t BBf I ■fttifx s vWlsWWWR. M_ :* * (Nachdruck verboten.) Kissa Jafcsuier'. Von RichardVoß. Zweiter Band. (Schluß.) Die Prinzessin von Dora an die Herzogin Vere de Were London, Vere-House,' ^.«tgland. Cannes. Heute abend las ich im „Figaro" die Depesche: Er ist mit dem Pferde verunglückt. Auf Tusculum, von dem Felsen unter dem Kreuz ist er abgestürzt! Man spricht von Selbstmord bei unheilbarer geistiger Störung. Ich weiß es besser: Der Ginsterzauber hat ihn herabgeholt! * Dreimal las ich die Depesche. Zuletzt las ich sie mit lauter Stimme mir selber vor. * Noch immer fühlte ich nichts . . . * Dann klingelte ich meiner Kammerfrau. Ich ließ mich zum Tiner a/kleid en. Zu me nee Toilette nahm ich seine Lieblingsblumen: weiße Narzissen. Wir speisten bei meinem exotischen Prinzen. Ich saß neben Seiner Kaiserlichen Hoheit, sah sehr schön aus und wurde sehr bewundert. Nie in meinem Leben war ich so liebenswürdig. Man sprach auch von seinem Tode. Ich erzählte, daß wir vor einem Jahre Nachbarn waren und daß ich ihn gelaunt hatte. Und noch immer fühlte ich nichts! Ich dachte, wenn du jetzt plötzlich sagen würdest: „Ich war seine Geliebte. Ich brachte ihn um den Verstand. Ich jagte ihn in den Tod!" Es hätte Sensation gemacht. . . Aber ich schwieg. Ich war feige. Nach zehn Worten sprach man von etwas anderem. Er war abgetan. Mein Ruf ist wirklich tadellos! Niemand ahnt etwas. Ich kann in Ehren die Ehrendame der gestrengen und tugendhaften Königin sein. * Mein junger Held von damals war gleichfalls bei dem Tiner. Sein Blick verschlang mich^ Sein Blick fragte mich unaufhörlich: „3 ft es denn noch immer nicht Zeit?" Nach dem Tiner machte er mir eine rasende Erklärung. Er sagte mir, daß er sich töten müßte, wenn ich ihn nicht erhörte. Ich nahm seine „große Leidenschaft" sehr heiter auf. Tann nach Hause, dann allein! Hätte ich in meinem Herzen nur ein leises Zucken gefühlt! Oder — da ich kein Herz habe — eine ganz leise Regung meines Gewissens . . . Eine sehr, sehr starke Tosis Morphium wäre so leicht zu nehmen gewesen. Aber ich- fühlte nichts — nichts — nichts! Also bleibe ich leben. * Herr Richard Voß an Frau Melanie Voß Berchtesgaden, Villa Bergfrieden, Deutschland. Villa Falconieri, 15. Mat. Und so schritt er denn aus seinem „leuchtenden Hause" hinaus in die feierliche, schweigende Nacht. . . In der Halle war Maria. Als sie sein stilles, verklärtes Gesicht sah, wußte sie sogleich: jetzt wird er-s an sich vollbringen! Sie hatte darauf seit Monaten gewartet. Tie Aerzte hatten ihr gesagt, daß es Gehirnerweichung wäre, daß das (Aide noch lange, lange ausbleiben könnte, daß er unmenschlich litt. Sie hatte sich geweigert, ihn in eine Anstalt überführen zu lassen, hatte seit Monaten die treuesten Wärter- und Wächterdienste getan, hatte seit Monaten auf die Erlösung geharrt, heimlich darauf gehofft. Mit eigener Hand hatte sie für ihn den Schlaftrunk bereitet. Aber er glaubte sich von der „fremden Frau" verfolgt und seines Lebens bedroht. Er wollte die Erlösung aus ihren Händen nicht annehmen. Jetzt brachte er sie sich selbst. Endlich! Seit dem Tage, wo die geistige Nacht für ihn begonnen hatte, war Maria die „fremde Frau" gewesen. Jetzt erkannte er, daß cs Maria war: in seiner letzten Stunde erkannte er sein Weib. Er ging zu ihr, sah sie mit stillem Lächeln lange an, küßte sie auf die Stirn und sagte leise: „Liebe liebe Maria!" In diesen letzten drei Worten, die er zu ihr sprach, war sein ganzes zwanzigjähriges Leben mit ihr enthalten. Und es lag in diesen letzten drei Worten inbrünstiges Flehen um ihre Vergebung und zugleich glühender Tank für ihr Liebesopfer, das reumütige Bekenntnis seiner Schuld und zugleich die jubelnde Erkenntnis der Wahrheit: Tu bist auf Erden meine himmlische Liebe g ewesen! Tann ging er, sattelte selbst sein Pferd und ritt davon: 142 am Cypresseuteich vorbei, zum Hinteren Parktor, bei der Villa Mondragoue hinaus. Maria begab sich in sein Zimmer. Auf dem Schreibtische lagen die Papiere, die ich Dir chit diesem Briefe schicke. Maria las alles. Ter einzige Gedanke, dessen sie sich fähig fühlte, war: Mlöst! Bald wird er von allen Leiden erlöst sein!' Seine Aufzeichnungen lesend, blieb sie in seinem Zimmer, bis der Tag graute. Als es im Kapuzinerkloster zur ersten Andacht läutete, ging sie hinaus, um die Knechte nach ihm auszuschicken. Ta sagten ihr die Leute: „Ter §err muß im Hause sein! Wir sahen ihn soeben erst. Er ging um die Villa. Maria eilte in den Stall. Wer das Pferd war fort. Man suchte im Hause, im ganzen Park. Wer er war nicht da. Tie Knechte liefen zu den Toren und sanden sämtliche Eingänge bis auf das hintere Parktor verschlossen. Tiefes Tor stand weit offen. Wer die Knechte fanden nirgends die Spuren, daß das Pferd zurückgekehrt wäre. Und doch hatten sie den Herrn vor einer Viertelstunde vnt die Villa gehen sehen! Maria berief die Leute und hielt ein förmliches Verhör. Wer hatte den Herrn gesehen? Es waren vier Personen gewesen: der Inspektor, der die Leute weckte; der Oberknecht, der die Pferde fütterte; einer von den Ochsenjungen und ein Gärtner. Tiefe vier Personen hatten sich zur nämlichen Zeit an verschiedenen Stellen beim Hause befunden. Und alle hatten den Herrn gesehen, wie er, aus der Halle tretend, durch das Löwenportal in den Hof gegangen war; und ans dem Hofe nach der hinteren Seite der Villa. Er war langsam, langsam gegangen, ohne stehen zu bleiben und sich umzuschauen. Jeder von den vieren hatte ihn gegrüßt. Aber er hatte keinen Gruß erwidert, worüber jeder erstaunt gewesen war; denn der Graf liebte seine Leute, wie er von ihnen geliebt wurde. Wann war das gewesen? Gerade als sie bei den Kapuzinern den Morgen einläuteten. Also um vier Uhr. Jetzt war's halb fünf. Wo war der Herr zuletzt gesehen worden? Als er in den Hof eingetreten war, von dessen Mauerrand der große weiße Rosenstrauch herabhing. Ta kam ein Hirt gelaufen und schrie: „Auf Tusculum unter dem Kreuz liegt der Graf mit dem Pferde! Tas Pferd ist gräßlich zerschmettert. Der Herr liegt da, als schlafe er nur." Als der Mann den Toten gefunden, war er noch wann gewesen. Bei den Kapuzinern hatten sie gerade den Morgen eingeläutet. In Frascati soll über den Vorfall eine notarielle Urkunde ausgenommen werden. Es gibt eben mehr Tinge Hwischen Himmel und Erde — Hier hat das Volk einen Aberglauben, in dem ein tiefer Sinn liegt: Tem Menschen sei die Macht gegeben, in der ersten Stunde nach seinem Tode noch einmal die Stätte zu umschreiten, die ihm auf Erden die liebste gewesen. Und so umschritt denn unser Freund im Tode noch einmal sein liebes leuchtendes Haus.... Auf allen Wegen rings um Tusculum fand man die Spuren seines Pferdes. Er muß also die ganze Nacht durch geritten sein. Als der Morgen graute, lag nach Aussagen der Hirten ein wogendes Nebelmeer um den Gipfel. Aus dem dichten Tunst ragte nur das Kreuz auf. Er sprengte mitten in das Gewölk hinein und in die Ginsterblüte hinunter. * In seinem heiteren Frühlingszimmer bahrten wir ihn auf. Michelangelos sterbender Sklave stand zu seinen Häupten; die beiden kleinen Genien ließen bunte Blütengewinde über ihn niederhängen und die holde Frühlingsgöttin schien ihren ganzen Lenz aus ihn herabzustreuen. Tn glaubst nicht, wie friedlich nnd feierlich er aussah! Und so jung! Fast wie ein Jüngling. Gestern nacht begruben wir ihn an einem Platz, den er sehr geliebt hat. Er liegt zwischen den beiden hohen Pinien, die, wenn man über die Villa Rnfinella nach Tusculum hinaufsteigt, nahe beim Amphitheater dicht am Wege stehen. Hier ruht er hoch über der Campagna und dem Molaratal, angesichts des Cavo und des Landes der Aeneide. Man sieht die schönen alten Bäume, die seine Ruhestätte bewachen, von Rom sowohl wie von Tivoli aus. Es ist ein wahres Königsgrab — Nein! Es ist ein echtes Tichtergrab! Sein Begräbnis sollte in aller Stille stattfinden; aber er hatte ein Leichengefolge wie ein toter Volksmann oder ein Märtyrer. Von weither kamen die Landleute herbeigeströmt. Jetzt treffen aus allen Städten Italiens Deputationen mit Kronen und Kränzen ein. Sie kommen zu spät. * Villa Falconieri, am 30. Mai. Italien ehrt seine Toten. Gestern abend fand in Rom im Nationaltheater für unfern stillen Freund eine großartige Feier statt. Sein „Frühling" wurde aufgeführt. Tie kleinste Rolle war durch einen ersten Künstler besetzt. Ter Eindruck war ein ungeheurer. Assunta Neri spielte, wie man sie nie zuvor spielen gesehen hatte. Sie war keine Schauspielerin; sondern eine Priesterin. In einem Tempel stand sie vor versammelten Volke und verkündete allem Volke das Evangelium von der erlösenden Liebe des Weibes. Ich saß in einer Loge bei Maria, deren hohes Lied heute gesungen wurde. Tenn Maria hatte der Tote gemeint, unb nicht Viviane. Ich sah die Prinzessin. Sie kam mit der Königin, die wie sämtliche Tamen in Schwarz erschien. Ich konnte das Gesicht der neuen Ehrendame deutlich erkennen. Es war bleich wie weißer Marmor und von der Holdseligkeit einer Melusine. Tie Prinzessin blickte immerfort zu Maria hinüber. Sie war so gespenstisch regungslos, daß es im Hause Aufsehen erregte. Nach Schluß der Vorstellung ging der Vorhang noch einmal in die Höhe ... In einem Blütenheim war unseres Freundes Büste aufgestellt; und bei den Klängen des Beet- hovenschen Trauermarsches legten die Künstler Lorbeer vor seinen! Bilde nieder. Nur Assunta Neri tat es nicht. Tas Publikum erhob sich von den Sitzen . . . Ich wurde dann in die Loge der Königin berufen, die gut und klug mit mir über bett Verstorbenen sprach. Sie ließ mich ihren Tamen vorstellen. Die Prinzessin wollte mir die Hand reichen; aber wie gelähmt sanken ihre Arme herab. Sie - wollte mit mir sprechen; pber um ihre Lippen zuckte es wie um den Mund eines Kindes, das sich mühsam der Tränen enthält. Stumm sah sie mich an. Es war ein trostloser Blick. Maria umarmt Dich mit Schwesterliebe. Ich begleite sie morgen nach Brindisi, wo sie sich für Afrika einschifft; in der italienischen Armee ist der Typhus ausgebrochen. Vielen wird sie Trost und Hilfe bringen. Tas ist auf Erden ihr Amt! * Ein Letztes von dem Toten und seinem „leuchtenden" Hause. Tiefes verfällt und verödet mehr und mehr. Unkraut wuchert aus den Wegen, der Cypressenteich versumpft, die Rosen vor der Billa sind wieder Wildnis geworden. Verwüstet liegt das „Zaubergärtlein". Tie Sarkophage in der Villa Taverna wurden an den Meistbietenden verkauft. Nur Marias weißer Rosenstrauch blüht von Jahr zu Jahr herrlicher über der jetzt vollständig zertrümmerten Bildsäule des antiken Nymphäums. Ws dem Grunde des Hofes fand ich noch in diesem Jahre einen von den „hunderttausendmal hunderttausend" Briefen, die der arme Wahnsinnige geschrieben und durch die Winde hat verstreuen lassen. Auf dem Zettel stand mit großen festen Buchstaben: „Die himmlische Liebe ist doch die höchste Liebe!" 143 Ter Fremde, der in einer schönen Mondnacht durch das Falkentor eingeht, den schimmernden Oelwald durchschreitet, durch das zweite hohe Portal in die feierlichen Schatten der Steineichen tritt und weiter wandelt — vor diesem liegt plötzlich die Villa Falconieri in solchem magischen Glanze, daß er gewiß begreift, warum sie noch immer das „leuchtende Haus" ist. Er, der dieses Haus seine leidenschaftlichste und zugleich glücklichste Liebe genannt hat, erhielt die selbstver- saßte Grabschrift, und an die Felswände unter dem Kreuz von Tusculum haben Hirten eine kleine Gedenktafel gestiftet. Sie ist aus weißem Stein und zeigt in schlichtem Bilde die Gestalt der göttlichen Jungftau. Darunter steht geschrieben : „Maria, bitte für ihn!" Ende. Ate Iakryuttdeclfrier der M-itischen und Ausländischen Divekg-seklschaft und die Kiöel. Am 7. März begeht die Britische und Ausländische Bibelgesellschaft die Feier ihres hundertjährigen Bestehens. Dies Ereignis darf, trotz der geringen Sympathie, die man bei uns im allgemeinen England und englischen Dingen entgegenbringt, doch auch in der deutschen evangelischen Christenheit auf eine weitgehende freudige Teilnahme rechnen. Ueberhanpt sieht sich, wie allgemein bemerkt werden mag, England vom Standpunkt der Mission und der Ausbreitung des Evangeliums ganz anders an, als mit den Augen des Politikers, und es ist im Interesse unseres Verhältnisses zu dem eng stammverwandten Volk, wenn wir diese Seite nicht ganz vergessen. Nicht bloß ist die Mission, auch die deutsche, England viel Dank schuldig sür weitherziges Verständnis und tatkräf- tige Förderung, sondern das englische Volk hat auf diesem Gebiete, wie auch auf dem der christlichen und humanen Liebesübung so großartige Eigenschaften entfaltet, solchen Opfersinn betätigt, daß wir nur von ihm lernen können. Auch die Britische und Ausländische Bibelgesellschaft hat ja mit ihrer Arbeit ganz besonders der Mission gedient. Ihr Losungswort war von anfang an: „Die Bibel für die ganze Welt!" Sie hat es in diesen hundert Jahren in einem kaum geahnten Umfang zur Wahrheit gemacht. Bis 1903 hat sie 180 Millionen Exemplare teils der ganzen Bibel, teils des Neuen Testaments, teils einzelner Bibelteile gedruckt und verbreitet, im Jahre 1902/03 allein fast 6 Millionen (gegen 1 ein Sechstel Millionen im Jahre 1852). Im ganzen hat sie seit 1804 für die Herstellung und Verbreitung dieser riesigen Bibelmenge fast 280 Mill. Mark ausgegeben. Durch ihren Dienst wurde die Bibel in 370 verschiedene Sprachen und Dialekte übersetzt, zu allermeist durch den selbstverleugnenden Dienst der Missionare. Davon sind 97 Uebersetzungen der ganzen Bibel, weitere 93 des dienen Testaments, und weitere 180 einzelner Bibelteile durch sie gedruckt und verbreitet. Was das bedeutet, begreift man, wenn man hört, daß allein für den Druck der chinesischen Bibelübersetzung 4000 Schriftzeichen nötig waren. Daß die englische Gesellschaft auch uns Deutschen gedient hat, beweist u. a. die Tatsache, daß unter den 1902/03 herausgegebenen acht neuen Uebersetzungen auch die des Lucas- evangeliums ins Schambala für unsere deutsch-ostafrika- nische Mission war. Aber wir brauchen nur eine beliebige Bibel in unseren Häusern aufzuschlagen, so werden wir in der Mehrzahl der Fälle die Brit. und ausl. Bibelgesellschaft als Herausgeberin genannt finden. Und das tut nicht englischer Geschäftsgeist, sondern der Opfersinn der englischen Christen. Denn selbst bei diesem großartigen Massenbetrieb ist das Exemplar nicht so billig herzustellen, wie es unter uns verkauft wird. Eine schöne Bibel in gutem Einband und Druck kann man schon für 90 Pfg. haben, ein Neues Testament für 25 Pfg. Die Verbreitung geschieht meist nicht durch den Buchhandel — der daran nicht genug verdient —, sondern durch besondere Agenturen und Bibelboten (auch Frauen, besonders in Indien und in mohammedanischen Ländern), deren ein ganzes Heer, ca. 1500, im Auftrag der Gesellschaft die Welt durchziehen. Auch die Entstehung der Gesellschaft beansprucht in ganz besonderer Weise unser Interesse. Eines Tages kommt zu dem Pastor Charles in Bala in Wales ein schüchternes Landmädchen, Mary Jones, legt ihm ein Pfund (20 Mi.) auf den Tisch mit der Bitte, ihr dafür eine gälische Bibel zu verkaufen. Sie erzählt ihm, daß sie seit sechs Jahren von ihrem kargen Tagelohn Heller bei Heller gespart, um in den Besitz einer eigenen Bibel zu kommen. Er hat nur noch ein Exeurplar, das letzte überhaupt, denn die Bibel ist vergriffen und die Buchhändler scheuen die großen Kosten einer neuen Auslage. Ergriffen von ihrer Erzählung tritt er ihr das Exemplar ab, obwohl es bereits einem Amtsbruder zugesagt war. Wer die Not des Volkes, das keine Bibel hat, treibt ihn nach London. Dort legt er mit feurigen Worten dem Vorstand der neu gegründeten Traktatgesellschaft sein Anliegen vor und erlangt das Versprechen, die Gesellschaft wolle einen Neudruck der gälischen Bibel veranstalten und zum Selbstkostenpreis verbreiten. Da siel in der Versammlung das Wort: „Wenn für Wales, warum nicht für alle in Großbritannien?" und als begeisterte Zustimmung erfolgte, der weitere Vorschlag: „Wohlan denn, w a s w i r u n s e r e m Volke bieten wollen, laßt es uns der ganzen Welt bereiten: Jeglichem Volk der Erde das Wort Gottes in seiner Mutters p r a ch e!" Auf dieser Grundlage trat dann am 7. März 1804 die „Britische und Ausländische Bibelgesell- schen" ins Leben. Bei ihrer Gründung war auch ein edler deutscher Pfarrer, Dr. Steinkopf aus Bafel, der Sekretär der „Deutschen Christentumgesellschaft", der Vorläuferin unserer Vereine für äußere und innere Mission, in hervorragender Weise tätig. Zum Gedächtnis dieses Ereignisses, dem auch wir so viel Dank schulden, wird der 6. März in der evangelischen Kirche Deutschlands als Bibelsonntag begangen werden; und es ist der Wunsch und die Hoffnung, daß unser deutsches und evangelisches Volk sich an diesem Tage nicht nur der Verdienste der Brit. und Ausl. Bibelgesellschaft erinnere, sondern sich auch darauf besinne, was es an seiner Bibel hat. Das tut fteilich, sehr not. Mit Recht wird schon lange bei nns über mangelnde Bibelkenntnis geklagt. Unsere Gebildeten vor allem ahnen nicht, daß es ein Mangel an Bildung ist, wenn man dies „Buch der Menschheit" nicht kennt. Kommt doch von allen großen Büchern der Weltliteratur keins der Bibel gleich an allgemeiner Bedeutung und unerschöpflichem Einfluß auf die Erziehung des Menschengeschlechts. Der Koran Mohammends darf überhaupt nicht übersetzt werden, er will nur in der heiligen arabischen Sprache gelesen sein. Tie Bibel dagegen will und kann von Anfang an übersetzt werden, sie will zu jedem Volk in seiner Sprache reden. Sie hat keine Weltsprache geschaffen, kein Volkstum zerstört und doch eine einheitliche Anschauungswelt und eine geistige Gemeinsamkeit der Völker herbeigeführt: sie verstehen einander wirklich so weit sie die Bibel lesen. Tie Geschichte jedes Volkes fängt an mit einer Bibel in seiner Sprache, und jedes Volkes'Sprache wird durch sie zum höchsten Adel erhoben. Sie hat der Menschheit das Bewußtsein von ihrer Einheit und dem sittlichen Ziel ihrer Entwicklung gegeben, uitb doch ist's jedem Einzelnen, als ob sie eigens für ihn geschrieben wäre. Die tiefsten Denker finden in ihr Genüge, und kommen nicht über sie hinaus, aber auch Kinder und Ungebildete können sie verstehen und ihre Kraft an der innersten Seele erfahren. Uns erscheint die von Luther verdeutschte Bibel an Kraft und Schönheit unvergleichlich; der Kafsernchrist Südafrikas aber versichert, eins habe er vor dem beneideten Weißen voraus: die kafferische Bibel; erst, wer sie lesen könne, vermöge den vollkommensten Ausdruck des Evangeliums zu ahnen. So ist die Bibel das Buch der Menschheit. Bekannt ist der Ausspruch Goethes in seiner „Farbenlehre": „Je höher die Jahrhunderte an Bildung steigen, desto mehr wird die Bibel, teils als Fundament, teils als Werkzeug der Erziehung genützt werden". Ihr zu diesem ihr gebührenden Einfluß zu verhelfen, ist auch unsere moderne Bibelwissenschaft mit großem Ernst bemüht. Es ist bloße Unkenntnis, wenn man ihr vorwirft, daß sie durch ihre Kritik die Ehrfurcht vor der Bibel zerstöre. Allerdings, die vielfach fast abergläubische Verehrung als eines sozusagen vom Himmel gefallenen Buches, eines Orakels voll zauberhafter Kräfte hat eine, nüchterneren Betrachtung Platz machen müssen. Die Bibe, erscheint der ehrlichen Geschichtsforschung als eine menschlich zustande gekommene Urkund e der Religion. Wie wir bei den Griechen die klassischen Zeugnisse der Kunst, 144 Fel den Römern die des Recht? suchen, so in der Bibel die der Religion, und wie wir dort Offenbarungenüvirk- licher Kunst finden, so hier die Offenbarung des wirklichen und lebendigen Gottes in den Seelen der dafür besonders fein organisierten auserwählten Menschen, und durch ihr erleuchtetes Auge ein tieferes Verständnis des Waltens Gottes in Natur und Geschichte, für den Gang einer hinter der äußeren Geschichte hergehenden heiligen Geschichte, die auf Jesus Christus zielt und in ihm mündet. Es ist ein Verdienst der modernen Bibelwissenschaft, daß sie uns von einem ganzen Ballast von unserem Denken und Empfinden fremdartigen Dingen befreit hat, um uns umso reiner und unbefangener dem gewaltigen Eindruck hingeben zu können, wenn Gottes Stimme in einer frommen Menschenseele lebendig wird. Vor allem sind uns dadurch die alttestament- lichen Propheten, die uns als Orakelträger fremd geworden waren, zu. einer ganz unaussprechlichen Größe erwachsen, einer Größe, deren in der Weltliteratur nicht überbotene literarische und künstlerische Bedeutung uns durch die neueren rhythmischen Ue Versetzungen (vergl. die des Propheten Jeremiä von Prof. Duhm) wieder zum Verständnis gebracht ivird. Könnte Fräulein Irene Triefch sich einmal entschließen, aus den alttestamentlichen Propheten vor- zutragen, so würde man nicht bloß entzückt von morgen- ländischer Farbenpracht und sinnlicher Glut reden können, sondern man würde spüren, daß hier ein Geist redet, der die Menschenseele aus den Angeln zu heben vermag, um sie hinaufzuheben zu einer neuen höheren Existenz. Dann würde aber Wohl mancher in sein Kämmerlein gehen und sich dort zu den Füßen dessen setzen, aus dessen Seele Gott in voller Herrlichkeit redet, Jesu Christi, der der Höhepunkt der Bibel ist. Daß die so innerlich, geistig, lebendig als Gottes Wort verstandene Bibel wieder anhebe, zu »ein Geschlecht unserer Tage zu reden, das wäre der schönste Lohn für die hundertjährige hingehende Arbeit ihrer Verbreitung. Dsr. J e nervösen Kinder. Ter wohlbekannte italienische Kriminalist Lino Ferriani, Staatsanwalt in Como, veröffentlicht in der „dtuova Anto- logia" eine Statistik der nervösen Kinder, um zu beweisen, daß die Sünden und Fehler der Erwachsenen im Keim in dem individuellen Temperament des Kindes enthalten sind, und daß die perversen Handlungen und Neigungen des reifen Alters oft nur als die logische Entwicklung böser Gewohnheiten, die man in den ersten Lebensjahren angenommen hat, betrachtet werden müssen. „Wenn in den modernen Familien", schreibt Ferriani, „nicht ein absurdes Erziehungssystem existierte, das die Negation einer gesunden und vernünftigen Psycho-Physiologie des Kindes ist, würden sich viele Eltern zur rechten Zeit Schmerzen und Tränen ersparen, weil sie zur rechten Zeit die krankhaften, nervösen Kundgebungen, die in gewissen Handlungen ihrer Kinder in die Erscheinung treten, zu verhüten oder doch wenigstens zu mildern gewußt hätten. Zur rechten Zeit muß der Arzt dazwischentreten, und täglich von der Mutter unterstützt werden, um jede Bewegung des Kindes zu studieren imb zu überwachen, und diejenigen, welche die geringste Spur von Nervosität zeigen, in Behandlung zu nehmen." Nach den Forschungen, die Ferriani persönlich unternommen hat, und nach, den Beobachtungen, die ihm von Freunden und anderen Erforschern der Kindesseele mitgeteilt ivurden, kann es als feststehend bezeichnet werden, daß von je 100 Kindern 39 nervös sind. Tas ist, wie man sieht, eine erschreckende Zahl, die aber nicht überraschen kann nach allem, was wir schon von der Nervosität der heutigen Generationen wiss.n. Ist doch die Nervosität die herrschende und am stärksten verbreitete Krankheit unserer Zeit! „Das Familienleben", fährt Ferriani fort, „schwimmt nicht in ruhigen Gewässern; viele Ursachen halten es in fortwährender Aufregung und Unruhe. Es ist schwer, gegenwärtig vollständig gesunde Kinder in die Welt zu setzen, und es" ist noch schwerer für diejenigen, welche einen harten Kampf ums Dasein kämpfen müssen." Ferriani hat 200 Kinder beobachtet, und unter ihnen 78 gefunden, die in folgenden Proportionen an Nervosität litten: 30 sehr leichte Fälle, 20 leichte Fälle, 10 ernstere, 4 sehr ernste, 6 intermittierende und 8 dauernde, verschiedener Grade. Man konnte bei diesen 78 Kindern eine Neigung konstatieren, um nichts Streit und Zank anzufangen ; lerner fand man unter ihnen leicht erzürnbare und bösartige Charaktere, die gegen Eltern und Lehrer frech und so heftig und gewalttätig waren, daß sie sich in Wut- anfällen oft selbst verletzten. Bei anderen findet man eine Vorliebe für schlüpfrige Worte und eine Leidenschaft für alkoholische Getränke (diese bedenkliche Neigung fand man unter den 28 stark nervösen Kindern). Andere litten an psychischer Analgesie, hatten eine Neigung, ihre Kleider zu zerreißen, konnten nicht die geringste Disziplin ertragen, wurden leicht handgemein und zeigten einen nervösen Jähzorn, der oft von einem Zittern des ganzen Körpers und von Erbrechen begleitet war. Alle diese Kinder, die ohne jede ärztliche Aufsicht ivaren, verkehrten mit ihren gesunden Spiel- und Schulgenvssen, ohne daß ihre individuelle Natur durch diesen Verkehr auch nnr im geringsten geändert wurde; dagegen veranlaßten sie häufig gesunde K-nder, die durch den in diesem Alter so mächtigen Nachahmungstrieb sich verleiten ließen, zu krankhaften Handlungen.' Aus der Statistik der sozialen Stellung der Eltern ergibt sich klar, daß die gesellschaftliche Stellung und die pekuniäre Lage der Eltern auf die krankhafte Veranlagung des Kindes nicht den geringsten Einfluß hat, und daß die Ursachen der Nervosität unserer Kleinen durchaus individueller Natur sind. Sicher ist, daß die Vererbung bei der Nervosität der Kinder eine große Rolle spielt. Die meisten der kleinen Alkoholiker verdanken ihre traurige Vorliebe für berauschende Getränke den alkoholischen Neigungen ihrer Eltern. Und wer weiß, ob das nervöse Zittern und das Erbrechen, die Zornesaus- brüche, in welchen das Kind seine Kleider zerreißt, die Jndisziplin und die Brutalität gegen die Spiel- und Schulgenossen nicht aus derselben vergifteten Quelle fließen? Mer die Neigungen lassen sich wenn sie von einem sachverständigen Arzte noch früh genug beobachtet und behandelt werden, sicher bekämpfen mtb, wenn auch nicht ganz aus der Welt schaffen, so doch wenigstens bedeutend ab- fchwächen. Kausivirtschaft. Fettflecken auf ©amt lassen sich durch ein wenig Terpentin entfernen, welches auf den Fleck gegossen wird; dann reibt man scharf mit einem Stück reinen, trockenen Flanell. Man wiederholt das Verfahren, wenn es nötig ist und hängt den Stoff an die Luft, damit sich der Geruch verfluchtet. Stumpfe Messer kann man sich selbst wieder scharf machen, wenn man die Schneide eine halbe Stunde in einer Lösung von 50 Gramm Salzsäure in 1 Quart Wasser liegen läßt, dann leicht abtrocknet, und nach einem halben Tag ungefähr an einem Stein abzieht. Tie Säure ätzt die Oberfläche der Klinge, worauf nur ein Glätten notwendig ist, da jene Aetzung den Schleifstein ersetzt. Salzwasser gegen Brandwunden. Als ein sehr wirksames Mittel gegen Brandwunden hat sich eine nicht zu schwache Lösung von Kochsalz in Wasser erprobt, ein Mittel, das ja überall zur Hand ist. Finger, Hände und Arme werden am besten in die Lösung getaucht; bei Verbrennungen im Gesicht und anderen Körperteilen werden Salzwasserumschläge angewendet. Mittel gegen versalzene Speisen, lieber den Topf mit der versalzenen Speise wird eine reine Serviette gespannt und darauf eine Hand voll Mehl gestreut. In wenigen Minuten wird das Zuviel des Salzes ausge- sogen sein. Homogramm. Nachdruck verboten. © © @ ® ® @ ® ® weiblicher Vorname. ® ® @ © © Mitteilung. @ ® ® © © Himmelskörper.. ® @ ® Die Buchstaben aa, BBBB, eee, ff, i, nn, rr, 88, tt sind nach dem Muster obiger Figur derart zu orden, daß die drei senkrechten Reihen gleichlautend mit der wagerechten sind und Wörter von der beigesiigten Bedeutung ergeben. Auflösung in nächster Nummer. ReiaÜiott: August Götz. — Rotationsdruck und 1-erlag der Vrnhl'iülii UniversttotS-Buch- und Ctcindruckerei. N. Lange, Gießen.