1904. m «KM IM sUMEARKc- MWW EM Kni angenehmes Krke. Humoristischer Roman. Von Victor von Reisner. (Nachdruck verboten.) (Fortsetzung.) Menn die Lösung der ckateintschen Aufgabe auch nur annähernd derjenigen der Rechenexenipel glich, dann mußte ja dieser Tag ein Ende mit Schrecken nehmen. Der Pfarrer war mittlerweile bei seinem Freunde Hinko .eingetreten. „Ich habe Dich rufen lassen", begrüßte ihn dieser, „weil ßnein Herz nach Dir verlangte. Du vergräbst Dich jetzt wie kin Murmeltier in Deinem Bau und läßt gar nichts mehr von Dir hören. Was soll denn' das heißen, was —" „Du weißt doch, wie mir zu Mute ist —" „Eben deswegen mußt Du Dich aufraffen und unter fröhliche Menfchen gehen", schalt der Graf gutmütig, „das beißt", fügte er dann, sich besinnend, hinzu, „allzu fröhlich Hnd wir ja auch nicht. Du wirst wohl schon gehört haben) welch' hirnverbranntes Stückchen meine beiden Jungen aus» führten." „Ich hörte es", bestätigte der Pfarrer nickend. „Nun, die wohlverdiente Strafe folgte natürlich auf dem Fuße — das kannst Du Dir denken", erklärte ihm Stepenaz. „Uebrigens diktierte ich ihnen außerdem einen vierzehntägigen Hausarrest und gab ihnen noch lateinische Aufgaben und Rechenexempel zur Ausarbeitung auf." Der Pfarrer räusperte sich verlegen. „Die heute abgelieferten Rechenexenipel find unter aller Panone ausgefallen", redete der Graf werter, „und die lateinische Arbeit hätte unser alter Esel, der die Schafe zur Weide führt, wahrscheinlich auch besser getroffen. ' „Na, weißt Du, das kannst Tu doch nicht sagen", pro- Stierte der Pfarrer, zu seiner Verwunderung, ganz be- digt. „Wieso kann ich das nicht sagen?" ereiferte sich Stepenaz, pstch will tnit meinem bißchen Lateinisch gewiß nicht dicke tun, Uber daß die beiden Dummköpfe nichts Vernünftiges zujammengebracht haben, könnte ich sogar behaupten, ohne ktwas davon zu verstehen ohne es überhaupt gelesen zu haben." ,/Laß mich doch ciirmal einen Blick hineinwerfen", bat der Pfarrer. Bereitwilligst reichte ihm Stepenaz die Arbeit hin und 'erwartete gespannt die Bestätigung feines Urteils. Zu seinem höchsten Staunen ließ aber der Pfarrer ein zufriedenes — „hm, nicht übel" nach; dem anderen' hören. „Du meinst am Ende gar, daß es gut ist?" fragte er ihn schließlich, voller Ungeduld. „Ms auf einige Abschreibefehler — ich, wollte sagen, Schreibefehler, ist es sogar ausgezeichnet", entgegnete thist dieser. „Und das ist Dein Ernst?" ^,Mein heiliger Ernst, Es ist sogar so gut, daß ein Lateiner steif und fest behaupten würde, daß es gar nicht von ihnen stammen kann!" Der Graf schlug sich vor die Stirn. „Adame", rief er, „dann habe ich ja eine grenzenlose Dummheit begangen, ihren letzten Hauslehrer zum Tempel hinauszujagen! Wenn, ich mich, aber recht besinne, so warst Du es selbst, der mir dazu riet." „Er verstand auch nichts." „Du hast Dich jetzt selbst vom Gegenteil überzeugt, ich will auch alle Hebel in Bewegung setzen, ihn zurückzubekommen." Der Gedanke, die Jungen wieder diesem versoffenen und total unfähigen Menschen ausgeliesert zu sehen, er» stillte den Pfarrer mit wahrem Entsetzen. „Das darfst Du nicht tun, Hinko", widerriet er ihm' daher voller Ester, „Du ha'st ihn dam'als mich Ach und Krach zum Teufel gejagt und würdest Dir durch, seine Neuanstellung in seinen Augen nur etwas vergeben." „Freilich, das ist ivahrst, gab Stepenaz zu, „wie konnte ich aber auch! ahnen, daß er so tüchtig sei — Du hast doch selbst immer das Gegenteil behauptet." Der Pfarrer schwieg verlegen. „Ich muß wenigstens herauszubekommen suchen, wo er gegenwärtig ist", meinte dann der Graf. — „Denkst Tu nicht auch, daß ich ihm' für seine ungerechte Entlassung eine Extragratifikation zukommen lassen soll? — Er hat sie doch redlich verdient — nicht?" „Du stellst da Fragen an mich, die mir schwerer zu beantworten fallen, als Du denkst", wich der Alte verlegen aus, „aber einige Zehnguldennoten kannst Du ihm immerhin schicken — Dir werden sie nicht fehlen, und ihm' werden sie sicherlich "wohl tun. Sein verwundertes Gesicht möchte ich dabei allerdings sehen." „Nun, ich werde ihm natürlich; schreiben, daß es, eins nachträgliche Anerkennung seiner hervorragenden Lehrtätigkeit sein soll, Lüe ich —" „Du, tue das lieber nicht", beschwor ihn der Pfarrer erschrocken, „er könnte es am Ende gar als Berulkung auf» sich beleidigt fühlen und Dir das Geld zurück- „Nein, das letztere glaube ich gerade nicht. Mer insofern hast Du recht, ich darf einen Menschen, der meine Jungen so weit gebracht hat, und den ich nur nicht rechtzeitig zu würdigen verstand, nicht verletzen und werde ihm —" „Schicke ihm das Geld, wenn Du ihm schon durchaus welches schicken willst, anonym' zu. Du ersparst ihm dadurch das Deprimierende, das für einen gebildeten und vornehm denkenden Menschen immerhin in solch; einem — Geschenk liegt." 638 „Du hast recht, Stimme", pflichtete ihm der Graf bei, „ich will es so halten. Aus dem Poststempel kann er ja immerhin auf den Absender schließen, er wird Wohl auch meine Krähensüße erkennen — aber er m u ß es nicht, und das ist die Hauptsache. Ich erkundige mich gleich morgen nach seiner Adresse, denn nichts ist mir schrecklicher, als der Gedanke, jemanden nicht nach Gebühr entschädigt oder ihn gar ungerechterweise verkürzt zu haben." „Ich bitte Dich, laß nur ihn von dieser Gesinnung nichts hören", warnte ihn der Pfarrer, „sonst nützt der Kerl Deine Gutmütigkeit bis zum —" „Stimme, Stimme, ich verstehe Dich nicht", unterbrach ihn der Graf kopfschüttelnd, „seit wann bist Du denn so mißgünstig?". „Ich bin nicht mißgünstig", verwahrte sich der so An- gegrisfene ganz echauffiert, „aber zum Donner, man muß doch auch zwischen Verdienst und jBerdienst unterscheiden und —" ,^Jch verstehe Dich. Du meinst, ich darf nicht einseitig sein und nur ihn beloben, während die Jungen, die das schwere Zeug mit heißem Bemühen einpaukten, leer ausgehen !" Der Pfarrer starrte ihn ganz verblüfft an. • „Nun, so war es gerade nicht gemeint", protestierte er etwas zögernd, „ich wollte nur —" „Du wolltest mich nur auf den rechten Weg gewiesen haben", fiel ihm der Graf freundlich ins Wort und gab dem herbeigeschellten Kammerdiener den Befehl, die beiden jungen Herren sofort herüber zu holen. Zitternd und bebend traten diese an und blieben, trotz des Vaters Aufforderung zum Nähertreten, krampfhaft bei der Tür stehen. Das böse Gewissen schaute ihnen förmlich bei den Augen heraus, und des Vaters milde, beinahe sanfte Einleitung dünkte ihnen nur als wohlberechnetes Gegenstück zu dem nachfolgenden, ganz uuausbleiblrchen Furioso. Als er aber die Gediegenheit ihres lateinischen Aufsatzes immer lobender herausstrich, sich dabei sogar auf die rück- haltlose Anerkennung des Pfarrers berief, da schwoll ihnen doch der Kamm und mit einer Keckheit, als ob sie wirklich nur redlich verdientes Lob ernteten, schauten sie chm zum Schluß ganz dreist ins Gesicht. „Durch Euren wahnsinnigen Streich habt Ihr mich leider gezwungen. Euch exemplarisch zu bestrafen", endete der Vater, „und Ihr wißt, tote weh es mir tut, meinen Kindern mit Strenge begegnen zu müssen. Umsomehr freut es mich, wenn sich mir endlich, einmal auch Gelegenheit bietet, mich über Euch ehrlich zu freuen. Ich habe Euch bisher für ausgemachte Dummkopse gehalten und auf Euer Wissen nicht viel gegeben, aber da auch mein Freund Stimme zugeben muß, daß Ihr die Aufgabe nicht nur gut, sondern geradezu einwandssrei abgeliefert habt — so soll Euch zum Lohne die restliche Strafe erlassen sein." Die beiden taten einen Luftsprung, fielen dem Vater jubelnd um den Hals und schwuren hoch und heilig, von nun an gewiß keine Dummheiten mehr anzustellen. „Na, wollen hoffen, daß Ihr Euer Versprechen auch haltet", meinte der Graf skeptisch „und nun fahrt ab und freut Euch Eurer Freiheit." Ohne es sich ein zweites Mal sagen zu lassen, stürmten sie hinaus; aber noch waren sie nicht bis zur Treppe gelangt, als sie der Pfarrer schon wieder zurückrief. ,Hört mal", flüsterte er ihnen im Korridor drohend zu, „Ihr kommt morgen zu mir und werdet eine neue Aufgabe ausarbeiten. Wehe Euch, toetm sie nicht so gut tote die heutige ausfällt! Dann werde ich einmal genauer untersuchen, wieso gerade diese so vorzüglich gelungen ist." Die beiden scharrten ganz verdonnert vor sich hin. „Ihr werdet also jetzt Freiheit Freiheit sein lassen und sofort wieder aufs Zimmer gehen. Euch für morgen vorzubereiten. Und wenn Ihr nicht auf der Stelle folgt", setzte er energisch hinzu, „dann rede ich mit Eurem Vater ein Wörtchen im Vertrauen und werde ihm begreiflich machen, daß Ihr Euch mit fremden Federn geschmückt ImBt" Beschämt schlichen die Seiden nach ihrem Zimmer und vermochten sich gar nicht zu erklären, wie und auf welche Weise der Pfarrer hinter die Wahrheit gekommen sein tonnte. Dieser stand indes noch immer am selben Fleck und grübelte und grübelte. „Na, ich werde schon auch für mich eine Strafe ausfindig machen", brummte er vor sich hin, „denn schließlich bin ich doch eigentlich noch schuldiger als sie!" Dann kehrte er zu seinem Freunde Hinko zurück, setzte sich mit diesem hinter die Flasche und strafte sich einstweilen dadurch, daß er feinem Durst Zwang antat und irn gleichen Zeitraum, in welchem sein Gegenüber zivei Gläser leerte, immer nur eins trank — zu seinem regelrechten, nicht abstreitbaren Spitz kam er aber doch trotz dieser seiner Selbstbestrafung. 13. Die Widerwärtigkeiten bei der Fertigstellung des Fabrikbaues häuften sich immer mehr und mehr. Die aus der Fremde herangezogenen Maurer und Zimmerleute huldigten in nur allzu kurzer Zeit den Prinzipien der eingesessenen Bevölkerung und hatten es auch gar bald heraus, daß das Nichtstun viel bequemer und angenehmer sei, als sich im Schweiße seines Angesichts zu schinden und zu plagen. Dem blauen Montag folgte in dieser weisen Erkenntnis alsbald ein blauer Dienstag und Mittwoch, und die voU Herrn von Höchstfeld in seiner Ratlosigkeit zugelegte Lohnaufbesserung zeitigte, der größeren Einnahme wegen, auch noch einen blauen Donnerstag. Am Freitag machte dann der Katzenjammer das Arbeiten unmöglich, und da der Samstag, als Zahltag, wie ein kleiner Feiertag durch Nichtstun gefeiert wurde, so verrann tatsächlich die ganze Woche in Müßiggang und Faulheit, und der Ban schritt daher nicht von der Stelle. Herr von Höchstfeld tobte und raste, was indes nur seiner! Gesundheit, kekneswegs aber seinen Angestellten schadete, denen es auf ein bißchen mehr Fluchen und Schimpfes gar nicht aukam. Diesem Aerger gefeilte sich zu allem Ueberflnß auch noch seine Sorge wegen der Maschinen zu, die noch immer an der Station lagen, wo sie, den Unbilden der Witterung ausgesetzt, zu rosten anfingen. Er hatte zwar in aller Eile auf Dolina einen genügend großen Schuppen herstellen lassen, wo sie provisorisch unter- gebracht werden sollten, da sich aber die Wirtschaftswagest für den Transport als viel zu klein und zu schwach erwiesen, so mußte er erst richtige Lastfuhrwerke anfertigen lassen. Auch dies nahm viel mehr Zeit in Anspruch, als er gedacht hatte, mußten doch sämtliche Bestandteile, die in den benötigten Dimensionen von niemandem auf Lager gehalten wurden, teils erst angefertigt, teils erst aus den Fabriken bestellt werden. Und als dann endlich, nach fast zweimonatlichem Warten, der erste Wagen mit Schiss ist Marianee anlangte, da stand man vor einer neuen, gar nicht zu überwindenden Schwierigkeit. Trotz allem vorhergegangenen Ueberlegen hatte matt doch auf eines Rücksicht zu nehmen vergessen und zwar auf die Spurweite der tiefausgefahrenen Geleise in den grundlosen Landwegen, zu Dereu Instandhaltung noch nie etwas geschehen war. Wollte er nun seine Maschinen überhaupt je nach Dolina bringen, so blieb ihm Nichts anderes übrig, als gehörig in die Tasche zu greifen und die Straße ans eigenen Mitteln fahrbar zu machen. Szabo riet dringend zu einer Beschotterung, und da im Komitat selbst keine Steine waren, so wollte er gleich am nächsten Tage nach Süd-Ustgarn fahren, um den Einkauf bei den dortigen Brüchen zu besorgen. Es war dies das erste Mal, daß Herrn von Höchstfeld ein ernstliches Mißtrauen gegen die Ehrlichkeit seines Inspektors beschlicht „Ich fürchte, daß dies KU teuer wird", nwinte er deshaW widerstrebend, „vielleicht könntest wir es wie unsere Nachbarn machen und einen Wieg aus Knüppelholz Herstellers für welches wir ja ohnehin keine Verwendung haben." ,,Wie Sie wünschen", entgegnete Szabo ärgerlich, „nun dürfen Sie von dessen Haltbarkeit nicht zu viel verlangend „Nun, wenn er nicht mehr hält, dann laden wir ehest noch hundert Fuhren ab und kommen dabei noch immer billiger weg", entschied Herr von Höchstfeld kurz und tvanhG sich brüsk um. 639 Zu diesen Widerwärtigkeiten, die ihm obendrein schon das ganze Erbe verleideten, kam auch noch Ernas einfältige Liebelei hinzu, mit der ihm seine Frau ununterbrochen in den Ohren lag. Seine Laune war infolge aller dieser Scherereien die denkbar schlechteste, und Erich wartete daher vergebens auf einen günstigen Augenblick zu einer ruhigen, sachlichen Aussprache. Zwar hatte er schon einige Mal versucht, das heikle Thema anzuschneiden, war aber damit nie weit gekommen, da der Vater bei des Grafen oder des Pfarrers Erwähnung sofort in gelinde Raserei verfiel und sich jedes weitere Wort verbat. Das war für Erich natürlich sehr betrübend und dies umsomehr, als er während dieser Zeit ruhig zusehen mußte, wie Szabo keine Gelegenheit vorübergehen ließ, gegen die beiden dem Vater mißliebigen Persönlichkeiten zu intrigieren. Herrn von Höchstfelds ehrlicher Sinn sträubte sich zwar dagegen, aber das »neingestandene Bewußtsein, nicht ganz recht gehandelt zu haben, ließ ihn doch nur allzu willig nach dem falschen Ratgeber horchen, der, seiner Eitelkeit schmeichelnd, sein Gewissen einzulullen verstand. Es gab aber auch keine einzige Unannehmlichkeit, die Szabo nicht verstanden hätte, in irgend einer Weise mit dem Grafen oder mit dem Pfarrer in Zusammenhang zu bringen. Für die heillosen Wege machte er dett ersteren verantwortlich, der absichtlich nicht beim Komitat deren Instandhaltung beantragt hatte, um nicht zu den Kosten beitragen zu müssen. — Die Faulheit der Leute und alle daraus entspringenden Mißhelligkeiten schob er wieder dem Pfarrer in die Schuhe, den er geradezu als Aufwiegler hinstellte. Durch diesen Uebereiser weckte er aber doch nach nnd nach des Majors Mißtrauen, und wenn es dieser auch nur durch ein gelegentliches Schütteln des Kvpfes zu erkennen gab, so fühlte Szabo doch> daß er fortan wieder vorsichtiger werde sein müssen, wenn er sich nicht in die Karten schauen lassen wollte. Erichs und der Mutter Ueberzengung von des' Pfarrers' Unschuld Machte naturgemäß mit der Zeit doch auf Herrn von Höchstseld auch Eindruck, und obgleich er noch weit davon entfernt war, ihnen recht zu geben, so stellten sich bei ihm jetzt doch schon Augenblicke ein, iw denen er nachzrigrübeln begann, ob es nicht vielleicht doch besser gewesen wäre, ferne Halsstarrigkeit beiseite zu lassen und den Ratschlägen der Nachbarn zu folgen. Des Vetters Warnung trat nun, ohne daß er es Merkte, immer Mehr iu den Hintergrund, und nur, lvenn seine Frau auf die Reibereien zu sprechen kam, welche ihnen unnötigerweise das Leben verbitterten, rückte er damit wieder ins Vordertreffen — weniger aus Ueberzeugung, als in der Absicht, damit sein schroffes Verhalten zu rechtfertigen. . "r' der noch nie im Leben bewußterweise jemandem eru Unrecht zugefügt hatte, sah sich nun plötzlich in die Verteidigungslinie gedrängt, und dies verdroß ibn mm gewaltig. Mit quälender Beharrlichkeit verbohrte er sich deshalb m die Erinnerung der ihm gespielten Ränke, so seinem Zorn immer neuen Stoff zuführend, und trotz aller gegenteiligen Versicherungen blieb er auch dabei, daß er durch seine schmachvolle Gefangennahme vor dem ganzen Lande blamiert sei. Das, waren böse Zeiten auf Dolina, und wer es nur irgendwie ermöglichen konnte, ging ihm daher am liebsten hundert Schritt aus dem Wege - Erna,, die nie ein ganz reines Gewissen hatte, sogar zweihundert U 6 _ Und speziell heute, wo Vladoj um ihre Hand anhalten wollte, hatte sie sich vorsorglichertoeise gleich nach dem Frühstück aus dem Staube gemacht. (Fortsetzung folgt.) Aeisepkaudereien. (Nachdruck verboten.) Am Rheinfall von Schaffhausen. — Alte Klosterstätten: Hirsau, Maulbronn, Frauenalb, Herrenalb. „ Auf dem Bahnhof in Schaffhausen empfingen uns die Zoll- Wächter Die „freie" Schweiz ist immerhin keine „steuerfreie". Aber die braven Winkelriedenkel machten es gnädig und begnügten sich mit unserer Versicherung, daß in unseren Täschchen und Köfferchen nichts enthalten sei, was das Vaterland Wilhelm Tell's finanziell ruinieren könnte, .und so wanderten wir zum BahnHof von „Schafshuse" hinaus mit dem freudigen Bewußtsein, aus unser ehrliches Gesicht hin einer ebenso langweiligen wie entwürdigenden Visitation entronnen zu sein. Schaffhausen selbst hat keine, großen Reize. Ein paar alte Erker und Giebel, em Park-Bolisre mit allerhand eingesperrten Sängern, die von der Freiheit in der Schweiz aucy nicht die rosigsten Vorstellungen haben mögen, moderne Gasthofe auf den Durchgangsverkehr berechnet, d. h.. mit trister Verpflegung bei guten Turchschnitts- preisen und just nicht den süßesten Weinen: vorwärts, dort steht die Straßenbahn, die uns nach Neuhausen, der eigentlichen Rheinfallstation bringt. Wir haben uns nämlich nicht begnügen mögen, aus den Kupeefenstern der Eisenbahn heraus, die Meister-- schöpfung unseres Herrgotts zu genießen, obgleich nns ein badischer Arzt erklärt hatte, daß es Zeitverschwendung sei, um die dumme Wasserspritzerei in' Schaffhausen auszusteigen. Er kannte interessantere Fälle als den Rheinfall, z. B.: Nierenverschrumpfungen, Leberverkrüppelungen und andere schöne Tinge, di« leit uns bei ihm daheim in Spiritus präpariert ansehen sollten: aber wir waren altmodisch genug gewesen, trotz seines Zuredens auf unsereni Willen zu beharren. Und so stieg ich denn rechte, Hand zu dem Restaurant hinab, das als „Schlößchen Worth" dem gigantischen Fall gegenüber liegt, .und als Ausgangspunkt für eine Ueberfahrt vor den tosenden, schäumenden, die Lust mit Wasserstaub füllenden Wassermassen am geeignetsten erscheint. Mit einem Nachen erreicht man von hier auch eines der vier Felsgebilde, die aus dem Fall wie machtlose Wächter herausragen, und kann von seiner Höhe aus in die brausenden, wie riesige, weiße Wasserrosse heranspringenden Wogen und Wellenkämme schauen. Hesser, vor allen Dingen trocknet, genießt man den Anblick vom jenseitigen „Känzli" aus, wo uns die Schiffer absetzten. .Es ist das ein geschützter Felsvorsprung, der uns mitten in das packende Schauspiel hinein zu schieben scheint. Vorsorglich hängt mir der fiter als Kassierer fungierende Gchwei- zerbua für den erhobenen Frank einen wasserdichten Oelmantel um und überläßt mich meinem Entzücken. Es ist ein seltsames Gefühl, das mich beschleicht. Tie Winzigkeit menschlichen Daseins überschauert mich vor der gewaltigen Schönheit dieser entfesselt scheinenden Naturkräste. .Sundflutphantasien gehn mir durchs Gehirn. Plötzlich ist es mir, als führe der Fels unter mir mitten hinein in die donnernden, weißgischtigen, .sich überstürzenden Strombögen, als wäre das Känzli zur Arche Noah geworden. Wie trunken segle ich hinein in diese Weltunter- gangssluten einem fernen, rettenden Arrarat entgegen — da holt eine der sich am Fels brechenden Wogen tückisch aus und Rt mir eine wohlgezielte Ladung frischen Rheinwassers über bpf, das mich prompt in die Wirklichkeit zurückruft . . . Schweren Herzens nur vermag ich mich zu trennen von dem wundervollen Anblick, der sich 'mir weiter oben nach „Schloß Laufen" zu noch ein paar Mal bietet. Mer endlich geht's doch nach. Schaffhausen zurück, das ich nun von seiner Rheinbrücke aus sehe und von dort viel interessanter finde, als es mir in seinen schlecht gepflasterten, langweiligen Straßen erschien. Biele Rheinsallbesucher können es sich nicht versagen, in Schaffhausen oder Neuhausen zu übernachten, um einer elektrischen Beleuchtung der Wasserstürze beizuwohnen. Große Scheinwerfer übergießen die schäumenden Wogenkämme bald mit weißem, rotem, gelbem, grünem und blauem Licht, und die großen Keinen Kinder finden das je nach der Tiefe ihres Sprachschatzes wunderschön, .reizend oder großartig. Ich für meinen Teil habe mir diese Verballhornung der Natur geschenkt und bin nach einem Besuch der lieblichen chnsel Reichenau hinauf gen Hirsau gefahren, Mil ich für alle Klosterstätten jederzeit ein lebhaftes Interesse empfunden habe. .Hirsau, früher Hirschau genannt, birgt eine der sehenswertesten Klosterruinen Süddeutschlands und zeigt sich landschaftlich als ein Waldidvll von hoher Anmut. Tie Klosterkirche war romanisch; ein spätgotischer Kreuzgang zeigt wundervolles Fenstermaßwerk. Mn stelle der alten Abt« hatte sich ein ioürttembergifcher Herzog am Ausgang des 16. Jahrhunderts ein Jagdschloß errichten lassen. Auch dieses liegt in Trümntern. . Melae hat auch hier wie in Heidelberg glatte Arbeit geliefert. ..Jene Ulme die aus den alten Mauern zum filmten Himmel ragt, ist dieselbe, von der Ludwig Uhland singt: Zu Hirsau in den Trümmern, Da wiegt eht Ulmenbaum Frischgrüneud seine Krone Hoch überm Giebelsaum. . . und die ihm wie ein Sinnbild Martin Luthers erscheint, der aus dem Kloster in Wittenberg auch „mit Riesenästen zum Klausendach hinaus" brach. Ein paar Meilen weiter nördlich grüßt uns Maulbronn, wohl die interessanteste Klosterstätte wür- tembergischen Landes mit Bauwerken, die zum guten Teil aus dem Neber gang vom Romanischen zur 'Gothik stammen. Im „Paradies", ..der Kirchenvorhalle mit feinen spätromanischen Arkadenfenstern und herrlichen Kreuzgewölben, sieht ein gutes Auge auch noch hie Reste der „Maulbronner Fuge", die der feucht- sröhliche Scheffel mit Doktor Faust so einleuchtend in Beziehung gesetzt hat. „A. V. K. L. W. H., nach TMas Wagner, 1640; All Voll, Keiner Seer, Wein Her! Wenn man den Eilfinger einmal gekostet Hat, . vergibt man den frommen Seelen diesen etwas aus der Art geschlagenen Fugentext und lebt der Hoss- — 640 — ltung, daß.sie dafür nicht etwa auch der Teufel geholt hat, wie es mit ihrem derzeitigen Pensionär, hem Schwarzkünstler Faust aus Bretten, .leider Gottes geschehen. Von Maulbronn ist's nicht gar zu weit nach zwei weiteren Klosterstätteu: Herren alb nnd Franenalb, etwa in der Mitte zwischen Wildbad und Baden-Baden gelegen. Franenalb ist eine malerische Barockruine, aber in den Hauch, der darüber weht, bläst ein neuzeitlicher Wind. Nach den etwas weltlich veranlagten Nönnlein, hat hier schon ein Bierbrauer gehaust, .der die Grabgewölbe der Verblichenen als Kühlräume profaniert hat, und späterhin hat eine Spinnerei hier ihre Räder und Spulen schnurren lassen. Wenn cs in diesen Manern spuken sollte, kann es nur eine recht gemischte Geistergesellschaft sein. In Herren- alb ist noch weniger vorhanden ans alten Klostertagen. Tas „Paradies", . eine Vorhalle der ehemaligen Cisternienserkirche^ zeigt schöne romanische Fensterpfeiler und Bögen mit später aufgesetzten gotischen Fialen, nnd die alten Klostergebäude sind nmgemodelt und modernen Zwecken dienstbar gemacht. Abep die märchenhafte Schönheit der Bcrgwälder ringsum, die die frommen Väter einst gelockt zur Ansiedelung, ist geblieben. Und wenn auch nicht Pilger im Mönchsgewand in diesem Schwarzwaldtal Einkehr mehr halten, so sind es andere, müde, von der Hast deS Ettverbs, den Fährnissen des Lebens erschöpfte, nervös ge- wordene Menschlein, die hier neue Kräfte suchen und .finden. Herrenalb ist nämlich eine» der angenehmsten, in seinen Preisen noch soliden Schwarzwaldbäder, das in seiner Lieblichkeit kaum seinesgleichen hat. Und wenn man sich in der „Post" dort ein- guartiett, kann ntnu sich geborgen wie im alten Kloster fühlen, so gut und zuverlässig ist alles. Freilich: die Wirte heißen auch: Mönch —. und nomen est omen! Das ist eine alte Geschichte. A. R. Lttsrakisches. — „D ii e Fra u". Von den auf dem Berliner Internationalen Frauenkongreß gehaltenen Vorträgen veröffentlicht die Septenibernummer der „Fran" (herausgegeben von Helene Lange, Verlag .von W. Moeser, Berlin), ,,Tas Endziel der Frauenbewegung" von Helene Lange nnd „Die Frau als soziale Erzieherin" von Lady Aberdeen. Ter erste Vorttag, der die großartige Tagung des Frauenkongresses beschloß, faßt die leitenden Gedanken der Frauenbewegung zusammen, wie die historische Entwickelung sie geprägt hat und wie sie jetzt auf ..den verschiedenen Einzelgebieten der Frauenfrage sich durchzusetzen beginnen. Die Verfasserin bezeichnet als das Endziel der Frauenbewegung soziale Lebens- formen, an deren Gestaltung .beide Geschlechter den gleichen geistigen Anteil haben. Lady Aberdeen, die Vorsitzende des Frauenweltbundes behandelt aus der Tiefe mütterlicher Erfahrung und der Weite einer großen öffentlichen Wirksamkeit vor allem Einfluß der Mutter auf die soziale Gesinnung der Heranwachsenden Generation. — Das Heft bringt außerdem u. a. einen interessanten Artikel von Anna Plothow über Pariser Wohlfahrtseinricht- ungen nnd einen zeitgemäßen feinsinnigen Efsah über Detlev von Lilienerons Kriegslyrik von Tr. phil. Helene Herrmann. Hat man im Altertum geraucht? Ueber diese Frage bringt das jüngst erschienene Heft 7 der „Mitteilungen der Vereinigung der Saalburgfreunde" einen Auszug aus einem Vortrage des Oberstleutnants Dahm. Der Vortragende fand im Sommer 1902 bei seinen Ausgrabungen in der Römerfestung Aliso bei Haltern, .die als Hauptstützpunkt der Römer während ihres dreißigjährigen, unter Kaiser Augustus gegen unsere Vorfahren geführten, blutigen Angriffskrieges berühmt geworden ist, an verschiedenen Stellen unter römischen Resten 64 Bruchstücke von Tonpfeifen und zwar — was besonders hervorzuheben ist '— in Schichten, die bis 3 Meter tief unter der heutigen Erdoberfläche lagen und nachweislich in nachrömischer Zeit völlig unberührt geblieben sind. Tie Pfeifen ließen deutlich erkennen, daß aus ihnen geraucht worden ist. Sie stimmten in ihren Formen vollkommen überein und ließen sich in drei verschiedene Typen gruppieren; von diesen ftel besonders einer durch un- gewöhnlich plumpes Aussehen und- rohe Arbeit, sowie dadurch auf. daß das Köpfchen groß genug war, um als Zigarrenspitze tu dienen; .die beiden anderen Typen, .die in ähnlichen Formen auch im 17. .bis 19. .Jahrhundert nachweisbar sind, wiesen Ornamente, .Formerzeichen und Buchstabenstempel auf, .unter denen besonders ein leider nicht deutlich ausgeprägter, zweiteiliger Fabrikstempel bemerkenswert ist, der gleichlautend mtf jtoet Pfeifenstengeschen angebracht 'war und folgende Legende geigte; T . M . SEI MILDI8 . F Nehnliche Pfeifen wurden seit MenscheNalterü im westlichen Deutschland, in Holland, in Frankreich, in der Schweiz und in England an ungezählten Orten in prähistorischen Gräbern, in römischen Trümmern und in mittelalterlichen Ruinen gefunden, ftnd in allen diesen Ländern traten zahlreiche, durchaus ernst tu nehmende Gelehrte mit aller Entschiedenheit für das hohe Alter der Rauchpfeife ein, darunter in neuester Zeit A. de Molin, Konservator des Museums zu.Lausanne, und Kenne, Direktor des Museums zu Metz. ^Aus der antike« Literatur ist durch die in der Hauptsache übereinstimmenden Berichte von Herodot, Pom- ponius Mela, dem älteren Plinius und Plutarch erwiesen, daß einzelne barbarische Völkerschaften des Orients schon in der Zeit um 600 v. Ehr. .in geschlossenen Filzzelten als Genußmittel die gasförmigen, .«arkotisch wirkenden Verbrennungsprodukte gewisser Vegetabilien (Hanfsamen, .Huflattich, Cvpergras usw.) ein» geatmet :— also geraucht haben, während bei den Griechen und Römern diese Sitte nicht üblich war. Nach Plinius war der Gebrauch der Pfeife zu .Beginn unserer Zeitrechnung bekannt. Auffallend spärlich fhtb die Ueberlieferungen über das Rauchest im Mittelalter. Bekannt sind zwei Grabmonumente (eines1 aus dem 12. Jahrhundert in der Normandie, ein zweites aus dem 13. Jahrhundert in Irland), auf denen der Verstorbene mit einer kurzen Pfeife im Munde dargestellt ist; ferner existiert ein Gedicht aus dem Jahre 1276 von Mosen Febrer, .in dem das Rauchen von Lavendel erwähnt wird. Aus allen diesen Tatsachen geht nach Dahm ganz unzweifelhaft hervor, .daß bereits in der Zeit vor Einführung des Tabaks aus Amerika geraucht wurde. Tie Annahme, .daß der Gebrauch der Pfeife bis weit in unsere prähistorische Zeit zurückreiche, wäre also keineswegs gewagt. ____ vermischtes. * Wieviel Eiweiß wir täglich brauchen — darüber haben sich die Ansichten der Gelehrten im Laufe der Zeit erheblich geändert. Früher hielt man 100 bis 150 Gramm täglich für erforderlich, aber die Chemiker haben später die Ziffer bis1 auf 75 und dann auf 45 Gramnr herabgesetzt. Jetzt sind wieder einmal sehr ausführliche Versuche nach dieser Richtung gemacht worden, hie sich auf fast l >/s Monate erstreckt haben; und ihre Veranstalter, die beiden Chemiker Labbs und Marchoisne, die darüber an die Pariser Akademie der Wissenschaften berichtet haben, .erklären, daß nicht mehr als 25 Gramm Eiweiß in der täglichen Nahrung des Menschen notwendig seien. Uiigedruüte Gedichte von Eduard Mvrike. In dem prächtigen „Mörike-Heft" der „Jugend" veröffentlicht Tr. R. Krauß, der Herausgeber des Mörike-Briefwechsels, folgende bisher ungedruckte Gedichte des schwäbischen Dichters. Einer Schülerin ins Album. Tiefe Bilder, .diese Töne, Tie so gern Tein eigen wären, Möchten in der reinen Schöne, Deines Geistes fick verklären. Laß darin zur guten Stunde Dir wein flüchtig .Bild begegnen Und ein Wort aus deinem Munde Mich auf alle Tage segnen! An 8. Tn stehest groß und kalt und doch so milde, Tust einem jeden immerfort das Gute, Und keiner weiß, .wie's in der Tiefe blute: Du gleichst der Pyramide Rätselbilde. Tein stummes Antlitz und Tein ganzes Wesen S Ach, langes Sehnen, bittre Leiden haben Ihm diese dunklen Chiffern eingegraben, Und Eine nur kann es versteh'« und lesen. Einer ausländischen Schülerin ins Album. Viel Glück auf Deinen Weg! und sei Zuletzt um Eines noch' gebeten: Vergiß .nicht unser liebes Deutsch Und nicht die schwäbischen Poeten! Charade. Nachdruck verboten. Das zweite sah die erst' ich tragen, Doch krönt sie auch die meisten Ding, Im Staat selbst könnt Ihr sie erfragen, Ihr Rang ist wahrlich nicht gering? Die zweite ist der Schirm der Frauen, Stolz ist ihr Mut, keck ist ihr Sinn; Es kann sich selbst im Spiegel schauen Der Leser — nicht die Leserin! Das ganze hör' ich kommandieren Der Jnsant'risten schneid'gen Zug! Auch mancheit Bücherschrank sah zieren Von ihm ich manches schöne Buch (Auflösung in nächster Nummer.) Auflösung des Bilderrätsels in vor. Nrt. Nichts ist dauernd als der Wechsel. .Nehafjisn: August Goek. — Rotationsdruck und Verlag der Brübl'schen Univerfitäts'Buch- und Steindruckerei, R.Lange, Gießen,