1904 Ü * N M Jas Testament des Aankiers. Kriminalroman von A. M. Barbour. (Nachdruck verboten.) (Fortsetzung.) Im Gegensatz zu seinem gleichmütigen Wesen hatte sich der meisten der Anwesenden eine fast fieberhafte Erregung bemächtigt. Die Bleistifte der Reporter hasteten über das Papier, seit sich die Vernehmung so interessant gestaltete und so ergiebige, würzige Enthüllungen in Aussicht stellte. Ralph Mainwarings Gesicht war dunkelrot vor Wut, Herr Thornton schien sich kaum mehr bemeistern zu können, stund Herr Whitney wurde vor Aufregung und Aerger bald rot und blaß. Nur Frau La Grange hatte ihre volle Gewalt über sich wiedergesunden und mit halb geschlossenen Augen und spöttischem Lächeln der Wiederholung der eigenen Worte gelauscht. „Erwiderte Herr Mainwaring nichts?" fragte der Coroner weiter. „Jawohl, ich hörte aber, da ich mich nun von der Tür zurückzog,, nur noch seine Stimme, ohne etwas zu verstehen." „Wieviel Uhr war es, als Sie dann bei ihm eintraten?" „Einige Minuten nach zwölf." „Und da sahen Sie Herrn Mainwaring zum letztenmal lebend?" „Zum letztenmal." „Wissen Sie, ob noch irgend jemand bei ihm war, nach- bcnt Sie ihn verlassen hatten?" „Davon ist mir nichts bekannt," „Nach Ihrer eigenen Erklärung müssen Sie etwa eine Stunde vor seinem Tode bei ihm gewesen sein, und deshalb ist es nötig, daß Sie jede Einzelheit Ihres Gespräches an geb en." „Ich bin durchaus bereit dazu, kann aber nur wenig sagen. Tie Zusammenkunft dauerte überhaupt kaum zehn Minuten. Herr Mainivaring ging, als ich eintrat, gewohnheitsgemäß mit auf dem Rücken verschränkten Händen, tief in Gedanken versunken, in der Bibliothek auf und nieder. Tas Turmzimmer war, wie ich durch einen Ritz der zusammengezogenen Portieren erkennen konnte, matt erleuchtet. Als er mich bemerkte, fetzte er sich, gab mir sichtlich ermüdet und abgespannt nur einige Anweisungen bezüglich eingehender Telegramme und Briefe, sowie einen Zettel mit Notizen für den nächsten Tag, und lud mich dann ein, an der Feier seines Geburtstages teilzunehmen und mich als seinen Gast zu betrachten.' Ich dankte ihm und entfernte mich. Tas war alles." „Hörten Sie irgend etwas Ungewöhnliches, nachdem Sie Ihr Zimmer erreicht hatten?" „Um diese Zeit nicht, aber später, gegen drei Uhr glaubte ich, an der Hinterseite des Hauses ein Geräusch, wie von heimlich schleichenden Schritten, zu vernehmen. Es kann dies indessen auch eine Täuschung gewesen sein, denn obgleich ich angestrengt lauschte, vermochte ich nichts mehr zu hören." „Vorläufig danke ich Ihnen, Herr Skott, es ist jedoch sehr wahrscheinlich, daß ich bald noch Ihr weiteres Zeugnis brauchen werde." Diese Worte begleitete der Coroner mit einem bedeutungsvollen Blick, indem er rief: „Ich bitte jetzt Frau La Grange!" Eine merkliche Bewegung lief durch den Saal, als die Aufgerufene mit uncmachahmlicher Grazie zu dem Tisch schritt, während der Geheimsekretär sich wieder auf seinen Platz neben Fräulein Carleton begab. Dieser entging der Blick nicht, den Frau La Grange Herrn Skott nachschleuderte, und mit jener den Frauen eigenen schnellen Beobachtung erkannte sie augenblicklich, daß die Gegnerschaft dieser beiden Persönlichkeiten der ganzen Gerichtsverhandlung den Hauptreiz verleihen würde. Mehr noch als zuvor wurde ihr Interesse geweckt, und unverwandt hielt sie ihren Blick auf das Gesicht der Zeugin geheftet. Auch bei der gesamten" anderen Zuhörerschaft wuchs die Aufregung. Viele drängten sich begierig näher an den Tisch, um von den weiteren Enthüllungen kein Wort zu verlieren. Niemand ahnte aber den Trumpf, den Fran La Grange in Bereitschaft hatte, als sie, von dem Coroner aufgefordert, ihren vollen Namen anzugeben, mit hocherhobenem Kopfe und fester Stünme antwortete: - „Eleanor Houghtou Mainwaring." Einen Augenblick herrschte Grabesstille, selbst der Coroner sah der Zeugin verblüfft ins Gesicht. Endlich hob er wieder an: „Wollen Sie Ihre Verwandtschaft mit dein Verstorbenen erklären." „Ich bin seine Witwe!" Diese mit völliger Ruhe abgegebene Erklärung machte auf die Anwesenden einen noch mächtigeren Eindruck. Man blickte sich an und flüsterte miteinander; einzelne unter- drückte Ausrufe ließen -sich vernehmen. Gänzlich unberührt davon fuhr aber die Zeugin fort: „Wir wurden in London heimlich getraut." „Weshalb heimlich? Und wie lange ist das her?" „Etwas über 23 Jahre. Ich war damals eine junge Witwe; besondere Verhältnisse bestimmten Herrn Mainwaring zu der Forderung, unsere Verbindung vorderhand geheim zu halten. Ich fügte mich seinem Wunsche, und so wurden wir ganz int stillen getraut." „Welcher Art waren die Gründe, die Herrn Mainwaring zu seiner Forderung bewogen?" „Und diese Gründe für die Geheimhaltung Ihrer.Ehe mit Herrn Mainwaring sollten all die langen Jahre bis jetzt bestehen geblieben sein? Das hat doch etwas höchst Aufsälliges. Haben Sie denn niemals ernstlich darauf gedrungen, die öffentliche Anerkennung Ihrer Stellung als Frau zu erlangen?" oft genug. Mein Mann fand aber immer neue 730 Vorwände, diese Anerkennung hinanszuschieLen. Drei Monate nach unserer Verheiratung verließ er mich sogar heimlich, um meinem Drängen zu entgehen. Er fürchtete wohl, durch die Veröffentlichung der mit mir geschlossenen Ehe feinem stolzen Namen einen Makel anzuheften. Vier Jahre wußte ich nicht, wohin er sich gewandt, und während dieser Zeit erfuhr ich, daß er, der sich scheute, mir den gebührenden Platz an seiner Seite einzuräumen, vor dem Gesetze ein gemeiner Verbrecher war. Endlich fiihrten mich meine Nachforschungen hierher. Ich schleuderte ihm ins Gesicht, was inzwischen zu meiner Kenntnis gekommen war, er aber — Wohl um mein Schweigen zu erkaufen — gab mir leidenschaftliche Versicherungen seiner neu erwachten Liebe und Versprechungen, mir nun bald die Stellung zu geben, die ich als seine rechtmäßige Frau zu fordern hatte. Er fügte, daß er das allerdings noch nicht gleich tim könnte. Weil er hier nur als unverheiratet bekannt sei, er wolle aber alles vorbereiten, um sich in einiger Zeit noch einmal öffentlich mit mir trauen zu lassen, damit ich endlich den mir gebührenden Platz einnehmen könne. Ich Närrin ließ mich betören und wartete und wartete. Inzwischen wurde ein Kind geboren, und dies gab ihm neuen Anlaß zu einer weiteren Verschiebung der Sache. Ich glaube, wenn ich ihn nicht in meiner Hand gehabt, wenn er nicht gefürchtet hätte, durch mich entlarvt zu werden, würde er mich mit dem Kinde einfach aus die Straße gesetzt haben, so aber wagte er das nicht. Er erfand den Ausweg, mich in Witwenkleidung mit dem Knaben hierher nach Schöneiche kommen zu lassen, und sprengte aus, ich wäre eine entfernte Verwandte, die ihm den Haushalt führen sollte. So habe ich ans Liebe für mein Kind den Vater nicht, wie ich dies hätte tun können, in eine Verbrecherzelle gebracht, und in der Hoffnung, unfern Sohn doch endlich noch in seine Rechte eingesetzt zu sehen, ein doppeltes Leben geführt, das heißt, als Dienerin gegolten, wo ich die rechtmäßige Herrin war." Mit atemloser Spannung folgten die Versammelten diesen Enthüllungen. „Können Sie die Papiere über Ihren mit Herrn Main- Waring geschlossenen Ehebund vorlegep?" fragte nun der Eoroner. Die Augen der Zeugin sprühten plötzlich Haß und Wrimm. „Das vermag ich leider nicht, da mein Mann den Trauschein verwahrte und mir bei meinen Vorstellungen öfter drohte, ihn zu vernichten. Wenn er diese Drohung nicht wirklich ausgeführt hat, wird sich der Schein im Geld- fchrank befinden. Indessen kann ich für alle Fälle einen Zeugen stellen, der der Trauung beiwohnte und den Schein Mterfchrieb." „Wer war der Zeuge?" . „Richard Hobsou aus Loudon." . Der Coroner machte sich eine flüchtige Notiz. „So sind Sie also mit dem Manne bekannt?" „Natürlich, er war ja eine Zeitlang der Anwalt meines Mannes." „Er soll gestern hier gewesen fein. Ist Ihnen das bekannt?" „Ja; er war bei mir." „Galt der Besuch Ihnen, oder wollte Herr Hobson durch Ihre Vermittlung eine Unterredung mit Herrn Main- Warin g erlangen ?" „Sein Besuch galt nur mir. Ich hatte in eigenen Ge- fchästsangelegenheiten mit ihm zu tun. Von der Absicht, Steinen Mann zu sprechen, erwähnte er nichts." „Sahen Sie ihn in letzter Zeit öfter bei sich?" „Nur gestern vormittag, und dann nodf einmal am Abend, als er seinen Schreiber mitbrachte." „Zwischen elf und zwölf Uhr nachts, Frau La Grange, sind Sie noch bei Herrn Mainwaring in der Bibliothek gewesen. Wie lange blieben Sie bei ihm?" Zomesröte stieg ihr ins Gesicht bei der auch jetzt noch beibehaltenen Anrede mit dem bisher von ihr geführten; Namen, und ziemlich spitz erwiderte sie: „Ich dürfte mich ungefähr eine halbe Stunde bei meinem Manne aufgehalten haben." „Sie hörten, was Herr Skott darüber aussagte. Hat er Ihre Worte richtig .wiedergegeben?" „Ich, zweifle durchaus nicht daran und bewundere fein Gedächtnis, da ich mich nicht mehr so genau wie er all Meiner Worte erinnere." „Welche Bedeutung also hafte Ihre gegen Herrn Main- Waring ausgestoßene Drohung, er und seine Verwandtschaft sollten ihr Werk bereuen?" „Sie sollte bedeuten — und mein Mann verstand das sehr gut —, ich würde gegen das Testament Einspruch erheben und ihn auf die Anklagebank bringen." „Wie verhielt er sich dazu?" „Er antwortete mir, wie gewöhnlich, mit Hohn und' Spott, konnte aber dabei doch nicht seine heimliche Furcht verbergen. Um zu einem Ende zu kommen, schlug ich ihm einen Ausgleich vor. Die Antwort darauf wollte ich mir. bald holen. Darauf verließ ich ihn." „Als ich nach .Verlauf einer halben Stunde zurückkehrte, hörte ich durch die Tür, daß mein Mann nicht allein war. Ganz deutlich vernahm ich, wie er jemand anfuhr: ,Sie sind ein Lügner und Betrüger!' worauf eine vor Wut bebende (Stimme erwiderte: ,Nein, du bist das und ein Dieb dazu. Wenn deine Schandtaten ans Licht gekommen wären, säßest du heute hinter Schloß und Riegel oder in der Berbrecherkolonie in Australien.' Darauf drangen nur noch nmtende, zischende Laute zu mir; Worte konnte ich nicht mehr verstehen, trotzdem ich noch eine Weile horchend stehen blieb. Endlich gab ich das Warten aus und kehrte in mein Zimmer zurück." Wie ein Alp hatte es sich während dieser Aussage ans die Zuhörerschaft gelegt, und fast keiner wagte zu atmen, als der Coroner die Stille unterbrach: „Erschien Ihnen die Stimme des mit Herrn Main- toaring Streitenden bekannt?" Ein boshaftes, fast grausames Lächeln umspielte die Lippen der Zeugin, als sie mit einer gewissen Genugtuung fest und bestimmt antwortete: „Die Stimme war etwas verstellt, doch unverkennbar die des Herrn Geheimsekretärs Skott!" (Fortsetzung folgt.) Hleßer SchimfLKstetdekoraiirm. Von Hans Dietrich Leipheimer, Darmstadt. (Nachdruck verboten.) Das immer rascher werdende Tempo, der Produktion, das unablässige auf den Markt werfen neuer Artikel, drängt die meisten Geschäfte unwiderstehlich zur Massenanhäufting in ihren Schaufenstern. Dagegen ist in allererster Linie Front zu machen. Gewiß darf das Schaufester nicht leer aussehen, aber eine Ueberfüllung trägt keineswegs den Nutzen, den sich der Ladeninhaber verspricht. Jeder Gegenstand beansprucht einen gewissen Raum, um voll zur Wirkung zu kommen, geben wir ihm denselben nicht, so verliert er eben sein Bestes. Viele Artikel derselben Gattung eng nebeneinander ausgelegt, beeinträchtigen sich gegenseitig und verwirrens den Blick des Beschauers. Natürlich gilt das aber auch wieder nicht für alle Konsumartikel. So kann z. B. in einem Obst- und Gemüseladen oder in einer Kolonialwarenhandlung das Anfhäufen von Aepfeln oder Orangen en mässe einen sehr reizenden Anblick in des Wortes doppelter Bedeutung gewähren, während von 20 Uhrenhandlungen 19 geradezu unerträglich sind durch bas wirre Turch- einander von großen und kleinen Standuhren. Auch bei Gold- nnd Silberwaren, Schmuckwaren usw. ist die Wassenwirknng fast durchweg zum Schaden für den Totaleindruck angestrebt; nur selten sieht man ein Schaufenster, in welchem jedes einzelne Stück zu voller Wirkung kommen kann. Die Schaufenster der Möbel- branche bieten besonders eklatante Belege für zwei ganz von einander verschiedene Auffassungen unseres Themas. Tie feineren Geschäfte lassen eine geschlossene Zimmereinrichtung ganz für sich wirken, höchstens eine Vase, eine Schale ober dgl. belebt Tisch oder Buffet: haben sie zugleich 'Lager in Teppichen, Vorhängen, Dekorationsstoffen oder sonstigen kunstgewerblichen Gegenständen, so wird ein besonderes Schaufenster dafür reserviert. Bei anderen Geschäften derselben Branche dagegen überwuchert das. Kleingeräte vollständig die ausgestellten Möbel, sehr zum Nachteil des Ganzen. Am tollsten ist die Massenanhäufung naturgemäß bei den Galanterie- mnd Luxusartikelgeschüsten. Hier ist es schon die Menge verschiedenster Artikel, welche zur Schau gestellt werden sollen, die eine Ueberfüllung der Schaufenster hervorruft, aber auch hier bleibt es nicht beim Auslegen von 3 oder 4 Exemplaren eines Artikels, die Täschchen, Briefbeschwerer, Photographierahmen und was noch alles, werden gleich zu Dutzenden ins Schaufenster gepropft. Es kostet den Beschauer eine Anstrengung, mit dem Blick ein solches Schaufenster zu verarbeiten, und wenn er eine Straße passiert, so wird er nach zwei oder drei solcher Anstrengungen abgestumpft fein, er ist nicht mehr im stände, eine Einzelerscheinung voll zu erfassen, er sieht nur ein wirres Durcheinander. Biel eher wird er in solcher Stimmung ein Granen davor empfinden, in einen Laden u treten, weil er weiß, daß ihn dort noch ein umfangreicheres Vielerlei erwartet, als 731 daß et ein Interesse gewonnen hätte, das sich zum Verlangen und zum Kauf steigert. Gesetzt nun, das richtige Maß zur Füllung des Schaufensters ist gefunden, so erwartet eine andere Aufgabe ihre Lösung. Das Schausenste r soll und muß einen Mittelpunkt haben. Es gibt wohl kaum eine Branche, welche nicht größere und kleinere Gegenstände zur Ausstellung bringt, da ergibt es sich von selbst, daß um ein oder auch mehrere große Stücke sich "die kleineren gruppieren. Tas gibt dem Ganzen einen geschlossenen Charakter. Von dem Hauptstück schweift das Auge auch gerne zu den anderen Gegenständen der Auslage, um dann wieder zum MittelMnkt zurückzukehren, und das Gedächtnis nimmt die Erscheinung eines auf solche Weise dekorierten Fensters willig auf. Dagegen wird sich ein Arrangement, welches viele gleichgroße Stücke nebeneinander oder durcheinander gelegt, oder gehenkt zeigt, nicht einprägen und an sich schon einen langweiligen Eindruck machen. Manche Ladeninhaber machen auch den Fehler, große Stücke in den Hintergrund zu stellen, in der Meinung, sie wirken dort ja, vermöge ihrer Größe, immer noch. Tas ist falsch, denn, je weiter ein Gegenstand voui Beschauer entfernt ist, desto kleiner wird er, der Kontrast, als eines der wirksamsten Mittel der Dekoration, ist also aufgehoben statt benutzt. Bei denr Bestreben, die Schaufenster möglichst tief zu gestalten, wie es heute vielfach zu tage tritt, ist auf diesen Umstand besonders Rücksicht zu nehmen. Eine andere Folge des Strebens, möglichst viel Raum für das Schaufenster zu gewinnen, ist das Herunterführen desselben fast bis auf das Straßenniveau. Dieser Umstand führt zur Besprechung der Aufstellung der Gegenstände in Bezug auf Höhe und Tiefe in vcrftkaler Richtung. Man kann insbesondere bei Buchhandlungen, welche zugleich Kunsthandlungen sind, den Fehler beobachten, daß Werke der Plastik viel zu tief stehen. Es ist bequem für das Auge, auf eine in drei oder vier Reihen hintereinander arrangierte Auslage von Büchern, Stahlstichen usw. herabzublicken, toenn sich aber dazwischen kleine plastische Figürchen befinden, so müßte der Beschauer knieen, um sie zu genießen. Man sieht manchmal Kinder in ihrem naiven Drang diese Stellung einnehmen. Noch unschöner ist es, wenn lebensgroße Büsten in solcher Weise Aufstellung finden, sodaß der Beschauer direkt auf den Scheitel sieht. Es ist unbedingtes Erfordernis, plastische Erzeugnisse möglichst in Gesichtshöhe aufzustellen, d. h., der ungeschulte Aussteller ist dann wenigstens vor groben Fehlern geschützt, es gibt aber außerdem noch Werke, bei welchen der Künstler eine Aufstellung über Gesichtshöhe gewollt hat. Nächst bett Größenverhältnissen ist die Farbe einer der Hauptsaktoren, welche bestimmend wirken aus die Menge und die Art der Aufstellung. Hier kommen besonders in Betracht: Stossgeschäfte, Tamenhutmagazine, Blumenläden und ähnliches. Wenn wir bei letzteren ankirüpsen, so wissen wir, daß. vor wenigen Jahren noch eine Zusammenstellung von Veilchen, Maiglöckchen, Vergißmeinnicht und Rosen, oder ein Feldbouquet aus Mohn, Kornblumen, Aehren und Winden durchaus nichts Ungewöhnliches war. Heute hüten wir uns vor dem Vielerlei, wir ziehen es vor, den Mohn für sich, die Veilchen für sich, zusammen mit einem passenden Grün zu genießen oder wir stellen doch wenigstens verwandte Töne zusammen, z. B. Alpenveilchen, Heidekraut und violette Orchis. Endlich aber suchen wir auch die ästhetischen Genüsse einfacher Kontrastwirkungen auf, z. B. gelbe Chrisan- themen mit Blutbuchenlaub. Tie Verfeinerung unseres Farbensinnes, welche sich in dieser Geschmackswandlung ausdrückt, gibt uns nun Winke für unser Thema. Schaufensterdekorationen in verschiedenen Nüancen einer Farbe, oder aus der Zusammenstellung zweier Farben, etwa Grau mit Blau, oder Violett mit Schwarz, finden sich in der Tat schon vereinzelt in unseren Straßen. Mit Geschmack angewendet, ist dies ein vorzügliches Mittel, besonders intensive Wirkung zu erzielen. Jnrmer läßt sich dies aber nicht durchführen, da wäre dann wenigstens in den Fällen, in welchen sich mehrere oder viele Farben miteinander vertragen müssen, mit Vorteil der Grundsatz zu befolgen, daß die Vielheit durch eine passende Einheit als gemeinsame Unterlage zusammen- gesaßt wird. Zu einem solchen zusammenfassenden Fonds ist dann immer eine neutrale dezente Farbe zu wählen. Je stärker die farbige Wirkung der auszustellenden Gegenstände ist, desto notwendiger ist ein ruhiger Fonds. Weiter ist es dann unbedingt notwendig, die Masse der starr hervortretenden Farben genau abzuwägen zu der Masse der schwach wirkenden, d. h. je intensiver eine Farbe ist, um so weniger davon darf in der Auslage, umsomehr Anwendung muß die ruhige Farbe finden, die ihr das Gegengewicht halten soll. Tritt an die Stelle der Farbe der Glanz, bei Metallgegenständen, so ist natürlich noch mehr auf eine ruhige und satte Unterlage_ zu sehen. Gold- und Silberwaren wurden früher fast ausschließlich auf roten Sammt gestellt, dann ging man allgemein zu weiß über, und erst seit neuerer Zeit finden sich feine graue Töne als Passendster Fond. Znm Schluß mag noch auf zweierlei hingewiesen sein. Alles, was nicht direkt als Ware zu betrachten ist, soll aus dem Schaufenster verbannt fein, vor allem Tinge, welche an Panoptikumskunst erinnern, welche auf bloße Neugier spekulieren, um die Aus- merfiamkeit bann nebenbei auch auf die Verkaufsgegenstände zu lenken. Dagegen ist es sehr vorteilhaft, dem Schaufenster einen festen abschließenden Rahmen zu geben, welcher nicht aus den im Geschäft zu verkaufenden Artikeln besteht. Als Beispiel sieht man in manchen Juwelierläden geschmackvolle Applikationsstickerei verwendet. Das Resiims der vorstehenden Ausführungen kann dahin zusammengefaßt werden, daß eine Schaufensterdekoration, je mehr sie sich einer künstlerischen Vollendung nähert, desto vorteilhafter für den Ladeninhaber ist. Es wäre sehr wünschenswert, wenn die Erkenntnis dieser Wahrheit allmählich weiteren Boden fände. * Anschließend an diese Ausführung mal folgendes Geschichtchen, das uns aus unserem Leserkreis geschrieben wird, beweisen, daß beispielsweise in Gießen die Schaufensterausstellungen nicht sämtlich nach künstlerischen Gesichtspunkten eingerichtet sind. Promenadenidyll. Eine sehr traurige Sonntagsgeschichte. 12 Uhr! Promenadenmusik! Tie schönen Anlagen des lieblichen Städtchens füllen sich. Ein herrlicher Sonntagmorgen! Zn Ende die Erdarbeiten, die einige Zeit hindurch ben gewohnten Spaziergang unmöglich machen, nun wieder die alte Ordnung, die peinliche Sauberkeit. Wie es promeniert und flirtet, plaudert und flüstert, das junge Völkchen! Zwei lösen sich von dem Korso, von der dahinflutenden Menge. „Mein gnädiges Fräulein, bitte kommen Sie aus dem Gewühl; gehen wir ein Endchen weiter. Ich habe — ich muß Sie etwas —" Gerade intoniert die taktvolle Kapelle das herrliche Lied „Heimliche Liebe". Zwei schöne Angenpaare tauchen sekundenlang ineinander. In seiner sonoren Stimme hat es wie leises Beben geklungen Ihr junges Herzchen klopft zum Zerspringen in ungekannter Seligkeit bei diesen verheißungsvollen Worten. „Ach ja", flüstern ihre schönen Lippen, „es ist heute so voll hier, und tapfer trippelt das reizende Mädchen in den hellen Sonn-- tagsstiefelchen über den Fahrdamm znm jenseitigen Trottoir. Er: „Sehen Sie, der neue Laden dort scheint auch endlich eingerichtet. Ich bin begierig —" „Ach ja", seufzt sie. „Schade, schade! Hier ein Laden! Der tut der Poesie dieser schönen Gegend gewiß riesig Eintrag." „Nun", lächelt er, „Schuhwaren oder Kochtöpfe wird man kaum darin feilbieten. Vielleicht ein (Safe, eine Auslage mit appetitlichen Süßigkeiten, Bonbonnisren oder dergleichen." „Ober Blumen", meint sie, „ja Blumen — das wäre das einzige Mögliche." Damit ist unser Pärchen hinüber, heraus aus der Menschenmenge und — Doch „Angewurzelt stand es da. Als es nach dem Laden sah." Meine Feder sträubt sich errötend, ben Graus weiter anszu- malen: Halbmast die farbenfreudigen hellgrünen Jalousien, während alle anderen Magazine, Luxusgeschäfte und sonstige über die Sonntagsruhe hinaus ihre verlockenden Auslagen neidis ä*den Blicken des Publikums entziehen. Sie stürzt davon — nach Hause!. Mit dem Ausruf: „Ach Mutter, Mutter — wie furchtbar! Alles ist aus!" sinkt die Unglückliche zusammen. Achtlos rollt das neue Winterhütchen am Boden. Er, finster vor sich hinstarrend, die Faust geballt in ohnmächtiger Wut, geht mit unheimlich hastigen Schritten seiner Behausung zu. Tas war wie ein Peitschenhieb ins Gesicht; — ihm das! ihm, dem idealen, poetischen Aesthetiker! — Wer weiß! Dem Überwältigenden Anblick sind vielleicht zwei junge Menschenherzen ztim Opfer gefallen. — Was nun tun, um für die Zukunft derlei hochtragischen Momenten vorzubeugen? Solch' gefährliche Ladenauslageii sind ja nicht aus der Welt zu schaffen. Tas sieht man ein. Aber könnte man nicht mit dem Nützlichen das Schöne verbinden? Ich appelliere an den Verschönerungsverein: er beordere einen künstlerisch ausgebildeten Dekorateur, der schafft's. Z. B.: Man berge den charakteristischen weniger hübschen Teil der in Frage stehenden Vasen unter einer Guirlande blühender Blumen, führe aufwärts deckanstrebende breite Bänder a la Ampel uno „Füllt's an mit duftenden Reseden, Tie letzten roten Astern bringt herbei, Tann kann man wieder von der Liebe reden. Auch Sier vorbei." I. Werynachtsöücher. — Ter Unionstierlag (Union, Deutsche Verlagsgesellschaft, Stuttgart. Berlin, Leipzig) legte ein älteres Buch von Karl May, „Der S ch a tz im Silbersee", neu auf, eine Erzählung aus dem amerikanischen Westen. Hier macht sich das bekannte Uebermenschentum aller Jndianergeschichteu breit. Ja, wenn diese Heldenhaftigkeit den Jungens nicht so unsagbar imponierte! Und spannend ist diese Mordgeschichte geschrieben. 732 — Aus dem Verlage von Stefan ® et bei in Altenburg nennen wir felgende hervorragende Geschenkwerke für die Familie: „B o m F o r st h a u s z u m Grafe n schlv ß". Eine Erzählung für junge Mädchen vom 12. Jahre ab und Erwachsene. Von Pastor Paul Glieder. 236 S. Oft. Mit einem Vollbild und 16 Textbildern von W. Lüttich. Geb. 2.25 Mk. Ein frisches, fröhliches Idyll, durchzogen von der Liebe Freud und Leid zweier Menschenfinder, umwoben vom Tuffe des grünenden Waldes. — Fon t e s M el u s i n a e. Ein Menschheitsmärchen von Karl Ernst Knodt (Waidpfarrer). Mit 6 Voll- und 8 Textbilderu von Gust. Kampmann. 84 S. Quart in zweifarbiger Ausstattung. Geb. 4 Mk. — In diesem Prosawerke bietet der Dichter in teilweise tiefergreifender Sprache einen Sang der Sehnsucht nach reiner Auffassung von Weib und Welt, dessen Wirkung durch die Bilder des kongenialen Karlsruher Künstlers noch bedeutend erhöht wird. — „Trei gute Kameraden". Eine Erzählung für Kinder vom 6. Jahre ab. Von Sophie von Niebel schütz. 142 S. i Oktav. Mit einem farbigen Vollbild und 14 Textbilderu von M. Ruland. Geb. 1.60 Mk. Eine anmutig frische, dabei fesselnde Erzählung für Kinder beiderlei Geschlechts. — „Herzblättchens Beittiertreib". Begründet von : Thekla von Gumpert. diene Folge 7. Band. Herausgegeben . von Berta Wegner-Zell. Mit 18 Farbendruckbildern, 6 Beilagen und zahlreichen Abbildungen im Text. Als teuer, stets hoch- : willkommener Freund der Kinderwelt hak sich "auch "dies Buch, j das den kleinen vom 4. bis hinauf zum 10.—12. Lebensjahre I Unterhaltung und Belehrung bringt, bewährt. Seit 49 Jahren nun steht es auf dem Wunschzettel, den Kinderhände — oft als erste, selbständige Schreibübung — dem Christkind unter» breiten. Erzählungen und Gedichte aller Art ernsten und heiteren . Inhalts bringen den Kleinen Anregung; namentlich sind die vielen Tiergeschichten hervorzuheben, die den ethischen Zweck an- : streben, den Kindern Liebe und Schonung gegen alles Getier einzuimpfen. Eine wertvolle Beigabe sind ferner die sechs originellen Beschäftigungstafeln, welche in Wort und Bild Anleitung ■ und Antrieb zu eigener schöpferischer Tätigkeit geben. An manchem langen, trüben Wintertage, der den Kleinen nur kurzen | Aufenthalt int Freien erlaubt, dürsten diese Tafeln sich als beste ; Freunde erweisen, die alle Langeweile in die Flucht schlagen. — Friedrich Spiel Hagen, 91 o in a n e — Neue Folge. ? — Wohlfeile Lieferungsausgabe in 50 Heften ä 35 Pfg. (Verlag : von L. Staackmaun in Leipzig). — Mit dem Roman „Frei ■ gehöre n", der in der zehnten Anflage tiorliegt, ist diese wohl- ] feite Volksausgabe vollständig geworden. Tie 50 Hefte bieten eine Fülle von unterhaltsamem Lesestoff, wie sie einem Zerstreuung suchenden Publikum selten geboten werden. — Ter Dichter schildert nach Tagebuchauszeichnungen den Lebensgang einer stolzen, mit den besten Eigenschaften des Geistes reich ausgestatteten Fran, die als Tochter eines ältadligcu höheren Offiziers nach dein Tode der Eltern in einem vornehmen Erziehungsinstitut unterrichtet wurde und nach dem Austritt aus dieser Anstalt, weil sie die gewöhnlichen Konvenieuzheiraten verachtete, im Hause eines Professors zur Lehrerin sich ausbilden wollte. Durch Verkettung mißlicher Verhältnisse aus diesem Hause vertrieben, fand sie Aufnahme in einer reichen jüdischen Familie, die ihr mit großem Wohlwollen entgegenkam, und gelangte erst hier zur vollen Entfaltung ihres reichen Geistes. Infolge ihrer Verheiratung mit einer der bedeutendsten Finanzgrößen konnte sie sich mit allem äußeren Glanz umgeben, und ihr Salon in der Hauptstadt wurde der Sammelplatz für alle in der Politik, Kunst und Wissenschaft hervorragenden Geister. Trotz allen Glanzes, unausgesetzten Strebens und wiederholter Versuche sah sie sich zum Schluß um ihr Lebensglück betrogen, wozu noch kam, daß sie in ein langes, unheilbares Siechtum verfiel. Als dann noch nach dem schrecklichen Verluste ihres Vermögens und nachdem sie lange Zeit hindurch die Wohltäterin zahlloser Armen gewesen war, sich ihr die traurige Aussicht eröffnete, selbst der Mildtätigkeit anderer anheim zu fallen, ist sie frei, wie sie geboren war, auch gestorben. Der Roman ist eine neue Beglaubigung für das Wahrwort: „Mensch fein, heißt Kämpfer sein". Musik. „Mn sik für Alle" nennt sich eine neue musikalische Zeitschrift, die soeben int Berlage von Ullstein u. Co., Berlin erscheint. Wie der Untertitel „Monatshefte zur Pflege volkstümlicher Musik" besagt, wird auf den volkstümlichen Charakter der zum Abdruck gelangenden Notenstücke besonderes Gewicht gelegt. Als Herausgeber zeichnet der bekannte Komponist Tr. Bogumil Zepler. Jedes Heft enthält auf 20 Seiten Noten in großem Notenformat neben einer Auswahl guter, klassischer Stücke 4 bis 5 Kompositionen lebender Tonkünstler, der Text bringt Biographien und Abhandlungen der in jeder Nummer vertretenen Komponisten, Einführung in den musikalischen Charakter der einzelnen Kompositionen. Monatlich erscheint ein Heft zum Preise von 50 Pfennigen. Tie erste uns vorliegende Nummer bringt unter dein Titel „Zwei Ahnen unseres Walzers" das Menuett aus Mozarts heiterer Es-dur-Symphonie und charakteristische Proben aus Schuberts „Balses nobles". An die beiden großen Meister unserer klassischen Kunst schließt sich der gefeierte Komponist von „Hänsel und Gretel", Engelbert Humperdinck, mit zwei der melodiösesten Stücke ans dem Melodrama „Königskinder" an („Liebesszene" und „Rosenringel"). Tie fremdländische Musik ist durch ein ernstes Lied des Russen Tschaikowsky vertreten. Oskar Straus, durch feinen „Lustigen Ehemann" den weitesten Kreisen bekannt, zeigt mit seinem „Pechvogel" aufs neue seine starke Begabung für das Volkslied. Paul Lincke schließt den Reigen mit einer flotten ,Minna-Polka". An die Sonne. *) Tn Quelle, der wir alles Wirken danken, Tu Born des Lichts, der Wärme und der Kraft, Um die als Kinder die Gestirne wanken, Tu bist's allein, die Lieb' und Leben schasst. Tein heit'rer Blick verscheucht viel' ird'sche Leiden, sobald mit dir der Morgen bricht herein; Und gehst im letzten Abendrot bu scheiden, Hüllt sich der Tag in müdes Schweigen ein. Er schließt die Augen — es beginnt zu dunkeln; .Nicht schau' ich dieser Erde Wunder mehr. Nur in dem Herzen hebt's noch an zu funkeln, Drin irrt die Sehnsucht zitternd jetzt umher. Ihr Zauberbann gönnt mir nicht sanften Schlummer, Sie drängt hinaus nach einer höh'ren Welt, Tie mit des Tasems Rätseln löst den Kummer, Ter den vernunftbegabten Mensch befällt. So tret’ ich weltvergessen an das Fenster, Ein töricht' Kind, und schau’ zur Nacht hinaus. Doch sieh! — es flieh'n der Finsternis Gespenster, Ein trautes Bild breitet vor mir sich ans. Ja, Sonne! was in deinem stolzen Lichte Tn uns verschließt in ein unendlich Blau, Wodurch du stetes Hoffen machst zu nichte, Seh' schöner ich's, wenn ich die Nacht beschau’. Bon deiner hehren Macht bin ich geblendet, Tich faßt mein irdisch Auge nimmermehr. Wenn du daher von uns dich abgetoeubet, Schweift freier hin mein Blick ins Weltemueer. Ta lächelt mild ans unerreichter Ferne, Umringt von märchenhafter Sterne Gold, Der Mond mich an; wir plaudern lang und gerne . . . Vergib darum, daß ich der Nacht so hold. - Adolf Metz. *) Tiefes Gedicht ist durch ein technisches Versehen in Nr. 181 der „Familienbl." nur zur Hälfte znm Abdruck gekommen. Rösselsprung. Nachdruck verboten. Auflösung in nächster Nummer. Ult nie flüg dem le re bet so Ult aus ge , stiegt . ne wird ins leh ein denn lieft ger nimm ben rein halt gel fliegt ent wog was fee ber hin fest UN vo doch halt es wort Ullb de zwei ne mund le bei gel wort flüg oe noch tes vo die fromm res ein re ger zun nein beß ein sein Auflösung des Bilderrätsels in vor. Nr:. Kein Mensch muß müssen. Redaktion: 21 uau ft Goetz. — Rotationsdruck und Verlaa der Brühl'schen Universitäts-Buck- und Steindruckerei, R. Lange, Gieße«.