1904 Miss süVLI H BNi ‘1 (Nachdruck verboten.) Im Jatak der Aajah. Roman von B. M. Croker. Genehmigte Uebertragung von A. Vischer. Erster Teil. 1. Der Sturm hatte sich gelegt. Der Golf von Biscaya mochte wohl schon zweihundert Meilen weit hinter uns liegen, als ich mit einer meiner Reisegefährtinnen aus unserer engen Behausung trat, um frische Luft zu schöpfen. Fröstelnd, in Tücher eingehüllt, setzten wir uns an diesem kalten Neujahrstage in eine Ecke der großen Salonkajüte, von wo wir drei schmale Tische und einige hin und her schwankende Lampen übersehen konnten. Draußen brauste immer noch beutegierig die See, die sich vergeblich bemüht hatte, uns zu verschlingen. Weder ein Segel, noch ein Felsenriff, oder auch nur eine Turmschwalbe war zu sehen. Prüfend schaute ich meine Gefährtin an. Obwohl wir schon mehrere Tage zusammen die gleiche Kammer bewohnt hatten, war es doch das erstemal, daß ich Gelegenheit bekam, sie näher ins Auge zu fassen. Sie mochte etwa vierzig Jahre alt sein — in den Augen einer Einund- zwanzigjährigen ein ansehnliches Alter. Auch schien sie ihre Jahre durchaus nicht verbergen zu wollen; wenigstens verrieten ihr zwar neues, aber schlecht gearbeitetes blaues Wollkleid und ein häßlicher, rotgelber Shawl deutlich, wie wenig Mert sie auf ihre Kleidung legte. Ihr reiches, dunkles Haar war nachlässig aus der breiten, niedrigen Stirne gekämmt, unter welcher tiefliegende, kluge Augen funkelten. Allein gerade diese Augen verliehen dem wenig hübschen, aber entschlossenen Gesichte mit der geradezu häßlichen Nase und dem großen Munde einen eigenen Reiz, und bald kam ich zu dem Schlüsse, daß meine Beschützerin eine Frau sei, der ich leicht Zuneigung und Vertrauen würde schenken können. Wir hatten uns am Abend, als die Smyrna den Hasen von Tilbury mit dem Endziel Bombay verließ, zum erstenmale gesehen, und infolge des seither herrschenden stürmischen Wetters war unsere Bekanntschaft nicht weiter gediehen. Eine Kammer mit vier Betten und blinden Lukenfenstern ist wenig dazu geeignet, gesellschaftlichen Verkehr anzuknüpfen. Meine Verwandten hatten mich der Obhut von Mrs. Evans übergeben. Sie war die Cousine der Freundin einer unserer Bekannten — in der Tat eine sehr weitläufige Beziehung — allein meine Tante hatte eben keinerlei Verbindung mit dem, fernen Osten, und anderseits sind die die schon in Indien gelebt haben, daran gewöhnt, sewst völlig Fremden ihren Beistand zu leihen. Natür- llch mußten, wir nun aber allmählich herauszufinden suchen, ob wir wohl uns gegenseitig verstehen und züsam- menvassen würden oder nicht. Mit starrem, abwesendem Blick schaute meine „Garde- daine" auf das hinter uns her brausende und schäumende Meer- ihre Gedanken schienen in der Ferne zu weilen. Plötzlich stieß sie einen Seufzer aus, schüttelte leise den Kopf und sah mich fragend an. „Ja, ja", gestand sie lächelnd, „ich war in Gedanken versunken. Ich sagte mir, wie rasch doch die Jahre dahineilen, wenn nian einmal die Dreißig überschritten hat. Schon wieder haben wir den ersten Januar, und doch ist mir, als sei seit dem letzten Neujahrstage kaum ein Monat verflossen." „Ta muß die Zeit Ihnen allerdings sehr rasch entflogen sein. Für mich sind die letzten zwölf Monate wie mit Bleigewichten beschwert dahingeschlichen." „Nichts vergeht eben rascher als die Giltigkeitsdauer eines Rückfahrscheines Bombay-London. Jchi war bei meinen Küchlein in der Heimat, nun kehre ich zu meinem guten Manne zurück. Ach, dieses getrennte Familienleben ist der Fluch Indiens! . . . Haben Sie auch zurückgedacht am heutigen Neujahrstage?" Lächelnd schüttelte ich den Kopf. „Aha, nun vers ehe ich!" rief sie bedeutungsvoll. „Ich war mit der Vergangenheit, Sie mit der Zukunft beschäftigt. Bei mir liegen eben die schönsten Tage hinter mir, während die Ihrigen erst kommen werden... Mein liebes Kind", fügte sie plötzlich hinzu, indem sie sich vorbeugte und meine Hand ergriff, „ich wünsche Ihnen ein recht glückliches neues Jahr!" „Tanke sehr. Ich erwidere Ihre Wünsche aufs wärmste." „Es ist ein wichtiges Jahr, das heute für Sie an- briclit. Ich bin natürlich in alles eingeweiht. Uebrigens sehen Sie eher ernst und traurig aus, mein Kind, anstatt vor Glückseligkeit zu strahlen, wie es doch sein sollte. Sie sind einundzwanzig, hübsch neigen nicht zur Seekrankheit und sind im Begriff, den Mann zu bekommen, den Sie lieben." „Tas ift’S ja eben, daß ich nicht sicher bin, ob ich ihn wirklich liebe!" antwortete ich mit einer mir selbst unerklärlichen Aufrichtigkeit. Fast wider meinen Willen waren diese Worte meinen Lippen entfahren. Wes das Herz voll ist, des geht der Mund über, Und während der letzten vier Tage, die ich, dem Rat der mütterlich besorgten Stewardeß folgend, auf dem Bett verbracht hatte, hatte ich reichlich Zeit, meine Gefühle zu erforschen, über meine Lage nachzudenken und meine Handlungen zu prüfen. „Und doch", fuhr ich fort, „ist er mein Notanker, der einzige Mensch auf der ganzen weiten Welt, auf den ich meine Hoffnung setzen kann . . . Allein, warum Sie mit meinen Angelegenheiten belästigen?" „Und warum nicht?" Sie richtete sich auf und sah mich mit ihren klugen dunkeln Augen fest an. „Mn ich nicht Ihre Beschützerin, Ihre Vizemama während der Reife? 146 Sie sind niedergeschlagen und haben Heimweh, was fast noch schlimmer ist als die Seekrankheit. Ihnen sehlt eine teilnehmende, liebevolle Tante oder sonstige Verwandte. Nach meiner Ansicht tut aber einem bekümmerten Gemüte nichts so Wohl wie eine offene Aussprache. In Ermangelung einer Beschäftigung haben Sie sich allerlei törichten Gedanken und Hirngespinsten hingegeben, denn bei dem Wetter der letzten Tage konnten Sie ja weder lesen noch schreiben, ja kaum die Hand vor Augen sehen. Sagen Sie mir, was Ihnen widerfahren ist; Sie sahen so heiter und glücklich aus, als Sie an Bord kamen." „Sie mögen wohl recht haben, daß meine Verstimmung eine Folge der untätig in einer dunklen Kabine verbrachten Tage ist", gab ich mit einem'Seufzer zu. „So ziehen Sie also Beschäftigung dem Träumen vor? Ich für meinen Teil überlasse mich gern auch einmal ungestört, meinen Gedanken, und dazu gibt es keinen besseren Ort als die hohe See. Ein solcher Ozeandampfer ist gleichsam ein Ruhepunkt im Leben, wo es weder Briese, noch Telegramme, weder soziale Verpflichtungen, noch tägliche Berufsarbeiten gibt. Sie können so träge sein, wie Sie nur wollen, Sie brauchen nicht zu sprechen, nicht zu unterhalten. Sie können sogar Ihren Alltagscharakter ablegen und als ein ganz anderer Mensch erscheinen. Hier sind Sie zum Beispiel nichts weiter, als die Numiner 89! . . . Wie ich vorhin schon sagte, mein liebes Kind, Sie sehen vorwärts, ich rückwärts. Kommen Sie, wir wollen gegenseitig unsere Gedanken austauschen. Soll ich den Anfang machen?" „Ach, ja, ich bitte", antwortete ich ziemlich kleinlaut. „Run also. Wie Sie wohl wissen, ist mein Mann Forstbeamter und zwar in nicht allzu glänzenden Verhältnissen. Seit neunzehn Jahren sind wir verheiratet, glücklich verheiratet. Wir haben drei Kinder: Tick, Milly und Aubrey. Meine Milly, die sehr hübsch, lebhastig und tatkräftig ist, habe ich unter Fremden zurücklassen müssen. Tick ist ein prächtiger, wenn auch etwas übermütiger und unbesonnener Junge, und der siebenjährige Aubrey, mein Kleinster, der nie von meiner Seite gekommen war . . ." Sie hielt einen Augenblick inne, um ihrer Stimme wieder mehr Festigkeit zu geben, und ich sah, wie ihre Augen sich mit Tränen füllten. Wenn ich bei den Kindern bin, sorge ich mich um meinen Gatten, und bin ich bei ihm, so verzehrt mich die Angst um die Kinder. So verfließen meine Tage. Auch meine Gesundheit ist schwach. Ein nicht ungefährliches Herzleiden kann mich jeden Augenblick den Meinigen entreißen. Ach, und wie werden sie die Mutter vermissen! Allein ich kämpfe weiter und bete und hoffe, daß Gott uns noch einmal alle zusammenführen möge." „Tas hoffe und wünsche auch ich von ganzem Herzen." Ich war tief gerührt purch ihr Vertrauen und ihren Kummer. „Ja, ja, zwei Jahre sind eben eine lange Zeit; dann aber will Robbie seinen Abschied nehmen, und wir kehren für immer nach Europa zurück. . . . Und nun, mein liebes Kind, erzählen auch Sie mir von Ihren Kümmernissen . . . Ihren eingebildeten Kümmernissen, sollte ich eigentlich sagen. Schütten Sie mir Ihr Herz aus, wie wenn Sie meine süße Milly wären; dann wollen wir sehen, ob ich Ihnen nicht irgendwie Helsen kann. Ich weiß. Sie haben keine Mutter mehr." „Nein, sie starb, als ich noch ganz klein war. Nicht einmal eine Erinnerung an sie ist mir geblieben. Mein Onkel, Mr. Beverly, nahm mich an Kindesstatt an und -behandelte mich wie seine eigenen drei Kinder. Auch meine Tante war stets gut und freundlich gegen mich, und ich wuß zugeben, daß ich eine sehr glückliche Kindheit verbrachte. Linda und Julia sind älter, aber Tom und ich waren Altersgenossen und unzertrennliche Gefährten. Wir spielten Kricket und Hockey, wir fischten und sprangen mit den Hunden um die Wette. Bis zu meinem fünfzehnten Jahre genoß ich diese ungebundene Freiheit; da kam es meinem Onkel plötzlich! in den Sinn, mich in eine Anstalt zu schicken." „Und das war auch hohe Zeit", warf meine Zuhörerin entschieden ein. „Ich kam nach München, wo ich fünf Jahre blieb, und zwar nicht, weil Tante Lucy mich los sein wollte, sondern weil mein Onkel starb. Dies war mein erster Kummer. Seine Vermögensverhältnisse befanden sich in zerrüttetem Zustande. Er hatte für jemand Bürgschaft geleistet und mußte, als der Betreffende ins Unglück kam, eine große Summe bares Geld schaffen. Da er nie auch nur einen Pfennig zurückgelegt hatte, war das sein Untergang." „Ja, ja, ich erinnere mich, davon gehört zu haben. All die kostbaren Erbstücke der Beverly mußten verkauft werden, um die Schuld zu tilgen." „Des Geldmangels wegen konnte ich auch nicht nach Hause zurückkehren, und so gab ich als Gegenleistung für meine Erziehung und meinen Aufenthalt in der Schule englischen Unterricht. Endlich vor einem Jahre ließ Tante Lucy mich nach Beverley zurückholen." „Wie glücklich müssen Sie da gewesen sein!" „Allerdings, allein meine Freude wurde bald gedämpft, da ich alles traurig verändert fand in dem lieben, alten Hause, das man seiner Bilder, Bücher und Kostbarkeiten, ja sogar der meisten Möbel beraubt hatte. Ach!, es sah so öde und leer und ärmlich aus!" Teilnehmend nickte Mrs. Evans. „Tante Lucy war eine verblühte, gramgebeugte alte Frau geworden, und Linda ein unermüdlich und geräuschvoll arbeitendes Mädchen. Julia hatte für nichts anderes mehr Sinn als für ihre Malerei, und alle drei kämpften vom frühen Morgen bis in die späte Nacht, um mit ihren geringen Mitteln' auszukommen und dabei den äußeren Schein zu wahren." „Eine ebenso schmerzliche als schwierige Aufgabe." „Sie versagten sich Feuer, Licht, ja selbst das Essen, und da mögen Sie sich wohl denken, wie überflüssig ich mich als erwachsenes, gesundes und dabei untätiges Mädchen in einem solchen Haushalt fühlte ..." „Jedenfalls waren Sie nicht untätig, davon bin ich überzeugt." „Nun, ich konnte natürlich abstauben, Strümpfe stopfen, im Garten arbeiten und Gänge machen, aber eben kein Geld verdienen. Meine Musik- und Sprachkenntnisse lagen brach, da Tante Lucy nicht erlaubte, daß ich in der Nachbarschaft Stunden erteilte." „Ein falscher Stolz!" rief meine Gefährtin. „Ja, ihr Stolz war unbeugsam. Wir gaben wie früher unsere Beisteuer für Wohltätigkeitsanstalten, hatten unseren Empfangstag, erwiderten pünktlich die Besuche, trugen die Köpfe hoch und . . . hungerten. Linda, die den Haushalt führte, wünschte sehnlichst, ihre Mutter möchte das Schloß verkaufen und in London eine Wohnung nehmen, wo fie hätte ihre Kunststickereien und Julia ihre Malereien leichter verwerten können. Das Schloß war ein schönes Gebäude, das aus der Zeit der Königin Anna stammte, und der Stil war gerade sehr in der Mode. Ach wie gern wären sie es los gewesen . . . Und mich dazu; ich wußte sehr gut, obgleich es nie in dürren Worten ausgesprochen wurde, daß ich ihnen eine schwere Last war. Da kam plötzlich ganz unerwartet meine Verlobung dazwischen." „Ci, ei, nun wird die Sache interessant". Airs. Evans rückte etwas näher zu mir heran. „Erzählen Sie mir, bitte, genau, wie alles kam. Mir darf man getrost ein Geheimnis anvertrauen." „Ich fürchte, Sie werden schmerzlich enttäuscht sein, denn meine Geschichte ist durchaus nicht spannend oder romantisch." „Wollen Sie mir nicht ein eigenes Urteil darüber erlauben?" sagte sie mit freundlicher Zudringlichkeit. „So sei es denn", stimmte ich mit einem Seufzer bei. „Sie müssen wissen, daß wir in früherer Zeit in sehr freundschaftlichen Beziehungen zu einer Familie namens Thorold gestanden haben. Sie wohnten jenseits des Dorfes Beverly, etwa eine Meile von uns entfernt. Es war eine Witwe Mrs. Thorold, mit mehreren Töchtern und Söhnen. Mit den kleinen Jungen pflegte ich mich tüchtig herumzubalgen, während der einige Jahre ältere Walter mein und Toms unzertrennlicher Freund und Spielgenosse war. Nock) hatte ich- das fünfzehnte Jahr nicht erreicht, als Watty nach Indien ging. Seither habe ich! ihn nicht wiedergesehen, und doch bin ich im Begriff, ihn zu heiraten." Ich hielt inne und fügte dann halblaut hinzu: „Ist das nicht tollkühn?" „Tas kann ich erst beurteilen, wenn ich die Einzelheiten kenne. Vorläufig klingt es allerdings etwas unternehmend . . . Ach, da kommt der Steward mit dem Fünfuhrtee, und hier sind auch die beiden Missionsschwestern, die ich zum Tee eingeladen habe! Sie fühlen — 147 sich so einsam und' verlassen; es ist ihre erste Seereise. Hoffentlich ist es Ihnen nicht unangenehm?" „Mir? Nicht im geringsten." „Nach dem Tee dürfen Sie aber nicht davonlaufen; wir setzen uns dann behaglich zusammen, und Sie erzählen mir Ihre Erlebnisse von Anfang bis zu Ende. Wollen Sie mir das versprechen?" Sie sah mich mit solch herzlicher, aufrichtiger Teilnahme an, daß ich eine leise Zustimmung stammelte. * Es vergingen mehrere Tage, ehe ich das Mrs. Evans gegebene Versprechen einlöste, und wir unsere Unterhaltung wieder ausnahmen. Sie kannte viele der Passagiere und schien eine begehrte Persönlichkeit zu sein. Einmal war es die Gattin eines hohen Beamten, die vor vielen Jahren mit ihr in einer Stadt gewohnt hatte, dann wieder ein bärtiger Forstbeamter, oder ein junger Offizier, dessen sie sich als Kind erinnerte, oder sogar eine demütig bittende Ajah, die ihre Aufmerksamkeit in Anspruch, nahmen. Schon begann ich zu hoffen, unsere Unterredung sei aufs Unbestimmte hinausgeschoben, denn seit wir unter sonnigen! Himmel durchs blaue Mittelmeer dampften, hatte mein Gast auch die trüben Gedanken und Stimmungen ab- geschüttelt. Ich fühlte mich nicht mehr als die heimatlose, verlassene Waise, die dankbar war, ihren Kummer einem teilnehmenden Ohre anvertrauen zu können, sondern bereute jetzt meinen törichten Gefühlsausbruch, und glaubte zuversichtlich, daß meine Zuhörerin die ganze Sache vergessen habe. Bald aber wurde ich eines anderen belehrt. Eines Nachmittags, kurz vor Einbruch der Dämmerung, lauerte Mrs. Evans mir im Salon auf und sagte, mich beim Arm nehmend: „Ich habe ein reizendes Plaudereckchen entdeckt. Es ist zu kalt, um auf Teck zu gehen, und zu dunkel zum Lesen. Kommen Sie, bitte, mit mir, und erzählen Sie mir den Schluß Ihrer Verlobungsgeschichte. Sie wissen: Fortsetzung folgt, war neulich zwischen uns abgemacht." „Ach^ Mrs. Evans", stammelte ich, „nach nochmaligem Ueberlegen finde ich wirklich, daß es nicht recht von mir ist. Sie mit meinen Angelegenheiten und törichten Sorgen zu belästigen. Sie haben so viele Freunde, die Ihnen näher stehen, während ich ja doch nur eine Fremde bin, und . . . und . . ." „Unsinn!" unterbrach sie mich. „Erstens find Sie gar keine Fremde für mich, denn ich kannte Ihren Vater, Lan- celot Ferrars, und stand immer in gewissen gesellschaftlichen Beziehungen zu Ihrer ganzen Familie. Ich, erinnere mich aus meiner Mädcheuzeit noch sehr gut, welches Aussehen die Heirat Ihres Vaters damals erregte." „Soviel ich weiß, waren seine Angehörigen sowohl als die meiner Mutter durchaus nicht erfreut über die Wahl. Allein, ich, konnte nie recht verstehen, warum, denn die Beverlys sind doch auch eine gute, alte Familie." „Tarum handelte es sich auch nicht, allein ihr Vater war mit einer Cousine, Ladh Elisabeth Tregar, verlobt, obwohl, wenigstens von seiner Seite, keine Neigung bestand. Sie war plump von Gestalt, mit hohen Schultern und einem unschönen Gesicht, ihre Zunge war so scharf wie ein Rasiermesser, zudem war sie auch noch älter als er. Aber sie hatte ihr Herz an den schönen Lancelot Ferrars gehängt, und so kam schließlich eine Verlobung der beiden zustande." „Wirkliche?" „Ja. Ihr Vater hatte keinen Beruf erlernt, er war der zweite Sohn und von ziemlich zarter Gesundheit; Lady Elisabeth aber besaß ein großes Vermögen." „Und was geschah dann?" „Er reiste im Winter zur Kur nach Madeira und machte dort die Bekanntschaft von Miß Beverly, einem hübschen Mädchen, das bei Bekannten zum Besuch, weilte. Sie war sehr musikalisch und sang entzückend, dabei war sie jung, liebenswürdig und . . . arm. Lancelot Ferrars verliebte sich: sterblich, in sie, löste seine Verlobung mit Lady Elisabeth auf und ließ sich' mit Miß Beverly trauen... Ta erzähle ich: Ihnen nun eine Geschichte, anstatt die Ihrige anzuhören", fügte Mrs. Evans scherzhaft hinzu. „Ach, und wie interessant ist sie für mich. O bitte, weiter, weiter", drang ich: lebhaft in sie. „Tiefe Heirat versetzte seine Verwandten natürlich in großen Zorn. Wenn er ein Dieb oder sogar ein Mörder gewesen wäre, hätten sie nicht wütender sein können. Gr hatte fern Wort gebrochen, den Namen entehrt und anstatt der reichen Erbin ein armes, hübsches Mädchen geheiratet, das genügte ihnen, ihre Hand gänzlich von ihm abzuziehen. Wenige Jahre später, als Sie noch ein kleines Kind waren, starb er." „Ich habe nur selten von meinem Vater sprechen hören. Bitte sagen Sie mir, wie er aussah, was für eine Art Mann er war?" fragte ich ungestüm. „Er war groß und blond mit träumerifchen blauen Augen und konnte mit dem ernsthaftesten Gesicht die drolligsten Tinge erzählen. Er galt für sehr gescheit, und hatte mit ausgezeichnetem Erfolg studiert . . . Jetzt werden Sie mir wohl zugeben müssen, daß ich keine Fremde für Sie bin, ,nicht wahr? Lange bevor Sie meiner Obhut übergeben wurden, wußte ich von Ihrem Tasein und war ich mit Ihren Familienverhältnissen vertraut." „Allerdings, mehr als ich selbst." „Und was nun Ihre Verlobungsgeschichte anbelangt, so dürfen Sie mir glauben, daß man sich an Bord eines Schiffes die persönlichen Angelegenheiten gegenseitig mit einer Offenherzigkeit mitzuteilen pflegt, die uns im gewöhnlichen Leben unmöglich erfcheinen würde. Rückhaltlos plaudert man von seinen Verwandtschaften, von feinen Freunden und Bekannten, von seinen Wünschen und Sorgen, und erleichtert sieb damit das Herz und verkürzt andern die Zeit. Man weiß eben, daß man sich wohl selten wiedersieht, und daß Reisebekanntschaften gar rasch und leicht vergessen werden. . . Mit uns beiden, mein liebes Kind, ist es aber etwas anderes", fügte sie, ihre Hand auf die meinige legend, hinzu. „Sie sind die Tochter eines alten Nachbars von mir; wollte ich sagen, eines Verehrers, so würden Sie mir altem Wrack, das ich jetzt bin, ja doch nicht glauben. Erzählen Sie mir also jetzt weiter. Mir ist schon manche Geschichte anvertraut worden, und hin und wieder bin ich auch schon von Nutzen gewesen. Welche Freude wäre es für mich, wenn ich Ihnen helfen könnte!" (Fortsetzung folgt.) ' Are junge Arau Mit emsiger Hand hat die junge Hausfrau die Zügel ihrer Wirtschaft in die Hand genommen. Sie ist erfüllt von der neuzeitigen Idee, ihrem jungen Ehemanne eine Kameradin, eine geistige Gefährtin zu sein. Merkwürdigerweise besitzt sie Kenntnisse, .die heutzutage zumeist einer jungen Frau fehlen. Wohl vermag sie Klavier zu spielen, schön Stillleben zu malen, und über Kunstgeschichte zu reden. Tas ist bei einer modernen jungen Dame ja selbstverständlich. Aber sie kann nocb mehr, sie kann kochen, nähen, ja sie kann sogar Strümpfe stopfen. Strümpfe stopfen! Tas ist eine Wundersrau. Und noch etwas kann sie, etwas, was sehr wichtig ist. Sie besitzt Organisationstalent. Und sie hat Prinzipien; zwei, von denen sie sich nicht abbringen lassen wird. Erstens: Sie will keinen Krieg mit dem Tienstmüdchen führen; aber auch nicht alle Lasten der Wirtschaftsführung selbst tragen. Tarum erzieht sie ihr Mädchen zum Tenken und zur Selbständigkeit. Sie hat es sich klar gemacht, daß der Mann in seinem Bureau mit einer ganzen Anzahl männlichen und auch vielleicht ein paar weiblichen Angestellten ohne große Schwierigkeit auskommt. Wohl gibt es einmal einen Aerger; aber er bildet dort nicht die Tagesordnung. Mit Scharfblick und Nachsicht will sie auch ihrem Mädchen Herrin sein. Und zweitens: Sie will nicht alle Torheiten der Hausfrauen mitmachen, sondern ihrem Hause einen modernen individuellen Anstrich geben. Von Kupferkesseln, die oben auf den Küchenbrettern blinken und blitzen müssen, hat sie bei der Einrichtung Abstand genommen. Tas Putzen nimmt so viel Zeit fort, die die Hausgehilfin durch kleine Dienstleistungen für den Mann und fich besser verwerten kann. Auch gibt es keine Schleppgardinen in der Küche. Zu einer Küche im modernen Sinne mit Kachel- und Glasplatten hat es nicht ausgereicht. Aber sie ist zweckmäßig, hell und sauber. Tie ganze Wohnung ist licht und warm und farbig. Wohin man schaut, leuchten einem Blumen entgegen. Und wenn der Mann heimkommt, umfängt ihn Wärme und Behaglichkeit, ein fauberer, mit einer Blume gedeckter Tifch, ein gut bereitetes Mittagessen vor allem aber eine Frau, mit einem geschmackvollen Hauskleide, die nicht abgearbeitet ist, sondern Zeit hat, aus seine Interessen einzugehen. Und nach und nach kommen Bekannte und Verwandte zu Besuch. Me die 148 Frau sich freut ihnen ihr Heim zu zeigen. Wie sie sich freut, daß sie -vor ben erfahrenen Patinnen und mütterlichen Freundinnen, was Reinlichkeit und Akkuratesse des Hauses betrifft, mit Ehren bestehen zu können. Tenn ihr Mann ist stets des Lobes voll. Aber sie kennt den Wandel nicht, der mit dem jungen Mädchen vor sich geht, sobald „Gürtel und Schleier" es geschmückt haben. „Mit einem Mädchen wirst Tn fertig. Resi?", fragt Paula, ihre ehemals beste Freundin ganz erstaunt. „Nimm es mir nicht übel, aber da kann doch eine solche Wohnung nicht sauber fein, auch wenn Tu jede Woche eine Reinemachefrau nimmst". „Aber ich helfe doch, auch mit, Paula", war die Antwort. „Tas kennt man schon", bemerkte eine alte Tante. „Tie Hilfe der jungen Frauen ist nicht weit her. Bei mir werden jeden Tag die Parkettböden mit dem großen Schrubber gebohnert, sonst sind sie nicht blank!" Und spähend ging ihr Blick über den braun gestrichenen Boden hin, an dem wirklich nichts zu tadeln war, an dem die Tante allem Anschein nack doch so viel zu rügen fand. Tie prächtigen Blumen dagegen bemerkte sie wohl kaum. „Und Tu läßt das Mädchen kochen?" fragte eine andere ganz entsetzt. „Solche Mädchen für alles können doch wirklich nicht kochen. Und was die verbrauchen! Tie werfen die Butter ohne Verstand nnd Sinn mit vollen Händen an das Essen. Tas Essen muß die Hausfrau, die sich keine Köchin halten kann, selber bereiten". „Und wenn ich meinem Mann Briefe schreibe, wenn ich Klavier übe, damit ich ihm des Abends etwas Vorspielen kann?" „Da muß er sich eben eine Stenographin nehmen, und des Abends müßte er aus das musikalische Vergnügen verzichten." Rest meinte, daß es doch schade wäre um die vielen Unterrichtsstunden in der Mädchenzeit, ivenn man alles brach liegen ließe. „Tas geht allen so!" bekam sie zu hören. „Wozu heiratet man denn?" Na, und beim Anblick der Küche machten sie erst recht Gesichter! Tag für Tag, Jahr um Jahr mußte Rest solche Bemerkungen hören, bis sie erlag, bis auch sie die übertriebene Reinmachelust packte, bis auch sie selbst am Herde stand und nicht mehr Zeit hatte, Briese zu schreiben, Musik zu treiben und anderes zu lesen, als nur ein paar Zeitungen. Und der Mann ergab sich drein, sand aber an seiner Frau nichts mehr zu staunen. Und sobald der Mann aufhört zu staunen, ja bann . . . Literarisches. — Hermann Kurz' sämtliche Werke in zwölf Bänden. Herausgegeben und mit Einleitungen versehen von Prof. Dr. Herrn. Fischer (Tübingen). Mit drei Bildnissen und einem Gedicht nach der Handschrift. Brosch. Mk. 4. Hermann Kurz gehört zu jenen Dichtern, die bei Lebzeiten infolge mancherlei widriger Umstände zu wenig Beachtung gefunden haben; das deutsche Volk hat an ihm etwas gut zu machen. Paul Heyse nennt Kurz „eine der edelsten, tapfersten und liebenswürdigsten Dichtergestalten, bereit Dentschlanb in biefem Jahrhundert sich zu rühmen hatte"; und über den Roman „Der Sonnenwirt" schreibt derselbe: „Unsere Literatur besitzt nur ein einziges Werk, das sich diesem erschütternden Lebensbild an die Seite stellen ließe: Heinrich von Kleists „Kohlhaas". Johannes Scherr bezeichnet den Roman „Schillers Heimatjahre" als „einen der besten htstorischen Romane der deutschen Literatur, der als Volksbuchs weiteste Verbreitung verdiente". Otto von Leixner schreibt icher Kurz: „In seinem inneren Wesen lebte das deutsche Gemüt in seiner ganzen schlichten Wahrheit, seine Erzählungen zeigen in Form und Inhalt die Reife einer echt poetischen Natur". Karl Weitbrecht schreibt in seiner deutschen Lit.-Gesch.: . . . . „er fand in ben erzählenden Werken für bie Tragik des Menschengeschickes so gut den Ton, wie für beit ausgelassensten, humorvollen Schwank . . . Seine ganze Poesie wurzelt so fest unb sicher im schwäbischen ^?lch?^oben, wie Otto Ludwigs Erzählungskunst im thü- ervgtschen, Gottfrieb Kellers Poesie im Schweizerboden" . . . fnubolf Krauß nennt Kurz „einen Volksschiriftsteller im ebetfien Sinne bes Wortes". Die Romane von Kurz sind tm besten Sinne unterhaltend, ja geradezu fpaitnenb und bergen dabei in sich eine reiche Fülle kulturhistorischer Kenntnisse. Auch feine kleinen Erzählungen find durchweg wertvoll und häufig von sonnigem, köstlichem Humor durchleuchtet. Alles in allem ist Hermann Kurz ein trefflicher und echt volkstümlicher Dichter, den sicherlich jeder, der sich mit ihm beschäftigt, in feinen Werken lieb gewinnen muß. Vermischtes. Wie erhält man schöne Hände? Aus Paris schreibt der „N. Fr. Pr." eine Dame: Die langen, spitzigen Nägel, die vor Jähren modern waren und Herren wie Weiblein selbst friedfertigster Gattung mit Raubtierkrallen ausstatteten, konnten dem Ansturm des guten Geschmacks nicht widerstehen, sie wurden kurz und kürzer, sodaß man für durchlochte Handschuhfinger bald keinerlei Entschuldigung mehr hatte. Nachdem man sich eine Weile in normalen Grenzen bewegte, tauchte jüngst das Gerücht auf, daß die Mode Heuer ganz knapp geschnittene Nägel vorschreibe. Mchts ist für eitle Tarnen unangenehmer, wie wenn bange Toilettenzweifel ihre Brust durchwühlen; da gab es also nur ein Mittel, Gewißheit zu erlangen: man mußte bei einer berühmten Manicure um eine Audienz nachsuchen. Friseusen, Masseusen, Manicuren find bekanntlich! nicht von dem Grundsätze durchdrungen, daß „Schweigen Gold" sei; die stattliche Tarne lie'ß sich auch- ohne Schwierigkeit interviewen. Unsere Frage erweckte ihr tiefes Mitgefühl an der Naivetät, die sie augenscheinlich diktiert: „Kurze oder längere Nägel, — das muß der Fachmann entscheiden, das ist individuell und richtet sich nach der Form der Hand. Wer kurze Finger hat, muß längere. Nägel tragen, wem die Natur lange Finger verliehen, der soll kürzere Nägel wählen." — „Man sagt, daß man bie Nägel jetzt rund schneidet". Tie Manieure warf uns einen Blick zu, der ins Unendliche gesteigertes Bedauern ansdrückte und die Frage zu enthalten schien, aus welchem Urwald wir in ihr Laboratorium gelangt. „Schneiden darf man einen Nagel überhaupt niemals, man feilt ihn. Ties ist übrigens die einzige Art, in der Metall mit ben Händen in Berührung kommen darf, sonst soll nur Holz ober Elfenbein zur Dienstleistung herbeigezogen werben, unb auch diese Instrumente müssen geölt sein. Momentan bewundert man schmale Hände mit langen Fingern, wie sie die altitalienischen Meister auf ihren Heiligenbildern malten, die sogenannten spindelartigen Finger. Es wäre Pflicht sorgsamer Mütter, ihre Kinder, Töchter wie Söhne, dieser Mode entgegenzuführen, indem sie denselben allzu breite Knöchel wegmassieren und die Kleinen lehren, nach jeder Waschung die Fingerenden zu pressen, damit sie spitzig werden. Tie Natur ist gutmütiger, als man glaubt, sie schafft gar nicht so viel häßliche Hände, die Menschen in ihrem Unverstand vernachlässigen sie nur, und zwar ist dies merkwürdigerweise ein Resultat unserer Zeit und der Zivilisation. Man konstatiere nur, welch schöngepflegte Nägel man in den Sarkophagen der ägyptischen Mumien findet (schöngepflegt nach ihren Begriffen) und mit welcher Sorgfalt die Frauen wildester Indianer- ober Negerstämme ihren Nägeln Farbe unb Form geben, bie sie geschmackvoll finben". Nachdem bie Tarne ihre historischen Daten erschöpft, ging sie zur modernen Statistik über, aus der hervorgeht, daß die schönsten Pariser Hände momentan der Rangordnung nach einer Schauspielerin des Theakre Franyais, einem bekannten Arzte und einer pikanten Chan- fonettenfängerin gehören, unb alle brei verdanken denselben, wie es scheint, einen großen Teil ihrer Erfolge. Homonym. (Nachdruck verboten.) Vom Lehrer wird's dem Kind gesagt, Das schüchtern kaum zu lispeln wagt. Es ist das Gold, es sei's der Wein, Und auch dein Wesen soll es sein. Auflösung in nächster Nummer. Auflösung des Homogramms in vor. Nr.r BBS Berta Brief Stern a f ■ Redaktion: Du an st Göd. — Rotationsdruck nnd ffrdofl der Erübl'schen Universitäts-Tuch- und Cteindruckerei. R. Lange, Gießen.