Kreitag de« S. Hepiemöer»^ 1904 WSy®U Kitt angenehmes Kröe. Humoristischer Roman. Von Victor von Reisner. (Nachdruck verboten.) (Fortsetzung.) „Es ist ja recht wacker- daß Sie fiir ihn einspringett, Sie steigen dadurch sogar ganz gewaltig in meiner Achtung", entgegnete ihm Graf Stepeuaz wohlwollend, „an der Tatsache wird aber dadurch, nichts geändert. Ihr Herr Vater ist schon voller Aversion gegen uns hierhergekommen, er bemühte! sich ja auch gar nicht, diese zu bemänteln — int Gegenteil, er stieß sogar diejenigen vor den Kopf, die ihm, trotz der durch seinen Vetter widerfahrenen Schwach!, freundschaftliche entgegenkamen. Seine verdammte Pflicht Nnd Schuldigkeit wäre es gewesen, hier, an Ort und Stelle, Und 'zwra bei Vertrauen verdienenden Persönlichkeiten Erkundigungen über die Vergangenheit einzuziehen. Er aber hielt es für angezeigter, ei»ein Menschen sein Ohr zu leihen, vor welchem ihn alle warnten, und auf dessen Einflüsterungen er wahrscheinlich gerade deshalb am meisten gibt. Dieser Szabo ist ein Intrigant, der ihn entschieden gegen alle und gegen alles aufhetzte, denn nutz so ist es erklärlich, daß er in seiner unglückseligen Internierung eine von uns beabsichtigte Infamie wittern konnte. Mir wegen eines solchen wahnsinnigen Verdachtes seine Zeugen zu schicken, war an und für sich schon haarsträubend, daß er sich aber noch obendrein zu einer Insulte gegen meinen Freund Adame hinreißen lassen konnte, ivar der Gipfel alles je Dagewesenen — da bleibt einem rein der Verstand stehen!" Erich fühlte sich tief bedrückt, dies ruhig anhören zu Müssen, und das umsomehr, als er mit dem besten Willen dein Grafen nicht unrecht geben konnte, aber ganz unwidersprochen durfte er es doch nicht lassen, und so sagte er entschuldigend: „Die ganze Reihe dieser Mißhelligkeiten sind nichts weiter als die Folge feinet allzu großen Vertrauensseligkeit. Wenn er des Onkels, wahrscheinlich nur in der allerersten Erregung ausgesprochene Verdächtigung geprüft hätte, dann würde gewiß alles anders' gekommen fein; aber, Hand aufs Hertz-, können Sie es ihm! verdenken, wenn er oem Blutsverwandten mehr Vertrauen schenkte, als einem! Fremden?" „Donnerwetter, an Ihnen ist ein Rechtsanwalt verloren gegangen", meinte bet Graf schmunzelnd, „Sie verstehen selbst der vertracktesten Geschichte eine gute Seite abzugewinnen. MnU ich mir die Sache bei dieser Beleuchtung besehe, dann ließe sich, bei einigem guten Willen, vielleicht auch für ihn eine Art Entschuldigung finden." „Und diesen guten, Willen müssen! Sie! habdn, Hetzr Graf", bat Erich inständig, „wenn nicht schon aus purer Mensch!« lichkeit, so doch aus Liebe zu Ljubiza und aus Wohlwollen zu mir." „Herrgott, so treiben Sie mich doch nicht so in di«. Enge", wehrte Stepeuaz, halb und halb gefangen. — „Angenommen, ich wollte ihm das Umsatteln erleichtern, wie sollte ich denn das anfangen?" „Indem Sie ihn im die Vergangenheit einweihen"^ riet ihm Erich, „oder aber, indem Sie mir alles mitteilen, damit ich ihn aufklären kann." Der Graf überlegte lange, und erst nach reiflichem! llebetlecictt faa'te et* „Ich hatte gehofft, daß diese traurige Geschichte für einige Zeiten begraben sein wird. Glauben Sie mir, die Erinnerung daran schmerzt mich ebenso tief, wie meinen alten Adame, und obgleich ich mich heute im Kreise meiner Familie glücklich fühle, blutet auch meine Wunde aufs neue, wenn jene Zeit toteber in mitz wach wird. — Sagen Sie Ihrem Herrn Vater nur einstweilen so viel, daß sein! Vetter meines Freundes Schwester in bett Tod getrieben hat, und wenn er Sie fragt, warum auch ich Mich dadurch so betroffen fühlte, bann können Sie ihm noch verraten, daß ich schon so gut wie versprochen mit ihr war, als jener hierher kam unb ihren gesunden Sinn durch seine, weltmännische Verlogenheit vergiftete." Der Graf seufzte schwer auf und setzte dann Mit müder, matter Stimme hinzu: „Wenn ihm' das noch nicht genügen sollte, bann soll er bei mir anfragen, und ich will ihm klaren Bescheid geben. Lieber wäre es mir allerdings) er käme nicht, denn wenn ich an jene Zeit zurückdenke, dann könnte auch! Mich die Bitterkeit übechNannen, was für die friedliche Auseinandersetzung wohl kaum von Vorteil wäre." Nun erst Begriff Erich ganz, welch großes Unrecht der Vater, wenn auch unbewußt, an diesen beiden Männern begangen hatte, und speziell des Pfarrers stillschweigendes Dulden • nötigte ihm die tiefste und mitleidigste Bewunderung ab. Er gebrauchte eine geraume Weile, sicht Nach bem eben Gehörten zu sammeln, bann gab er bem Grafen, wie uM Verzeihung heischend) die Hand und wandte sich zum Gehen. »Und nicht wahr", schärfte ihm dieser nochmals eich „Sie haben sich Meine Worte eingeprägt: IM Hause sind! Sie immer und zu jeder Stunde willkommen — ob wir Eltern dabei sind ober nicht — außer dem Hause werdest aber keine Stelldichein mehr gegeben! Verstanden?" „Jawohl, ich habe es verstanoen, und werde mich gewissenhaft und wörtlich danach richten!", versprach! Erich und ging. Als er um die Ecke des Korridors bog, hörte er plötzlich. ein vorsichtiges „P", Pst" hinter sich. Daß dies nicht von Ljubiza herrühren konnte, war ihm sofort klar, da diese für Derartige Heimlichkeiten nicht nst 534 — klmierte. Wenn sie von' seiner Anwesenheit erfahren und ihn hätte sprechen wollen, dann wäre sie ihm sicherlich, ohne Rücksicht auf irgend jemanden, offen und ohne jede Scheu entgegengctreten. Dies alles schoß ihm in Nu durch den Kopf und be- stikmnte ihn auch gleichzeitig, sie, entgegen feiner ursprüng- gichen Absicht, nun do chaufzusuchen, um sich! mit ihr über ihres Vaters Verbot auszusprechen. Nur einen kleinen Moment schwankte er noch;, dann sagte er sich- daß ihm ja der Graf ausdrücklich erlaubt hatte, mit ihr jederzeit im Hause zusammenzutreffen — und etwas anderes wollte er ja gar nicht. Im Begriffe, umzukehren, hörte er wieder dasselbe gedämpfte „Pst, Pst" und entdeckte nun auch, in eine Türnische gedrückt, Dinko, der ihn mit den flehentlichsten Geberden zum Näherkommen bat. Erst regte sich in ihm nur Unwillen, und in seinen Fingerspitzen krabbelte es, als ob er nach dem buschigen Haarschopf greifen müßte, diesen gehörig zu zersausen. Dann aber, als ep in -das de- und wehmütige Gesicht blickte, das ganz verlegen und verzweifelt zu ihm hinaufstarrte, beschlich ihn doch! ein klein wenig Mitleid, und fast freundlich fragte er: „Nun, was soll es benn !i" Wie von einer Last befreit, atmete Dinko erleichtert aus. „Nicht wahr, Sie glauberr es doch, daß wir es nur gut gemeint haben", bat er im Flüsterton, „Ljubiza hat uns schon verziehen, und auch Sie werden —" „Ein bischen gescheiter hättet Ihr für Euer Alter schv« sein dürfen", warf ihm Erich, in Erinnerung des ihnen gespielten Streiches, ungehalten vor. — „Wenn man sich aus die Erwachsenen ausspielt, dann muß man sich auch danach betragen, und tut man dies nicht, dann hat man es sich selbst zuzuschreiben, wenn man wie dumme Jungen behandelt wird." Dinko schaute ganz beschämt vor sich, nieder. „Wir wollen ja alles wieder in Ordnung bringen", stotterte er, „und werden fortan nur Mehr daran denken, unser Unrecht an Ihnen und Ljubiza gut zu machen." Erich erschrak förmlich bei diesem Versprechen. „Daß Ihr Euch nicht untersteht, uns noch einmal mit Eurer unerbetenen Hilfe zu beglücken", warnte er ihn eindringlichst, „sonst könnte es geschehen, daß Ihr auch von mir etwas ab bekommt!" Unwillkürlich schirmte Dinko die erneuter Gefahr ausgesetzten Ohren mit den Händen, urtib einen halben Schritt zurückweichend, und dabei den Kopf zur Seite duckend, beteuerte er: „Wir werden ja nur im stillen und verborgenen für Sie wirken, nur im engen Kreis und nie wieder vor der Oeffentlichkeit!" „Auch dafür bedanken wir uns ganz energisch", lehnte .Erich jede Hilfe ab, „lernt lieber etwas, damit aus Euch etwas Tüchtiges wird und kümmert Errch nicht um Dinge, von denen Ihr noch gar nichts wissen dürstet." Dinko fühlte sich durch diese Abweisung ihres Beistandes, noch mehr aber durchs die Behandlung als unreife Buben tief verletzt und wenn nicht das Mitleid mit Lju- biza seine Entrüstung überwogen hätte, so würde er ihm das auch deutlich zu verstehen gegeben haben. „Es ist nicht edel von Ihnen", beklagte er sich! daher bitter, „daß Sie uns unser Alter vorwerfen und uns" noch obendrein an die uns angetane Schmach erinnern, die wir Loch nur deshalb erlitten, weil wir Ihnen und unserer! Schwester, die wir nach Mehr als Sie lieben, helfen wollten." Erich schjmunzelte bei diesen Worten doch und war sogleich wieder freundlicher gestimmt. „Run, darüber wollen wir nicht rechten", sagte er, Dinko ganz kameradschaftlich auf die Schulter klopfend- „und um dieser brüderlichen Liebe willen soll Ihnen und Mirko auch von mir bedingungslos verziehen sein," Diese herzlichen Worte ließen Dinko auf der Stelle feinen Groll vergessen, und nicht nur das, sie gaben ihm! sogar den Mut, mit einer Bitte herauszurücken. „Herr von Höchstseld", fragte er zögernd, „können Sie Lateinisch?" Erich schaute ihn.erstaunt an. „Wie kommen Sie darauf?" .. JSSir haben nämlich", fuhr Dinko verlegen' fort, „von Papa Strafarbeiten aNfvekommen. Die Rechenexempel arbeitet uns Ljubiza aus — aber voM Lateinischen versteht sie ebenso wenig wie wir." „Und ich werde davon wohl auch nicht viel behalten haben", gestand 'Erich ehrlich und gab ihm den Rat, die Arbeit, so gut es eben gehe, fertig zu Machen und sie dem Baier vorzulegen, der sie wohl nicht erst lange prüfen würde. „Um Papas Urteil ist uns auch gar nicht weiter bange", erklärte ihm Dinko pfiffig, „denn daß er uns darin nicht weit über ist, haben wir längst heraus! Er hat uns aber in Aussicht gestellt, die Arbeiten dem Herrn Pfarrer zur Prüfung zu übergeben, und wenn der uns eine schlechte Note gibt — au weh — dann setzt es was!" In Erinnerung der schweren Stunden, die ihm. selbst Latein und Griechisch bereitet haften, empfand Erich wirkliches Mitleid mit den in so raffiniert grausamer Weise Gequälten, und so sagte er denn: „Ich will sie mir daraufhin wenigstens einmal anschauen, vielleicht kann nch> doch Noch etwas mehr als Ihr." Dinko machte ein verschmitztes Gesicht, öffnete rasch die Tür, winfte seinem Bruder, herauszukoMmen, schob Erich sachte hinein und, jede Neugierde verleugnend, schlichen die beiden Missetäter zur Hintertreppe, wo es dann im tollen Lauf nach dem Walde ging. Erich hafte noch kaum recht begriffen, was geschehen sei, als er sich Ljubiza gegenüber befand, die über den Rechen-Exempeln brütete. IM ersten Moment schauten sie einander ganz verwundert an, dann, als die erste Erklärung erfolgt war, singen sie beide gleich herzlich zu lachen an. „Das ist wahrscheinlich die neue Methode ihrer Hilfe — und dg soll man den Jungen noch böse sein!" — meinte Ljubiza gutmütig. „Eine nette Suppe haben sie uns aber doch eingebrockt", sagte Erich und berichtete ihr von seiner eben mit dem Grafen stattgehabten Unterredung. Ihre Heiterkeit wich einer sehr ernsten SftmNrung und mit in ein an d ergef ch lag en en Händen saßen sie noch lange da, sich gegenfeittg ermunternd und mit heißen Küssen die Unvergänglichkeit ihrer durch nichts zu erschütternden Liebe besiegelnd. Eine ©thronte aus dem Nebenzimmer ließ sie plötzlich erschrocken auseinander fahren. „Es ist Mama", beruhigte ihn Ljubiza, „ihr Zuruf gilt Dinko und Mirko, die ja hier ihre Strafarbeiten machen sollen." Nach einer Weile hatten sie der Gräfin Nähe wieder vergessen und schwelgten, die Gegenwiart dabei nicht ungenützt lastend, in süßen ZukuNststräumen. ° „Ihr Malesizbuben", scholl es von drüben wieder herüber, „arbeiten sollt Ihr und nft tratschen! Noch ein' Laut und t ruf sten Baier — der wird Euch dann schon lehren- was Strafe ist!" „Pst, wollen kein Wlori Mehr reden", tuschelte Ljubiza dem Geliebten zu — „sonst —" „Nein, kein Wort", stimmte er ihr bei und verschloß ihr der Vorsicht halber mit einem langen Küsse den Mund. „Nun muß ich aber doch gehen", meinte er dann, sich zögernd erhebend, „sonst kommt noch der Vaftr dahinter, und ich cglaube kaum, daß er diese Zusammenkünfte im Hause stellschweigend billigen würde." „Und was soll mit dem lateinischen Extemporale geschehen ff' fragte Ljubiza, schelmisch lächelnd. „Ja, das werde ich wohl mitnehmen müssen", erklärte Erich, „hier käme ich ja doch nicht zum Ausarbeiten. AM Abend bringe ich es Dir- und sie Knuten es dann abschreiben." „Und wo treffen wir uns ff' ^Ja so", seufzte er, „das geht ja nicht Mehr. Das' Deinem Vater gegebene Versprechen muß auf jeden Fall gehalten werden. Ich komme aber von nün an um so öfter herüber, und hoffentlich finden wir auch 'hier fe legenheft zum ungestörten Meiusein." „Das wird sich schon machen lassen", versprach ihm Ljubiza, „wenn es nicht anders geht, vertraue ich! Mich der Aiama an sie wird uns sicher nicht im Sttch lassen- dazu ist sie zu lieb und gut." Aus dem Nebenzimmer wirrden jetzt zlvei Sümmen vernehmbar 535 „Die Jungens sollen das Extemporale um sechs Uhr abends am Sarenluk — Du weißt ja, wo ich meine, abholen", flüsterte sshr Erich noch rasch Zu, gab ihr einen letzten Küß und verschwand. Unbemerkt gelangte er zu den Stallungen und ritt dann zum Tore hinaus. Unterwegs nahm er das Heft zur Hand, um sich zu vergewissern, ob er nicht Unmögliches versprochen habe, und richttg, je länger er hinstarrte, umsomehr wurde ihm dies zur Gewißheit. „Weiß Gott", brummte er in sich hinein, „es schaut ja fast so aus, als ob ich noch- mehr vergessen hätte, als -ich. überhaupt je gewußt habe!" Nun war guter Rat teuer. Sich vor den beiden Jüngen zu blamieren, wäre noch nicht das Allerschlimmste gewesen, weit schlimmer dünkten ihm die Folgen, die dieser Betrugsversuch nach sich ziehen mußte. Erstens einmal würden die Jüngen für die Nichtsertigstellung wahrscheinlich- ihre Prügel bekommen, und wenn der Gras erführe, daß er die Hand zu einem Betrug geboten habe, dann war wohl das Aergste zu befürchten. Dem mußte auf alle Fälle vorgebeugt werden, und kurz entschlossen ritt er nach, Mariance, sich dem Pfarrer auch in dieser Not anzuvertrauen. Schmunzelnd hörte ihn der alte Herr an. „Es ist ja eigentlich nicht recht, was ich da vorhabe", sagte er nach einigem Ueberlegen, „und die beiden Jungen- dürfen es natürlich am allerwenigsten erfahren, sonst wären wir für alle Zeiten verraten und verkauft. Lassen Sie mir also die Ausgabe hier, ich. will sie ausarbeiten, und Sie können sie am Nachmittag wieder abholen." Pünktlich stellte sich. Erich ein, und pünktlich legte er die Arbeit in die Hände der chn bereits mit Ungeduld erwartenden Jünglinge. Ihre heißen Dankesbeteuerungen lehnte er indes verlegen ab. „Fürchten Sie vielleicht", fragte ihn daraufhin Dinko ängstlich, „daß sie nicht gut ist?" „Im Gegenteil, ich befürchte sogar, daß sie zu gut ist", konnte ihnen Erich mit ehrlicher Ueberzeugung versichern. „Das wäre ja ein großes Glück Mr uns", gestand ihm Dinko freudestrahlend, „denn die Rechen-Exempel, die uns Ljubiza gemacht hat, waren durch, die Bank falsch — wenn nun auch noch das Lateinische —" „Und Papa will doch am Abend den Herrn Pfarrer rufen lasfen", fiel Mirko dem Bruder ins Wort, „und der ist im Lateinischen gar scharff beschlagen." „Nun, verlaßt Euch nur auf mich", beruhigte sie Erich, «der Herr Pfarrer muß die Arbeit loben, ob er will oder nicht — er kann gar nicht anders!" Sie bedankten sich glückselig, versprachen gewissenhafte Bestellung des Grußes an Ljubiza und rannten dann spornstreichs nach, Hause, um sofort mit der Abschrift zu beginnen. Nach einer Stunde waren sie damit fertig und über- rerchten sie dem Vater, Besonders sicher fühlten sie sich, über dabei, trotz Erichs Versrcherstng, nrcht, da ihr Vertrauen zu seinen lateinischen Kenntnrssen auf sehr schwachen Füßen stand. Ja, als um acht Uhr der Pfarrer anlangte, stieg ihre Angst ins Un- ermeßllche, und am liebsten wären sie ausgerückt, (Fortsetzung folgt.) Aie Werloörmgerr der preußischen Könige. Tie Verlobung des Kronprinzen im jugendlichen Wer von -L.Men Mbt Veranlassung, darauf hinzuweisen, daß die preußchchen Könige mit wenigen Ausnahmen sehr jung gefreit haben, Friedrich Wilhelm I. war sogar erst 18 Jahre alt — Er mngste -Bräutigam den das Herrscherhaus der Hohenzollern anfzw-ersen hat — als et die um ein Jahr ältere Tochter des Kur- fiirsten von Hannover, .nachmaligen Königs' von England, Sophie Dorothea, hermftihrte. Sein Sohn Friedrich der Große hatte m, feinet Jugend sehnlich gewünscht, .sich mit einer Mglischen VnnzesffN zu vermahlen, -andere dachten ihm die Erbtochter von Oesterreich zu, aber nach dem rücksichtslosen Willen seines Vaters nmßte er sich, im.Wer von 20 Jahren wider seine Neigung mit der achtzehnjährigen Prinzessin Elisabeth 'Christine von Braun- fchweig-Wolfenbüttel vermählen, doch nach dem Tode des' Vaters enksMte FriÄrich der Große dem Familienleben in der ihm anf- gezwungeuen Ehe. Sein Nachfolger auf dem Thron, König Friedrich Wilhelm II., war zweimal verheiratet. Tas erstemal trat er in dem jugendlichen Alter von 21 Jahren in den Stand der Ehe, und zwar mit der um ein Jahr jüngeren Tochter des Herzogs Karl von Braunschweig, Schwester des Feldmarschalts Karl Friedrich Wilhelm; aber schon vier Jahre daraus wurde die Ehe durch Richtefipruch getrennt, worauf die Prinzessin Stettin znm Wohnort angewiesen erhielt, wo fie erst im Jahre 1840 starb. Eine ball» nach Lösung der ersten Ehe geschlossene zweite Verbindung- des damaligen Kronprinzen mit Friederike Luise, Tochter des Landgrafen Ludwig IX. von Hessen-Darmstadt, -gab ihm zahlreiche Nachkommenschpst. Eine der edelsten Verbindungen, die jemals einen Thron zu schmücken bestimmt waren, wurde am 24. April 1793 geschlossen durch die Verlobung des 21 jährigen Kronprinzen, nachmaligen Königs Friedrich Wilhelm III., mit der erst in dem zarten Alter von 17 Jahren stehenden Prinzessin Luise, der Tochter des Herzogs Karl von Mecklenburg-Strelitz, der damals die hannoverschen Truppen befehligte. Tie Verlobung, wurde aber nicht in der Heimat der Braut gefeiert, sondern in D a r m - stadt, .da die Prinzessin, die schon im sechsten Lebensjahre ihre Mutter, eine geborene Prinzessin von Hessen- Darmstadt, verwren hatte, ihrer Großmutter, der Landgräfin von Hessen-T armstadt, zur ferneren Erziehung . übergeben worden war. Infolge der Unruhen des fran- zösischen Revolutionskrieges begab sie sich mit ihrer älteren Schwester Charlotte nach Hildburghausen, und aus der Rückreise von dort lernte sie in Frankfurt a. M. den nachherigen König- Friedrich Wilhelm III. kennen, der damals 23 Jahre alt war. Er war von ihrem Anmutszaub-er so bestrickt, daß er sich flugs in die allerliebste Prinzessin bis über die Ohren verliebte. Wenige Wochen darauf fand die Verlobung statt, der zu Weihnachten desselben Jahres die Vermählung folgte. Friedrich Wilhelm IV. trat mit 28 Jahren in den Ehestand, ebenso wie sein Vater, nicht einer Konvenienz zuliebe, sondern nach den Gefühlen feines Herzens, wie sein Biograph Leopold von Ranke sagt. Er fand in der Prinzessin Elisabeth von Baiern, .die bei ihrer Verlobung im Alter von 22 Jahren stand, eine Gemahlin, die nach Ranies Worten sich auch ihm von ganzem Herzen anschloß; es war eine Ehe von vollkommenem Einverständnis' in allem Tun und Lassen, Ticht-en und Trachten, den höchsten Prinzipien und den Maximen des täglichen Lebens. Tie Vermählung fand zunächst in München durch Prokuratoren und einige Tage später zu Berlin persönlich statt. Kaiser Wilhelm I. verlobte sich im 32. Lebensjahre mit der erst 17 jährigen Prinzessin Augusta von Sachsen- Weimar. Kaiser Friedrich hatte die jüngste Braut, die in das preußische Königshaus jemals ihren Einzug hielt, denn die Prinzeß Royal Victoria von England war erst 15 Jahre alt, als sie sich mit dem 24 jährigen Kronprinzen von Preußen verlobte. Tie Hochzeit fand denn auch erst nach mehr als zwei Jahren statt. Unser jetziger Kaiser Wilhelm II. führte seine Braut, unsere Kaiserin, im 22. Jahre heim, also im gleichen Alter wie sein Sohn. Daß dieser sein Herz einer mecklenburgischen Prinzessin geschenkt Hat, mag als gute Vorbedeutung gelten. Tenn die unvergeßliche Königin Luise, die LlhNin des Kronprinzen, war auch eine Prinzessin von' Mecklenburg. Vermischtes. Die Furcht als Krankheit. In einer „wissenschaftlichen Plauderei" des Pariser „Temps" kommt Henry de Bariguy auf ein Thema zurück, das unlängst auf dem 14. Kongresse der Irrenärzte fianzösischer Sprache m .Pau behandelt wurde, welches Tr. Menard hierauf in einem öffentlichen Bortrage weiter ausspann, und das er die „Maladies de la peur" d. i. die bis zur Krankheit gesteigerte Furcht nennt. Tidfe Krankheitserscheiu- ungen sind nach seiner Darstellung ebenso mannigfaltig, als zahlreich. So gibt es Leute, die in beständiger Angst und Aufregung leben, und in allem. Ms bo-rfommt, den Grund zu einem Unglück erblicken. Andere .fürchten sich vor bestimmten Tingen vor Wagen- und Eisenbahnfahrten, vor Donner und Blitz, oder vor einzelnen Tieren, auch Männern und Frauen. Beim Anblick eines jungen Esels wurde der Herzog von Epernon ohnmächtig, heim Anblick einer Katze wird Lord Roberts krank, Tycho-Brahe zitterten die Beine, wenn er eines Hasen oder eines Fuchses ansichtig wurde. Das gleiche soll dem berühmten Philologen Scaljger beim Anblick von Brunnenkreffe widerfahren sein, und Erasmus bekam das Fieber, wenn er Fisch und Linsen vor sich sah. Daß stattliche 'D amen vor einer winzigen Maus aus Tische und Stuhle springen, ist bekannt. Was dem Zuschauer lächerlich vorkommt, .ist. für den Furchtkranken oft eine Quelle schwerer Leiden, die den Tod oder den Selbstmord nach sich, ziehen können. So kennt man Fälle von Leuten, die aus beständiger Furcht vor Hunden und Hundswut auf die elendste Weise umgekommen sind. Sehr oft werden Frauen und auch Männer von den: Gedanken an Erröten verfolgt und so gequält, daß er jedem Lebensgenüsse hinderlich wird. Solche Leute leben in beständiger Angst, und je größer diese, desto auffälliger die Wirkung des' Errötens. Wie viele andere Nervenkrankheiten, ist auch die Furcht ansteckend und geht leicht auf dazu veranlagte Personen Wer. Man kann — sss — Aber auch anderen eine Befürchtung ein flößen, die man selbst nicht hegt, infi* sogar den Tod herbefführen. Das hat Dr. Menard mit eurem jungen Mädchen erfahren, daS etwas eitet war. Es hatte sich beim Fallen den Kirüchel gebrochen und mußte das Bett hüten. Eine Freundin fand die Patientin viel stärker geworden und machte darüber einige Bemerkungen, die so tief gingen, daß die Kranke aus Furcht, noch mehr an Umfang zuzunehmen, fach die nötige Nahrung .versagte, den Appetit ganz verlor und nach einigen Monaten aus Schwäche starb. * Eine Frau aufdem Wegen« ch Lhassa. Bekanntlich ist es im Laufe des vorigen Jahrhunderts nur drei Europäern gelungen, nach der geheimnisvollen heiligen Stadt Lhassa, dem Mittelpunkt des Buddhismus, vorzudringen. Unter den zahlreichen Reisenden, welche von den Sendlingen des Dalai Lama an der Weiterreise verhindert und gewissermaßen von den Toren Lhasias zurückgewiesen wurden, gehört auch eine Frau, eine englische Missionarin Namens Miß Annie Taylor, die gegen. den Willen ihrer Eltern sich im Jahre 1884 nach China begab, um sich der Bekehrung der Heiden zu widmen. Schon int Jahre 1887 besuchte sie den Jahrmarkt beim Kloster Kumbum in der Nähe von Siuuing, um Erkundigungen über die Reise einzusammeln und nahm später einen Aufenthalt im Kloster Tumlong, .um die tibetanische Sprache zu erlernen, in der Hoffnung, von Sikkim aus nach Lhassa vorzudringen. , Die Schwierigkeiten und Fäbr- lichkeiten des Weges, .den jetzt General Macdonald an der Spitze einer starken, indischen Truppe eingeschlagen hat, um nach Lhassa zu gelangen, waren für eine Frau zu groß, Sie reiste deshalb nach China zurück und trat im Jahre 1892 am 2, September von Tanchan aus den Marsch nach Hhassa an, begleitet von mehreren Eingeborenen, unter denen sich ein junger Tibetaner Potzo befand, dessen Dankbarkeit Miß Taylor sich als Krankenpflegerin erworben hatte. Es war ein gefahrvoller Marsch auf Bergpfaden durch ein von Räubern unsicher gemachtes Hochland. Die Kälte war so groß, daß gelegentlich die Hand an den Griff des Messers anfror und nur mit Verlust von Hautstücken losgelöst werden konnte. Das Zubereiten.von warmen Speisen war unter solchen Umständen fast unmöglich. Um einer Räuberbände zu entgehen, mußte die kleine Truppe in strömendem Regen zu Pferde zweimal über einen Strom setzen; aber es half nichts, die Reisenden wurden eingeholt, und gründlich 'ausgeplündert; doch gelang es einem der chinesischen Diener Namens Noga den Räubern sein Eigentum wieder abzujagen, sowie einige der Kleidungsstücke seiner Herrin, der er aber ihr Eigentum nicht zurückgab. Schon Ende September Waran die Nächte bitter kalt, obschon die Sonne mittags heiß herabschien. Schneestürme stellten sich ein und hielten oft mehrere Tage hindurch an. .Flüsse mußten durchwatet werden und in durchnäßten Kleidern ging die Reise weiter. Ueberall gab es Räuber, die den Reifenden den Weitermarsch erschwerten und nachts die Lagerstätten umschwärmten. Die größte Plage war aber der Chinese Noga, ein brutaler .Geselle, der seine Frau mitgenommen hatte und sie mit der Peitsche dergestalt mißhandelte, daß Miß Taylor sich ins Mittel legen mußte. .Das verdroß den rohen Menschen, der sich dadurch rächte, daß er seine Herrin bestahl und bei lebet Gelegenheit den ihm begegnenden Reisenden zurief, daß die Frau, die er begleite, eine Engländerin sei. Schließlich weigerte er sich, weiter zu gehen, ohne Geldvorschüsse zu erhalten, ließ die Pferde beinahe verhungern, sein eigenes ausgenommen, und benahm sich so roh, daß Miß Taylor ihn entlassen mußte. Das war vermutlich, was Noga wünschte, Er wußte gar wohl, daß die Machthaber von Lhassa alle diejenigen mit dem Tode bedrohten, die einen Fremden nach der heiligen Stadt führten. Er tobte und fluchte und suchte die wagemutige Engländerin zu töten; schließlich verschwand er und Miß Taylor glaubte erst, er sei nach China zurückgekehrt. Erst nach einigen Tagen erfuhr sie von Kaufleuten, dre aus Lhassa kamen, daß Noga nach dieser Stadt unterwegs sei. Inzwischen war Weihnachten gekommen; die Kälte wurde jeden Tag grimmiger, sodaß es möglich war, siedenden Tee zu trinken. Die Augen litten vom Wiederschein des in der Sonne glänzenden Schnees. Miß Taylor hatte iyr Zelt verkauft, da es an Trägern fehlte, .und mußte im Freien schlafen, falls sich keine Höhle fand, rn der die kleine Truppe die Nacht zubringen konnte. Wenige Tagereisen von Lhassa entfernt, wurde Miß Taylor von Sendboten der tibetanrschen Behörden angehalten und zur Umkehr aufgefordert. Mach langen Hin- und Herreden und wiederholten Besprechungen, zu denen.auch Noga und dessen Frau zugezogen wurden, verstanden sich die Sendlinge des Dalai Lama dazu, der von ihrem chiiwsischen Diener ausgeraubten Engländerin Pferde, em Zelt, Schaffelle und Lebensmittel zu liefern, unter der Bedingung, daß sie begleitet Y'on einer Schutzwache die Heimreise antrete. Es wqr im.Januar und die Kälte noch grimmiger als zuvor, .sodaß auf dem Morlapaß eines her Pferde erfror. Nach großen Entbehrungen und unter wiederholter Lebensgefahr er- Wcht^ Miß Taylor am 13. April Tachienlu, wo französische MWaMve sie aufnahmen und ihr die Mittel zur Weiterreise nach der Küste lieferten. ^Gegenwärtig befindet sich Miß Taylor in britischen Verbindungslinie und wartet mit ihren su Dardschrling um sich versammelten Genossen aus den Augenblick, unter dem Schutz britischer Bajonette mit der Bibel in der Mtgen Stadt der Buddhisten ihren Einzug halten kann. * Wehrhafte Nestlinge. Die Nester der durch vor- treffliches Flugvermögen ausgezeichneten Vogelordnung der Lcmg- schwinger befinden sich großenteils auf dem Erdboden, wodurch die Jungen natürlich manchen Fäh-rlichkeiten ausgesetzt sind. Hen Nestlingen des Noddy (Sterna stolida) in Mexiko stellt sogar eine Eidechfenqrt sehr erfolgreich stach, .die zweifellos die Wwesenheit der Eltern geschickt zu benützen versteht. Dagegen wissen feie Jungen der Sturmvögel sich selbst in einer ebenso originellen wie wirksamen Weise zu verteidigen, indem sie dem ihrem Neste sichnahendenFeindei einen Strahl stinkenden Trans aus ihrem Magen entgegenspeien. Die Nestlinge des st Meter klafternden Riesensturmvogels (Pro- cellaria gigantea) vermögen eine solche „Stinkbombe" sogar bis auf eine Entfernung von st Metern zu Wendern, wie Professor Dr. W. Marshall in der soeben ansgestebenen 38. Lieferung seiner Tierkunde für jedermann: „Dje .Tiere der Erde" (Stuttgart, Deutsche Verlags-Anstalt) mitteilt. .In diesem vorzüglich geschriebenen volkstümlichen Prachtwerk, .das in 50 Lieferungen zu je 60 Pfg. erscheint, arbeiten Text und Abbildungen einander in glücklichster Weise in die Hände. Außerdem steht das Werk illustrativ! dadurch ganz einzig da, daß seine Abbfldnngen (mehr als 1000, darunter 25 Farbendrucktafeln) fast ausnahmslos nach den photo- graphtschen Aufnahmen lebender Tiere hergestellt wurden. LßteVKVrsches. — Schon häufig genug hat man gehört, daß ein unbeliebter Offizier im Manöver durch einen reglementswidrig abgegebenen Marsen Schuß hinterrücks getötet oder doch verwundet wurden Ter .Militärschriststeller Teo von.Torn läßt dies in seinem neuesten, im Verlage von W. Vobach u. Co., Berlin und Leipzig, erschienenen Roman „Regiments-Indiskretionen" zur Tatsache werden und schildert, in die Untersuchung der Motive eintretend, das ttwlich-e Leben in einem Linien-Regiment. TvrN Hat sich bemüht, Licht und Schatten gerecht zu verteilen, er geht ttt geschickter Weise von den dienstlichen auf die häuslichen und gesellschaftlichen Verhältnisse über und liefert dadurch ein interessantes Kulturbild. .Nicht nur die traurigen Folgen einer mit zufammengeborgtem Kommißvermögen entrierten Ehe, sonderst auch ixtS glänzende Elend eines in der Blüte der Fahre pensionierten und zur Untätigkeit vechammten "Offiziers werden hier beleuchtet. Der fließend und nicht > ohne Humor geschriebene Roman ist reich an dramatischen Momenten. Die Auseinandersetzung .des altadligen pensionierten Generals mit seinem als Leutnant dienenden Sohne erinnert stark an Beyerleins „Zapfenstreich". Der Leutnant hat mit der Achter des' im Menst ergrautest Wachtmeisters seines Vaters ein Verhältnis angeknüpft, dessest Folgen er sich zu entziehen versucht. Trotz der Standesunter- schiede verlangt der General mit eiserner Strenge die Heirat der beiden, woraus sich Konflikte ergeben, die erst mit dem im D u e l l erfolgenden Tode des Leutnants enden. Der 3 Mar? kostende Roman ist in allen Buchhandlungen zu haben. Kleine praktische Ratschläge. * Tintenflecke aus Teppichen und Wollstoffen kann mast entfernen, ohne daß eine Spur davon zurückbleibt, besonders wenn die Tinte noch feucht ist, wenn man zuerst alle Tinte, die noch nicht in den Stoff eingedrungen ist, mit einem Fließ- (Lösch-Wap-ier oder Baumwollwatte vorsichtig.auffaugt, dann ein wenig süße Milch auf den Tintenfleck tröpfeln läßt, und mit einem frischen Stück Watte auffaugt. Dies muß man zwei bis dreimal, jedesmal mit frischer Milch und frischer Watte wiederholen und der Flecken wird verschwinden. Bilderrätsel. (Nachdruck verboten.) &1- Auflösung in nächster Nummer. Auflösung der Magischen Gleichung in vor. Nr.: a) Kelle, b) Elle, c) Strom, d) Rom. e) Neger, f) Eger, g) Oheim, n) Heim, i) Namur, k) Amur. 1) Esau. m) Sau x) Kanone. Redaktion: Auaukt Goetz. — Rotationsdruck und Verlag der Brühl'schen Univerfitäts-Brub- und Steindruckerei. R.Lange. Gießen.