n \ i\ W W MRMWMlMK U W (Nachdruck verboten.) Im Aakall der Aajah. Roman von B. M. Croker. Genehmigte Uebertragung von A. Vischer. (Fortsetzung.) Zum erstenmal in meinem Leben bot sich itttt hier auf deni Schiffe Gelegenheit, das gesellschaftliche Scben und Treiben im großen Stile zu beobachten. Alles, was ich da sah und hörte, war neu und seltsam für mich. Die meisten meiner Reisegefährten kannten sich von früher, oder hatten wenigstens gegenseitige Bekannte. Ich, hörte die Leute geläufig von Orten sprechen, die ich nicht einmal von der Landkarte her kannte, und es fiel mir auf, daß so manche, berückt vom Zauber des Ostens, sich freuten, zu ihrem Berufe, ihren Vergnügungen und ihrer sozialen Stellung zurückzukehren, und dabei nicht genug von den Greueln eines englischen Winters erzählen konnten. Natürlich hatte sich unter den nahezu dreihundert Passagieren eine Menge Gruppen gebildet. Da war vor allem ein großer Kreis lebenslustiger, junger Leute, die mit Leidenschaft tanzten und Konzerte und Theateraufführungen ins Leben riefen. Auch eine Gruppe schöngeistiger Damen und Herren gab es, die über Maeterlinck und Nietzsche stritten; die Wagnerianer und Jbsenianer nicht zu vergessen. Von Mrs. Blasson sahen lvir drei Mitbewohner ihrer Kabine nur wenig. Sie war eine vortreffliche Schauspielerin, kleidete sich aufs modernste und kokettierte mit Ausdauer. Stets war sie die letzte, die erschien, und die letzte, die sich zurückzog. Mrs. Evans und Miß Hatth schenkte sie meist keine Beachtung, dagegen geruhte sie hin und wieder das Wort an mich zu richten. Nachher aber fühlte ich mich, immer so klein und gedemütigt, als sei ich von jemand geohr- feigt worden. Warum nur konnte sie mich nicht leiden? Denn, daß ich ihr unausstehlich war, stand deutlich in ihren Augen geschrieben. Allmählich hatte es sich unter den Passagieren herumgesprochen, daß ich musikalisch und zugleich auch dienstgefällig sei, und so mußte ich häufig zum Begleiten schöner Stimmen begleiten. Ich studierte Konzerte ein, half den Missionsschwestern bei ihren Näharbeiten und las Mrs. Evans, die schwache Augen hatte, vor — kurz, ich hatte stets Beschäftigung in Hülle und Fülle. Dabei aber hielt ich Augen und Ohren offen. Diese Seefahrt wurde zu einer Lernzeit für mich. Es war mir, als schaue ich über eine hohe Mauer hinunter auf die große, runde Erde. Ich nahm bleibende Eindrücke mit mir von Malta mit seinen duftenden Rosen, seinen engen, steilen Straßen, seinen Tempelherren und weißen Pudeln; von Port Said mit seinen duftenden Rosen, seinen engen, steilen Straßen, seinen Cass Chantants und Kohlenlagern, und von dem gespensterhaften, durch, elektrisches Licht erleuchteten Wüstenrande. Wie viel größer und imposanter, als ich; es mir nach der Karte vorgestellt hatte, lvar doch das Rote Meer! Und hier und da zwischen seinen heimtückischen Felseninseln entdeckte ich einen einsamen Mast oder Schornstein, der irgend eine traurige Geschichte erzählen zu wollen schien. Während der ganzen Reise wurden mir überdies in ausgiebigster Weise die praktischen Ratschläge Miß Hatth Schiulyers zuteil, die ich dankbar annahm, da ich fühlte, daß sie gut gemeint waren. Das halb verächtliche Mitleid, womit sie mich während der ersten Zeit betrachtete, war verschwunden, seitdem sie mich einmal in einem Konzert hatte spielen und mit einer Stewardeß fließend hatte deutsch sprechen hören. 9htn sagte sie eines Tages in ihrer aufrichtigen, trockenen Weise zu mir: „Ich glaube jetzt wirklich. Sie sind ein recht kluges, vernünftiges Mädchen, Pamela Ferrars, und durchaus nicht das Dummköpfchen mit hübschem Gesicht, für das ich Sie anfangs gehalten habe. Allein von Weltkenntnis haben Sie so wenig eine Ahnung, wie ein neugeborenes Kind." Mit drolligem Eifer weihte sie mich in die kleinen Ränke und Liebeshändel ein, die sich um uns her ab spielten und von denen ihren scharfen Augen und Ohren nichts entging. Sie machte mir über meine unvorteilhaft aufgesteckten Haare Vorwürfe und warnte mich vor Mrs. Blassons Ränkespiel. „Hoffentlich läßt sich diese boshafte Person in Indien nicht in Ihre Nähe nieder, Pam", sagte sie eines Nachmittags, während Sie sich bemühte, mir die Handgrisfe einer modernen Haartracht beizubringen. „Ich habe das Gefühl, als gelüste es die kokette Witwe nach Ihrem Bräutigam; jedenfalls gibt fie sich schon alle Mühe, Sie zu quicken." „Allerdings, nnd es gelingt ihr manchmal auch recht gut." „Aber warum lassen Sie es sich denn gefallen?" fragte- Hatth ungeduldig. „Selbst ein Wurm krümmt sich, wenn er getreten ivirb." , „Nicht wenn man zu vieren eine Kammer teilt, wobei ich. übrigens für den schmeichelhaften Vergleich danke", sagte ich lächelnd. „Wie angenehm wäre es für Sie, wenn ich mich mit ihr herumzankte! Zudem werden wir ja in wenigen Tagen für immer von einander scheiden." „So hoffe ich wenigstens. Sie und ich aber, wir sagen auf Wiedersehen, nicht wahr? Ihre Adresse habe ich mir ausgeschrieben, und wenn ich von Japan zurückkomme, werde ich. hi Kalkutta aussteigen, Sie auf Ihrer Teeplantage besuchen, Ihren Tee kosten und Ihren Teepflanzer in Augenschein nehmen." „Sie sollen mir herzlich, willkommen sein." „Wenn ich denke, daß Sie in wenigen Wochen schott. Mrs. Thorold sein werden! Natürlich kommt er Ihnen entgegen? Wahrscheinlich sitzt er schon jetzt, mit einem Fernglas bewaffnet, auf einem Brückenpfeiler in Bombay und schaut sehnsüchtig nach seiner Herzallerliebsten aus." „Das glaube xä)\ denn doch nicht, aber ich hoffe, daß er mich am Hafen abholen wirb." 154 mich absichtlich tot Hintergründe hielt und meine Sachen einpackte. „Nun machen Sie uns, bitte, rasch bekatrnt." „Gern würde ich es tun" — ich versuchte mit aller Kraft gleichgiltig zu erscheinen — „allein ich erhielt vorhin einen Brief, worin Watty schreibt, daß er an Fieber gelitten habe und noch nicht reisefähig sei, mich aber in Bareda abholen wolle." „Auf solchen Teepflanzungen ist Fieber nichts Seltenes, deshalb brauchen Sie sich durchaus nicht zu beunruhigen. So werden wir nun also bis zum Kreuznngspunkt Basaule zusammenreisen. Er tut mir nur leid, daß wir nicht den ganzen Weg miteinander machen können, doch werden Sie bloß zehn Stunden allein zu sahren haben." Ach, wie mir der Mut sank bei dieser Aussicht! „Unser Zug geht um vier Uhr ab. Es bleibt uns also gerade noch Zeit, in der Stadt ein Gabelfrühstück einzunehmen. Kommen Sie, und Kopf hoch!" Tie Passagiere waren alle eifrig damit beschäftigt, ihr Gepäck zusammenzusuchen und sich zum Fortgehen bereit zu machen. Als Mittelpunkt einer lebhaften Gruppe bemerkte ich Mrs. Blasson in einem eleganten Reiseanzug und kleidsamen Hut. Sie schaute verschiedentlich zu mir herüber, und ich sah, wie ihre Augen umherwanderten, als suche sie jemand. Es fiel ihr nicht ein, sich von mit zu verabschieden, dagegen folgte mir Hatty Schulyer, die von einer Schar fröhlicher Bekannter begrüßt worden war, in unsere Kabine hinunter, küßte mich, schenkte mir eine kleine „Glücksbrosche", wie sie sagte, ein in Brillanten gefaßtes Katzenauge, und nahm mir das Versprechen ab, ihr zu schreiben. Auch die Schwestern sagten mir freundlich Lebewohl, indem sie die Hoffnung aussprachen, mich einmal wiederzusehen, und bald waren wir nach allen vier Richtungen hin auseinandergegangen. Mrs. Evans und ich setzten uns in einen kleinen, von einem arabischen Pferde gezogenen Viktoriawagen, um uns Bombay anzusehen. Was für eine heitere, geschäftige Stadt war das, voll glühender Farbenpracht und goldenem Sonnenschein! Wie viel fröhlicher und leichter erschien hier das Leben als in dem nebeligen England! Gegen vier Uhr dampften wir dann aus dem Bahnhof heraus in der Richtung nach Parel, vorüber an malerisch gelegenen Dörfern, Palmengruppen und kleinen Meerbuchten. Der Mond schien in voller Größe, als wir die steile Gebirgsbahn zum Bhor Ghaut hinauffuhren. Wir saßen uns gegenüber am Fenster, starrten auf die gebeim- nisvollen Abgründe hinunter und plauderten im Mondlicht bis spät in die Nacht hinein. „Mir ist, als stehe ich wieder unter dem Zauber, den die Persönlichkeit Ihres Vaters auszuüben pflegte, obwohl ich selbst mein Herz an ihn nicht verloren hatte", sagte Mrs. Evans. Jedenfalls fühle ich mich in eigentümlicher Weise zu seiner Tochter hingezogen. Sie sind ihm in manchem sehr ähnlich und der Gedanke, Sie allein, ohne Freunde und Angehörige, außer dem jungen Thorold, in dem ungeheueren fremden Lande zu wissen, ist mir unerträglich Ach,, mein liebes Kind, wie viel hängt von ihm ab. . . Ihr ganzes junges Leben! Möge er Ihres Vertrauens wert sein! Wenn ich freilich sein Gesicht richtig beurteile, so ist er ein guter Mensch!." „Ja, das hoffe . . . das glaube ich auch', stammelte ich indem ich mir zum Trost seine Briefe ins Gedächtnis zurückrief. , , . „ „Für ein alleinstehendes Mädchen kann ich mtr keinen schrecklicheren Ort denken, als dieses riesengroße Land. In England findet sich immer irgend ein Unterkommen für dasselbe, sei es in einem Geschäft oder Erzieherin, sei es, daß es sich mit Malen oder Schriftstellern sein Brot verdienen kann. Hier aber fällt dies alles weg. Unbarmherzig wird es vom Schicksal hin- und hergetrieben, bis es schließlich der bitteren Not, wenn nicht noch Schlimmerem an- heimfällt. Und ist das Mädchen vollends hübsch,, welchen Versuchungen ist es dann erst ausgesetzt!" „O Mrs. Gians, Sie sind ja eine wahre Kassandra!" „Nein, nein, mein Kind. Aber ich weiß, wie unstät das Leben der Menschen im Osten ist: heute hier, morgen da. Niemand hat ein festes Heim." „Ich aber werde eines haben", wandte ich lebhaft ent. „Watty hat mir die Ansicht unseres Bungalow geschickt. Er ist reizend, dicht mit Rosen bewachsen und liegt etwas höher als die Teefelder. Ich werde jedenfalls mein Heim haben." „Wie lange ist es eigentlich her, seitdem Die sich unter Tränen Lebewohl gesagt haben?" „Sechs Jahre, aber ich versichere Ihnen, unsere Augen waren trocken." „Lassen Sie mich mal ein bischen rechnen. Sie zahlten damals also sünfzehn Jahre und trugen einen langen Zopf, als er Sie zuletzt sah? Erlauben Sie mit, Ihnen zu sagen, daß ich es für ein großes Wagnis halte, einen Mann zu heiraten, den Sie so lange nicht gesehen haben. Die Männer ändern sich" „Gewiß, die Frauen aber auch" „Das weiß ich wohl, allein ein Mann lernt die Welt kennen, er kann sich vielleicht draußen erst entwickeln. Mr. Thorold sieht männlich und entschlossen aus, und ich fürchte, sein hübsches Gesicht hat Sie vor allem angezogen. Lassen Sie sich also zum Abschied noch einen letzten guten Rat geben: heiraten Sie ihn nicht eher, bis Sie davon überzeugt sind, daß er dem Bilde entspricht, das Sie sich von ihm gemacht haben, und Sie ihn wirklich lieben. Was ist ein Brief oder eine Photographie? Nur Papier und Pappe. Marten Sie noch einige Zeit; beobachten Sie ihn genau." „Dazu bleibt mir leider keine Zeit. Sofort nach der Landung reise ich zu Verwandten meines Bräutigams, bei denen nach etwa einer Woche die Hochzeit gefeiert werden soll." „Eine Woche ist zu kurz, um sechs Jahre Trennung hereinzuholen, und selbst ein Mann kann sich sieben Tage lang von seiner besten Seite zeigen. Ueberstürzen Sie also ja die Sache nicht. Sie sind so gutherzig und nachgiebig und wollen immer jedermanns Wünsche erfüllen. Denken Sie jetzt vor allem an sich! selbst. . . Und nun sehen Sie mal Ihr Haar an: eine wahre Pracht! Ist es nicht kleidsam? Es gibt Ihnen wahrhaftig ein ganz anderes Aussehen. Sie müssen es immer so tragen; es soll Sie an Hatty Schulyer erinnern, bis wir uns Wiedersehen. Ach!, da läutet es schon zum Essen; ich werde natürlich viel zu spät kommen!" * Kürze Zeit nach dieser Unterhaltung erwachte ich eines Morgens sehr früh und sah, daß wir uns dem Hafenchon Bombay näherten. Da meine Gefährtinnen noch tot tiefen Schlafe lagen, kleidete ich mich leise an und eilte auf Deck. Bor mir lag eine weite Bucht, und in der Ferne erblickte ich palmenreiche Inseln, breite Straßen mit weißen Gebäuden und den Hafen, von dessen buntem Leben unt> Treiben Mrs. Evans mir schon erzählt hatte. Ein weicher Duft hüllte das farbenprächtige Bild wie in einen goldenen Schleier, und schon fühlte ich, wie der Zauber des Ostens mich mächtig mit seinen Fäden zu umspinnen begann. Tas war Indien! Ter Name allein schon wirkte wie eine magische Macht auf meine Vorstellung. Vom Meere aus gesehen, erschien es wirklich wie ein Märchenland, ein Land der Verheißung, der Poesie und Romantik. Tie Ellbogen aufs Geländer gestützt, starrte ich auf die näherkommende Küste, während die bange Frage mein Herz erfüllte: welches Los wird mich dort erwarten? Wird es das Glück sein? Zuerst war ich fast allein auf Deck. Als aber die große Turmuhr am Ufer acht schlug, wurde es bald lebendig auf dem Schiff, und ein unruhiges, hastiges Treiben folgte. Der Gesundheitsbeamte war gekommen und wieder ge- ( gen; die Briefe wurden gebracht und auf einen Tisch in den Salon gelegt. Zwei davon trugen meine Adresse, und der eine war von Walter. Kaum hatte ich mich aus der Menschenmenge herausgewunden, so riß ich ihn auf. Die Schrift war zitterig, ja beunruhigend zitterig. Er schrieb, daß er unmöglich habe reifen können, da er von einem schweren Fieberanfall gepackt worden sei; er hoffe aber, mich wenigstens auf der Eisenbahnstation Bareda empfangen zu können. Seine Kou- sine Tizzie Hassall freue sich fehr, mich bei sich aufnehmen zu dürfen. Ter andere Brief enthielt nur einige Zeilen von Linda mit der Einlage einer kleinen Rechnung, deren Bezahlung vor der Abreise von mir übersehen worden war. Er hatte die Reise über Brindisi gemacht und war deshalb vor mir nach Bombay gekommen. So wurde ich an der Schwelle meiner neuen Heimat anstatt von meinem Bräutigam von einer unbezahlten Rechnung begrüßt! „Mv ist er? Haben Sie ihn gefunden?" — Mrs. Evans hatte ihre Hand aus meine Schulter gelegt, während ich 155 „Ja, meine Liebe, und Gott gebe, daß es ein schönes ideales Heim für Sie werde! Sie gehören nicht zu der Art Mädchen, die Kopf und Verstand verlieren, wenn junge, törichte Männer Ihrem Gesicht Weihrauch streuen. Wenden Sie den gewonnenen Einfluß stets nur dazu an, Gutes zu stiften, und handeln Sie niemals gegen Ihr Gewissen, denn das Gewissen ist die Stimme Gottes." „Ja, das ist auch meine Ueberzeugung", flüsterte ich. „Und wenn es Ihnen gut geht, dann verhärten Sie Ihr Herz nicht gegen Not und Kummer anderer . . . Sie werden mir schreiben, nicht wahr?" „Gewiß, ich bin nur zu glücklich, wenn Sie es mir erlauben. Sie sind ja dann der einzige Mensch in Indien, mit dem ich Briefe wechseln kann." „Und wenn — Sie dürfen mir das nun aber nicht übel nehmen — wenn Sie nun fänden, was ich zwar nicht glaube, daß Ihr Walter nicht ganz der Mann wäre, den Sie sich vorgestellt haben, wenn Sie sühlten, daß Sie ihn nicht lieben, so übereilen Sie die Hochzeit nicht. Warten Sie und kommen Sie zu mir. Wollen Sie mir das versprechen?" Sie ergriff meine Hand. „Ich! danke Ihnen für Ihre große Güte, liebe Mrs. Evans! Ja, ich verspreche es", erwiderte ich, wenn,ich mich auch im Innersten lebhaft gegen die Möglichkeit einer Enttäuschung sträubte. „Wir find zwar ruhige, langweilige Leute, trotzdem glaube ich aber, daß Robbie Ihnen gefallen und Sie sich bei uns wohl fühlen würden. Sie könnten dann so lange unser Vizetöchterchen sein, bis Sie einen Entschluß gefaßt und über Ihre Zukunft entschieden haben." „Wie freundlich ist das von Ihnen! Wie gütig sind Sie gegen mich gewesen! "rief ich, ergriff ihre Hand und küßte sie innig . . . Am nächsten Morgen war ich allein. (Fortsetzung folgt.) £>te öffentliche Lesehalle zu Gießen im Geschäftsjahre 1903/04 Tie Chronik der öffentlichen Lesehalle verzeichnet wiederum ein Jahr stetiger Entwickelung. Beide Gebiete unserer volkstümlichen Anstalt, Bibliothek und Lesesaal, sind weiter ausgestaltet worden und konnten ihre Wirksamkeit reicher entfalten. Im Jahre 1903 wurden 23 264 Bände aus geliehen, 638 mehr als im Jahre vorher, und das trotz der baulichen Reparaturen, die während einiger Wochen die Bibliothek unzugänglich machten. Tie Entnahme erzählender Literatur (Romane, Novellen, einschließlich illustrierter Zeitschriften) verharrte ungefähr auf der alten Höhe, die Benutzung von Werken belehrenden Inhalts ist bemerkenswert gestiegen z. B. für Geschichte, Länder- und Völkerkunde von 1513 Bänden auf 1733, für Naturwissenschaften und Tech,- nologie von 864 aus 1104. Tas ist sehr erfreulich, denn es zeigt sich da, daß unser Publikum von dem einfachen Bedürfnis nach Unterhaltung zu höheren Ansprüchen an Selbstunterricht gelangt; auch innerhalb der schönen Literatur vollzieht sich allmählich ein sicherer Fortschritt zur Auswahl gehaltreicher Lektüre; bloßes „Lesefutter" wird weniger begehrt. Mit Geduld und Vertrauen in den Ernst des Bildungstriebes läßt sich! viel erreichen. Freundliche Anleitung durch die Bibliothekarin Fräulein Tingeldein und ihren eifrigen Helfer Herrn Tirektor Quentell wird freundlich ausgenommen, zumal man in unserer Lesehalle vor jedem Versuch der Bevormundung gesichert ist. Wir verfolgen keinerlei parteipolitische oder konfessionelle Ab- sicht; politisch sind wir nur insofern, als wir die Lust, zu lesen und zu lernen, für ein förderliches Element halten. Nun sfnd wir auch! in der Lage, einen gedruckten Kata- log unserer Mbliothek vorzulegen. (Fräulein Tingeldein hat mit großer Opferwilligkeit außerhalb ihrer Tienst- stunden das Manuskript hergestellt.) Er weist rund 5550 Bände aus und wird für 20 Pfennig käuflich sein. Davon erhoffen wir uns zunächst eine weitere Zunahme der Benutzung. Tie Buchtitel, nach Fächern geordnet, werden einladen, und manches Buck, das bis jetzt vielleicht, auf feinem Gestell ruhte, kommt in die rechten Hände. Wir erwarten ferner, daß der Einblick in den Bestand unseres Bücherschatzes dem Verein tätige Freunde zugewinnt — hier mag der Katalog auch fördern durch! das, was er nicht enthält: Allerlei Lücken find offenkundig — man bemerkt leicht, daß Bücherschenkungen den Grundstock gebildet haben, und daß planmäßige Ergänzung und Abrundung sich bisher nicht überall haben durchführen lassen. — So möge der Katalog die Bibliothek zugleich ergiebiger machen und zu ihrer Bereicherung aufsordern. Diese Sammlung auszubauen bleibt unsere vornehmste Aufgabe; Angebot und Nachfrage steigern sich gegenseitig. Vor einem Jahre konnten wir von neuen Mnrichtungen im Lesesaale erzählen. Wir sagten damals: „Aus dem kahlen Zeitungszimmer ist ein wohnliches Gemacht geworden, eine bescheidene Stätte ästhetischer Erziehung." Ter ungenannte Stifter der Wechselbilder, Knnstzeitschiriften und Reisebücher hat sich hochherzig und selbstlos auch tm vergangenen Jahre seiner Stiftung angenommen. Man findet jetzt dort die Adreßbücher von Frankfurt und Berlin, sowie Serien Haus- und volkswirtschaftlicher Schriften, und mancher freut sich daran, fremde Städte und Landschaften durch ein Stereoskop zu betrachten. Schade nur, daß der Raum zu knapp wird — in den zwölf Stunden seiner Oeff-- nungszeit (von 10 Uhr Dornt, bis 10 Uhr abends) ist der Lesesaal fast niemals leer, und gar oft muß ein Leser stehen, weil alle Stühle besetzt sind. Auch hier dürfen wir gute Erfolge bekennen, auch hier soll es keinen Strll- stand geben. Ten Behörden des Staates und der Stadt danken wir wieder für einsichtige Teilnahme an anseren Bestrebungen. (Zuschuß der Stadt Gießen 400 Mk., Jahresbeitrag vom Kreis Gießen 150 Mk., Zuwendung aus den Ueberschüssen der hiesigen Sparkasse 300 Mark) Aufklärung durch Angebot guter Lektüre gehört zur Arbeit am Gemeinwohl, unsere Behörden haben anerkannt, daß die Lesehalle eine Knltur- ausgabe zu erfüllen strebt. Tie Zuschüsse aber dürfen nur Hilfen fein; die freigewährte Unterstützung unserer Mitglieder soll uns die materielle und moralische Grundlage bieten. Taß die Lesehalle einem Bedürfnis entgegenkommt, beweist der Andrang ihrer Benutzer, daß sie mit ihren gegenwärtigen Mitteln diesem Bedürfnis genüge, können wir nicht behaupten. Eine solche Anstalt muß stetig wachsen, Wachstum ist geradezu Bedingung ihres Daseins und jede Stockung hieße Rückgang. Unserer Mitglieder müssen mehr werden, und toer irgend vermag, sollte hinaus gehen über den Mindestbeitrag von 2 Mark. Aufdringliche Reklame verträgt sich nicht mit dem Ernst unserer Bestrebungen; das Ziel und die Leistuirg sollen allein sprechen. Wir glauben, die gute Losung „Bildung macht frei", ist noch nicht verbraucht und wir vertrauen aus den Gemeinsinn unserer Bürgerschaft. Waudkreien aus der Kailerffadt. (Nachdruck verboten.) Die Berliner von 1806. — Frühlingsboten an der Spree. — Teure Blumen. — Fürstliche Lieblingsblnmen. Unfern: schlagfertigen Kriegsminister v. Einem, der wie Graf Bülow das Citieren liebt, ist mit dem bekannten Worte des Ministers Graf Schulenburg-Kehnert: „Ruhe ist die erste Bürgerpflicht!" ein kleines Unglück passiert. In seiner Rede, die das Unglück von Jena dem kosmopolitischen .Hang und Drang jener Zeiten in die Schuhe schieben wollte, erschien das Wort wie ein von der Bürgerschaft erwählter Bannerspruch, hinter dem sie sich vor den Konsequenzen jener unerwarteten Niederlage teilnahmlos und feine verkrochen hätte, während doch der Satz als Schluß der offiziellen Bekanntmachung von der „verlorenen Bataille" auf den ministeriellen Maueranschlägen stand. Hinterher hat Herr v. Einem versucht, das Unglück wieder gut zu machen, indem er den Kosmopolitismus jener Periode als „der Regierung und dem Volk bis zum letzten Bauern hinab" anhaftend, verstanden wissen wollte und den damaligen „Staat von der Regierung herab für versumpft" erklärte. Wie weit er damit, von oben angefangen, Recht hat oder nicht, läßt sich schwer nachprüfen; den kosmopolitischen Bauer aber wird ihm kein Mensch glauben, der den politischen Horizont der Landleute jener Zeit kennt. Und wie es in den Städten, speziell in Berlin, aussah, ist aus Berichten von Zeitgenossen leicht zu erkunden. Ein in hervorragender Stellung lebender Berliner Arzt schreibt wenige Jahre vor dem Unglück von Jena über den Ber- 156 filtert „Er ist enthusiastisch für sein Vaterland eingenommen und sieht auf seine Nachbarn mit einer Art Geringschätzung herab. Vor allem hat das Militär Reiz für ihn, und er nimmt großen Anteil an allem, was darauf Bezug hat. Tiefe V o r l i e b e f ü r d e n Soldatenstand herrscht in allen Klassen der Einwohnerschaft re." Charakteristisch genug für die Herrschaften, die unter das Ginem'sche „von oben" fallen, fährt der betr. Sittensch Oberer fort: „Tie höheren Stände genießen zwar eine sorgfältige Erziehung, haben aber trotzdem oft mehr Vorurteile als der gemeine Mann. Besonders auffallend ist ihre Vorliebe, die sich! auf alle Dinge und auf die Menschen selbst erstreckt re." Tas erläutert er u. a. folgendermaßen: „Seinen Pferden läßt er Schweif und Ohren ab- schneiden, sich und seine Leute kleidet er nach geschmackloser, fremder Sitte, und spielt au Tracht und Geberden den Ausländer mitten unter seinen Mitbürgern, die seine Torheit herzlich belachen." Folgt eine Beleuchtung des Erfolges aller Ausländer, ob sie nun Pariser Köche, Tanzlehrer oder Glücksritter sind. Bei den oberen Zehntausend haben sie infolge ihres Ausländertums immer Glück! Tie Schilderung Formeys steht nicht vereinzelt da. Es lassen sich eine ganze Reihe von Zeitgenossen anführen, ans deren Schriften und Briefen sich ein ganz ähnliches Bild ergiebt, und Herr v. Einem wird gut tun, seine schiefen Ansichten über das Bürger- und Bauerntum jener Zeit zu ändern, wenn er es mit dem Berliner von heute und änderen Leuten nicht verderben will. Ter Hang für das Ausländische ist hier übrigens niemals so ' recht erstorben. Man sieht ihn nicht nur auf unseren Speisekarten mit den unausrottbaren französischen und englischen Bezeichnungen; er zeigt sich auch noch immer in der Vorliebe für echten Pommery ober Heidsieck, die unsere Herren von der Garde haben, wieviel „deutscher Sekt" auch bei Hofe getrunken werden mag, von anderen Dingen ganz zu schweigen. Eines freilich mag ihnen allen verziehen sein, die für Fremdländisches schwär- ,nen. Tas ist die große Freude an Blumen, die auch den Berliner der mittleren und unteren Stände beseelt, und die vielen Hunderten in den Wintermonaten lohnenden Verdienst gewährt. Was an Blütenschmuck aus Frankreich und Italien nach Berlin wandert und in den grauen Wintertag einen Schimmer südlicher Natnrschönheit trägt, ist ganz fabelhaft. 'Nach dem Blumenschmuck zu urteilen, den man in den Wohnungen auch der wenig Bemittelten findet, ivird es überhaupt nie Winter in Berlin. Rosen, Veilchen, Nelken, grünende Zweige, stark duftende Mimosen, werden für ein verhältnismäßig geringes Geld ans allen Hauptstraßen angeboten. Und nun kommen auch endlich- die ersten Boten des heimischen Lenzes: silbern schimmernde Weidenkätzchen, brannknospendes Birkengezweig und ähnliches. Was für ein unerhörter Luxus jetzt übrigens bei uns getrieben wird, erfuhr ich in einem großen Blumengeschäft „Unter den Linden", wo ich Orchisblüten in ganzen Büscheln sah, von denen jede einzelne fünf und mehr Mark kosten sollte. Immerhin ist das noch mäßig gegen den Preis der -sogenannten „Sonnenuntergangsorchidee", die eine tiefgelbe, lärm in- und hellrot gesprenkelte Blüte trägt und in den Urwäldern Brasiliens daheim ist. Von dieser seltenen Art kostet eine einzige Blüte nicht weniger als 70 Mark. Tiefer Preis wird aber noch übertroffen von seltenfarbigen Chrysanthemen, die manchmal bis zu 150 Mark bezahlt werden sollen. So kommt eine Knopfloch- blnme oft teurer zu stehen, als ein schöner glitzernder Orden, obgleich auch der mitunter nicht gerade billig zu erwerben sein soll. Tie Berliner Knopflochblume ist, der Vorliebe des Kaisers entsprechend, die rote Nelke. Manch vornehmer Pflastertreter gerät natürlich- durch diesen Knopflochschmuck bei den Anhängern Singers und Bebels, die alles Rote als ihre Domäne betrachten, in den Verdacht, die schönsten Umsturzideen mit ihnen gemeinsam zu pflegen, und manche kecke Bitte um Feuer, die ein rotbeschlipster Arbeiter Sonntags an den Herrn Baron im Tiergarten richtet, hängt direkt mit der roten Nelke in dessen Knopfloch zusammen. Auf diese Weise nähert sich die Linke der Rechten in geradezu verblüffender Weise. Ter Tabak hatte eben immer etwas Versöhnendes. Schon. die Indianer rauchten nach Kämpf und Streit die Friedenspfeife, und von Rechts wegen müßten die „Friedensfreunde" eine an Dabäksblüte im Knopfloch tragen. Kaiser Friedrichs Lieblingsblume war neben dem Maiglöckchen das Veilchen; sein Vater bevorzugte, vom Zauber unverlöschlicher Jugenderinnerungen beeinflußt, die Kornblumen. Königin Luise aber, deren 94. Todestag in diese Märzhälfte fällt, war eine enthusiastische Verehrerin der Hortensien, die noch in ihren letzten Lebenstagen in blühender Fülle ihr Lager umstanden. Ich! will morgen sehen, ob sie zu ihrem Gedenktag auch ihrem schönen Denkmal im Tiergarten prangen. A. R. Kleine praktische Aalschläge. Kupfer und Messing zu putzen. Um Küpser und Messing schneller blank zu haben, als dies bei An- Wendung der üblichen Putzpomade der Fall ist, macht man einen leichten Teig von Essig, Salz, Mehl und Silber- sand, bestreicht mit dieser Masse den zu reinigenden Gegen- stand und reibt mit einem wollenen Lappen nach. Man wird staunen, wie rasch das Metall blank und glänzend löirb. , , ,, — Einen g uten Kitt für Glas erhalt man durch gelindes Anwärmen kleingeschpittener Stücke farbloser Gelatine in wenig Essigsäure. Die erhaltene Lösung trägt mast fleißig auf, preßt es, wenn tunlich, gut zusammen und läßt den gekitteten Gegenstand an einem trockenen Ort einen Tag ruhig liegen. Oesundyettspflege. Beseitigung der Hühneraugen. Die Mittel, die zur Beseitigung der Hühneraugen augewendet werden, bezwecken alle, die hornartige, meistens durch Truck entstandene Wucherung zu zerstören. Nach allen Erfahrungen wird dies am besten durch Applizierung des aus dem indiscken Hanf hergestellten Extrakts, der in verschiedenen Formen, in Collodium, ober in Pflastern, meistens in Verbinbung mit Salizylsäure, als Universalmittel angepriesen wird. Die sogenannten Hühneraugenpflaster, enthalten auch- den genannten Extrakt und sind, wenn richtig angewenbet, immer von Erfolg. Nachdem die Hornwucher- ung möglichst abgeschnitten worden, wird bas Pflaster aufgelegt, nach 24 Stunden kommt depFuß in ein möglichst warmes Bad. Dann wird die Hornhaut abgeschält, und in dem Falle, daß sich der letzte weiße Kern nicht heraus- schälen läßt, die ganze Prozedur wiederholt. Dann hat man das Hühnerauge unzweifelhaft dauernd beseitigt. Mittel gegen das Ausfallen der Kopfhaare. Man nehme einen Teil Rizinusöl aus drei Teile Franzbranntwein, schüttele tüchtig und reibe mit dieser Flüssigkeit mit einem kleinen Schwämmchen die Haare ein (ein bis zwei Teelöffel genügen). Die Wirkung ist, vorzüglich Aa, ttaP) Wo sind denn nur die drei Törtchen geblieben? Vorhin ivaren's zehn und jetzt sind's nur sieben I — Nicht, Hänschen, vorhin da waren's doch zehn? Hast du vielleicht die drei Törtchen gesehn?" — „ „Ja, gesehen wohl, aber..„Na, Hänschen, nicht lugenl" „Ja, aber Schuld haben doch die Fliegen, — Die machten da immerzu so'n Dreck. , Und das wollt' ich doch nicht, und da jagt' ich sie weg, Und da blieben die drei Törtchen eben Ganz einfach an meinen Fingern kleben!" •) Aus dem unlängst bei Eduard Bloch in Berlin 0. 2 er- schienenen reizenden „G e d i ch t e n" von Josefa M e tz. Logogriph. 4 Nachdruck verboten. Sieh meinen Hans, ein prächt'ger — was? Je nun, mein Rätsel sagt dir das I Und was er ist, das hat er auch Mit andrem Kopse kerngesund! Und was er ist, das hat er auch Mit andrem Kopse flink im Mund. Auflösung in nächster Nummer. Auflösung des Bilderrätsels in vor. Nr r Vergelte Böses mit Gutem. Nedaktion: Stu au ft Gab. — Rotationsdruck und Vertan der Briihl'schcn UniversttätS-Diich- und Cteindruckcrei. R. Lanae. Eießen.