!W LLLL. 1904. — M. 99. •2Ö (Nachdruck verboten.) Die Jerichopolaune. Nus den Erlebnissen eines russischen Gerichtsarztes. Von E. v. Trojanowsky. (Fortsetzung.) „Ich fürchte nur", fuhr er fort, „daß ich auch in Meinem jetzigen Dienst ebensowenig vorwärts kommen werde, wie früher beim Militär, und zwar aus demselben Grunde. Meine gar zu offenherzige, gar zu schnelle Zunge geht auch jetzt noch zu leicht mit mir durch. Ich verstehe es nicht, den einen oder anderen Beamten oder gar Vorgesetzten unter Umständen auch mal als über dem Gesetz stehend anzusehen. Ich weiß ganz genau, daß ich auch hier, in der kleinen Kreisstadt, offene und noch mehr heimliche Feinde habe, in der Landschaft, in der Polizei, in diversen anderen Verwaltungs- und Beamtensphären, ja selbst in der Geistlichkeit. Und warum? Weil ich eben meine Augen und Ohren nie verschließe, weil ich über alles, was ich höre und sehe, auch ein Urteil fälle, und meist ein recht rücksichtsloses, und weil ich mich, nach der Meinung vieler, dabei in manche Dinge mische, die mich gar nichts angehen. Daß meine kleinen Schwächen und Fehler und meine ganze Eigenart von Leuten, mit denen ich irgend einmal in Kollision geraten, in übertriebener Meise geschildert werden, und in der denkbar ungünstigsten Beleuchtung auch zur Kenntnis meiner Obrigkeit gelangen, darüber habe ich Beweise genug!" Er stand nuf, wie es schien, doch etwas erregt, und sing an, im Zimmer auf und ab zu gehen. Der Arzt war schweigend ans Fenster getreten und zog seine Uhr zu Rate. Draußen auf dem Vorplatz der Station war es wieder etwas lebendiger geworden. Die zwischen beiden Kreisstädten verkehrenden Postkutschen waren angelangt, und zwar fast gleichzeitig, da die Station so ziemlich in der Mitte des Weges lag. Hier leisteten sich die Reisenden meist eine kleine Mittagsrast, ehe sie sich mit frischem Vorspann wieder auf den Weg machten. Der Arzt, der sich einnral bei gar zu argem Regenwetter auch diesem Gefährt mrvertraut hatte, kannte aus! eigener trauriger Erfahrung den Zotteltrab des Viergespanns, das den schweren Kutschkasten höchst respektablen Alters nur langsam vorwärts brachte, und das um so langsamer, je Läufiger die armen Tiere, auf den zahlreichen frischen Sternschütt- ungcn der in saft unaufhörlicher Reparatur befindlichen Chaussee, aus rhrem Trab in lässigen Schritt übergingen. Dem Innern der beiden Postkutschen entstiegen zuerst Vertreterinnen des zarten Geschlechts, einige der jüngeren in Hellen Kleidern und braunen Stiefeletten, mit kleinen Maiglöckchensträußchen in der Hand oder an der Schulter. Besondere Sensation erregte, sogar bet den draußen herumstehenden Bauern, eine etwas reifere Schönheit: zu einem' grasgrünen Kleide trug sie einen knallroten Sonnenschirm. Auch unter den männlichen Passagieren konnte man emige Provinzstutzer bemerken: nach Hause reisende Schüler älterer Klassen mit schüchtern sprießendem Schnurrbärtchen, und „junge Leute" aus verschiedenen Magazinen und Kontoren in auffallenden Krawatten. Alle diese jungen Herren hatten sich irgend ein Feldblümchen links oben ins Knopfloch gesteckt, und balanzierten auf ihren Köpfen die Mütze oder den Hut mit ganz besonderem Frühlingsschwunge. Im Flur der Station murrten einige der Postkutschenpassagiere in ziemlich lauter Weise über die Beschlagnahme des besten und größten PUsagierzimmers durch den Untersuchungsrichter, und nahmen sich vor, darüber gehörigen Orts klagbar zu werden. Heute mußten sie sich schon mit dein Hintern kleinen Passagierzimmer behelfen. Zum Glück war der General schon weiter gereist. Da rasselte auch schon der offene Postwagen, den der Arzt sich zur Hermsahrt bestellt hatte, vor die Freitreppe der Station. Vorn auf dem Kutschersitz hockte ein hübscher Bursche ini roten Hemde, auf dem Kopf ein schwarzes, mit zwei Pfauenfedern geschmücktes Barett. Sich vom Untersuchungsrichter verabschiedend, empfahl der Arzt ihm, seine Kehle heute ausnahmsweise etwas zu schonen, in Rücksicht auf das im Nebenzimmer und im Flur verkehrende Reisepublikum, und namentlich in Rücksicht darauf, daß beim Zeugenverhör öfters Dinge zur Sprache kämen, die für Damenohren, wenigstens bei gleichzeitiger Anwesenheit männlicher Passagiere, doch etwas ungeeignet wären. Der Untersuchungsrichter reagierte auf diesen guten Rat in bester Laune: „Wissen Sie, Doktor, mir schwant es, daß wir beide heute zum letztenmale in diesem Zimmer gearbeitet haben. Wahrscheinlich schmeißt man mich bald in aller Höflichkeit von hier hinaus, wenn ich es mir wieder einfallen lassen sollte, mich hier zu installieren mit meinen zahlreichen Klienten, mit meinen Ssotzkis und meiner Aeolsharfenstimme! Glückliche Reise, Doktor!" Der Arzt hatte die Chaussee von hier bis zur Kreisstadt schon viele Mal passiert, zu jeder Jahreszeit, auch im Frühling. Und doch empfindet er heute wieder in voller Frische den eigenartigen Zauber, den der Frühling auch über triefe, an sich eigentlich ziemlich reizlose und monotone Landschaft auszugießen vermag, und der jetzt am Wend, unter Beleuchtung durch die sinkende Sonne, noch intensiver wirkt als am Morgen. Das Zweigespann nähert sich einem dichten Gebüsch-, das den weiter zurückgetretenen Wald von der Chaussee trennt. Er erinnert sich, an dieser Stelle auch in früheren Jahren öfters Nachtigallenschlag gehört zu haben. „Fort mit den Postglocken! Fahre Schritt!" ruft er dem Kutscher zu. Und rrchtia! Aus dem vom zarten Licht des eben ausgegangenen Mvndes umwobenen Gebüsch locken und schmeicheln, schluchzen und' jauchzen auch heute wieder die ewigen Liebesnoten der — 394 — kleinen Solisten unseres gefiederten Frühlingschors, herüberklingend in unsere arm gewordene, öde Welt — wie aus dem Traumland des Paradieses. 3. Kapitel. t Wünderfchön ist der Sommer gewesen. Auch jetzt, gegen Mitte August, sind die Tage oft noch sommerlich warm, wenn auch die Nächte zuweilen empfindliche Kühle bringen. Der Laubschmuck der Säume zeigt nur hin und wieder einige Verfärbung. Die Stimmung der Landwirte ist eine sehr gehobene. Der eingebrachte Vorrat an Heu und Klee reicht für den Winter und darüber hinaus, die Roggenernte ist gut ausgefallen, in üppigem Grün prangt die Wintersaat, Hafer und Gerste und besonders der Flachs versprechen reichliche Erträge. In den Dörfern lebt man herrlich und in Freuden. Das Jubilieren und Trinken^ das Liebeln und Freien ist im besten Schwünge. Kommt es dabei auch oft genug zu tüchtigen Schlägereien, was tnt's? Ohne solche fehlt doch dem ganzen Vergnügen die rechte Würze. Mitunter hört man auch von größeren Ausschreitungen, von schweren Körperverletzungen. Gemeindeverwaltung, die Polizei in Stadt und Land, Landhauptleute, Untersuchungsrichter, Gerichte aller Instanzen, auch sie merken die Segnungen des fruchtbaren Jahres in vielfach gesteigerter Amtstätigkeit. Der Bauer hat ja auch im ganzen keine besondere Furcht vor all den großen Herren. In schlimmen Fällen hofft er auf milde Geschworene und, wenn er das Geld nicht sonderlich zu sparen braucht, auf gewandte Verteidiger. In einer ziemlich entlegenen Gegend des Kveises, wo die örtliche Gemeindeverwaltung und der Pogost mit seinem Kirchhof nahe beieinander liegen und um sie herum sich mehrere große Dörfer mit zahlreicher und meist gut situierter Bevölkerung gruppieren, werden die Augustferer- tage ebenfalls ausgiebiger als sonst gefeiert. Besonders hoch wird es diesmal hergehen in dem größten dieser Dörfer, — zum Fest der Himmelfahrt der Mutter Gottes am 16. August. Die jungen Leute dieses Dorfes sind übereingekommen, an diesem Feiertage alle Nachbardörfer zu übertrumpfen. Und sie halten ihr Wort. Ihr Führer ist diesmal der allbekannte Iwan Prokofjew, der einzige Sohn des reichen Prokofji Dementjew, der in jener Gegend eine weitverzweigte Verwandtschaft und auch sonst großen Anhang besitzt. , Iwan ist beliebt bei alt und jung, ist aber ein sehr windiger Patron und ein rücksichtsloser Schürzenjäger. Ihn kümmert es wenig, daß sein Vater ihm streng verboten hat, mit dem alten Wafsilji Küsmitsch und dessen Familie zu verkehren, da er mit diesen: Nachbar, einem ebenfalls recht wohlhabenden Manne, schon längst in bitterer Fehde liegt. Er weiß, daß wegen Grenzstreitig ketten, unbefugter Benutzung von Weideland und sonstiger Schikanen, sein Vater und Wiassilji Küsmitsch einander schon mehrmals in verschiedenen Gerichtsinstanzen verklagt haben, oft ab- gewiefen, zuweilen aber auch bestraft worden sind, und daß ihr Verhältnis gerade jetzt das denkbar schlechteste ist. Trotzdem besucht er den Nachbarn und verkehrt mit dessen Sohn Pawel und der Tochter Lisa ganz harnilos. Scheint ja auch der alte Wafsilji die Feindschaft, die er gegen seinnen Vater hegt, auf ihn, den lustigen Iwan, bis jqji mcht übertragen zu haben. Seines schmucken Aeußern wegen ist Iwan, der einzige Sohn und einstige Erbe des alten Prokofji, in allen Häuser::, namentlich wo es heiratsfähige Mädchen gibt, sehr gern gesehen. Er denkt freilich noch an nichts weniger als ans Heiraten, obgleich die Eltern ihn schon längst gern als soliden Ehemann gesehen hätten. Noch gefällt er sich prächtig in der Rolle eines dörflichen Don Juans, der bald mit diesem, bald mit jenem Mädchen „anbandelt", u::d auch bei verheirateten Frauen, wenn sie ihm der Sünde wert erscheinen, den Tröster zu spielen liebt. So hat er auch seit einiger Zeit mit Wassiljii Küsmitsch Tochter „angebandelt", mit der Lisa, einem blutjungen, allerliebst ausfehenden Mädchen, das naiv genug ist, in ihm sogar einen ernsten Bewerber zu sehen, trotz der zwischen ihren Vätern bestehenden grimmigen Feindschaft, und trotzdem daß eic, der unverbesserliche Leichtfuß, gleichzeitig auch ihrer jungen, äußerst stattlichen Stiestnutter stark den Hof macht. Der alte Wassiljii Küsmitsch war nämlich, nachdem er längere Zeit als Witwer gelebt, vor einigen Jahren eine zweite Ehe eingegangen, mit einer elternlosen Waise Katja Terentjewa, die als sehr lebenslustig bekanüt war, und' den alten, wohlhabenden Witwer nur geheiratet hatte, um als Frau noch bequemer als früher ihren Gelüsten zu sröhnen. Ob dem alten schweigsamen Wafsilji die kleinen Seitensprünge seiner Katja bekannt sind, oder ob er sich noch immer ihrer dankbaren Treue ganz sicher glaubt^ das weiß niemand im Dorf. (Fortsetzung folgt.) Erinnerungen aus der „guten alte» Aeit".^) (Nachdruck verboten.) Wer nnr unsere Verkehrsverhältnisse, unseren Handel und Wandel von der zweiten Hälfte des vorigen Jahrhunderts an in ihren verschiedenen Wandlungen und in ihren unermeßlich großen Fortschritten kennt, der wird die nachfolgenden Schilderungen aus der Jugendzeit eines noch Lebenden kaun: glaublich finden und doch sind sie auf Wahrheit beruhend. — Mein Vater war Staatsbeamter und wurde 1832 pensioniert. Da er ein recht schönes Haus mit Oekonomiegebäuden und Gärten in einem Marktflecken Oberhesseus besaß, dazu Aecker und Wiesen, so zog er mit Frau und vier Söhnen dorthin und betrieb die Landwirtschaft. Er konnte zwei Pferde halten und mit diesen in einer Kutsche mit uns auch manchmal eine Vergnügungsreise antreten. TaS war nun auch nicht so leicht. Denn chauffierte Wege waren noch eine Seltenheit und eigentlich waren cs die großen Landstraßen allein, auf .welchen die Turrr und Taxis'sche Post „Eilwagen" gehen ließ. Für die Kaufleute war dies besonders schlimm, denn auf. morastigen Wegen konnten sie in den später etngesührten lerchten Reisewagen Kunden nicht aufsuchen und mußten Bestellungen auf ihre Waren zu Hause abwarten. Dazu brauchte man Zeit. In unserer neuen Heimat, die noch keine direkte Verbindung mit den größeren Städten hatte, erschien nur Mittwochs und Samstags das „Ranzeumännchen", ein Postbote, der in einem großen Ranzen, aus Holz gebaut und mit Fellen überzöge::, die Briefe von der nächsten Post, kleinere Pakete. und das „Frankfurter Journal" überbrachte. Diese alte, leider jetzt eingegangene Zeitung mit den: Beiblatt „Tidaskälia" wurde von fünf Familien in- Gemeinschaft gehalteü. ■— Unsere Wäscherin die „Annamarie", eine sehr starke Person, wanderte jeden Samstag nach dem etwa 4—5 Stunden entfernten Hanau, auf dem Kopf einen schweren, mit Butter, Käse und Eiern beladenen Korb, .wogegen sie aus Bestellung Waren aller Art von den Krämern in Hanau eintauschie und am Montag an die Besteller ablieferte. Die Wilddiebe und Schmuggler im „Langen Wald" kannte sie alle, .verriet aber keinen, .denn das würde ihr bös bekommen sein. Den Sonntag chatte sie nötig, um die vielen Schnäpse, die ihr in Hanau freigebig gespendet waren, verdunsten zu lassen. Sie blieb uns treu bis zu unserm Wegzug und war ein'Muster von Arbeitsamkeit und Ehrlichkeit bei dem geringen, aber damals üblichen Lohn. Tas Geld war noch rar. — Neben dem Ranzeumännchen erschien von Zeit zu Zeit das „Zitronenmännchen" aus Gießen, ein kleiner Warenhändler, der seine Sache:: in zwei Körben von einem Esel in die Provinz tragen ließ. ,Er hatte vorzugsweise Zitronen, Feigen, Datteln, Rosinen u. dgl. und erregte durch sein Erscheinen jedesmal ungeheueren Jubel bei der Jugend; denn er schenkte uns, wenn die Eltern ihm recht viel abnahrnen, ein paar Feigen oder Datteln, Früchte, gereist in einer anderen Flur, in einem anderen Sonnenlichte, in einer glücklichen Natur. Ungern sahen wir das Eselchen mit seinem kleinen Herrn seine Wege wieder ziehen. Aber nach drei Monaten kam es ja wieder. Eines Tags blieb Eselchen und Männchen aus und niemals sah man beide wieder. Dies sei ihr Denkmal. Es kam eine Zeit, in welcher man mehr als früher die Notwendigkeit erkannte, bessere Straßen zu bauen, aber lange dauerte es, bis sie in Zusammenhang mit den großen Verkehrsadern, bei: Landstraßen, gebracht wurden. Bis dahin entwickelte sich der Kandel in anderer Weise, zumeist durch Hausierer auf dem Lande. In unserem Dorfe lebten drei Brüder namens Maier, Israeliten, von welchen der ältere und seine Ehegattin, die Kriselriffke, bei meinen Eltern personaü gratae waren. Die trieben Handel mit Schnittwaren, die der Mann in unser Haus brachte, .liebet die Preise wurde „gehandelt", d. h. Maier forderte und schlug .natürlich etwas vor, die Eltern boten etwas weniger und Io kam der Verkauf zustande, indem Maier zum Schluß mit Resignation ausrief: „Herr L., Sie solle mich genieße!" „Das möchte nicht gutschmeckcn", meinte mein Vater. — Wenn Maier mit seinem Warenpack über Land ging, so nahm er vorher zärtlichen Abschied von Kriselriffke mit vielfach wiederholtem: „adiäis Kriselriffke", .bis sie wütend rief: „adiäis du Narr". Man sieht hieraus, .wie vielgestaltig die Liebe sich äußert. —; So toie Maier war später in einer (Stabt Oberhessens sichtbar ein alter Jsraelite, ein Hausierer: Kalme Levi Reis, dessen mancher Alte sich wohl noch erinnern wird und von dem viele recht amüsante Anekdoten existieren, deren Wiederholen hier zu weit führen würde, r- Eine andere Erscheinung in *1 Aus dem „Hessenland" entnommen mit Genehmigung beS Verfassers. 395 — der „guten alten Zeit" war der „Musterreiter".*) Kaufleute aus den Städten kamen fefbft oder schickten ihre Kommis hoch zu Roß heraus in die lehmige Wetterau und in den steinigen Vogelsberg mit Warenproben oder Mustern, die sie auf ihrem Pferd im Mautelsack mit sich führten. Auch sie waren gern gesehene Gäste. Me brauchten keine Wirtschaft aufzusucheu, Roß und Mamr wurden von bekannten und befreundeten Kunden freundlichst aufgenommen und nach ausreichender Bewirtung wieder entlassen; das Geschäft wurde immer erst kurz vor dem Abschied abgeschlossen; die Gegenstände, die gekauft waren, kamen später oft durch eine Gelegenheit. Ein solcher Musterreiter, der aber mehr ein Mustergänger genannt werden konnte, war Herr Schreer aus H. Der fand sich gar oft bei uns ein, aber regelmäßig erst am Abend, blieb als Gast zum Abendtisch und über Nacht und ließ dann erst am Morgen seinen Packträger mit Waren und Mustern kommen, und dann wurde gehandelt. Herr Schreer hatte Pech an den Hosen, namentlich abends, st>enn ihm mein Vater von seinem 1819 er Laubenheimer vorletzte, und konnte nicht zu Bett gehen. Tabei war er ein langweiliger Kerl. Meine Mutter brachte dann öfters ein selbst gezogenes „Gutlicht", stellte es brennend auf den Tisch mit den Worten: „Das Licht.ist für den Herrn Schreer!"— Tiefer kategorische Imperativ ist später in unserer Gegend sprichwörtlich geworden, wenn jemand über Gebühr sitzen blieb. Herr Schreer hatte nicht immer gute Waren. Aus einem Stück grauem Tuch, sehr schön anzusehen, — hatten wir Jungen neue Hosen bekommen, jn welchen wir bei einem Besuch unseres Oheims in Hanau und Wilhelms- bad paradierten. Hier war ein Karussel aufgestellt. Als wir das besteigen wollten, platzten zwei der neuen Beinkleider an einer sichtbaren Stelle abwärts von den Schößen unserer Wäms- chen, und unsere Weisheit wurde coram publico offenbar. Herr Schreer hatte uns die Freude an unsere Reise in die ferne Stadt gründlich verdorben. Wieder eine ähnliche und doch ganz andere Erscheinung war der Weinreisende für „MörS und Rüppel": Herr Schmidt, von seinen Freunden „das Weinschmidtchen" genannt. Er kam mit freundlicher Miene, sah durch eine goldene Brille und offerierte in nicht wiederzugcbenber Art seine Weine. Dabei gerierte er sich als alter Hausfreund und ging nicht eher, als bis man ihm etwas abgekauft bezw. bestellt hatte. Sprichwörtlich: „zur Vor- bcrtilre hinausgeschmissen, kam der Weinreisende zur Hintertüre wieder herein." Es soll öfters vorgekommen sein, daß der gelieferte Wein der Probe nicht ganz entsprach. — Das Weinschmidtchen, in späteren Jahren Inhaber obiger Finna, ist mir noch oft begegnet und wird meinen Altersgenossen auch noch im Gedächtnis fein. .Mein Vater machte keine Geschäfte mehr mit Weinreisenden, nachdem er bei Chiron-Sarasin tu Frankfurt ein ganzes Stückfaß Laubenheimer aus 1819 ersteigert hatte, von dem er an Verwandte und Freunde nur einige Ohm abgab. Daher kam es wohl auch, daß ich stets eilten guten Wein gern getrunken habe und mich der Konsequenzen wegen scheute, dem Verein gegen den Mißbrauch geistiger Getränke beizutreten. Ich will noch anfügen, daß nach dem Ausbau der Chausseen und Vizinalwege, die ja unser Öberhessen wie ein Netz umspannen, Frachtfithrlente den Verkehr mit Frankfurt vermittelten. Der Fuhrmann Dondorf aus Gedern erhielt zu diesem Zweck von meinem Vater Brieschen an den Kauf- und Handelsmann U. Wunderlich in Frankfurt, die lediglich Bestellzettel waren. Dondorf zahlte die Preise, in Vilbel auch den Zoll, denn der Zollverein war erst im Werden, und erhielt bei Mlieferung der Waren Fracht und Auslagen. — Eine weitere Folge des Chansseebaues war das Auftauchen der „Familienwagen" oder „Blamagen", die den Personenverkehr der Oberhessen mit Frankfurt vermittelten. Ich weiß noch, welche Freude herrschte, als ein Tüdelsheirner Fuhrmann an einem schönen Sonntagmorgen die erste „Blamage" durch meinen Aeimatsort lenkte. Ein gleicher Verkehr mit Hanau war unmöglich, weil der Kurfürst Friedrich Wilhelm nicht duldete, daß unsere bis an die kurhessische Grenze (mitten im Feld endigend) gebauten Straßen auf jenseitigem Gebiet weiter geführt wurden. Die kurhessischen Gemeinden haben dann minderwertige Vizinalwege in unsere Chausseen einmündeit lassen. Soweit habe ich aus dem Gedächtnis ohne Zuhilfenahme von Dichtung nur Wahrheit berichtet. Vielleicht wird mancher sagen: wozu braucht man das Zeug zu veröffentlichen? Das geschwätzige Alter tritt in den Vordergrund. Nun, wen diese Skizzen nicht interessieren, der lege das Blatt aus die Seite, ich habe nur einem freundlichen Druck nachgegeben, als ich die Feder in die Hand nahm. dixi et salvavi animum meum. Ein alter Oberhesse, „ Der Musterreiter führte in ledernen Halftern scharf geladene Pistolen mit sich. Das war damals noch gebotene Vorsicht. Ein paar lange Reiterpistolen, stark beschlagen, waren auch im Besitz .meines Vaters. Jas Kriegstagebuch d s japanischen Kapitän- teutnanis Mrutaka. Unter dem Titel „Der Akazuki vor Port Arthur" hat sei« Kommandant ein Kriegstagebuch veröffentlicht.*) Wir lernen in Nirutaka einen Torpedoboots komman- danten der japanischen Flotte kennen, der in diesem Buche seine Erlebnisse von Beginn des Krieges an bis zum Untergang des Petropawlowsk vorführt. .Er war bei dem ersten Angriff vor der Kriegserklärung auf die russische Flotte vor Port Arthur beteiligt und schoß .dabei die Patlada und den Zesarewitsch an. Tann begleitete er mit dem „Akazuki" die ersten Sperrdampfer und wird hernach während der Reparatur seines Bootes auf das Schlachtschiff „Fuji" versetzt. Auf diesem macht er eine Beschießung von Port Arthur mit, wobei der „Fuji" von einer 30 Zentimeter-Granate schwer getroffen wird und er selbst mit knapper Not dem Tode entrinnt. Der „Fuji" mußte in Dock und Nirutaka kommt auf feinen inzwischen wieder reparierten „Akazuki". Er hat verschiedene blutige Gefechte mitgemacht. Durch seine kühnen Taten wird er zuletzt zu dem Amt eines Sperr- dampferführers ausersehen. Die fürchterlichen Strapazen dieser Tat nötigen ihn, das Hospital aufzusuchen und eine Wunde aus- ' heilen zu lassen. Mit Genehmigung der Verlagsbuchhandlung lassen wir nac^, stehend einen Abschnitt aus dem Buche folgen. Gelbes Meer, den 23. u. 24. März. Tie Beschießung hätten wir also mal wieder hinter uns und der arme „Fuji" hat wieder etwas abgekriegt. Allerdings nicht er allein, sondern auch „Asahi", und ein kleiner Kreuzer? dessen Namen wir noch picht wissen, soll sogar cm Sinken gewesen fein. Tie Sache spielte sich ungefähr folgendermaßen ab: Wie man sich denken konnte, haben die Torpedoboote in der Nacht vorher keinen Erfolg gehabt, konnten auch gar keinen haben, denn der „Retwisan" liegt noch immer als vorgeschobene Küstenbatterie an der Einfahrt, es ist ein Wachtdienst von Kreuzern, und ich glaube, Kanonenbooten eingerichtet. Die Scheinwerfer fuchen ununterbrochen die Reede ab, wie also soll ein Torpedoboot da angreifen können? Ter „Retwisan" wäre auf .der Reede tatsächlich das einzige Objekt, und an ihn ist nicht heranznkommen. Sonst sind auf der Reede keine Schiffe, die man an greifen könnte. Glaubt Admiral Togo etwa, daß die Torpedoboote durch die Einfahrt in den inneren Hafen laufen sollen? Es sähe ihm ähnlich, denn er hat, soviel ich weiß, nie etwas mit Torpedobooten zu tun gehabt. Nachdem also die Torpedoboote sich auf unsere Linienschiff« zurückgezogen hatten, und dann per Signal nach den Miautau- Jnseln detachiert worden waren, dampfte das Geschwader in Schuß- fbeite heran. Wir, „Fuji" und „Jaschima", erhielten den Befehl, uns vom Geschwader fortzubegeben, uns hinter das Vorgebirge von Lianttschan zu legen und von da ein indirektes Feuer auf Stadt und Hasen zu eröffnen. Jedenfalls wollte der Admiral das Feuer der Russen teilen und womöglich etwas Verwirrung und Unruhe hineinbriugen. MM hatte dasselbe, schon neulich gemacht und stundenlang über die Berge weggeschossen, ohne das Ziel sehen zn können. Ob man was dabei getroffen hat, wissen wir nicht. Aber damals haben die Kreuzer, die vor der Reede lagen, es behauptet, daß sie gerade die Aufschläge der indirekten Schüsse deutlich gesehen hätten. Wir und der „Jaschima" legten uns also hinter Lianttschan zu Anker und nun wurden die Geschütze ganz hoch, so hoch tote möglich gerichtet, und nach Plan, Karte und Schtißtafel ausgerechnet, wie man das unsichtbare Ziel treffen könnte. Ich hatte dabei immer die unzeitgemäße Kindheitserinnerung im Kopf, wie ich mit Steinen über ein Haus hinüberwarf, um einen Mann zu treffen, von dem ich wußte, .daß er auf der anderen Seite mit irgend welchen Arbeiten beschäftigt war. Wir hatten noch nicht angefangen, das Feuer zu eröfsnen, denn es war nötig, den Ankerplatz zu verändern und die richtige Ent- seruung .herauszubekommen, da plötzlich heulte und Pfiff es durch die Lust und hundert Meter von uns schlug klatschend ein schweres Geschoß von ihnen ins Wasser hinein. Es prallte nicht ab, wie die flach aufschlagenden Granaten immer tun, .und so war sicher, daß die Russen sich ebenfalls, aus indirektes Schießen eingerichtet, uns beobachtet hatten, wie wir vorn Geschwader detachiert wurden und nun uns auf diese Weise zuvorkommend empfingen. Nach wenigen Minuten folgte ein zweiter Schuß, welcher auch nicht weit entfernt einschlng, und nun waren wir auch so weit, das Feuer beginnen zn können. „Jaschima" und wir schossen abwechselnd und hatten unsere Visier« so gestellt, daß .wir immer einen gewissen Raum unter Feuer nahmen. Nach der Karte den Jnnenhasen, die Stadt und di« naheliegenden Forts von Pott Arthur. Man merkt aber doch, daß die Schiffsgeschütze und vor allem das Schiff nicht für Steilfeuer gebaut find, und lange würden die Unterbauten der Geschütztürme diese Geschichte wohl nicht anshalten. Man merfte bei jedem Schuß die kolossale Erschütterung aller Verbände, Es ist ja auch ganz nattirlich, denn je höher bte Geschützmündung *) Es ist soeben im Verlag von Eugen Salzer in Heilbronn erichienen und kostet sehr hübsch ausaestattet nur 1 Mk. — 898 gerichtet ist, desto mehr nach unten geht der Rückstoß beim Schuß, unterstützt noch durch die Schwerkraft des Geschützes selbst. Zu Unserem großen Erstaunen kam kurz nach unserem »werten Schuß der Funkentelegraphist mit einem Zettel heraus: Signal vom Kreuzer „Akaschi" „Schuß Nr. 3 ungefähr 600 Meter zu weit, Seitenrichtung scheinbar gut". Tas war sehr angenehm, so wußte man wenigstens, wie man zu schießen und welche Fehler man gemacht hat. Es war eine sehr richtige Idee von Sldmiral Togo. Er hatte die Kreuzer „Akaschi", „Jaschino" und -„Niitaka" so vor die Reede von Port Arthur, allerdings auf ganz weite Entfernung, sich legen lassen, daß sie beobachten konnten, wie unsere Schüsse ungefähr einschlugen und nach jedem meldeten sie mit Funkentelegraphie, tote ihre Beobachtung war, und wir konnten uns darnach korrigieren. Bald kam denn auch, allerdings nach einem Schuß der „Jaschima", das Signal „Treffer in der Stadt, Feuer". ,Die „Jaschima" signalisierte uns sofoH mit welcher Erhöhung sie geschossen hätte und genau die Seitenrichtung und nun begannen wir ein schnelles heftiges Feuer aus unseren mittleren und schweren Geschützen. Der Schiffskörper zitterte, und J&ie Leute arbeiteten schweißtriefend an bett Geschützen und unermüdlich ivurde die Munition herangeschäfft und wir hatten nur, allerdings ziemlich viel, zu tun, um zu verhindern, daß zu schnell nach jedem Schuß wieder geladen würde. Ich habe meine beiden Turmgeschütze stets sorgfältig feucht auswischen lassen. Denn wenn glimmende Pulverrückstände im Rohr bleiben, so kötrnen diese durch den Luftzug, wenn der Verschluß geöffnet wird, zu Heller Flamme werden, die hinten herausschlägt und das größte Unglück tarnt passieren. Tie Leute waren damit gar nicht zufrieden, sie wollten so schnell tote möglich schießen, und fanden die Vorsicht wahrscheinlich nicht kriegsmäßig. Wir alle arbeiteten wie die Pferde, unsere Stimmen waren heiser, die Mundhöhle ausgetrocknet und das Gesicht mit dicker, grauer Kruste bedeckt. Ich dachte gerade, es ist nur gut, daß die von Port Arthur iticht treffen, da im selben Moment ein Zischen in der Luft, ein furchtbarer Krach, dichter gelber Rauch um uns herum, eine hohe Flamme fchlägt empor. — Ich Erinnere mich noch, daß ich schreien wollte: Alles hittlegen! Mer weiter weiß .ich nichts mehr und auch nicht, .ob ich es getan habe. Als ich wieder zu Mir kam, lag ich vorne im Schiff im Lazarett mit Eis auf dem Kopf und der Arzt erzählte mir, es wäre eine schwere Granate zwischen dem Hinteren Turm und dem mittleren Aufbau auf Teck geschlagen. Ich hatte keine Verletzungen direkt bekommen, war aber dttrch den .Luftdruck hingeschleudert worden und hatte mich am Kopf gegen die Turmwand etwas kontusioniert; nach einiger Zeit war ich wieder so weit in Ordnung, daß .ich aufstehen konnte, besonders geistreich kam ich mir aber nicht vor. Ter Kopf brummte und ich ging herum tote im Traum. Der „Fuji" war schon wieder Anker auf gegangen und in See. Die Granate hatte furchtbare Verwüstungen angerichtet. Das Oberdeck war durchschlagen und im Zwischendeck alles weggefegt, was in ihrem Bereich stand. Die Deckstützen, teils krumm gebogen, teils herausgeschlagen und tote Geschosse immer um ihre Querachse herumwirbelnd, durch den Raum gesaust, eine stak tote eine Lanze in der Bordwand und rotnc zur Hälfte nach außen durchgegangen. Zwölf Leute, die gerade im Zwischendeck beschäftigt gewesen waren, hatte das Geschoß teils völlig irt Stücke zerrissen, teils schwer verwundet. Noch klebte das Blut und grauweiße Gehirnteile an den Tecks oben und unten und an den Wänden. Die Granatsplitter der krepierten Granate hatten teilweise auch das zweite Teck durchschlagen .und waren wie Geschosse in dasselbe hinuntergeslogen, .ohne dort scheinbar Schaden anzurichten. Im Oberdeck war ein .weites unregelmäßiges Loch gerissen und der Holzbelag sofort in Brand gesetzt worden. Immerhin war es ein Glück, daß die Granate, es war übrigens eine 30,5 Zentimeter nicht auf meinen Turm gefallen war, sonst wäre es weit schlimmer geworden. Unsere Türme, wie überhaupt ja die ganze Schiffspanzerung, ist nicht darauf eingerichtet, Geschosse, die von oben kommen, abzuwehren, und die Turmdecke wäre ohne Zweifel durchschlagen worden. Ich und die ganze Turmbesatzung hätten nicht nur auf eine weitere Fortsetzung des Krieges verzichten können, sondern auch die Turmgeschütze selbst. Hinter ihnen lag noch die Munition für zwei Schuß und diese wäre auch mit in die Lust gegangen. So war also noch manches Glück bei der Sache. vermischter. * A u s d e r S ch u l e. .In der „Tal. Rundschau" wird nach den Erinnerungen eines Lehrers erzählt: Aus der Geschichts- stnnde: Stein schuf einen freien Bürger- und Bauernstand und Scharnhorst.— besserte die Soldaten aus. — Im Westfälischen Frieden erwarb der Große Kurfürst Magdeburg, Minden und das Hinterteil von Pommern. — Bei Behandlung des Nibelungenliedes wurde gefragt: „Warum tränt Siegfried nicht sofort aus dem Quell?" „Er hatte sich in Schweiß gelaufen und wollte sich erst abkühlen!" lautete die Antwort. — „Hagen fand am Tonaustrande zwei Meerweiber" wurde gelesen. „Was sind Meettveiber?" fragte die Lehrerin. „Tas sind Waschfrauen, die Base, Senat, Natal, Alter, Banat, Baal, Alba. Ba se «at al ter Ergänzimgsrätsel. —be, —e, A—ut, M—d, S—z. Statt der Striche sind passende Buchstaben zu sehen und zwar überall die gleiche Zahl, so daß bekannte Hauptwörter entstehen. Tie eingewgten Buchstaben müssen im Zusammenhang gelesen eine dichterische Zeitbezeichnung ergeben. Auflösung in nächster Nummer. Auflösung des Silbendiamants in vor. Nr.r am Meere waschen", wurde geantwortet. Tacitus war ein römischer Gerichtsschreiber. — Schenkendorfs rechte Hand war bei einem Duett verstümmelt worden. Tie bösen Fremdwörter: Heute haben wir frei! Es ist Lehrerkonfusion! (Konferenz). — Rußland hat ein sentimentales (kontinentales) Klima. .— Das war ein Klang, der das Herz erfreut; — Das klang wie himmlische Zwiebeln (Chmbeln) hell! — Eine Schülerin {ft, hinter der Vorsitzenden versteckt, eifrig .mit Schreiben beschäftigt. Tie Lehrerin veschlckgnahmt folgendes Billett: „Liebe fenma! ich mus dich doch auch mal ein Brif Schreiben. .Weiter weis ich nichts. Es grüßt Deme Hedwig." —; „Ich hoffe, daß.mein Brief Sie in frischem.Zustande antrifft", schrieb ein Knabe seiner Lehrerin. — Ein Knabe, der längere Zeit schwer krank war, wurde im Dorfe bereits totgesagt. Ein Bruder desselben wurde von der Nachbarin gefragt: „Wird Dein Brüderchen heut schon begraben?" —: „Ne", lautete die Antwort. ..— „So? Denn wohl morgen?" — Abermals „Ne!" — „Ja, wenn wird er denn begraben?" — „Ja, ick weit ok nich! Hei is noch nich dod!" Literarischer. — Zur Reform der höheren Mädchenschulenr «Alles Wesentliche, was sich zu diesem Thema beibringen läßt, gibt Else Croner in einem Leitartikel der „Frauen-Rundschau". Was sie über die Erweiterung und Vertiefung des Geschichtsunterrichtes in den oberen Klaffen sagt, muß die Zustimmung aller denkenden Köpfe finden. „Berliner Studenten mit neuem Tugendideal", so bezeichnet Erich Tempelhofer die Tendenz eines in Charlottenburg begründeten Bundes „E t h o s", der in einem energisch .abgefaßten Programm den geschlechtlichen Ausschweifungen den Krieg erklärt. Mich Tempelhoser sieht in der Entstehung dieses Bundes eine hocherfreuliche Kulturerschein- nng. Zur Erziehung der Frau in Amerika gibt Professor Mosso in Turin neue Gesichtspunkte, die Unabhängigkeit der amerikanischen Frau erklärt der Verfasser .in erster Linie aus wirtschaftlichen Tatsachen. J3n der belletristischen Beilage bedeutet die symbolische Erzählung der großen nordischen Schriftstellerin SelmaLagerlöf „Die Kassette der Kaiserin" eine Perle novellistischer Kleinkunst. Tie Japanerin, auf bereit Tun durch die Kriegsereignisse der letzten Monate das öffentliche Interesse im verstärkten Maße gelenkt ist, ist der Gegenstand einer mit mehreren Bildern gezierten Schilderung. Sollen wir unsere Kinder aufKären? Zu dieser brennenden Frage ergreift in der Kinderbeilage der Frauen-Rundschau Alice Wittmund das Wort, Se vertritt chen Standpunkt, daß glücklichere und natürlichere annlienverhältnisse entstehen werden, wenn alles Verheimlichen aufhört, denn der Bann des Geheimnisses hat noch stets eine Kluft bedeutet in dem Verkehr der Großen mit den Kleinen. Ter Pariser Modebericht des Sprechsaals bringt die Neuigkeit, daß die Trachten unserer Urgroßmütter unsere augenblicklichen Moden sind. Ein Haushaltungsbudget, aufgestellt nach dem Einkommen eines mittleren östreichischen Beamten, dürfte die Leserinnen der „Frauen-Rundschau" zum Meinungsaustausch anregen. Kauswlrtlchaft- Einmacheü der Erdbeeren. Gattenerdbeeren aller Att ' eignen sich hierzu am besten, welche man mit einem kurzen Ende des Stiels bei sehr trockenem, schönen Wetter abschneidet und so auf eine Porzellanschüssel legt, daß sie einander nicht berühren, wonach man sie dicht mit gestoßenem Zucker überstreut. Nun läutert man aus jedes Vg Kilo Früchte ebensoviel Zucker, oder noch .besser tut man, etwa ein Liter recht reife Walderdbeeren durch ein Sieb zu streichen, mit dem gleichen Gewicht Zucker zu vermischen und über gelindem Feuer dick einzukochen, dann durch ein Stück Musselin zn pressen und den so gewonnenen Saft nochmals aufzukochen und abzuschäumen. Nachdem der Saft ausgekühlt ist, legt man die Gartenerdbeeren samt dem darüber gestreuten Zucker hinein, stellt sie »um Feuer und läßt sie langsam heiß werden, wieder auskllhlen und abermals heiß werden, was man noch zwei bis dreimal fortsetzt, ohne daß die Beeren zum Kochen kommen dürfen, worauf man sie behutsam herausnimmt, in die Gläser legt und mit dem nochmals ausgekochten und wieder erkalteten Saft übergießen muß. Redaktion: August Götz. — Rotationsdruck und Verlag der Vrühl'schen Universitäts-Buch- und Stsiudruckerei. N. Lange, Gießen.