IN. aiiti |K N Aus Ließe. Roman von M. ü. Efchstruth. (Nachdruck verboten.) (Fortsetzung.) Das konnte sich natürlich Harro nicht gefallen lassen. Packen sich auf der Stelle", donnerte er die Wseudo- an. Worauf sich Fräulein Julie — die Zeiten des uurci)Bo^T6Tibcn fitrb ctiitf) bei unferen Köchinnen vorüber — mit gehobenem Kopfe entfernte Ein paar Minuten herrschte tiefe Stille; jeder mühte sich, dem Roastbeef zu seiner Bestimmung zu verhelfen. Vergeblich' „Daß Du auch gar nicht verstehst!" brach wieder verdrießlich endlich Harro aus. Er wurde seht zuweilen heftig brüsk, wie Jutta fand. Und sie konnte sich auch nicht alles gefallen lasfen: „Bei Sophie kam das nicht vor", klang es nun em wenig schnippisch zurück. Und logischer, als man es dem Köpfchen hätte zutrauen sollen, fuhr die ueme Frau fort: „Dein Papa hätte uns eben mehr Zulage geben solle!:." Der Water war Harros eurpfindlichster Punkt seine Mutter war eine vorzügliche Hausfrau. „Und die Mama — so nannte er Frau von Stammen — „die Hatte Dich lieber zum Haushalt anhalten sollen", erklärte er jetzt heftig. Nun wurde Jutta auch empfind- lich. „Mrr wußten nicht, daß man eine Köchin abgeben nniß, wenn man einen eleganten Kavalleristen heiratet." ,A5Utta!" „Ja —" Sie sahen sich an mit bösem Mick, doch nur emen Moment. Dann erschraken sie beide. „Mahlzeit", sagte Harro nach einer kleinen Unstandspause. „Ich habe noch zu arbeiten." Und er zog sich in sein Zimmer §urüct. /.Siehst Du, so sind die Männer!" Jutta schüttelte den Kopf. Dann berührte sie die Klingel; der Bursche kam herern. „Willst Du nicht etwas Käse — eine Frucht?" Die Frage galt Hildegard, währenddem der Nachtisch serviert ward. Hildegard dankte. „Abräumen!" befahl die junge Frau und lud die Cousine ein in das blauseidene Boudoir. ,-Warte, ich habe doch noch etwas." So trat Jutta zu denk Nippesschrank, nahm eine entzückende Kassette von weißem Atlas mit bunt gemalten Blumen herunter und klappte den Deckel zurück. „Da nimm. Wenigstens etwas für den Hunger", lachte fie fröhlich, indem sie Hildegard einige in Spitzen umhüllte Konfitüren bot. „Die Kirschen sind Vorzüglich, Kind — o, ich habe ja noch etwas! 'Katzenzungen! Magst Du die?" Und neben die verzuckerten Früchte m der eleganten Kassette stellte sie noch ein anderes ele- gantes Kästchen, das die Aufschrift „Handschuhe" trug, in welcher angenehmen Attrappe sich die schmalen, feinen, b^Eln Zunglem gleichfalls auf Spitzen präsentierten. Und selbst nun bald von den Früchten, bald von der Schokolade naschend, plauderte Jutta vergnüglich weiter. „Alles von dem guten Dörrenbach. Er verwöhnt mich riesig. Der einzige, der zmich jetzt noch verwöhnt." „Aber, Ihr, stiebt Euch doch!" Hildegards Gedanken waren ihre eigenen Wege gegangen und brachten eben diese Frage mit. „Natürlich! Harro ist ja entzückend. Der Schönste im ganzen Regiment. Willst Du mal feilte neueste Photographie sehen?" Jutta reichte der Cousine die jüngste Aufnahme ihres Gatten von dem nächsten Tischchen, wo. sie unter einer Menge bereits früher von ihm gemachten Aufnahmen stand. „Reizend! Was?" Hildegard hielt das Bild, eine Photographie, Prinzeßform in ledergepreßtent Rahmen, in den Händen und blickte darauf nieder. Ihre Hände begannen zu zittern, eine Welle Blut stieg demj Mädchen^ in die Stirn — das Bild drohte ihr zu entfallen. Sie schwankte. „Was hast Du denn?" sagte Jütta ganz ahnungslos, ahnungslos überhaupt, daß ein un- begehrtes Mädchen, tote Hildegard in ihren Augen war, am Ende doch etwas empfinden könne, das hier entschieden nicht am Platze schien. „Nichts, nichts." Hildegard hatte sich wieder in der Gewalt. „Mir wird jetzt zuweilen so seltsam — so —" „Siehst Du. Bielleicht kannst Du das. Studieren nicht vertragen", triumphierte die junge Frau weise. „Harro hat auch gesagt, da kriegt sie nur noch Tintenflecke an die Finger." „Das hat er gesagt?" unterbrach Hildegard die Cousine, die nun mit Mühe ein Lächeln verkniff bei dem Gedanken, was Harro alles gesagt und was sie beinahe noch alles herausgeplaudert hätte. ' „Das hat er gesagt!" wiederholte Hildegard noch einmal und sah finster auf das Bild, das ihre Hände wieder fest umklammert hielten. „Ihr aber seid glücklich?" „Selbstverständlich." Jutta begann an einer verzuckerten Kastanie zu knabbern. „Wenn wir nur noch mehr Geld hätten und nicht so zu sparen brauchten." Immer noch sah Hildegard auf das Bild. „Ihr spart doch nicht", erklärte fie dann erstaunt. „Na, aber doch eklig", meinte Jutta, ,Mir gehen ja kaum noch aus. Und Sophie — siehst Du — die war eilte brillante Köchin. Harro aber fand die Wirtschaft zu teuer. Na und heute, das wird wieder einen Sturm geben." Etwas kleinmütig blickte die junge Frau drein. „Me viel habt Ihr denn fo im Jahr?" Jutta nannte eilte ungefähre Summe von sechs- bis siebentausend Mark. „Und damit kannst Du nicht fertig werden?" Hilde- gard schlug die Hände zusammen. „O, Kavallerie ist teuer." Jutta fühlte sich jetzt gekränkt und zugleich von ihrer Würde eingenom!men. „Das verstehst Pu nicht. Eine junge Frau, die muß doch anders auftreten als ein Mädchen." Sehr edel und rücksichtsvoll hatte sie damit noch schnell die „alte Jungfer", die ihr schon auf den Lippen geschwebt, korrigiert. Vielleicht hatte es Hildegard trotzdem verstanden. Sie neigte den Kopf, während Jutta, die unliebsame Pause zu kürzen, es zur Veränderung mgl mit den Katzenzungen, versuchte. Meder suchten Hildegards Blicke Harros Bild. Da begann er auf u nd ab zu gehen nebenan. Er hatte gesagt, daß er arbeiten wollte. Vielleicht hatte er nur allein, sein wollen. Hildegard, hörte, es. an feinen. Schritten, die 598 schnell in der gleichen Entfernung von einander fielen, daß er unruhig war — Gott, mein Gott, gingen des Mädechns Gedanken aebrmals, was würde ich hm, wie wollte ich —. Sie brach ab, scheuchte die Gedanken fort, aber die Hände umschlossen von neuem das Bild. Mit einem fast elementaren Schauer der Wonne blieben ihre Augen haften auf Harros Gestalt, voll stolzer Männlichkeit und Kraft, der prächtigen, sicheren Schönheit seiner Züge und ihrem Ausdruck von lebensfrohem und lebenssicherem Genuß. Ein Schatten trat in Hildegards Gesicht. Harro liebte seine junge Frau, die — das das mußte ihr der Neid lassen, und auch Hildegard ließ es ihr unter hausend Qualen eben wieder — schön und entzückend war, wie er selbst, Und sie war auch harmlos, gut wie er >— gestand sich das Mädchen mit edler Offenheit ein, nur daß sie ein verwöhntes Kind war, dem noch nie jemand im Leben ein ernstes Wort gesagt hatte, auch er nicht. Und damit legte sich nun doch ein etwas verächtlicher Zug um Hildegards Mund. Sie wollte das Bild zurückstellen und blickte nach der jungen Frau, die sich just für die verzuckerten Kirschen als das beste entschied und Cousine Garda bat, doch endlich zuzulangen. Wieder hörte Hildegard seinen Schritt, immer schneller, heftiger,, wie sie meinte. Aergerlich, grollend wallte es in ihr auf, unwillkürlich legte sie ihre Hand wieder um das Bild. Und es schien, diese stolze, diese lebensfrohe, lebens- fichere, sorglose, übermütige Schönheit des jungen Mannes hier wirkte mit dem Entzücken zugleich auch versöhnlich auf ihre Seele ein. Es schien ihr in diesem Moment leicht, ihr Studium, den letzten Trost, den letzten Halt ihres Lebens zu lassen, alles zu tun, um der kleinen Frau die Wege zu weisen, auf daß er immer so strahlend, so sicher dreiuschauen könne, wie hier auf dem Bilde in ihrer Hand, wie einst, da er feine junge Frau so strahlend die Treppe hinunter, dem Glücke entgegengetragen hatte. Da öffnete sich die Tür des nächsten Zimmers, Harro trat über die Schwelle. „Sei so gut und laß den Kaffee servieren", wandte er sich an Jutta. „Wir haben Inspektion. Ich muß in die Kaserne. Und Jutta klingelte sofort, sehr liebenswürdig bereit. Niemand kam. Die junge Frau klingelte von neuem, anhaltender. „Das ist ja wieder eine verdammte Wirtschaft!" Auch Harro versuchte sich jetzt an dem kleinen Küopf unter dem Kronleuchter mit dem gleichen Erfolg. „Zum Donner —" Nun stampfte er hinaus. Wenige Sekunden, er kehrte zurück. „Jutta!" rief er noch in der Tür, „komm doch 'mal 'raus, kein Mensch ist da." Jutta hatte gerade die Kassette und die Attrappe für „Handschutze" an Ort _ und Stelle gesetzt. Sie folgte dem Rufe ihres Gatten, wie ein Kind, gespannt, was kommen soll. Und da fand sich denn in der Tat eine nette Bescherung draußen. Der Bursche war fort. Fräulein Julie, der er in häuslichen Angelegenheiten unterstand, hatte ihn einen Weg geschickt. Daß das nur in deren Interesse geschah, war dem braven, aber sonst etwas dämlichen Polacken unbekannt. Fräulein Julie selbst aber hatte sich in ihr Zimmer zurückgezogen und erklärte, die ganze Wirtschaft ginge sie nichts mehr an, der Herr habe ihr sdch $,u packen befohlen. Vergeblich, daß der Leutnant das Mädchen andonnerte, Kvffee zu .machen, sofort! Er konnte sie nicht irr Arrest schicken, wie seinen Burschen, und sie blieb unerschütterlich auf ihrem Kasten, den sie bereits gepackt hatte, sitzen. Vergeblich, daß ihr Jutta vorhielt, wie unrecht es von ihr fei, und was sie denn anfangen sollte. Tas Fräulein sagte ruhig, man habe ihr auch unrecht getan, die Gnädige könnte ja nun die feinen Finger rühren — freilich, die Krallen würden draufgehen. Das schadete aber nicht. Es wäre der einzige Unterschied zwischen oben und unten, sonst wären sie doch alle, Menschen und egal. Jgarro nannte auch diese Köchin eine ganz unverschämte Person. In der Tat, Fräulein Julie war auch noch nie so wütend gewesen, wie sie selber einer Kollegin später erzählte, so aus Rand und Baud. Jutta gitterte wie Espenlaub. Hildegard sagte nichts, sie suchte nach einer Schürze, die nicht zu finden war, steckte zuletzt ihren Kleiderrock auf, begann etwas Ordnung in die Küche zu bringen, wo, noch alles, Bratentöpfe, Saucieren, Salat- nnd Obstschüsseln, Teller und Gläser kunterbunt, unauf- gewaschen durcheinander standen. „Werben wir denn überhaupt heute Kaffee kriegen?" fragte Harro, zuletzt nur noch ein Mann, der jede Abweichung der häuslichen Ordnung als eine Verletzung feiner einmal verbrieften Rechte empfindet, oder rügt, vielleicht, weil er, einmal wie das anderemal, nach außen von seinem Berufe ganz in Anspruch genommen wird. „Kannst Du wohl Kaffee kochen, Jutta?" klang es sogar jetzt ein wenig scharf. Jutta schlug ratlos die Hände zusammen. Das Feuer im Herd war ausgegangen, der Spiritusbrenner nicht zu finden. Als man Fräulein Julie danach fragte, wußte sie von nichts. Der Petroleumkocher war schmutzig; Fräulein Julie lächelte Hohn. Hildegard fprang ein. Wenige Minuten, die Flammen des Kochers brannten, das Wasser im Kessel darüber begann zu siedeu. Ein wenig später, und Hildegard brachte einen ganz anständigen Kaffee auf den Tisch. „Famos, der schönste Kaffee, den ich je getrunken", erklärte Harro, auf dem besten Wege, wieder guter Laune zu werden. „Das machen Hunger und Durst", neckend wandte er sich au seine junge Frau. „Unart", schalt sie schon wieder neckend wie er, „Hildegard hat den Kaffe gekocht." „Ach so —" Harros Ton klang etwas enttäuscht. Vielleicht hätte er uicht ungern gesehen, wenn seine junge Frau endlich einmal ein wirtschaftliches Talent entfaltet hätte. ,,Nc» denn Hildegard, alle Achtung! Ich bitte um eine Tasse mehr." Und Hildegard, eilig und erregt, immer darauf bedacht, andern fo schnell als möglich zu helfen, hatte auch jetzt sich selbst, was ihr dabei nebensächlich erschien, über dieser Hauptsache vergessen. Sie hatte sich ganz schnell nur die Hände gereinigt. An dem sonst hübschen, schlanken, weißen Arm, gerade unter dem Gelenk, war ein schwarzer Streifen geblieben, eine Erinnerung an den Schmutz des Petroleumkochern. Er ward sichtbar, da sie von Harros freundlichem Wort berührt, die Hand etwas höher hob, um ihm die Tasse zu füllen. Dergleichen aber war, wie bekannt, Harro einmal greulich. „Na nu, kriegt sie auch noch Ruß zu der Tinte!" Er lachte, hatte es doch nicht bös gemeint. Auch Jutta lachte: „Wir haben alle „Blessuren" davongetragen." Damit wies sie dem Gatten die zierlichen Finger, die sie, während Hildegard das Geschirr zusammengestellt und mit dem Kaffee in das Eßzimmer getragen, noch schnell mit einer wohlriechenden Essenz übergossen hatte. Und siehe, einer der fein polierten Nägel war ein wenig eingerissen, wahrscheinlich beim Kramen nach der Spiritusflasche. Denn darauf hatte sich eigentlich die ganze Tätigkeit der atemlos hin- und yerlaufenden kleinen Frau beschränkt. (Fortsetzung folgt.) Ein Ereignis.*) Bon Anton Tschechoff. (Nachdruck verboten.) Es ist Morgen. Durch die Eisblumen auf den Fensterscheiben fällt das helle Sonnenlicht in die Kinderstube. Wanja, ein etwa sechsjähriger Junge, kurz geschoren, mit einer Nase wie ein Knops und seine Schwester Nina, ein vierjähriges, pausbäckiges, für sein Alter etwas kleines Mädchen, erwachen und schauen sich durch die Gitter ihrer Veilchen böse an. „Ja, schämt Ihr Euch denn nicht?" brummt die Wärterin, „alle braven Leute haben schon Tee getrunken, und Ihr könnt immer noch nicht die Augen auftriegen ..." Die Sonnenstrahlen tanzen heiter auf dem Teppich, den Wänden und dem Kleide der Wärterin, als lüden sie ein, mit ihnen zu spielen. Aber die Kinder bemerken es nicht; sie sind heute übler Laune beim Erwachen. Nina wirft die Lippen auf, macht ein saures Gesicht und fängt an zu greinen: „Tee—e—e! Marie! Te—e!" Wanja zieht die Stirne kraus und grübelt, ob er nicht auch einen Grund zum Heulen finden könnte; er blinzelt schon mit den Augen und öffnet den Mund, in, diesem Augenblick schallt ans dem Salon die Stimme der Mutter: „Daß nicht vergessen wird, der Katze Milch zu geben! Sie hat jetzt Junge. . ." Wanja und Nina machen lange Gesichter und sehen einander sassungslos an, dann schreien sie beide zugleich auf, springen aus den Betten und laufen mit lautem Geschrei barfuß und im bloßen Hemde in die Küche. — „Die Katze hat Kinder!" rufen sie. „Die Katze hat Kinder!" *) Wir verweisen aus den Aufsatz in den Familienbl. vom letzten Mittwoch „Wie soll man ein Kind gewöhnen, die Tiere zu lieben", der von der vorliegenden Erzählung Tschechoffs lehrreich illustriert wird. D. Red. 599 In der Küche steht unter der Bank die kleine Kiste, in der Stephan sonst die Kohlen für den Kamin aus dem Keller heraufträgt. Aus der Kiste guckt die Katze hervor. Ihr graues Frätzchen drückt die äußerste Ermüdung aus. Die grünen Augen mit den schmalen, schwarzen Pupillen blicken resigniert und sentimental. Man sieht es ihr an, daß zur Vollständigkeit ihres Glückes bloß „Er" fehlt, der Water ihrer Kinder, dem sie so rückhaltlos ergeben ist! Sie versucht zu miauen, öffnet das Maul weit, aber aus der Kehle kommt nur ein heiserer Ton . . . Man hört das Quieken der Jungen. Die Kinder hocken sich vor die Kiste und beobachten die Katze, ohne sich rühren, mit angehaltenem Atem. Sie sind erstaunt und überwältigt und hören nicht, wie die Wärterin, die ihnen nachgelaufen ist, brummt. In beider Augen glänzt die höchste, aufrichtigste Freude. In der Erziehung und im Leben der Kinder spielen die Haustiere eine kaum bemerkbare, aber sicher sehr wohltätige Rolle. Wer von uns erinnert sich nicht der starken, aber edelmütigen Riesenhunde, der parasitenartigen Schoß- hüudchen, der in der Gefangenschaft gestorbenen Vögel, der stumpfsinnigen, aber hochfahrenden Truthähne, der sanften, alten Katzen, die es uns verzeihen, wenn wir ihnen zum Spaß auf den Schwanz traten und ihnen qualvolle Leiden verursachten? Mir scheint sogar, daß die Geduld, die Treue, die Allvergebung und Aufrichtigkeit, die unseren Haustieren eigen sind, auf den Verstand des Kindes viel stärker und positiver einwirken als die langen Moralpredigten des dürren und bleichen Hauslehrers oder die nebeligen Phrasen der Gouvernante, die sich müht, den Kindern zu beweisen, daß das Wasser aus Sauerstoff und Wasserstoff besteht. „O, wie klein sie sind", sagt Nina, macht große Augen und lacht hell auf. „Sie sehen ja wie die Mäuschen aus!" „Eins, zwei drei. . ." zählt Wanja. „Drei Kätzchen! Also für mich eins, für Dich eins und noch für jemand eins." „Mrrr. . . Mrrr . . ." macht die Wöchnerin, geschmeichelt durch die Beachtung, die sie findet. „Mrrr . . ." Als die Kinder sich die Kätzchen lange genug angesehen haben, holen sie sie aus der Kiste hervor und drückten sie in den Händen herum. Dann legen sie sie in den Schoß ihrer Hemden und laufen so in die Zimmer. Die Mutter sitzt im Salon mit einem fremden Herrn. Als sie die Kinder erblickt, ungewaschen, unangezogen, mit aufgehobenen Hemden, wird sie verlegen und macht strenge Augen. „Wollt Ihr wohl", ruft sie, „schämt Ihr Euch nicht! Macht, daß Ihr wegkommt, sonst gibt's Schläge." Mer die Kinder achten weder auf die Drohungen der Mutter, noch auf die Gegenwart des fremden Herrn. Sie legen die Katzen auf beit Teppich und beginnen ein ohrenzerreißendes Geschrei. Um sie herum streicht die Wöchnerin, kläglich weinend. Während hernach die Kinder in ihre Stube gebracht und angekleidet werden, während des Morgengebets und während sie ihren Tee trinken, sind sie die ganze Zeit über vom feurigen Wunsche beseelt, endlich einmal diese prosaischen Verpflichtungen avzutun und wieder in die Küche zu lausen. Die gewöhnlichen Beschäftigungen und Spiele werden vergessen. Die Kätzchen verdunkeln durch ihr Erscheinen auf der Welt alles und treten auf wie eine lebendige Tagesneuigkeit und ein Ereignis. Wenn man Wanja oder Nina für jedes Kätzchen einen Zentner Bonbons oder tausend GroschensÜicke geboten hätte, so hätten sie diesen Tausch "ohne jedes Schwanken abgelehnt/ Bis zum Mittag sitzen sie, ungeachtet der energischen Proteste von Köchin und Wärterin, in der Küche vor der Kiste und machen sich mit den kleinen Kätzchen zu tun. Ihre Gesichter sind ernst, wichtig und sorgenvoll. Sie beunruhigt nicht nur die Gegenwart, sondern auch die Zukunft der Kätzchen. Schließlich entscheiden sie, ein Junges soll zu Hause bei der alten! Katze bleiben, um seine Mutter zu trösten, das zweite soll mit hinaus in die Sommerftische kommen und das dritte solle im Keller wohnen, wo es so viele Ratten gäbe. „Wer warum sehen sie nicht?" wundert sich Nina, „ihre Augen sind ja blind, wie bei den Bettlern." Auch Wanja beunruhigt dieser Umstand. Er unternimmt es, einem Kätzchen die Augen zu öffnen', schnauft und pustet lange, aber seine Operation bleibt erfolglos. Nicht wenig beunruhigend ist auch, daß die Kätzchen sich hartnäckig weigern, das angebotene Fleisch und die Milch zu nehmen. Alles, was man vor ihr Schnäuzchen hinlegt, wird von der grauen Mama aufgefressen. „Hör' doch, wir wollen den Kätzchen Häuser bauen", schlägt Wanja vor, „sie müssen jedes ein eigenes Haus haben, und die Katze muß zu ihnen zu Besuch kommen." In den Ecken der Küche werden alte Hutkartons aufgestellt und die Kätzchen dort einquartiert. Aber diese Auflösung der Familie erweist sich als verfrüht: Die Katze geht, immer mit demselben sentimentalen und wehmütigen Gesichtsausdruck, von einer Schachtel -jur andern und trägt ihre Kinder wieder an die alte Stelle zurück. „Die Katze ist ihre Mutter", bemerkt Wanja, „aber wer ist ihr Vater?" „Ja, wer ist ihr Kater?" wiederholt Nina. „Ohne einen Vater können sie nicht bleiben." Wanja und Nina beraten lange, wer der N-' 1 - Kätzchen sein soll, und schließlich fällt ihre Wal, großes, dnnkelrotes Pferd mit ausgerissenem Schweis, das in der Kammer unter der Treppe samt anderen Spielzeugüberresten sein Dasein fristet. Es wird aus der Kammer gezogen und neben der Kiste aufgestellt. „Hörst Du!" wird ihm befohlen, „hier bleibst Du ste" und paßt auf, daß sie artig sind." Alles geschieht in der ernstesten Weise und mit dem Ausdruck der größten Besorgnis. Außer der Kiste mit den Katzenjungen wollen Wanja und Nina keine andere Welt mehr kennen. Ihre Freude weiß keine Grenzen. Aber auch schwere, qualvolle Augenblicke müssen durchlebt werden. Kurz vor dem Mittag sitzt Wanja im Kabinett des Vaters und sieht aufmerksam auf den Tisch. Neben der Lampe, auf dem Stempelpapier, krabbelt ein Kätzchen. Wanja beobachtet seine Bewegungen und stößt cs bald mit der Bleifeder bald mit einem Zündhölzchen. Plötzlich, wie aus dem Bode gewachsen, steht neben dem Tisch der Vater. „Was ist denn das?" hört Wanja seine erzürnt« Stimme. „Das. . . das ist ein Kätzchen, Papa." „Ich werde Dir ein Kätzchen zeigen! Siehst Du, was Du unartiger Junge gemacht hast! Du hast ja all mein Papier verdorben!" Zum großen Erstaunen Wanjas teilt Papa durchaus nicht seine Sympathien für die Küchen. Anstatt sich zu freiten und in Entzücken zu geraten, zieht er Wanja an Ohr und ruft: „Stephan! schaff' dieses Ungeziefer weg." Auch beim Essen gibt es einen Skandal. Während des zweiten Ganges vernehmen die Speisenden plötzlich ein Gequieke und nach näherer Untersuchung findet ntan unter Ninas Schürze ein junges Kätzchen. „Nina, weg vom Tisch!" ruft ärgerlich der Vater. „Den Augenblick werden die Katzen ins Wasser geworfen. Daß ich dieses Ungeziefer nicht mehr im Hause sehe!" Wanja und Nina sind starr vor Schreck. Ganz abgesehen von seiner Schrecklichkeit droht der Tod im Wasser die Katze und das hölzerne Pferd ihrer Kinder zu be- rauben und alle Pläne für die Zukunft, wo die eine Katze ihre alte Mutter trösten, die andere in der Sommerfrische leben und die dritte im Keller Ratten fangen soll. Die Kinder beginnen zu weinen und um Gnade für die Katzen zu flehen. Der Vater willigt ein, aber nur unter der Bedingung, daß die Kinder nicht mehr in die Küche gehen und keine Katze mehr anriihren. Nach dem Essen treiben sich Wanja und Nina in ■ . Zimmern herum und vergehen vor Sehnsucht. Das Verbot, in die Küche zu gehen, bringt sie schier zur Verzweiflung. Sie wollen nicht einmal Süßigkeiten haben und sind eigensinnig und unartig gegen die Mutter. Als am Abend Onkel Peter kommt, ziehen sie ihn beiseite und beklagen sich bitter über ihren Vater, der dis Katzen ins Wasser werfen wollte. „Onkel Peter", bittest sie, /,sage Mama, sie soll die Kätzchen in die Stube bringen. Sag's ihr." „Schon, schön", wehrt sich Onkel Peter, „schon gut!" Onkel Peter komtnt gewöhnlich nicht allein. Mit ihm erscheint Nero, eine große dänische Dogge mit hängenden Ohren und einem Schwanz, so hart wie ein Stock. Dieser Hund ist schweigsam, finster und voller Selbstbewußtseist und Würde. Den Kindern schenkt er nicht die geringste Beachtung, und wenn er an ihnen vorbeigeht, schlägt er mit dem Schwänze auf sie los, als wären sie Stühle. Die 600 Kinder hassen ihn von ganzer Seele, aber dieses Mal bezwingen sie ihren Widerwillen und lassen sich von gewissen Erwägungen bestimmen. „Weißt Du was, Nina?" sagt Wanja und reißt die Augen weit iciiitf, „wolMr wir doch lieber statt des Pferdes den Nero Water sein lassen! Das Pferd ist doch tot, und der ist ganz lebendig!" Den ganzen Abend erwarten sie die Zeit, wo Papa sich an d.'n Kartentisch setzen wird und man Nero unbemerkt in die Küche bringen kann. . . Jetzt endlich setzt sich Papa zum Spiel, Mama macht sich an der Teemaschine zu schaffen nnd gibt nicht acht aus die Kinder. . . Der Augenblick ist günstig. . . „Wollen nur gehen!" flüstert Wanja der Schwester zu. Aber in diesem Moment kommt Stephan herein und meldet lachend: „Gnädige Frau, der Nero hat die kleinen Katzen aufgefressen !" Nina imb Wanja erbleichen und sehen Stephan erschrocken an. „Jawohl", lacht der Diener, „er ging an die Kiste nnd fraß sie auf." Die Kinder glauben, daß jetzt alle Leute, soviel ihrer im Hause sind, in Aufregung geraten und sich aus deu Bösewicht Nero stürzen werden. Aber die Leute sitzen ganz ruhig auf ihren Plätzen und wundern sich bloß über den Appetit des großen Hundes. Pasta und Mama lachen . . . Nero geht imt den Tisch, wedelt mit dem Schwänze und leckt sich selbstgefällig das Maul. . . Unruhig ist nur die Katze. Mit gestrecktem Schwänze geht sie in dem Zimmer unrher, schaut mißtrauisch die Menschen an und miaut wehmütig. „Kinder, es ist schon neun! Schlafenszeit!" ruft die Mama. Wanja und Nina legen sich zu Bett, weinen und denken noch lange an die tiefgekränkte Katze und an den grausamen, frechen und unbestraften Nero . . . Oesuwdheitspfl'ege. * Der Schnupfen ist das Merkmal der jetzigen Zeit des tleberganges von der warmen zur kalten Jahreszeit. Sowie ein Tag Regen oder kühlen Wind bringt, hört und sieht man Menschen mit Schnupfen behaftet. Tie Ursache liegt in der Stubenhockerei, dem Mangel an körperlicher Arbeit. Abhärtung und körperliche Arbeit schützen vor vielen Erkrankungen. Richtige Abhärtung bedeutet nicht, wie viele irrtümlich glauben, schlechthin Strape- zierung des Körpers durch kalte Wasscrabrcibungcn und dünne Bekleidung; solche Abhärtungsmaßnahmen eignen sich durchaus nicht für jeden. Richtige ^Abhärtung besteht vielmehr in dauernder, elastischer Funktionsfähigkeit der Ausscheidungsorgane des Körpers, also der Haut, der Atmungsorgane, des Darmes und der -Nieren. Diese werden hauptsächlich intakt erhalten durch sorgfältige Hautpflege zur Offenhaltung der Hautporen. Regelmäßige warme Bäder mit kühler Brause sind hierzu Vorbedingung. Tann muß man aber wenigstens für einige körperliche Arbeit sorgen, wenn der Beruf solche nicht bietet. Ta wird nun die Zimmcrgymnastik empfohlen. Gewiß, sie ist nicht übel; allein wir meinen, daß Holzhacken oder Gartenarbeit wie Umgraben, das Herauftragen von Kohlen, ganz nach Neigung, viel besser ist als Zimmergymnastik. Tenn es lenkt den Sinn auf praktische Fertigkeiten, entlastet damit Gehirn und Nerven und erzeugt diejenige gesunde körperliche Ermüdung, die man nicht versucht ist, — wie die geistige Abspannung — durch Nervengifte, sondern durch Schlaf auszugleichen. Auch spart man das Geld für die durchaus nicht^billigen Geräte der Zimmergymnastik. Am meisten aber wird der Schnupfen dadurch hervorgerufen, daß man sich jetzt bei dein geringsten Zug von der frischen Luft absperrt. In Eisenbahnwagen und Zimmern schließt man ängstlich die Fenster. Wer wirklich im Sommer gewagt hat, bei geöffneten Fenstern zu schlafen, macht diese schleunigst bei den kühlen Nächten zu, aus Furcht vor Erkältung. Tie Folgen dieser Luft- nbsperrung zeigen sich sehr schnell in Schnupfen, Kopfschmerzen und anderen Erkältungen, die man gerade vermeiden wollte. Man fache nur einmal die richtige Ursache dieser Erkrankungen und findet sie (man gebrauche nur seine Nase) in der schrecklichen, verbrauchten Lnst geschlossener, ungeheizter Eisenbahnwagen und Ziinmer. Man sollte diese sofort leicht heizen, wenn die Luft- temperatur. darin unter 11 bis 12 Grad C. sinkt, dafür aber ausgiebig, auch des Nachts, lüften. Der Ausgleich zwischen Innen- und Außenluft - ist viel flotter nnd gründlicher in erwärmten Räumen, als in solchen, in denen die Luft zwischen den kalten und dann leicht feuchten Manern stagniert. Besonders jetzt kommt es auch auf sehr gute Turchsonnling und Auslüftung der Betten an. Tiefe dürfen, besonders für Leidende rind Mutarme, ebenso wie das Schlafzimmer nicht feuchtkalt sein. Statt einige Kohlen zu verwenden, suchen manche in der Ueber- gangszeit ihr Zimmer durch ihre eigenen Ausdünstungen zu er» wärmen. Sie bekommen diese Sparsamkeit allerdings sehr rasch durch allerlei Erkältungen quittiert. Literarisches. — Ter Daheim-Kalender (Verlag von Velhagen u. Kiafing, Bielefeld rind Leipzig-, der alte bewährte Hausfreund der deutschen Familie, ist für das Jahr 1905 erschienen. Ter stattliche Band ist brillant illustriert, künstlerisch und gediegen, unter Anwendung aller neuen Errungenschaften des Buchschmucks, u. a. auch der farbigen Reproduktion; gleich das Titelbild, eine Landschaft nach Prof. Strützel, zeigt, was die heutige Reproduktions- kunst zu leisten vermag. Mannigfaltig und gediegen ist der Inhalt. Neben dem Kalenderstoff 'in engerern Sinne, rrcben einer ausführlichen Genealogie und gemeinnützigen Hinweisen sinden wir da eine geschmackvolle Zusammenstellung belletristischer Beiträge, die in ihrer Gesamtheit dem Kalender den Charakter eines almanachartigen Jahrbuchs verleihen. Ter Band enthält nicht weniger als vier Novellen von G. Frhr. v. Ompchda, Th. H. Pantenius, Hermine Villinger, Marie Scotta, dann einen famosen kunstgeschichtlichen Artikel von Tr. Ad. Rosenberg zu Ernst Riet- schels hundertjährigem Geburtstage, einen literarhistorischen „Schiller und seine Lotte" von Prof. Tr. Heinemann, einen geschichtlichen „Bon Boulogne na chAusterlitz" von W. v. Bremen :— alle an Erinnerungstage des Jahres anknüpfend, lieber die „Vögel unseres Gartens" plaudert H. Christiansen, Prof. Tr. Hehck berichtet über die „Entstehung unseres Neujahrs", G. Buß erzählt lustig vom „Reifrock und der Krinoline". Arved Jürgen- sohn bringt überraschend interessantes Material bei über „Stadt und Land im Lichte der Bevölkerungsstatistik". Rätsel, Rebusse, vor allem aber Gedichte (von Marx Möller, Frida Schanz, Fritz Erdener, Richard Zoozmann, Berta Semmig) runden den ilnter- haltungsteil ab. Ter Daheim-Kalender wird sich gewiß auch für 1905 zu seinen vielen alten zahlreiche neue Freunde erwerben. — Albrecht Dürers Kleine Passion. Phototypisch nachgebildet in her Größe der Originale. Mit einführendem Text von Prof. Tr. Br. Meyer. Verlag von E. Haberland in Leipig-R. In Mappe 3 Mk. — Albrecht Dürers Holzschnitt- folgen. Erläuternder Text von Tr. K. Tscheuschner. Ebenda. Brosch. 1.50 Mk. —*• Dürers kleine Passion bedarf wohl kaum einer Empfehlung. Tie Passion Christi im Spiegel des deutschen Gemüts, schlicht, herb, tief empfunden. Wer sich in Dürer hineinfchdut, dem erschließt sich der gewaltige Ernst deutscher persönlicher Frömmigkeit. Wie großzügig wirkt gleich das köstliche Titelbild, der dornengekrönte Christus am Wege sitzend! Von dem lieblich wehmütigen Bilde „Christi Abschied von seiner Muttes werden wir immer tiefer in die Passion eingcführt, bis im Zusammenbruch imteT der Kreuztragung die tiefste Leidensstufe erreicht ist. Es folgen zwar noch Bilder furchtbarer Leiden, aber die Wildheit des Kampfes um den Tnlder her hat ausgetobt, und kraftvoller Triumph ist das Ende. Tas gut ausgestattete Werk ist bestens zn empfehlen. — Wer eine Anleitung zum tieferen Verständnis der einzelnen Bilder wünscht, dem bietet Tscheuschners Werk über die Apokalypse, die große und kleine Passion und das Marienleben liebevolle Handreichung. Ter Verfasser, ohne in krftiklöser Verehrung Dürers aufzugehen und die Schwächen einzelner Schöpfungen zu verschweigen, hat sich in den großen Meister so hineingelebt, daß er als getreuer Ausleger seines Wollens und Könnens ihn uns noch näher bringt, als es das eigne ungelehrte Schauen vermochte. Die Natur. Täglich gönn' ein Stündchen Dir Ein Gespräch mit der Natur! Immer wirst bereichert kehren Tu nach Haus aus Wald und Flur. Wenn Du schwankst in bangen Zweifeln Soll ich dies tun oder das? Eile, die Natur zu fragen! Glaube mir, sie sagt Dir was! A. Ammann. Einsetz-Rätfel. Nachdruck verboten. Durch Hinzufügung eines weiteren Buchstaben zu einem jeden der nachfolgenden Worte sollen zwölf neue Worte gebildet werden, deren neu hinzugesügten Buchstaben uns den Beginn eines neuen Jahresabschnitts nennen. Erde Heck Kelle Last Hort Sand Brut Tag Ronde Buch Bad Eiker. Auflösung in nächster Nummer. Auflösung des Worträtsels in vor. Nr.: Windspiel. Redaktion: August Goetz. — Rotationsdruck und Verlag der Brühl'schen Universitäts-Buch- und Steindruckerei. R. Lanae, Gießen«