücktwerden!" rief er. „Wie oft habe ich gesagt, man soll mir auf meinem Schreibtisch nichts anrühren?!" „Es ist auch nichts angerührt worden." „So? Und wer hat denn die Marken hier hingelegt? Wer sonst iuieber wie Sie!" Sie sagte kein Wort, sondern fing an, auf ihrer Maschine zu klappern. „Tun Sie die Marken weg!" schrie er sie an. „Wo soll ich sie hintun?" fragte sie und stand auf. „Irgend wohin, wohin Sie wollen. Nur mir aus den Augen, wo ich sie gar nie mehr sehen kann." Und das Maschinen-Fräulein nickte, nahm die Briefmarken, befeuchtete sie ruhig, klebte sie dem Chef auf seine Glatze und sagte: „Ich bitte um meine Entlassung!" _________ Sonntag im Iorft.") Glockengelüute und Lerchengesang, Waltende Pilger am Wege entlang, Wogende Aehren und duftender Klee, Still liegt das Dörfchen im Blütenschnee. Lachende Sonne an, Himmelsgezelt, Göttlicher Odem in Garten und Feld, Friedliche Hütten, die Höfe gefegt, Ringsum mit zierlichen Reisern belegt. Unten an, Anger ein Liedchen verhallt: Mütterlein singt, daß es feierlich schallt. Seltene Weihen, sie steigen empor Droben als Weihrauch zum himmlischen Chor. Sonntag in, Torfe, du herrlicher Tag, Schlummert die Seele, du rüttelst sie wach, Göttliche Allmacht verkündest du ihr, Souutag in, Dorf, ich ergebe mich dir! *) Von einem Frennde gehen uns diese „Gedichte eines B e r l i n e r S ch u tz m a n n e s" zu, die an dieser Stelle zum ersten male an die Oeffcntlichkeit kommen. Dom Wäfferlei«. Durch grüne Wiesen, im Sonnenschein, Stoß hurtig eilt plätscherndes Wässerlein, s küßte die Steine im sandigen Schoß Und zupfte neckisch am schlüpfrigen Moos, Schwenkte voll Wanderlust freudig den Stab Ten an der Brücke ein Knabe ihm gab. Die Täler winkten ihm weit nnd breit, Es war ja noch lachende Frühlingszeit, Noch führte es sicher ein buschiger Rand Zum fernen sagenumwobenen Strand, Tausende Blümchen in farbiger Pracht Hatten ihm nickend das Bettchen gemacht. Doch bald verrauschte das Kinderspiel, Mit eiligen Schritten gings fort zum Ziel Und schneller, noch schneller im hastigen Sauft, Das kleine Wässerchen blähte sich atü, Drohte nun finster in schäumender Wut, Zeigte den Blümchen in, Stolze den Mut. So zog es tobend des Weges daher Und endlich erschien ihm das große Meer. Da stoben die brausenden Wasser zu Haus Und nahmen jubelnd den Wanderer ans, Zerrten ihn tanzend im schnnndelnden Kreis, Dort gings int Sturme aus Meeres Geheiß. Mit steifem Nacken und toll vor Wut, Erlahmte des Wässerchens Heldenmut: Aus gähnender Tiefe erstand ihm ein Riff, Den krummen Rücken erdrückte das Schiff. Sandige Klippen mt Meere, o Grans! Decken nun Wässerchen ferne von Haus I — Hlnterm Kichenöaum. Beschützt von mächt'gen grünen Zweigen Int weichen Moos, am Waldessaum, Da schlummert saust im süßen Schweigen Ein Wandrer unterm Eichenbaum. Er träumt vom trauten Heimatlande, Von Kmdesglück und Mutterlieb, Von Gold und Glück am fernen Strande Das ihn znnt frohen Wandern trieb. Ringsum die grünen Halme nicken Dem müden Schläfer lispelnd zu: „O, magst du dich nur recht erquicken Bei uns, in stiller Waldesruh!" Und durch den Wald geht leises Rauschen, Ein sanftes Flüstern durch den Baum, Und Hirsch und Rehe schüchtern lauschen Dem Schläfer dort int süßen Traum. Ta zwitschert laut in grüner Krone Im bunten Kleid ein Vögelein, Es dringt ins Ohr dem Menschensohne: „O komm, o komm, im Sonnenschein!" Und frisch gestärkt, mit Purpurwangen, Erhebt der Schläfer sich vom Traum Und wandert weiter ohne Bangen, Ihn schmückt ein Blatt vom Eichenbaum. Fiosen. Rosen von dornigem Stiele Pflücket die lächelnde Maid, Errötend in tändelndem Spiele, Noch ist ja die goldene Zeit, Dräuet dir fernes Gewitter Mitten im sonnigen Schein: Dann greis nicht' den dornigen Splitter^ Nur pflücke das Röschen allein! — Geheimschrift. Nachdruck verboten. Nachstehende Buchstabenreihen sind in Gruppen zu zerlegen, die sich durch Einfügung passender Vokale zu sinngemäßen Wörter» bilden lassen. ndrjgndstjngsnlcht schwrrndschnrwnnshrschblcht (Auflösung in nächster Nummer.) Auflösung des Buchstabenrätsels in vor. Nr.: Gilm, Film. Sictofticn: Nu an kt Köln — Notaticnstruck und Derlaa der Trübl'sckien Universitäts-Bück- nnd Cteir.druckerci. R. Lange, Gießen.