1904. Samstag derr 7. Mai. (Nachdruck verboten.) Am Fakak der Ilazah. Roman von B. M. Croker. Genehmigte Uebertragung von A. Vischer. (Fortsetzung.) Daber griff er in die Brusttasche seines Sammetrocks und zog eine längliche, reich ziselierte, silberne Kassette hervor, die er mit achtsamer Sorgfalt öffnete. Drinnen auf blauem Sammet lagen die Jasraperlen. Sie waren in der Tat ungewöhnlich groß, von tadelloser Form und wundervollem Glanze. Während ich sie noch bewundernd betrachtete, griff er rasch danach und schlang fte um mein Handgelenk. „So, nun können Sie sagen, daß Sie die Jasraperlen getragen haben!" rief er jubelnd. „Und sie würden Ihnen gar wohl stehen! Ich wollte, ich könnte sie Ihnen schenken!" „Ich danke", erwiderte ich mit einem Schauder, indem ich sie abstreifte; „mir würde davor grauen. Perlen bringen Unglück; man sagt, sie bedeuten Tränen.... vierzig Tränen!" „Allerdings hat schon manche Frau Tränen darüber vergossen, weil sie die Perlen nicht in ihren Besitz bekommen konnte. Ueberall an den Höfen sind sie schon angeboten worden, aber der Preis war immer zu hoch." „Gehöreu sie Ihnen?" fragte ich gleichgiltig. „O nein, ich verkaufe sie nur im Auftrag, das ist mein Beruf. . . Die Rani Sundaram ist gar gerieben", fuhr er fort, „und so bin ich überzeugt, daß sie schließlich doch noch Mittel und Wege findet, den Kauf zu ermöglichen." „Haben Sie Rosarios kürzlich gesehen?" „Nein, wozu sollte ich jetzt noch zu ihnen gehen?" antwortete er mit Nachdruck. Da es mein Bestreben tvar, den Verkehr mit Ibrahim auf dem Fuße einer oberflächlichen Bekanntschaft zu erhalten, so wagte ich diese Frage nicht weiter zu erörtern. Er aber fuhr fort: „Ich wundere mich, daß Sie es im Palaste aushalten. Zu denken, daß Sie jetzt schon vier Monate hier sind!" „Warum wundert Sie das?" Wir waren mittlerweile auf den zum Garten führenden Hof hinausgetreten, wo wir jetzt langsam auf und ab gingen. „Weil", — er sah sich scheu um und senkte dann die Stimme zu leisem Flüstertöne — „weil hier nichts Ihr eigen ist, weder Ihre Zeit, noch Ihre persönlichen An- gelegenherten, iveder Ihre Seele, noch Ihr Leben. Sie smd wahrhaftig ein muttges Mädchen, daß Sie hier zu bleiben wageu." 0 „Warum sollte ich denn nicht bleiben?" , „Schönheit ist eine verhängnisvolle Gabe. Sie würden em reizendes Katzenpfötchen abgeben. Die alte Rani bedient sich oft seltsamer Werkzeuge." ,'Jth habe keine Angst, daß sie sich meiner bedienen konnte", entgegnete ich, während er, das silberne Kästchen noch in der Hand haltend, langsam neben mir her über den Hof ging. „Niemand wagt es, mir ein Haar zu krümmen, denn ich stehe als britische Untertanin unter dem Schutze des Residenten." „Gewiß, Sie sind britische Untertanin, allein wie mancher britische Untertan ist schon an Cholera oder an Fieber gestorben, oder spurlos verschwunden." „Es ist aber jetzt keine Cholera in der Stadt!" „Nein, aber Gifte gibt es. Wie leicht kann einem der Cholerakeim mit dem Essen beigebracht werden. Auch gefährliche Schnakenstiche gibt es, deren Urheber Menschen sind. Ich bin genau bewandert in der Giftmischerei der Eingeborenen und interessiere mich als Chemiker dafür; auch habe ich eingehend ihre Gegengifte studiert." Ich bitte Sie, wer könnte wohl ein Jnterefse daran haben, mich zu vergiftend „Das ist allerdings wahr, denn Sie stehen hier niemand im Wege. Wäre dies aber der Fall, so würde ich keine Rupie für die Sicherheit Ihres Lebens geben." „Ach was, Mr. Ibrahim, Sie toölten mich mit Ihren Reden nur erschrecken!" „Ich sage dies alles nur, um Sie zu warnen. Glauben Sie, ich kennte das Treiben der Eingeborenen nicht? 5iier mitten im Hofe, fern von lauschenden Ohren kann "ich es Ihnen ja sagen: die Rani Sundaram ist schlau und listig, dabei grausam und unbarmherzig. Kein Mittel ist ihr zu schlecht, wenn es gilt, ihre Zwecke zu erreichen; ein Menschenleben gilt ihr nicht mehr, als Ihnen eine Stecknadel. Sie war es, die den Glanz des Hofes wieder gehoben. . ." „Und dadurch das Land in Schulden gestürzt hat", vollendete ich. „Wo Holz gehauen ivird, da fallen Späne." „Und ivas soll aus dem armen Volke werden?" „Ich das Volk ist arm, entsetzlich arm. Mancher schon", er hielt inne, und seine Augen funkelten, „ist am Hnngertode gestorben. Dieser alte Palast könnte gar seltsame Dinge berichten aus den Zetten, ehe ihr Engländer euren Fuß auf diesen Boden gesetzt habt. So wird erzählt, ein mächtiger Radschah von Chingleput sei einmal aufgefordert worden, die Schatzkammer zu besichtigen. Kaum habe er jedoch die Schwelle überschritten, so sei die Türe hinter ihm verschlossen und er im Dunkeln dem Hungertode preisgegeben worden. Das ist fteilich lange her, und auch jene Zeiten, ivo man in bent kleinen verödeten Tempel dort oben auf dem Hügel über der Stadt Hunderte von Gefangenen den Göttern Yama und Kali als Opfer dargebracht hat, sind längst vorüber, doch treiben Hexenmeister, Schwarzkünstler und Zauberer noch immer ihr Wesen im Lande." „Sie machen ja eine schreckliche Beschreibung, Mr. 270 Das Gemach war klein, mit kostbaren Teppichen be- sÄ? c.eTltr)te(t einen Diwan, viele Kissen und ein Kasfeetischchen aus dem ich eiue mir wohlbekannte Kassette Außer dem „Hexenmeister" war noch ein zweiter haßlccher, aufgedunsener Mann mit einem widerwärtigen Gesichtsausdruck anwesend, den ich noch nie zuvor gesehen Neffen Art, mich anzustarren, unerträglich war. meine Verbeugung vor der Rani machte, Wunsche allein mit der Frau zu sprechen. Spater werd Euch Nachricht zugehen." Tie beiden auf diese herrische Weise entlassenen Manner verneigten sich schweigend und verschwanden. Hieraus sagte sre zu mir:. „Steh nicht hrer vor mir wie ein Stock, sondern setze Drch, und höre, was ich Dir zu sagen habe, Du qelb- haarrge Frau! Ich bedarf Deiner Hilfe." „Worin könnte ich der Rani Sundaram wohl dienen?" stammelte ich. - - »Schweige, und Du wirst es erfahren. Du hast die ^asra-Perlen gesehen?" Bejahend neigte ich den Kbps und ließ mich dann gehorsam auf die Kissen nieder. „Es gibt ihresgleichen nicht wieder in ganz Jüdien. Sre zu besitzen bringt Ruhm, der von einem Ende der Erde brs zum andern strahlt. Sie bei einer Vermählunasfeier tragen, erweckt in den Herzen unzähliger machtrger Könige Wut und Reid." Meder neigte ich schweigend den Kopf. . »Dank Deinem Volke ist unsere Familie in Bedeutungs- losigkert^mrd Armut herabgesunken. Die Kriege mit den Weißgesichtern haben uns geschwächt. Nun aber sangen wir wieder an, unsere Häupter zu erheben. Dank meiner Fürsorge besitzen wir jetzt elf Geschütze. Wir haben eine Ehrenwache, wir haben vorteilhafte Familienverbindunqen angemupft und unsere Söhne und Töchter werden zur Ehe begehrt. Uns fehlt zur Befestigung unserer einfluß- rerchen Stellung jetzt nur noch der Besitz der Jasra-Perlen. Trese aber werde ich mir mit Deiner Hilfe erringen." In sprachlosem Staunen lehnte ich mich an die Wand und starrte sie an. Mir war, als sei ich ein armes, durch den BUck eener Klapperschlange gebanntes Kaninchen. Secherlech gelang es ehr, mich mit ihren entsetzlichen Augen verschlangtsirren, um mich dann, bildlich gesprochen, zu .,Mr. Thorold, der Regierungsbevollmächtigte, ist een , , Ich wache Sie zu ihr sühren, denn die Sache ., brauche nicht zu sagen, daß diese Vorladung mich met Besorgnis erfüllt, trotzdem wagte ich es nicht mich ihr zu entziehen. Und so folgte ich denn^meine?schLzen durch finstere, tunnelartige Gänge und matt erleuchtete Hofe in einen mir bisher gänzlich unbekannten Teil des Palastes. Endlich wurde ein gepolsterter Vorhang zur Seite geschoben: Ich befand mich vor der Rain Sundaram. • Fbrahini, allein ich glaube weder an Hexen noch Zauberkünste und irgend etwas derartiges." „Nun ja, ich wollte Sie nur warnen. Wenn es auf ."''kame so blieben Sie nicht in diesem Palaste, denn ich furchte, etwas Böses ist im Werk, auch. ." „Nun, was weiter?" fragte ich eifrig. . »'Nein", — er schüttelte den Kopf — „ich will mir nicbt wreder ^hren Zorn^zuziehen. Gestatten Sie mir nur die eme Frage: sehen Sie den Residenten häufig?" "Nein, ich habe ihn nur zweimal gesprochen" „So rst er also nicht Ihr Freund, nur . . ." . dreiem Augenblick ließen sich Sporengeklirr und kräftige Schritte auf dem Marmorbvden vernehmen: je- ^and kam rn den Hof. Es war Mr. Thorold^ mit der M^^'tsche in der Hand und einer Papierrolle unter dem Arm. Unwillkürlich warf er einen Blick in den Auüienz- Lund als er sich dann abwandte, blieb er wie ange- wurzelt stehen — ja, seine Augen täuschten ihn nicht: ^5. den ^uwelenhandler Ibrahim und Miß Ferrars in erfrrgem Gespräche nebeneinander hinwandeln! " .Als tcf; fernen ernsten, hoheitsvollen und überraschten St Slm9, tatsächlich einen Augenblick lang ver- sisihsi davonzulaufen und die beiden einander selbst zu überlassen^ Wie groß nnd gebieterisch erschien er mk" bu^t ^geschritten kam und seinen ©trolj« Mi?*u bem weibischer!, '/Das uenne ich eine Ueberraschung! Hier habe ich Sre ja noch nre gesehen. Miß Ferrars." ’ »K-r/iv trmt aut dem Wege in den Garten, als ich Mr ftcfi tieT b^h9Tte; ‘ ch Ibrahim grinste und verbeugte d- »Ich lernte ihn ber Frau Rosario kennen." , v„uch ^brahim und ich sind einander nicht aanz , antwortete Mr. Thorold mit einem leißten Nicke/ „Haben wrr uns nicht einmal in Bombay getroffen?" * Em eigentümlicher Ausdruck in Mr. Thorolds Augen und eine gewrsse Verlegenheit in Ibrahims Wesen aaben llttertoünf^^t^n^id)e als >ei weine Anwesenhei? hiex nun aber wirklich gehen", sagte ich des- ! Kommen""' rbe lä) I)Cut€ ganz um meinen Spaziergang »-d R8M d-v°- 17. Die erste Woche des März war angebrochen Fe näber I von den Astronomen für die Hochzeit als günstig be- zerchnete Tag heranrückte, desto mehr machte sich eine ae- I ^wegung in dem alten Paläste fühlbar Schlaft schüttle!" Ungeheuer sich schwerfällig im Du sollst es mit ihm versuchen." „Ich? Wre konnte ich!" „Die Antwort ist einfach: weil er in Dich vergafft ist." "Jem, das ist er nicht." Ich richtete.mich hoch auf. „311x1)6! Glaubst a/U, ich habe keine Äugen, oder ich em Dummkopf? Ich weiß, was ich sage. Sein ganzes Benehmen, wenn er sich nach Deinem Ergehen erkundigt. » i ?.V?^vt seine Liebe, und das Blut weicht aus seinem Ge- s sicht, wenn man ihm sagt, Du seiest krank. O, ich verstehe Mich auf die Gesichter der Männer. . . Widersprich mir Nicht mehr, jetzt rede ich, und Du hast zuznhören. Ich "." —öebete.l, die Perlen zu kaufen und sie den Schätzen unserer Familie einzuverleiben. Andere ' Staaten geben viel mehr Geld aus als wir. Nur diese Das erste Lebenszeichen bestand in einer großen im offenen Hofe abgehaltenen Tanzbelustigung. An den Gitterfenstern der Frauengalerien drängten sich bei dieser Gelegenheit die Gesichter eng aneinander denn I » ALvULUl“' Negierungsvevoumächtigte, ist em wollte die berühmten Tempelmüdchen von Tirpura tan'en I ^iann, schneidig wie ein Schwert, sehen, von denen es hieß, daß es im ganzem fübHrfi™ m kennst ihn und kannst ihn beeinflussen. Deine Macht Indien Nicht ihresgleichen gebe. Unten im Hof saßen bie * "M^uer; Du sollst es Mit ihm versuchen." ^wuer mit starren, gleichgiltigen Mienen, obwohl sie sich sicherlich am Lärm des Tamtam, den Feuerwerkskünsten S ®Iängen b/r heimatlichen Musik ergötzten, i wcv einen abgesonderten Beobachtungsposten fei ei vondem aus ich mir alles betrachten konnte 1 ~ ' bhue selbst gesehen zu werden. Mich enttäuschte iedocb der vielgeruhmte Tanz aufs höchste, denn er bestand nur aus einigen hin- und herschlürfenden Schritten, gezierten Stell-- B-Ei S“ ;=■?:■=«=■,ss । s WWSM iixSS-sFSiisS'ä - £"-Si -■ - ».*$ wandte ich mich nm ünd ra SZ b ffiSa/? ±r ber der leisesten Anspielung in Zorn wärtige. ^ 9nr' ote überall Gegen- und schwatzt mir von Steuern, verheerenden Regenfällen „Ihre Hoheit, die Rani Sundaram wünscht Sie in ihren bie*s?Davon will ich jedoch nichts hören; Gemächern zu sprechen", flüsterte sie mir zu 9 11 tc[)' t6) Itun emmal mem Herz daran „Mich sprechen? Wozu?" ‘ geyangl. iDCiß icß nirfji nur hrrß k * c I tu) UTtb TttBtTt 5)UTiü0btItl(I ülbCT ÜUtfj fQQeit Angelegenheit ist" } ' "Ut baß * tn ctner dingenden mögen, es hilft alles nichts; wir predigen7auben Ohron „Und wann denn?" I iv® ..^bta crnd ihr Bruder benehmen sich dabei wie l icywache Kinder, und sagen nur immer: warte, o Mutter, 271 Warte! Und inzwischen", fuhr sie fast schreiend fort, „kaust sie der Radschah von Ulu. Mcht eine Stunde ist zu verlieren. Höre wohl: Du sollst nun mit Thorold sprechen und ihn überreden. Es wird zu Deinem eigenen Vorteil sein. Merke Dir: zehntausend Pfund schenke ich Dir als Hochzeitsgabe, dann brauchst Du nicht mehr zu arbeiten und zu dienen; kannst Dein Leben und Deine Jugend genießen und der Welt draußen Deine Schönheit zur Schau stellen, wie es unter euch schamlosen Weibern ja Sitte ist." „Ich lasse mich durch keine Geschenke bestechen. Ueber- dies habe ich nicht den geringsten Einfluß auf Mr. Thorold. Als ob er mir erlaubte, mich in die Staatsangelegenheiten einzumischen! Ich bin hier, um die Kinder zu unterrichten, und nicht, um mich mit Geldgeschäften zu befassen." „Du bist hier, um meinen Befehlen zu gehorchen! Glaubst Du, ich, die Rani Sundaram, die seit vierzig Jahren über diesen großen Staat herrscht, lasse mir durch ein einziges erbärmliches Weißgesicht meine Hoffnungen vereiteln? Und groß ist Deine Macht, o Närrin! Du brauchst sie nur zu erproben, brauchst nur zärtlich mit ihm zu reden. Deinen Arm um seinen Nacken zu schlingen. Er ist auch nicht mehr als ein Mensch, dazu ein verliebter Mann, und Liebe und Klugheit wohnen nicht beisammen. Ein Küß von Deinen Lippen rettet ihm das Leben; dieser Kuß ist in Wahrheit der Preis der Jasra-Perlen." Ich machte die verzweifeltsten Anstrengungen, diese fürchterliche Frau zu unterbrechen, allein sie redete un- barmherzig weiter. (Fortsetzung folgt.) Plaudereien aus der Kaiserstadt. (Nachdruck verboten.) Berliner Frühlingszeichen. — Das AnSstellungsfieber. — Peter Dörner, der Schlangenschmied. — Am Lehrter Bahnhof. Wer bisher noch immer nicht glauben wollte, daß es wirklich Frühling geworden sei in Berlin, den hat das kräftige Lenzgewitter mit krachenden Donnerschlägen un& den in unseren Vororten zum Programm gehörenden Ueberschwemmungen am 1. Mai eines besseren belehrt. Die ganz Verstockten aber werden sich durch den plötzlichen Ausbruch des Ausstellungsfiebers überzeugen lassen müssen, das in und um Berlin auftritt. Denn wir haben in der „Philharmonie" nicht nur eine sehr sehenswerte Gartenbau-Ausstellung; auch die Rixdorfer treffen die letzter: Vorbereitungen, um den vierbeinigen Herrschaften aus den edlen Geschlechtern der Möpse, P i n t s ch e r und Doggen eine standesgemäße Unterkunft bieten zu können; bei Gladenbeck in der Leipzigerstraße läßt ein Tiroler Kunsthmrdwerker, der Schlaugenschmied Peter Dörner aus Welsberg im Dolomitenrevier, seine prächtigen schmiedeeisernen Erzeugnisse bewundern: Blüten und Blätter von einer Naturtreue und Feinheit, die das Staunen aller Besucher erregen, vor allem aber Schlangen, Schlangen als Basenhalter, als Leuchter, als Briefbeschwerer re., in allen Stellungen, ganz wie sie dieser Autodidakt in seiner Künst daheim beobachten konnte. Dörner hat in seinem armen, versteckten Dörfchen durch sein aus sich selbst hervorgewachsenes Talent eine Art Hausindustrie geschaffen, die manch einem über die Nöte des Daseins besser hinweghilft, und manch schön verschlungener Haken, manch schlangenumwundenes Blumenglas in Berliner Heimen wird nun auch an der Spree künftighin Zeugnis von dem Fleiße in der Bergschmiede der Dolomiten ablegen. Das Hauptinteresse in diesen ersten Maitagen erregen natürlich die beiden eben eröffneten Kun st a us st e ll u n - gen am Lehrter Bahnhof und in Charlotten- bur g. In unserer Presse ist es längst zur Gewohnheit geworden, über die offizielle „Große" das ganze Maß von Verachtung auszuschütten, das den betreffenden kritischen Halb- und Ganzgöttern zur Verfügung steht und dafür die Sezession über den Schellendaus zu loben. Ich meine, das ist ein schlechter Dienst, den man den Charlottenburger Eigenbrödlern da leistet, die ja eigentlich nichts weiter wollten, als der alten Unduldsamkeit den Garaus machen, und ihrem Schaffen den gleichen Platz an der Sonne zu erobern. Nun sind die Heroldsrufer der Sezession längst in den Fehler der „Alten" versallen und ächten kraft ihrer kritischen Machtvollkommenheit mit geringen Ausnahmen alles, was am Lehrter Bahnhof zugelassen ist. Es berührt direkt komisch, jedes Jahr die Einleitungskrüftk mit derselben vernichtenden Phrase eröffnet zu sehen: „So schlecht wie diesmal war die „Große" überhaupt noch nicht re." Einzig im Vorjahre hatte man ein paar Namen der begönnerten Richtung zu Liebe eine Ausnahme davon gemacht. Heuer aber ertönt wieder die alte abgeleierte Melodie. Vierundzwanzig Stunden nach Beginn kann man es lesen, daß unter den mehr als 2000 ausgestellten Kunstwerken wieder nichts so recht der Mühe Lohnendes zu entdecken sei. Müssen die Herren Nerven haben, das in der kurzen Zeit so siegessicher feststellen zu können! Glücklicherweise läuft nicht jeder Laie folgsam hinter dem Wüterich drein, um überall da, wo er's vorgeschrieben, gleichfalls die Achseln zu zucken und ein paar derbe Worte von „Schinken" oder „Nachtreterei" und „süßlichen Widerwärtigkeiten" zu murmeln. Es gibt noch immer Leute, denen 'Eckenbrechers Luftklare Fjordlandschaften gefallen, die an einem Bilde, wie >Eschkes herbstlichen Spreewaldkastanien, ihre Freude haben, denen Hans Herrmanns frischfarbiger Blumenmarkt ebenso goldige Stimmungen auslöst wie Ferdinand Kellers Waldesstille und manche andere gute Leistung. Zu der Kette einheimischer Künstler kommt ein Einschlag spanischen und ungarischen Schaffens, der allerdings aus bemerkbarer Höhe steht. Ein mächtiges Bild von Sorolla y Bastida „Einschleppen der Barke" Vermittelt uns in seiner kraftvollen Anschaulichkeit zugleich einen Farbenzauber, neben dem manch anderes verblassen muß. Eine ähnliche Wirkung übt Vinegra y Sassos „Weinlese" aus. Unter den Ungarn ragt neben Michael Munkaezys bekanntem Bild „Eingesangene Strolche" besonders Julius von Benoeznrs „Zurücknahme Ofens" hervor. Sonderräume hat man diesmal für Lenbach, Eckenbrecher, Frenzel, Ku- lierschkh, Ludwig Dill, Schnee und den Porträtmaler Alfred Schwarz bewilligt, lieber die Berechtigung dieser Auswahl läßt sich streiten. Wer es gibt unter den Streitenden auch Leute, denen Lenbachs Kunst zu traditionell geworden ist und in seinen wächsernen Fleischtönen nicht mehr zusagt. Geschmack und Kunst bewegen sich eben unaufhörlich vorwärts, in Spirallinien, sagen die Optimisten, im Kreise, die Szeptiker! — Für naive Leute von besonderer Anziehungskraft wird eine Riesenleinwand sein, auf der Hans Bord in höherem Auftrage „Das erste deutsche Linienschiffgeschwader" mit feuenwen Kanonen w. dargestellt hat, eine technische Leistung, die als solche sicherlich Anerkennung verdient, aber ohne großen künstlerischen Wert ist. Aus dem Privatbesitz des Kaisers ist ein Schöbelsches Bild vorhanden: „Abschied der Armee von Friedrich dem Großen", das den toten König in Paradeuniform auf seinem letzten Bette zeigt. Vor einem Plafond gemälde Munkaczys, das senkrecht plaziert ist, machen sich gute Leute der sonderbaren Perspektive wegen viel unnötige Kopfschmerzen, die ihnen jedoch draußen in dem gänzlich umgestalteten, herrlich gewordenen Ausstellungspark, der nun wirklich einer Großstadt würdig erscheint, bald wieder vergehen. A. R. Vermißtes. * Das Totlicgen der Säuglinge. Der Fall, daß em Kind, das bei einem Erwachsenen im Bette schläft, während des Schlafes erdrückt wird und morgens tot im Bette gefmchen wird, kommt vereinzelt überall vor. Mit erschreckender Häufigkeit ereignen sich diese Fälle aber in England. In den letzten zehn Jahren wurden daselbst 15000 derartige Fälle bekannt, sodaß das „Totliegen" der Säuglinge zu einer ständigen Rubrik in den Büchern der Leichenschaubeamten geworden ist. In Liverpool war jeder 7. Fall von gewaltsamem Tode auf diese Weise entstanden und in London wurden im Jahre 1902 588 meist unter 3 Monate alte Kinder von ihren Müttern im Bette erstickt. Natürlich handelt es sich meist um Leute, die kein Geld haben, um sich eine Kinderbettstätte zu kaufen, meistens ist mit dieser Armut aber auch die Trunksucht kombiniert und gerade bei betrunkenen Müttern ereignen sich diese Unglücksfälle am häufigsten. In selteneren Fällen kann die Ursache, wenn ein Kind tot im Bette gesunden wird, eine andere fein und diese muß ausgeschlossen werden, ehe man eine Anklage auf fahrlässige Tötung erheben darf. So kann Erstickung eintreten beim Brechakt, wenn Speisen in den Kehlkopf gelangen; man hat auch schon Erstickung bei Kindern, die an 272 Würmern leiben, Ye ob achtet, ferner bei Stimmritzenkrampf, auch sind plötzliche Todesfälle öfters beobachtet worden bei der Vergrößerung der Tymusdrüse. Neuerdings hat man die Wahrnehmung gemacht, daß plötzliche Todesfälle auch Vorkommen können Lei Kindern, die au Flechten leiden, und es wird daher vor zu,rascher Behandlung und' vor d em zu raschen Verschwinden derselben ärztlicherseits gewarnt. Man hat nämlich nach rascher Mheilung von ausgedehnten Flechten neuere Krankheiten entstehen sehen, sodaß der alten Volksmeinung von dem „Zurückschlagen" der Flechten doch einige Bedeutung zukommen dürfte. Dies ist auch der Standpunkt von Prof. Henoch, des Altmeisters der Kinderheilkunde, der bei inneren Krankheiten eine auffallende Besserung wahrnahm, als die abgeheilten Flechten wieder zum Vorschein kamen. (Kl. Pr.) * N e u e r e F o r s ch u n g e n ü b e r d e n E i n f l u ß d e r V e r d a u u n g a u f d ie Arbeit. Es ist bekannt, daß eine starke körperliche Tätigkeit kurz nach einer Mahlzeit die Verdauung stört und aufheben kann. Unter dieser Bedingung werden in der Tat die Magenabsonderungen mehr oder weniger vermindert. Die geistige Arbeit kann dieselbe Wirkung hervorb ringen. Umgekehrt vermindert aber auch die Arbeit der Verdauung die seelische Tätigkeit in allen Formen. Der französische Forscher Förö hat nach der „Med. Woche" interessante Experimente angestellt, um zu ermitteln, in welchem Verhältnis die .Berdauungsarbeit die Muskeltätigkeit herabsetzen kann. Er hat gefunden, daß diese Herabsetzung viel beträchtlicher war, als man es ahnen konnte. Im Verlauf der ersten Stunde, die dem Einnehmen einer Mahlzeit folgt, erreicht die ohne Ermüdung ausgeführte Arbeit kaum die Hälfte der in nüchternem Zustande vollbrachten Arbeit; aber die Verminderung wird vom Beginn bis zum Ende dieser ersten Stunde stündig größer. Von ungefähr 75 Prozent in den ersten zehn Minuten fällt die Arbeitsleistung von der 45. bis zur 60. Minute bis auf 10 Prozent. Der Einfluß der Würze der Reizmittel, wie Tabak und Alkohol, macht sich in einer sehr deutlichen Art bemerkbar, indem er die Ermüdung beseitigt, aber nur für eine sehr kurze Zeit, die niemals zehn Minuten überschreitet; nachdem erscheint die Müdigkeit wieder und zwar stärker, als sie es ohne diese vorübergehende Erregung gewesen wäre. *DerZuzugvonDienstmädchennachBerlin ist im Jahre 1903 ganz außerordentlich gestiegen. In den Jahren 1900, 1901, 1902 waren 48 266, 45 766, 43 945 Dienstmädchen als nach Berlin zugezogen angemeldet worden, so daß hiernach die Dienstmädchen-Zuzüge sich im Laufe von nur zwei Jahren um reichlich 4300 vermindert hatten. Im Jahre 1903 dagegen wurden 49 025 Dienstmädchen als zugezogen angemeldet, es ist also gegenüber dem vorhergehenden Jahre ein Mehr von reichlich 5000 zu verzeichnen. Zugleich haben die Wegzüge von Dienstmädchen im letzten Jahre nur eine geringfügige Vermehrung erfahren. 1900, 1901, 1902 waren 38150, 37 088, 37 614 Dienstmädchen als von hier weggezogen abgemeldet worden, und für 1903 ergaben die Abmeldungen 37 993 Dienstmädchen-Wegzüge. Wenn von der Unvollständigkeit der Meldungen abgesehen wird, so hatte der Ueberschuß der Zuzüge über die Wegzüge in den drei vorgenannten Jahren 10116, 8678, 6331 betragen, im letzten Jahre dagegen war es wieder 12 032. Natürlich hat die Gesamtzahl der Berliner Dienstmädchen nicht um den vollen Betrag der Zuzugs-Ueberschüsse zugenommen. Durch Berufswechsel, Heirat usw. scheidet alljährlich eine große Zahl bisheriger Dienstmädchen aus. Beispielsweise waren in den vier Jahren 1900 bis 1903 unter den in Berlin heiratenden Frauen 3984, 3950, 3556, 3831 Dienstmädchen. * Det Mächen. Ein Berliner Schularzt untersuchte kürzlich die Abc-Schützen einer Gemeindeschule. Die Lehrerin machte ihn besonders auf einen Jungen aufmerksam, der,, obwohl körperlich und geistig ganz gut entwickelt, die seltsame Angewohnheit habe, unaufhörlich zu lachen. Trotz der sorgfältigsten Untersuchung konnte der Arzt nichts Anormales an dem Kinde entdecken, welches auch alle an ihn gerichteten Fragen ernsthaft beantwortete. „Nun, sage mir mal, mein Junge, warum lachst Du denn immer tn Fräuleins Stunden?" fragte schließlich der „Wenn^ick det M ä ch e n sehe, muß ick lachen!" antwortete! der Knirps prompt. Literarischer. — A. Hartleben's Volks-Atlas, enthaltend 72 Karten in 100 Kartenseiten erscheint in A. Hartleben's Verlag in Wien in vierter, vollständig umgearbeiteter und erneuerter Auflage. Das Werk erscheint in 20 Lieferungen zu 50 Pfg., oder in Halbfranzband geb. 12.50 Mk. — Dieser Volks-Atlas hat schon bei seinem ersten Erscheinen allgemeinen und ungeteilten Beifall gefunden. Dieser Beifall wird wohl in ungeschmälertem Maße auch der neuen Ausgabe zuteil werden, da für sie nicht nur sämtliche Karten auf das sorgfältigste durchgesehen und durch entsprechende Ergänzungen zeitgemäß erneuert wurden, sondern eine Anzahl von minder bedeutsamen Karten der früheren Auflagen durch vollständig neue Karten von Ländergebieten, welche gegenwärtig zumeist int Vordergründe des Interesses stehen, ersetzt wurden. Solche Karten sind: Tie Völker der Erde; Der Verkehr int Atlantischen Ozean; Der Verkehr im Großen Ozean; Serbien, Bulgarien und Mazedonien; Rumänien; Nieder- und Oberösterreich; Britisch-Südafrika; Kaiser Wilhelmland und Bismarck- Archipel. — Friedrich Naumann. Die Frau int Maschinenzeitalter. Verlag der Freistatt, München. Dieser von Friedrich Naumann in München gehaltene, epochemachend wirkende sozialpolitische Vortrag liegt hier als Broschüre vor. Wir verweisen unsere Leserinnett darauf, denn es ist hochbedeutsam, was dieser vorurteilslose Denker über das Eindringen der Frauenarbeit in die Industrie und über die Notwendigkeit der Einfügung der Frauenarbeit in den Produktionsprozeß gesagt hat. Es ist die gerechteste sozialökonomische Wertung der Frauenhaft. — Die Pflege des Kindes. Zehn Briefe an eine junge Frau von einem prakt. Arzt. (Mannheim, I. Bensheimer.) Preis Mk. 1.20. Das wohlfeile Büchlein will die notwendigsten Kenntnisse über die Pflege des Kindes verbreiten und ein Führer durch das Gebiet der Kinder- und Säuglingshygiene sein, soweit diese mit den Mitteln der Familie möglich ist. Besonders lobenswert ist, daß der Verfasser, der jedenfalls ein genauer Kenner der Arbeiter-Familienverhältnisse ist, mit seinen Vorschriften überall in den Grenzen des auch für die unbemittelten Kreise erschwinglichen Aufwandes sich hält. Dem Buch ist eine große Verbreitung zu wünschen, weil es wohl im stände ist, die in der Bevölkerung noch vielfach umgehenden abenteuerlichen Anschauungen über die Säuglingsernährung und Kinderpflege zu berichtigen." Rösselsprung. (Nachdruck verboten.) Auflösung in nächster Nummer. weil stock das der stets der nach mehr aber drü wir ist's den $u wein glück nichts der gar bar gute sich glück nicht M •ft ' be be ser dern schlägt ist nie trau wir un wert des aus trägt schwe geh an un das ren ren schmöhn ben Auflösung des Abstrichrätsel in vor. Nr. Norderney. Redaktion: August Götr. — Rotationsdruck und B erlaa t,ct Brühl'scken UuiversttötS-Buch- und Eteindruüerei. R. Lange, Gießen.