(Nachdruck verboten.) Irüßlingsstürme. Roman von Paul Oskar Höcker. (Fortsetzung.) Am späten Abend des folgenden Tages — Zupitza eistete dem Kranken wieder Gesellschaft — kam der De- . leschenbote auf Schlittschuhen den vom Sturm blank geegten Karpaßstrom von Gill zum Werk herab und brachte neue Kunde aus Insterburg. Bei Alex war richtig das Scharlachfieber ausgebrochen, die Professorsleute konnten den kleinen Patienten ihrer anderen Pensionäre halber nicht bei sich behalten, also mußte Fränze ihn ausquartisren und in nächster Nachbarschaft eine möblierte Wohnung nehnien, jedenfalls vorläufig auf unbestimmte Zert zu seiner Pfl«GL dort bleiben. Denn in ein Krankenhaus wollte sie den armen Kleinen, den die Trennung vom Bruder schon schwer genug ankam, nicht bringen. Die Nachricht ries große Bestürzung und allgemeine Kopflosigkeit hervor. Das Werk, das Kontor, die Wirtschaft, die Krankenstube für viele Tage, vielleicht gar für Wochen ohne Frau Fränze — das erschien ihnen allen ganz unfaßbar. Es war das erstemal, daß sie von Sakuthen abwesend war, seitdem das tückische Leiden den Hausherrn an den Rohrstuhl fesselte. Zunächst nahm sich der Doktor den biederen Tirsell vor. Der war in allen Handreichungen aber schon durchaus erprobt, denn seit fast einem Jahr versah er die Nacht über die körperliche Pflege des Kranken fast selbständig. Aus ästhetischen Gründen hatte Dieter seine Frau damit nicht behelligen wollen. Da Tirsclls Lagerstatt in nächster Nähe des Leidenden aufgeschlagen worden war, hatte Fränze ihr besonderes Schlafzimmer im Giebel- Tirsell sollte für die nächste Zeit von aller Hausarbeit befreit sein, so entschied Zuvitza, um sich dem Kranken auch tagüber fortgesetzt widmen zu können. Auch mit Stojentin, mit dem Hilfsschreiber, sogar mit Malchen, der Köchin, besprach er sich eingehend. Und er bot auf, soviel in seinen Kräften stand, um dem Einsamen über die leeren Stunden htnwegzuh elfen. Fränze fehlte dem Kranken aber doch an allen Ecken und Enden- Ihm und allen Hausgenossen. Keinem indessen so schmerzlich^ als dem Doktor selbst i— gerade ihm, der die Tröstung der anderen auf sich genommen hatte. „ . . . Es wäre sicher äußerst edel von mir, liebste Frau Fränze", schrieb er auf ihren Brief, worin sie ihn um offene Auskunft über Dieter und Sakuthen ersucht batte, „wenn id) nun versuchte, auf Ihre Ungeduld möglichst besänftigend einzuwrrken- Ich könnte Ihnen ja auch Mit Fug und Recht versichern: Sakuthen steht noch immer — 1904. R Illi MW Kl Ihre Köchin setzt ihren Stolz darein, allabendlich eilt leckeres Gastmahl zu rüsten, an dem auch die gestrenge Herrin (niit Ausnahme eines etwa allzu üppigen ,Schmand'- Verbrauchs) nichts zu tadeln haben würde- Stojentin schustert am alten Stiefel weiter und ivird von keinerlei Reformationsgelüsten heimgesucht — Tirsell ist der alte, rührende Kerl, er hat dem Kranken zuliebe aus freien Stücken sogar auf seinen Sonntagsausgang verzichtet — es vermißt Sie hier also keine Menschenseele, es geht auch ohne Sie, seien Sie daher vernünftig, langweilen Sie sich, machen Sie sich keine unnützen Gedanken, setzen Sie Fett an die Nerven an! Ja, aber so edel bin ich nicht- Und auf die Gefahr hin, daß Sie meine bodenlose Tücke nun endlich durchschauen, berichte ich Ihnen: es geht uns allen hier ganz gottsjämmerlich! Frau Fränze, hier ist's ja mit einemmale so kalt und so finster geworden! Natürlich macht Dieter von seinem gesetzlichen Recht, Sie am meisten zu vermissen, sich am miserabelsten zu fühlen, ausgiebigen Gebrauch. Er grübelt fortgesetzt. Ich fürchte, er beginnt air meiner Kunst zu zweifeln- Traurige Kunst in diesem Falle! Und den andern ist eben auch die liebe Sonne mit Ihnen entschwunden. Tas melancholische Pfeifkonzert, das sich Tirsell abends in der Küche leistet, wenn er darauf wartet, seinen armen Herrn zur Ruhe zu bringen, geht bedenklich ans Moll, Stojentin läßt den Kopf hängen, Lorenz ditto und ich glaube, sogar den Kesselheizern und Schlepperjungen ist's anzumerken, daß sich auf Sakuthen etwas geändert hat. Oder seh' ich all die Leutchen bloß durch eine besonders graue Brille an? Liegt die Schuld an mir? Möglich! Dann lachen Sie einmal herzhaft auf, liebste Frau Fränze, so warm und innig wie damals, als ich zum erstenmal nach Sakuthen kam — als sich das junge forsche Ding so lustig mit den beiden wilden Rangen auf dem Stätteplatz drüben herumbalgte. „Wissen Sie noch? Erinnern Sie sich noch? Ich war bloß Zaungast für ein paar Sekunden. Aber seitdem hab' ich das liebe Bildchen nicht mehr vergesseu können. „Also, bitte, bitte, so ein gesundes, wohliges, herzhaftes Lachen wie jenes damals, liebste Frau Fränze- Ja? Dann geht das Heimweh vielleicht vorüber!" * „So hätten Sie mir nicht schreiben sollen, lieber Freund", hieß es in ihrem nächsten Brieschen- „Es zuckt und zittert mir in allen Nerven — und Sie steigern meine Ungeduld noch- Heimweh! — Ach, Liebster, das kann eiU Mann gar nicht empfinden, nein, das glaube ich Ihnen nicht. Vielleicht damals, als Sie in den Passaten schwammen, als die weiche Luft Ihnen das Herz bange machte« — 834 — als Sie Ihre Heimat auf der anderen Seite des Globus wußten, da mag die Einsamkeit und Abgeschiedenheit auch Sie, bett Wetterfesten, die Baterlandssehnsucht gelehrt haben. Mer jenes wunde, drückende Gefühl in der Kehle, an dem wir Frauen oft auch daheim leiden, manchmal mitten unter guten Freunden, die uns für ganz lustig halten, vielleicht sogar Tür an Tür mit deni Liebsten, was die Welt für uns hat, — nein, das kennen Sie doch nicht- Bei den Männern ist eine räumliche und zeitliche Trennung die Voraussetzung dafür, — uns Aermsten genügt oft in unseren eigenen vier Pfählen ein kälteres Wort, ein gleichgiltiger Blick, um uns heimwehkrank, sehnsuchtskrank zu machen- „Ja — wonach sehnen wir uns? Gamering sagt: immerzu nach einer neuen Toilette. Sie meinen gewiß: nach Liebe. Es ist aber wirklich nur die zitternde, bange, heiße Sehnsucht nach dem Berstandensein. „Sehen Sie, lieber Freund, und so hab' ich manchmal, wenn wir am Sakuthener Kamin einander gegenüber saßen, oder wenn wir draußen auf der Giller Landstraße mitsammen durch Schnee und Regen stapften, an herzbrechendem, kehleeinschniirendem Heimweh gelitten, ohne daß Sie's ahnten. „Ich sehnte mich, von Ihnen verstanden zu sein. Weil mir schien, Sie seien der einzige, der mich verstehen könnte. Und drum wäre ich so glücklich gewesen, wenn Sie mich im Besten, was in mir ist, bestärkt hätten. Wenn Sie als mein guter Freund über all den menschlichen Torheiten, wegen deren Sie mich als Arzt auslachen mußten, doch auch das Große, Stolze, Heilige mitempfunden hätten, die höhere Pflicht, der ich mein Leben geweiht habe." „Aber Sie waren immer der kluge Mann der Praxis, der den Nützlichkeitsstandpunkt verteidigte, der mir haarscharf nachwies, daß ich mich eigensinnig zu Grunde richtete." „Ich sah Sie flehend an, schließlich weinte ich." „Das war dann immer so ein Heimwehanfall." „Ich kann mir schon ausmalen, was für ein Gesicht Sie machen, wenn Sie diese empfindsamen Zeilen lesen. Sie werden sie sicher recht überspannt finden und werden eine neue Anklage gegen meine strapazierten Nerven daraus schmieden." „Mer das kann mein Heimweh nur steigern." * „Nein, ich klage nicht mehr an, liebste Frau Fränze. Ihr Briefchen hat mich tief gerührt. Sie sind doch ein goldener Mensch, Fränze. Hinter all dem Kernmädelsschalk und der prächtigen Jungensfrische so viel Zartheit —- und eine so hohe sittliche Reife, eine so abgeklärte, über allem Irdischen stehende Lebensauffassung. Ich mag Ihnen darüber heute aber keinen langen Brief schreiben. Ich fände den Ton nicht, um Ihnen zu schildern, wie glücklich — und wie traurig mich Ihr Bekenntnis gemacht hat. Glücklich, weil ich mit gutem Gewissen sagen kann: ja, ich habe Sie verstanden, und wenn ich Sie schalt, hab' ich Sie zugleich auch bewundert. Und traurig — weil ich eben mit beiden Füßen im Irdischen stehe und es darum grausam empfinde, Sie unerreichbar für mich in dieser andern, dieser höheren Region schweben zu sehen. Ich küsse in Gedanken vielmals Ihre liebe Hand." * Wann sie wohl wiederkäme? Wie lang sie denn ums Himmels willen noch dort bleiben müsse? Das fragte man den Doktor täglich, Auch in manch elendem Lehmbau draußen auf dem Moor, in manch armseliger Fischerhütte am Karpaßstrom, am Haff und an der Strehme, wo man die bisherige Helferin voll aufrichtiger Trauer vermißte. Man hing an seinen Lippen. Und er selbst lauschte in ängstlicher Spannung jeder Post, die von ihr auf Sakuthen eintraf. Mehrere Tage lang hatte sie ihm nicht geschrieben. Die Leere quälte ihn. Das Alleinsein mit dem Kranken peinigte ihn von einem Abend zum andern mehr. Gelegentlich einmal stellte sich Herr von Gamering auf dem Werk ein, flüchtig und fahrig wie ein Wirbel- . wind, kaum daß er Platz nahm. „Hören Sie, bestes Lotzchen, ich reise morgen früh nach Insterburg zum Pferdemärkt. Ta werd' ich mal Ihr Frauchen besuchen, wenn Sie's nicht übel nehmen. Geben Sie mir doch die Adresse. Abends spielen die Königsberger. Sie geben den Mikado, da will ich mal sehen, ob ich sie nicht hinkriege, Ihre kleine Strohwittib. Oder wären Sie am Ende eifersüchtig, trautestes Männchen?" Mit dem Rittmeister hatte sich Dieter nie besonders gestanden. Es war ihm wohl nicht entgangen, daß Gamering Fränze gegenüber eine zudringliche Galanterie aufbot, die über das Maß des Erlaubten hinausging. Gleichwohl dankte er dem Nachbar höflich ftir die gute Absicht. „Na, Doktorchen, und soll ich von Ihnen grüßen?" fragte Gamering beim Abschied. Pfiffig schmunzelnd kniff er ein Auge zu. „Sie beneiden mich doch wohl ein bißchen, he?" Zupitza tat ihm nicht den Gefallen, irgendwelche Unruhe zu verraten. Aber die herausfordernde, siegessichere Art des Landjunkers erregte und erbitterte ihn sehr. Nach Gamerings Weggang hatte er dann ein seltsames Gespräch mit dem Kranken. „Glaubt der wackere Rittmeister wirklich, daß Sie eifersüchtig auf ihn sein könnten?" fragte er Dieter scheinbar leichthin. Der hatte die Stirn in seine etwas zitternden §änbe gelegt und brütete in büsterem Schweigen vor sich nieber, unbeweglich in die Glut starrend. Von der Seite sah Zupitza, daß seine Augen aus den Höhlen getreten waren, daß die Adern sich an seinen Schläfen spannten. „Ja, gewiß glaubt er's", erwiderte Lotz nach kurzem Schweigen mit leicht vibrierender Stimme. „O — alle glauben sie's. Sie halten es sogar für ganz selbstverständlich, daß ich Grund zur Eifersucht habe. Lassen Sie, Doktor, machen Sie keine Trostversuche. Gewiß, man wird es nicht gleich auf dem Markt ausschreien. Aber wenn sie's auch nicht aussprechen — sie denken sich's alle. Sie halten unsere Hausehre für vogelfrei, weil .... O, ich weiß es, ich weiß es!" Zupitza atmete kaum. Das Herz war ihm still stehen geblieben. Die furchtbare Qual, die sich ihm in den paar Worten des Kvanken offenbarte, erschütterte ihn. „Tausend Frauen an ihrer Stelle", fuhr Dieter fort, „wären der Versuchung ja auch kaum gewachsen. Die Gesellschaft entschuldigt und erklärt, ja wünscht und erleichtert nichts so sehr als diese eine Schuld. Es gehört ein so großer Mensch wie Fränze dazu, um trotz allem an sich nicht irre zu werden." „Quälen Sie sich doch nicht", sutche er den Kranken zu beschwichtigen, — konnte aber dabei seine eigene Erregung nicht Niederkämpfen. Dieter Lotz hatte die schmalen Hände krampfhaft ineinander gepreßt. „Es soll mich nicht quälen", sagte er bitter und trotzig, „wenn sie's wagen — sie alle da draußen, die Fränze nicht kennen — sie mit dem gleichen Maß von Staub und Zweifel zu messen, mit dem sie sich selbst zu messen pflegen?! Sie wissen ja nicht, sie ahnen ja nicht, daß sie hoch über ihnen steht, hoch — wie eine Königin!" Er atmete tief auf. „Und der unerschütterliche GlaMe an sie, der allein bewahrt mich vor dem Wahnsinn !" Das Letzte hatte er nur flüsternd hervorgestoßen. Seine ernsten, grauen Augen waren weit geöffnet. Sie starrten lange unbewegliche in die offene ßtfut (Fortsetzung folgt.) Pas Mallett. Eine tanzkünstlerische Plauderei von Karl Pauli. (Nachdruck verboten.) Der Tanz muß etwas Kulturfeindliches an sich haben; je weiter die Kultur fortschreitet, desto mehr weicht der Tanz zurück. Und dennoch ist der Tanz eine Kunst, eine sehr. schwere Kunst sogar, die ein Vorstudium und ein so unausgesetztes in der Stellungbleiben verlangt wie keine andere. Natürlich ist hier nicht von dem Tanz die Rede, der in unfern Gesellschaften und Ballsälen getanzt wird — über diese traurige Entartung einer einst religiösen Zwecken dienenden Kunst muß man besser schweigen — sondern von dem Tanz, der, nachdem er aus dem Tempeldienst der Götter verdrängt war, sich eine Zufluchtsstätte im Tempel der Musen suchte — vom Ballett. Der Tanz als Religionsübung ist uralt; wir begegnen ihm bereits im frühesten Altertum, besonders im Orient. Die Bibel nennt unter anderen zwei berühmte Tänze: den um das goldene Kalb, und den Tanz Davids vor der Bundeslade. Diesen religiösen Tänzen, die wahrscheinlich aus Verneigungen vor der Gottheit entstanden und welche in wilde Ekstase übergingen, begegnen wir noch beute im Morgenlande und zwar bei den tanzenden Der- — 885 — wischen wie bei dem Götzendienst der Inder und Birmanen. Auch die Kriegstänze der Wilden müssen dazu gezählt werden. Sie haben mit dem Ballett nichts zu schaffen. Das Ballett als mimischplastische Vorstellung finden wir zuerst bei den alten Römern. Im Mittelalter wurde das Ballett in Italien sehr gepflegt. Dort lernte wohl auch der Kardinal von Richelieu das Ballett kennen, in dessen Komponierung er es später zu einer gewissen Meisterschaft brachte. Wenigstens Rühmen seine Zeitgenossen die von ihm erfundenen Balletts als unübertrefflich, und Ludwig XIII. tat sogar seinem Minister die Ehre an, in einigen dieser Balletts mitzutanzen. Solange trat das Ballett als Vorstellung selbständig auf, kurze Zeit nachher wurde es in die Oper verflochten, aus welchen Banden es erst von Noverra nach mehr als hundert Jahren befreit wurde. In dieser Zeit und in den dreißiger Jahren des 19. Jahrhunderts feierte das Ballett große Triumphe und stand im Vordergrund des öffentlichen Interesses; heute ist das nicht mehr der Fall. Es werden zwar noch selbständige Balletts geschrieben und ausgeführt, meist aber verlegt man ein Ballett in eine andere dramatische Aufführung, eine Oper, Operette oder ein Ausstattungsstück. Die Balletts, die seit einigen Jahren int Zirkus aufgeführt werden, sind mehr Pantomimen als Balletts. Wie schon oben gesagt, der Tanz muß etwas Kulturfeindliches an sich habm — man sehe heute das Theater an. Wo sind die großen Balletts, wie „Sardanapal", „Flick und Flock", „Der Seeräuber" und andere geblieben? Wo sind die Zeiten, da ein Gluck, Chernbini, Beethoven für das Ballett komponierten und Dichter wie Heine sein Tanzpoem „Doktor Faust" schrieb? Vorbei, vorüber —! Vielleicht bringt eine neue Zeit dem Ballett wieder neuen Aufschwung, augenblicklich scheint es jedoch seinen Höhepunkt überschritten zu haben. Allein die Kunst ist wie alle irdischen Dinge dein Geschmack und der Mode unterworfen, auch darf man annehmen, daß ein Kunstgenre, das Jahrtausende überdauert, niemals ganz zu Ende gehen kann, auch spricht der Umstand tröstlich mit, daß in einer Kunst, die so sorgfältiges Studium, eine so völlige Hingabe verlangt, etwas Großes steckt. Und wirklich Großes geht nie unter. Ja, ein Studium erfordert der Tanz, eine Vorbereitung wie keine andere Kunst, ivie kaum ein zweiter Stand auf Erden. Schon von frühester Jugend an, lange vor dem zehnten Jahr müssen die Eleven der Tanzkunst für das Ballett vorbereitet werden. Die Mädchen wenigstens; aber auch die männlichen Mitglieder des Balletts müssen sehr zeitig, spätestens mit 15 bis 17 Jahren anfangen, sich für ihren Beruf vorzubereiten. Deshalb ist das Ballett auch vor allem, wie man zu sagen pflegt, eine Familienkunst, d. h. eine Kunst oder ein Beruf, den fast stets Kinder ergreifen, deren Eltern dem Stande bereits angehören. Zuweilen zwar tritt von außerhalb der Berufsspäre Nachwuchs ein, allein das ist selten, und noch seltener ist es, wenn aus einem, dem Theater gänzlich fernstehenden Kreise ein Novize dem Ballett zugefügt wird. Den bürgerlichen Kreisen fehlt vollständig der Blick, das Talent des Tanzes in einem Kinde zu entdecken. Der Junge, der gut zeichnet, hat Talent zum Malen, wer Figuren kneten kann, in dem steckt ein Bildhauer, wer eine schöne Stimme hat, kann Sänger, wer gut deklamiert, viele meinen auch, wer gut Gesichter schneiden kann, muß Schauspieler werden. Aber Tänzer, Tänzerin? — Da weiß niemand Bescheid. Welches Kind springt und tanzt nicht gern, wer soll da herausfinden, ob das Talent zum Tanz oder Jugendübermut ist. Da bedarf es denn gewöhnlich eines äußern Anstoßes, eines glücklichen Zufalls — oft ist es auch ein unglücklicher, um dem Novizen die Tür zum Ballett, vorerst jedoch die zur Ballettschule zu öffnen. Solche Ballettschulen sind beinahe an jedem größeren Hof- oder Stadttheater eingerichtet, sie stehen unter einem Ballettmeister und einer Balletmeisterin. Die Uebungen sind sehr anstrengend: stundenlang müssen die kleinen noch schulpflichtigen Mädchen probieren, Kniebeugnngen machen, Beine und Zehen strecken. Mancher Rekrut würde bei solch einem Exerzieren vor Erschöpfung und Ueberanstrengung umfallen; die kleinen Dinger, „Ratten" nennt tnan sie im Theaterjargon, halten aus. Freilich sind die Sehnen noch weich, die Muskeln nachgiebig und elastisch. Exercies an der Stange, und außer der Stange. Diese Stange ist eine wirkliche Stange, welche etwa in Brusthöhe längs den Wänden des Uebungs- faales angebracht ist und an welcher sich die Eleven während der Uebungen mit den Händen festhalten. Das Ereignis außer der Stange ist der zweite Grad der Lehrmethode für die, die schon die Anfangsgründe hinter sich haben, doch spielt die Stange im ganzen Leben der Tänzerin eine bedeutende Rolle, und es vergeht kein Tag, ohne daß sie einige Uebungen an dieser macht. Ja, es ist Notwendigkeit, daß die Tänzerinnen des Abends, ehe sie auftreten, an der Stange probieren, bis sie „wie der Kunstausdruck lautet, „warm werden". — Solotänzerinnen tanzen sogar dicht vor ihrem Auftreten in dem Probesaal so lange, bis sie in Schweiß kommen, dann erst sind sie fähig, vor dem Publikum zu erscheinen. Bei einer solchen Ausübung des Berufs kann man sich leicht vorstellen wie die Vorbereitung betrieben werden muß. ließen, üben von morgens bis abends, zusammen mit anderen, allein, in Gruppen, zu zweien, unter den Augen des Lehrers oder auch sich selbst überlassen, immer üben, mit den Armen, den Beinen, dem Kopf, dem Hals, dem Oberkörper, dem Unterkörper — den Füßen, den Füßen ganz besonders. Alle diese Uebungen werden im Kostüm ausgeführt, in Trikots und einem kurzen Röckchen, gewöhnlich aus Leinenstoff. Ein blousenartiges Leibck)en bedeckt den Oberkörper, an den Füßen trägt man Ballettschuhe. Diese Ballettschuhe zeichnen sich von andern Schuhen dadurch aus, dast sie auch nicht die geringste Spur eines Absatzes zeigen und die Sohle da aufhört, wo die Zehen anfangen. Es ist eine Kunst gute Ballettschuhe anzufertigen, eine Kunst, die man in Deutschland noch nicht begriffen hat, weshalb diese Schuhe meist aus Italien bezogen werden. Um, die Zehen, die, wie erwähnt, die Sohle frei läßt, einigermaßen zu schützen, durchziehen die Damen vom Ballett das Trikot unter der Spitze mit Baumwolle. Und der Erfolg aller dieser Anstrengungen? — die Bezahlung? Kunst kann man nur belohnen, nicht bezahlen — aber trotzdem, das Gros der Tänzerinnen ist schlecht bezahlt, 150 bis 200 Mark ist schon eine anständige Gage; wer 250 Mark verdienen will, muß Kon Hervorragendes leisten. Freilich, die Koryphäen der Kunst den Vermögen in die Tasche. Fanny und Therese Elßler, Maria Taglioni, Lola Montez haben Hunderttausende verdient, wie ihre berühmten Kollegen männlichen Geschlechts. Am verhältnismäßig besten werden noch die „Ratten" bezahlt. So ein kleines Mädchen von zwölf bis dreizehn Jahren bekommt für jedes Auftreten 3 bis 5 Mark, also im Monat, wenn es viel beschäftigt ist, über 100 Mark. Das ist für ein Kind ein ganz anständiger Verdienst. Ernst ist das Leben, heiter die Kamst, sagt Schiller in seinem Prolog zum Wallenstein, von letzteren: ist beim Ballett nichts zu merken, ernst und eintönig werden die Uebungen ausgeführt, ernst und eintönig die Proben abgehalten, ein Auseinanderplatzen der Meinungen ist nicht möglich, es gibt keine Meinung, es ist nur der Körper, der in den Dienst der Kunst gestellt ist, nur einer denkt, der Dirigent; alle andern folgen maschinenmäßig seinen Anordnungen. Deshalb fehlt der goldene Humor, der das Bühnenleben so anziehend und versöhnlich gestaltet, beim Ballett ganz. Wohl kommen aiuch da komische Episoden vor, aber selten, sehr selten; und meist wachsen sie nicht auf dem Boden des Uebungssaales, sondern werden von außen hereingetragen. Möge zum Schluß solch ein lustiger Vorfall hier Platz finden. An einem Hoftheater wird ein Ballett einstudiert, in welchem eine Anzahl Krieger einen entflohenen Fürsten suchen, ein sogn. komisches Divertissement. Seine Durchlaucht, der ein großerFreund der Kunst und speziell des Balletts ist, befindet sich auf der Bühne und sagt zu dem Führer der Soldaten, es würde sich doch sehr komisch machen, wenn er, nach dem Entflohenen spähend, in den Souffleurkasten guckte. „Zu Befehl!" sagt der Chorführer und guckt, als die Szene wiederholt wird, gehorsam in den Souffleurkasten. Kaum aber hat der im Parkett sitzende Dirigent diese vermeintliche Eigenmächtigkeit entdeckt, als er empört ausruft: „Was soll denn das heißen? Welcher Ochse hat Ihnen denn gesagt, sie sollen in den Souffleurkasten sehen?" Dem Gesragten bleibt das Wort in der Kehle stecken, aber er braucht gar nicht zu antworten, denn mit den Worten: „Ich, Herr Ballettmeister!" steckt Seine Durchlaucht den Kopf aus einer Kulisse. Aber solche Momente sind selten, meist ist das Leben der Tanzkünstler kein allzu heiteres, und dennoch sieht man sie stets lächeln, immer lächeln. Ich habe sogar gehört, daß die meisten noch int Schlaf lächeln. Aber warum? — Auch dieses Lächeln gehört zu ihrer Kunst, ist eingeübt und angewöhnt. Eine Tänzerin oder ein Tänzer, der mit ernstem oder gar finsterem Gesicht tanzen wollte, wäre etwas Entsetzliches, und so lächeln sie immer, selbst wenn sie's gar nicht nötig haben, um es nicht zu vergessen, wenn es angebracht ist. Von There Elßler wird behauptet, daß sie selbst im Sarge liegend noch gelächelt habe. Jedenfalls ein starker Erfolg enter Kunst, die ihre Priester zu seelenlosen Körpern macht und die ihren Wert einzig und allein in sich tragen muß, wenn sie nur den Leib derer, die ihr dienen uMd nicht auch ihren Geist beansprucht. Und wenn auch heute das Ballett nicht mehr auf der Höhe steht und nicht mehr das Ansehen genießt, wie ehemals, so ist seine Zett noch lange nicht vorüber, und es wird wieder erwachen zu altem Glanz und früherer Pracht. Das lehrt seine uralte Vergangenheit, das lehrt der Ernst, mit dem diese Kunst ausgeubt wtrd. Iagdaöerrteuer in den Dschungeln. Unsere Sportsleute und Jäger können mit Neid auf ihre be- günsftgteren Kollegen blicken, deren Jagdfeld die Dschungeln Indiens sind. Von den Abenteuern, die dort threr warten, erzählt sehr hübsch der Engländer A. Mervyn Smith in feinem wen m London erschienenen Buche „Sport and Adventures tn the Indian jungle". Der Verfasser hat einen großen Teil seines beruflichen Lebens in den Dschungelbezirken Indiens zugebracht. Geschichten von Tigerjagden sind ja schon genügend bekannt; weniger hat man von Jagden auf Brillenfchlangen gehört. Bet einer solchen hatte Smith ein aufregendes Erlebnis. Er erzählt, wie er in Begleitung zweier Eingeborenen an einen Ort kam, an dem sich ein Paar Königsbrillenschlangen aufhalten sollten. Als er dort angekommen war, wurde er unter einem Geflügelkorb gesteckt, dessen Oesfnungen zu stein waren, als daß eine Brillenschlange ihren Kopf hätte hindurchstecken können. Während er sich nun unter dem Korbe befand, kam eine der Schlangen heraus und wurde von den Eingeborenen mit Pfeilen beschossen. „Dann — 386 - Vermischter morgen sein. des Rockes, das zierliche Flattern nm ine Knöchel verstärkten, das durch die Garnierungen des Saumes hervorgebracht wurde Durch den eleganten Fall des Rockes unterschied sich hauptsächlich ein schlecht gemachter Promenadenrock von einem chic und vornehm gefertigten. Gleichwohl haben die seidenen Unterrocke oder vielmehr die seidenen Krausen daran, die zu ähnlichen Zwecken dienen, immerhin noch eine bedeutende Zukunft. Denn die anknöpfbaren Volants geben doch heute dem UiUerrock den eleganten Abschluß und legen wieder die wichtigste Stutze für den Fall des Oberrockes auf den nUterrock. Eine Londoner Firma hat letzt einen solchen Unterrock, der weder an Bequemlichkeit noch an Eleganz übertroffen werden kann, geschaffen. Der Saum desselben ist mittelst festen Bandes steif gemacht, und so ist gewissermaßen wieder die Krinoline eingeführt, die nun dazu beitragen wird, die Mousselinkleidcheu aus unserer Biedermciierzeft und der Frühzeit der Königin Viktoria mit ihren niedlichen und feinen Reizen wieder aufleben zu lassen. Dabei ist es von höchster Wichtigkeit hie Farbe der Kleider geschmackvoll zusammenzustimmen. Besonders notwendig ist es, eine befriedigende Harmonie zwischen der Farbe des Unterrockes und der des Hutes herzustellen. Die diesen Sommer herrschenden Farben sind die, die unsere Großeltern einst entzückten. Die erste Stelle unter den beliebten yarbn wird ein zum zartesten Karmin abgetöntes Magentarot emnehmen. Andere Modefarben sind: die verschiedensten Malven-Nuancen, zartes Gelbbraun, Altgrün in den verschiedensten Tonen, nach alten Stoffen kopiert, ebenso natürlich die verschiedensten blauen Nuancen und dann die schon längst beliebten Pastellfarben. erschien aber auch die andere Schlange und bemühte sich, den Korb umzuwersen. Den Schreck, den ich in diesem Augenblick empfand, kann ich nicht beschreiben! Was würde geschehen, wenn fte den Korb umwarf! Die Kraft von dreizehn Fuß Muskeln muß ungeheuer sein, sie würde mein Ziehens der Schnur bald überwmden, wenn sie in der richtigen Richtung gewendet wurde. Was dann? Der gewisse Tod war mir sicher. Wieder ertönte das Schwirren eines Pfeiles, und ich sah eine klaffende Wunde am Halse des wütenden Tieres, das jetzt aber von dem Korbe abtteß und sich dem neuen Feinde zuwandte. Ich stellte das Knie auf die Schnur, richtete den Lauf meines Gewehres durch eine der viereckigen Oeff- nnngen des Korbes, zielte, feuerte beide Läufe schnell hintereinander ab und sah zu meiner Befriedigung das schreckliche Reptil iin Todeskampf Blatter und Staub aufwerfen." Die Eingeborenen dieser Wildnis haben auch mancherlei Aberglauben von Wesen, die ihnen Schaden zufügen. So erzählte em „bagh-maro", ein „Tiger-Totschläger", daß er von einer Hexe ve^ zaubert wäre, die sich in ein beliebiges Tier verwandeln und nach Belieben jedem schaden konnte. Er glaubte fest, daß diese arme alte Frau sich in einen Panther verwandelte und feine Ziegen an- grisf. Er schnitt deshalb ein Stück von dem Ohr des Tieres ab, und verwundete seine Vordertatze mit einer Streftaxt, was ihn nach seiner Meinung allein retten konnte. Aber von dem »vexen- Panther" wurde noch viel Schaden angerichtet, bis schließlich em Panther getötet wurde, der, wie er schwor, die Hexe war; „denn das alte Weib starb etwa eine Woche darauf." Als der Herzog von Clarence nach Mysore kam, wurde seinetwegen eine große Elefantenjagd angeordnet, bei der der Prinz von einer rasenden Elefantin getötet worden wäre, wenn Nicht Sanderson, der „Elefantenkönig", zugegen gewesen wäre. „Der Prinz beobachtete aufmerksam einen jungen Elefanten, der zu einem Baum gezogen wurde, als plötzlich ein Schrei ertönte, denn die große Elefantin durchbrach den Kreis zahnier Elefanten und stürzte in der Richtung auf den Prinzen vorwärts. Uns stand das Herz * Das Huhn. (Klassenaussatz des kleinen Karl.) Das Huhn gehört zur Zoologie. Mit 4 Zehen reicht es bis auf die Erde Zwischen die Zehe hat es keine Schwimmhaut. Auf dem Kopf steht auch noch was. Das ist ein Fleischkamm. Das Huhn ist em kalmförmliches Haustier. Aber sein Schwanz ist dachförmig. Das Huhn sein Schwanz ist hinten. Borne hat sie eine Nickhaut, damit schläft sie. Es trägt ein verschiedenes Federkleid von Farbe. Der Hahn ist männlich und stolz mank die Hühner. Das Huhn und der Hahn hat an jeder Seite ein kleines Auge, das ist zum Besehen. Der Hahn kräht, das Huhn kann nicht krähen, darum gluckt sie. — Das Huhn legt zwei Eier. Der Hahn legt keine i Charade. Eier. Sie legt uns Eier, Kedern und zuletzt einen sehr nähr- I Ich ging hinaus, die 1 war bunt haften Braten. Dann hört sie auf Eier zu legen. Das Ei will I Geschmückt vom jungen Mai. ein Hahn werden, aber nicht immer. Das Ei besteht aus Eiweiß ! Da kam, ein Sträußchen an der Brust, und Dotter, dann ist es ein Windei. Ein ordentliches Ei ist ein I Ein schmuckes Kind vorbei. Ei mit was rum. Das Huhn frißt Brot, Weizen und rinnt die I 9 (b 3 Wände ab. Wir haben einen Hahn gehabt, die freßte 20 Mai- Zie l-S leuchten, holder » käfer auf einmal. - Nun ist er tot." m Utmir »f ini-2-8 * Krinolinen-Unterröcke. Eine entscheidende Neuer- I M !teLrb mein, ung in der Form der Unterröcke scheint sich, wie wir m emem I in nä-Mer Nummer englischen Modebericht lesen, von Paris aus anzubahnen. Man I Auflösung tn___chst neigte in letzter Zeit dazu, bei den schweren Straßentuchkleidern I yl.,sMs,,na des Tauickwätsels in vor. Nr., überhaupt die Unterröcke durch weite Kniehosen zu ersetzen, weil | n Motto W°wickt — Basedow, diese außerordentlich viel leichter waren und den eleganten Fall ’ Band, Masse, Reis, Welle, seide, Motto, ew ch. LiteeaNrsches. = Illustrierte Geschichte der Deutschen Literatur von Professor Dr. A. Salzer. München, Allgemeine Verlags-Gesellschaft m. b. H. 10. und 11. Lieferung. (Vollständig in 25 Lieferungen ä Mk. 1.—.) Die Vorzüge, die wir an diesem u. uw u.a Y--—-— — v - । Unternehmen schon beim 'Beginn seines Erscheinens gerühmt still; einige schlossen unwillkürlich die Augen, um nicht zu sehen, ^rneym >cy unsere höchste Anerkennung heraus, wie der Herzog Glied für Glied zerrissen oder zu emer unkennt- als ob der Verfasser, je weiter das Werk vorwärts lichen Masse zerstampft wurde. Das wütende Tier stürzte auf ihn "r i i^ Aufgabe immer tiefer erfasse, immer sicherer los, mehrere zahme Elefanten folgten ihm. Der Prinz stand ruhig | gewaltigen Stoff beherrsche und immer leichter die Schwieng- abwartend da, aber als das Tier noch etwa zwölf Schritte entfernt dm sewaing großzügige Behandlung germanischer war, schritt Sanderson, der die ganze Zeit neben dem Prinzen | n:^raturentwicklüng bietet. Man lese die treffliche unb ein- gestanden hatte, vorwärts, hob die Hand und streß ernen Schrei i aebende Würdigung, die er in den heute vorliegenden Lieser- aus. Mir Recht wurde er der Elefantenkönig genannt. Als wenn i . Nibelungenlied, angedeihen läßt. Dabei eres einem Befehl gehorchte, kehrt sich das Tier mit einer scharsen | ,9 ©aber durch bündige Ausdrucksweise und schönen Wendung nach links und lief davon. , , I Besonderen Wert verleihen dieser Literaturgeschichte die Es ist nicht überraschend, das in einem Lande, m dem die I Originaltreuen Reproduktionen alter Schriftdenkmäler, Menschen so an wilde Tiere gewohnt werden, schließlich auch die ^E Nsti: dieses Mal „Ein Bild aus der Wiener Genesis , Lieblingstiere, die fte m ihrer Umgebung hatten, nach unseren 1 @ine