1904. Ar. 38. I W W (Nachdruck verboten.) An der Flajah. Roman von B. M. C r o k e r. Genehmigte Uebertragung von A. Vischer. (Fortsetzung.) „ r7t sehr gut von Ihnen, so viel Anteil an mir zu nehmen", stammelte ich. „Ach, mein Kind, Sie wissen doch, daß wir Frauen uns alle für Liebesgeschichten interessieren?" „Ich fürchte, die meinige ist leider keine Liebesgeschichte. Jedenfalls sollen Sie aber selbst urteilen. Ich kenne also Watty seit meiner frühesten Kindheit. Er, Tom und ich waren ein unzertrennliches Kleeblatt. Ta ich eben viel jünger war als meine Cousinen und auch als Wattys Schwestern, so gesellte ich mich stets zu den Jungens." „Ja, ja, ich verstehe, und als Watty mit einundzwanzig Jahren nach Indien ging, war Ihr junges Herzchen tief unglücklich" „O nein, durchaus nicht. Wenn mir's auch recht leid tat, so ging mir der Tod meines Foxterriers damals doch Veit näher. Watty aber schenkte mir zum Abschied sein weißes Kaninchen und ich gab ihm einen kleinen blauen Perlenring." „Und einen Kuß natürlich?" warf Mrs. Evans lächelnd ein. „O nein, so standen wir nicht miteinander. Er war nur mein Spielgefährte, nichts weiter, geradeso wie auch Tom. " „Wirklich?" fragte sie mit zweifelhafter Miene. Ich ging aber nicht daraus ein. „Kaum war ich bann als erwachsenes Mädchen v"n Teutschland zurückgekommen, so widmete mir Mrs. Thor . .., Wattys Mutter, ungewöhnlich viel Aufmerksamkeit. Ich erinnere mich, wie sie mich, am ersten Sonntag in der Kirche so scharf musterte, daß mir ganz unbehaglich wurde. Später sagte sie mir, daß sie mich gleich auf den ersten Blick in ihr Herz geschlossen habe." „Und war das gegenseitig?" „Ich weiß nicht. . . das heißt eigentlich nein", gestand ich. „Meine Verwandten hatten früher immer über sie gescholten, und sie eine abscheuliche, heimtückische und selbstsüchtige Frau genannt, die ihre Töchter an die ersten besten Männer verheiratet und ihre Söhne in die weite Welt hinausgetrieben habe. Allein ich glaube, daß sie durch ihr Unglück verbittert worden waren und ihr Urteil doch, etwas zu scharf war." „Wohl möglich." „Und dann war jetzt der Glücksstern der Familie Tho- rold im Steifen, der der Beverly im Sinken, da änderten sich! die Ansichten meiner Verwandten, und sie konnten jetzt nicht genug Gutes über Mrs. Thorold erzählen. Tiefe bat mich häufig, einen Tag bei ihr zuzubringen, da ihre Töchter alle verheiratet waren. Ich tat das beim auch unb verrichtete bann allerlei kleine Dienstleistungen für sie im Hause ober Garten. Sie sprach dabei fortwährend von ihren Kindern, besonders von Walter, ihrem Lieb- lingssohn. Manchmal las sie mir ans seinen Briefen vor und bestellte Grüße von ihm. An meinem! Geburtstag schrieb er mir bann einige Zeilen, woburch der Ansang eines Briefwechsels gemacht war, ber bald lawinenartig anschwoll." „Ja, ja, so pflegt es mit ben Liebesbriefen zu gehen!" rief meine Gefährtin laut. „Ich- schrieb ihm aber nicht anders, als tote ich auch an Tom geschrieben hätte, der in Südafrika stand, und niemals werde ich es vergessen, wie überrascht ich war, als mir Mrs. Thorold eines Wends im Garten mitteilte, daß Watty mein Gesicht auf einem Gruppenbild gesehen unb sich sterblich in mich verliebt habe. Ich war zuerst wie erstarrt vor Verwunderung, bann aber brach ich unwillkürlich in ein schcilleubes Gelächter aus. Ich versicherte seiner Mutter, baß bies doch mir ein Scherz von Watty fein könne. Sie dagegen nahm die Sache sehr ernst und wurde ganz ärgerlich über meine Vermutung. Schon S früh am nächsten Morgen kam sie bann zu Tante ,, mit ber sie wohl eine Stunde lang allein blieb, unb bei Tisch fiel es mir auf, daß Tante mich, häufig eigentümlich cmsah." „Tie beiden alten Damen hatten die Angelegenheit also wohl miteinander besprochen und waren einig geworden? Mas geschah bann weiter?" „Vorläufig nichts. Cs wurde nur zuerst leise, dann immer häufiger unb bestimmter um mich her geflüstert, daß zwischen Watty Thorold und mir von jeher ein Einvernehmen, eine Art Kinberfreundschaft, bestauben habe, und so sehr ich auch einer solchen Annahme entgegentrat, es hals alles nichts. Im Gegenteil, die Freundschaft zwischen Mrs. Thorold unb meinen Verwabten wuchs von Tag zu Tag. Tann erhielt ick. einen Brief von Walter . . . ach einen so schönen Brief, worin er mich fragte, ob ich feine Frau werden wolle." „Unb was sagten Sie dazu, mein liebes Kind?" „Eigentlich gar nichts. Umsomehr aber sagten andere Leute. Sie schienen mich für ein vom Glück ganz besonders begünstigtes Wesen zu halten. All die vielen Mädchen und alten Jungfern in der Nachbarschaft wurden ausgezählt, und wenn auch Tante Lucy selbst mich nicht zu überreden, versuchte, so tat es Linda umso eifriger. Eines Tages kam bann Mrs. Thorold herüber und sprach, meine Hand in ber ihrigen haltend, wohl eine Stunde lang auf mich ein. Ihre Augen wichen dabei nicht von meinem Gesichte, und ich glaube, sie hat mich mit ihrem durchdringenden Blick und ihrem leisen, aber bestimmten Ton förmlich hypnotisiert." 150 „Mein armes Kind! Wie hart sind Sie von allen Eeiten bedrängt worden!" „Nebenbei erfuhr ich, daß Tante Lucy ein vortrefflicher Kaufpreis für das Schloß angeboten worden fei und sie im Begriff stehe, eine Heine Wohnung mit drei Schlaf- und ein Wohnzimmer zu mieten, wo also nur Raum für die Familie selbst war. Meine Tante fand demnach daß ich Watty heiraten müsse und ließ mich nur zu deutlich fühlen, daß ich ihr eine Last war . . „Die Abscheuliche!" rief Mrs. Evans ganz empört. „Mir wars, als wollten sie mich alle in einen Abgrund hinabstoßen, an dessen Rand ich mich mit beiden Händen wie rasend anklammerte." „Ja, ja, das ist der richtige Vergleich" „Trotz all dem aber, ich muß es gestehen, fühlte ich mich einerseits eben doch auch geschmeichelt. Der Gedanke, einen eigenen Herd, eine Heimat zu haben, tat meinem Herzen wohl, zudem war es schon lange mein Wunsch, Indien kennen zu lernen. Wohl wußte ich, daß Watty nur ein bescheidener Angestellter aus einer Teepflanzung war, und daß unsere Verhältnisse alles, nur nicht glänzend sein würden; allein ich war ja nicht an Bälle, Gesellschaften und Luxus gewöhnt, und Arbeit habe ich nie gescheut. Jung und gesund bin ich auch. Und Watty war ein guter Sohn: ein guter Sohn aber, sagt man, wird auch ein girier Gatte, und zudem kannte ich ihn ja von Kindheit an." „Und andereseits?" fragte Mrs. Evans sanft. „Nun, andererseits war niemals von Liebe zwischen uns beiden die Rede gewesen, nicht einmal eine Andeutung, nicht im entferntesten! Und sechs Jahre hatten wir uns nicht gesehen. Es war gewiß ein tollkühnes, gewagtes Unternehmen, ans andere Ende der Welt zu reisen, um die Frau eines Mannes zu werden, für den ich nahezu eine Fremde bin, und die er bei einem zufälligen Zusammentreffen auf der Straße wahrscheinlich gar nicht erkennen würde. Deshalb schauderte mir noch am Rande des Abgrundes. An einem Tage war ich halb geneigt, Ja zu sagen, denn seine Briefe waren bezaubernd, am anderen wieder fest entschlossen, ihm mit Nein zu antworten. Da erhielt ich schließlich Wattys Photographie, und ich fürchte. Sie werden mich geringschützen, wenn ich Ihnen sage, daß sie den Ausschlag gab. Sein Gesicht hatte es mir angetan, und ich sagte Ja." „Ach liebes Kind, welcher Sprung ins Dunkle! Wenn es Ihnen nicht unangenehm ist, so möchte ich diese bedeutungsvolle Photographie sehen, denn ich gehöre zu den Leuten, die glauben, daß man aus den Zügen des Menschen aus seinen Charakter schließen kann." „Sie ist in meiner Kabine. Mit Vergnügen werde ich sie Ihnen morgen zeigen. Jetzt ist es ja schvn zu dunkel hier." „Bis Sie sie gefunden, geküßt und hierhergebracht haben, wird hier schon Licht sein. Gehen Sie, tun Sie es mir zuliebe, denn mir ist, als könnte ich heute Nacht nicht schlafen, wenn ich nicht vorher dieses Mannes Bild gesehen habe." Ich stand sofort auf — das elektrische Licht war inzwischen angezändet worden — und ging in meine Kammer, wo ich die in einem blauen Lederrahmen prangende Photographie aus ihrem Versteck hervorholte. Dann kehrte ich zrr Mrs. Evans zurück, die sich dicht vor eine Lampe an einen Tisch gesetzt hatte. Ihre Augen funkelten förmlich vor gespannter Erwartung, als sie mir die Hand entgegenstreckte, um das Bild in Empfang zu nehmen. Feierlich, ohne ein Wort zu sagen, legte ich den feinen Lederrahmen in ihre Hand. Dann setzte ich mich, ihr Urteil erwartend, mit einem Gefühl stolzen Triumphes. Es war ja ein schönes, tatkräftiges, vornehmes Gesicht, das mein Herz im Sturm erobert und all meine Zweifel besiegt hatte. Lange betrachtete meine Beschützerin das Bild, dann schaute sie mit einem tiefernsten Ausdruck in den dunklen Augen zu mir herüber. „Soll ich Ihnen sagen, was ich darüber denket Ungeduldig nickte ich mit dem Kopfe, wartete ich doch schon über fünf Minuten voll Spannung auf eine Aeußer- ung von ihr. „Meiner Ansicht nach haben Sie in der Lotterie des Lebens ein großes Los gezogen. Sie sind ein Liebling der Vorsehung." Eifrig beugte ich mich vor, um diesen herrlichen Worten zu lauschen. „Ja", — sie zeigte mit dem Finger auf das Bild — „dieser Mann ist, nach seinen Zügen zu schließen, gewissen- haf, arbeittsam und rechtschaffen. Er ist zuverlässig und beständig, und, wenn auch nicht weich und schmiegsam, so ist er doch ein Mann, auf dessen Liebe eine Frau sich fest verlassen kann." Ich stieß einen tiefen Seufzer der Erleichterung aus. Sre aber sprach, abwechselnd mich und Wattys Bild betrachtend, lebhaft weiter: „Er ist eine kritisch angelegte und verschlossene Natur, aber offen und freimütig gegen solche, die er liebt. Dabei ehrgeizig, tatkräftig und klug: alles in allem eine höchst interessantes Gesicht. "Sie lehnte das Bild an ihren Är- beltslorv und fügte dann lachend hinzu: „Ueberdies, was ja nicht zu vergessen ist, ein bildhübscher Mensch!" Ich fühlte, wie ich bei all diesen Lobsprüchen vor Freude errötete: die stolze Befriedigung der Braut ließ mein Herz höher schlagen. „Seine Mutter muß ihm begeisterte Beschreibungen von Ihnen gemacht haben",, fuhr Mrs. Evans fort, „denn dieser hier ist nicht der Mann, einen Sprung ins Dunkle zu tun." „Nein, Watty war von Natur immer vorsichtig, aber- kritisch angelegt war er früher durchaus nicht." „Wohl möglich daun hat. er sich eben in den sechs Jahren verändert; er ist inzwischen zum Manne herangereift. Eigentlich sieht er älter aus, als er ist." „Ja, das finde ich auch", stimmte ich bei. „Er ist bedeutend älter geworden. Ich aber ebenfalls; hoffentlich wird er nicht enttäuscht von mir sein." „Nein, das glaube ich nicht, mein Kind." Sie betrachtete mich nachdenklich. Sie scheinen mir sogar recht gut zusammenzupassen. Soll ich Ihnen jetzi auch etwas über Ihren Charakter sagen?" „O ja, bitte, das Gute sowohl wie das Schlechte." .. »Trotz Ihres anscheinend kühlen Wesens sind Sie doch eine weiche, zärtliche, ja romantisch angelegte Natur. Sie können sehr unvorsichtig, aber auch sehr zurückhaltend sein. Sie sind leicht verletzt und hassen Zwang und Abhängigkeit, aber Sie haben ein gutes Herz, und alte Leute und Tiere hängen mit besonderer Liebe an Ihnen." „Ist das alles? Ich glaube wirklich, Sie habe» in meinen Zügen zu lesen verstanden. . „Nein, ich war noch nicht ganz zu Ende. Für ein Mädchen Ihres Alters haben Sie viel Selbstbeherrschung. Jchs bemerkte es neulich in unserer Kabine, als sich die junge Amerikanerin sich auf Ihren Hut setzte und Sie Ihre Finger in die Türangel klemmten." „In der Fremde und als arme, geduldete Verwandte lernt sich das." „Nun, jedenfalls ist es eine wertvolle Errungenschaft, und auch der den Ferrars eigene Stolz fehlt Ihnen nicht. Nein, nein, ich glaube nicht, daß Mr. Thorold enttäuscht sein wird." „Ihre Worte sind sehr freundlich, allein wenn ich seine Briefe lese, so fühle ich mich seiner so wenig wert. Meine Fähigkeiten stehen den seinigen bei weitem nach. Ich besitze nur eine gewisse Fingerfertigkeit." „Mit seinem Verstand und Ihren Fingern werden Sie schon miteinander durchs Leben kommen. Was für Künste treiben Sie denn mit Ihren Fingern?" „Ich nähe, sticke und spiele Klavier und Guitarre; auch kochen kann ich zur Not." „Mein Kind, dann sind Sie ja ein wahrer häuslicher Schatz. Kein Mann ist unempfindlich für eine gute Mahlzeit, wenn auch Ihr Bräutigam gerade kein Feinschmecker zu sein scheint." Wattys einstige Vorliebe für Pflaumenmus und Rosin enkuchen fiel mir ein, und wie er meinen Anteil an gerösteten Kastanien mehr als einmal mitverzehrt hatte. Mährend unseres Gespräches waren allmählich ziemlich viele Passagiere in den Salon gekommen, und verschiedene gingen an unserer behaglichen Plauderecke vorüber. „Aber wer ist denn das? "rief plötzlich eine Stimme hinter mir, uicd eine kleine, blasse Amerikanerin deutete auf Wattys Bild. „Erlauben Sie, daß ich es mir näher ansehe?" Dabei entriß sie es mir, ohne eine Antwort abzuwarten. Miß Hatty P. Schulher von Newyork, City, die das oberste Bett in unserer Kabine inne hatte, war eine lebhafte, eigenartige, bei jedermann beliebte Persönlichkeit; sie reiste nach Japan. 151 „Ei, das ist ja ein Staatskerl!" bemerkte sie endlich. „Wie kam er nur dazu, sich gerade in Sie zu verlieben?" „Warum wundert ©ie das? Warum sollte er mich nicht lieben?" „Weil Sie so einfach, so sittsam und bescheiden sind, dabei allerdings — ich gebe es zu — recht hübsch; aber ein sanftes Täubchen ohne Feuer und Temperament, während dieser hier —" sie klopfte mit ihrem Kneifer auf den Rahmen — „eher ein kluger, kecker Streber genannt werden könnte, der kaltblütig und unentwegt seine Ziele verfolgt. Zudem sieht er aus, als ob er sich vorläufig noch nicht übermäßig nach einem Liebchen oder einer Gattin sehnte. Kurz, daß ich es Ihnen nur offen sage: er paßte viel eher für mich als für Sie." „Ach Unsinn!" rief ich höhnisch. „O nein; es liegt vielmehr auf der Hand. Ich bin ungeheuer reich und er ist ungeheuer ehrgeizig . . ." „Sie täuschen sich Im Gegenteil, nicht ein Fünkchen von Ehrgeiz hat er. Denn als er damals im Offiziersexamen durchfiel, war er sehr vergnügt darüber." „Was, dieser Mann?" schrie sie auf und setzte sich plötzlich neben mich. „Was für einen Beruf hat er denn jetzt?" „Auf einer Tecpflanzung angestellt? Du meine Güte, und ich, hatte geglaubt, er müsse zum mindesten erster Sekretär des Vizekönigs sein. . . Na, schäme dich, Hatty Schulyer, diesmal hast du nichts gewußt. Daß Sie Braut sind, hatte ich aber doch erraten, Miß Ferrars." In diesem Augenblick trat Mrs. Blasson, die Inhaberin des Bettes Nummer 4, in Seide rauschend und etwas allzu stark mit Magnolienblütenduft parfümiert, näher und stellte sich ebenfalls hinter uns. Sie trug ein glitzerndes, schwarzes Gesellschaftskleid und eine Perlenkette um den Hals. „Wovon sprechen Sie?" fragte sie gedehnt. „Und wer ist dieser Herr hier?" Sie beugte sich vor und nahm die Photographie an sich. Eine lange, vielsagende Pause folgte. Endlich sagte sie: „Ei, ei, das ist ja Mr. Thorold! Wie merkwürdig! Wohl Ihr Eigentum?" Sie nickte Mrs. «Evans zu. „Nein", erwiderte diese, „er gehört Miß Ferrars im Vollen Sinne des Wortes." „Ihnen, Miß Ferrars?" wiederholte sie in ungläubigem, für mich durchaus nicht schmeichelhaftem Tone. Tann musterte sie mich mit dem Rahmen in der Hand, vom Kops bis zu den Füßen. Sie schien entschieden wenig Anziehendes an mir zu finden. „Mein Erstaunen ist allerdings sehr groß, denn ich, hatte keine Ahnung, daß Mr. Thorold verlobt ist, und demnächst heiraten ivird. Kennt er Sie schon lange?" „Seit meinem fünften Jahre." „Wirklich? Ein beneidenswerter Mann!" spöttelte sie. „Also eine Kinderstubenliebe, die bei einer Arche Noah begründet und mit Pflaumenmus und Butterbrot besiegelt wurde." Ich antwortete nichts darauf, sondern streckte nur die Hand aus, mein Eigentum zuriüHu fordern. „Nun" — sie händigte es mir ein —, „da wäre denn also das Geheimnis aufgeklärt! Ich dachte mir schon immer, daß sein zurückhaltendes, ungeselliges Wesen einen besonderen Grund haben müsse. Und . nun soll also seine lobenswerte Treue endlich belohnt werden! Ich freue mich, daß ich Gelegenheit gehabt habe, Miß Ferrars Bekanntschaft zu machen." Dabei sah sie mich hochmütig an, nickte uns allen flüchtig zu und rauschte davon. „Nein, was für einen Aufruhr das Konterfei Ihres Bräutigams verursacht hat!" rief Hatty schalkhaft. „Verstecken Sie es rasch es könnten sonst am Ende hier herum noch, mehr Freundinnen -von ihm auftauchen, oder besser noch, geben Sie es mit", — sie streckte lachend die Hand aus — „ich will es bis zum Schluß der Reise in gutem Gewahrsam halten." (Forts, folgt.) Aie Leiter des Krieges im Hauptquartier des Kaisers von Japan. (Nachdruck verboten.) Von Dr. Ludwig Rieß. II. Von den beiden aktiven Staatsministern, die zum Kriegsrat des Kaisers gehören, ist der Kriegsmittister Te- rautschi erst vor einigen Monaten in seine gegenwärtige Stellung gelangt. Er gilt für einen seinen Verwaltungs- apparal technisch vollkommen beherrschenden Systematiker von großer Arbeitskraft und übertriebener Geneigtheit, möglichst viel routinenmüßige Details persönlich zu erledigen. Zu den wirklichen Schmieden des japanischen Schwertes kann man ihn aber nicht zählen; in den Ruhm, der in der Periode unserer großen Kriege Roon für sich allein beanspruchen konnte, teilen sich in Japan der Marquis Oyama, der Graf Katsura (jetzt Premierminister) und Baron Ko- dama, Terautschis Amtsvorgänger. Dagegen ist der Marineminister Baron Pamamoto der Tirpitz der japanischen Flotte. Er konnte, begünstigt von der gerade der Entwicklung der Schlachtflotten günstigen Zeitströmung, seit sechs Jahren das gewaltige Programm durchführen, das die seit unserer Pacht Kiautschaus und der russischen Festsetzung in Port Arthur sowie besonders seit der Erwerbung Hawais und der Philippinen durch die Vereinigten Staaten veränderte Meltstellung Japans forderte. Es gelang trotz einigen Kampfes mit dem Oberhaus ganz nach Aamatmotos Wünschen. Besonders die Anlage eines eigenen Stahlwerks für die Marine, obwohl ein auf Staatskosten für allgemeine Zwecke errichtetes Werk noch nicht im Betriebe war, kann als Beweis für den Vorzug gelten, den Forderungen für die Flotte in Japan genießen. Die allgemeine Beliebtheit des Admirals stieg mit seinen Erfolgen. Iamamoto zeichnet sich wie der früher mit der Marine aufs engste verbundene Marquis Saigo durch eine in Japan seltene Körperhöhe aus und gewinnt durch die mitteilsame Fröhlichkeit seines Wesens. Als junger Mann widmete er sich wie Kamimura, der jetzige zweite Befehlshaber der Flotte vor Port Arthur, zunächst an der alten llniversität in Tokio gelehrten Studien, trat aber noch ehe er 21 Jahre alt wurde, zu der in der Hauptstadt neugegründeten Marineschule über. 1874 bot ihm die Expedition nach Formosa Gelegenheit, den Dienst an Bord eines Kriegsschiffes kennen zu lernen, und nach Absolvierung der Marineschule machte er auf einem deutschen Kriegsschiffe die große Fahrt um die Welt mit. Als Lehrer an der Marineschule, besonders für Ballistik, und auf drei großen Reisen nach Europa und Amerika erwarb er sich die Fachkenntnisse und die geläufige Beherrschung des Englischen, die ihn auszeichnen. Im letzten Kriege war er im Hauptquartier als Adjutant des Marineministers tätig. Schon mit vierundzwangzig Jahren wurde er Kontreadmiral und drei Jahre darauf Marineminister. Unter den vielen Satsumanern, die in der Flotte außerordentlich schnelle Karriere gemacht haben, ist er der bekannteste. Tenn es ist kein Zufall, daß die Marine im Hauptquartier nur durch Angehörige des Satsuma-Klans vertreten ist. Gerade die Satsumaner tvidmeten sich seit der Gründung der kaiserlichen Flotte vor 35 Fahren dem Seedienst mit besonderer Vorliebe. Sie haben dem Jnselreiche des fernen Ostens in der Person des Vikomte Sukenori Ito, des Rangältesten unter den Mmiralen im Hauptquartier, auch den vielgefeierten „japanischen Nelson" gegeben. Die Namengebung der oftgenannten argentinischen Kreuzer, die als Nisshin und Kasuga jetzt in Japan kriegsbereit genmcht werden, war eine wohlbedachte Ehrung zugleich! des Satsuma-Klans und des Admirals Ito persönlich Denn Kasuga (der Name bedeutet „Frühlingstag") hieß das vom Satsuma-Klan 1867 gegen den Shogun ausgesandte Kriegsschiff, das der damals 24jährige Ito in der Seeschlacht auf der Höhe von Awa kommandierte, und Nisshin, („Tagesanbruch") war der Name des ersten kaiserlichen Schlachtschiffes, das Ito kommandierte, und mit dem er 1876 nach Korea fuhr, um dieses bis dahin verschlossene Königreich dem Weltverkehr zu eröffnen. Der japanische Nelson ist 61 Jahre alt, groß und stark gebaut, etwas wortkarg in seinem Wesen, fast ohne ein graues Haar an den Schläfen und im herabhüngenden Schnurrbart. Er verdankt seine Ausbildung für den Seekrieg noch der Marineschule, die der Shogun gegründet hatte. Mer als die inneren Wirren begannen, verließ Ito den Dienst, für den er erzogen wurde, und wirkte als Kundschafter für die kaiserliche Partei. Tiefe Verdienste um die kaiserliche Sache in der kritischen Zeit der Restauration sind jedoch fast in Vergessenheit geraten, seitdem Ito als Kommandant der vereinigten Flotte am Jalufluß und vor Weihaiwei feinen Namen unauslöschlich in die Ruhmestafeln der japanischen Geschichte eingegraben hat. Der chinesische Wmiral Ting, dem er die 15» Flotte und den Kriegshafen Weihaiwai abrang, war Itos persönlicher Freund. Er bot seinem Ueberwinder die Ueber- gabe unter der Bedingung freien Abzuges der Offiziere und Mannschaften an und bat ihn um einige Tage Aufschub, um die Vorbereitungeu zum Abzüge treffen zu können. Ito ging auf alle seine Wünsche ein und bot dem Freunde ein ehrenvolles Asyl in Japan an; aber der chinesische Admiral hatte bereits Selbstmord vollzogen, als sein Brief dem japanischen Sieger überreicht wurde. Auch in Ost- asien hat der Krieg, besonders der Seekrieg, seine eigene Romantik. Admiral Graf Kabayama ist wie einst Caprivi bei uns plötzlich aus der Armee ins Marineministerium übergegangen. Er war bereits Generalmajor und 45 Jahre alt, als er 1882 diesen llebergang vollzog. Taß er in der Schlacht am Jalufluß seine Flagge auf dem Handelsschiff Saikyo Maru setzen ließ, das eigentlich zunl Seekampf ganz unbrauchbar war und, von Kugeln durchbohrt, fast zu Grunde ging, wird ihm von seinen Landsleuten als Heldentat hoch angerechnet. Mit seinen 67 Jahren ist er dem Lebensalter nach der Bejahrteste im kaiserlichen Kriegsrat. Selbst Marquis Namagata ist ein Jahr jünger. Vom Admiral Poschika Jnouye kann man in Bezug auf seine Kriegstaten im Berhältnis zu denen des Admirals Ito etwa dasselbe sagen, was man vom gleichnamigen Staatsmann Jnouye früher in Bezug auf den Marquis Ito sagen konnte; wie Pylades zu Orest verhielten sich beide Jnouyes zu ihren respektiven Itos. Namentlich gilt dies von den Operationen gegen Korea vor 30 Jahren und der Eroberung des Peskadoren vor neun Jahren. Nur ist der Admiral Jnouye drei Jahre jünger als sein schlagfertiger Pylades, während der Staatsmann Graf Jnouye seinen Jugendgefährten um drei Lebensjahre übertrifft. Jedenfalls bedeutet das Admiralskleeblatt Jto- Kabayama-Jnouye das höchste an Ruhm und Erfahrung, was die japanische Marine einzusetzen hat. Bei den Repräsentanten der Armee haben schon die beiden Feldmarschälle Marquis Damagata und Oyama einen unvergleichlichen Vorrang. Wer ihnen am nächsten steht jedenfalls der 63jährige General Mishizura Nodsu, ein Satsumaner. Er hat sich durch die Einnahme von Söul 1894 und als Führer der ersten Armee nach Damagatas Erkrankung in der Liaotung-Halbinsel den höchsten Ruhm erworben. Er und Graf Katsura sind wohl die besten Kenner der strategischen Verhältnisse zwischen dem Jalu- fluß und Mukdeu. Baron Oku, der damals die fünfte Tivision nach Korea führte, und Kuroki, der mit der sechsten Tivision aus Kumamoto bewies, wessen seine „Jungen aus Kiuschiu" fähig sind, kennen die Umgegend von Port Arthur und Niutschwang aus eigener Kriegserfahrung. Tie Aufgabe, Vorschläge zu machen und vor dem versammelten Kriegsrat Vortrag zu halten, fällt dem Generalleutnant Eentaro Kodama und dem Kontreadmiral Jjuin zu. Sie sind beide 1852 geboren, also 52 Jahre alt. Taß sie aber von außergewöhnlicher Begabung sind, wiesen sie schon durchs ihr Hervortreten im Knabenalter. Kodama nahm schon mit 12 Jahren an einer weitverzweigten Verschwörung gegen die Schogunatsherrschaft teil, wie sein älterer Bruder und seine älteren Verwandten. Sie büßten ihre Pläne mit Vermögenskonfiskation und bürgerlichem Tode; nur dem jungen Gentaro wendete der Fürst von Tschoschiu seine Gunst zu und nahm ihn als Pagen in seinen Tienst. Jjuin war bereits mit 14 Jahren Kolonneuführer der in Kioto den Kaiserpalast bewachenden Satsumaner. Kobama ist im Kriegs Ministerium, Generaldienst und als Tirektionsmitglied der Kriegsakademie emporgekommen. Im japanisch-chinesischen Kriege war er im Hauptquartier des Kaisers in Hiroshima. Als Gouverneur von Formosa und Kriegsminister hat er sich seitdem einen guten Namen erworben; lauge bekleidete er beide Posten zu gleicher Zeit. Kodama gehört zu den dura, ovale Kopfbildung und intelligenten Ausdruck hervvrrageu den Japanern, durch die mau etwas an den französischen Typus erinnert wird. Jjuin trat erst mit 20 Jahren zur . Marine über und wurde in die Seekadettenabteilung auf- i genommen. Seine allseitige Ausbildung als Seemann ver- I dankt er aber erst seinem dreijährigen Aufenthalte in Eng- I land uno Deutschland, wo er Navigationslehre und Ballistik, das Torpedowesen und den Schiffsbau gründlich kennen lernte. Er begegnete sich 1894 mit Kodama im Hauptquartier von Hiroshima. Jetzt wirken sie wiederum beide gemeinsam als Chefs des Generalstabs der Armee und Marine im kaiserlichen Hauptquartier. Wenn man die Namen der Mitglieder des Kriegsrats durchgeht, so erkenunt mau leicht, daß die Organisation vom 28. Dezember, unmittelbar nach Rücksendung der russischen Antwort „zur nochmaligen Erwägung", ein gewichtiger Schritt war. Als diese Ernennungen und die Berufung der „alten Staatsmänner" nach- Tokio bekannt wurden, war auch die Prognose gegeben, die schon am 8. Januar im „Berliner Tageblatt" dahin formuliert wurde: „entweder doch, noch ein vollständiger diplomatischer Sieg Japans, oder die Krise, der Krieg, ist unvermeidlich." Kleine praktische Matschtäge. — Getrocknetes Gemüse und Obst kocht matt rasch weich, und es wird sehr wohlschmeckend, wenn es am Abend vorher schon in kaltem Wasser eingeweicht wurde. Unübertrefflich sind Maggi's Bouillonkapseln in der neuen, vervollkommneten Aufmachung. Bei der Sorte Fleischbrühe (zu 10 Pfg. für 2 Portionen) ist das Fett nicht mehr wie früher mit dem Extrakt vermengt, sondern den Röhrchen au beiden Enden lose angefügt. Wer Bouillon ohne Fettaugen liebt, nehme die Sorte Kraftbrühe zu 15 Pfg. Man verlange aber ausdrücklich „Maggi's" Bouillonkapseln. Moderne Kegriffe. Aus der „Wiener Mode". Siegt heut irgendwo ein Reich Schwer nach blutig ernstem Kriege, Kommt ein anderes sogleich Und will auch was von den» Siege. Nimmt sich irgendwo 'ne Bai, Zugehörig andern Zonen: Früher hieß das Räuberei, Heule heißt's Kompensationen. Wenn ein Mensch nicht reimen kann Und schreibt lauter „freie Rhythmen", Weder fähig, dem Rornan, Noch dem Drama sich zu widmen, Ein humorlos trister Fant Und dazu noch ein obszöner: Früher hieß das Dilettant, Heute heißt man es Neutöner. Kommt ein junges Weib daher, Anzuschau'n mie's liebe Elend, Hüften hat sie keine mehr, Runde Backen gleichfalls fehlend; Alles abgezehrt, senil, Vichts als Defizit und Fläche: • ; utc heißt das Jugendstil, hrüher hieß man's Altersschwäche. Kory Towsk«. Bilderrätsel. (Nachdruck verboten.) Auflösung in nadftcr Nummer.. Auflösung des Hononyms in vor. Nr,r Lauter. 8ictal:.cn; Aueuil Cöl-. — 8 und L erleg der 5 rilhl'kLen Nniverfiötr-kuä- und Steirdrulterei. R. Panne. Gießen.