1904 Samstag den 9. April. MU W W m iq ! JÄ0BW1 WWßWLS! ! l”6:~ :~r> (Nachdruck verboten.) Im der AZjah. Roman von B. M. Croker. Genehmigte Uebertragung von A. Vischer. (Fortsetzung.) Als Mrs. de Villars und ich am folgenden Morgen zu später Stunde beim ersten Frühstück saßen, wurde ihr die aus England eingelaufene Post überbracht, und sie machte sich daran, die Briefe zu öffnen. Plötzlich wandte sie sich zu mir. „Mas sagen Sie dazu? Uebermorgen reise ich, nach Japan! Ja, ja, Sie staunen, mir aber geht nichts über eine Abwechslung. Lobbys Verwandte sind nämlich auf dem Wege dahin, und rttm reicht es gerade noch!, daß ich in Colombo mit ihnen zusammentreffe. Tie werden Augen machen! Schon lange wünschte ich Japan kennen zu lernen, und hier bietet sich mir nun die Gelegenheit!" Sie klatschte vergnügt in die Hände. „In drei Monaten werde ich zurück sein, vielleicht auch erst in sechs, da ich unter Umständen über Amerika und England reise." Ich war zu sehr bestürzt, als daß ich hätte sprechen können, und so fuhr sie fort: „Ich werde das Haus schließen und es in Ahmeds Obhut lassen. Tas Silberzeug schicke ich auf die Bank, Hunde und Vögel wird Mrs. Black nehmen. Lobby muß eine Drahtnachricht geschickt werden, vielleicht entschließt er sich, seinen Urlaub in Pokohama zu verbringen. . . Es ist wohl besser, Sie schreiben den Leuten, die zum Gabelfrühstück kommen wollten, ab und sagen, ich hätte eine dringende Abhaltung . . . und dann... ad) richtig —" eine lange Pause folgte „was soll aus Ihnen werden?" Beide Ellbogen mit den ausgefranzten Aermeln auf den Tisch stützend, starrte sie mich an. Heute noch sehe ich sie deutlich vor mir mit ihren großen schwarzen Augen, dem zerzausten natürlichen Lockenhaar und dem abgetragenen, rosafarbigen Schlafrock. n „Ja, was soll aus mir werden? "wiederholte ich lachend. >,Für die Hunde, das Silber und die Vögel haben Sie gesorgt, was aber wollen Sie mit mir machen?" „Es ginge wohl nicht, daß Sie eine vorübergehende Stelle annehmen, sagen wir auf drei Monate. . . oder auf eigene Kosten mit mir reisten?" „O nein, dazu fehlen mir die Mittel", antwortete ich rasch«. „Ueberhaupt werde ich, Indien nur verlassen, um nach England zurückzukehren." „Nun denn, so hören Sie mich mal an. Ich schulde Ihnen zwei Monate, das macht hundertzwanzig Rupien, und außerdem werde ich Ihnen, weil ich. Ihnen doch so Knall und Fall kündige, noch vierzig weitere geben, dazu ein glänzendes Zeugnis." Sie stand auf, wandte sich aber dann wieder um. >,Nein, ich habe mir's anders überlegt: hundert Rupien I will ich Ihnen mehr geben, denn Sie haben sich wirklich als ein Kleinod erwiesen." Rasch machte ich einen Ueberschlag. Mit dieser Summe ( und den noch von meinem Heckpfennig übrigen zwanzig Bfurb konnte ich nach Madras reisen, mich dort nach einer tellung umsehen und übers Jahr von meinen Ersparnissen die Ueberfahrt nach England bestreiten. Wahrhaftig, ich hatte genug von diesem Wanderleben in Indien! „Gut denn, ich danke sehr für Ihre Freundlichkeit. Sobald Sie es wünschen, werde ich zur Abreise bereit sein." „Nun ,so fliegen Sie und kündigen Sie der Dienerschaft den Dienst auf. Dann packen Sie die Sachen im Salon ein, die Photographien, Wandzierraten und seidenen Kissen, auch die Teppiche müssen aufgerollt werden . . . Doch nein, bleiben Sie und schreiben Sie zuerst die Briefe . . . oder warten Sie, es ist besser, das Silber wird zuerst eingepackt, damit man es auf die Bank bringen kann." Rasch eilte ich davon, rief zwei Diener zur Hilfe herbei, und als ich mit dem Zählen, Aufschireiben und 'Einpacken des Silbers nahezu fertig war, erschien Mrs. de Villars im Hut." „Ich will mal schnell zu Mrs. Black hinüber gehen und sie bitten, daß sie die Vögel und Hunde zu sich nimmt, und nach nochmaliger Ueberlegung finde ich es doch besser, daß man den Gästen zum Gabelfrühstück nicht abschreibt, und da brauchen wir natürlich das Silber." Mrs. de Villars' schlimmste Eigenschaft war ihr Wankel- mut und das fortwährende Umstoßen ihrer eigenen Pläne. Taß sich dies während der folgenden Tage besonders fühlbar machte und sie noch ruheloser und aufgeregter war als gewöhnlich, läßt sich denken. Selten kam ich vor zwei Uhr morgens zu Bett. „Ich glaube, in solch geordnetem Zustande habe ich das Haus noch nie verlassen!" rief Mrs. de Villars am letzten Abend, behaglich die mageren Hände reibend. „Sie sind ein wahrer Schatz! Nun sagen Sie mir, was haben Sie für Pläne?" „Ich beabsichtige, nach' Madras zu gehen, um mich nach einer Stellung umzusehen. Später gedenke ich nach England zurückzukehren und mich als Klavierlehrerin niederzulassen." „Puh, was für eine Aussicht! So weit wird es übrigens niemals kommen. Sie heiraten natürlich vorher. Das war mit ein Grund, weshalb ich Sie nicht häufiger in Gesellschaft mitgenommen habe; ich fürchtete nämlich, Sie zu verlieren. Wenn Sie einen Verehrer gefunden und sich verlobt hätten, so wäre ich wieder schön in der Patsche gewesen. Nun ist zwar, wie ich fürchte, der umgekehrte Fall eingetreten: ich lasse Sie in der Patsche sitzen. Wer leider ist die Sache eben nicht zu andern. Ueberall, wo Sie sich gezeigt haben, sind Sie sehr bewundert worden, das sage ich Ihnen zum Trost, und wenn ich nicht nach Japan ginge, so hätte ich Sie das nächste Jahr mit nach Marbleishwar genommen und Ihnen eine gute Partie verschafft." 210 „Das ist ja sehr freundlichst — ich lachte auf — „allein ich bin gar nicht. . ." „Still, still! Sie werden mir doch nicht Weismachen wollen, daß Sie die Absicht haben, eine alte Jungfer zu werden. Sicherlich haben Sie jetzt aber auch noch manches für sich zu packen, und vergessen Sie nicht, daß tote morgen früh um sechs Uhr hier wegfahren." Bon den Nordwest- und Zentralprovinzen und auch von Tekhan hatte ich bereits einen flüchtiben Eindruck gewonnen, und nun stand icy im Begriff, mich nach dem ältesten Sitz der Regierung, in die echten, palmenreichen Tropen zu begeben. Ich reiste mit einem späteren Zuge ab, als Mrs. de Villars, nachdem wir uns auf dem Bahnsteig in Punah, wo ich sie zuerst gesehen, auch wieder verabschiedet hatten. Sie führte nur wenig Gepäck mit sich und reiste hi Begleitung eines portugiesischen Dieners, selbstverständlich erster Klasse, wogegen ich mir eine Fahrkarte zweiter Klasse gelöst und als Gepäckträger den alten Ahmed bei mir hatte, einen Indier, in den Mrs. de Villars großes Vertrauen setzte, der mir selbst aber von Anfang an im höchsten Grade unangenehm gewesen war. Immerhin aber nahm er sich diensteifrig meines Gepäckes an, legte eigenhändig die kleineren Stücke in einen leeren Wagen und ertvies sich in jeder Hinsicht aufmerksam und äußerst gewandt, sodaß ich wohl begreifen konnte, daß Mrs. de Villars ihn trotz seines glatten, fetten Gesichts und seiner schlauen Augen zu schätzen wußte. Ich war die einzige Reisende in meiner Abteilung und setzte mich ans Fenster, von wo aus ich Ahmeds tiefe Abschiedsverbeugung erwiderte. Stundenlang schaute ich! dann von diesem Platze aus hinaus auf die vor mir sich entrollenden Bilder des alten Indiens. Zuerst kam ich an Kirkee und verschiedenen, mir bekannten Orten vorbei, dann folgten bewaldete Berge, befestigte Städte, zerklüftete rötliche Gebirgsketten, grüne Weideplätze und breite Flüsse. Endlich erhob ich mich um mein Gepäck in Ordnung zu bringen und mir einen Mantel zu holen, denn der Abend war kühl. Als ich meine Reisetasche beiseite stellen wollte, kam sie mir eigentümlich verändert vor, und Lei näherer Untersuchung entdeckte ich, daß die innere Tasche, worin ich mein Geld, meine Papiere und Zeugnisse aufbewahrt hatte, mit einer Scheere herausgeschnitten war! Ahmed hatte diese Reisetasche in seine ganz besondere Obhut genommen, und nun siel mir auch wieder das eigentümliche Lächeln ein, womit er meine fünf Rupien Trinkgeld in Empfang genommen hatte und seine tiefe, höhnische Verbeugung bei meiner Abfahrt. Nichts blieb mir mehr, als die fünfundsechzig Rupien, die man mir beim Lösen der Fahrkarte herausgegeben und die ich glücklicherweise in meine Kleidertasche gesteckt hatte. Was sollte nun aus mir werden? So entmutigt, so namenlos unglücklich fühlte ich. mich, daß ich in krampfhaftes, verzweifeltes Weinen ausbvach. Schien es nicht, als habe sich alles gegen mich verschworen? Wie lange ich so tröst- und hoffnungslos weinte, weiß ich nicht, ich« merkte nur mit einem Mal, daß wir in eine große Station einfuhren. Ich unterdrückte mein Schluchzen und trocknete mir hasttg die Augen — trotzdem mußte ich von einem vorübergehenden jungen Schaffner bemerkt worden sein, denn er blieb stehen und sah zum Fenster herein. „Ra, was giebt's? Wollen Sie nicht aussteigen und etwas zu Wend essen?" Märe ich ein Reifender der ersten Klasse gewesen, so hätte er-mich wahrscheinlich nicht so ohne weiteres anzureden gewagt, Armut aber verhilft einem manchmal zu eigentümlichen Freunden. „Nein, ich will lieber hier bleiben. "■ „Warum? Sind sie krank?" fragte er teilnehmend. „Nein, nicht gerade, aber ich habe soeben die Entdeckung gemacht, daß ich all meines Geldes beraubt worden bin. Sehen Sie nur, was man getan hat!" Und "ich zeigte ihm meine zerstörte Reisetasche. „Tas ist ein sauberer Streicht" Rasch öffnete er die Türe, setzte sich mir gegenüber und betrachtete den Schaden genauer. „Wie viel war es?" fragte er dann, ^mich mit seinen großen blauen Augen ansehend. Unter einem neu hervorstürzenden Dränenstrom sagte ich es ihm. „Ich kann ein Mädcben niM weinen sehen. Wer freilich solch ein Pech, und wenn Sie keine Freunde, keine Zeugnisse und kein Geld haben . . ." „Fünfundsechzig Rupien sind mir noch geblieben." „Nun, damit können Sie sich schon ein Weilchen übev Wasser halten. „Aber nicht in einem Hotel in Madras." „Nein, aber ich will Ihnen mal einen Rat geben. In den Vorstädten Vepery und Blacktown gießt es eine Menge billiger Kosthäuser, wo man um achtzig Anna bis eine Rupie tägliche ausgenommen wird-. Ich kenne zum Beispiel eine Frau Rosario, die in der Crundallstraße Nummer 16 in Vepery wohnt, bei der beträgt der Preis für Kost und Logis täglich eine Rupie. Sie ist eine sehr anständige alte Frau, wenn auch fast so schwarz wie ein Mohr, und tveun Sie ihr sagen, daß Glles — das bin ich — sie schicke, so wird sie gewiß gut für Sie sorgen." „Ich danke Ihnen von Herzen für Ihre Freundlichkeit." „Es herrscht zwar ein bischen arges Durcheinander in dem Haus, aber Sie werden sich schon darein finden. Jedenfalls ist es billig und anständig, und von dort können Sie sich nach einer Stelle umsehen oder nach! Hause schreiben." „Ja, das werde ich wohl können", stimmte ich mit einem Seufzer bei. „Sie haben die gleiche Haarfarbe wie meine Schwester; das fiel mir zuerst auf. Ach, wie herzbrechend Sie geweint haben! Aber was nüt-t das? Kommen Sie jetzt und essen Sie mit mir." „Ach nein, ich danke, ich brauche nichts zu essen", antwortete ich kläglich. „Aber ich . . . und Sie ebenfalls! Tas Weinen hat Sie angegriffen. Ich gehörte nämlich auch einmal zu den gebildeten Kreisen; Sie werden mir es kaum glauben. Allein nichts wollte mir in der Heimat glücken, und so kam ich nach Indien, um mich wenigstens auf eigene Füße zu stellen. Vielleicht fchchinge auch ich mich noch einmal wieder in die Höhe, und inzwischen ist es besser, ich bin hier, als ich lungere zu Hause herum und lasse mich von meinem Alten unterhalten. Meine Arbeit ist zwar recht schwer, aber daraus mache ich mir nichts ... Ta Sie mir aber die Ehre Ihrer Gesellschaft nicht erweisen wollen, so muß ich eben allein gehen." So sprechend, sprang er hinaus und schloß die Tür. Allein schon nach kurzer Zeit kam ein Kellner in einem roten Turban und brachte mir einige Stückchen kaltes Geflügel, Brot und eine Flasche eisgekühlter Limonade. Giles Sahib, so sagte der Kellner, schjcke mir dies; alles sei bezahlt. Tankbar nahm ich dieses kleine Mahl an und fühlte mich daraufhin ordentlich gestärkt. Tiefe Erfrischung und die Adresse des billigen Kosthauses hatte ich also der Farbe meiner Haare zu verdanken! Kürz vor Abgang des Zuges erschien mein freundlicher Beschützer wieder, um sich! von mir zu verabschieden, und mir noch eilig zuzurufen: „Ich habe Sie meinem Kameraden Jenkins anem- psohlen; er wird in Madras nach Ihrem Gepäck sehen imb; Ihnen für einen Wägen sorgen. Ich fahre jetzt nach Metta- pollum. Also leben Sie wohl!" Tamit reichte er mir die Hand und drückte die meinige herzlich, „Leben Sie wohl, und verlieren Sie den Mut nicht. Ich wünsche Ihnen Glück!" 9. Das Herz schlug mir etwas rascher, als ich bemerkte, daß die grünen Reisfelder und Dattelpalmen allmählich einer kahlen, sandigen Ebene wichen. Tie feuchtwarme Luft, die zum Wagensenster hereindrang, führte einen salzigen Beigeschmack vom Meere mit sich und bald fuhren wir zwischen zerstreut liegenden Dörfern hin, den sicheren Vorboten einer großen Stadt. Ich näherte mich Madras und damit dem Ende eines behaglich-sorglosen Lebensabschnittes! Eine Barschaft von wenig mehr als fünf Pfund trennte mich von dem Hungertods. Nun hieß es: Kopf hoch! und handeln. Ein Rechnungsüberschlag war bald gemacht- Bet der äußersten Sparsamkeit konnte ich mit sechzig Rupien zwei Monate lang leben, und während dieser Zeit mußte es mir ja doch gelingen, eine Stellung zu finden. Mine augenblickliche Aufgabe war also, sparsam und vorsichtig zu sein. Nach wenigen Minuten schön befand ich mich mitten im Gewühl und Härm eines großen indischen Bahnhofes und tvnrde von gastztzp Harden von Reifenden mit ihren Bstn- 211 dein, Körben, Kochgeschirren und sogar Lieblingshühnern itn Arme hin und her gestoßen. Es sah aus wie der Auszug eines ganzen Volkes. Ter eingeborene Indier hat nämlich eine besondere Vorliebe für das Eisenbahnfähren und genießt es mit geringem Kostenaufwand. Bald sah ich auch Jenkins, der sich! durchs die Menge zu mir drängte. Er war älter als der andere Schaffner, ein freundlich ausfehender kleiner Mann mit leicht ergrautem Barte. „Ich habe einen Wagen für Sie gemietet, der Sie zu Frau Rofario, Crundallstraße 16, in Vepery, bringen wird. Sie ist eine gute Seele, wenn sie auch trotz ihrer Ticke nicht viel gleich sieht. Bei ihr können Sie wenigstens ein Unterkommen finden, bis sich Ihnen etwas besseres bietet. Sie hat das Haus voll mit Verwandten . . . aber merken Sie es sich wohl: leihen Sie nur um alles in der Welt niemand dort (MM" „Geld leihen?" wiederholte ich ganz verblüfft. „Ja, halten Sie zusammen, was Sie haben, und sagen Sie Frau Rosario, daß Giles und Jenkins Sie schicken. Ich wünsche Ihnen Glück! Wenn Sie mich brauchen, wird ein Bries mit meinem Namen und der Eisenbahnlinie, bei der ich angestellt bin, mich stets finden. Leben Sie wohl!" Damit half er mir in eine Art auf Rädern stehenden Kasten mit grünen, geschlossenen Läden. Ein dürrer Schimmel war davor gespannt, und ein Junge lenkte ihn, der unter seinem Turban und seinen bunten Fetzew fast verschwand. Mein Gepäck war bereits mit einem aus alten Lappen zusammengesetzten Strick festgebunden, und ehe ich es mich versah, fuhren wir, eine dichte Staubwolke auswirbelnd, in raschem Trabe davon. Zuerst kamen wir an einem öffentlichen Park, an eurem Spital und dann an einem großen, stark besuchten Bazar vorbei. Bald jedoch bogen wir in eine breite Straße ein mit verwahrlosten, in verwilderten Gärten stehenden Häusern. An dem halbverfallenen Gittertor eines solchen Anwesens schwenkten wir plötzlich in einen, von Furchen zerrissenen Gartenweg ein und hielten dann vor der Tur eines langen, niedrigen Gebäudes, mit großer, säulengetragener Veranda und verblichenem^ gelbem Anstrich!. Auf der Veranda standen eine Anzahl halbdurchgesessener Bambus- oder Strohstühle, und einige halbvertrocknete Farnkräuter in Kübeln. Auch- eine Henne mit ihren Küchlem bemerkte ich dort, sowie eine große Menge wert herunterhängender Spinngewebe. . Rings umher aber herrschte lautlose Stille. Ter Kutscher schrie und schrie, jedoch vergebens. Endliche stieg er wütend ab und lief nach den Hintergebäuden, von wo er nachwenigen Augenblicken in Begleitung eines Timers zuruck- kehrte, der sich im Gehen seinen Rock anzog und eme leichte Molke von Küchen- und Tabakduft mitbrachte. Er forderte mich in gutem Englisch! auf, einzutreten, schvb den schief heruntergelassenen Rollladen beiseite und führte mich in ein großes, dunkles Empfangszimmer. (Fortsetzung folgt.) Plaudereien aus der Kaiserstadt. (Nachdruck verboten.) Auw ein Bankier. — Ein Opcretten-Durchfall am ersten Ostertag.— Kapellmeisterstreik. — Sonnenthals Abschied. Wie ein kleiner Aprilscherz mutet der Fall an, der sich unlängst vor dem Schiedsgericht der Berliner Börse abgespielt hat. Es handelte sich um einen bankerott gewordenen Bankier, der eine Schuldsumme von insgesamt 1200 Mark nicht löschen zu können erklärte und feine Gläubiger mit 25 Prozent ab sind en wollte. _ Bei oer Verhandlung dieses im Gegensatz zu den sonstigen Millionenpleiten so wohltuend berührenden Krachs erklärte der Kapitän des jungen, schon nach wenigen Wochen wegen eingetretener Ebbe gestrandeten Börsenschiffleins, daß er sein Bankgeschäft mit einem Kapital von vollen 1500 Mark errichtet habe, wovon allerdings durch die leidige Gewohnheit der Hauswirte, die Quartalsmiete prä- numerando zu verlangen und andere mißtrauische Gesellen gleich- 1200 Mark beim Teufel gewesen seien. Tana ch war also das Bankgeschäft aus der nicht gerade den größten Kassenschrank beanspruchenden Basis von ganzen 300 Mark gegründet worden. Angesichts der Möglichkeit solcher Gründungen, die von der anständigen Presse gründlich genug erörtert werden, wird einem Menschen, der vorläufig noch keine Depots zu vergeben hat, ganz merkwürdig zu Mute. Man kommt aus' dem Erstaunen über die Vertrauensseligkeit gewisser Leute nicht heraus, die einem Menschen auf sein ehrliches Gesicht nicht 10 Mark borgen mögen, aber einem flott auftretenden Spekulanten, der ohne Austern und Pommery nicht mehr leben kann, ihr ganzes Vermögen gegen einen Depotschein anvertrauen. Aber wer weiß/ ob man in der Wonne des Besitzes nicht vielleicht selbst so — unklug wäre. Und man darf womöglich stolz darauf sein, keine Depots vergeben zu können! Scherz bei Seite: wenn Bankherren mit ursprünglich großen Mitteln durch den Strudel der Ereignisse in die Tiefe gerissen werden und fallieren müssen, so wirkt das für den Stand des Bankiers schon schlimm genug; wohin aber soll Sicherheit und Vertrauen schwinden, wenn sich solche Vabanque-Geschäfte auftun dürfen? — Eine „Pleite" auf künstlerischem Gebiete hatte am ersten Osteriage unser Operetten-Theater in der Alten Jakobstraße zu verzeichnen. Es gab dort ein Stück, das unter dem Titel „Fayon Pamola" die zwitterliche Bezeichnung „Vaudeville-Schwank trug. Unser erstes Festtagspublikum erfreut sich- bei sämtlichen Tirektoren einer geradezu fabelhaften Beliebtheit. Kritische Leute gehn an diesen Menden nur in irgend einen Kunsttempel, wenn sie durchaus müssen. Gute, bescheidene, lachlustige Lämmer aus alle Plätze. Ter Komiker braucht nur mit den Augen zu zwinkern und ein wohliges Grunzen mit ein paar offenen Äachtönen wird sogleich vernehmbar; Eigentlich kann diesem ebenso braven wie geduldigen Publikum gegenüber gar kein Stück durchfallen. Auf den schnell erzeugten Wogen seiner fröhlichen Begeisterung kommt auch der zweifelhafteste Schmarren zu einem Erfolg. Und trotzdem hat es diese „Fayon Pamola" fertig gebracht, in aller Form abgelehnt zu werden. Nicht etwa, weil sie zu stark gepfeffert gewesen wäre. Nein, es war langweilig wie eine Schneiderrechnung oder eine Tonleiterübung. Tie Hutfayon, die ein verliebter Putzmacherchef seiner Flamme vom Brettl zu Ehren „Pamola" taust, hatte Wasserkopfweite und paßte dem Berliner daher ganz und gar nicht. Aller Liebe Mühe war umsonst, so gute Kräfte auch im Treffen waren. Tas „Zentraltheater" hätte einen schwarzen Tag, tote er an dieser Stätte kurzweiligster Lustigkeit eigentlich zu den Naturwundern zählt; aber die lachende Muse Strauß' und Millöckers wird den Schaden bald wieder wett machen. In einer tristen Lage befanden sich während d r Festtage eine Reihe jener an und für sich schon nicht beneidenswerten Jünger der Musik«, die in den Vergnügungs-Etablissements in und um Berlin den Taktstock schwingen und neben den Weisen der alten, keine Ansprüche mehr erhebenden Meister, auch die Schaffenden vsn heute zu Gehör kommen lassen möchten. Aber ein Berliner Saal- und Gartenwirt kennt keine Täxe für geistige Genüsse. Nur was sich; kauen, schlürfen oder verqualmen läßt, hat einen münzbaren Wert für ihn und daher will er auch nichts von den bescheidenen Tantiemen wissen, die die Genossenschast deutscher Tonsetzer für die Aufführung der Kompositionen ihrer Mitglieder erhebt. So kam es schließlich zu einer Art von Kapellmeister-Streik, da etliche sich nicht dazu hergeben wollten, nur sogenannte „abgabefreie" Musik auf das Programm zu setzen. Und skrupellosere Kollegen nahmen ihnen schnell den Taktstock aus der Hand/ Auf die Tauer werden unsere Wirte sich jedoch der Ansicht nicht verschließen können, daß auch die Arbeit eines Tonsetzers ihres Lohnes wert ist, wenn sie auch zeitlebens vor der eines Braumeisters die größere Hochachtung behalten. „Nur immer langsam voran!" Man hat es einstmals als Spottvers für die östreichische Landwehr gesungen, aber wir haben innerhalb der deutschen Grenzpsähle Gelegenheit genug, uns an diesem alten Philister-Tempo zu ergötzen! Ein alter Oesterreicher, der nun gar zum Landsturm de. Kunst übertreten will, feierte am Tienstag abend in Berlin auf der Bühne des Residenz- Theaters Abschtedstriumphe. Adolf Sonnenthal, der sich die Bühne seinerzeit sreilich in einem anderen Tempo als dem der östreichischen Landwehr erobert hat, ist entschlossen, den Brettern Valet zu sagen. Tie Berliner durften ihn in einer seiner Glanzrollen, im Lessing'schen „Nathan" noch einmal in voller Kraft und Größe bewundern. Es war ejn Wend Poll Weihe, der den Beweis 212 dafür gab, daß echte Kunst nicht unmodern werden kann, vb auch die Strömungen des Tages sich brausend zu anderen Ufern drängen. Ich glaube kaum, daß unter all den Genies von beute, ihm einer diesen „Nathan" nach- sstielt. ' A. R. Vermischter. * Ein Engländer über die Deutschen an der R i b i e r a. Unsere „lieben Vettern" jenseits des Kanals können sich anscheinend noch immer nicht an die Vorstellung gewöhnen, daß es auch andere Leute in der Welt gibt. Wenigstens erscheint es einem von ihnen als frechste Anmaßung, daß auch die Deutschen die Schönheiten der französischen Riviera aufsuchen, die die Engländer bisher für sich gepachtet zu haben glaubten. Nur so ist eine der lieblichsten Stilübungen zu erklären, die seit längerer Zeit von Engländern über Deutsche bekannt geworden sind: ein köstlicher Klagegesang über die „Germanisierung der französischen Riviera", den ein Mr. Alex. Kenealy in der „Daily Mail" anhebt und der es verdient, in seinen Hauptzügen wiedergegeben zu werden: „Tie Deutschen sind in der Riviera eingefaUen, und während ich hier schreibe, sitzt ein kräftiger Berliner am Spieltisch tm Kasino zu Monte Carlo und beißt verstohlen von einer'Frankfurter Wurst ab, wenn die Beamten sich abgewendet haben. Tie hordenweise Ankunft plumper Teutonen aus Hamburg und Berlin verändert die Luft in den heiteren Orten der Riviera. Nizza und Cannes sind voll von Deutschen, und ihre rauhen Kehllaute hört man sogar in Mentone, das fast ausschließlich britisch zu sein pflegte (!)• Einige Leute lieben die Deutschen, andere nicht. Der ständige Riviera- besucher findet keinen Geschmack an dem Wechsel; daher herrscht bei den Franzosen der Eindruck vor, daß die Engländer glücklicher wären, wenn die Deutschen in Berlin blieben. Der deutsche Vergnügungsreisende trennt sich nicht leicht von seinen Ersparnissen. Gr hat öben erst Geld verdient, — hauptsächlich indem er den Handel wegschnappte, der das britische Geburtsreckst war, — und wul es hier ausgeben, aber'nicht schnell. Jeder Frank wird oft gezählt, ehe er ausgegeben wird, und man verninimt jedesmal laute, tiefe Ausdrücke des Schmerzes, wenn der Deutsche denkt, „betrogen" zu sein; und da „betrogen" zu werden die Hauptbeschäftigung des Reisenden in dreien Gegenden ist, hört man viele Einsprüche in teutonischer Sprache. . . . Manche glauben, daß das Herbeiströmen der Teutschen die Roulettezimmer noch unangenehmer machen wird. Tie Herren aus Berlin geben das Handeln nicht auf, wenn sie hierher kommen. Sie machen Geschäfte in den Restaurants, in denen man Geldfragen nur gerade vor dein Fortgehen erörtern sollte. Sie wollen die Tinge kennen lernen, ehe sie essen. Meistens wohnen sie in Pensionen für 10 Fr. täglich, und bet Ciro oder im Hotel de Paris essen sie dann ein Schinkenbrot und trinken ein Glas Bier, wobei sie dann in der Nähe des Herzogs von Tevon- shire oder eines russischen Fürsten sitzen. Ein bekannter Croupier erzählte mir, daß ein Deutscher an den Spieltischen doppelt soviel Platz wie ein Mann anderer Nationalität einnimmt und nur etwa ein Trittel soviel wagt. Es ist also klar, daß die Tividende der Blancschen Gesellschaft herabgesetzt oder die Zahl der Tische vermehrt werden muß, wenn mehr Berliner hierher kommen. Tausende von Engländern, die früher hierher kamen, haben in diesem Jahre nicht die Mittel dazu, während Tausende von Deutschen, die früher nie hierher kommen konnten, jetzt an der Riviera sind und die Tinge möglichst auf eine Mer- und Käsegrundlage bringen loollen. Tie Franzosen denken bei dem Herbeiströmen der Teutschen nicht an Elsaß-Lothringen, auch haben sie keine Vorteile gegen sie, weil sie Preußen sind. Tie Bewohner der Riviera kümmern sich nicht um die Nationalität ihrer Besucher. Sie bemerken eine neue Art eines seltsam klingenden Französisch und schreiben ihre Rechnungen, wie wenn nichts gewesen wäre. Es ist er- auickend, einen Teutschen beim Roulette verlieren zu sehen. Gr setzt, 5 Fr cs. In einem Augenblick wird es von der Bank eingeharkt. Ter Deutsche sieht dahin, wo es seiner Meinung nach sein sollte, sieht es nicht, reibt sich die Augen und wundert sich. Inzwischen wird er schon von einem andern Teutschen fortgedrängt, dem es ebenso geht. Nun sitzen beide da und starren sick in einem Zustand geistesabwesender Schwermut an. Nachher steigen sie zu ihrer Pension hinan, schreiben einen ausführlichen Bericht nach nach Hamburg, verbrauchen Papier für 2 Frcs. und rächen sich an der Wirtin, denn der Deutsche bezahlt keine Nebenausgaben. Tie Deutschen sind reifend häuslich. Sie reisen mit Schwiegermutter, Frau, Kinoerfrau und Kindern —i die Kinder und Kinderwagen müssen beim Kasino umkehren. Oft wundern sie sich über die Kleidung der Briten, machen einander darauf aufmerksam und lachen, obgleich ihr eigenes Aussehen sie gegen jede Würdigung des Seltsamen unempfindlich gemacht haben sollte. Nicht alle Teutschen be-i nehmen sich so, tm ganzen genommen sind sie harmlos und unschädlich, und ich schreibe nur über sie, weil sie ein neues Moment in der Szenerie sind. Tas hiesige Hotel de Paris gab im vorigen Jahre 70 Proz. Dividenden, die Spielsäle fast 50 Proz. und fast jeder hatte Nutzen davon. Wird das so bleiben, wenn Monaco weiter germanisiert wird? Wenn die hierherkommenden Teutonen wie die oben geschilderten sind, sicherlich nicht." Literarlsches. — Die Lehren der Chemie haben zweifellos zur Vervollkommnung der Kochkunst beigetragen, die Gesetze der Physik für die Verbesserung unserer Heizungs- und Wohnungsanlagen, die Forschungen der Botanik und Zoologie endlich verschafften uns sichere Kenntnis aller unserer Freunde und Feinde aus dem Pflanzen- und Tierreich. Wer das Gebiet der Naturwissenschaften und ihrer Gesetze ist ein zu bedeutendes, als daß es jemals von dem einzelnen Menschen, geschweige denn von dem mehr auf das Häusliche gerichteten Sinn unserer Frauen und Jungbrauen, erfaßt werden könnte. Die tägliche Beobachtung zeigt, daß die meisten unserer jungen Frauen verhältnismäßig wenig auf diesem Gebiete und seine Anwendung im Haushalte Bescheid wissen. Da springt nun die allbekannte und beliebte Frauenzeitung „Fürs Haus" helfend und vermittelnd ein. Unter dem Beirat erfahrener Mitarbeiterinnen, ’otote von Gelehrten und Fachleuten aus allen deutsch- prechMden Gegenden wird in diesem Blatt das Hauswesest n seiner ganzen Vielgestaltigkeit eingehend besprochen. Küche, Wäschebehandlung, Zimmerschmuck finden ebenso sachgemäße Erörterung wie die feineren Genüsse des Familienlebens, die gesellige Unterhaltung, Gesundheitspflege, Kindererziehung, Hebung der Dienstboten k. — „Denken Sie", schreibt dem Blatte eine Leserin, „daß ich mir stets eingebildet, ich sei eine gute, d. h. sparsame Wirtschafterin! Allein seitdem ich „Fürs Haus" im Hause habe, erkenne ich! erst die mancherlei Lücken auch in dieser Beziehung!" — Denjenigen Hausfrauen, welche dem Blatte bisher noch keine gastliche Stätte in ihrem Hause eingeräumt, titelet sich jetzt zu Beginn des Monats willkommene Gelegenheit, das Versäumte nachguholen. Es wird dies niemanden gereuen. Eine Probenummer erhält man in jeder Buchhandlung, sowie auch durch die Geschäftsstelle „Fürs Haus" zu Berlin SW. Die erweiterte Salon-Ausgabe — monatlich 70 Pfg. — dürfte in ihrer vornehmen Ausstattung zweifellos einest Anziehungspunkt für die begüterte Kasse bilden. Man erhält Probenummern in jeder Buchhandlung oder direkt bei der Geschäftsstelle „Fürs Haus", Berlin SW. 68. Pyramide. (Nachdruck verboten.) « »• & & & Vokal. asiatische Stadt. englisches Getränk. Vorname. »<«««« Vorname. B X Singvögel. Von der Spitze beginnend ist jede weitere Reihe durch Hin- zuiügung eines neuen Buchstabens unter beliebiger Stellung der übrigen Buchstaben zu bilden. Auflösung in nächster Nummer. Auflösuitg des Scherzrätsels in vor. Nr.r Prozeß. Redaktion: August Götz. — Rotationsdruck und Verlag der Brübt'kcken llnirerfltatk-Vuch- und Steint ruderet. 91. Lange Gießen