Montag den 11. Januar. 1904 st W (Nachdruck verboten.) Missa Iai'cgnieri. Von Ri ch ard Bo ß. Erster Band. (Fortsetzung.) In einer Ecke, zwischen zwei Balkontüren, erhielt der Schreibtisch seinen Platz. Darüber kam ein Abguß von Michelangelos „sterbendem Sklaven", den ich so sehr liebe. Tenn es ist das glückseligste und zugleich schönste Erlöst- jverbeu vom Leben, welches mir in der bildenden Kunst vller Zeiten bekannt ist. Ein Zufall fügte, daß zwei der kleinen geflügelten Liebesgötter, die den Hain der großen Göttin durchgaukeln, gerade über dem Tisch und dem Sterbenden ein buntes Gewinde halten. Saß ich! an diesem Tisch,, daran ich ein volles Fahr itidjit arbeiten wollte, so sah ich durch die eine der beiden Balkontüren, über die Gärten der Billa Taverna und die von Pinien umrauschte Terrasse der Billa Mondragone hinweg, auf die gliinzenden Gipfel des Sabinergebirges. Ter Mick aus dem nildern Fenster umfaßte die Campagna und Rom, den Berg Soracte mit der etrurischen Ebene und dem Meeresstrand. Es war eine ganze Welt! Meine Bibliothek ließ ich, in dem luftigen Gemache unterbringen, darin das altertümliche Billard steht. Die Familie der Falconieri, die hier in Lebensgröße die Wände belebt, ist in ihrem alltäglichen Tun und Treiben mit solcher derben Wirklichkeit dargestellt, daß ich mich anfangs wie in einer Gesellschaft von Fremden fühlte, die mich höchlichst! genierten. Sie vertrauten fid) in meinem Beisein ihre Geheimnisse an, hielten ihren Klatsch und Tratsch mit- ein ander, kamen und gingen, lachten und schäkerten; und ich bin sicher, daß der Brief, den jene eine, etwas ältliche, sehr geputzte Madame Falconieri in meiner Gegenwart liest, Sin Billetdoux ist. Allerdings befindet sich ihr eigener, nicht gerade angenehm aussehender Gatte auch dabei. Tie beiden Räume im Mittelbau mit der hübschen Kassettendecke und dem seltsamen Figurenfriese wurden mein Schlaf- und Toilettenzimmer; und meine einsamen Mahlzeiten nahm ich unter lauter verstorbenen Falconieri in dem großen Saale ein. Auf der einen Seite leistete mir dabei die schreckliche Ottavia Sacchetti, auf der anderen die arme reizende Teresa Gesellschaft. Sehr schön ist in diesem Raume das Deckengemälde. Es stellt den Triumph der Benus dar, die schaumgeboren dem Meer entsteigt. Eine Gruppe junger Tritonen könnte von Domenichino gemalt sein. In einer Woche Ivar ich so vollständig eingerichtet, chls wäre ich seit Jahren ein Bewohner der Billa. Ich hatte vorzüglich^ Dienstboten, die noch heute, nach vollen zwanzig Jahren, dieselben sind, und mit denen ich, ein Leben führe, dessen patriarchalische Sitten zu meinen reinsten Freuderi gehören. Bon bett Pächiersleuten hielt ich mich nach Mögliche feit fern. Da sich ihre Wohnung in einem ganz anbent Teil des weitläufigen Hauses befand, kam ich in der Billa selbst niemals mit ihnen in Berührung. Doch machte ich Herrn Mariano in aller Form meinen Besuch der nach zwei Tagen in aller Form erwidert wurde. Eine Reihe Fenster meiner Wohnung führte auf jenen tief gelegenen Hof hinaus, wo ich! Frau Mariano zum erstenmale erblickt hatte. Die Blüten der weißen Bansia- rosen strömten mir gerade gegenüber von der Mauer zu dem antiken Torso hinach der einem Nymphäum Luculls angehört hatte. Aber Frau Mariano saß nie wieder auf dem Rande des alten Brunnenbeckens zwischen den wilden Kallablumen. ... Auf meinen Spaziergängen im Park vernahm ich bisweilen den leisen melancholischen Gesang, mit dem sie ihr Kind einschläferte. Er klang gewöhnlich vom Chpressen- teich herab. Um sie nicht zu belästigen, mied ich den schönen Ort. Sah ich sie zufällig von toeitem, so hatte sie stets ihr Kind in den Armen, und stets trug sie ein dunkles, schlechtes Kleid. Ich grüßte sie jedesmal sehr ehrerbietig, und jedesmal erhielt ich kaum einen Gegengruß. Herrn Mariano fast täglich zu sehen und zu sprechen, ließ sich unmöglich! vermeiden. Me in meinem Leben hatten mich einem Menschen gegenüber so widersprechende Empfindungen beseelt. Ich fühlte mich hingezogen uttd noch stärker abgestoßen. Seine hellenische Schönheit flößte mir Bewunderung und sein Charakter beinahe Abscheu ein. Jeden Tag genoß ich das Schauspiel, wie er mit der kraftvollen Anmut eines antiken Rossebändigers unter den Steineichen vor dem Hause sein wildes Roß himmelte; und jeden Tag fesselte mich von neuem feine Unterhaltung, die weder Salongeschwätzl noch Dilettantenweisheit war. Er war der eigentümlichste Mensch!? In seinem bei einem ersten Schneider gearbeiteten ländlichen Kostüm verkehrte er kameradschaftlich mit seinen vielen Knechten, die er sich unter den stattlichsten Burschen ausgesucht hatte. Am Feiertage spielte er mit ihnen Boccia und Morra. Mitunter besuchte ihn ein Pater aus dem Kapuzinerkloster unterhalb! der Tuskulana, oder einer der Camaldolenser aus denk benachbarten Kloster kam angetrabt, ganz in schneeweiße Stoffe gehüllt, um irgend ein Wein- oder Oelgeschäft mit ihm zu „kombinieren". Jeden Tag hörte ich ihtr auf dem Hofe mit wütender Sttmme nach seiner Frau schreien, und jeden Tag vernahm ich sein Rasen im Hause- 22 Darin erbebte icEjr Denn dan;. mußte ich der Worte der treuen Rosa gedenken: „Jetzt schlägt er sie! Er schlägt sie noch einmal tot!" Tann sah ich ihren seinen Hals mit blutroten Flecken gezeichnet. Rosa schlich häufig an mir vorüber, so häufig, daß es mir schließlich auffiel: als ob sie mir etwas sagen wollte. Sie schien beständig das Fieber zu haben. Aus ihren düster glühenden Augen starrte sie mich unverwandt an; sprach wji zu ihr, so murmelte sie irgend etwas Unverständliches und — schlich vorüber. Einmal kam mein Koch und beklagte sich: der Wein, den er auf meiuen Befehl ausschließlich von Herrn Mariano beziehe, fei gewässert; gewässert sei die Milch von Herrn Marianos Kühen, und er müßte alle Früchte und Gemüse bei Herrn Marianos Gärtner viermal so teuer bezahlen als in Frascati. Mein Koch beschuldigte Herrn Mariano des wissentlichen schäbigsten Betruges und erklärte, die Sache nicht länger mit ansehen zu können. Ich hörte nicht auf die Beschwerden des Mannes. Ich dachte an den laKinischen Virgil, darin Herr Mariano jeden Abend las, dachte an Herrn Marianos Erinnerungen an Flaubert und Millet und war über meinen verleumderischen Kochi einigermaßen empört. Ein brutaler, jähzorniger Mann konnte seine Frau schlagen; aber einem Hausgenossen die Milch wässern lassen und an einem Kohlkops vier Svldi Profit nehmen — solch kleiner miserabler Geist war der schöne Herr Mariano gewiß nicht. * Jetzt begann ich mein vergangenes Leben wie von einem hohen Berge aus zu überblicken. Ich begann in mich selbst hineinzuschauen, und in dem Wirrwarr, den ich vorfand, allmählich Ordnung zu schaffen, um alsdann etwaige aufbrausende ©türme ruhigen Geistes beschwichtigen zu können. Ich gelobte, rückhaltlos und rücksichtsli s wahr gegen mich selbst zu sein, mir in keiner meiner allzu impulsiven Empfindungen sogleich nachzugeben, jedes Vibrieren meiner Seele voller Mißtrauen zu prüfen. Mißtrauen — schon wieder das unglückselige Wort! Bei meiner psychologischen Untersuchung, die ich mit der Gewissenhaftigkeit eines Anatomen anstellte, ließ ich außer acht, oaß ein mißtrauischer Geist kein klarer Geist jein kann. Ich grübelte viel zu viel! Die Feder rührte ich nicht an. Ich hätte auch gar nid)t schreiben können, da ich gar keine Gedanken hatte. Mir frei nichts ein! Ich konnte mir nicht vorstellen, wie es gewesen war, als mir so viel einfiel: so unheimlich viel, daß ich, nur um durch die Unmenge nicht erdrückt zu werden. Tag und Nacht schrieb und schrieb — durch Jahre und Jahre. Es war ein qualvoller Zustand, die Leere seines eigenen Hirns zu fühlen, alle Phantasie erstorben und tief, tief in der Seele begraben. Aber das würde wieder anders werden! In einem Jahr schon würde gewiß alles anders geworden sein! Tas eine Jahr wollte ich geduldig aüsharren — nicht länger. Keinesfalls länger! Dieses eine Jahr durfte ich mich aber auch ruhigen Gewissens vollständig abschließen. Danach richtete ich mein Leben ein. Anfangs schrieb ich noch einige Briefe — nur die aller- notwendigsten. Dann ließ ich die meisten Briefe einfach unbeantwortet, und die Post durfte mir nur gebracht werden, wenn ich es ausdrücklich wünschte. Das war wonnig. Es war so wonnig, daß ich selten und seltener nach Postsachen verlangte. Anfangs las ich noch Zeitungen. Aber ich fühlte, daß mich diese Lektüre zerstreute, erregte, meinen Zauberkreis störte. Also las ich immer seltener. Auch das fand ich herrlich. Ich fand es fo herrlich daß ich bald auch keine Zeitung mehr las. Anfangs kümmerte ich mich noch! um diese oder jene Aufführung eines meiner Dramen. Doch das brachte jedesmal einen Sturm in meine himmlische Ruhe. Schließlich überließ ich alles, was mit dem Theater zusammenhing, meinem Ägenten; und alles, was mit Geschäften und sonstigen irdischen Angelegenheiten zu tun hatte, meinem Sekretär. Jetzt begann ich wirklich Ruhe zu empfinden. Anfangs sah ich diesen und jenen guten Bekannten, vder sogenannten Freund. Ich besaß nämlich nur sogenannte Freunde.,, Mle diese Menschen wirkten unendlich beunruhigend^ verwirrend, quälend aus mich. Mehr und mehr empfand ich daß ich sie nicht zu ertragen vermochte: weder die sogenannten Freunde, noch die Menschen überhaupt — alle Menschen! Ich ließ sie also abweisen. Zuerst nur dann und wann, und nur diesen und jenen. Aber die Einsamkeit war so köstlich daß ich schließlich niemand aus der Welt weit, weit da draußen mehr sah. Jetzt hatte ich endlich Ruhe! Jetzt war ich glücklich! Jetzt würde ich auch wieder gesund werden! * Wie verbrachte ich also jetzt meine Tage? Laßt mich nachdenken — Mein Leben in der Villa Falconieri war im1 Grunde genommen höchst eigentümlich; denn: ich erlebte mich selbst. Unausgesetzt grübelte ich über mich selbst und unausgesetzt erlebte ich mich selbst. Im übrigen hatte ich Zerstreuung, Anregung und Beschäftigung genug und übergenug. Wenn ich in meinem Freskenzimmer lag — ich hatte beständig das Bedürfnis, zu liegen und auszuruhen — so konnte ich stundenlang das festliche Gewimmel der geflügelten Liebesgötter ringsum an den Wänden betrachten, beim Beschauen nichts anderes empfindend, als daß dies Lebensfreude, Schönheit, Anmut fei. Cie tat so wohl, so wohl! Oder ich vertiefte mich ganz in den Anblick von Michelangelos blassem Jünglingshaupt, das so ruhevoll mit geschlossenen Augen und einem letzten wonnigen Seufzer auf den leise geöffneten Lippen in die Schatten des Todes sank. Ich, wandelte hoch über der Campagna dahin, die immer die gleiche, weite, große, unsäglich herrliche Landschaft war; und doch niemals dieselbe. Tenn jeder darüber hingleitende Wolkenschatten, jeder aus dunklem Gewölk hervorbrechende Sonnenstrahl veränderte sie. Es war ein beständiger Wechsel von Helle und Dunkel, von Eindrücken und Stimmungen. Jeden Augenblick tauchte ein neues Bild auf, um gleich darauf wieder zu versinken: Täler mit finsteren Waldungen; kahle Höhen mit einem antiken Grabe, einem mittelalterlichen Kastell; Triften mit weidenden Herden, Blumenfelder . . . Oder weit, weit da hinten in Etrnrien einen Gipfel, den ich nie vorher gesehen; hoch, hoch droben in der Sabina ein Dorf, das ich zum erstenmal erblickte. Diese goldigen, glanzvollen Gluten! Es war wie das Farbenspiel dcs Chamäleon... IN welchen Lichtftrömen sah ich während eines Monats allein den Soracte und die Waldberge von Cimini, die Meeresküste und die römischen Hügel. Jeder Sonnenstrahl gab neue Beleuchtungseffekte, tote von einer himmlischen Maschinerie hervorgebracht. Vom dunkelsten Purpur bis zum grellsten Rot und Orange; vom tiefsten Ultramarin bis zum zartesten Smaragdgrün fehlte keine Nuance. , Tuzu hüllte sich die feierliche Campagna zu verschiedenen Zeiten in verschiedenfarbige Blumengewünder. Jekt waren es weiße, jetzt gelbe Margueriten; diese Woche bedeckte sie roter Mohn, in der nächsten blaue Wicken. Nachmittags wäre ich am liebsten von meinem Ruhebett gar nicht aufgestanden. Aber mein Diener Domenico Uetz nicht ab, bis ich das Pferd bestiegen hatte. Saß ich erst einmal im Sattel, so war mir's sehr recht; und ritt ich erst eine Stunde, fo wurde mein Kopf freier und meine Seele weiter. ' „ , Ich sah und beobachtete alles. Ich lauschte der Natur ihre Geheimnisse ab. Sie belebte sich für mich bevölkerte sich mir mit Gestalten und Gebilden. Untergegangene Zeiten stiegen auf und verwandelten mir das große römische Trümmerfeld in Gartengefilde, bedeckt mit Prachtbauten. Jede Ruine ward zum Palast, jede Wüstenei zum Rosengarten. Untergegangene Völker erschienen, zogen in Scharen an mir vorüber: in weißen Gewändern, blurnenbekränzt, Oelzweige in den Händen, zogen sie nach dem Hain der Ferentina, an Albalonga vorbei, die heilige Straße zum schimmernden Gipfel empor, der den Tempel von Latiums höchster Gottheit trug. Tie Welt um mich ward zur Weltgeschichte. 13 Ich ritt zur Villa Tuscülana hinauf und ins „Zaubergärtlein", wie ich jene schöne Blumenwildnis getauft hatte. Ich ritt die köstlichen Wege, die nach allen Richtungen den tusculanischen Höhenzug durchschneiden. Ich drang auf meinem klugen Tier durch die Dickichte der Kastanienwaldungen und suchte die Spuren des alten Tusculum auf. Bald wurde mein Blick so geübt, daß ich die verschütteten Ruinen und halb versunken en Terrassen an einer Welle des Geländes erkannte, einer Furche die antike Straße anmerkte und überall Grotten, Nischen und Mauerreste aufspürte: von den ältesten sagenhaften Zeiten bis ins späte Mittel- alter hinein. Auf der Höhe von Tusculum ließ ich gewöhnlich mein Pferd weiden, ruhte in den Ruinen der Tiberius Villa, oder im griechischen Theater aus den Sitzreihen, wo neben mir die Eidechsen sich sonnten, oder unter den Cypressen der Gräberstraße. Ich kletterte burtf); die Trümmer zur ehemaligen Burg empor, die wie ein gewaltiger Königsthron aufsteigt, und wo unmittelbar unter dem Kreuz ein Abgrund sich auftut, sodaß das Zeichen der Christenheit triumphierend über Tod und Verderben schwebt. Häufig ritt ich durch das öde Mvlaratal, dieses Schlachtfeld der römischen Republik, nach den: Banditenneste Rocca Priora, und von dort die schönste Bergstraße Italiens über Monte Eompatri und Porzio Catone nach Frascati zurück. Rings um die Seen von Albano und Nenn, auf dem Monte Cavo und dem Hannibalsseld kannte ich bald jeden Pfad. Oder ich durchstreifte in der Tiefe die Campagna nach dem Meere hin bis zum Heiligtum „der göttlichen Liebe", bis zur Hadriansvilla am Fuße des Sabinergebirges. Um mich den Menschen nicht vollkommen zu entfremden, verkehrte ich mit Hirten und Kohlenbrennern, mit Jägern und Landleuten, bei denen ich bald ein bekannter Gast wurde, welchen sie an ihren Feuern, in ihren Capannen und ihren häufig in antiken Grabhöhlen und Grotten eingenisteten Wohnungen willkommen hießen, mit einem Glase ihres stark gewässerten essigsauern Wieines, einem Stück ihres harten, schwärzlichen Brotes bewirteten, und dem sie zutraulich von ihrem leidensreichen Leben in der Wildnis erzählten. Auch besuchte ich die benachbarten Kapuziner, die Väter von Camaldoli uno S. Silvestro und die Einsiedler von Pallazola hoch am Kraterrande des Albanersees auf der Stätte Illbalongas. Tiefes Kloster wurde bald mein Lieblingsaufenthalt. Etwas Geheimnisvolleres, Phantastischeres und Unwelt- licheres läßt sich nicht vorstellen. Tie Mönche bewirteten mich! mit ihrem Wein, erzählten mir ihre Klostergeschichten, zeigten mir die antiken Fmtbamente, daraus ihr Heiligtum gegründet ist, berichteten mir über Land und Leute, führten mich in ein wahres Mysterium der Volksseele ein. Kehrte ich abends spät ermüdet zurück, ritt ich mit einem wonnigen Heimatsgefühl durch! Vignolas herrliches Tor, durch das der gewaltige Eichbaum seine trotzigen Zweige schiebt und darüber der steinerne Falke treue Wach? hält. Wie ein Hauch von seligem Frieden wehte es mir aus dem Oelwald entgegen, wie die Schatten eines heiligen Haines empfing mich die Dunkelheit unter den Wipfeln der Steineichen, wie ein Asyl grüßte mich das geöffnete licht- strahlende Haus! * (Fortsetzung folgt.) Aus einer kleinen W-stdenz. Man schreibt den „L. N. N." aus Koburg: Unsere idyllische Residenz ist um eine „Sensation" reicher. Ter bisherige Generalkonsul der gereinigten Staaten von Nordamerika, Mr. Oliver I'. D. Hughes, ist von seiner Regierung seines Amtes enthoben worden — nicht plötzlich, wenn auch wohl sür manchen die Entscheidung überraschend kam. Seit langem schon lagen gegen diesen Vertreter der Union gewichtige Beschwerden vor, aber die asmerikanische Regierung wird einen Eklat haben vermeiden wollen und war vielleicht auch von Freunden des Generalkonsuls absichtliche oder unabsichtlich! tat Unklaren über tue wahre Lage gelassen worden. Bon den vielen Tatsachen^. die besprocknn nnd .erzählt werden, soll hier nur kurz das wicdergegeben werden, was erwiesen und jederzeit unter Beweis gestellt to er bett kann. Hughes hatte es stets verstanden, seine Person überall in' den Vordergrund zu schieben; in den besten Gesellschaftskreisen war er bekannt, gab jährlich einige lukullische Herrendiners, bei denen es an Fürsten- und Präsidententoasten nicht fehlte, und wenn er auch bei Hofe niemals persona gratissima war: bei Hoffesten und allen offiziellen Veranstaltungen, in feiner Loge int Hoftheater, in Bäzaren, bei Konzerten, besseren Gesellschaften, nirgends fehlte Mr. Hughes, überall war er zu Hause, überall war er eine unentbehrliche Person; ja, nur selten erfolgte die Ankunft oder Abfahrt einer Fürstlichkeit auf dem hiesigen Bahnhofe, ohne daß Mr. Hughes als „diplomatisches Kvrps" seine Aufwartung machte. Und wem verdankte er das alles? Wär er doch ein Mann von höchsten Verdiensten; zahlreiche Orden — sechzehn an der Zahl — schmückten seine breite Brust. Nur schade, daß alleOrden erkauft waren bis auf einen — das Ritterkreuz des Sächsischen Ernestinischen Hausordens, das er sich hier in Koburg zu ergattern verstanden hatte. Neben exotischen Orden aus Siam, der Türkei, hing das Kreuz der französischen Ehrenlegion. Auch das Eiserne Kreuz, die Zierde des deutschen Kriegers, hatte sich Mr. Hughes selbst verliehen; darüber war eine Reihe der vom Kaiser eingeführten Schlachtenspangen (St. Privat — Paris — Sei)an — Straßburg — Orleans) befestigt. Es war darum eigentlich jammerschade, daß Mr. Hughes gar nicht im Felde gestanden hat. Tie Spangen waren so wenig geschickt „ausgesucht", daß es für einen normalen Krieger nämlick) ein Ting der Unmöglichkeit gewesen wäre, Mr. Hughes Kriegserfolge mitzumachen — oder er hätte eben von einem Armeekorps zum anderen fliegen müssen. Wie der wackere Kämpe das Eiserne Kreuz erhielt, darüber wird erzählt, daß er es in Broocklyn in Amerika einem deutschen Feldzugteilnehmer „abbvrgte", der heute noch auf die Rückgabe wartet, trotzdem er es an Mahnungen nicht hat fehlen lassen. Und mit diesen „Auszeichnungen" wagte sich der Herr Generalkonsul regelmäßig in die Festlichkeiten der hiesigen Kriegervereine. Ob er zum Tragen berechtigt war, danach fragten die meisten nicht, beziehungsweise wer hätte bei dem Herrn „Generalkonsul" einen solchen Verdacht gehegt? Und dann war Hughes auch ein Herr „Tr. Phil, et med." Im Juni oder Juli 18/0 hat er das Staatsexamett in Heidelberg, gemacht, so erzählte er gern und oft in der Gesellschaft, und niemand zweifelte daran — oder doch dieser oder jener? Tenn es hat sich heraus- gestellk, daß in Heidelberg damals ein Oliver Hughes nicht studiert hat, geschweige promoviert worden ist. Wenn hierdurch und durch manches andere die Gesellschaft, in welcher er verkehrte, mehr oder minder ge- täu cht worden ist, so berührt dies mehr das private Gebiet. Aber auch die Geschäftsleute, mit denen er amtlicy zu tun hatte, wissen von feinen Geschäftsmaximen ein Lted- cken zu singen. Ein Fall, der typisch ist sür viele: Hughes pflegte sich von wertvolleren Waren, über welcye er Fakturen zu legalisieren hatte, Mnsterexemplare „für das Konsulatszimmer" geradezu zu erpressen, wertvolle Porzellangemälde zum Beispiel', welche er dann natürlich für seinen Privatgebrauch verwendete. Er ging, wie viele Geschäftsleute wissen — man braucht sich nur an manche Sonneberger Farmen zu wenden — dabei mit verblüffender Rücksichtslosigkeit vor, der sich die Geschäftsleute um so eher beugten, als sie wußten, daß Hughes es verstand, die amerikanischen Einkäufer vor ihm nicht genehmen Air« men entsprechend zu warnen. Taß Hughes Ordensschacher trieb, war stadtbekannt, denn er pflegte sich ungeniert bannt zu rühmen und jeweilig zahlungsfähigen Personen Offert? zu machen. Ter Ordensschacher isst schon (in itttb für sich ein wenig sauberes Geschäft, für den offiziellen Vertreter der amerikanischen Nation aber scheint er erst recht unwürdig und unpassend. Dabei toareit seine Verhältnisse trotz seines sehr hohen Einkommens, das auf annähernd 25 000 Mark jährlich! zu fchätzen war, durchaits keine stets geordneten. Aber der Gerichtsvollzieher hatte bet ihm, einer unter exterritorialer Gerichtsbarkeit stehendeu Person, nichts zu suchen und hat sich sogar ftüher einmal, da er es doch versucht hatte, einen scharfen Verweis seiner vorgesetzten Behörde zugezogen. Und so erschien denn auch eines Tages tat „Koburger Tageblatt" eine Annonce, tu welcher das Publikum gewarnt wurde, mit Lettten Ge- 24 schäfte jit machen, welche auf ihre Exterritorialität sich- berufen können. Wenn aucy anstandshalber dabei kein Name genannt wurde, so wußte doch jeder, daß Konsul Hughes damit gemeint war. Und wie Hughes kriechend nach oben war und rücksichtslos den Geschäftsleuten gegenüber, so war er terro- ristifch gegen seine Untergebenen. Sein „ofsiee-boy" oder Schreiber, der keine oder sehr geringe monatliche Bergüt- ungen bezog, mußte monatliche Gehaltsquittungen über höhere Summen unterschreiben; ein Laufbursche, der 40 Mark monatlich erhielt, quittierte stets über 87.50 Mk.; wollte jemand es nicht tun, wurde mit Entlassung, gedroht und den Betrag steckte Mr. Hughes in seine eigene Tasche. Zmn Schluß dürften noch einige Angaben über den „Werdegang" dieses ©entfernen interessieren. Oliver John Tavis Hughes wurde auf einem englischen Schiff im Hafen von Buenos Aires geboren. Er besuchte die Schule in Harrow in England, begann dort auch medizinische Studien und hielt sich später, im Jahre 1870, tatsächlich in Heidelberg auf, aber nicht studienhalber, sondern um das für diese Zwecke von seinem Bruder erhaltene Geld zu „derstudieren", denn er wurde, wie schon gesagt, nicht einmal immatrikuliert. Während des Krieges 1870/71 stellte er sich der deutschen Heeresleitung zur Verfügung und war in einem Lazarett in Mannheim tätig. Nach Amerika heimgekehrt, nahm er in Mexiko eine Stellung an einer Bahn an, wirtschaftete dann auf einer Farm feines Bruders und ließ sich schließlich im Island College Hospital als Arzt ausbilden. Inzwischen hatte er sich verheiratet und praktizierte bis zum Jahre 1898 in Meriden, bis ihn der dortige Aerzteverein aus dem Verbände ausstieß. Seine Frau, die schon gegen beit Willen ihrer Eltern geheiratet hatte, verschaffte ihm durch eine einflußreiche Freundin den Posten eines Konsuls in Sonneberg. So kam der Mister in unser schönes Thüringen. Tas arbeitsame, aber immer- hin stille Sonneberg genügte dem lebenslustigen alten Herrn nicht und so beantragte er seine Versetzung nach Koburg. Ta er seiner Eitelkeit schmeicheln wollte, erbat er sich das Prädikat „Generalkonsul", wenn er auch nur das Gehalt eines Konsuls beibehielt. Als solcher entfaltete er dann auch eine Tätigkeit, mit welcher er jetzt so brillant vbgeschnitten hat. DermifcW*« * Ter Herrenkragen. Im Mittelalter und vielfach, noch im Reformationszeitalter wurde der Hals' frei getragen. Rur hin und wieder begegnet man am Hals geschlossenen Kleidungsstücken. Bon der Zeit Franz I. bis gegen 1540 sieht man alsdann den gezackten Saum des Hemdes über dem Rockkragen hervorstehen. Ans diesem gezackten Hemdsaum entwickelt sich die gefaltete Krause. Tiefe Krause macht eine sehr reiche Entwicklung durch und wird bald zur Radkrause, Kröse genannt, die durch, einen mit Traht oder Fischbein gefestigten Leinwandkragen gestützt ivird. Mit einer derartigen Krause ist z. B. noch Heinrich IV. von Frankreich im Fahre 1600 dargestellt. Diese Krause nahm einen immer größeren Umfang an und wurde zu einem förmlichen Mühlradkragen, der schon zur Zeit des niederländischen Krieges allgemein, auch von Tarnen, geringen wurde. Zugleich aber kam nun die Spitze auf und nahm von dem Kragen und der Krause Besitz, indem sie an die Ränder derselben und in die Zwischenräume an- gesetzt wurde, bis die Krause ganz wegfiel und der Spitzenkragen blieb. Als Amtstracht hat sich die Krause bekannt- biS irr unsere Zeit erhalten. Die Schweden brachten 1630 den bei ihnen üblichen breiten Kagen mit; dieser wurde anfangs gesteift, später schlaff getragen und mit Spitzen gerändert. Die Spitze sowohl als der Leinwandteil waren sehr breit. Das nannte man dann Alamode. Als die Perrücke aufkam, fiel der Spitzenkragen naturgemäß fort; die Zeit Louis XIV. kennt ihn nicht mehr. Schon von 1665 ab bleibt der Spitzenbesatz weg und der Kragen wird hinten schmal getragen. Zugleich kommt das Halstuch und die Halsbinde auf. Man trug sie anfangs wohl, um Wärme zu geben, und knüpfte sie vorn zusammen und ließ die Enden frei herabhängen. Uebrigens wurden bis gegen 1700 ausschließlich weiße Halsbinden getragen. Statt der länglichen kämen bald quadratförmige Halstücher auf, welche den Diagon alen nach zusammen gelegt wurden, sodaß sie eine dreieckige Form erhielten; diese legte man zusammen und knüpfte die so erhaltene Binde int Nacken zusammen, während man vorn eine Spange oder Nadel auffetzte. Der Einsatz des Hemdes über der Brustmitte war sichtbar und mit Zacken oder Krausen geziert. Diese Tracht erhielt sich bis etwa 1792. Tann nahm man wieder ein bedeutend größeres Halstuch, das vorn in zwei großen Schleifen! gebimben wurde. Wer wieder wechselte die Mode, man fing wieder an, das Halstuch hinten zu binden, band zu- gletcyi ein zweites Tüch unter, sodaß die Bekleidung sich bis zum Kinn vorschob, wobei man den Rand des unter- gebundenen weißen Tuches oben oft Vorschauen ließ; hieraus entwickelte sich der Kragen. Als man.Nämlich die Ticke lästig empfand, das Unterbindetuch, beseitigte, brachte matt statt jenes Randes eine Art Kragen, Unterbindekragen, Vatermörder (aus Leinwand und gestärkt) in Anwendung. Ter nächste Schritt war die Umwandlung der Krawatten- binden; statt der weichen Halstücher legte man gesteifte Binden an, die man mit Atlas oder Serge überzog, vorn mit einer aufgesetzten Schleife zierte und hinten mit einer Schnalle versah. In beit Jahren bis 1840 wurden teils wieder Vatermörder getragen, deren Enden aber vorn ab- geeckt und nach außen umgebogen wurden, ober Halstücher! mit Schleifen. Tie spätere Zeitsitte beschreibt ein Zeitgenosse, Karl Köhler, tu seinem Buch „Tie Entwicklung ber Tracht" folgendermaßen: Um das Jahr 1848 fing man sogar an, den Hals mehr entblößt zu lassen und anstatt ber Krawatten, die sich seitdem überhaupt mehr und mehr verloren, oder ber Halstücher nur schmale Bändchen umzulegen, deren Enden man vorn zusammeirsteckte ober durch eine zierliche Schleife verband. Diese Bündchen — über welche man den Hemdkragen herausschlägt — sind gegenwärtig für jüngere Männer die beliebteste Tracht, während ältere sich des Halstuches bedienen, als Zere- monientracht aber immer noch die weiße Atlaskrawatte ihr Recht behauptet. — Tie Halsbinde der neueren Zeit, aus ber sich die Krawatte entwickelt hat, ist häufig Gegenstand literarischer Studien gewesen. In England erschien 1818 eine Schrift Cravatiana, die große Verbreitung gewann und ins Französische und ans dem Französischen ins Deutsche übersetzt wurde (erschienen 1823 in Ilmenau), Auch Baron de l'Empess gab eine Schrift über die Kunst, seine Krawatte zu binden, heraus; er gab ihr das Motto: La Cravate, e'est l'homme. In dieser Schrift findet sich die Stelle: il n'est Pas permis a tont $e moud de bien mcttre sa eravatte. Weiter erschien eine Geschichte der Krawatte und des Kragens von Gr. be M., in welcher ber Kragen treffend le Point de mire de nos interlveutions genannt wird. Wir haben uns der Gegenwart genähert und möchten nunmehr noch der Frage «übertreten, ob die heute übliche Form des Kragens einer toeitern Entwicklung fähig ist. Tie am meisten moderne Form ist bekanntlich ber steife, hohe Umschlage-Stehkragen. Uns scheint, als ob derselbe eine heilsame Rückkehr des steifen Stehkragens zum schlaffen Kragen anbahnt. Ter Kragen der Zukunft wird, wenn wir uns nicht irren, ein schlaffer seidener Umlege-Stehkragen sein. Born ästhetischen und hygienischen Gesichtspunkt aus bedeutet der gesteifte Stehkragen, namentlich wenn er hoch ist, ein Verbrechen, indem er die Freiheit des Halsgelenkes zunichte macht und eckige, für einen Beschauer von unverdorbenem ästhetischem Sinn recht lächerlich wirkende Bewegungen im Gefolge hat. Es wäre daher sehr freudig zu begrüßen, wenn der hier gewünschte schlaffe, doppelte Umleg-Stehkragen aus Seide, wie er sich bei Sporthemden schon hier und da findet, in Mode käme. Buchstabenrätsel. Nachdruck Betboten. Mit G ein Dichter wahr und schlicht. Mit K ein Bildner durch das Licht. Auflösung in nächster Nummer. Auflösung des Bilderrätsels in vor. Nr r Maskeradenscherze. Redaktion: August Götz. — Rotationsdruck und Verlag der Brühl'schen UnidersttütS-Buch- und Cteindruckerei. R. Lange, Gießen.