Dreitag den S. KprÄ. Mf W n™ zu tun geben könnte. „Ich kann mir denken, daß die Ueberraschung Sie etwas außer Fassung gebracht hat", bemerkte sie, während wir, von zwei prächtigen Füchsen gezogen, durch! die Straßen tioit Punah rollten — das war ein anderes Gefühl als in dem stoßenden Ochsenwagen! „Legen Sie Ihre Füße nur hier herauf, wenn es Ihnen beguemer ist", fuhr sie fort. „Ich mache es gewöhnlich! auch! so. Mir ist es ganz gleich- giltig, wie es aussieht; es ist ja doch mein Wägen." Ich lehnte indes die Aufforderung ab und sie nahm das Gespräch wieder auf. „Ich lebe ganz allein, habe keine Kinder, und mein Mann ist in den hohen Norden an die Grenze kommandiert worden. Ich zog es vor, hier zu bleiben. Wie könnte ich auch mit jenen Scheusalen dort leben, die Pferdefleisch essen und sich niemals waschen . . . Nein, das ist gänzlich ausgeschlossen. Deshalb bin ich in Punah wohnen geblieben, wo das Leben so heiter und unterhaltend ist, und Tobby kommt herunter, so oft er es möglich machen kann." „Es ist ein weiter Weg von Thibet hierher." „Gewiß, aber daraus macht er sich nichts. Schon immer hat er mir zugeredet, ich solle mir doch eine Gesellschafterin nehmen, ein nettes, junges Mädchen, allein ich! hatte käs jetzt noch keine finden können. Einmal habe ich versucht, mit einer Dame zusammenzuwohnen und die Ausgaben mit ihr zu teilen, allein die Sache ging nicht auf die Tauer und trug mir nur Feindschaft mit einer ganzen Menge Leute ein. Einen Vorteil hat aber das gesellschaftliche Leben in Indien: man ist sozusagen fortwährend auf der Reise und hat deshalb immer wieder Gelegenheit, seine Feinde loszuwerden." < „Kannten Sie Mrs. Berners näher? Waren Sie mit ihr befreundet?" „O nein, durchaus nicht; ich kannte sie nur ganz oberflächlich!. Sie ging vollständig in ihrer Kinderstube auf. und ich! interessiere mich! nicht im geringsten für anderes Leute Kinder. Ich saß einmal in Gesellschaft zufällig nebelt ihr, als sie uns von ihrer neuen Erzieherin, einer Miß' Ferrars, vorschwärmte, die ihre Reise wegen der Pest; habe unterbrechen müssen und sich nun in dem Pestlager als Pflegerin nützlich mache. Sie bewrMderte deren Mut/ und ich stimmte lebhaft zu. Sie sagte ferner, Sie hätten glänzende Empfehlungen,seien aus guter Familie und müßten allem Anschein nach; em vorzügliches, hochgebildetes Mädchen sein. Als ich! dann von Mrs. Berners' Versetzung hörte und man mir sagte, daß seine Frau nun gar nicht wisse/ was sie mit Ihnen anfangen solle, da ging ich zu ihr und bot ihr an, daß ich Sie als meine Gesellschafterin annehmen wolle, und daß ich Ihnen anstatt vierzig Rupien sechzig geben wolle. Daraufhin schrieb sie sofort jenes Briefchen, und so holte ich Sie an der Bahn ab'. Sechzig Rupiest sind nämlich für mich; eine Kleinigkeit, ich habe mehr Geld/ als ich ausgeben kann." „Tas muß ein herrliches Gefühl sein 1" ries ich unwill-i kürlich, „aber wie wenigen wird es zuteil!" „Ja, das ist wohl wahr, aber ich bin auch; entsetzlich verschwenderisch und unordentlich", gestand sie. „Ich; war früher schon einmal verheiratet, an einen Mr. Lobb . . , Lobbs Pomade, Sie wissen doch, ein sehr reicher Mann! Später lernte ich Tobby in Monte Carlo kennen, und wir trösteten uns gegenseitig über unsere Verluste. Ich glaub«! übrigens wirklich- Sie werden eine angenehme Zeit bei mir haben, und Ihr Gesicht sowohl als Ihr Name gefällt mir. Ihr Name zog mich gleich an. Gab es nicht einmal einen Grafen Ferrars, der gehängt wurde? Toch da habe ich wohl wieder was Dummes gesagt. Das begegnet mir? nämlich fortwährend." „In diesem Falle nicht", antwortete ich; beruhigend. „Soviel ich weiß, war er kein Verwandter. Mer welche Arbeit, welche Pflichten haben Sie mir zu übertragend „O, so viel wie nichts. Ein wenig nach; dem Haus' sehen und die Dienstboten zur Arbeit anhalten. Aber auch meiner werden Sie sich ein bißchen annehmen müssen. Ich bin so entsetzlich unpünktlich; uitb vergeßlich So verstecke ich zum Beispiel, ehe ich ausgehe, meine Schlüssel zwischen die Vorhänge, unter einen Teppich oder ins Klavier. Komme ich dann zurück, so kann ich! mich nie mehr erinnern, wo ich sie hingetan habe und muß die Diener rufen, damit sie mir suchen helfen. Tas ist dann so demütigend. Mein Geld- meine Handschuhe, Briefe, Taschentücher, alles lasse ich herumliegen; ich leide darunter, und doch kann ich mich nicht ändern. Ja, Sie werden sch!on Ihre Arbeit mit mir haben", fügte sie lachend hinzu. „Ich übergebe Ihnen die Schlüssel, das ganze Haus, die Tienerschpft ... ach!, ich sage Ihnen, es ist ein ganzer Schwarm nichtsnutziger Kulis." „Ich fürchte, daß ich eine' schlechte Haushälterin fein' werde; denn ich habe noch nie in meinem Leben einem; so großen Hauswesen vorgestanden," 206 Eindruck. Beim Heranfcchren sah ich einen ganzen Troß von Tienerschaft und Boten um die Veranda herumlungern. Einige warteten mit Briefen, andere auf Befehle, und im Hintergrund hielt ein pockennarbiger Schneider ein halbfertiges Kleidungsstück in die Höhe, um die Aufmerksamkeit seiner Herrin anzulocken. Zu Anfang, als ich mir die Ausdehnung meines Wirkungskreises klar machte, schien es mir unmöglich, all den an mich gestellten Anforderungen gerecht zu werden. Tie Unordnung, der Staub, die faule, freche Tienerschaft schreckten mich zurück. Allein scholl nach wenigen Tagen begann ich mich tri meine Umgebung zu finden. Ich stand früh auf, sah nach, ob die Tiener ihre Arbeit taten, und entließ die trägen. Ich . hielt die Schlüssel in meinem Gewahrsam, schloß die Vorräte ein und überwachte das Füttern der Pferde. Auch trug ich Sorge, daß der Gärtner stets frischst Blumen in Bereitschaft hatte, daß die Zimmer abgestaubt und die Pudel gewaschen wurden, und daß Mrs. de Villars nicht mit abgetragenen Handschuhen und zerrissenem Rock ausging. Nach und nach gelang es mir auch!, System und Ordnung in den Haushalt zu bringen, und sogar noch etwas Zeit zum Tennisspielen, Briefschreiben und zu der Oberaufsicht über Mrs. de Villars Kleider zu erübrigen. Ja, selbst für mich konnte ich noch einige freie Minuten erhaschen, wenn Mrs. de Villars ihren vielerlei geselligen! Vergnügungen nachjagte, zu denen ich sie nur ausnahmsweise begleitete. Auch empfing sie nur selten Gäste int eigenen Hause, so häufig sie selbst ausging. Sie scheute die Unbequemlichkeit, wie sie offen erklärte, und zog es vor, sich im Hause anderer zu unterhalten. Im allgemeinen hatte ich meine Herrin übrigens recht gern, und bald gewann ich Die Ueberzeugung, daß sie sich selbst sehr zu ihrem Nachteil geschildert hatte. So nachi- lässig, unordentlich und heftig sie auch war, so hatte sie doch eine offene Hand und ein warmes Herz, und selten nur kam es vor, daß sie die Sonne über ihrem Zorn untergehen ließ, so stark er auch gewesen sein mochte. Zwei unangenehme Eigenschaften hatte sie allerdings, erstens ihre stete Ruhelosigkeit, denn nicht eine Viertelstunde lang konnte sie es am gleichen Platze aushalten, und dann die Unfähigkeit, zu einem Entschlüsse zu gelangen. So konnte sie zum Beispiel eine Einladung annehmen, den Boten aber, noch ehe er das Haus verlassen hatte, zurückrufen und den entgegengesetzten Bescheid geben, um dann, wenn er sich mit der Antwort wirklich! auf dem Wege befand, laut ihren Entschluß zu bereuen. Auch erzählte sie mir, wie es ihr vor meinem Kommen öfters begegnet sei, daß sie Einladungen zu Essen abgeschickt, diese dann aber vollständig vergessen und irgend einen Ausflug gemacht habe, sodaß die Gäste -empört mit hungrigem Magen aus der dunklen Wohnung abziehen mußten. „Sie können sich denken, daß ich mich! infolgedessen keiner allzu großen Beliebtheit erfreue", schloß sie ihr Bekenntnis. „Seit ich aber Sie zur Unterstützung habe, steige ich bereits wieder in der öffentlichen Gunst." Bei all ihren Eigentümlichkeiten kamen wir doch erstaunlich gut mit einander aus. Sie versicherte mir wiederholt, daß sie sich noch nie so wohl in ihrem Hause gefühlt habe, und daß ihr mein ruhiges Wesen gefalle. Jedenfalls war ich eine gute Zuhörerin, denn wenn wir allein zusammensaßen, so sprach sie unaufhörlich und fast ausschließlich von sich selbst. Noch war ich keine Woche in ihrem- Hause, so hatte sie mir schon anvertraut, wann und wie sie die Bekanntschaft ihres ersten Gatten, Md. Lobbs, gemacht ,und wie sie sich mit ihm verlobt habe. Ich wurde mit den Namen und Angelegenheiten ihrer sämtlichen Verwandten aufs genaueste bekannt gemacht, und keine Einzelheit über ihre persönlichen Triumphe, ihre kleinen Kümmernisse,- ihre Toilettensorgen, sowie ihre Freundinnen und! Feindinnen blieb mir erspürt. * Allmählich war die Zeit des großen Tenniswettspiels herangerückt. Auf -dem weiten Rasenplatze drängten sich die Menschen, und ich befand mich ebenfalls dort, wenn auch nur unter den Zuschauern. Auf einer Bank sitzend, beobachtete ich Mts. de Villars, die an diesem Tage nicht mit Glück spielte und, wie mir schien, nicht weit von einem! heftigen Zornes ausbruch war. Ich sah es an ihrem erregten Gesicht und ihren ungeduldigen Bewegungen. „Miß Ferrars!" rief plötzlich eine Stimme. „Tas Nenne ich eine Ueberraschung!" „Tas schadet nichts. Sie brauchen sich nur so zu benehmen wie jetzt, kühl, höflich und würdevoll. Sie haben ein solch achtunggebietendes Wesen. Ich bin fest überzeugt. Sie verlieren niemals Ihre Selbstbeherrschung und werfen Nicht in der Wut mit den Sachen um such, wie ich es tue, wenn man mich reizt." „Tas kann ich wohl allerdings versprechen", antwortete ich lächelnd aus innerster Ueberzeugung. „Tobby behauptet immer, ich hätte kein Stiftern, und da hat er auch recht. -Einen Tag stehe ich zum Beispiel um fünf Uhr auf und renne wütend und scheltend im Hause umher, dann kümmere ich mich wieder Wochen lang um nichts, stehe spät auf und lasse den Dingen ihren Laus. Sie haben danach zu sehen, daß der Gärtner die Blumen in Ordnung hält, der Diener die Zimmer abstaubt, der Koch die Speisen zur rechten Zeit und wohl zubereitet herauf- fchickt. Sie müssen die Vorräte einkaufen lassen und austeilen, und vor allem niemals mich um Rat fragen." „Ich will es versuchen; will mir jedenfalls alle Mühe geben." „Cie sollen gänzliche Vollmacht über alles bekommen. Auch nach! den Ställen müssen Sie sehen, und daß die Pferde ordentlich versorgt werden und ihr regelmäßiges Futter bekommen. Tann werden Sie Briefe für mich zu beantworten haben und mich unterhalten, wenn ich allein zu Hause bin. Hoffentlich spielen Sie SenniS ?" „Ja, aber nur ganz mittelmäßig." „Ich spiele mit wahrer Leidenschaft, stundenlang. Auch! eine Menge Preise habe ich schon bekommen. Reisen und Tennis sind meine beiden Lieblingsbeschäftigungen. Ich werde Sie bitten, recht früh aufzustehen und mit mir zu iben, da ich mich im nächsten Monat bei einem großen Wett- piel beteiligen und dabei meinen Ruf als gute Spielerin behaupten möchte." „Es wird mir Vergnügen machen, aber ich sage im voraus, ich spiele nicht gut." „Nun, ich denke, das ist alles, was ich Ihnen sagen wollte. Richtig: auf die Vögel und Hunde, die Java-Sper- linge, den Papagei, die weißen Pudel und besonders über Tobby, das Wachtelhündchen, müssen Sie ein wachsames Auge haben." Mir sank allmählich der Mui bei dem sich mir eröffnenden Wirkungskreis. Tie Oberaufsicht über einen großen, ungeordneten Haushalt führen, mich dieser aufgeregten Dame annehmen, die Dienste einer Gesellschafterin, Sekretärin, Haushälterin, Kammerjungfer verrichten, die Pferde und Hunde überwachen und dabei stundenlange Tennisübungen mitmachen ... das hieß so viel wie nichts zu tun haben! . Während dieses Gespräches fuhren wir durch die Straßen Punahs, einer reizenden, belebten, schattenreichen Stadt, vorüber an prächtigen öffentlichen Gebäuden, an Bazaren, Läden und hübschen Bungalows, die unter purpurroten und gelben Schlingpflanzen fast ganz versteckt und von den herrlichsten Bäumen überschattet waren. Auch! einer Menge hocheleganter Wagen aller Art begegneten wir, die mit ihren bunt gekleideten Insassen dem ohnehin hübschen Städtebild einen besonderen Reiz verliehen. „Ich will mein möglichstes tun", sagte ich endlich noch einmal, „allein ich fürchte wirklich, mir mangelt die -Erfahrung. Ich bin nicht gewöhnt, zu . . ." „Tas wird sich schon alles machen", unterbrach sie mich; „ich für meine Person zweifle nicht int geringsten daran. Wie neugierig werden manche Leute Sie betrachten! Es gibt so viele, die nichts besseres zu tun wissen, als ihre Nasen in die Angelegenheiten ihrer lieben Nächsten zu kecken. So pflegten mich, ein paar alte T-amen, so oft ! ie mich sahen, nach Tobby zu fragen, und ob er zu Hause ei, bis ich schließlich! zu dem Entschluß kam, meinem Wachtel- , »ündchen bett Namen Tobby zu geben. Wdnn sie mich jetzt ragen: „Wann erwarten Sie Tobby?" so antworte ich: „Er ist zu Hause, allein er liebt nur meine Gesellschaft." Ta ich mit solchen Frauenzimmern natürlich nicht weiter Verkehre, so sind sie auch noch nicht dahintergekommen, daß Tobby mein Hund ist. . . So, nun wären wir angelangt", fügte sie hinzu, als wir plötzlich- in das Eingangstor eines großartigen Anwesens einbogien. * 4 Mrs. be Villars' Bungalow war niedrig, länggestreckt und mit kostbaren Möbeln vollgepfropft. Ti« ganze Be- sttznng machte indes einen vernachlässigten, sogar unsauberen — 207 — Ich sah auf, und wer stand neben mir? Mrs. Blasson fct höchst eigener Person. „Mrs. Blasson I" „Jetzt Mrs. Lane", verbesserte sie in liebenswürdigem Tone. „Ich habe mich kürzlich verheiratet, Sie aber, wie ich höre, nicht." „Nein, ich bin noch immer Miß Ferrars." „Und es war also doch nicht mein Mr. Thorold, den Sie zu heiraten beabsichtigten! Es schien mir doch auch gar zu unwahrscheinlich. Er hat immer so wenig Lust zum Heiraten gezeigt und ist überdies auch so wählerisch. Haben Eie ihn gesehen?" „Za." „Ist er nicht interessant?" fragte sie lebhaft. „Nein, das finde ich nicht." „Tann haben Sie ihn jedenfalls nicht oft gesehen. Sie konnten sich also nicht entschließen, Watty Thorold zu heiraten? Man hat mir die ganze Geschichte erzählt. Sie sind wirklich eine mutige junge Tame! Aber schon auf dem Schiff bewiesen Sie Ihren Mut. Mssen Sie noch, damals bei dem fürchterlichen Sturm, als wir alle glaubten, wir würden in den Grund gebohrt!" Sie zog einen Stuhl heran und ließ sich neben mir nieder. „Taß Watty Thorold sich mit einer anderen getröstet und geheiratet hat, haben Sie wohl gehört?" „Nein, aber es freut mich ungeheuer." „Allerdings eine andere Art Mädchen, als Sie sind. Eine Kutscherstochter, eine dicke, freche Person mit etwas Geld, die sogar die Unverschämtheit hatte, an Tizzie Hassall eine Vermählungsanzeige zu schicken und ihr zu schreiben, daß sie eine alte Liebe von Watty sei. Tizzie war natürlich rasend." „Geschah das erst kürzlich?" „Vor vierzehn Tagen." „Wohnen Sie selbst in Punah?" „Nein, ich befmde mich auf der T-urchreise nach Se- kunderabad. Und Sie?" „Ich wohne hier. " „Ich bin Gesellschafterin bei Mrs. de BillarS, bei jener Tame dort mit dem orangegelben Gürtel, die Tennis spielt." „Was?" Sie hatte sich ungestüm umgedreht und sah Reich nun scharf an. „Gesellschafterin bei der Mllars? Wie in aller Welt kommen Sie dazu?" „Ich, hatte verabredet, zu einer anderen Tame zu gehen; da diese jedoch Punah innerhalb weniger Tage verlassen mußte, so empfahl sie mich an Mrs. de Villars." „Äa, hören Sie mal, da sollte sich die Betreffende aber doch wirklich schämen! Wie kann man jemand in die Klauen der tollen Fanny geben! Unter diesem Namen ist sie nämlich in Indien bekannt. Sie haben gewiß längst bemerkt, daß nur Leute dritten Ranges mit ihr verkehren. Weder ein Tienstbote, noch ein Gatte hält es bei ihr aus. Trei Männer hat sie schon gehabt. Sagen Sie mal, wie lange sind Sie eigentlich schon bei ihr?" „Erst zwei Monate; aber wir kommen recht gut mit einander aus." „Tann sind Sie wirklich ein bewunderungswürdiges Mädchen! Na, Sie werden übrigens schön noch Ihre «< fahrungen mit ihr machen. Sehen Sie nur, wie sie sich jetzt wieder gebärdet und mit den Füßen stampft! Wenn Sie nicht von ihr fortgehen, so werden Sie jedenfalls über kurz oder lang von ihr abgeschüttelt werden . . . und je eher, desto besser!" fügte sie, sich erhebend hinzu. „Ich nannte Sie mutig, weil Sie Watty Thorold aufgegeben haben, aber die Wähl, die Sie jetzt getroffen haben, ist tausendmal schlimmer. Sie sind wirklich waghalsig, Miß Ferrars. Ich wäre an Ihrer Stelle noch lieber die Frau eines armen Pflanzers, als die Gesellschafterin der tollen Fanny geworden. Ta kommt sie übrigens, und zwar, wie mir scheint, wieder einmal schäumend vor Wut. Ich wage nicht, ihr in den Weg zu treten. Leben Sie wohl." Bebend vor Zorn und mit feuersprühenden Augen kam Mrs. de Villars auf mich zugeeilt, und, ehe ich! mich! versah, wurde ich vor ihr her über den großen Platz und in den Wägen hinein getrieben. Tort brach, sobald wir einander gegenüber saßen, der Sturm los. Mit allen «Einzelheiten, atemlos vor Eifer, beschrieb sie mir die Vorgänge des verlorenen Spieles und schalt dabei auf ihre Gegner. Allein wie gewöhnlich ging auch dieser Wutanfall fast ebenso rasch vorüber, wie er gekommen war. Ns wir uns dem Hause näherten, begann sich das Interesse meiner Herrin bereits dem noch am gleichen Abend von der Tennis- gesellschast geplanten großen Balle zuzuwenden, bei dem auch sie erscheinen wollte. Zum mindesten viermal wurde die Wahl ihrer Kleidung geändert. Als sie dann aber endlich in einem feuerroten Meide mit Tiamanten im dunklen Haar und um den Hals vor mir stand, war sie in der Tat eine glänzend schöne Erscheinung. Nachdem sie fortgefahren war, setzte ich mich mit Lobby Nr. 2 auf die Veranda und lauschte den Klängen einer Militärkapelle, die aus einiger Entfernung durch die stille, laue Abendluft herüber tönte. Tank Mrs. Lanes Mitteilungen hatte ich reichlichen Stoff für meine Gedanken. Ich freute mich« aufrichtig, daß Watty verheiratet war und noch dazu mit einer „alten Liebe". Tiefe Heirat nahm mir eine Last von der Seele, denn manchmal hatte mich doch ein Schauder gefaßt, wenn ich an die Beschreibung seiner einsamen Wohnung, an den niederstürzenden Regen und die Versuchung dachte, der er dann ausgesetzt war. Nun aber war ja alles gut, und trotz Mrs. Lanes gegenteiliger Behmchtung, und obgleich Mrs. de Villars' Benehmen in der Gesellschaft viel zu wünschen übrig ließ, mußte ich mir doch sagen, daß ich den besseren Teil erwählt hatte und es mir hier immer noch erträglicher ging, als wenn ich Watty Thorolds Frau geworden wäre. Persönlich konnte ich mich ja auch wirklich nicht über meine Herrin beklagen. Sie bezahlte mir sechzig Rupien im Monat, und ich verdiente mir so meinen Unterhalt und lernte zugleich Indien kennen. Sobald ich eine genügende Summe zusammen gespart hatte, wollte ich nach« England zurückkehren, denn rch sah allmählich ein, daß ein Mädchen ohne Freunde, Verwandte oder sonstige Beziehungen wirklich etwas Ungewöhnliches im fernen Osten ist. Nach einem Jahre würde ich mein Ueberfahrtsgeld und noch eine kleine Summe beisammen haben, dann wollte ich mich als Pianisten oder Musiklehrerin in London niederlassen. Tas war das Luftschloß, das ich baute, das aber leider schon nach Ablauf weniger Stunden in sich zusammenfallen sollte. (Fortsetzung folgt.) Wom russtschen Kailerßofe. Bor kurzem ist ein Buch erschienen, das jetzt, wo aller Augen auf Rußland gerichtet sind, besonders aktuell ist. Es ist von Bresnitz v. Sydacoff verfaßt worden. Für den Jernerstehenden ist es nickt gut möglich, zu beurteilen, ob die in diesem Buche enthaltenen politischen und feuille- tonistischen Betrachtungen über die Vorgänge am russischen Hofe, in der russischen Gesellschaft und im Lande völlig zutreffend sind. Manches klingt für westeuropäische Begriffe recht abenteuerlich, aber es muß doch betont werden, daß gerade in der allerjüngsten Zeit gewisse Ereignisse in der inneren russischen Politik und in der Gesellschaft dem Verfasser Recht geben. Wie dem jedoch auch sein mag, jedenfalls klingt wenigstens dasjenige, was Herr v. Sy- dacosf über das tägliche Leben des Zaren und seiner Gemahlin sagt, durchaus glaubhaft, und wir geben daher einiges aus den dem russischen Hofe gewidmeten Kapiteln wieder. Vom Zaren sagt Sydacoff unter anderem: Sein Leben teilt sich zwischen der Arbeit am Schreibtische und den wenigen freien Stunden im Kreise seiner Familie und läuft, so seltsam es auch klingen mag, einförmig und düster dahin. Ob man nun im herrlichen Winterpalaste, an dem freilich so viele düstere Erinnerungen hängen, oder in dem paradiesischen Livadia residiert, bte Tagesordnung ist die gleiche. Mkolaus II. ist wie alle Monarchen ein Frühaufsteher, aber wie wenige ein Feind der Pracht und des Prunkes und der glänzenden Festlichkeiten, wie er auch für die Freuden der Tafel keine sonderliche Vorliebe hat. Ter Zar verläßt regelmäßig gegen 7 Uhr früh das Bett, worauf er sich mit Hilfe fernes Kammerdieners Ivan, der den Zaren schon in seiner Prinzenzeit bedient hat und der vielleicht der einzige Mensch in seiner Umgebung ist, dem der Zar volles und uneingeschränktes Vertrauen schenkt, ankleidet. Nikolaus begibt sich dann sofort in sein Arbeitszimmer, >vo es Berichte und Aktenstücke eine Menge zu erledigen gibt. Tie Berichte, die der Zar des Morgens auf seinem Schreibtisch« findet, stammen zumeist von seinen geheimer: und vertrauten Ratgebern, die sich mitunter garnicht in Staats- — 208 stellungen befinden, aber die Aufmerksamkeit des Zaren und sein Vertrauen zu erringen vermochten. Tiefe Berichte und ihre Urheber bilden den Schrecken der hohen Staatsfunktionäre, denn man hat es bereits mehrmals erlebt, daß gar hochmögende Herren, die sich bis zum letzten Augenblicke des vollsten Vertrauens des Monarchen zu erfreuen glaubten, über Nacht in die Tiefe ihres Nichts stürzten — lediglich infolge dieser Geheimrapporte, die von Länden, welche den hohen Staatsfunktionären zumeist unbekannt sind, dem Zaren zur Morgenlektüre auf den Tische gelegt werden. Mährend dieser Morgenlektüre nimmt der Zar in seinem Arbeitszimmer das erste Frühstück ein, das sogleich, wie der Zar sein Kabinett betritt, serviert wird. Oft genug geschieht es, daß sich der Zar das Frühstück auf seinen Schreibtisch stellen läßt und es während der Arbeit ein nimmt. Einfache genug ist es freilich, es besteht gewöhnlich aus Tee und Weißbrot, selten läßt der Zar Eier oder kaltes Fleisch dazulegen. Der Zar arbeitet nun ununterbrochen bis 10 Uhr vormittags, um welche Zeit das zweite Frühstück serviert wird. Dieses nimmt der Zar im Kreise seiner Familie ein und auch es ist gar wenig opulent. Nikolaus II. hat auch garnicht Muße, fitfi lange an der Tafel auszuhalten, denn ßegert 11 Uhr erscheinen schon die ersten vortragenden Rate, und der Zar muß sich wieder in sein Arbeitszimmer oder den dnranstoßenden Audienzsaal begeben, um all' die Größen seines Reiches zu empfangen und zu hören. Ms drei Uhr nachmittags ist der Zar auf diese Weise unausgesetzt beschäftigt. Nun geht es vom Audienzsaal oder aus dem Arbeitszimmer direkt in den Speisesaal, wo das Tiner aufgetragen wird, zu dem sich der Zar äußerst selten Gäste ladet; er liebt es, es en famille einzunehmen, und es gehört zu den seltensten, größten Auszeichnungen, zu dieser Familientafel beigezogen zu werden. Des Abends zum Souper sieht der Zar dagegen gern Gäste b^i sich, und wenn das der Fall ist, dann entfalten Wche und Keller all' ihre Kunst, um die Tafel des Herrschers aller Reußen mit den erlesensten Speisen und Getränken zu decken, wogegen sonst an der Tafel des Zaren nahezu eine bürgerliche Sparsamkeit herrscht. Ten geistigen Getränken ist Nikolaus II. im allgemeinen abhold. Mer kommt fast nie auf die kaiserliche Tafel, da der Zar es nicht trinkt, wogegen er den französischen Champagner zu schätzen weiß. Dieser-fehlt nie an der Tafel des Kaisers, doch kommt es selten vor, daß der Zar mehr als zwei bis drei Glas trinkt. Nikolaus II. ist eben die verkörperte Mäßigkeit. Ter Zar sucht gewöhnlich zwischen 10 und 11 Uhr abends sein Lager auf. Tie zwischen diesem Zeitpunkte und dem Souper gelegenen Stunden behält der Zar für sich. Früher brachte er diese am liebsten im Kreise seiner Familie zu, in neuerer Zeit zieht er sich jedoch meistens in sein Arbeitszimmer zurück, wo er sich! dem Studium mystischer Schriften hingibt. Von der Kaiserin erzählt unser Gewährsmann: Tie Zarin, welche eine vorzügliche Mutter ist, bringt die meiste Zeit des Tages in der Umgebung ihrer Kinder zu und wacht selbst darüber, daß sie zur rechten Stunde zu Bett und zu Tisch! gehen. Wenn nicht dringende Reprä- sentattonsverpflichtungen sie zurückhalten, so erscheint die Kaiserin regelmäßig im Kinderzimmer und hört zu, wie das Jüngste das Nachtgebet spricht. Zuweilen erscheint wohl auch> der Zar selbst mit der Kaiserin im Kinderzimmer, und dann vergißt er auf kurze Augenblicke die großen Sorgen und Schmerzen, die an der russischen Zarenkrone hängen, und scherzt und lacht. Interessant ist, daß die Sprache, welche im Hause des Zaren gesprochen wird, nicht die russische, sondern die — französische ist. Tie Kaiserin spricht nämlich nur mangelhaft russisch, und da sowohl der Zar als auch die Zarin die französische Sprache vollkommen beherrschen, so ist es natürlich, daß sie im Verkehr miteinander sich der französischen Sprache bedienen. Aber auch in der Kinderstube muß mit Rücksicht auf die Kaiserin die französische Sprache kultiviert werden und selbstverständlich auch von der Umgebung der Zarin; übrigens befinden sich in dienender Stelle, namentlich im Hofstaate der Kaiserin, viele Deutsche, mit welchen die Kaiserin in ihrer heimatlichen Sprache verkehrt. Nikolaus II. spricht gleichfalls deutsch, wenn auch nicht besonders gut, allein es geschieht nickt selten, daß sich das Zarenpaar in deutscher Sprache unterhält. Tie Kaiserin liest mit Vorliebe deutsche Bücher und Zeitungen und verfolgt die deutsche Literatur mit großer Aicfmeüksamkeit. Für die orientalische Prachtentfaltung, die am russi- schen Hofe seit Jahrhunderten üblich ist, hat die Kaiserin gar kein Verständnis. Sie sucht zwar nicht die Einsamkeit wie ihr Gemahl, aber den großen, steifen Hoffesten ist sie abhold, dagegen liebt sie es, kleine Gesellschaften bei sich zu versammeln, wobei alle Prunk- und Putzsucht strengstens untersagt ist. Tie Zarin erscheint bei diesen kleinen Soireen gewöhnlich in einem dunklen Samtkleids das nur mäßig ausgeschnitten ist und im Ausschnitt ein kostbares Schmuckstück zeigt. Tas Haar, welches stets schlicht frisiert ist, weist bei diesen intimen Unterhaltungsabenden keinerlei Schmuck auf; kein Tiadem, kein juwelenbesetzter Kamm schmückt das Haar, in das die hohe Frau jedoch manchmal eine duftende Rose zu stecken pflegt, die Blume, die sie am meisten liebt. Ihre Hände schmückt kein Armband und sie trägt außer dem breiten Ehering zwei, höchstens drei Ringe. Bei dieser außer- ordentnchen Anspruchslosigkeit der Zarin in Bezug auf Toilette ist es selbstverständliche, daß sie auch bei den Tamen ihres Hofstaates keinen übertriebenen Luxus sehen will und sie fordert selbst von den Tamen, die zu jenen intimen oder kleinen Soireen geladen werden, daß jede Prachtentfaltung vermieden werde. Tas ist für die Tamen der St. Petersburger Gesellschaft eine sehr böse Sache, denn der Sinn der Russin liebt die Pracht, und da die vornehme Petersburger Gesellschaft immens reich und gewöhnt ist, den raffiniertesten Luxus zu entfalten, so geraten die Tamen über dieses Machtgebot der Zarin oft in die hellste Verzweiflung. Tte Zarin mustert mit strengem Blick die Tamen, die ihre Schwelle übertreten, und wehe, wenn eine das Gebot der Einfachheit überschritten hat! Sie kann dann mit Sicherheit darauf rechnen, monatelang keine Einladung mehr zu den intimen Soireen der Zarin zu erhalten und bei den offiziellen Hoffestlichkeiten keines Blickes von der Kaiserin gewürdigt zu werden. Bei den großen offiziellen Hoffestlichkeiten, die gewöhnlich im Mrolaussaal im Winterpalaste abgehalten werden, erscheint die Zarin dagegen in großer, prachtvoller Toilette, alle Tamen ihres Hofstaates und der St. Petersburger hoffähigen Welt weit in den Schatten stellend.^ Literarisches. — Es liegen uns die 5., 6. und 7. Lieferung von Bibliothek des allgem einen und praktischen Wissens in 75 Lieferungen in Verbindung mit hervorragenden Fachleuten herausgegeben von Emanuel Müller- Baden (Preis pro Lieferung 60 Pf. Berlin W. 57, Deutsches Verlagshaus Bong u. Co.) vor. Uebersichtlichkeit, Verständlichkeit, leicht zu erfassende Methode, Zuverlässigkeit des tatsächlichen Materials und gute Ausstattung vereinigen sich hier, um eine sehr ansehnliche Bibliothek des Missens zu schaffen. Tie englische Sprache, die Stenographie, die Grundlagen der Chemie (eine Chromolithographie zeigt ü. a. Liebig in seinem Gießener Laboratorium), französische Sprache, Arithmetik und Geschichte, Kontorwissenschaft und die Grundlagen der Physik finden in diesen Lieferungen Behandlung. Mldertafeln aus dem Gebiete der Zoologie und Physik verleihen dem Ganzen noch einen erhöhten Mert. ; j___ Scherzrätsel. Nachdruck verboten. Es liebts der Zänker nur und Streiter, Wer es gewinnt, der hat's nicht mehr. Wer es verliert, führt gern es weiter Und allen beiden machts Beschwer. (Auflösung in nächster Nummer.) Auflösung des Hononyms in vor. Nr.r Wetter, Wette, Wetter. Redaktion - August Götz. — Rotationsdruck und Verlag der Brühl'schen Universttätk-Buch- und Cteindruckerei. R. Lange, Gießen