Samstag den 9. Januar. Mi IMflJ ZIMI MV WM MD^ WIs Thotogr.auf i^7 I x (Nachdruck verboten.) WLla Aafcsnieri. Sott Richard Voß. Erster Band. )' (Fortsetzung.) So nahmen Wir denn jeder das Seine: mein Freund fernen Koch, ich meine Frau, schüttelten. den Staub von Paris von unseren Schuhen, kamen nach Rom, wallfahrteten aber nicht zum Papst, sondern fuhren hinaus nach Frascati, tvo gerade der letzte der Falconieri zur rechten Zeit das Kaus seiner Väter verlassen mußte. Tie Villa Falconieri, dicht unterhalb Ciceros Tuskulum, auf beit Trümmern der Billa Luculls — das war just der rechte Ort, um in Muße meine geliebte Aeneide zu lesen Mein sachverständiger Freund'kostete mit einem einzigen Mtck alle die raffinierten Genüsse eines Landlebens in dtesem buon retivo, mietete sogleich den Palast mit allen dazu gehörigen Ländereien, wollte der alten klassischen Schönheit mit Hilfe seines Pariser Dekorateurs neue, höchst pikante Reize verleihen, verdarb sich den Magen an einer Pastete, bte sein Koch den Manen des Lucull zu Ehren bereitet hatte, legte sich hin, um — ewige Siesta zu halten. Es war sehr epikuräisch von ihm, aber nicht gerade sonderlich freundschuftlich. * Jetzt waren wir hier, und jetzt wollte ich hier bleiben. . Denn — Herrgüt! — ist hier die Welt groß! Und wie wir auserwählte souveräne Naturen, die wir diese Größe empfinden, uns erhaben fühlen dürfen über das kriechende kleine Menschengesindel da unten! Mso: wir blieben! Allerdings nicht unten im „Appartamento nobile", nicht kn dem Brautgemach der Falconieri. Wir blieben ohne Pariser chef de cuisine, ohne Ananashäuser und Orchideenzucht und den ganzen Krimsgrams eines Luxus fin de siscle! Wir blieben als Heine, bescheidene, armselige Pächtersleute, die in Ruhe ihren Kohl pflanzen wollten. Aber — was wollen Sie? Wenn ich durch Bignolas pompöses Portal einreite; wenn mir durch die Steineichenwipfel Borrominis Palast entgegenstrahlt, so fühle ich meinen Durst nach Schönheit gestillt. Sie werden es kaum glauben; aber ich! sehe mich an der Grazie des Hauses so trunken, daß ich diese häßliche Wohnung, diese schäbigen Geräte, diesen widerwärtigen Ztegelsteinboden kaunt beachte. Und wenn ich durch, meine Olivenhaine und Wein- 8arten trabe und vom Rücken meines Pferdes auf die ampagna herabschaue — Herr! Es hat etwas Stolzes, Königliches, Erdenbefreites. . . . Und wenn ich abends meinen Virgil lese und vom Buch in die Höhe blicke: über das Land der Aeneide hin, so begreife ich meine Pariser Cchlemmerexistenz gar nicht mehr, und schlage das Kreuz über die geschminkten parfümierten eingeschnürten Hetären an der Seine mit den verglasten Augen und den lüsternen Lrppen, dem - abgenützten, erschöpften Leib und der feilen, faulen Seele. Bleiben Sie bei uns, Graf Campana! Ein Jahr in der Billa Falconieri und Sie verstehen mcht mehr, wie Sie in der engen dumpfen Welt da unten so lange Atem holen konnten. Ein Jahr in der Billa Falconieri und Ihre arme wilde Poetenseele wird ruhig und friedlich wie ein schlafendes Kind! Ein Jahr in der Billa Falconieri und Sie kommen nie wieder fort! Das hatte ich beinahe vergessen: meine schöne, seltsamtz Frau. In der Billa Falconieri wurde uns ein Kind geboren. Sie sehen: die heiligen Falconieri da unten in der Kapelle tun heute noch Wunder. . . Und er lachte. ‘ । j np * Dieselbe Magd, die den Tisch gedeckt, brachte die Speisen. Nur zwei Kuverts waren aufgestellt. Das Tischt- tuch war aus harter grober Leinwand, das Porzellan ein wertvolles französisches Service, das Glas schönes Krystall, der Wein herrlicher Frascataner, das Essen wohlschmeckende, römische Bürgerküche. Tas Weib aus den Marken bediente vortrefflich und' mein Wirt leitete die Unterhaltung in vollendetem Weltton. Er plauderte, wie nur ein Pariser zu plaudern versteht, von Gott und der Welt: von seinen Erinnerungen an Flaubert und Merrimse, von Sardous neuestem TranM und Taines letztem Essay, von den Skandalen berühmter Liebespaare und deut Genie des ersten Napoleon. Dazwischen citierte er Victor Hugo und ans „Rolla" von Müsset, den er bis zum letzten Wort auswendig kannte. Oder er schilderte mit Entzücken die wilden Reize der Tibermündung, Ivo Aeneas einst gelandet war, und die wir, vom Tische aufschauend, erblickten . . . Dann wiederum römische Politik: Qttirinal und Vatikan, Gesellschaft und Staat, Bebauung der Campagna und französische Reben- kultur, die er in seinen Bignen eingeführt hatte. Dreimal hatte er die Alte nach seiner Frau geschickt. Jedesmal hatte sie sagen lassen: sie könne nicht kommen. Jedesmal wollte er anffahren wie ein gereizter Stier, bezwang sich und stürzte ein Glas des schweren Weines hinunter. Jetzt erhob er sich hastig, bat um Entschttldigung und ging hinaus, um selbst seine Frau zu holen, meiner dringlichen Bitte: Frau Mariano bei ihrem Kinde zu lassen, nicht achtend. " ' Tke Magd — sie hieß Rosa, wurde jedoch einfach Ro gerufen — zeigte ein an Stumpfheit grenzendes Wesen. Sie schlich umher, als hätte sie Malaria. 18 Es machte daher starken Eindruck auf mich, als dieses erschöpfte apathische Geschöpf plötzlich in unheimlicher Weise sich belebte. Mit der Gebärde einer Rasenden, mit funkelnden Augen trat sie ganz nahe an mich heran und flüsterte mrr zu: „Jetzt schlägt er sie wieder. Er schlägt sie immer: Wend für Abend. Er schlägt sie noch einmal tot, der Schuft, der Mörder, die Bestie! Hört nur!" Ich war aufgesprungen und lauschte. Herr Mariano hatte die Tür hinter sich geschlossen. Er mußte mit seiner Frau tut Nebenzimmer sein; aber ich hörte nur ihn mit unterdrückter Stimme reden. Es klang wie Troheri. Plötzlich ein erstickter Wutschrei, dann ein Fall, dem Stille folgte. Mein Impuls !var, zur Tür zu stürzerr und der Miß- handelten zu Hilfe zu eilen. Allein Rosa umklammerte meinen Arrn und hielt mich, zurück: „Wenn Ihr dazu kommt, wie er sie mißhandelt, schlägt er , sie gewiß tot. Oder er tut dem Kind was zuleide. Mißhandeln läßt sie sich von ihm; aber wenn er das Kind anrührt — rasch setzt Euch wieder! Er kommt, der Henker, der Totschläger, die Bestie!" Ich gehorchte unwillkürlich. Tie Wagd sank gleichsam in sich zusammen und wurde wieder das welke, matte, fieberkranke Geschöpf. Herr Mariano trat ein, das Gesicht gerötet, die Stirn adern geschwollen, aber lächelnden Mundes: „Maria kommt gleich Sie gehört zu denjenigen Frauen, die ein wahres Genie haben, Mutter zu sein, und die für nichts anderes geboren werden, als einmal sogenannten Ebenbildern Gottes das Leben zu geben. Seitdem wir das Kind haben, ist auf der Welt nur das Kind da — was für den Gatten nicht gerade angenehm ist. Ich muß meiner Frau bisweilen in Erinnerung bringen, daß sie auch noch einen Mann besitzt." Er sprach französisch und immerfort mit liebenswürdigstem Lächeln. Während-ich auf deu Wohlklang dieser männlichen Stimme hörte, vernahm ich zugleich, immerfort die Worte der treuen Rosa: „Der Totschläger, der Henker, die Bestie!" Ich vermochte kaum meine Erregung zu verbergen und Gleichgiltiges zu reden. Nach einer Weile trat Frau Mariano ein. Auf Befehl ihres Mannes hatte sie einen Rest ihrer Pariser Herrlichkeit 'angelegt. Es war ein höchst unmodernes Kleid. Wer durch die Art, wie sie es trug, machte sie das Gewand über jede Mode erhaben. Ueber die Schultern hatte sie nachlässig ein gesticktes weißes Mousselintuch geschlungen, das auch den Hals umhüllte, wodurch das blasse Gesicht mit den lichten Scheiteln etwas eigentümlich Feierliches, beinahe Geisterhaftes erhielt. Sie brachte eine schöne silberne Schale voll schwarzer Kirschen, grüßte mich fremd und vornehm, stellte die Schale auf den Tisch und setzte sich schweigend in den Sessel, den ich für sie geholt hatte. Rosa trug in einer geschliffenen Flasche süßen Dessertwein auf und das Nationalgebäck: goldgelbe Ciambelli. Ter Muskatwein war eigenes Gewächs; ich mußte trinken und loben. Tie Kuchen hatte Frau Mariano eigenhändig gebacken; ich aß und lobte. Tie mir schon vorher versprochenen Kirschen waren frisch gepflückt und schmeckten köstlich, Herr Mariano trank seh« viel Muskat und erzählte lauter, als nötig gewesen wäre, daß es mit den Kirschen der Villa Falconieri eine eigene Bewandtnis hätte. Tie Villa war, wie fast jedes Haus weit und breit, über antiken Ruinen aufgebaut, die von einigen Archäologen dem berühmten Tusculum des Lucull zugeschrieben wurden. Als der große Schlemmer aus dem asiatischen Feldzuge zuriickkeyrte, brachte er die ersten Kirschen nach Europa mit und pflanzte sie auf feinem tuskulanischeu Landsitz, von wo aus die herrliche Frucht den Weltteil eroberte. Frau Mariano saß wie ein schönes Bildnis zwischen uns. Auch ich blieb stumm. Ich mußte immerfort auf ihren Hals schauen, wo das Weiße Tuch sich verschoben hatte. Er war mit einigen blutroten Flecken gezeichnet: den Spuren einer bestialischen Männerhand. Herr Mariano trank und schwatzte — schwatzte und trank. Ich fühlte, daß ich diesen Mann, der mir nichts Mleid getan hatte, und der in der Schönheit eines griechi-/ schon Halbgottes vor mir saß, haßte, daß ich an seinem eigenen Tische sein Feind geworden war. Er erzählte von den Zeiten der Kommune, die seine Frau mutterseelenallein in dem belagerten Paris miterlebt hatte. Eines Morgens — so war ihrem Manne später erzählt worden — war Frau Mariano ausgegangen, um zu versuchen, sich Lebensrnittel zu verschaffen. In der Nacht hatte ein blutiger Straßenkampf stattgefunden, und die Leichen lagen noch auf dem Pflaster. Frau Mariano mußte diese Straße passieren. Als ginge sie über eine taufeuchte Wiese, so gelassen und gleichgiltig schritt sie über die Toten hinweg, kaum ihr Kleid aufhebend, damit es von den Blutlachen nicht befckMutzt werde. . . . Und! Herr Mariano lachte. Mich überlief's. Was mußte in dem Leben dieser Frau vorgegaugen sein, daß sie, mit solchem Madonnenantlitz, in solche Empfindungslosigkeit versenkt werden konnte? Von den blutroten Flecken an ihrem Halse zwang ich meinen Blick fort und sah in ihr Gesicht . . . Sie hörte die Erzählung ihres Mannes mit an, als wäre von einer Sache die Rede, die sie gar nichts anginge. Plötzlich bemerkte sie, daß das Tuch um ihren Hals sich verschoben hatte. Sie errötete wie ein junges Mädchen, das über einem Liebesbrief ertappt wird. In diesem Augenblick besaß sie imeber die jungfräuliche Lieblichkeit, die ich bei ihr beobachtet hatte,< als sie ihrem Kinde die Brnst gab. Zum Glück für ihre Verlegenheit ließ sich in diesem Augenblick aus dem Nebenzimmer die Stimme des erwachten Säuglings vernehmen. „Wohin willst Tu?" „Tas Kind ist erwacht." „Rosa kann hineingehen." „Tas Kind verlangt nach! mir." „Tu sollst bleiben!" Sie war bereits bei der Tür. „Maria!" Sie hörte nicht auf ihn Herr Mariano taumelte in die Höhe, stieß eine Verwünschung aus, ergriff die schwere Silberschüssel und schleuderte sie seiner Frau nach, bevor ich dem Wütenden und Halbberauschten hatte in die Arme fallen können. * Ich, mietete die Villa Falconieri. Zunächst mietete ich das verlassene Haus nur für ein Jahr. Und ich mietete nur nach langer, ernsthafter Selbst- prüfung. . . . Besaß ich ein Recht, meinen nervösen Einbildungen zu folgen und auch nur diesen ersten gefährlichen Anfang einer 'Weltentfremdung zu machen? Gefährlich durch die Komplikationen meiner phantastischen unb schwermütigen Natur sowohl wie burch bie berückenbe Schönheit, in der die Einsamkeit vor mir trat: so recht als Versucherin, die mir in der Wüste des Lebens ein Paradies zeigte: „Ergib dich mir und ich gebe dir Frieden!" Schon damals erforschte ich mich: Besteht bie Krankheit, bie du in beiner Seele keimen! wähnst, nicht lebiglich in deiner fieberhaften Einbildung? Hast du nicht etwa den Willen, krank zu fein? . . . Und flößte ich! dem Uebel, das zu kommen drohte, nicht geradezu das Mittel ein, sich zu entwickeln und zu einem Todesübel zu reisen? Aber — nur ein Jähr der Zurückgezogenheit, des Aus- ruhens, des Friedens! Nur ein einziges Jahr! Meine ermüdeten Organe lechzten danach wie ein Ermatteter nach einem Trünke. Jedoch: Fran Mariano? War ich meiner sichrer, ganz sicher? Würde ich! diese Frau nicht lieben, nicht lieben müssen? Sie war gar so- wunderschön! Darin lag für mich keine Gefahr. Wer sie war unglücklich. Sie war seh« stolz und sehr unglücklich. Und sie war ganz hilflos; beim sie hatte bas Kinb! IN ihrem hrlflosen Unglück bestand für mich die Gefahr. Und die Gefahr war sogar groß. Also prüfte ich mich Ich- suchte in meiner Seele, ich durchdvühlte fie, spürte bis in ihre verborgensten Tiefen nach einem geheimsten begehrlichen häßlichen Gedanken. Ich! fand nichts, gar nichts! Ich hatte in meinem Leben einfnah MiehH^ 19 Diese eine und nicht glückliche Jugendliebe war so machtvoll gewesen, daß sie jede erotische Empfindung gleichsam aus mir herausgesogen hatte und ich mich aller Leidenschaft des Herzens abgestorben fühlte. Tenn ich war ein Mensch der nur mit dem Herzen lieben konnte. Auch ich gehörte zum Stamm der Afra, welche „sterben, wenn sie lieben". Ich fühlte also mein Herz tot. War ich sicher, daß es für mein Herz so wenig ein Auferstehen gab, wie für tote Leiber? Wer kann für sich selbst einstehen? . . . Ich bildete mir ein, das zu können. So fühlte ich mich, denn ganz beruhigt. Auch das Unglück und die Hilflosigkeit der wunderschönen Maria hatten für mich keine Gefahren mehr. Und ich mietete die Billa Falconieri. Der festliche Raum, darin die Besitzer durch so lange Zeiten für ihre Neuvermählten das Brautbett gerichtet hatten, wurde mein Wohnzimmer. Ich ließ den kalten Steinboden mit einem kardinalroten Teppich bedecken, viele edle Geräte aufstellen und vor den Türen, die auf die offene Galerie hinausführen, Vorhänge aus rotem Sammet herabhängen. Die königliche Farbe wirkte vorzüglich zu dem dunklen Maugrün der Fresken. In der Mitte des Zimmers, unter dem Teckenbilde der Frühlingsgöttin, ließ ich einen großen, ovalen Tisch niedersetzen. Der Fuß bestand aus weißem Marmor und stellte einen Baumstumpf dar, der eine mächtige Platte aus Verde antico trug. Tiefer Tisch mußte täglich mit frischen Blüten überschüttet werden, als wären die Blumen, welche die holde Göttin ausstreut, darauf herabgefallen. (Fortsetzung folgt.) Gießer oder Gießeners Ter Herausgeber einer Zeitschrift, die dem Obstbau gewidmet ist, hat mir vor einiger Zeit geklagt, daß er bei der Benennung von Obstsorten nicht selten in Schwierigkeiten gerate, und hat mir die Frage vorgelegt, wie zu verfahren sei, wenn von Ortsnamen aus -en eine Ableitung mit -er gebildet werden soll. Sodann hat vor kurzem ein Einsender aus Kassel in der Frankfurter Zeitung die Behauptung aufgestellt, man dürfe von Gießen nicht die Ableitung Gießener bilden, sondern es müsse Gießer heißen. Gießener sei falsch, weil der Sprachregel zuwider zwei Endungen er und en an den Stamm Gieß- gehängt seien, „während nur eine angehängt werden darf: Siegerland, nicht Siegenerland, Erlanger) nicht Erlangener, .Solenhofer, nicht Solenhofener". t Tiefe Aeußerringen sind ein Beleg dasür, daß immer weitere Kreise an der Gesundung unfere'S Sprachlebens warmen Anteil nehmen, die zweite aber auch ein Zeugnis dafür, daß mit der Zahl der berufenen Aerzte auch die Zahl der Kurpfuscher beständig im Wachsen begriffen ist, bei denen nicht selten der Mangel an Sachkenntnis mit dem Mangel an Bescheidenheit in ergötzlicher Weise zu s amm en klin gt. Es ist gewöhnlich ein sehr einfaches Rezept, nach dem diese Unberufenen arbeiten: man nimmt eine Handvoll Beispiele und macht daraus eine Regel; was mit dieser nicht stimmt, wird fiir falsch erklärt. So ist denn auch der Kasseler Gelehrte zu Werke gegangen.*) Gegenüber ferner Behauptung muß ich fragen: wo ist das ReichsstiN.fgesetz- buch, das eine solche Regel enthält? Wer hat das Recht, eine solche Regel aufzustellen, diejenigen, die sie nicht anerkennen, als Leute von weniger Sprachgefühl zu brandmarken? Warum soll nicht jemand kommen und umgekehrt sagen: von München wird in der ganzen Welt nur Münchener . abgeleitet, von Pilsen Pilsener, von Baden Badener, also ist es falsch, Siegerland zu sagen, also muß von Erlangen Erlangener abgeleitet werden? Tie beiden Standpunkte find völlig gleichberechtigt; aber man sieht. *) In einer Beziehung allerdings muß ich ihn in Schutz nehmen. Ein Einsender hat in der „Franks. Ztg." das Beispiel Siegerland als nicht hierher gehörig zurückgewiesen, gemeint, die Benennung sei unmittelbar von der Sieg abgeleitet. Das ist schwerlich richtig; wenigstens ist mir kein Fall bekannt, wo eine Bildung aus -er unmittelbar Von einem Flußnamen abgeleitet wäre. daß sie sich gegenseitig aufheben. Ich weiß wohl, was man geltend macht, wenn man Bildungen wie Gießener bekämpft. Man sagt: die Ortsnamen auf -en sind alle Ta- tive des Plurals; wenn also eine Ableitung gebildet wer- den soll, dann muß die Endung -en erst weichen. Ich gebe die Berechtigung dieses „also" durchaus nicht ohne weiteres zu, aber ich brauche darauf nicht weiter einzugehen, denn der Satz selber, aus dem die Folgerung gezogen wird, ist in dieser Allgemeinheit nicht richtig. Allerdings sind sehr viele unserer Ortsnamen auf -en alte Dative des Plurals; aber es gibt auch eine ganze Anzahl von solchen, die anderer Herkunft sind. Z. B. die badischen Städtchen Buchen und Renchen haben vor alters Buocherm, Reinicheim geheißen. Berchtesgaden war der gab em, das Gemach eines Berchtold. Kempten ist das alte Campodunum, Wimpfen ehemals Wimpina, Finthen bei Mainz ehemals Fontana. Aus der anderen Seite gibt es zahlreiche Namen, bei denen der Unkundige gewiß nicht vermuten würde, daß die Endung des Dativs des Plurals vorliegt:-das find die schweizerischen Namen auf -ikon: Mythikon, Uetikon, Zetzikon Usw., die aus Mythichoven, Zetziehoven usw. entstanden find. Was soll der Laie nun tim? sollen wir für ihn die Regel alufstellen, daß -en (n) da wegfällt, wo es die Endung des Dativs ist, in allen anderen Fällen aber bleibt? und sollen wir die Mythikoner, von denen C. F. Meyer im „Schuß von der Kanzel" spricht, in die My- thikoer verbessern? Es liegt aus der Hand, daß eine solche Sprachregel ganz unmöglich, für den Ungelehrten gänzlich unbrauchbar ist. Ter Sprachgebrauch entfaltet sich ganz unbekümmert um das, was einstmals gewesen ist. Und es bleibt nichts übrige als auch hier diesem gelegentlich recht launischen Herrn die Entscheidung zu überlassen. Es kann nun keinem Zweifel unterliegen, daß, wer nicht in Gießen und Umgegend ausgewachsen oder heimisch geworden ist, ausschließlich von Gießenern, niemals von Gießern spricht. Und auch in Gießen selbst wird niemand, der sich in schriftsprachlichem Gewände ’ bewegt, die Bewohner Gießens als Gießer benennen, kein Beamter, der einen Bericht an die Regierung abfaßt oder an andere Universitäten schreibt, kein Geschäftsmann, der von auswärts Be-, stellungen macht oder Waren in die Fremde sendet, und unsere Gießener Zeitungen heißen sich Gießener Anzeiger und Gießener Neueste Nachrichten. Aber der Sprachgebrauch ist nicht immer so launisch, wie der oberflächliche Beobachter wohl meint, In unserm besonderen Fall vermögen wir deutlich zu erkennen, ba& die Sprache daraus hinarbeitet, den Ortsnamen und die davon gebildete Ableitung mehr und mehr in Ueberein- stimmung zu bringen, und das hat nicht — wie der Kasseler Weife gemeint hat — mit der Übeln fprachver- derbenden Logik etwas zu tun, sondern ist ganz einfach eine Sache der. Zweckmäßigkeit, d .h. der Deutlichkeit, der leichten Verständlichkeit. Je größer die Uebereinstimmung zwischen dem Grundwort und der Ableitung ist, desto leichter wird die Zusammengehörigkeit erkannt. Das zeigt sich ganz klar noch in einer toeiteren Neigung des Sprachgebrauchs. Niemand wird es einfallen, den Abgeordneten von Hagen als den Hager Abgeordneten zu bezeichnen, während man unbedenklich von Pümpelhäger Feldern sprechen würde. Man redet nur von den Badener Quellen, aber'vom Wiesbader Theater. In der Nähe von Gießen liegt ein Ort Hausen: man spricht nur vom Häusener Kirchturm, dagegen vom Mühlhäuser Fabrikanten. Der Grund liegt aus der Hand; bei den langen Wörtern ist auch nach Wegfall des -en noch reichlicher Sprachstoff vorhanden, der dem Grundwort und der Slbleitung gemeinsam bleibt, während das bei den kürzeren Bildungen nicht der Fall ist. Tie Form Gießener entspricht also durchaus den Gesetzen der neueren Sprachentwicklung. Wenn die alte Mundart in und um Gießen von Gießern (eigentlich von Gäißern) spricht, so hat das für die Schriftsprache keine Beweiskraft. Denkt doch fein Mensch daran, von Mannemern statt von Mannheimern schriftlich zu berichten. In unseren Anschauungen über die Mundart hat sich! ein merkwürdiger Umschwung vollzogen. No»ll vor kurzem hatte man für ihreiUrsprünglichlke-it innd ihr Recht zu kämpfen. Heute will man sie beinahe zum Gesetz für die Schriftsprache machen, und es tut not, daraus hinzu- weisen, daß auch diese ein selbständiges Dasein lebt, ihre eigenen Rechte und Gesetze hat. Ter Gießener Bahnhof, die Gießener Universität dienen nicht bloß dem Oberhessen, sondern werteren Kreisen, mit denen sich zu verständigen die Mundart nicht genügt, die vielmehr verlangen dürfen, daß man mit ihnen in der Weise verkehrt, tote es in der Sprache der Gebildeten heute Sitte und Brauch geworden ist. Um ein zuverlässiges Bild davon zu gewinnen, wie im allgemeinen der heutige Sprachgebrauch solche Fälle be- händelt, habe ich in Kürschners Handbuch der deutschen Presse die Buchstaben a—f durchmustert und alle Benennungen zusammengestellt, die mit Hilfe der Silbe er von Ortsnamen auf en abgeleitet sind. Da hat sich denn folgendes ergeben. Von den mehr als zweisilbigen Namen werfen "die auf -ingen und -Hausen regelmäßig das -en ab: „Andelfinger, Döblinger, Vvpfinger, Büdinger, Deiß- linger, Tonaueschinger, Eppinger, Eßlinger, Finstinger; Dabenbauser, Burghanser, Tabringhauser, Tahlhauser, Er- mershäuser, Eschershäuser, Frankenhäuser". Einzige Aus- nahme „Jischhausener". Tagegen behalten das -en die Ableitungen von -Hafen und -kirchen: Cuxhavener, Friedrichshafener; Altenkirchener, Euskirchener, Fünfkirchener. Im übrigen steht auf der einen Seite: „Tarkehmer, Ebeleber, Eisleber, Erlanger, Furttoanger", auf der anderen: „Berchtesgadener, Bevensener, Edenkobener". Also im ganzen drei mit »eiter. Vollständig anders liegt die Sache bei den bloß zweisilbigen. Hier erscheint das -en abgeworfen nur in „Barmer, Binger, Bremer, Emder". Es hat Bestand in „Aachener, Ahlener, Akener, Annener, Badener, Bautzener, Bentschener, Beuthener, Bolch;ener, Borkener, Bozner, Brettener, Briesener, Brixener, Bürener, Camener, Cöthe- ner, Cvofsener, Dahlener, Deubener, Diessener, Dorfener, Dorstener, Dresdener, Driesener, Dübener, Tülkener, Dülmener, Dürener, Essener, Eupener, Frech,euer, Frerener, tüfsener". Also 4 -er gegen 34 -ener. Also liegen auf eiben Seiten die beiden Wldungstoeisen nebeneinander, die ältere auf -er, die im ganzen*) jüngere auf »ener. Tie ältere hat sich bei den mehrsilbigen ziemlich rein erhalten, wen sie hier wenig Schaden stiften konnte; aber sie ist auch hier bei -kirchen beseitigt, weil es auch Orte auf -kirch gibt; -Hafener ist durchgedrungen, weil daneben schon außerhalb des Namens das Hauptwort Hafen liegt, das ausgleichend wirkte. Bei den zweisilbigen Ortsnamen dagegen "ist die alte Bildung bis auf wenige Reste untergegangen. Bitt diesen Darlegungen soll der Form Gießer die Da- seinsberechtigung nicht völlig abgesvvochen werden. Wenn Der Mensch sich in Pantoffeln und int Haus rock bewegt oder auf der Bierbank sitzt und ihn niemand zu verstehen braucht als die Hausgenossen oder der runde Tisch beim Andrees, dann mag er auch fernerhin nach Urväterbrauch von Gießern reden und die Form Gießener als lästigen Zwang empfinden. Gießen. O. B e h a g h e l. (In der „Zeitschr. d. Allg. Disch. Sprachvereins".) *) Ich sage im ganzen: denn bei Bildungen, die von Wörtern wie Kempten ausgehen, ist natürlich die Ableitung guf -euere das ganz ursprüngliche. Literarisches. Gertru d Franke-Schievelbein: „Die S ehrsüchtige n". — Roman. — Verlag von Egon Flei- ichel u. Co., Berlin. — Preis 5 Mk. — Ter Roman behandelt das sehnsüchtige Ringen und Suchen unserer Zeit nach einer, dem ganzen Menschen volles Genügen bietenden Weltanschauung. Gräfin Faustine, „die letzte, feinste Blüte eines uralten Geschlechts", sucht einen Inhalt für ihr Leben, eilt Glück, das die tiefe, immer wache Sehnsucht ihrer Seele stillt. Allerlei Menschen begegnen ihr, und jeder glaubt das Rezept zur Glückseligkeit gefunden zu haben. Ter brave Landdoktor weiß sich kein höheres Ideal, als eine Zukunft, in der „alle Leute gesund, satt und sauber sind." Tas vornehm-frivole Weltkind tritt lachend Sitte und Treue mit Füßen. Genuß und rücksichtsloses Sichaus- leben sind ihr Ziel und Zweck des Tasetns. ■ Der berühmte moderne Künstler vergißt über dem „schönen Schein" alle Abgründe, Bitternisse und Widersprüche des Lebens: „Ter Schein erlöst von der Wirklichkeit." Von seiner Kraft berauscht, glaubt Faustine eine Zeitlang, in einer Sinnen- liebe Befriedigung finden zu können. Aber der Traum verfliegt. Ihr Herz ergreift eine edle Neigung zu einem! jungen Geistlichen, deren Hoffnungslosigkeit sie allmählich dem Pessimismus Tvktor Hammers in die Arme treibt. Hammer, „der wunderlickie Heilige", den die Reue über eine verbrecherisch-leichtfertige Vergangenheit zum Asketen und Lebensverächter gemacht, hat „sich selber zum Leben verurteilt". Mit trotzigem Menschenstolz erträgt er, der Materialist, das Tas ein, das ihm ein sinnloses Spiel blinder Naturkräfte ist, indem er seinen Mitbrüdern die Last erleichtern hilft. Mas er ersehnt, ist die Erlösung vom Leben, das Untertauchen in nichts. Faustine glaubt ihren Treubruch gegen ihren Verlobten nur gut machen zu können, indem sie — auf jedes eigene Glück verzichtend — als Hammers Gefährtin sich den Aermsten und Elendesten aufopfert. Aber in der heiligen Selbstüberwindung ihres Samariterberufs wachsen ihrer Seele die Schwingen. Tie starke, lebenbejahende Ueberzeugung des jungen Sarrers, der ihr näher tritt, gewinnt immer mehr Macht er sie. Turch ihn geleitet, sieht sie den göttlichen Kern der ewigen Wahrheit hindurchleuchten durch die zerbröckelnde, ehrwürdige Form des alten Glaubens und begreift, daß jie, mit dem zu eng gewordenen Gefäß auch dessen köstlichen Inhalt verwerfend, sich um ihr bestes Teil gebracht hat. In einer geläuterten und vergeistigten Gotteserkenntnis findet endlich ihre Sehnsucht den heißerkämpften Frieden. — Ein Bucb des Kampfes, aber auch des Sieges, ein Buch der Schmerzen, aber auch des Trostes, ein Buch der Sehnsucht, aber auch der Erfüllung^. Bilderrätsel. Nachdruck verboten. (Auflösung in nächster Nummer.) PJIi Auflösung des Silbenrätsels in vor. Nr.: Guadalquivir, Ostern, Tanne, Tamarinde, Federbusch, Rosalie, Irene, Eidechse, Dattel, Korbmacher, Eisen, Leibeigenschaft Leierkasten, Eberesche, Rechtsanwalt. — Die Anfangsbuchstaben e rgeben: Gottfried Keller. Auslösung des Preisrätsels in Nr. 193, Ohne Mähe kein Preis. Die Gewinner sind: 1. Preis: Kapitän Sverdrups epochemachendes Werk „Neues Land", zwei starke Bände ■ in bochelegantem Einband mit zahlreichen Illustrationen: Gustav Stammler, Gießen, 91 mich baue 22. — 2. Preis: Wilhelm Raabe's berühmter Roman „D er La r", eleg. geb.: Elis a b e th Ho tz in Nidda.— 3. P r e i s: Das dickleibige, vorzügliche Kochbuch von Mathilde Ehrhardt: Frau E. B i e r a u in B u tz b a ch. — 4. Preis: Des Billardmeisters Woerz schönes, elegant gebundenes „B i l l a r d b u ch": Leutnant JebenS, Gießen, Ostanlage 4. — b. Preis: Die fem gebundene Jngendschrist „M i t B ü ch s e, Spaten u n d O ch s e n st r i ck i n Südwestafrika" von Oskar K l a u s m a n n: Walther Nanz, Gymnasiast in S t e i n b a ch. — 6. P r e i s: Lieder für eine Singstimme mit Klavierbegleitung von Rudolf G r ü h n e r, elegant gebunden: Slnni Dornseifs, Gießen, Moltkestraße 30. Die Preise sind von den Gewinnern gegen Vorzeigung der Abonnementsquittung in der Geschäftsstelle des „Gießener Anzeigers" in Empfang zu nehmen. Die richtige Lösung haben diesmal nicht weniger als 384 Personen gesunden und zur Bewerbung eingesandt. Von diesen Bewerbern entsallen aus Gießen 270, nämlich 149 männliche und 121 weibliche. Von auswärts bewarben sich 114 Personen, 76,männliche und 38 weibliche. Manche „9!ußknackcr" begleiteten die Einsendungen mi; mehr oder minder gelmigenen Versen. RcdaktivN! August Götz. — Notationsdruck und Verlag der Brühl'sck.cn UnirersitötS-Bnch- und Ctcindrnckcrei. R. Lange, Gießen.