Krettag den 11. Aovemöer 1904. WL Iffl WWÄ Aus Liebe. Roman von M. v. Eschstruth. (Nachdruck Verboten.) (Fortsetzung.) Ja, Asmus von Dörrenbach kannte Harro von Uran. Und darum wußte er auch, daß sein Kamerad, trotz alledem, empfänglich geblieben für Ehre und Pflicht. Er war überzeugt, ein gutes Wort hier konnte Wunder tun. Wenn er damit zugleich die Kunde empfing von seinem Kinde — dann ja — dann konnte er ja gar nicht anders als — Hier wurden des braven Asmus Augen aber doch einen Augenblick so dunkel, daß sie selbst von dem blonden Geringer auf dem weißen Nacken jeden Schimmer verloren. Sein Herz krampfte sich zusammen in schmerzlichem Kampf. „Und darum kann ich ihn nicht bitten, ich — ich kann, ich will ihm auch nicht schreiben — nie —" klang es jetzt leise in diesen Kampf hinein. Und da war er ausgekämpft. „Das sollen Sie auch nicht, meine gnädige Frau", erklärte Asmus fest. „Dennoch verlieren Sie den Mut nicht. Es wird noch alles gut werden. Glauben Sie mir. Einem Freunde muß man glauben. Und für Ihren Freund haben Sie mich doch immer gehalten —" Und es war doch gut, daß Jutta immer noch ein gut Teil ihres ursprünglichen, instinktiven Empfindens, ihres impulsiven Naturells geblieben war. Mit freilich noch tränenden, doch bereits auch strahlenden Augen richtete sich die kleine Frau empor: „Ach, ich weiß es ja, Herr von Dörrenbach, Sie haben mich immer am meisten verstanden, Sie sind immer mein treuester Freund gewesen." Indem kam Hildegard von einem Ausgange zurück. Ter Major mußte bleiben, er blieb den Nachmittag und den Abend. So behaglich glücklich hatte er sich lange — niemals gefühlt. Er meinte, die Stelle gesunden zu haben, wo seiner Seele Heimat war. Doch heiter, wie man zuletzt geworden war, der Abschied wurde wieder ernst. Ernst schritt Dörrenbach durch den späten Abend hin dem Bahnhofe zu. Ob es gelingen würde, was er sich gelobt? Sorgen stiegen bei dem Gedanken in ihm auf, und er merkte abermals mit Schrecken, daß er sich alle Mühe geben mußte, um einen glücklichen Erfolg zu wünschen. 23. Kapitel. Frische, fröhlich schneidige Begeisterung herrschte unter den Leuten, mit denen Harro von Urau die Arbeit, den Drill, all die Vorbereitungen für die Fahrt nach Ostasien zu vollenden, befohlen war. Tie ganze dem Germanen eigene, nimmer ersterbende Kriegslust, die nimmer ersterbende Freude an den Fahrten hinaus, schien die Männer zu durchglühen. Dazu kam noch das Verlangen nach Sühne für eine so ungeheuerliche Verletzung von Sitte und Kultur. Unermüdlich, mit frohem Mute waren sie am Werk, wurde geübt und exerziert. Die gelben Kerle sollten verhauen werden, daß die Zöpfe nur so in der Luft herumflogen> und deutscher Mut und deutsche Fäuste auch hier, wie überall, zu Ehren kommen, geachtet und gefürchtet fein) für ewige Zeit. Dann wurden Abschiedsfeste gefeiert. Es wurde getrunken und geredet in immer neuer schneidiger Begeisterung für den Kaiser, der mit seinem! genialen Blick solch eine Katastrophe vorausgesehen, mit seiner genialen Hand die Initiative ergriffen hatte — für die Armee, die ein leuchtendes Beispiel sein sollte alten! Armeen — für das Vaterland, das endlich wieder die Stelle unter den Nationen einnahm, die es einst in seiner goldenen Jugend innegehabt, die ihm bestimmt schien in seinem nationalen Genius. Harro war stets ein guter Soldat gewesen. Doch et konnte diesmal nicht mittrnr, wenigstens nicht mit dem fröhlichen Herzen, mit dem er sich sonst einen Krieg gewünscht. Denn nicht sein Soldatenblut, nicht einmal Ehrgeiz und Ruhmsucht hatten ihn hier in die Reihen gebracht^ sondern — ach, er mochte nicht daran denken. Und er gab sich Mühe, zu sein, wie die andern. Er wurde noch' eifriger als sie im Dienst, in der Begeisterung für die Pflicht, doch der Druck blieb auf seiner Seele. Es war ihm, als blieb er einsam unter allen, als türmten- sich Mauern zwischen ihm und den Gefährten. Endlich kant der Tag der Abfährt heran. Nur die Eltern waren nach, Kiel gekommen, um noch einmal von dem Sohne Abschied zu nehmen. Sie hatten früher schon eine ernste Unterredung mit diesem gehabt. Papa war, wie bekannt, von Anfang an nicht sehr erbaut tioit der frühen Heirat der beiden ver- wöhntcn Brauseköpfe geweseu. Er hielt — hinsichtlich seiner. Ehe — trotz alledem zu dem Sohne. Mama erst recht. Tarin erging es ihr, wie manch einer ihrer Schwestern, die gerade, weil sie selbst tüchtig sind, am härtesten mit dem eigenen Geschlecht in das Gericht gehen. Und da die kleine Frau schon länger ziemlich begreiflicherweise in Ungnade bei den Schwiegereltern geraten war, und Harro erklärt hatte, es sei aus zwischen ihm und Jutta, ganz und gar, für immer und ewig, so hatten der Kommandierende und seine Frau, weiter keine Versöhnungsversuche gemacht, vielmehr beschlossen, sich nicht weiter in diese Tinge zu mischen,, Ebenso waren sie, den Dingen zuliebe, mit Harros Beteiligung au der chinesischen Expedition vollständig einverstandem „Ja, es ist am besten, daß Tu gehst", hatte daun Papa, beim Scheiden noch 'einmal wiederholt. Und daß dem so war, das hatte Harro die Abschiedsstunde, die hohe herrliche Stunde für alle, vergällt, das war es, was ihn von den anderen trennte und seine Seele immer von neuem wieder bedrückte. Umflorten Blickes stand der junge Offizier auf Deck unter den Gefährten. Als dann die große Schraube ihtz Werk begann, der Kiel sich hob, um die Wellen zu durchschneiden, da ging es ihm wie ein Ruck durch Nerven, Herz und Glieder: Hatte er doch auf etwas gewartet, das nich) ein getroffen war; schien es. ihm doch erst jetzt ganz be- — 670 lvußt zu Werben, Vas' er für imitier verloren — was ihm einst bas Liebste gewesen.--Und nun brausen bie Wellen, sie türmten sich hoch, jubelnb mit schäumenbem Gischt. Die Sonne scheint, Millionen nnb Millionen von Flinken tanzen über ber schimmernden Flut. Der Winb weht mit frischem Hauch von bem blauen Himmel herunter über bie weite See, unb unter bem blauen Himmel weithin einen leuchtenden Streif nach sich ziehend, mit mächtiger Bewegung meistert der „Bismarck" das Element. Die Leute fingen; gedämpft, doch deutlich klingen die heimischen Weisen herüber bis zum Vorderdeck. Die Kameraden sind fidel, scheu oder plaudern zusammen. Zuweilen auch geben sie jenen Weisen ein weithin schallendes Echo zurück. Harro allem fühlt sich, einmal wie das andere Mal, einsam und bedrückt. Nur der Dienst findet ihn auch hier immer frisch auf Posten. „Wollte, wir wären erst am Land und in Aktion", das wünschte er um ein! aut Teil sehnsüchtiger und ungeduldiger als sie alle. Endlich war dann die Fahrt mit ihrem! fröhlichen Treiben und ihren ebenso unausbleiblichen Entbehrungen und Mühen überstanden. Neue Eindrücke, neue Pflichten machten sich geltend. Und als ihm die Äugeln des Feindes um! den Kopf geflogen, als es kämpfen hieß mit chinesischer Schlauheit, chinesischer Tücke, Fatalitäten auf jedem Gebiet, da Begann allmählich der Druck von Harros Seele um ein wenig zu weichen, fühlte er, daß wieder etwas in ihm lebendig werden wollte von ber alten Tatenlust. Er war ber erste überall, unb wenn es zum Gefecht kam, sicher an ber gefährlichsten Stelle zu treffen. Eine Weile lang hatte chn sein gutes Geschick in allen Fährlichkeiten behütet. Endlich aebr zeigte es sich, daß auch Leutnant von Uran Nicht unverwundbar war. Bei einem der mannigfachen Gefechte auf dem Marsche in das Innere des Landes schlug eine feindliche Kugel durch'seine rechte Hand; eine andere traf in den Unterleib. Die Schmerzen waren fürchterlich, das Blut strömte nur so. Und doch, über diesen neuen Schmerzen schienen die alten vergessen, kam es über Harros ^peele plötzlich wie tiefe Ruhe. Mit dem Tahinströmen seines Blutes schien ihm leichter zu werden, leicht wie lauge nicht. Diesen ganz besonderen „Saft", ber, nach dem konventionellen eode, dem Manne verfallen war, den er, um feiner Frau willen, beleidigt —, er hatte ihn nun doch vergießen dürfen im ehrenvollen Mut und ehrenvoller Sühne für alles, was seinen ehrenhaft gebliebenen Sinn bedrückt — im Kampf für das Vaterland. Beinahe wie ein Lächeln flog es über des Verwundeten Zuge. Dann behauptete die Natur ihr Recht, eine Ohnmacht nahm ihn umfangen. Leutnant v. Uran kam nicht eher wieder zu sich, als bis rhu d:e wahnsinnigsten Schmerzen in das Bewußtsein zu- ruckbrachten, und er merkte, daß er auf einem grauenhaften Gefährt weiter befördert wurde und nun Wohl erst die eigentliche Leidenszeit begann, aber das sollte alles nichts sein gegen das, was dahinter lag. Und die Aerzte er- staunten über feinen Mut, feine Geduld, je nachdem auch über die Laune, bie er in allen Schmerzen, allen Fatalitäten seiner Verwundung und der Verhältnisse behauptete Wenn es nur nicht so lange währt und ich noch einmal M das Feuer komme, schien die einzige Sorge dieses Patienten zu fein. Leider nur, daß diesem Wunsch feilte Erfüllung werden wollte. Ein böses Fieber trat in Begleitung ber Wimbeu auf. Harro wurde recht krank und der Frieden mittlerweile so gut wie sicher ..... „Zum erstenmal seit Wochen hatte der Arzt seinem all- mahlich genesenden Patienten erlaubt, Blätter und Briefe selbst zu lesen. Ms Harro danach griff, fiel ihm unter semer Post eine alte Zeitung in die Hand. Sie mochte durch einen Zufall hierher gekommen sein, vielleicht hatte der Arzt oder der Wärter darin gelesen, als er die sonstigen Briefe und Schriftstücke für den Leutnant v. Uran hier zusammengelegt. Es ,ivar das Blatt, welches die Atizeige von dem Tod feines Rittmeisters enthielt. Lange im tiefen Ernst starrte ber junge Offizier auf diese Zeilen. Dann durchzuckte es ihn wie mit einem elektrischen Funken und wie der Funken die Kette durchläuft, tauchte eine Kette von Erinnerungen auf ,in feinem Hirn. Er schüttelte den Kopf, er wollte nicht daran denken. Er griff aufs neue, aufs Geradewohl nach .einem anderen unter den Briefen unb öffnete ihn schnell. Lieber — Liebster — so staub es hier. durchzuckte es [ein noch fieberndes Hirn mit rnachtigeM Schlag. So konnte nur eine schreiben. Unib Almch einer Fata Morganti stieg die einst so beglückende, betörende Leidenschaft vor seinem Geiste auf. Wieder schüttelte er den Kopf. Er wollte nichts mehr wissen von dem allem, doch sein Kopf war fiebermüde und sein Herz war ftebermatt. Der Brief zitterte in feiner Hand. Die Buchstaben tanzten vor seinen Blicken, tanzten sich in feine; Augen hinein. ' „Lieber — Liebster!" las' er nun. „Es war nicht gerade feyr nett von Dir, daß Du so ohne Abschied gingest." Einfach souverän, wie immer, hafte sich Frau Ellinor auch hier über alles hinweggefetzt, was beengen konnte. „Doch das Schicksal war gegen uns, es ging wohl nicht 'anders. Zuerst war ich außer mir und wütend auch auf Dich. Später habe ich mir ein Rezept gemacht, wie Deine kleine Pute zu meutern Brief gekommen sein kann. Well, fair war das gerade nicht und ladylike noch weniger." Harro ballte die Hand. Daß dem fo war, das" war ja gerade das, was er Jutta nicht vergeben konnte — nicht vergeben durste. Und er las weiter : „Sie hat uns einen! schlechten Streich gespielt. Hans Joachim aber hat sich glanzend Benommen. Er war affer all, doch ein Gentle- ntan, und sensible too. Und darum ruhe er in Frieden'. $u wirst ja wohl die Nachricht bekommen haben, daß er gestorben ist. Ich stehe an seinem Grabe ohne Groll unb Gram." Daß Harro gerade die Nachricht eben noch gelef-m' milderte um vieles die krasse Plötzlichkeit und wahrhaft lahmt) aje Kürze dieser Mitteilung hier Dennoch ^abermals tödlich erschrocken, starrte der junge Offizier auf den Briest Der stark betäubende Dust, der allem, was zu Ellinor gehörte, eigen, war über See verloren gegangen, aber etwas Papier Ei ^strickenden Arom entströmte immer noch dem Wieder senkten sich Harros' Blicke darauf. „Nun, Webster, las er weiter, bin ich frei, ohne daß mir die Welt den Makel der geschiedenen Frau anhaften kann, und' ich liebe Dich immer noch! Mache auch Du Dich frei! Euch Männinm schadet dergleichen nicht. Es macht euch erst recht Sollten Deine Leute aber widerhaarig werden, zieh ihn aus, den bunten Rock. High life gibt es überall für einen alten Namen und immer neues Geld. Wir gehen auf Netsen. Wenn. die Aristokratie da etwas bunter ist, all tye beiter. Zuletzt fand ich es doch grausam öde bei Euch, — Die Rennen aber in Baden, in Paris; eine Jacht auf bem Meere, eine season in London, die Jagden in Schottland, zur Abwechselung einen stag in Monaco, ein trip to Kano oder sonst einem intsressanten Platz; ich denke, das wiegt den ewigen Drill, das Scharwenzeln und Schusterin die ganze Philisterei Eurer Verhältnisse auf. Darum mache Dich frei von Deiner kleinen Pute — eise Dich los aus Ostasien. Wenn die silbernen Schnüre öraufgehen, — ich iGmucke Dich mit goldenen Ketten. Für heute genug. Schreiben ist meine Stärke nicht, dafür verstehe ich zu leben, Mst.wie Du. Und darum hast Du es auch mir angetan mit Deinen blitzenden Augen, Deiner prächtiges Schönheit, Deiner heißen Jugend und feurigen Lebenslust — und ich weiß auch, daß Du mir gehörst und gehorchst Deiner Ellinor." „ . Za, das war Ellinor! — Noch einmal mit feinem bestrickenden Zauber stand ihr Bild auf vor seinem Geist —< empfand er die ganze Macht, die ihrer Persönlichkeit eigen, aft bte Mittel, bie ihre Hand hielt, um sich das Leben' mit souveräner Lust und Laune zu gestalten.' Doch 'zu viel lag dazwischen. Er war ein anderer geworden, und damit begann sich tilutf} eine ganz andere Empfindung in seiner. Seele zu regen, erst leise, ganz leise, dann mächtiger, immer mächtiger--x ~ ‘ ' Und die Hand, die den grauenhaften Brief hielt, sank an ihm nieder. Seine Finger lockerten sich; wie vom Wind geweht, flog das Papier über den Boden hin. Harro merkte es nicht. Er blickte starr geradeaus, wie auf eine Stelle in weiter Ferne, die nur feine Augen sahen. Schmerzliches Brüten kam über die einst so prächtig stolzen Züge, zuletzt tropfte eure Träne langsam die schmalgewordene Wange herab: „Jutta, arme Jutta", murmelte er leise — darum — darum —" Der Moment reifte ihn um Jahre. Wie Feuer Brannte diese Traue an seinen Wangen und in seinem Herzen; >as Feuer aber löste feine Seele los von jedem Irrtum!, ;ebent Trotz, allem Unrecht und allem Fehl, fchmiedete sie. fest Mr .das Leben und feinen Kampf, gleiM dem! Eisen Lunt Stahl. Lange, lange faß er so. Er hatte ganz vergessen, daß da noch ein Brief seiner harrte. Endlich, als er wieder aufmerkte, fielen feine Blicke darauf. Mechanisch griff er nach dem Schreiben. Es war von Dörrenbach. Dörrenbach war gerade kein Briefschreiber, diesmal aber hatte er sich doch daran gehalten, und' die Liebe hatte ihn sogar zum Diplomaten gemacht. Er hatte alles vermieden, was nur einen Schein von Vermitteln zu erregen imstande war oder der leisesten Indiskretion ähnlich sehen konnte. Er sprach zuerst seine Freude aus, den Kameraden in Aktion zu wissen. Er würde selbst gern mitgegaugeii fein — aber das Klima sei nicht für ihn. Wäre er doch im Sommer bei uns schon mehr tot als lebendig und fröre dafür im Winter wie ein Eiszapfen fest. Dafür hoffte er mal 'auf einen anderen fröhlichen Krieg, damit er doch wüßte, warum er den bunten Rock zum täglichen Gewand erkoren und den Drill zum täglichen Spiel. Dann Begann er zu erzählen von seinem Besuch bei Jutta. Er habe Frau v. Uran die ganze Zeit nicht gesehen, doch auf die Nachricht von der kleinen Erbprinzessin habe er doch nicht widerstehen können, der jungen Mutter seine Glückwünsche dar- znbringen, wie nun auch ihm — siehe dieses Schreiben. „Die kleine Puppe", so fuhr er dann fort, „ist übrigens reizend! Ich Habe gar nicht gewußt, wie reizend solch Meines, zappliges Ding ist.« ; 1 ; ( f: -tij b. : ■ i (Schluß folgt.) . ,-J i.', . „Monats-Engel!" r Kapitel der modernen Künstler-Ehe stellt Ernst von Wolzogen im „Literarischen Echo" (Berlin, Egon Fleischet u. Co.) recht temperamentvolle Betrachtungen an. Im .Anschluß an den jüngst erschienenen Briefwechsel Richard Wagners mit seiner Jugendliebe Mathilde Wesendonck nimmt er den damals noch in schweren Lebenskämpfen ringenden Meister gegen den Vorwurf in Schutz, daß er gegen seine erste Gattin Minna Planer undankbar und herzlos gehandelt habe, als er sich von ihr trennte. .Frau Minna war nicht die Frau, ein Genie auf me Tauer zu fesseln, sie war keine Persönlichkeit, sondern nur .em „Lebewesen weiblichen Geschlechts" ohne höhere Bestimmung. „Es ist wunderlich", sagt Wolzogen, -„daß solche weßilichen Mchtse verhältnismäßig häufig von Künstlern, zumal von Dichtern in der kurzen Traumblüte ihrer lilienhaften Jugend entdeckt, _ verhimmelt und — geheiratet werden. Mvnatsengel möchte ich diese unheimlichen Wesen nennen, denn sie sind einmal vier Wochen lang hübsch,, vielleicht sogar schön gewesen als junge Mädchen, und in dieser Zeit hat ihnen der Zufall so einen Phantasten in den Weg geftihrt, der ihnen Flügel andichtete und sie zum Engel ernannte. Ihr weiblicher Instinkt gibt ihnen meist das richtige Verhalten gegen ihre Anbeter ein; sie sind kühl und stumm wie die Fischlein im See und beschränken sich darauf, im Wasser ihre Unbedeutendheit nur sacht zu plätschern und ihre bunten Schuppen in der Sonne glitzern zu lassen. Ta Künstler, uild Dichter in Sonderheit, bekanntlich erheblich dümmer find als alle übrigen Männer, sobald die vernünftigen Forderungen . des praktischen Lebens in Frage kommen, und da ferner mit dieser Art von Dummheit auch die treuherzige Ehrlichkeit in gleichem Verhältnis sich steigert, bis zum sittlichen Fanatismus zuweilen, so werden diese Monatsengel von ihnen geheiratet — oft sogar, nachdem ihr Monat schon längst vorbei ist! Es gibt Mädchen genug, die das Zeug zu echten Künstlergattnmen irr sich haben, beweglichen, entwicklungsfähigen Geistes, voll Temperament und köstlichen Leichtsiniis, phantasiebegabt und dabei doch in praktischen Dingen rasch zngreifend und instinktiv das Richtige treffend. Solche Weiber find Persönlichkeiten, d. h. sie bedeuten für sich selbst etwas; dem Manne, den sie verstehen und den sie ließen, sind sie wertvolle Mitkämpferinnen; sie können auch treu ausharren und dulden, aber nicht jammernd mit den Händen im Schoß, sondern indem sie den Gatten ihrer Wahl durch ihren Leichtsinn aufheitern, durch ihre gesunde Zuversicht seine Widerstandskraft stärken, indem sie ihm den Ausweg aus der Bedrängnis suchen helfen, öder womöglich gar sich mit eigener Kraft eine Bresche ins Freie schlagen. Aber seltsamerweise werden diese einzig möglichen Mädchen gerade von denen, für die sie vorbestimmt erscheinen, nicht geheiratet. Ter Idealismus dieser Mädchen treibt sie, sich dem Manne, den sie lieben, ohne langes Bedenken hinzugeben, und darum — hat man nur ein Verhältnis mit ißnen! Ich kenne, zahlreiche solcher Künstlerehen, in denen ein Monatsengel einem hochstrebenden Manne für sein ganzes Leben zum Verhängnis geworden ist. Alle diese Ehen sehen sich zum Verwechseln ähnlich: der geist- und temperamentlose Engel verblüht weit rascher als jede andere hübsche Jugend, und eine Aufwärtsentwicklung ist bei dieser Sorte Frauen ausgeschlossen — im Gegenteil, je älter sie werden, desto aufdringlicher machen sich die. besonderen Anschauungen, die Manieren und die Rede- 671 — 2' weise der Kreise, denen sie entstammen, bemerkbar. Tie einzige geistige Cmtwicklung, die sie durchmachen, pflegt im Nachschwätzen einiger gebildeter Redensarten zu bestehen, die sie in ewiger Wiederholung zur Verzweiflung des Gatten bei jeder passenden und unpassenden Gelegenheit vorbringen; denken und nrteilen lernen sie natürlich niemals, und die geistigen und sittlichen Qualitäten ihrer Gatten vermögen sie nicht anders abzuschätzen, als nach den: Verdienst, den sie Heimbringen, und nach den äußeren Ehren, den ihnen die Welt zu teil werden läßt. Gegen die Not wissen sie sich nur durch Jammern und Wehllagen zu wehren, in Glanz und Wohlleben aber versagen sie noch lläglicher, denn sie haben kein Stilgefühl und Anpassungsvermögen; sie machen sich durch Geschmacklosigkeiten lächerlich und hindern dadurch den Mann, sich frei und fröhlich in der Gesellschaft zu bewegen, die ihm gebührt. Sie haben dem Manne absolut nichts zu geben, verlangen aber als selbstverständliche Gegenleistung seine stille Duldung all ihrer Schwächen und Torheiten, seine unverbrüchliche Treue und schließlich gar volle Teilnahme an seiner gesellschaftlichen Ehrenstellung. Zufrieden ist diese Art Frauen nie, weil sie nicht den Humor besitzt, die lleinen Widerwärtigkeiten und großen Unvollkommenheiten des Daseins lächelnd hinzunehmen — und eifersüchtig ist sie immer, diese Art! Ganz natürlich, denn sie weiß wohl, daß das, was sie ihrer ehelichen Pflicht genügen nennt, mit den Entzückungen, denen die Quellen aller höchsten Kunst entspringen, nicht identisch sein kann. Darum haßt sie, jedes intelligente und einigermaßen ansehnliche Weib, das in ihres Gatten Nähe kommt, und verfolgt diesen mit unablässigem Verdacht, mit Spionage und unbegründeten Tränen oder Wutausbrüchen." Frau von Hervay. Tie Mutter des infolge seiner Ehe mit einer Betrügerin! durch Selbstmord aus dem Leben geschiedenen Mürzzuschlager Bezirkshauptmannes von Hervay hat beim Gericht in Leoben eine Klage auf Ungiltigkeitserklärung der Ehe ihres Sohnes mit Leontine von Hervay geb. Bellachini eingereicht. Tie Zauberer- tochter ist, wie wir kürzlich meldeten wegen Bigamie zu vier Monaten Gefängnis verurteilt worden. In der „N. Fr. Br.« gibt jetzt Frhr. Alfred v. Berger Beiträge zur Psychologie dieser seltsamen Frau. Er sagt darin: „Von verschiedenen Leuten, mit denen ich über den Fall Hervay sprach, vernahm ich die Aeußerung: „Ich kenne einige Damen, die so sind wie Frau v. Hervay. Wenn man die sämtlich einsperren wollte. . . .!« Mir selbst geht's auch nicht anders. Ich wüßte mehr als eine; Dame zu nennen, die ziemlich genau dem Bilde entspricht, das ich mir vom Wesen und Charakter der Frau v. Hervay gestaltet habe. Ich will damit den Damen, an die Frau von Hervay mich lebhaft erinnert, keine schlecht verblümte Sottise sagen. Im Gegenteil. Einige unter ihnen waren und sind mir im hohen Grade sympathisch, ja, von mancher geht ein Zauber aus, den jeder ästhetisch feinnervige Mensch, wenn er ihm schon nicht erliegt, empfinden muß. Einen solchen Zauber muß ja auch Fran v. Hervay üben. Frau v. Hervay zwang mich, mehr noch als an persönliche Bekannte, au Gestalten der Literatur zu denken, in denen ich die entscheidenden Züge ihres Wesens, mannigfach variiert wiederfaud. Alphonse Daudet, glaube ich, hat eine Novelle „La menteufe" („Tie Lügnerin") geschrieben, die einen solchen Charakter aufs lebendigste schildert und uns mit poetischem Tiefblick ahnen läßt, daß der faszinierende, verrücktmacheude Reiz seiner Heldin gerade aus den Eigenschaften stammt, die der Leobener Staatsanwalt ihre Verlogenheit nennen würde. Auch Ibsens Rebekka West fiel mir ein, die sich des adeligen Johannes Rosmer durch ein Netzwerk raffinierter Lügen bemächtigt. Darüber aufgeklärt, daß sie das nicht ist, !vas er in ihr sah, geht Rosmer zu Grunde. Jeder Kenner der Grill- parzerschen Lyrik weiß, daß Weiber jenes gefährlichen Schlages, in denen die Lüge die Gestalt der Grazie und Anmut angenommen hat, seinem leidenschaftlichen Herzen schwer zu schaffen machten. So grausam scharf seine Augen sehen, konnte et sich doch von dem Zauber solcher Frauen, in denen sich die Erundkrast seiner Tichterseele zu verkörpern schien, nicht befreien. Wer etwas von den Mysterien des Erotischen versteht, weiß ja, daß eilte nach Herkunft, Verhältnissen und Charakter mysteriöse und problematische liebenswürdige Frau, von der man eigentlich gar nichts gewiß weiß, als daß sie da ist, für Manuesphantasie stärkeren Zauber hat, als eine der gesellschaftlichen Ordnung mit trivialer Klarheit eingegliederte. Maximilian Harden, den auch der psychologische Fall interessierte, schreibt in seiner „Z u fünf t" über „Bellachims Tochter": „Gibts am Ende doch solche Tierchen, wie Herr Frank Wedekind sie in seinem Zirkus zeigt? Da war ein Schlänglein zu sehen, das bald Lulu, bald Eva hieß, auf deutsche und welsche Namen hörte, manchmal sogar eine Wappenkrone trug und dem der Besitzer nachrühmte: Sie ward geschaffen, Unheil anzustiften. Zu locken, zu verführen, zu vergiften. Zu morden, ohne daß es Einer spürt.« 672 vermischter. »' Zur Zeit ist es noch vielfach Sitte, junge Mädchen nach ganz kurzer Lehrzeit von einigen Monaten als fertige Verkäuferinnen einzuflellcn. Diese mangelhaft ausgebildeten Gehilfinnen werden natürlich auch angemessen, d. h. schlecht bezahlt. Dieselben betrachten sich aber als Angehörige des Kaufmannsstandes und werden auch als solche behandelt. Dass ein solches Verhältnis nicht dazu angetan ist, das Ansehen des Kaufmannsstandes zu heben, bedarf keines Beweises. Diese unleidlichen Zustände in bessere Wege zu leiten, dieses Verdienst hat sich die Kaufmannschaft der Stadt Sorau (Lausitz) erworben. Die Herren haben sich nämlich bei Zahlung einer ansehnlichen Konventionalstrafe verpflichtet, den jungen Mädchen, die sie in Stellung nehmen, eine zweijährige Lehrzeit aufzuerlegen und sic zum regelmäßigen Besuche der obligatorischen Fortbildungsschule zu verpflichten. Die städtischen Behörden haben diese durchaus richtigen Bestrebungen unterstützt, indem sie eine eigene Schule für Mädchen gründeten, die in kaufmännischen Geschäften tätig sind, und indem sie alle jungen Angehörigen des Handels weiblichen Geschlechtes zum Besuche dieser Anstalt verpflichteten. Seit langen Jahren betrachteten die männlichen Handlungsgehilfen ihre Kolleginnen mit scheelen Augen, was dadurch verursacht wurde, daß durch die schlechte Bezahlung der Mädchen das Einkommen der Gehilfenschaft überhaupt herab- gcdrückt.wurde, und daß infolge der mangelhaften Ausbildung der im Handel arbeitenden Mädchen das Ansehen der jungen Kaufmannschaft zu leiden hatte. Der in Sorau betretene Weg ist wohl geeignet, nach beiden Seiten hin eine Besserung der bestehenden Zustände yerbeizuführen und viel beklagte Mißstände zu beseitigen. Wir begrüßen denselben mit lebhafter Freude und hoffen, daß das gegebene Beispiel