Areitag den 12. ^tßtuar. 13 WTiiffEZJ ■ämT WWW mSr » (Nachdruck verboten.) Wssa Jakconieri. Bon RichardVoß. Zweiter Band. (Fortsetzung.) Der Gras sagte: „Ich brauche mich bei Ihnen wohl nicht zu entschuldigen?" „Werl Sie gerade keine besonders gute Nachbarschaft halten? Uebrigens weiß ich ja, daß Sie uns kleine Menschenkinder in den Bann taten, daß Sie ausgezeichnet ohne uns kultiviertes Salongesindel leben können, und daß Sie zu den Privilegierten gehören, die dies ungestraft tun dürfen. Sie sind demnach von der Unterlassungssünde: in der Villa Taverna keine Karte abgegeben zu haben, feierlich absolviert." „Sie sind sehr barmherzig." „Sagen Sie das ja nicht! Sie verraten dadurch —" Hier machte ich eine kleine Kunstpause, um ihn zu zwingen, mich anzusehen. Er tat es mit starker Ueber- windung, worauf ich ihn anlächelte wie ein Kind, dem man eine reizende Puppe geschenkt hat. „Was könnte ich dadurch, daß ich Sie bermherzig nannte, verraten haben?" „Daß Sie nicht sind, was zu sein Sie sich gewiß schmeicheln: gar kein Seelenkenner! Wenigstens kein Kenner von Frauenseelen." Er hörte kaum, was ich sprach. Gewiß hatte er Nacht für Nacht aus der Galerie gestanden und. nach meinem einsamen Lichte hinübergesehen — genau mit demselben Blick. „Also wirklich ?" Da nahm er sich jedoch zusammen: „Sie meinen als'o wirklich ich kenne die Frauen picht?" „Nur in der Einbildung." „Demnach nur in der Lüge?" „Man kann auch sagen: nur in der verklärenden Illusion." „Dann also nur in der schönen Lüge?" „Wir Frauen sind nun einmal ganz anders, als wir scheinen." „Sie auch?" „Ich auch! ... Ich habe über Sie und Ihre Frauengestalten viel nachgedacht." „Sie, Prinzessin?" „In mancher der Nächte, in denen Sie mein Licht brennen sahen. Ich weiß, Sie sahen es brennen!" Und ich bückte ihn mitleidslos an, immerfort lächelnd. Wie bleich der Mann war! Mit seiner Haltung d'un rot en exil, mit den Augert des Visionärs und den nach Glück dürstenden Menschenlippen war er totenbleich. Er sagte — und ich hörte seinen schweren Atem: „Sie dachten über meine Frauengestagten nach. . z Würden Sie mir sagen, was Sie dachten?" „Es wird Ihnen einerlei feht Aber bisweilen, allerdings sehr selten, bin ich höchst unvorsichtig freimütig und wahrheitsliebend, was Sie von einer blasierten Weltdame gewiß sehr sonderbar finden werden." Er sprach nichts, er sah mich nur an. „Also, was ich dachte? . . . Ich dachte: da ist diesek Poet. Und dieser Poet ist einmal in seinem Leben einer Frau begegnet, der er seine ganze Seele gegeben hat. Und weil er keine Seele wiederempfangen, so hat er die seine in eine leere Hülle gelegt, hat sie ganz erfüllt mit Schönheit, Glanz und Wunderblumen, hat in diesem seelenlosen Weibe seine eigene schöne große Dichterseele angebetet . . . Und er hat den Irrtum niemals erkannt, sondern hat nach dem Bilde dieser einen und einzigen Frau alle seine Frauen geformt, hat alle seine Frauen nach seinem eigenen Bilde geschaffen, in seiner Art also auch ein Prometheus. Und er stellte dieses Frauenideal, dieses Idol, vor uns hin und sagte: „Sehet — das Weib! Und seht, das Weib ist eine Göttin! Kommt her, alle, die ihr mühselig und beladen seid, und laßt euch von dem alleinseligmachenden Weibe erlösen." So sprach ich zu dem armen verschlossenen und vergessenen Poeten und wußte recht gut, daß ein Teufel aus mir zu ihm sprach. Mit seinen verzückten Blicken imb seinen zitternden Lipppen erwiderte er: „Und sollen wir uns etwa nicht vom Weibe erlösen lassen, erlösen von allem Jammer, aller Schuld?" „Ich sage Ihnen: Ihr reines erlösendes Weib ist eine Fiktion! Das Weib bedarf selbst der Erlösung: der Erlösung durch den reinen Mann. So, wie wir sind, verfällt der Mann, der uns sich ergibt, der Verdammnis; entweder so oder so." Da fuhr er auf. „Es ist nicht wahr! Ich sage Ihnen, daß es nicht wahr ist! Wenn ich wirklich die Frau nicht kennen sollte, wenn i ch wirklich von i hr nur ein Scheinbild gedichtet hätte — wenn auch das nichts als Selbsttäuschung gewesen wäre, so käme ich damit um das einzige, was ich in früheren Jahren an meinen Werken für wert hielt, daß sie eine kleine Zeit dauern möchten, so ist meine Negierung als Dichter vollständig . . . Aber es ist nicht wahr! Denn ich habe die Frau kennen gelernt — ich! Jene Frau, die das reine Himmelsbild, als welches ich das Weib hinstellte, auch ist: jene erlösende Frau, die liebt und leidet, die liebt und sich selbst vergißt, die liebt und stirbt und im Sterben noch lächelt: Es tut nicht iveh, Pätus!" — 90 — Ich verstand sehr wohl, daß er von seiner schönen Maria sprach, daß er mir die gute Madame als Muster unseres Geschlechtes, als heiliges Urbild aller edlen und reinen Weiblichkeit hinstellte. Aber ich war grausam genug, mir den Anschein zu geben, als verstünde ich nicht, wen er meinte: seine eigene Frau — wie er die „Madama" gewiß nannte/ „Sie dichten schon wieder, Graf! Und Sie dichten wieder eine Ihrer alten Frauengestalten: das madonnenhafte Weib, das gar nicht Weib ist, sondern nur eine Wstraktion, ein in den Lüften schwebendes, blutloses Schemen. Jene fleckenlose angebetete Maria war niemals Weib. Ein Weib, ein volles, wahres Weib, war jene große Sünderin, auf welche die Pharisäer den Stein warfen." Und in diesem Ton sprach ich weiter und weiter. Um uns glänzten und gleißten die goldenen Ginsterflammen; und es glimmte und glühte in der Seele des Grafen. * Ich hatte den Brand hineingeworfen. Weshalb ich das getan? Ich finde tagsüber keine Stunde Ruhe, nachts keine Stunde Schlaf. Ich frage und prüfe mich, durchforsche und durchwühle mein Inneres u nd — finde nichts anderes, als daß ich es aus Neugier getan, aus Koketterie, Frivolität. Und ich tat es aus instinktiver Abneigung gegen die Madonna da oben, aus echt weiblichem Haß gegen alle Ascetennaturen, tat es aus angeborener Teufelei, aus geerbter Perversität, tat es aus — Nacht für Nacht steht er auf der Galerie und schaut zu mir herüber: Nacht für Nacht fühle ich auf mir seinen Mick. Sein Licht aber hat er gelöscht. , Ter Graf Cola Campaua an Herrn Richard Voß Berchtesgaden, Villa Bergfrieden, Deutschland. Villa Falconieri, Ende Mai. Meine Aufzeichnungen, die ich Euch zuliebe für Euch Und mich selbst machte und die mich nach Eurer Hoffnung von meinem eingebildeten Leiden heilen sollten, hatten nur zur Folge, daß ich mich von dem wirklichen Bestehen meiner Lebensmisere überzeugte. An diesem meinem Glauben ist jetzt nicht mehr zu rühren und zu rütteln. Denn, mit möglichster Klarheit und Wahrheit alles betrachtend, sehe ich in allem Entwickelung, Logik, Konsequenz und Resultat. Und das sind Realitäten, gegen die sich mit keinen Illusionen ankämpfen läßt. Lassen wir also die Raisonnements und finden wir uns endlich mit dem Faktum, dem Faoit ab. Dieses heißt: Verfehltes Leben. Solche zertrümmerten Existenzen gibt es zahllos wie Sand am Meer. Weshalb sollte grade ich eine Aus- pahme sein? Etwa weil ich eine Ausnahme bin? Diese bleibt schließlich am wenigsten vor dem allgemeinen Menschenschicksal bewahrt. Es geht alles so einfach zu: Du bildest Dir ein, ein Wipfel zu sein, der ermatteten Wandereren Schatten spendet, und eines schönen Tages entdeckst Du zu Deinem höchsten Erstaunen, daß Du an dem Götterbaume der Kunst nur ein winziges armseliges Blättlein bist. Ein einziger heißer Sommertag verdorrt Dich; ein einziger rauher Windstoß reißt Dich ab. Du verwehst in alle Winde. * Ich weiß nicht, was das in diesem Frühling mit mir ist? Ich fühle mich verwirrt, beunruhigt, geängstigt. Mußtet Ihr auch grade dieses Jahr nicht kommen! Noch niemals habe ich so unerbittlich klar empfunden, wie still Maria neben mir hingeht. Vielmehr: ich empfinde es jetzt überhaupt zu merstenmal. Die Lautlosigkeit unseres Ehelebens hat etwas Gespenstisches. Ich muß mich dermaßen in mich sewst eingesponnen haben, daß ich alle diese Jahre nichts sah; vor lauter Hüllen und Schleiern, Dünsten und Dämpfen nichts sehen konnte. für Sie sind zerrissen, und jetzt sehe ich — jetzt muh ich eh en' Habe ich denn Maria niemals erkannt und verstanden? Verstehe ich die Frau überhaupt nicht in ihrem allertiefsten und allergeheimsten Wesen, welches ihr Verhältnis zum Manne ist? , Damals, als ich noch dachte und dichtete, als es m meinem Leben noch Augenblicke gab, wo auch ich mich „dem Weltgeist näher fühlte", wo ich über mich hinausgehoben ward und in dieser lichten Höhe strahlende Träume hatte — selbst damals in jenen stolzen Stunden hielt ich doch niemals mein Denken und Dichten für einen Pulsschlag * Maria ist nicht minder eine tragische Erscheinung; und wenn ich ihr Leben zurückdenke, so faßt mich des Lebens ganzer Jammer an. . . In der faulen verpesteten Atmosphäre ihres Elternhauses lebte sie unberuhrbar rem, liebte sie unerschütterlich stark einen außergewöhnlich schönen Mann mit außergewöhnlich häßlicher Seele. Die Erkenntnis der Wahrheit wirkte entgeisternd auf sw. Wie mit erstarrten Daseinsempfindungen lebte ste fort und gab sie nach vielen Jahren einem Kinde das Leben. ^etzt begann es sich in ihr zu regen, etwas in ihr u erwachen. Es Mar jedoch nicht das Weib, sondern die Mutter. ^chr Kind starb, und sie wollte sterben, und wurde von einem Manne am Leben erhalten, an dessen Herzen jetzt auch das Weib hätte erwachen müssen. Wer — Das Dunkle, Geheimnisvolle und Unheilvolle, das zwischen uns steht, bleibt und will nicht weichen. Bisweilen denke ich: es möchte sein, weil sie nur die „Madama" ist und nicht meine Frau. Ich will nach dem verschwundenen und verschollenen Mariano suchen lassen . . . Gewiß ist er längst verdorben, gestorben. Und daun — * So vieles ist jetzt mit mir anders geworden, zum ß'rf nttbPlS Vielleicht hat es darin seinen Grnud, weil ich Schlafwandler' der ich war, mich selbst geweckt habe. Ich suchte hier Ruhe, Frieden und Vergessenheit; aber selbst die Villa Falconieri singt mir jetzt kein Wiegenlied mehr. Ich durchirre das Haus von Zimmer zu Zimmer, durchs streife den Park von Weg zu Weg. Aus dem Hause treibt es mich hinaus ins Freie, um mich bald wieder zuruck zu scheuchen. Die Steinplatten auf meiner Galerie zeigen die Spuren meiner ruhelosen Schritte wie in der Zelle eines Gefangenen der Fußboden abgeschürft ist durchs die ewige Bahn des Eingekerkerten. Die zwanzig Jahre meines ruhelosen Lebens ließen also nicht nur lm Gemütc ihre Eindrücke zurück. (Forts, folgt.) des Menschengeschlechts. , _ In der langen Reihe meiner schwankenden Gestalten sah ich immer nur eine einzige Gestalt, die an ihren Zeitgenossen nicht sofort vorüberging. Ich sah sie für einen Augenblick stehen bleiben und der Zeit ihr Antlitz zeigen. Und dieses war das blasse schmerzverklärte hoheitsvolle Antlitz des liebenden und leidenden Weibes. Ich kannte nur dieses eine einzige Weib und hielt es das Weib! Mit welchen Worten spreche ich diese Gedanken aus? Was ging mit mir vor? Es sind gar nicht meine eigenen Gedanken und Worte! Immanuel Kaut- Zur 100. Wiederkehr seines Todestags. Wer Kant war — ist bald gesagt. Er wurde am 22 April 1724 als Sohn eines Sattlermeisters geboren und starb, nahezu 80 Jahre alt, am 12. Februar 1804. Dazwischen war er Student, Hauslehrer, Privatdozent und schließlich Professor der Philosophie an der Universität in Königsberg. Aus dieser Stadt, seinem Geburtsorte, und ihrer näheren Umgebung ist Kant nie herausgekommen. Sein äußeres Leben verfloß in der größten Gleichförmigkeit, „Erlebnisse»" hatte er nicht. Einen prächtigen Aufsatz über Kants Persönlichkeit hat Kuno Fischer geschrieben. Mit ausdrücklicher, liebenswürdiger Erlaubnis des greisen Philosophen entnehmen wir daraus die interessantesten Stellen. 91 Tie beiden Grundzüge, welche den Charakter Kants Lis in seine Einzelnheiten hinein ausprägen und sich in diesem Charakter auf eine seltene Weise verbinden und vollenden, sind der Sinn für persönliche Unabhängigkeit und zugleich für die pünktlichste Gesetzmäßigkeit. Fügen wir den Scharfsinn des Denkers hinzu, so konnte die kritische Philosophie keinen Charakter finden, der besser zu ihrem Begründer gepaßt hätte. Jene beiden Züge find die menschlichen Kardinaltugenden Kants, die sich im Großen und Kleinen wiederholen, und, wie es bei einer solchen Kernnatnr nicht anders sein kann, über die gewöhnlichen Grenzen hinaussfnelen. Er kann im Interesse der Unabhängigkeit Rigorist, in dem der Gesetzmäßigkeit Pedant werden. Er verfährt mit sich selbst durchgängig rational, er ordnet und regelt sein Leben, als ob er es zur reinen Vernunft selbst machen wollte. Als Philosoph forscht er nach den letzten Bedingungen der menschlichen Erkenntnis und schöpft daraus die Prinzipien, welche unser Wissen sowohl begründen als begrenzen. Als Mensch stellt er sein eigenes Leben durch,- gängig auf die Herrschaft von Grundsätzen, die er sorgfältig und genau ausgebildet, nach denen er, als einer strengen Richtschnur, auf das pünktlichste handelt. Nach deutlich bewußten Grundsätzen zu erkennen, jeden Akt der Erkenntnis, jedes Urteil mit dem vollen Bewußtsein sowohl über die Möglichkeit als Notwendigkeit desselben zu be- ?leiten: das ist der eigentliche Zweck der Kantischen Phi- osophie. Nach ebenso deutlich erkannten Grundsätzen in allen Punkten zu leben, jede Handlung richtig zu vollziehen, jede mit dem Bewußtsein dieser Richtigkeit zu begleiten: das ist der eigentliche Plan und Genuß seines Lebens. Nichts Zweckwidriges zu tun, überall die Handlung nach ihrer Zweckmäßigkeit zu bestimmen und mit dem Bewußtsein dieser Zweckmäßigkeit auszuführen: das ist ihm ein ebenso natürliches als moralisches Bedürfnis, das er nicht anders kann, als in allen Punkten befriedigen. Er ist überall in der Philosophie wie in seinem täglichen Leben der Mann der Prinzipien und Grundsätze. Er würde nie dieser Philosoph geworden sein, wenn er nicht selbst in den geringfügigsten Kleinheiten des Lebens dieser Mensch gewesen wäre. Und darin besteht sowohl die Unabhängigkeit als auch die strenge Regelmäßigkeit seines Lebens. Es ist unabhängig, weil es durchaus auf eigenen Maximen beruht; es ist vollkommen regelmäßig, weil es diese Maximen in allen Fällen befolgt. Tie persönliche Unabhängigkeit im echten Sinn des Wortes war unserem Philosophen von Haus aus nicht leicht gemacht. Um von dem ©einigen zu leben und nicht fremder Leute Hilfe zu brauchen, opferte Kant seinen Lieblingswunsch, in Königsberg zu bleiben, wurde Hauslehrer und blieb es neun Jahre, bis er imstande war, die akademische Laufbahn zu betreten. Seine Einnahmen, aus Vorlesungen und Privatissima allein angewiesen, waren nicht bedeutend. Aber was ihm die Glücksumstände versagt hatten, gelang der unverdrossenen Arbeit und vor allem seiner haushälterischen Kunst. Gr war durchaus sparsam. Ter Grundsatz, nichts Zweckwidriges zu tun, hieß ins Oeko- nomische übersetzt: gar keine unnützen Ausgaben zu machen. Tiefen Grundsatz befolgte er auf das allerpünktlichste. Gr verschwendete buchstäblich nichts. Seine Sparsamkeit war eine wirkliche Tugend, die nach aristotelischer Ethik von der Verschwendung ebenso weit als vom Geize entfernt war. Tieselbe kritische Sorgfalt und Vorsicht, womit er seine Vermögensverhältnisse zusammenhielt, widmete er mit gleichem Erfolge seinen körperlichen Zuständen. Unkräftig, sogar leidend von Natur, hat er das hohe Greisenalter erreicht, bis aus die letzten Jahre im ungeschwächten Gebrauche seiner geistigen Kraft, und konnte von sich sagen, „daß er nie auch nur einen Tag krank gelegen oder der ärztlichen Hilfe bedürftig gewesen sei". Dieses körperliche Wohlbefinden, wie das ökonomische, war ein Werk allein seiner Umsicht. Seine kritische Gesundheitspflege überbot wo möglich noch die ökonomische Ordnung. Aber wie er in der letzten Rücksicht von Geiz und Habsucht, so war er in der ersten weit entfernt von jeder Art der Verweichlichung. Im Gegenteil ordnete er fetn ganzes Leben auf das strengste unter das System der Gesundheitsregeln, die er sich selbst ausgebildet und festgestellt hatte auf Grund einer fortwährenden, höchst sorgfältigen Beobachtung seiner körperlichen Stimmungen. Gr studierte förmlich seine Leibesverfassung, wie er als Philosoph die Verfassung der menschlichen Vernunft untersuchte. Gr beobachtete seinen Körper, wie ein sorgfältiger Meteorolog das Wetter beobachtet. Unter seinen Gesundheitsregeln war die oberste die Mchtverweichlichung des Körpers, die Enthaltsamkeit und Abhärtung, das sustine und abstine. Tie moralische Willenskraft galt ihm als das oberste Regime des Körpers und unter Umständen für die wohltätigste Arznei. Er brauchte sozusagen die reine Vernunft zugleich als Medizin und Heilmethode. Es war eine auf reine Vernunft gegründete ärztliche Kunst, das menschliche Leben zu erhalten, zu verlängern, vor Krankheiten zu bewahren, von gewissen krankhaften Störungen sogar zu befteien. In diesem Sinne widmete er Hufeland, dem Verfasser der Makrobiotik jenen Aufsatz, „von der Macht des Gemüts, durch den bloßen Vorsatz seiner krankhaften Gefühle Meister zu sein". Diese Heilkraft des Willens hat er an sich selbst geübt und bewährt. Seine körperliche Verfassung hätte ihn leicht zur Hypochondrie führen können. Infolge seiner engen und flachen Brust litt er an einer fortwährenden Herzbeklemmung, einem beständigen Druck, den fein äußeres mechanisches Mittel heben konnte. Dieses Leiden verließ ihn eigentlich nie und machte ihn eine zeitlang schwermütig, beinahe lebensüberdrüssig. Ta kein anderes Mittel half, so machte er sich biefe seine Disposition klar und faßte den heilsamen Entschluß, sich nicht weiter um die Sache zu kümmern, da ja das beständige Denken au das Seinen selbst das Leiden nur verschlimmern könnte. Und gerade hierin lag die Gefahr der Hypochondrie. Er besiegte die Gefahr durch den bloßen Vorsatz, ihr nicht nachzugeben. Tie Beklemmung der Brust, diesen mechanischen Zustand, konnte er füglich nicht beseitigen; aber er brachte Ruhe und Heiterkeit in den Kopf, und so war er trotz jenes körperlichen Trucks ungehindert im Denken, offen in der Gemütsstimmung, heiter in der Gesellschaft. Selbst gegen Schnupfen und Husten kehrte er mit gutem Erfolg feine moralische Heilmethode. Tie Spaziergänge machte er gewöhnlich allein, um nicht durch die Unterhaltung zum Sprechen und dadurch zum Atemholen mit geöffneten Lippen genötigt zu werden, wodurch er sich rheumatischen Affektionen aussetzte. Es war ihm sehr unangenehm, wenn von ungefähr ihm ein Bekannter begegnete, der an seinem Spaziergange teilnahm. Um während des Arbeitens in seinem Zimmer nicht ohne Bewegung zu bleiben, hatte er grundsätzlich die Gewohnheit angenommen, sein Taschentuch auf einem entfernten Stuhle liegen zu lassen, damit er bisweilen zum Aufstehen und Gehen genötigt sei. Auf das sorgfältigste war nach aus- gedachten Regeln das System der ganzen Diät eingerichtet, das Maß und die Beschaffenheit der Speisen und Getränke, die Tauer des Schlafs, die Art des nächtlichen Lagers, sogar die Methode, sich zu bedecken. So machte sich Kant selbst zu seinem Arzt und dadurch unabhängig von der gelehrten Medizin. Man muß diese Gesundheitsrücksichten Kants, so kleinlich sie scheinen, nicht unrichtig beurteilen. Von einer ängstlichen Sorge für das liebe Leben oder gar von Todesfurcht war er ganz frei. Er besorgte und bedachte seinen Körper wie ent Instrument, das er gerne so lange als möglich brauchbar und tüchtig erhalten wollte. Seine Gesundheit war gleichsam ein Experiment. Und so war die Sorgfalt, die er darauf verwendete, nur die Umsicht, welche glückliche Experimente verlangen. Selbst seine Lebensdauer suchte er aus Wahrscheinlichkeitsgründen zu berechnen, darum las er stets mit großem Interesse die Königsberger Sterblichkeitslisten, die er sich allemal von der Polizeibehörde zuschicken ließ. In feinen Arbeiten, welche die größte Sammlung forderten, wollte er schlechterdings nicht gestört sein. Darum hielt er sorgfältig auch jede äußere Unruhe von sich' fern. Zu der Unabhängigkeit, deren er bedurfte, gehörte auch die möglichst große Ruhe von außen. Sollte die Wohnung ihm behagen, so konnte sie nicht geräuschlos genug sein. Und da sich diese Bedingung in einer Stadt wie Königsberg nicht eben leicht erfüllen ließ, so wechselte er häufig seine Wohnung. Die eine, in der Nähe des Pregel, war dem Lärm der Schiffe und polnischen Fahrzeuge ausgesetzt. Eine andere ließ er im Stich, weil ihm der Hahn des Nachbars zu oft krähte; um jeden Preis wollte er den Hahn kaufen, aber der Nachbar gab ihn nicht her, und Kant mußte weichen. Endlich kaufte et sich 92 ein bescheidenes, am Schloßgraben gelegenes Haus. Unweit davon lag das Stadtgefängnis, dessen Bewohner zu ihrer Besserung und Erweckung geistliche Lieder singen mußten, die bei den offenen Fenstern und den laut schrei- euden Stimmen Kant unmittelbar ins Ohr fielen. Sehr ungehalten über diese äußerst unbequeme Störung, die er einen „Unfug", „einen geistlichen Ausbruch der Langenweile" nannte, schrieb Kant an den ihm befreundeten Hippel, der erster Bürgermeister der Stadt und zugleich Aufseher des Gefängnisses war, folgende Zeilen, die wir wörtlich mitteilen, weil sie Kants Gemütsstimmung bei dieser Gelegenheit vortrefflich ausdrücken: „Ew Wohlgeboren waren so gütig, der Beschwerde der Anwohner am Schloßgraben, wegen der stentorischen Andacht der Heuchler im Gefängnisse abhelfen zu wollen. Ich denke nicht, daß sie zu klagen Ursache haben würden, als ob ihr Seelenheil Gefahr liefe, wenn ihre Stimme beim Singen dahin ermäßigt würde, daß sie sich selbst bei zugemachten Fenstern hören könnten (ohne auch selbst aksdann aus allen Kräften zu schreien). Das Zeugnis des „Schützen" (Gefängniswärters), um welches es ihnen wohl eigentlich zu tun scheint, als ob sie sehr gottesfürchtige Leute wären, könnten sie dessenungeachtet doch bekommen; denn der wird sie schon hören, und im Grunde werden sie nur zu dem Tone herabgestimmt, mit dem sich die frommen Bürger unserer guten Stadt in ihren Häusern erweckt genug fühlen. Ein Wort an den Schützen, wenn Sie denselben zu sich rufen lassen und ihm Obiges zu beständiger Regel zu machen belieben wollen, wird diesem Unwesen auf immer ab- helfen und denjenigen einer Unannehmlichkeit überheben, dessen Ruhestand Sie mehrmalen zu befördern gütigst be- miiht gewesen, und der jederzeit mit der vollkommensten Hochachtung ist Ew. Wohlgeboren gehorsamster Diener Kant." Uebrigens war der Gesang im Gefängnis nicht die einzige Störung. In der Nachbarschaft gab es auch bisweilen Tanzmusik zu hören, die unserm Philosophen Zeit und Laune verdarb. Diese Umstände mögen das Ihrige dazu beigetragen haben, daß Kant gegen die Musik überhaupt verstimmt wurde und sie eine „zudringliche Kunst" nannte. Er hat ihr die Störung bis in die Aesthetik nachgetragen. Doch nicht bloß dergleichen Geräusch, sondern alles, was seine gewohnte Umgebung unterbrach und veränderte, war ihm störend. In der Tämmerungsstunde pflegte er regelmäßig zu meditieren, und wie er die Gewohnheit hatte, bei scharfem Nachdenken irgend einen äußeren Gegenstand zugleich fest ius Auge zu fassen, so blickte er während seiner beschaulichen Stunde vom Ofen seines Studierzimmers aus unverwandt durch das Fenster nach dem gegenüberliegenden Löbenichtschen Turme. Er konnte sich nicht lebhaft genug ausdrücken, erzählt Wasianski, wie wohltätig seinem Auge der für dasselbe passende Abstand dieses Objekts sei. Unterdessen steigen zwischen dem Auge Kants und dem Löbenichtschen Turme die Pappeln im Garten des Nachbars so hoch empor, daß sie den Turm verdeckten. Und diese Lücke in der gewohnten Aussicht empfand unser Philosoph so störend, daß er nicht abließ, bis der gefällige Nachbar die Wipfel seiner Bäume geopfert hatte. Jede Veränderung in seiner Häuslichkeit, in dem geläufigen Text seiner Lebensordnung, auch die geringfügigste, fiel ihm schwer, und so lauge als möglich hielt er sie fern. Seine gewohnte Lebens- und Hausordnung war gleichsam mit seinem Charakter verwachsen. In den letzten Jahren freilich, bei der überhandnehmenden Altersschwäche, mußte manches verändert und namentlich fremde Hilfe in Anspruch genommen werden. Nur mit Widerwillen wich er der unumgänglich gewordenen Notwendigkeit. Einen alten Diener, den er 40 Jahre gehabt, der aber zuletzt nicht bloß ganz untauglich, sondern int äußersten Ende nichtswürdig sich benahnt, entließ Kant erst nach langen inneren Kämpfen. Tagelang ging ihm die Sache nach, und die Entwöhnung von jenem Menschen wurde ihm so schwer, das; er sich ausdrücklich mit einer gewissen Anstrengung vornehmen mußte, an den ganzen Vorgang nicht weiter zu denken. Um diesen Vorsatz sich einznschärfen, schrieb er auf einen jener Gedankenzettel, womit er da- umls seinem Gedächtnis zu Hilfe kam: „Lauge" — so hwß der Diener — „muß vergessen werden". Ter Schlaf durfte Kant nie mehr als sieben Stunden kosten. Pünktliche um zehn Uhr ging er zu Bett; pünklich um fünf Uhr stand er auf. Ter Diener hatte die Weisung, ihn zu wecken und ihn um keinen Preis länger schlafen zu lassen. Er ließ sich gern von seinem Diener bezeugen, daß er in 30 Jahren auch nicht ein einzigesmal den aunkt aufzustehen, verfehlt habe. Tie ersten Morgen- en waren größtenteils den Vorlesungen gewidmet, die auch in der Tagesordnung Kants obenan standen. Punkt sieben Uhr begab sich Kant aus seinem Studierzimmer in den Hörsaal. Nach den Vorlesungen, die gewöhnlich bis neun Uhr dauerten, kehrte er an seinen Arbeitstisch und seine häusliche Bequemlichkeiten zurück; jetzt kamen die wissenschaftlichen Arbeiten an die Reihe, die zum Truck bestimmten Schriften. Ohne Unterbrechung wurde bis gegen ein Uhr gearbeitet, dann kam der Mittagstisch, für Kant die Zeit der angenehmsten und genußreichsten Erholung. Er liebte die geselligen Tafelfrenden; unter allen Lebensgenüssen sinnlicher Art waren ihm diese die liebsten; sie waren die einzigen, die er mit einer gewissen Behaglichkeit und Sorgfalt pflegte. Natürlich war es nicht das Essen, das so viel Zeit kostete, gewöhnlich drei, bisweilen fünf ©tumben, sondern die Gesellschaft, die Kant nirgends lieber hatte, als beim Gastmahl. Hier war er selbst am gesprächigsten, am meisten mitteilsam. Er hatte die Gabe einer mannigfaltigen, interessanten und für alle möglichen Tinge geschickten Unterhaltung, und so machte er einen ebenso liebenswürdigen Wirt, ckls einen überall willkommenen Gast. Niemand hätte in diesem heiteren/ gemütlichen Tischgenossen, der mit jedermann ein interessantes Gespräch zu führen wußte, mit Frauen über Küche und Kochkunst, besonders gern sich unterhielt, den tiefsten und schwierigsten Denker des Zeitalters vermutet. Schluß folgt. * Nichts erschöpft die Pflanze in ihrem Werdeprozeß mehr, als die Bildung von Samen. Willst Du also Samen nicht ernten, willst Du von Teinen Pflanzen — man denke an die Rosen — nur schöne Blumen erzielen, so verhindere, daß die Pflanze Samen bilde. Schneide also, sobald die Blume verblüht, sorgsam alle abgeblühten Blumen ab. Auf diese Weise bleibt der Pflanze viel, sehr viel Kraft erhalten. Sie wird sich von jetzt ab besser entwickeln und wird int kommenden Jahre noch einmal so schön und so reichlich blühen. Im übrigen sieht es unordentlich aus, wenn die abgewelkten Blüten an den Pflanzen bleiben. (M. Peterseim's Blumengärtnereien.) Sinnrätsel. Nachdruck verboten. Mein Sieb ist,s, wonnig anzuschaun, So zierlich, rundlich, schlank und braun t Sie stammt, so heißt's aus fernen Zonen, Doch liebt sie es bei uns zu wohnen. Sie sieht so kühl und reizlos aus, Wohnet bei den Schwestern sie int Hatts. Doch hab' ich sie herausgebracht, Ist sie auch bald in Glut entfacht Hängt willenlos an meinem Munde, Und kürzt mir lieblich nranche Stunde. Ich nehm' sie mit in Wald uud Flur, Doch ausgehn darf sie selten nur. Ich lieb' sie, bis sie ist gestorben, Doch ist sie ©taub und Asche dann, Fang' ich — die Männer sind verdorben — Mil einer ihrer Schwestern an. Auslösung in nächster Nummer.; Auflösung der Pyramide in vor. Nr.r A A u Sau Ukas Kraue Ikarus Redaktion: August Göh. — Rotalicukdruck und Verlag der Vrühl'schen Universitäts-Tuch- und Cteiudruckerei. R. Lange, Gießen.