Montag den 8. Aröruar o ÄM n ■«Ml Afa MM n* J[B W jifM ni LLS-MLM< rtwii^h (Nachdruck verboten.) Wlla Jakcsnieri. Von RichardVvß. Zweiter Band. (Fortsetzung.) Villa Taverna-Borghese, 3. Mai. Tie Neri scheint am Cypressenteich eine neue Rolle zu studieren, so häufig ist sie in der Villa Falconieri. Sie sprach mit mir kein Wort über die beiden einsamen Menschen; und ich fühle, daß sie mich beobachtet und beargwöhnt. Sie scheint aus der Koketterie, die ich bei meiner Begegnung mit dem Grafen sehr glücklich entwickelte, Gott weiß was für tragische Schlüsse zu ziehen und dadurch ver mir einen vollständigen Mangel an gutem Geschmack vorauszusetzen. Selbst für eine Caprice wäre der Fall da oben ganz und gar — nicht mein Fall! Möglicherweise fürchtet sie für die Ruhe ihres Dichters. Aber diese soll ja wohl Kirchhofsruhe sein? Sie etwas zu stören, den Grafen für seinen hochmütigen Wahn — denn es ist Hochniut, zu glauben, die ganze Welt entbehren zu können — etwas zu züchtigen, würde meiner Eitelkeit vielleicht schmeicheln. Immerhin ist er nicht der erste beste; also nicht einer von jenen Larven, die mich umwimmeln. Es ist in der Tat das erste wahre Menschenqesicht, welches ich bei einem Manne erblickt habe — bei der Frau ist es, außer Deinen reinen, stolzen Zügen, meine geliebte Madame Charme, nur noch mein eigenes Gesicht! , Allein aus diesem Grunde würde es der Mühe lohnen meine Evanatur ein wenig spielen und schillern zu lassen' Aber sei ruhig, liebe, ängstliche Seele! Ich will Großmut u,6e" ,ll*tb mit dieser einen Probe begnügen — da sie ziemlich gelungen ausgefallen zu sein scheint. Daß ich ein einziges Mal so recht nach Herzenslust kokett war, ist mir wahrhaftig nicht zu verdenken bei dieser grenzenlosen gespenstigen Oede in mir. Eine echte Frau muß kokett sein! Das ist für die Frau einfach Naturnotwendigkeit. Nun konnte ich bisher meiner Natur nicht folgen; denn mit wem hätte ich wohl kokettieren sollen? r. Etwa mit dein Prinzen? Mit diesem raffinierten, blasierten- entnervten Liebeskünstler und brutalen Egoisten, der zufällig mein Mann ist? Oder mit dem ganzen übrigen Schwarm von seinesgleichen? . Etwas in meiner Natur ist daher — ich fühle es! — dem Verkümmern und Verkrüppeln nahe; und zwar ist dieses untergehende Etwas schließlich alles. Es ist das stanzeWeib in mir! Um mich weniger tragisch,, nm mich ziemlich frivol auszudrucken: diese Verstümmelung meiner Weibnatur, die ich. mir ohne Unterlaß selbst zufüge, entstellt meine Schönheit. Denn nichit bis in die Fußspitze hinein Wech zu sein, ist nicht weniger häßlich als ein lahmes Bern zu haben, einen schiefen Rücken, oder eine rote Nase, Denke doch eine rote Nase — entsetzlich! Willst Tu, daß Deine allerliebste Viviane ein Ungetüm sein soll? Tu stehst, daß ich für meine Koketterie mit dem armen Grafen immer mehr Gründe finde. Doch wiederhole ich! ' Weshalb? kI)l Ia^e C§ an d^sem einem Mal genug sein. Nicht aus sogenannter Moral! , Ich schwöre Dir zu: wahr und wahrhaftig nicht aus einer abgestandenen, engbrüstigen, altjüngferlichen Tugendhaftigkeit; sondern lediglich aus Laune. Tu weißt, das ist für uns Frauen der Grund aller Gründe. Eine höhere Instanz, bei der wir wider uns selbst Berufung einleaen' konnten, gibt es für uns nicht. Uebrigens hat der Graf von seinem SonderlingsrechtL besten Gebrauch gemacht und in der Billa Taverna keine Visite abgestattet. Wielleich': steckt die große Tragödin dahinter. Dieses Künstlervolk bildet ja untereinander einen Geheimbund — genau so wie die Leute der Gesellschaft, die der Trieb der Selbsterhaltung wie Galeerensklaven zusammenkettet. Auch weiß ich ja, daß die Neri den Dichter der ,Agrippina', dem sie Dank schuldig ist, für ein kleines psychologisches Experiment viel zu gut hält. Aber der arme Graf hat schlechtere Nächte als je; denn sem einsames Licht leuchtet jetzt bis in den Hellen Tag hinein. Allerdings leistet meine nächtliche Flamme der seinen treue Gesellschaft. Gestern Nacht bekam ist plötzlich die fixe Idee: „Jetzt stellt der Graf auf der Gallerte, die um sein Zimmer läuft, und schaut herüber.' Um mich von meiner Einbildung zu heilen, nahm ich mein Glas, begab mich in ein Nebenzimmer, und richtig — dort stand er! Deutlich hob sich seine Gestalt vom Hellen Hintergrund des erleuchteten Fensters ab. Vielleicht war es ein Zufall. * Schrieb ich Dir bereits, daß ich mir Cola Campanas sämtliche Werke kommen ließ, und daß ich seine sämtlichen Werke jetzt lese? Aus reiner Neugierde! Zum erstenmal seit meiner Klosterzeit liegt auf meinem Lesepult kein französischer Roman. Die Gegensätze zwischen dieser und jener Lektüre sind merkwürdig; denn bei Cola Campana scheinen die Frauen eines ganz anderen Zweckes wegen auf Erden zu fein als bei den Franzosen. Meiner Natur nach sollte es mich langweilen; doch eben der Kontraste wegen interessiert es mich. Wir werden ja sehen. Tie große Tragödin will mich bald verlassen, und —i ich halte sie nicht zurück. .Diese Schauspielerinnen sind verwöhnter als eine Kö- nigiu und kapriziöser als la plus grande nwndaine du monde! Ter Prinz benimmt sich nach wie vor wundervoll 82 lächerlich mit seinen krampfhaften Versuchen, von der Tragödin unwiderstehlich gefunden zu werden — obgleich das Weib Assunta Neri ihn absolut nicht reizt. Es ist nur seine Eitelkeit, die sie haben will. Allein um dieser Komödie willen war es hübsch die große Dame bei mir gehabt zu Haven. Heute sprach sie mit mir über den Grafen und die Miadama. Ich ivar anfangs etwas zerstreut, hörte also zuerst schlecht zu. Erinnere ich mich recht, so begann sie das Gespräch folgendermaßen: „Sie ist ein ganzes Weib; aber er ist zu sehr verträumt und in sich selbst verloren, um ein ganzer Mann zu sein. Sie will nichts anderes, als lieben und geliebt werden — also nichts anderes, als Weib sein; er dagegen denkt nur daran, sich selbst zu verleugnen und seinem eigenen leidenschaftlichen Ich zu entfliehen. Sie geht an ihrer vollen Weiblichkeit, die sie nicht betätigen kann, zu Grunde; und er daran, daß sie nicht die Frau — nicht die eine und einzige Frau ist, die für diesen einen und einzigen Mann geschaffen ward. Uebrigens ist von den beiden sie die weitaus wertvollere Existenz." „Weil sie nach der Liebe des Mannes schmachtet und wahrscheinlich verschmachten wird?" Ta ich die schöne Maria nun einmal nicht leiden kann, sprach ich ziemliche wegwerfend von ihr. Die Neri sah mich mit ihren melancholischen Tragödinaugen so groß an, daß ich mich ärgerte, und sagte: „Wollen etwa Sie deswegen die arme Frau verächtlich finden?" Jetzt ward ich böse: „Weshalb betonen Sie so scharf, ob ich die Dame deshalb verächtlich finde?" Jetzt lächelte sie; und jetzt war sie sofort wieder reizend. Aber ihr Lächeln war sehr traurig. „Weil auch Sie eine Schwester der schönen Maria sind. Wir alle, die wir echte Frauen und nichts anderes als echte Frauen sind, müssen Uns Schwestern der armen Maria Nennen." Empört ries ich: „Ich sollte schwächten und schließlich verschmachten! . . . Wonach schwächten? Meine Frauennatur zu erfüllen? Weswegen verschmachten? Weil ich! meine wahre Natur nicht erfüllen — nicht die Sklavin, das Geschöpf, die Geliebte eines Mannes sein kann, des ganz bestimmten einen und einzigen Mannes, für den ich eigens geschaffen ward?" Ich! war wirklich geärgert. Doch die Tragödin blieb gelassen und schwermütig. „Ich wüßte nicht, was ich Ihnen Besseres wünschten könnte." „Als was?" „Als eine große Leidenschaft." Es durchschauerte mich plötzlich ... Ts war jenes eigentümliche zitternde, fröstelnde Schauern, welches uns überfällt, wenn jemand über unser Grab gehen soll. Warum mußte sie aber auch gerade die Phrase von der großen Leidenschaft brauchen?! Ich rief: „Eine große Leidenschaft. . . Wie sollte ich dazu kommen? Was sollte ich damit anfangen? Ich bin gar picht imstande, eine große Leidenschaft zu empfinden, will dazu gar nicht imstande sein! Sie kennen mich eben nicht, Sie überschätzen mich;" Und ich lachte hell auf. „Ich möchte Sie Ihnen gönnen", sagte die seltsame Frau langsam und leise. Ich erwiderte sehr erregt: „Wie können Sie mir etwas gönnen wollen, was nun einmal nicht in meiner Natur liegt? Ich! bin ja viel zu kokett, viel zu äußerlich, zu moiidaine und zu klein, um einer großen Leidenschaft überhaupt fähig zu sein. Es weiß ja kein Mensch, wie klein und erbärmlich ich bin!" Und in einem Anfall von Tollheit — denn etwas anderes kann es nicht gewesen sein — glitt ich auf den Teppich und der Tragödin zu Füßen nieder, umfaßte sie Mit beiden Armen, verkroch mich mit dem Kopf in ihren Schoß und begann herzbrechend zu schluchzen. Stelle Dir vor: ich, Deine kleine, niederträchtige, sata- pische Biviane, begann herzbrechend zu schluchzen. Ich war also einfach verrückt; uno sie benahm sich einfach himmlisch; Wf glaube, sie sagte mir: Ich wäre ein armes, süßes Ding, sie hätte mich sehr lieb und ich täte ihr schrecklich leid. Tenn ich gehörte zu denjenigen Frauen, deren Natur verkümmerte. Und sie sagte mir ferner: „Das Geschwätz von der berühmten Souveränität der Frau ist Unsinn! Eine Frau ist. nur souverän in der Liebe und im Leiden, unumschränkte Herrscherin nur in der Hingabe ihres ganzen Selbst." Und sie sagte mir zum Schluß: Sie halte mich durchaus für fähig, eine große Leidenschaft zu empfinden, ganz darin aufzugehen! Es wäre wie Flammentod der Seele in einem himmlischen Feuer. Sie sprach zu mir, wie zuvor noch niemals ein Mensch gesprochen hatte, wie ich nicht für möglich gehalten, daß jemals jemand zu mir sprechen würde. Sie war sehr, sehr traurig; aber sehr groß — herrlich groß! Tu kannst den Eindruck, den ihre Rede auf mich machte, gar nicht begreifen. Zum erstenmal ging mir eine Ahnung davon auf, daß ich vielleicht doch etwas mehr wäre als eine unv erb es s erliche Mondaine; und daß von den beiden Seelen in mir die eine doch noch einmal groß und gut empfinden könnte. Denn ich will nicht, will nicht, will nicht so erbärmlich in mir selbst verbrennen, will Nicht aufhören zu leben, bevor ich überhaupt gelebt habe. Höre es, göttliche Vorsehung! Und höre es, gemeiner Zufall: Ich will nicht! * Assunta Neri ist abgereist. Sie ist zu Tode erschöpft. Wer sie muß Komodie spielen; denn sie will Geld verdienen. Sie geht mit ihrer Truppe nach Rußland. Wann werde ich sie Wiedersehen? Wie werde ich sie Wiedersehen? Sie scheint wirklich nicht zu wünschen, daß ich dem Grafen wieder begegne. Wer sie denkt dabei weniger an ihn als vielmehr an die Madama, die den Grafen liebt, von ihm nicht wiedergeliebt wird und daran allmählich zu Grunde geht. . . Bildet sie sich etwa im Ernst ein, ich könnte mit der guten Maria rivalisieren wollen? Demnach müßte ja der Graf der eine und einzige Mann sein, der — Welch ein Gedanke! Schließlich ist er eben doch schon ein alter, wenigstens ein alternder Mann . . . Und die Jugend ist etwas so Köstliches, Berauschendes, Seligmachendes! Wer Assunta Neri ist fort! Und durch ihren Verlust empfinde ich plötzlich ihren Wert in vollstem Umfange. Sie ist solche Ganzheit — ich weiß es nicht besser auszudrücken. Alles au ihr ist ungeteilt und ganz. Die Leute nennen sie eine große Künstlerin . . . Ich möchte sie viel einfacher einen großen Menschen heißen. Weißt Tu: es ist doch etwas Geheimnisvolles und Wundervolles um die Wirkung eines solchen Geistes auf andere schwache Geister. Man mag wollen oder nicht, man mag sich sträuben und dagegen sich auslehnen; aber die Wirkung des wahrhaft Großen ist doch so mächtig, daß man selbst daneben weniger klein erscheint. Man muß sich allerdings auf die Fußspitze stellen. Assunta Neri ist fort! An der Leere, die sie zurückläßt, fühle ich, daß sie dagewesen ist; und daß ich — recht Nacht grüße ich jetzt das einsame Nachbarlicht. Fast jede Nacht sehe ich den Grasen auf der Galerie stehen und zu seiner hellen Gefährtin in der Finsternis hinübergrüßen. * Ich! lese Cola Campana, nichts als Cola Campana! Dieser Dichter kennt weder die Welt, noch die Menschen. Am allerwenigsten kennt er uns Frauen. Er hat nur das Verlangen, uns kennen zu lernen. Um diesen Dichter in allem, was er jemals war und dichtete, erschöpfend zu charakterisieren, genügt ein einziges Wort. Tenn im Grunde genommen ist es nur ein einziges Wort, welches Cola Campana in den fünfzehn oder zwanzig Bänden ferner gesammelten Werke geschrieben hat. Tiefes eine einzige Wort lautet: Sehnsucht! Er sehnt sich eben so heiß, zu leben wie zu sterben. Er sehnt sich nach Glück genau so grenzenlos wie nach 83 Trübsal. Und er sehnt sich nach Liebe. Gr sehnt sich, darin nnterzugehen! „ „ c , , Er spricht davon, sie einmal gefunden zu haben. Aber ich behaupte: er fand sie nicht! Und ich behaupte ferner: sollte er sie noch einmal finden, so würde er noch einmal — vielleicht gerade kein glücklicher Mensch werden; darauf kommt es auch nicht an — so könnte er noch einmal etwas schaffen, etwas Großes und Bleibendes. Aber die Liebe ist kein Ding, das der eine verlieren und der andere zufällig aufheben kann. Der gute Graf mag noch einmal volle zwanzig Jahre unter den Steineichen und am Cyprefsenteich umherirren, ohne der großen Göttin zu begegnen. Lache mich aus! Aber mir ist eingefallen, daß eigentlich die Neri bte erweckende und erlösende Gottheit spielen könnte — trotze dem sie keine Verse sprechen kann. Sie würde es immerhin superb machen und beim Fallen des Vorhanges in einer ravissanten Pose dastehen. Es müßte dies um so mehr- ganz ihr Fall sein, da von einer glücklichen Liebe nicht die Rede sein würde, sie also nach Herzenslust unglücklich lieben könnte. Später käme es so: der Gras schreibt für sie ein Stück und fie studiert die Rolle oben am Cypressenteich, in dem sich die schöne Maria den Liebestod gibt. Tas Stück wird mit der Neri aufgeführt, hat einen Sensa- tionserfolg und — Ueber den Schluß Lin ich mir noch nicht klar. Tas- Drama muß sehr modern enden, ohne Sentimentalität, nebelhaft ungewiß a la Ibsen. (Fortsetzung folgt.) Knnstverein. Gießen, 6. Febr. Ten Besucher der Kunstausstellung empsängt zurzeit gleich beim Betreten des Saales ein kleines, sein gemaltes Bild, das die Aufschrift „Luftschloß" trägt: wie durch einen zarten Schleier, von Sonnenstrahlen und Regenbogen gewoben, erblickt man das hoch in den Lüften schwebende Schloß, als dessen Wächter ein schillernder Drache aus dem Tuftgewölk dem Beschauer entgegendräut; tief unten breitet sich an den Ufern eines Flusses eine Erdenstadt, das Luftschloß aber heißt „Veritas". G. von Ho eßlin-München ist der Maler dieses symbolischen Bildes, das für ferne Malweise sehr charakteristisch ist. Er liebt diese weichen, verschleierten Farben, diese elegischen und träumerischen Stimmungen, dieses stille Grübeln über Welt und Menschenlos, und selbst das einfache Landschaftsbild kleidet er gern in solch duftiges Gewand. Das Graugrün des „Olivenhains", das zarte Meeresblau bei dem „Bergnest", auch die dunkleren Massen des „Felsengestades" sprechen ähnlich zu uns wie die träumerische „Penserosa" und das italienische Kloster, das dem beschaulichen Leben als „Re- sugium" bereitet ist. Kräftigere Töne schlägt er in dem „Pandorabild" an, dem größten der diesmal von ihm ausgestellten Bilder, das Pandora in dem verhängnisvollen Moment zeigt, wo sie die Büchse öffnen will, die alle Uebel in sich birgt. Eine hübsche Ergänzung erfährt diese Bilderreihe durch die noch zahlreicheren Werke, die N. Geffcken - München ausgestellt hat. Hier geht es zum Teil recht Böcklinisch zu, besonders in dem idealen Hain „aus der Zeit, da Götter und Göttinnen liebten", mit seinem Marmortempel und festlichem Reigen, dem heroischen Liebespaar und der paradiesischen Gruppe von Tiger, Kind und Kaninchen, oder bei dem „Sirenenlied", dem ein seltsamer Meersteinbock mit' nicht ganz Böcklinisch. glaubhaften Flossen stupid andächtig lauscht, oder bei dem Eremiten, dem ein schöner, bunt aufgeputzter Engel sich gegenübersetzt, um sich an den: sprachlosen Staunen des so Besuchten zu weiden. Auch das große Bild „die Temperamente" gehört in diese Sphäre. Neben der schwermütig dasitzenden, in ernstes Violett gekleideten Melancholie steht in freiem, weißen Gewand und mit bunten Blumen geschmückt die sanguinische Freundin und weist sie auf den Urtypus des Sanguinikers, das fröhliche Kind hin, das auf blumigem Rasen spielt, während der behäbige Phtegmatikus, an die Gartenmauer gelehnt, Mit großer Seelenruhe dem Wutausbruch des rothaarigen cholerischen Kriegsmannes zuhört, der mit geballten Fäusten ihm gegenübersteht. Aber diesen Bildern stehen ganz realistische Arbeiter- und Bauernbiloer, bretonische Wäscherinnen, eine Porträtstudie zur Seite, und wieder auf einem anderen Gebiet zeigt sich der Künstler, mit seinem „Serenissimus" aus den Tagen des Rokoko und der „Schloßherrin" auS der Biedermeierzeit. Viel Freude bereiten die von bet Berliner Kunsthandlung Levit ausgestellten 16 Kreidezeichnungen von W. Thielmann-Kassel, die fast durchweg hessische Volkstypen mit ausgezeichnet scharfer Beobachtung und in meisterhafter Darstellung vor Augen führen; ein vortreffliches Oelbild, zwei Bauern darstellend, beweist, daß der Künstler jene Technik nicht mit einseitiger Liebhaberei übt. Mit einem Dutzend sehr lebendiger und vornehmer Porträts stellt sich M. Fritze-Berlin dem Gießener Publikum vor, das die Bildnisse der einheimischen Künstlerin H. O n ck e n nicht nur vorzüglich getroffen finden, sondern auch als Beweise eines erfreulich gesteigerteil Könnens betrachten wird, die für die Zukunft noch viele schöne Gaben versprechen. Zahlreiche Lithographien, Radierungen und Aquarelle hat K. Baur-Leipzig ausgestellt und nicht nur Interesse, sondern auch Kauflust geweckt. Die Künstlerin zeigt sich am vorteilhaftesten in den beiden ersteren Gattungen, besonders mit dem Rödertor von Rotenburg o. d. T., den Landschaften von Grötzingen und Zschocher, während das Nachtbild von Münzenberg, hauptsächlich, wegen des ungewohnten und nicht recht günstigen Standpunktes, den Kenner der Oertlichkeit weniger befriedigt. G. S ch r ä g l e - Frankfurt erweist sich in drei skizzenhaft behandelten Oelbildern (Mutter und Kind, Atelier, ein Sonnenstrahl) als guter Beobachter und charakteristischer, wenn auch freilich nicht besonders gewinnennder Darsteller, C. Piepho mit seinem Sommerabend und der sehnsüchtig ausblickenden Frauengestalt gemahnt sowohl an v. HoeßlinS als an Geffckens Art, H. Koberstein-Berlin bringt unS diesmal mit 5 reizenden Exlibrisentwürsen einen besonders erlesenen Genuß. Im übrigen trifft der Blick fast nur auf Landschaften, unter denen die von F. Wucherer- Frankfurt, C. Weinert - Hannover, E. B i r g e r - München, L. Correggio-München, W. Feldmann, besonders aber die zierlichen Kabinettstücke von C. Bolze-Munchen und C. Groll-Darmstadt und das prächtige große Täm- merungsbtld von G. Kampmann-Grötzingen Hervorhebung verdienen. So bringt die gegenwärtige Ausstellung vieles und wird wohl manchem etwas bringen, und sollte doch einer unzufrieden aus dem Hause gehen wollen, so versöhnt ihn vielleicht ein freundlicher Nachklang der Schwindfeier, die vor einigen Wochen das Andenken emes der liebenswürdigsten deutschen Künstler erneuerte. Ein! Werk des 38jährtgen Künstlers, also nicht nur em Jugendwerk, war bisher so gut wie vergessen, die „Philostratischen Gemälde", die fick; als Wand- und Deckenschmuck in vier Sälen der Karlsruher Akademie, der jetzigen Kunsthalle, befinden. Goethe hatte die Künstler einst auf die dankbaren Stoffe hingewiesen, die in den philostratischen Beschreibungen fingierter griechischer Gemälde stecken; aber Schwind ist der einzige, der seinem Mnk folgte. Die reizend gra- Ä, meist mit wenigen Figuren und in dem einfachen rrzrot griechischer Vasenbilder dargestellte,i SA-nenl sind nun zum ersten Male veröffentlicht durch, den Breslauer Archäologen Rich. Joerster im Namen des dortigen Vereins für Geschichte der bildenden Künste, der dem archäologischen Institut der Landesuntverfität das hier ausgestellte Exemplar zum Geschenk machte. Möge es in der Kunstausstellung ein gern gesehener Gast sein. B. S. Literarischer. — Die gute und die schlechte Erziehung in Beispielen. 171 S. Braunschweig, Friedrich Vceweg u. Sohn. — Von Erziehungsbüchern, die sich in knapper, verständlicher und fesselnder Form an das Elternhaus wen- den, haben wir keinen Ueberfluß. Und wie notig sind solche Anleitungen, die sich mit den Kernfragen der häuslichen Erziehung beschäftigen. Es schadet nichts, wenn solche für Eltern bestimmte Büchlein Bekanntes wiederholen. Im Gegenteil! Not tut es, die grundlegenden Wahrheiten immer wieder zu bringen, geschieht es in geeigneter Weise. Ueber viele einzelne Fragen wird man ja immer verschiedener Meinung bleiben. Von einem erfahrenen und klugen Vater rührt dieses Büchlein von der guten und schlechten Erziehung her. Es ist in Gesprächsform abgefaßt unb gibt nebeneinander links die gute und rechts die schlechte Erziehung in Beispielen. Die zu Herders Zeiten beliebte kat^ chetische Form scheint in diesem Falle durchaus glücklich! 84 gewählt. Ein Schatz von feinem Verständnis des Kindes und gesunder, aller falschen Empfindsamkeit lediger, der Elternpflichten treu bewußter Lebensanschauung steckt in diesen kurzen Gesprächen, so über das Herumtragen der Säuglinge, das Gehen- und Sprechenlernen, die Wehleidigkeit, die Heikelkeit, über die Spielsachen, das Mein und Dein, das Lernen, die Strafen, das Verhältnis zur Schule usw. Das sind wirklich goldene Regeln. Von den schwierigen Fragen vom Storch, vom Christkind und anderen verfänglichen Dingen verlangt der Verfasser mit Recht gegenüber dem Kinde unbedingte Aufrichtigkeit und warnt vor den schlimmen Folgen elterlicher Lügen. Es kommt dabei selbstverständlich u. E. darauf an, wie es gemacht wird, und daß die Aufklärung nicht streng rationalistisch; sondern unter Beobachtung einer gewissen zarten Natur- Poesie vor sich gehe, die den Geist des Kindes von allem Unedlen fern hält. In der Frage vom Storch kommt der Verfasser zum Ergebnis der Vertröstung auf eine ungewisse Zukunft. Das aber ist doch wohl das Ungeeignetste. Lieber cs so bald wie möglich in geeigneter Form aufklären! — Die Schönheit. Moderne illustrierte Zeitschrift. Herausgegeben von Karl Vanselow. Verlag der Schönheit, Berlin. Halbjährlich 4 Mark, Einzelheft 75 Pf. — Diese 'n vornehmer Ausstattung seit kurzem erscheinende, reich illustrierte Zeitschrift gestaltet sich unter Mitwirkung erster Schriftsteller und Künstler reichhaltig, eigenartig und schön. Alles umfassend, was das Leben reizvoll und sonnig macht, stellt sich die Schönheit bewußt in den Dienst des reinen und gehobenen Begriffs der Schönheit, wie er der Sehnsucht unserer Zeit entspricht. Mit jugendfrischem Geiste wählt die Zeitschrift ihren Stoff. Schön an sich; immerdar und in herrlicher Vollendung, ist der menschliche Körper. Er ist die Krone der Schöpfung und schon die Bibel preist ihn als göttliches Ebenbild. Torheit ist es darum, wenn so viele in blindem Zorn gegen die künstlerische Darstellung des Nackten eifern. Schümm allerdings für den, der ein Kunstwerk nicht als solches, nicht ohne unreine Gedanken genießen kann. Je prüder eine Zeit sich gebärdet, um so geringer ist ihre SrttüMeit zu bewerten. Erst das Kleid hat die Scham vor dem Nackten als dem Ungewöhnlichen künstlich erzeugt. Je unbefangener und je natürlicher wir solchen Tatsachen gegenüberstehen, desto sittlicher sind wir. Es ist deshalb selbstverständlich, daß eine Ze,itschrift, die auf ihren Masten dre Flagge der Schönheit gehißt hat, Sinn und Verständnis für das künstlerische Ebenmaß des menschlichen Körpers pflegt. Im Bunde hiermit steht die künstlerische Reform der Kleidung. Künstlerisch geschärftes Auge verlangt aber auch Schönheit häuslicher und öffentlicher lüngebung in allen Strahlungen, einerlei ob es sich um schöne Ausgestaltung unserer Wohnräume oder öffentlicher Anlagen durch Werke schmückender Kunst handelt. Ohne Gesundheit ist ein schöner Körper undenkbar. Tanz und Spiel, Lerbesubungen sind reger Pflege würdig. Alles dieses find einzelne Punkte des Leitplanes der „Schön- Novellen, Gedichte und Abbildungen verbinden den i Grundtext, die Religion der Schönheit, zu einem einheit- üchen Ganzen. Wir können an dieser Stelle die Reiche halügkelt des Werkes, die Fülle der vielseitigen literarischen und bildnerischen Beiträge nicht aufzählen, glauben aber das Abonnement auf diese preiswerten monatlich erscheinenden Hefte, deren jedes in Kunstdruck 70 bis 1000 Seiten umfaßt, empfehlen zu müssen. ~ „Italienische Unterrichtsbriefe für den m c (V "t erricht n a ch der Methode Robertson." Buenaventura und Dr. Schmidt. 6. verbesserte Auslage. 40 Briefe. Einzelne Briefe und Probcbrief je 50 Pfg. Verlag von E. Haberland in Leipzig-R. 91, — Auch die vorliegenden Briese I t sorgfältig und gewissenhaft gearbeitet und schreiten I io methodisch vorwärts, daß der Lernende durch die regelmäßigen I Repetitionen und die praktischen Uebersehungsübungen init ihren ! w« er folgenden genauen Auslösungen den Lehrstoff bei gewissenhafter Arbeit vollständig beherrschen lernt. Die Aussprachebezeich» I ■«miB, auf die cs bei einein solchen für Selbstlerner bestimmten I Buche vor allem ankouunt, ist tadellos. —I Vermischte». * Der Anti-Alkoholismus im Homerischen Zetkalter. In der Zeitschrift „Die Kultur" lesen wir darüber: „Man irrt, wenn man glaubt, daß die schädigenden Wirkungen selbst geringerer Quantitäten Alkohols erst in neuerer Zeit bekannt geworden sind. Vielmehr findet sich schon diese Erkenntnis bei Homer. Hektor eilt, im sechsten Gesang der Ilias, aus dem Kampfe in die Stadt zurück, damit seine Mutter Hekabe zur Athene flehe. Und nach echt mütterlicher Art will sie den geliebten Sohn nicht ohne Labung in den Kampf zurücklassen: „Aber verzeuch," so spricht sie zu ihm (Ilias VI. 258 ff.), „bis ich jetzo des süßen Weines dir bringe; „Das; du Zeus, dem Vater, zuvor und den anderen Göttern „Sprengest, und dann auch selber des Labctrunks dich erfreuest. „Denn dem ermüdeten Mann ist der Wein ja kräftige Stärkung, „So wie du dich ermüdet, im Kampf für die Deinigen stehend. Ihr antwortete daraus der helmmnslatterte Hektor: „Nicht des süßen Weines mir gebracht, ehrwürdige Mutter, „Daß du nicht mich entnervst, und des Muts und der Kratt ich vergesse." Mit wundervoller Klarheit sind hier die beiden entgegengesetzten Anschauungen ausgesprochen. Hekabe huldigt t>er, gewöhnlichen Ansicht, daß der Wein eine „kräftige Stärkung" ist, während der tiefer blickende Hektor weiß, daß der Ermüdete durch den Wein noch müder wird. Und in der Tat, auch ohne „Stärkung" durch Alkohol hält Hektor im darauf folgenden Zweikampf mit dem Telamonier aus, bis die Nacht sie trennt. "Lustige „Bauernregeln" für das Kalenderjahr 1904 bringt das von Dr. Leo Wulf herausgegebene „Hunioristische Extrablatt": Treffen im Januar die Störche ein, Wird stets der Reichstag vollzählig sein. Wenn glühend die Sonne tm Februar brennt, Thront Bebel als Präses im Parlament. Wogt im März das Kornfeld, von Aehren schwer; Dann wächst unser Wohlstand durchs Militär. Fällt in den April das Weihnachtsfest, Der Staat allen Bürgern die Steuern erläßt. Gedeiht die Herbstzeitlose im Mai, (Siebt der Schlächter das Schweinefleisch kostenfrei. Fährt man im Junimond zu Schlitten, Wird Bebel im Reichstag itnt Kornzölle bitten. Fällt in den Juli der kürzeste Tag, Kein Mitglied des Reichstags Diäten mag. Sollt' der August uns den Eislauf schenken, Lernt Bülow sozialistisch denken. Wenn im September die Vögel nisten, Beginnen die Völker abzurüsten. Sollt' die Flur im Oktober voll Veilchen prangen, Wird Deutschland von China Zahlung erlangen. Fällt in den Noveinl>er die Frühjahrsparade, Wird plötzlich der Zickzack-Kurs schnurg'rade. Erschallt im Dezember der Vögel Geflüster, Wird Harden preußischer Kultusminister. Splinius der Jüngste. — Wenn man wissen will, was kein Mensch wissen kann, und so tut, als ob man es doch wüßte, jo nennt man das philosophieren. W. I o r d a n. (Geb. 8. Febr. 1819.) Bilderrätsel. (Nachdruck verboten.) t (Auflösung in nächster Nummer.) Redaktion: August Götr. — Rotationsdruck und Derlaa der Drühl'schen Universitäts-Buch. und Steiridriickerei. R. Lanae. Gießen.