IreiLag der, 8. Januar «Bi, 18 M- vW«M IW Ä WM (Nachdruck verboten.) Wssa Jalconieri. Vorr R i ch a r d V o $,. - Erster Band. (Fortsetzung.) Liese paßte nun wiederum gmt& und gar nicht zu dem perfekten Französische und der leuchtenden Wäsche des Hausherrn. Aber Herr Mariana benahm sich, als empfange er seinen Gast in einer ersten Etage an den Boulevards des Italiens. Die zerrissenen Gardinen, die verblichenen und zerfetzten Möbelbezüge, zerbrochenen Stühle und beschädigten Tische genierten ihn nicht im Mindesten. Frau Mariano war nicht da. Ihr Mann ging nicht etwa hinaus, sie zu holen; sondern rief überlaut nach ihr. Endlich erschien sie und äußerte über meine gewiß unerwartete Anwesenheit weder Vergnügen noch Befremden. , Sie bemerkte mich kaum. Erst fetzt, da ich die beiden zusammen sah, fiel mir "an der schönen Frau die Aermlichkeit ihres Anzugs geradezu peinliche auf. Er paßte freilich zur ganzen Umgebung. Tem Kleide nach hätte sie sehr gut die Magd fein tonnen. Und neben ihr der elegante Mann. Herr Mariano mochte meine Gedanken erraten; denn er musterte seine Frau mit einem Stirnrunzeln, dem sie jedoch! nicht die mindeste Beachtung schenkte. Augenschein- lufj war ihr ihr Kleio auch! jetzt noch genau so gleich- giltig wie die Verwahrlosung der Wohnung. „Ich, rühmte dem Herrn Seine Hühner. Sorge also dafür, oaß Tu mit Seiner Kochkunst Ehre einlegst." Ich wollte sagen, daß ich nicht bleiben konnte, daß ich nach Rom zurück müßte. Aber ich sagte nichts. Sann fiel mir ein, daß ich mich Frau Mariano noch gar nicht vorgestellt hatte. Ihr Mann schien die Erfüllung irgendwelcher Form der Frau des Hauses gegenüber für vollständig! unnötig zu halten. Iw nannte meinen Namen, meine Unterlassung, so aut ich konnte, entschuldigend, bemerkte jedoch nicht, daß ich auch ihr bekannt war. Ohne gesprochen zu haben, verließ sie das Zimmer. Mit einigem Stolz zeigte mir jetzt Herr Mariano seine Bibliothek; und von neuem sollte ich staunen. Ich sah eine vorzügliche Auswahl von Werken, in französischer sowie in englischer Sprache, in schönen Einbänden musterhaft aufgestellt. Sämtliche alte und neue Klassiker befanden sich darunter, und die philosophischen politischen und naturwissenschaftlichen Schriften der ersten Autoren. Auch die moderne Poesie war vertreten. sieben Leopardi stand ich. Serselbe Mann, der in Gegenwart eitles Fremden mit feiner Frau wie mit einer fahrlässigen, ungeschickten Sienerin verfuhr, besaß den Takt, mich nicht auf mich selbst aufmerksam zu macken, wodurch! mir möglich war, mich! gleichfalls zu ignorieren. „Und dieses ist mein Lreblingsdichter. Ich lese ihn jeden Abend wie der Geistliche fein Brevier, wie ein Geldmann die Kurse." Und er reichte mir ein kleines, besonders schön ein-, gebundenes Buch: Es war eine lateinische Aenelde. „Sehen Sie, Graf Campana!" Er trat zu einem der Fenster, die nach! den Steins eichen hinausführten, und zeigte mir die glanzvolle Ferner Land und Meer. Ich sah- die Tibermündung und Ostia; ich sah die heilige Insel und längs des hellen Gestades die Buscywälder von Laurentum und Ardea. „Tas Land der Aenelde!" rief mein Wirt mit leuchtenden Augen. Eine Magd, im Kostüm der Marken, kam und deckte den Tisch. Ich glaubte zu bemerken, daß Herr Mariano Erwartet hatte, seine Frau würde wieder erscheinen, daß er wütend über ihr Fortbleiben war und sich! nur mit Mühe beherrschte. Um seine Aufmerksamkeit von der fehlenden Hausfrau ak.zulcnken, versuchte ich, ihn redselig zu machen, wobei mir sein lebhaftes Temperament und die Eitelkeit auf seine schöne absonderliche Person sehr zu Hilfe kann Was ich, während wir lange auf das Essen warteten, und während unseres weinreichen Mahles — und was ich später, als ich die Villa bewohnte, tci's durch Herrn Mariano direkt, teils durch andere über ihn erfuhr, will ich an dieser Stelle von ihm selbst mitt eiten lassen. * Herr Mariano. Rasse! Tarauf kommt es au! Bei Weib und Mann! Ich bin von gemischter Rasse; aber die Mischung ist gut. Meine Mutier stammt aus dem uralten römischen Räubernest Rocca Priora, und mein Vater war französischer Künstler: Pariser Vollblut, mein Herr. Rocca Priora liegt dahinten hoch oben, Palestrinä gegenüber. In der Tiefe erstreckt sich ein Weinland, daß es die Heimat des Bacchus sein könnte — bei den Leuten von Rocca wächst kaum ein Halm! Von ihrer braunen Höhe stieren sie seit Jahrhunderten auf die unter ihnen hingestreckte Ueppigkeit hinab. Tas hat sie seit Jahrhunderten begehrlich gemacht, hungrig und gierig. Tief unten durch die Ebene führte ehemals die alt« Poststraße von Rocca nach Neapel. Hier, zwischen Colonm! und Zagarola, in der Nähe eines Hohlweges, besaß bet göttliche Cäsar eine Villa: S. Cesareo heißt der Ort noch heutigentags. Und noch heutigentags geht der blutig« Schatten, des alten Herrn dort um. Sie Reisenden, dll i— 14 sie in hätte ein wundervolles Organ! Aber sie sprach kaum. . . er- Ich Ich suchte meine lebendige schöne Frau. Irgendwo fand ich sie. Ich fand sie im Elend und nicht in einem kleinen eleganten Quartier, wie ich beinahe gefürchtet hatte. Ich war mit meiner Furcht einfach ein Narr gewesen. Denn: Diese Frau und ein kleines elegantes Quartier! Aber jetzt sollten die Tinge anders werden. * Jetzt waren wir arm wie Kirchenmäuse . . . Und ich liebte nun einmal Boule-Möbel und Spores-Porzellan, japanische Bronzen und Smyrnateppiche, Trüffelpüree und Austern, teuren Wein, teure Pferde. Was war zu machssn? Wer zum gemeinen Handwerk des Lebens nichts taugt, der hat in sich den Stoff zu einem Künstler des Lebens. Aber auch dazu gehört Glück; und die Dirne Fortuna zeigte sich auf einmal so spröde gegen mich beinahe wie — Man muß eben Philosoph fein . . . Ich hatte einen Freund, der war ein echter Nachkömmling des alten griechischen Herrn Epikur. Dieser vollendete Lebenskünstler sagte eines schönen Tages zu mir: „Höre, mein Junge! Seitdem die Preußen in Paris waren ,schmeckt mir hier die creme Gervais nicht mehr. Ich bin der ganzen Geschichte an der Seine überdrüssig geworden. Weißt Du nicht irgendwo ein Tuskulum, von wo aus wir uns den Weltspektakel eine kleine Weile mit an- unendliches Leitmotiv. Ich konnte es pfeifen wie eine Vertusche Arie. Da plötzlich — Und diese eine Frau mußte gerade meine Frau fein! Ueber zwei Jahre waren wir bereits verheiratet und hatten noch kein Kind . . . Ter Krieg von 1870 kam. Auch ich zog mit aus gegen die verd . . . Prussiens. Vierundzwanzig Jahre war ich alt und wollte Heldentaten verrichten; denn den Virgil trug ich schon damals in meiner Seele. Und das war noch das Beste au mir. Am liebsten hatte ich den alten König Wilhelm gefangen. Oder diesen Monsieur de Bismarck — Caere bleu! Da kam der Schandtag von Sedan; und unter diesen Gefangenen, die der Prussien an der Maas machte, war auch meines berühmten Vaters heldenmütiger Sohn. Frankreich ward Republik, in Paris herrschte die Kommune — ich saß in Deutschland gefangen. Tort hörte ich: mein berühmter Vater war gestorbech im Hotel Trouot die Auktion seiner Kunstsammlung ab- gehalteu, kein roter Heller übrig geblieben. Bon meiner wunderschönen Frau hörte ich nicht- Ich lief fort. Mit zerrissenen Sohlen, halb verhungert, zu Tode mattet wie ein gehetztes Wild kam ich nach Paris. _ .. kümmerte mich wenig um meinen toten berühmten Vater. Sie sehen, ich bin aufrichtig. Was hülfe es mir auch, nicht aufrichtig zu fein? Ich bildete mir ein, die Frauen zu kennen; ich glaubte . dem einen wären alle gleich: ein Thema! In unendlichen Variationen zwar; aber doch immer eine Grundmelodie als Sie machte in dem berühmten Atelier meines Vaters Sensation. Ihr Debüt in Paris war wie eine Premiere von Au gier, wie ein neuer Roman von Zola. Man sprach eine volle Woche davon. Mein berühmter Vater wühlte selbst für ihre Toilette die Stoffe, konferierte selbst mit dem Schneider, Aber sie war schon damals so — so sonderbar gleichgiltig gegen alles. Gar nicht wie andere Frauen! Ueberhanpt — Ja, mein Herr, eine seltsame, sehr seltsame Fran. Sv halsstarrig! Und ich immer noch in sie verliebt. Dollyr als je, mein Herr. Ein Mann wie ich! Sie paßte gar nicht sür die gründe nie Boheme. Sie ließ sich dafür auch nicht erziehen. Aber ich hatte doch die schönste Frau und wurde darum beneidet. Wäre die schönste Frau nur etwas mehr ein schönes — Weib gewesen. Mein berühmter Vater meißelte ihr seine „Vestalin" und wurde dadurch noch berühmter; Guy de Maupassant verliebte sich in sie; Anatole France machte Gedichte ans sie und Sarah Bernhardt wollte sie für die Bühne ausbildenr ftüher mit Postkutsche und Vetturin von Rom nach Neapel fuhren, lehrte S. Cefareo Todesfurcht; denn bei S. Cesareo warteten die Briganten von Rocca Priora auf sie, und es hieß: Geld her oder das Leben! Bon den Vorfahren meiner Frau Mutter lauerten wohl manche braune Bursche im Hohlweg bei den Trümmern der Cäsarvilla; und mein Herr Großvater war ein berühmter Brigant. Er hatte hie Ehre, durch den Henker zu sterben. Ein anderer Ahn meines Hauses erhielt lebenslänglich Galeere; ein dritter wurde von seinem besten Freund an die Sbirreu verkauft. Noch heute gibt es in meiner Mutterstadt eine Bahre, darauf nur diejenigen zur letzten Ruhestatt getragen werden, die eines jähen Todes durch Büchse oder Dolch verstorben sind. Die Leute von Rocca leben nicht in menschlichen Wohnungen, sondern sie hausen in Höhlen. Winters gehen sie auf Wolfsjagd. Sie haben selbst etwas Wölfisches. Meine Mutter war wild und schön! Sie war schön wie eine griechische Liebesgöttin und wild wie eine sabinische Wölfin.Auch ebenso gierig. Sie stierte aus ihrem schwarzen feuchten Felsenloch so lange auf das goldene Weingefilde hinab, bis sie es in ihrer Wildnis vor Hunger nicht mehr aushielt. Sie stieg hinunter und ging auf Raub aus. Sie ging nach Rom. Hier stellte sie sich an der spanischen Treppe auf und lauerte auf Beute. Tie Römer liefen zusammen, um das schöne, wilde Menschentier anzustaunen. Sie lauerte geduldig, bis der Rechte kam. Dem sah sie nur in die Augen, um gleich zu wissen, daß es der Rechte sei. Bon diesem ließ sie sich mitnehmen. Er wohnte wie ein Fürst in der Villa Medici am Pincio, war Bildhauer, hatte den Prix de Rome erhalten und sollte ein Genie sein. Das alles genügte jedoch noch nicht, um berühmt zu werden. Er besaß wütenden Ehrgeiz und hätte für Ruhm dem Teufel seine Seele verschrieben. Ter Teufel kam denn auch zu ihm, und er verkaufte sich ihm: er sah an der spanischen Treppe das schöne Weib und nahm es mit sich. So kamen die beiden Gierigen zusammen. Ter ehrgeizige Künstler hätte sein schönes Modell am liebsten eingeschlossen, wo weder Sonne noch Mond sie beschien: es sollte einzig und allein ihm angehören! Die „zu Tode geküßte Bacchantin" entstand. Es wurde das größte Werk der modernen Pariser decadence und sein Schöpfer weltberühmt. Später zogen meine Eltern nach Paris. Dort wurde ich geboren und bald darauf von meiner Mutter verlassen. Ter Mensch muß über alles objektiv denken; auch über die, denen er das Leben zu verdanken hat — wie die Redensart heißt. Ich hieß nach meiner Mutter Mariano und nach Victor Hugo Bittori. Komische Kontraste, nicht wahr? Mein Vater beabsichtigte stets, mich in aller Form Rechtens zu adoptieren, kam aber nach Künstlerart niemals dazu. In dem Atelier meines Vaters verkehrte ganz Paris: das ganze berühmte, geistreiche, elegante, frivole, blasierte, verlebte, verlotterte, verfaulte Paris! Gestern machte eine Herzogin die Honneurs, heute irgend eine Chansonnetten- füngerin. Turgenjew und Bizet, Felicien Rops und Coqnelin waren Hausfreunde. Zu den kleinen Tiners kamen Sardou und Jules Janin, Sarah Bernhardt und die Viardvt Garcia. Alexander Tumas Pere half ich seine famosen Omelettes backen, Guy de Manpassant erzählte mir Liebesgeschichten, Madame Judic übte vor mir ihre Lieder ein. Da wird man begreifen — Ich wurde Soldat. Anstatt daß die Weiber mich toll machten, machte ich die Weiber toll. Aber ich will nicht renommieren. Man schickte uns zum Schutz des Kirchenstaats nach Italien. Ich kam nach Rom. Tie Römerinnen ließen sich mit den Pariserinnen nicht vergleichen. Ick) lernte einen römischen Bürger kennen. Ter Mann war früher wütender Freischärler, hatte eine genußsüchtige lasterhafte Fran und eine wunderschöne, madonnenreine und marmorkalte Tochter. Sie hieß Maria. Ich verliebte mich. Herr — zum erstenmal in meinem Leben war ich rasend verliebt! Und sie in mich. . . Aber es lagen Umstände vor — Lenun, die wußte ich zu überwinden. 15 sehen können — nur so der Abwechslung halber. Ich nehme meinen süperben Küchenchef mit und Tu Deine schöne Frau. Was meinst Du? Wir vier sollten es miteinander ein paar Jährlein wohl aushalten können, bis hier die Weltgeschichte wieder etwas heiterer geworden ist." Ich erwiderte: „Seien wir klassisch! Gehen wir dorthin, wo Marcus Tullius Ciceros Tuskulum gestanden haben soll. Dieses Paris ist eine elende Lappalie geworden. Die römische Campagna zu Füßen Childe Harold gelesen, den Virgil und Horaz — das könnte das Leben für eine zeitlang wieder lebenswert machen." (Fortsetzung folgt.) Weaterörände. Ein Wort zur Beruhigung und zur Vorsicht. Von Tr. Kurt Rudolsi. Zu der langen Reihe von Theaterbränden, die nicht nur den wertvollen Bau samt seinem kostbaren Inventar, sondern auch eine große Zahl blühender, zu freudigem Schauen versammelter Menschen vernichtet haben, ist durch die Katastrophe in Chicago ein weiterer, durch die Begleitumstände ganz besonders entsetzlicher Fall getreten, der nicht verfehlen wird, die allgenieine Aufmerksamkeit aufs neue auf das Problem der Feuersichprheit in Theatern, Zirkussen, Konzerthäusern, Warenhäusern und anderen öffentlichen Gebäuden zu lenken, die zeitweise als Versammlungsort für Hunderte und Tausende bestimmt sind. Der letzte größere Theaterbrand in Deutschland, der in der Nacht vom 19. zum 20. Januar 1902 das Hoftheater zu Stuttgart in Aschx legte, betraf ein altes, längst überständiges Gebäude, das die durch die Statistik ermittelte, durchschnittliche Lebensdauer der Theater längst überschritten hatte, also einen alten Rumpelkasten, der übrigens erst spät in der Nacht, mehrere Stunden nach Schluß der Vorstellung ohne Gefährdung von Menschenleben in Flammen aufging. In Chicago aber, der stolzen Königin der Seen, im Dollarlande, das unserem veralteten Europa in jeder Hinsicht voraus zu sein glaubt, brennt ein erst vor wenigen Wochen vollendetes und in Gebrauch genommenes Theater, das mit großer Ruhmredigkeit als „absolut feuersicher" bezeichnet worden war und entgegen dieser Versicherung zum glühenden Höllenkrater für noch weit mehr Menschen wird, als selbst dem schrecklichen Brande des Wiener gjingtheaters vom 9. Dezember 1881 zum Opfer fielen. Angesichts dieser Mafsenvernichtung und dieses Massenjammers fragt sich nicht nur derjenige, der selbst ein häufiger Theaterbesucher ist, sondern jeder warm fühlende Menschenfreund, ob denn solche furchtbaren Unglücksfälle wie derjenige im Jroquoistheater immer wieder mit der Notwendigkeit eines Naturereignisses eintreten müssen oder durch entsprechende Vorsicht der Bau- und Sicherheitspolizei, der die moderne Technik alle ihre Fortschritte zur Verfügung stellt, aus der Reihe der elementaren Katastrophen ausgeschaltet werden können. Tie Antwort ist, wie heute die Tinge liegen, kein klares Ja und Nein. Wer viel in der Welt herumgekominen ist, weiß, daß auch in Deutschland, weit mehr aber noch in romanischen Ländern noch mancher alte Kasten steht, der gerade aus Sicherheitsgründen längst einem Neubau hätte Platz machen müssen und über dessen Plunder und Zunder augenscheinlich Sankt Florian seine schützenden Arme ausgebreitet hat. Andererseits aber ist das Brandunglück in Chicago ein Beweis dafür, daß auch Neubauten gegen die Angriffe des Elementes, das unter seinen Brüdern am meisten das Gebild von Menschenhand haßt, nicht befeit sind. Es erhebt sich daher die bange Frage, wann und wo sich zum nächsten Male die Schxeckensszenen wiederholen werden, die den tragischen Abschluß des eben zu Ende gegangenen Jahres bildeten. Betrachten wir die mit großer Genauigkeit aufgenommene Statistik der Theaterbrände des 19. Jahrhunderts, so ist es eine augenfällige Tatsache, daß die Zahl dieser Katastrophen im Wachstum begriffen ist. Von 1800 bis 1810 sind nur 16 Theaterbrände zu verzeichnen. Aus dem folgenden Jahrzehnt ist ihre Zahl mit 14 sogar noch geringer. Von diesem Zeitpunkte an schnellen jedoch die Zahlen auf 31, 33, 44, 74, 98 und für die Jahre von 1870 bis 1880 sogar auf 118 hinauf (also etwa für jeden Monat des Jahres ein Theaterbrand), um fortan nur noch in langsamem Tempo zu wachsen. Zur Beruhigung kann gleich hier gesagt werden, daß diese erschreckenden Ziffern sich doch um ein beträchtliches schlimmer anhören, als sie in Wirklichkeit sind. Erstens werden alle irgendwie erheblichen Theaterbrände heute viel genauer registriert als ehedem, wo ein derartiges Ereignis, falls es nicht besonderen Umfang annahm, nur in beschränkteren örtlichen Kreisen Aufsehen erregte. Des weiteren aber sind mit dem Wachstum der Städte und des Wohlstandes ihrer Bewohner auch neue Theaterunternehmungen in großer Anzahl entstanden. Die wirtschaftliche Treibhausblüte vor Eintritt des großen Krachs, die sich nicht nur in Teutschland auf Grund des sogenannten Milliardensegens, sondern auch anderswo aus allgemeinen Ursachen einstellte, begünstigte namentlich die Gründung zahlloser Bretteltheater und solcher Bühnen, die im Genre des Ausstattungsstückes arbeiten und während man eS in ersteren, mit Rücksicht auf das Publikunr vor aber auch hinter dem Vorhang mit Rauchverboten nicht besonders streng nahm, mehrte sich in letzteren der Ballast leicht entzündlicher Requisiten, die der kleinste Funke in Flammen setzt, in höchst gefahrdrohender Weise. Obendrein begann man um das Jahr 1850 allgemein in den Theatern mit der Einführung der Gasbeleuchtung, deren offene Flammen unsägliches Unheil anstifteten, und es ist deshalb sehr erklärlich, daß im sechsten, siebenten und achten Jahrzehnt die Zahl der Theaterbrändc in be- ängsllgendem Maße wuchs. In den Beginn des neunten Jahrzehnts des vergangenen Jahrhunderts fällt nun der schon erwähnte Ringtheaterbrand. Tie Tvdesschreie der hierbei um das Leben gekommenen 450 Menschen scyreckten nicht nur in der Stadt des Unglücks, sondern auch in den meisten anderen Ländern Europas die Behörden, die Baumeister und die Besitzer der Theater aus ihrer bisherigen schläfrigen Untätigkeit auf. Alle gangbaren Wege, um die Feuergefährlichkeit der Theater einzuschränken, wurden in Erwägung gezogen, und auch wirklich beschritten, und es kann schon hier gesagt werden, daß infolge dieser Bemühungen die Zahl der Theaterbrände seitdem nicht mehr in so rapidem Maße wie vorhin weiter gewachsen ist, ja daß sogar, wenn man die Zahl dieser Unglücksfälle mit derjenigen der Theater, die sich immer weiter vermehren, in Verbindung setzt, wenigstens in Deutschland, Oesterreich, Frankreich und England, die prozentuale Brand- und Lebens- gefahr erheblich vermindert worden ist. Allerdings waren die Aufgaben der Baupolizei und Techniker hierbei an vielen Orten mit einer Sisyphusarbeit zu vergleichen. Was vorher schon an einzelnen Stellen geschehen war, war häufig jämmerliches Stückwerk, und während man gegenüber privaten Unternehmen ohne Ansehen der Person verfuhr, sah man sich dort, wo die Baulichkeiten der die Pvlizeigewalt handhabenden Stadtgemeinde gehörten oder sonstwie staatlich oder landes- fürstlichen Besitz bildeten, durch mancherlei Rücksichten die Hände gebunden. Man gelangte dabei aber doch zu einer Reihe von Grundsätzen, die die Feuersicherheit der Theater bedeutend erhöhen und sich in kurzen Worten wie folgt zusammenfassen lassen. Jedes Theater bedeutet nicht nur eine gewisse Gefahr für die ihm nahe gelegenen oder direkt angebauten Privathäuser, sondern wird umgekehrt auch durch einen in diesen entstehenden Brand bedroht. Prinzipiell sollen daher Theater nur frei für sich allein auf Plätzen stehen, oder, wo dies nicht möglich ist, von den angrenzenden Mietshäusern durch außergewöhnlich starke Brandmauern geschützt sein. Ganz verwerflich dagegen ist ihre Anlage, wie es leider von früheren Zeiten her noch der Fall ist — hvfwärts hinter geschlossenen Straßenfronten, weil dadurch unüberwindliche Hindernisse für allseitige wirk- same Angriffe der Feuerwehr gegen den Brandhecrd aufgetürmt werden. Was die eigentliche bauliche Konstruktion betrifft, so verlangt man heute im weitesten Umfange die Verwendung feuerfesten Materials. Man hat eine zeitlang geschwankt, ob man Holz oder brennbare Stoffe in Theatern gänzlich entfernen soll oder in imprägmcrtem Instand zulassen darf. Heute neigt man entschieden zu der ersten Ansicht, und wenn auch imprägnierte Kulissen, dre übrigens lange den Flammen Widerstand leisten, schwerlich je durch solche, die aus Metallblech gearbeitet sind. — 16 ersetzt werden können, so sind doch der hölzerne Boden der Bühne und des Zuschauevramnes, die hölzernen Brüstungen und das hölzerne Tekorationsbeiwerk in den Logen und auf den Galerien schließlich ebenso entbehrlich wie die Teppiche und Vorhänge. Werden demnach die größeren Theater der Zukunft durchweg aus unverbrennlichem Material gebaut werden, so ist man noch in anderer Hinsicht bestrebt, die Feuersgefahr hintanzuhalten. Man gestattet innerhalb eines modernen Theatergebäudes weder Wohnmrgen noch Restaurationen mit Küche, weder Kulissenmagazine noch Malersäle, deren Oelfarben, Lacke, Terpentin, Benzin und Spiritusvorräte verbunden mit dem Leichtsinn der danrit Arbeitenden eine stetig fließende Quelle der Gefahr bedeuten, und geht sogar einem ctktgeheiligten Requisit der holden mimenden Weiblichkeit, de? mit Spiritus erwärmt en Brennschere in den Garderoben zu Leibe, indein man sie durch eine elektrisch erhitzte ersetzt. An allen geeigneten Orten bringt man von einer Person zu bedienende Feuerlöschapparate an, mit bettelt man eine entstehende Flamme durch nicht brennbare Gase ersticken kann, bevor der Hydrant oder die Regenvorrichtung in Tätigkeit tritt. Tie Feuerstätten der Zentralheizung sollen sich natürlich ebenfalls außerhalb des Theaters befinden. Statt der Gasflammen aber bedient man sich des elektrischen Lichtes, das freilich wegen des Tämvns, der sich „Kurzschluß" nennt, auch nicht gänzlich unverdächtig ist und auch in Chicago eine verhängnisvolle Rolle gespielt haben soll, aber doch weit ungefährlicher ist, als jede offenbrennende Flamme. Wichtiger beinahe als alle diese Sicherheitsmaßregeln sind aber diejenigen, die es dem Publikum ermöglichen sollen, mit größter Schnelligkeit das brennende Haus zu verlassen. Mag auch der Bau, der etliche Millionen gekostet hat, sich in einen Gluthaufen verwandeln, dieser Schaden ist zu verschmerzen und Sache der Theatereigentümer und Versicherungsgesellschaften, die dementsprechend ihre Prämien bemessen mögen. Was aber die Allgemeinheit mit Recht verlangen kann, das ist, daß das Theater nicht durch die geringe Zahl und quetschende Enge der Ausgänge, Treppen, Korridore und schmalen Gänge zwischen den Sitzreihen zu einer fürchterlichen Riesensalle wird, in der ein Teil der Besucher während der allgemeinen Panik erdrückt und zertreten wird, während der andere Teil bei voller Besinnung den Erstickungs- und Feuertod auf sich heranrücken sehen muß. Auch in dieser Hinsicht ist mancher ältere Theaterbau noch durchaus unzureichend und müßte, wenn sich fundamentale Verbesserungen nicht anbrinzen lassen, lieber heute als morgen niedergerissen werden. Unbedingt erforderlich ist ferner ein wirksamer Schutz gegen Verqualmung. Hier kommt zunächst ein sicher funktionierender eiserner Vorhang, die sogenannte „Courtine", in Betracht, deren tadelloses Auf- und Meder- gehen noch vor Beginn der Vorstellung erprobt werden muß. Außerdem muß aber noch für ausgiebige Ventilation gesorgt sein, die allerdings wieder, wenn der eiserne Vorhang nicht richtig funktioniert, auch eine Quelle der Gefahr werden kann, weil die entstehende Zugluft leicht den Brand von der Bühne in den Zuschauerraum übertragen kann. Wenn man die bei uns bestehendeu neueren Theater von diesen Gesichtspunkten aus betrachtet, so wird der Unbefangene Hugeben, daß wohl auch hier noch manches verbesserungsfähig ist. Es wird aber — schon aus sehr zwingenden materiellen Gründen — kaum auf irgend einem anderen Gebiete so unermüdlich gearbeitet, wie auf demjenigen der Feuersicherheit in den Theatern und man darf deshalb, ohne sich des Pharisäertums schuldig zu machen, behaupten, daß es bei uns in diesem Punkte viel besser gestellt ist als anderswo. Wenn sich die bis jetzt bekannt gewordenen Nachrichten aus Chicago bestätigen, so hat dort eine ganze Reihe unentschuldbarer Pflicht- Versäumnisse dazu beigetragen, die Katastrophe zu ihrer unerhörten Entsetzlichkeit anwachsen zu lassen. Ein Neubau, der in einer Sackgasse eingepfercht liegt, statt der eisernen Courtine ein vor den Feuergasen in den Zuschauerraum hiueinflatternder Asbestvorhang, keine Seitenausgänge, der Mangel einer öffentlichen Feuerwache im Gebäude, Nottreppen, die nicht zu Ende gebaut, in freier Luft hoch über den Erdboden enden, sind unverantwortliche Nachlässigkeiten, die in ihrer Gesamtheit wohl kaum in irgend einem größeren deutschen oder östreichischen Theater zusammentreffen dürsten; und man darf auch nicht vergessen, daß Chicago schon seit langem den Namen der Feuerstadt trägt, in der schon zahlreiche, der Sicherheit ihrer Besucher hohnsprechende Theater abgebrannt sind und der Schlendrian eine gewisse Nationaleigentümlichkeit ist. Bon den in Chicago befindlichen Theatern sind denn auch jetzt, nachdem das Unglück geschehen ist, 19 polizeilich geschlossen worden, „weil' sie den Bestimmungen über den Schutz des Publikums" nicht nachgekommen sind. Selbstverständlich werden überall' und immer bet Theaterbränden eine Anzahl Menschen schon deshalb vom Tode ereilt werden, weil in dem ausbrechenden panischen Schrecken der Masse der Theaterbesucher der Mensch des Menschen schlimmster Feind wird, sodaß in der eingekeilten Menge die schwächeren erdrückt und zertreten iverden. Ein solches Massenunglück aber, wie es sich jetzt in Chicago ereignet hat, will uns doch bei objektivster Betrachtung unserer Verhältnisse als kaum denkbar erscheinen. Es ist übrigens ein Irrtum, wenn man jetzt den Brand im Jroquoistheater als den folgenschwersten bezeichnet, der je vorgekommen sei. In Capvdistria brachte vor langen Jahren eine gleiche Katastrophe 900 Menschen den Feuertod. Ter Brand des Lehmann-Theaters in St. Petersburg im Jahre 1826 kostete fast ebensoviel Menschenleben und in der großen chinesischen Handelsstadt Cantvn verbrannten im Jahre 1845 in einem Theater sogar 1600 Besucher, während fast ebenso viele Verwundungen davontrugen. Kesundheilspflege. — Der M e ns ch und seine Pflege — Unter diesem Titel erscheint vom 1. Januar, wöchentlich auf 16 Folio- feiten eine illustrierte Wocheuschrift, welche sich die Aufgabe gestellt hat, dem deutschen Hause in der Sprache des Volkes das mitzuteilen, was in der medizinischen Welt vorgeht und was dem Publikum durch! die technische Phraseologie der medizinischen Journale unverständlich bleibt. Im speziellen wird sie die Gebiete der Menschenkunde, Gesundheitslehre, öffentlichen Gesundheit, Pflege des S'anden und kranken Menschen, der Schönheitspflege, hlfahrtspflege, Mäßigkeitspflege, des Sports, Spiels, des Frauen- und Kinderwohls mit Unterstützung von Abbildungen behandeln. Alles was auf diesen Gebieten in Teutschland und anderen Staaten geschaffen wird, soll gesammelt und in einem besonderen Teil zusammengestellt werden, sodaß die Zeitung diese Richtungen auf dem Gebiete der allgemeinen und persönlichen Hygiene chronologisch enthalten wird. Ganz besonders will sie gegen das Kurpfuscher- und Laienarzt-Wesen ankämpfen und wenn sie auch die Ansicht vertritt, daß Arzneien bei der Behandlung von Krankheiten möglichst zu vermeiden sind und eine mehr natürliche Behandlung der Krankheiten vorzuziehen ist, so wünscht sie doch, daß nur approbierte Aerzte die Heilkunst ausüben dürfen. Tie erste Nummer umfaßt 16 Folio feiten mit 12 Bildern und kann gratis vom Verlage in Gr.-Lichterfelde—West oder von jeder Buchhandlung bezogen werden. Ter Preis ist 1.75 Mk. pro Quartal. Silbenrätsel. Nachdruck verboten. a an her husch eher da! dat de dech der e e e ei ei el er fe gen gu i ka korb lei leib li ma »a ne ne o qui re rechts rin re sa schäft sehe se sen sten stern ta tan tel vir walt. Aus vorstehenden 48 Silben sind 15 Wörter zu bilden von folgender Bedeutuirg: 1. Fluß in Spanien; 2. Kirchenfest; 3. einheimischer Baum; 4. fremdländischer Baum; 5. Kopfschmuck; 6. und 7. weibliche Vornamen; 8. Reptil; S. wohlschmeckende Frucht; 10. Handwerker; 11. Metall; 12. Abhängigkeitsverhältnis; 13. Musikinstrument; 14. Baum; 15. gelehrter Beruf. Sind die richtigen Wörter gefunden, so ergeben die Anfangsbuchstaben im Zusammenhang gelesen den Namen eines im Jahre 1890 gestorbenen bekannten deutschen Dichters. (Auflösung in nächster Nummer.) Auslösung des Qtiadraträtsels in vor. Nr.: FAUN AFFE UFER NERO Redaktion: August Götz. — Rotationsdruck und Verlag der Brühl'schen UniversttiitS-Buch- und Cteindruckerci. R. Lauge, Gießen.