1904 P i»! 1 Rmr M 8 Ein angenehmes Kröe. Humoristischer Roman. Von Victor von Reisner. (Nachdruck verboten.) (Fortsetzung.) Frau von Höchstfeld sah ihren Mann mit starrem Blick an, und dieser zog die Achsel in die Höhe, als wenn er sagen wollte: Sie verstehen es eben nicht Lesser, wir werden, hiernach tzu schließen, wohl noch 'ganz andere Dinge erleben! „Und nun kommen Sie einmal, mein bester Herr Major", wandte sich darauf der Graf an diesen, „jetzt will ich 'Ihnen meine Depeschenreiter zeigen." „Depeschenreiter?" fragte dieser verwundert. „Die Sache ist nämliche so", erklärte ihm der Graf im Abgehen, „da wir hier so gut wie abgeschnitten von der Außenwelt sind und uns weder durch die Post, geschweige denn durch den Telegraph mit unseren Freunden verständigen können, so habe ich mir ein paar Kerle, die ohnehin arbeitslos auf dem Hofe herumlungern, als Depeschenreiter abgerichtet/' Der Major sah ihn verständnislos an, er begriff noch immer nicht recht. „Nehmen wir an. Sie oder eine andere Familie kommen zu Besuch", fuhr der Graf in seiner Erläuterung fort, „was ist da natürlicher, als die lieben Nachbarn — die sich freilich auf meilenweit erstrecken — auch herbeizurufen? Eine briefliche Einladung braucht es hierzu natürlich nicht. Der Bote erscheint nur, bestellt einen schönen Gruß, die wissen auch gleich um was es sich handelt, lassen im Handumdrehen einfpannen, und ehe man sich's versieht, sind sie da/' „Das ist ja alles recht schön" meinte der Major, „aber —" „Passen Sie einmal auf", unterbrach ihn der Graf, „Sie sollen sich gleich überzeugen- wie das am Schnürchen geht." — Dann zog er ein silbernes Pfeifchen ans der Tasche, mit dem er zwei schrille Zeichen gab. Der letzte Ton war noch nicht verklungen, da sprang schon einer, gleich darauf ein zweiter und dritter Bauern- bnrsche nach dem Stall, und nach kaum vier bis fünf Minuten sprengten sie in vollem Galopp zum Tore hinaus. Das war für das alte Soldatenherz eine Wonne, und mit aufrichtiger Bewunderung zollte der Major diesem exakten Manöver seine Anerkennung. Nach einigen Minuten zog aber doch ein leicht spöttisches Lächeln iiber seine Lippen, und er konnte sich nicht enthalten, zu sagen/ „Die Sache klappte ganz famos — bis auf eines," „Nanu, und das wäre? fragte der Grast -,Die Kerle haben, ja vergessen, die nönge.n Befehle einzuholen — sie würden also im Notfälle gar nicht wissens wohin sie reiten sollen." „Das ist ja eben die telegraphische Kürze", belehrte ihn der Graf mit pfiffigem Schmunzeln^ „jeder hat von vornherein seine bestimmten Gutshöfe — einer von ihnen die Stadt, wo unsere Ulanen liegen. Pfeife ist also, da gibt es kein weiteres Fragen, sondern aufs Pferd, Gruß bestellt und weiter aus den nächsten Gutshof." Dem Major dämmerte Schreckliches, und nichts weniger als erfreut, sagte er: „Sie werden doch jetzt nicht im Ernst die ganze Gutsnachbarschaft zusammen getrommelt haben. Das wäre mir peinlich, wir fittö noch fremd . . ." „Dann lernen Sie wenigstens alle auf einmal kennen." „Wir haben auch noch gar keine Besuche gemacht." „Das können Sie später nachholen, wir nehmen das nicht so streng." „Aber, Verehrtester Herr Graf", raffte sich der Major zu emem letzten Protest auf, „wer weiß, wann die letzten Herrschaften kommen, wir können doch gar nicht so lange bleiben." „Ich denke, daß dies endgiltig erledigt ist", widersprach ihm dieser, „Sie bleiben, so lange es Ihnen gefällt, und glauben Sie, wir werden schon dafür sorgen, daß Ihnen auch gefällt! Warten Sie, morgen werden Sie mir recht geben." Der Major glaubte nicht richtig verstanden zu haben., „Morgen?" fragte er. „Natürlich, morgen. Oder denken Sie vielleicht, daß wir uns mit einem eintägigen Vergnügen zufrieden geben? Da lohnte es gar nicht erst anzufangen." Der Major ergab sich nun stillschweigend in das Unvermeidliche und war nur auf das Gesicht seiner lieben Eveline begierig, wie sie diese unerwartete und höchst seltsame Freudenbotschaft aufnehmen würde. Erna, welche glückliche von Mamas Seite echappiert war) freute sich „diebisch," auf die bevorstehende Ueberraschung, von welcher fie ihre beiden Ritter int ersten unbeobachteten Augenblick unterrichtet hatten. Wie auf dein Kriegspfad befindliche Indianer schlichen die drei zum schnellen Einverständnis gelangten Verschworenen zum Salon hinaus und waren, ehe noch Mama ihr Aügstkind vermißte, im Ponywagen den Gästen entgegengefahren. Unterwegs stellten sich allerdings bei Erna Gewissensbisse und Beklemwungen ein, die sie aber, um nichts von ihrem Prestige einzubußen, tapfer bekämpfte. „Was kann lrnir ben,N auch weiter geschehen^sprach sie sich selbst Mut zu, „bis wir nach Hause fahren, wird Mamas erster Zorn hoffentlich schon verraucht sein. Und dann, sie, ist ja mit ihren Vermahnungen tvegen meiner gestrigen „grenzenlosen Unschicklichkeit" doch noch nicht zu Ende =j da geht es wenigstens in eineni hin." ‘ Wie ein Pudel die Schläge, schüttelte sie die, letztest! 462 — Bedenken von sich ab und ermunterte die beiden Jungen, die sich ohnedies in ritterlicher Galanterie überboten, derart, daß der armen Mama, wenn sie dies hätte hören können, himmelangst geworden wäre. Ohne im geringsten aufeinander eifersüchtig zu sein, wetteiferten die Brüder in der Darbringung ihrer Huldigungen, für welche Erna, wie sie selbst gestand, sehr empfänglich war. „Oh, wir ahnten es", rief da Dinko irti höchster Begeisterung, „daß Sie es nicht verschmähen würden, unsere Herzen als Fußschemel Ihrer alles besiegenden Schönheit zu benutzen!" Bewundernd schaute Mirko zu dem Bruder auf — ihm Wäre eine solch geistreiche Wendung, die ja ihren Eindruck gar nicht verfehlen konnte, nie im Leben eingefallen! Und Erna, berauscht von dem Weihrauch, den man ihr freiwillig streute, schaute bald den einen, bald den anderen mit ihren verliebtesten Augen an und lispelte errötend: „Nicht doch, das darf ich ja nicht hören — wir kennen uns doch nur kurze Zeit." — Da aber die beiden Ritter ihren Befehl zu sehr respektieren und ihren Gefühlen tatsächlich Zwang antaten, so fühlte sie sich veranlaßt, sofort ermunternd hinzuzusetzen: „Gegen meine Lebensretter darf ich aber natürlich nicht zu streng sein — das wäre ja undankbar und — und undankbar sollen Sie mich nie finden — nie!" „Siehst Du, Mirko", rief Dinko glückselig, „ich habe es Dir gleich gesagt, daß sie die Seele von einem Weibe ist!" „Nein, das habe ich gesagt!" widersprach ihm der Jüngere. „Aber, meine Herren, Sie beschämen mich ja", wehrte Erna mit züchtigem Augenniederschlag. „Wir haben uns auch gleich zu Ihren Rittern aufgeworfen", fuhr Dinko voll edlen Feuers fort, „und wie diese im Mittelalter die Farbe ihrer Dame am Herzen trugen, so haben auch wir uns eines Talismans von Ihnen bemächtigt, der fortan unser hehres Panier sein soll!" „Ja, was haben Sie denn nur?" fragte Erna neugierig. „Ihre — Strümpfe haben wir", riefen beide gleichzeitig und zogen triumphierend die im Morgentau gesuchten und glücklich gefundenen Beinumspanner ans helle Tageslicht. Erna wurde feuerrot vor Scham. „Die — die — die müssen Sie mir geben!" protestierte Erna. „Um keinen Preis der Welt!" verteidigten die beiden ihre Trophäe. „Ich will Ihnen ein paar andere dafür schenken", stotterte Erna hilflos, „ein Paar noch nicht getragene." „Die haben keinen Wert, erst Ihr — Hauch..." —- Dinko kam nicht weiter, denn in der Hitze der Debatte hatten sie gar nicht den Pfarrer heranfahren gesehen, der nun auf einmal vor ihnen hielt. „Na, was habt Ihr denn da?" fragte er lachend, „das Fräulein soll Euch wohl Eure Strümpfe stopfen?!" „Das Fräulein ist eine Dame", belehrte ihn Dinko, „und wir. . ." „Und Ihr seid ein paar Affen", schnitt ihm der Pfarrer das Wort ab, dann wandte er sich an Erna — „Sie sind natürlich die kleine Hochstfeld, kommen Sie, mein Kind, steigen Sie bei mir ein, Ihre Eltern werden Sie wahrscheinlich lieber unter meinem Schutz sehen, als unter dem dieser höchst ehrenwerten, aber sehr unnützen Jünglinge." Erna war bis in die tiefste Tiefe ihrer Seele empört. Wie kam denn dieser simple Landpfarrer dazu, sie als „kleine Höchstfeld" und „mein Kind" anzureden! Na, sie wollte ihm gleich zeigen, daß sie aus zivilisiertem Lande stamme, wo man nicht auf der Landstraße und noch Dazu m dieser formlosen Weise Bekanntschaften schließt. „Sie sind wohl der Dorfgeistliche", sagte sie so von oben herab, wie sie es schon oft von ihrem Papa gehört hatte, „ich danke für Ihre Begleitung, ich fahre nicht mit Herren, die mir nicht vorgestellt sind." Der Pfarrer mischte sich mit seinem großen, karrierten Taschentuch den Staub vom Gesicht und fing herzhaft zu lachen an. x „I Potz Blitz", rief er, „da werde ich das Versäumte wohl schnell nachholen! müssen", und sich mit ernsthafte^ Referenz vor ihr verneigend, nannte er seinen Namenr „Adam von Nenadovic." Sie nickte ganz unmerklich mit dem Kvpfe und ignorierte ihn dann. „Und nun Sie mich kennen", fuhr er trotzdem spöttisch fort, „darf ich wohl, aus dem schon vorhin angeführten! Grunde, um die hohe Auszeichnung Ihrer Gesellschaft bitten." Das machte Erna noch wütender, und trotzig und ohne an die möglichen Folgen zu denken, entgegnete sie: „Meine Eltern werden mich in der Gesellschaft dieser Herren jedenfalls lieber als in der Ihren sehen." Einen Moment wetterleuchtete es über die Züge des Pfarrers, dann siegte aber doch sein Humor. „Sie scheinen ja ein netter kleiner Grasteufel zu sein", sagte er, „da hat mich ja der Himmel gerade zur rechten! Zeit hergeschickt. Euch Drei auseinander zu bringen, ehe noch eine Dummheit geschah. Also, mein Kind, keine Sperenzchen gemacht und rasch eingestiegen!" — und er gestikulierte dazu so energisch, daß Erna völlig willenslos nachgab. Damit war für den Pfarrer die Sache abgetan, und als ob er gar keine Ahnung von seiner wenig chevale- resken Vergewaltigung hätte, versuchte er mit Erna ganz harmlos zu plaudern. Sie war sprachlos über dies unglaubliche Benehmen! und würdigte ihn keiner Antwort. Auf die Dauer brachte sie es aber doch nicht zu stände, stumm wie ein Pagode dazusitzen und! nachdem sie die ersten, noch zögernden! „ja" und „nein" gelispelt hatte, legte sich ihre Entrüstung ein klein wenig, wurde nach und nach milder und milder, und als sie endlich auf dem Gutshof einfuhren, waren sie in solch eifriger Unterhaltung, daß sie die Herrschaften, die eben die Wirtschaftsgebäude besichtigt hatten, gar! nicht bemerkten. Dafür starrten aber die Eltern sie wie einen Geist an, und Mama Höchstfeld, einer Ohnmacht nahe, klammerte, sich an den Arm ihres Mannes, und mit einem Ausdrucks als wenn sie das Ende der Welt vor sich sähe, raunte, sie ihm voller Entrüstung zu: „Erna mit dem — Pfarrer! Ich werde furchtbar Gericht halten!" 6. . Des Pfarrers Erscheinen traf Herrn von .Höchstfeld! vollkommen unvorbereitet. Alles hätte er für möglich gehalten, daß aber auch dieser zu einem ihm zu Ehren veranstalteten Feste erscheinen könnte, wäre ihm doch! nicht int Traume eingefallen. Noch mehr verblüffte ihn aber die völlige Ungeniertheit, mit welcher dieser auf ihn zuschritt und ihn in der neuen Heimat willkommen hieß. Als Mann von Welt blieb ihm natürlich nichts anderes! übrig, als Liebenswürdigkeit zur Schau zu tragen, doch bot das sonderbare Begegnen, das auf ein Haar einem! wohlüberlegten Ucberfall glich, seinem Mißtrauen erst rechte Nahrung. Bis in die Knochen ehrlich, glaubte er erwarten zn dürfen, daß der Pfarrer wenigstens die erstbeste Gelegenheit ergreifen würde, sich mit ihm offen und ohne Rückhalt über die Vergangenheit auszusprechen, um so für die Zukunft reinen Tisch zu schassen. Als aber jener gar, keine Miene dazu machte, da bemächtigte sich seiner eine innere Unruhe, die er vergeblich zu bemeistern suchte, und: eben deswegen stieg ihm von neuem des Vetters Warnung auf, der wohl des Pfarrers scheinheilige Biederkeit richtig tariert hatte. t, „ „ . „ ., , Glücklicherweise konnte er Bei diesem Gedanken nicht allzu lange verweilen, da Wagen aus Wagen neue Gäste heranbrachten, welche ihn und die Seinen mit einer Herzlichkeit begrüßten, der er doch nicht ganz zu widerstehen vermochte. . . . „ Die Offiziere der neunten Ulanen, die in der Umgegend lagen, akklamterten ihn und Erich sofort als die ihren, und Oberst Graf Strelae brachte von vornherein einen derartig kameradschaftlichen Zug in das Ganze, daß Höchstfeld nach und nach wirflich auftaute. IM Laufe des Tages — denn man ließ ihn tatsächlich nicht fort — nahm er sogar die Gelegenheit wahr, den Oberst auf Offizierswort zu fragen, was er von dem! Pfarrer halte? 463 -Dieser schaute ihn erst verwundert an und wußte gar nicht, wie er das verstehen sollte. .Endlich ging ihm ein Licht auf, und er sagte: , „Sehen Sie, mein lieber Herr Major, ich bm erst drer Jahre hier und kümmere mich den Teufel Um all den Klatsch, der hier ebensogut wie anderwärts zu Hause ist. Ws Ihr Herr Vetter starb, da wurde allerdings alter Kohl ausgewärmt — ich habe mich indes dafür nicht weiter interessiert und kann Ihnen daher auch nichts Genaueres darüber mitteilen. Aber soviel kann ich Ihnen sagen: Für unfern Vater Marne übeMehme ich volle Bürgschaft, das ist ein Mensch, wie man sich ihn nicht besser wünschen kann, der säuft mrs alle unter den Tisch.; wenn es indes nötig ist, dann versteht er seinen Mund nicht nur zum Trinken, sondern zum heiligen Gottesdonnerwetter zu gebrauchen, und Sie dürfen mir glauben, er weiß sich, trotz aller sonstigen Gemütlichkeit, bei allen Respekt zu verschaffen." Herr von Höchstfeld war einigermaßen verlegen und wußte nicht gleich, wie er seine Frage noch nachträglich in möglichst unbefangener Weise erklären sollte. Durch das Hinzutreten des Leutnants Vladoj von Bieli- marinovic, welcher Erna am Arme führte, wurde er dieser heiklen Aufgabe enthoben. „Wir haben die Tamburaschen kommen lassen und wollen im Park ein Tänzchen machen", meldete der junge, schmucke Offizier, „Herr Oberst werden sich doch, auch am ersten Kolo beteiligen?" „Aber natürlich, junger Freund", ging dieser sofort darauf ein, und zu Herrn von Höchstfeld gewandt, fragte er: „ich darf doch wohl Ihre Frau Gemahlin auffordern■?" „Mama und tanzen!" lachte Erna vergnügt auf, und auch der Major meinte kopfschüttelnd: „Ich glaube kaum, daß Sie bei meiner Frau das nötige Verständnis dafür finden werben. Und nun gar Kolo — woher sollten wir denn Ihnen Nationaltanz kennen?" „Jedenfalls will ich mein Glück versuchen", entgegnete der Oberst galant und empfahl sich. Frau von Höchstfeld lehnte natürlich dankend ab. Sie hatte an ganz anderes zu denken und kam überhaupt aus der Angst und Aufregung nicht heraus. Jedesmal, wenn sie den Pfarrer in der Nähe ihres Mannes auftauchen sah, fürchtete sie, daß es zum unvermeidlichen Zusammenstoß kommen müsse, und war dies wieder einmal glücklich abgewendet, dann betrachtete sie mit ebenso großer Unruhe ihren Sohn, der sich auffallend viel mit Komtesse Ljubiza beschäftigte, — viel mehr als ihr lieb war. Am meisten Sorge machte ihr aber natürlich Erna, die sich mit einer Gefltssentlichkeit von ihr fernhielt, die nichts Gutes ahnen ließ. Das Kind war von einer Wildheit, welche ihr Mutterherz mit starrem Entsetzen erfüllte. Früher hatte sie mit den Zwillingen herumgetollt, und jetzt kam sie von dem des Leutnants mit dem unaussprechlichen Namen gar nicht mehr los. Sie wußte wirklich nicht, welches Uebel das kleinere sei, und wollte Gott danken, endlich weit von hier fortzukommen. Die Damen, an ihrer Spitze Gräfin Stepenaz, gaben sich zwar alle Mühe, sie aus andere Gedanken zu bringen, erreichten aber damit nur so viel, daß sie sich nun auch noch bemitleidet glaubte. Das gab ihr vollends den Rest, uird es entsprach daher der reinen Wahrheit, als sie gegen neun Uhr abends erklärte, nun aus keinen Fall länger bleiben zu können, da sie zu angegriffen sei. Mr Herrn von Höchstseld, der sich ttotz des militärischen Elementes doch nicht recht wohl fühlte, war dies ein willkommener Anlaß zum Aufbruch, der nun, obgleich von allen Seiten dagegen protestiert wurde, dennoch von statten ging. Um Mitternacht langte man endlich zu Hause an — oder doch beinahe zu Hause. Vor dem Tore, das trotz allen Pochens, Rufens und Lärmens nicht gleösfnet wurde, mußte nämlich eine neue Leidensstation durchgemacht werden. Herr von Höchstfeld raste und befahl dem Kätscher, über den Zaun zu klettern, um den lässigen Hofwächter zu wecken. Das war aber leichter gesagt als getan, denn der Bauer, der die Livree ohnehin erst nach langem! Sträuben angezogen hatte und sich in der ungewohnten Kleidung höchst beengt fühlte, erklärte sich nach verschiedent- lichen vergeblichen Versuchen dazu außerstande. (Fortsetzung folgt.) Aie MaienLönlgin. Rach dem _Englischen des Lord Tennyson. L Weck' mich morgen frühe, Mutter, weck' mich frühe, denn fürwahr Morgen ist der schönste Morgen in dem frohen, neuen Jahr! 's wird der glücklichste der Tage dieses Jahrs, lieb' Mütterlein, Denn ich werde Maienfürstin, Königin des Lenzes sein. 's heißt von allen schwarzen Augen, sei nur mein's so glänzend hell Sind doch Grete, Karoline und die Käte auch zur Stell! Doch sei keine schön wie Lieschen, weit bis in das Land hinein, Darum soll ich Maienfürstin, Königin des Lenzes sein. Ich .verschlafe sicher, .Mutter, und die schöne Zeit verrinnt, Wenn Tu mich nicht pünktlich weckest, eh' der Sonne Lauf beginnt; Doch ich muß jetzt Blumen holen, Rosenknospen, zart und fei' Tenn ich werde Maienflirstin, Königin des Lenzes sein. Als ich heut das Tal hinaufging, .das sich bis zum Bache dehnt, Sah ich dort den jungen Robert, .an die Brücke angelehnt. Mütterchen, jch glaub' es fiel ihm jener Blick von gestern ein, Doch ich werde Maienfürstin, Königin des Lenzes sein! Denk', „et hielt mich für 'nen Kobold, .denn mein Kleid war weiß wie Schnee lind ich huscht' an ihm vorüber, wie ein Lichtstrahl auf dem Seel Und sie sagen, ich ..sei grausam, doch ich füge mich darein Tenn ich werde Maienfürstin, Königin des Lenzes sein. Ach nran glaubt, er sterb' aus Liebe, was doch nie geschehen kanw Und man sagt, sein Herz zerbräche, aber Ms geht mich das an; Tenn ich denk' ein kühner Knabe wird mich eines Tages frei’«, Und ich werde Maienfürsttn, Königin des Lenzes sein. Unser Aennchen soll mit mir morgen zu der Weihe gehn. Komm' auch Du, lieb' Mütterlein, .meiner Krönung zuzusehm, Mancher Hirte im Gefolge ließ den heimatlichen Hain, Und ich werde Maienfürstin, Königin des Lenzes sein. Und es winden an den Pfotten Kletterblumen sich hinauf, Und es blühen an dem Strauche Heckenröschen lieblich auf, Gelbe Dotterblumen glänzen feurig in das Feld .hinein, Und jch werde Maienflirstin, Königin des Lenzes sein. Sieh' die Winde wehen über's Gras so leicht und wohlgemut, Helle Steine blinken drüber hin in stettg sanfter Glut, Und wir haben sicher morgen nichts als Glück und Sonnenschein Und ich werde Maienfürstin, Königin des Lenzes sein! Unser kleines Tal erglänzet dann in frischem, saft'gen Grün, Und ein Teppich .bunter Blumen wird den Hügel überzieh'«, Und das Bächlein in der Wiesen spielet dann so hell und rein, Den« ich werde Maienfürstin, Königin des Lenzes sein! Darum weck' mich frühe, .Mutter, weck' mich frühe, denn fürwahr Morgen ist der schönste Morgen in dem frohen neuen Jahr; 's wird der glücklichste der Tage dieses Jahres, lieb' Mütterlein, Denn ich werde Maienfürstin, Königin des Lenzes sein! * , Hleujatzrsaöcnd. ii. Weck' mich 'morgen frühe, Mütter, morgen möchte ich fürwahr Noch .einmal die Sonne sehen überm frohen neuen Jahr, 's wird der letzte Neujahrsmorgen meines jungen Lebens sein Tann kannst Du mich niederlegen in das kühle Grab hinein. Ach die untergeh'nde Sonne ließ jetzt hinter sich zurück Uns're guten alten Zeiten, ihren Frieden und ihr Glück, Und jetzt kommt der Neujahrsmorgen, aber ach, mein Auge bricht, Ehe noch .die Frühlingsknospe glänzt, im frischen Sonnenlicht. Ach wir flochten Maienkränze und es ivar ein froher Tag. Als ich Lenzesfürstin wurde, drunten in dem grünen Haag! _ Und wir tanzten um den Maibaum, .tief bis in die Nacht hinein, Bis das Sternenzelt nmhüllte Wald und Feld mit mildern SHem. Keine Blume auf .der Wiese, eisbedeckt sind Tal und Höh'n, Könnt' ich nur die erste Botin dieses neuen Lenzes seh'n, Würde doch .die Sonne schmelzen allen Schnee auf dieser Flur, Daß an meinem Todestage blühe eine Blume nur! Bis zum Frühling ist zerflossen in dem Tale dieser Schnee, Und die Krähe krächzt dann fröhlich aus .der milden, blauen Höh', Und die Schwalbe flieget' wieder von dem Süd' zu uns bmab; Dock) ich werde einsam liegen in dem moderigen Grab. 464 lieber meine Ruhestätte, in bas Gotteshaus hinein Strahlet bann am frühen Morgen Heller Lenzessömtenschei«, Eh' ber Hahn des Nachbarhauses froh .feilt Morgenlied Beginnt, Eh' ber Traum der Erdbewohner noch in eitel Dunst zerrinnt. Wenn die Blumen wieberkehren, siehst Du Deine Tochter nicht Abends in dem Felde wandeln bei dem trauten Dämmerlicht; Wenn vom Hügelland herüber küble Sommerwinde weh'». Und ber Weizen und die Gerste üppig in dem Felde steh'n. Mutter, lasse mich begrabe«, unter'm Weidenbaume dort, Und Tu wirst mich ost besuchest an dem abgelegnen Ort, Und ich will Dich nicht vergessen, höre Dich vorübergeh'n, Merk' wenn Deine leichten Füße über mir tnt Grase steh'n. Ich war wild und eigensinnig, .doch Tu wirst mir jetzt verzeih'«. Willst Tu mir Vergebung .schenken und mich "küssen, Mütterlein? Nein, o nein, 'Tu sollst nicht weinen gräme Dich nicht wegen mir, Hast ja noch 'ne anb’re Tochter, unser Aennchen bleibet Dir! Wenn ich .darf, ,so komm' ich wieder von dem stillen Ruheort, Kanu ich auch nicht mit Dir sprechen, höre ich doch .jedes Wort; Glaubst Tu mich .in weiter Ferne, werd' ich liebend bei Dir steh'n. Unsichtbar wird Deine Tochter bann auf Dich herniederseh'n. Gute Nacht, geliebte Mutter, .geh' ich ein zur letzten Rutz', Und sie tragen mich im Sarge meiner künft'gen Heimat zu, Soll mich Aennchen nicht besuchen, bis die Blumen blüh'« im Hai«, Sie wird Dir ’ne bess're Tochter als Dem wildes Lieschen sein! Mein Geräte für den Garten hole ans der Kammer her. Laß' es unser Aenstchest nehmen, denn ich jäte nimmermehr; Sag' ihr, sie soll Sorge tragen, haß ber Rosenstrauch gedeiht, 's war mein Liebling, wundervoller noch in hoffnungsfroher Zeit. Gute Nacht, geliebte Mutter, weck' mich vor des' Hahnes Schrei'«, Denn ich wach' die langen Nächte, aber morgens schlaf' ich ein. Und eh' mich ber Tod umarmet, Mutter möchte ich ftirwahr Noch einmal die Sonne sehen, über'm frohen neuen Jahr. Elsa Strauß. Mandersien aus der Kaiserstadl. (Nachdruck verboten.) Das Jubiläum einer Kabinettsordre. — Der Mord im Stelzenkrug. — Das Geschlecht Meister Balzer's. Ter 4. August .ist diesmal ein Tag, dessen alle die mit besonderer Genugtuung gedenken sollten, die einmal nngerechter- weise auf ber Anklagebank gesessen ober unter einem falschen bösen. Verdacht gestanden haben. Es ist nämlich der 150. Jahrestag jener erlösenden Kabinettsordre des großen Preußenkömgs, die die Mschaffung der Tortur gänzlich und für alle Zeiten beseitigte. .Schon bei seinem Regierungsantritte hatte Friedrich II. die Anwendung der Folter nach Möglichkeit zu beschränken besohle«. Sie sollte nur noch gestattet werden bei Majestätsbeleidigung und Landesverrat, sowie bei großen Mordtaten, bei denen viele Mensche« ums Leben gebracht oder viele Verbrecher, deren Zusammengehörigkeit bewiesen werden müsse, beteiligt seien, während man im übrigen Deutschland noch schrankenlos weiter sortsuhr, ungefüge Zungen durch diese teuflische, aller Vernunft Hohn sprechende Henkermethode zum Spreche« zu bringen. Ein Berliner Mord war es, dessen Prozeßverlaitf ben König bewog, die Anwendung der Folter nunmehr ausnahmslos zu verbieten. Im „Stelzenkruge" am Alexanderplatz hatte mau eine Witwe umgebracht und ein armer Kandidat, der bei ihr zu Miete wohnte war angeschuldigt worden, die Untat begangen zu haben, obgleich sein Leumund der denkbar beste mar. Ei« paar verdächtigende Zufälligkeiten genügten jedoch dem Richter, .die Anklage zu erheben und den armen Sünder, der sich zu einem Geständnis nicht herbeilassen wollte, der alles ans Licht bringende« Tortur zu unterwerfen. Ein glänzender Erfolg, wie ihn das untrügliche Verfahren noch immer gezeitigt hatte, belohnte den Gestrengen: Ter Jnkulpat legte nach den weise verordneten Daumenschrauben und anderen netten Hilfsmittelche« derzeitiger Justiz ein umfassendes Geständnis ab. Aber die Freunde des braven Kandidaten, die von der Redlichkeit desselben fest.überzeugt waren, .schlugen Lärm und wandten sich an den Groß- kanzler von Coceeji mit der Bitte um ein neues eingehenderes Verfahren. Und bei diesem stellte es sich alsbald heraus, daß der arme Sündenbock wirklich völlig unschuldig war und hur durch .die ungeheuerliche« Qualen der Tortur und aus Augst vor wetteren Steigerungen sich bewogen gefühlt hatte, ein Verbrechen emzugestehn, an dem er so wenig teil hatte, wie ein neu- geborenes Kind. .Ter Großkanzler berichtete über diesen krassen " - WIpA an den König und infolge seiner klaren, von echt menschlichem Geiste durchwehten Darstelluiig erließ Friedrich jene Kabmettsordre vom 4. August 1754, die der ebenso schändlichen wie bornierten Justizgrausamkeit für immer ein Ende machte. Wenn man weiß, wie lange es gedauert hat, ehe andere Staaten diesem guten Beispiel gefolgt sind, so kann man nicht umhin, dem großen König für diese Maßregel, die unserem modernen Empfinden so selbstverständlich erscheint, auch heute noch herzlich .zu huldigen. Ach, es finden sich blutige Blätter in den Büchern der Geschichte; die unsere mittelalterlichen Chronikenschreiber oft mit naiver Gewissenhaftigkeit und zuftiedenem Behagen, oft auch mit leisen Zweifeln über Recht und Unrecht jener Tage versaßt haben. .Das Gebiet der Zauberei und des Hexen- Unsinns, das in früheren Zeiten von gewisser Seite wie ein schönes, .ftuchtbares Ackerland gar sorgsam gehegt und gepflegt wurde, ist eigentlich nichts weiter als ein großer Kirchhof für viele tausend Justizmorde, .an denen sich eine verblendete Zeit in allen ihren Ständen nicht genug tun konnte. Und auch die Geschichte der Stadt Berlin berichtet von sy manchen „hochnotpeinlichen Fällen", in denen der Henker mit Streckleitern, spanischen ©tie«< fein, glühenden Zangen und anderem mehr, .zur Ehre der Wahrheit — und nicht umsonst gearbeitet. Der Prozeß gegen den Münzjuden Joachim's II. läßt darin schreckliche Einblicke tun. Joachims Nachfolger Johann Georg, der auch der Geliebten seines Vaters, per „schönen Gießerin" ein so grausames Ende bereitete; hatte auf Lippold, .den selbst die eigenen Glaubensbrüder an- klagien, einen besonderen Haß geworfen. Gleich bei seinem Regierungsantritte ließ er eine Wache in Lippold's Hans in der Stralaner Straße legen, damit der „Münzjude" sich der Untersuchung nicht durch die Flucht entziehe« könne. Aber trotz aller Strenge und Findigkeit ließ sich ein Vorgehen ober eine Betrügerei in den Aemtern, .mit denen Lippold von Joachim betraut worden war, nicht ermitteln. Nur die wucherischen Schuldverschreibungen des damaligen vornehmen Berlins in Lip- polds Händen, erbrachten Beiweise für seinen ausgedehnten Wucherhandel, der zweifellos als Quelle seines großen Reichtums angesehen werden muß. Tas genügte jedoch nicht, den Verhassten zu verderben. Da sand sich ein Narr oder Schurke, der gehört haben wollte, wie Lippold's schöne Frau dem Gatten im Gefängnisse Vorwürfe über sein Zauberbuch und seine Wirkungen gemacht habe. Daraufhin wurde „peinlich" wider ihn verfahrest und „Meister Balzer" bekam ihn in seine eisernen Finger. „Meister Balzer" war nämlich 'Scharfrichter in Berlin, und berühmt wegen der Variationen, die er in der Folterkunst aus freier Erfindung .zum besten gab. Er erhielt denn auch eine besondere Belobigung vom Gerichtshöfe, als es seiner Tätigkeit' gelungen war, den bösen Zauberkünstler zu allen Geständnissen willfährig zu machen. .Zwar zeigte der weitere Verlauf des Prozesses; .Zeugenaussagen, .Dokumente usw. das typische Bild der Verworrenheit und Unwahrheit jener erpreßten Bekenntnisse. Aber trotz alledem war es um Lippold geschehen. Am Mittwoch vor Fastnacht 1573 erfüllte sich sein grausiges Geschick. Nach öffentlichem Widerrufe seiner Geständnisse mürbe er aufs.Neue an Meister Balzer ausgeliefert und alsbald mit ben ausgesuchtesten Martern hingerichtet. Tie Scheußlichkeit derselben will ich dem Leser ersparen, .denn ich habe diese Plauderei, bei der einem der Humor wohl vergehen kann, nicht im Interesse des Geschlechts Balzer geschrieben, sondern zu Ehren jenes großen Königs, ber „dem blutigen Handwerk dieser kaltblütigen Zunft endlich ein Ende machte! A. R. Rösselsprung. (Nachdruck verboten). au mensch und er ver rich ün gen ber ver ter blick dem er Iet che iet mag mög nur leih« lein im schei bau kann li wäh er das bet al (Auflösung in nächster Nummer.) Auflösung des Magischen Zahlenquadrats in vor. Nr,: 15 26 22 27 29 2 0 24 17 28 21 25 16 18 23 29 30 Redaktion: August Götz. — Rotationsdruck und Verlag der Brühl'schm Universitäts-Buch- und Cteindruckerei. R. Lange, Giesen.