Areitag den 6. Mai. 1904. Mff M tA TD M ÄMi 7j Ä{ M1 I gg® Hfe (Nachdruck verboten.) Im Wakalt der Ztajali. Roman von B. M. Croker. Genehmigte Uebertragung von A. Vischer. (Fortsetzung.) Der Liebtingsausslug der beiden kleinen Ranis war eine Fahrt nach dem alten „Fort der vier Winde", !vo es eine reiche Grotte an wilden Blumen, Pfauenfedern und S-tachelschweinkielen für sie einzuheimsen gab. Diesen Ort behielt ich mir deshalb als besondere Belohnung für Fletß und gutes Betragen der beiden Mädchen vor. Das Fort lag etwa elf Meilen jenseits der Stadtmauern. Der Weg dahin führte durch mehrere uralte, unter Palmen, Tamarinden und Feigenbäumen fast vergrabene Dörfer, deren geringe Anzahl Häuser gewöhnlich um einen Tempel oder Bruitnen lag. Zwischen den Dörfern dehnte sich eine flache bebaute Ebene aus; hin und wieder kam auch ein kleiner, binsenumsäumter See zum Vorschein, der mit roten Lotosblumen bedeckt und von Wassergeflügel bevölkert war. Das Fort und der damit zusammenhängende alte Palast krönten einen steilen Abhang, die Wälle zogen sich wohl eine Meile weit am Hügelrande hin, uitd trotzig aufragende Mauern wehrten von der Ebene aus den Zugang. Innerhalb dieses Bereiches war ein wildes Durcheinander von gewölbten Toren, Tempeln, Ballonen, Türmen, Höfen, Elefantenställen und mit Kaktusgebüsch überwachsenen Schwimmbädern. In die Herrschaft darüber aber teilten sich jetzt in despotischer Willkür üppig wucherndes Riedgras, Dornengestrüpp, prächtige Bäume, Ziegenherhen, blaue Tauben und stolze Pfauen. Am Fuße des Hügels verließen wir die Wagen und kletterten den steilen Pfad hinauf, der zu einem großen Torweg führte, in dem unsere Stimmen laut wiederhallten, und von wo aus man in den inneren Hof gelangte. Auch auf mich übte dieser einsame Ort mit seinen hochragenden Mauern utid verödeten Hallen, die einst der Schauplatz fröhlichen Lebens gewesen waren, eine seltsame Anziehungskraft aus. Mächtig wehrte sich dieser verlassene Palast gegen den alles zersetzenden Zahn der Zeit, und obwohl hohes Gras seine Höfe bedeckte und seine Lusthäuser Tieren als Schlupfwinkel dienten, so stand sein Mauerwerk doch noch ebenso fest wie je. Hunderte von Fahren schon hatte es Sturm und heißer Sonne getrotzt, und noch nach weiteren Jahrhunderten, wenn ich längst tot bin, wird dieser Palast wahrscheinlich noch ebenso dastehen wie heute, höchstens daß das Gras und Kaktusgestrüpp üppiger und die Bevölkerung von Schweinen und Pfauen noch zahlreicher geworden sein wird. Wie die Jähre, ehe wir geboren, Werden die sein, wenn wir nicht mehr sind; Die dazwischen liegen, geh'n verloren, Wie das Sviel der Wellen vor dem Wind. Von solchen Gedanken bewegt, saß ich auf einem der niedrigen Wälle, während die kleinen Ranis sich unter der Obhut einer Dienerin auf einem ihrer beliebten Streifzüge befanden. Als mein Blick zerstreut über die sich unter mir ausdehnende Ebene irrte, bemerkte ich drei Männer zu Pferde, die den steilen, zum großen Torweg führenden Pfad chinaufrittetr. Eingeborene waren es nicht. Wie ste dann näher und unter laut dröhnendem Pferdegetrappel aus dem hohen Einfahrtstore hervorkamen, erkannte ich in einem von ihnen Mr. Thorold. Auch er hatte mich, tote es schien, bereits gesehen; die unten haltenden Hofwagen mochten ihn auf das Zusammentreffen vorbereitet haben. Die drei Herren banden nun die Pferde fest und kamen auf meinen, in einer Ausbuchtung der Mauer befindlichen Sitz zu, von wo aus einst ein Geschütz die Gegend bedroht hatte. „Miß Ferrars! Welche freudige Ueberraschung! rief der Führer mir zu. „Ich glaubte, dieser, weitab geschiedene Ort werde von keinem menschlichen Wesen außer mir mehr besucht." „Ich bin schon häufig hier gewesen, mindestens ein halbes Dutzend mal." „Gestatten Sie, daß ich Ihnen Doktor Flemming, unseren Bezirksarzt vorstelle." Ein dicker Herr von etwa fünfzig Jahren nahm grüßend den Hut ab. „Und dies hter ist Mr. Bellairs, mein Sekretär." Ein blaß aussehender Jüngling mit einer Brille verbeugte sich gleichfalls. „Ich habe den Herrn Doktor mit ganz besonderer Absicht hter- hergeführt", fuhr Mr. Thorold fort. „Er hängt so sehr an'der Präsidentschaft Madras, daß ich es für dringend geboten erachte, ihn nun auch mit einem Tetle der Landschaft bekannt zu machen, damit seine B.'geisterung wentg- stens einigermaßen gerechtfertigt wird." „Ja, ja", rief Doktor Flemming mit etitent lusttgen Zwinkern seiner kleinen Augen, „nun spotten Sie wieder einmal über unsere älteste, gesegnete Präsidentschaft, die ich an die Spitze von allen dreien stelle. Jedenfalls ist sie der echteste Teil von Indien. Hier findet man noch die unversehrte einheimische Flora..." „Und das echte Klima mit unverfälschter Malaria!" höhnte Mr. Thorold. . , Ach was, ihr Leute aus den Nordwestprovtnzen bildet euch immer ivunder was eilt auf euer kühles Wetter, und dabei müßt ihr dort überall hin euer Bett mitnehmen! ... Sie sind gewiß noch nie oben im Norden gewesen, Miß Ferrars?" Der Doktor wandte sich an mich. „O doch, aber ich hatte keine Gelegenheit, viele Eindrücke zu sanimeln, da ich mich nur drei Tage dort aufhtelt." Erstaunt riß er die Augen auf, aber der blasse junge Manu fragte nun: „Wie gefällt Ihnen Royapetta?" „Ziemlich gut. Und Ihnen?" trc f f !" %(!, ja, es ist ihm vollständig ernst mit seiner Behauptung", bestätigte Mr. Thorold. „Er kennt sich tu 266 der Archäologie gut aus und bewundert unsere alten Gebäude ebenso sehr tote Flemming unsere Giftpflanzen. Hier" — er fuhr mit der Hand herum — „ist sein ergiebigstes Jagdrevier. . . Sie sind Wohl mit den jungen Ranis hierhergekommen, Miß Ferrars?" „Ja, denn auch für sie ist dieser Ort ein ergiebiges Jagdrevier; reich an allerlei kleinen Schätzen. Hoffentlich haben Sie sich vollständig von der Malaria erholt?" „O ja, ich dattke. Der Ausflug in die Berge war ein sehr heilsames Rezept, das Wunder gewirkt hat." „Uebrigens war es ein recht schlimmer Anfall", bemerkte der Arzt. „Eine Art von Malaria, wie sie mir noch niemals vorgekommen ist." „Wohl auch einer der Vorzüge von Royapetta?" warf fein Patient lächelnd ein. „Doch sehen Sie nur, was für ein herrlicher Sonnenuntergang!" rief er plötzlich, worauf wir uns alle dem glühenden Westen zuwandten. In dunklem Purpurrot hob sich die ferne Hügelkette vom leuchtenden, orangegelben Himmel ab, über den sich Streifen von wunderbarstem Rosa hinzogen, welche die ganze Landschaft in rosige Glut tauchten. „Alles rosenfarbig", bemerkte Mr. Thorold. „Gewiß ein gutes Omen!" „Ja, die Sonne geht unter, aber wir haben ja den Palast noch gar nicht besichtigt, und doch gibt es so ungeheuer viel Interessantes zu sehen", sagte Mr. Bellairs. „Gut, Dick, dann gehen Sie jetzt nur und führen Sie den Herrn Doktor herum. Ich bleibe inzwischen hier bei Miß Ferrars, mit der ich allerlei Geschäftliches zu besprechen habe." Während Mr. Bellairs mit dem dicken Doktor, der ihm kaum zu folgen vermochte, davon eilte, wandte sich Mr. Thorold lebhaft zu mir. „Ich bin sehr ftoh. Sie hier zu treffen. Nun sage,n Sie mir, bitte, vor allem, warum soll ich Sie denn nicht im Palast besuchend „Weil die Rani Sundaram es nicht wünscht. Sie traut mir nicht und hält mich für Ihre Spionin." „Das sieht ihrer Hoheit, der Königin der Spione, wieder recht ähnlich." „Ich hatte einen entsetzlichen Auftritt mit ihr." „Was das heißen will, weiß ich zur Genüge, denn auch ich habe, vor ihrem Purdah stehend, schon manchen heftigen Kampf mit ihr auszufechten gehabt." „Dann sehen Sie dabei aber doch wenigstens chre Augen nicht." „Um was handelte es sich denn?"" „Es war Ihretwegen. Wenn wir Halbwegs Frieden mit ihr haben wollen, so dürfen Sie mich weder besuchen, noch Briefe mit mir wechseln. Die Wände des Palastes haben tausend Augen und Ohren. So war sie zum Beispiel auch Zeuge unserer Unterredung im Audienzsaale. Sie sah, daß ich Ihnen Briefe übergab und behartptete, wir hätten schlecht über sie gesprochen."" „Da hatte sie wahrhaftig recht! Wer sagen Sie mir, wie ihr dies möglich war, wenn sie nicht tatsächlich hexen kann!" „Hoch oben laufen ja doch Galerieen um den Saal herum, vott wo aus die Dienerinnen den Festlichkeiten zufehen. _ Dort muß sie gewesen sein."" „Daß ich ihr so verhaßt wie Gift bin, weiß ich wohl, ist mir aber höchst gleich giltig und hindert mich nicht im geringsten an meinen Arbeiten, die einen recht günstigen Fortgang nehmen. Ich löse Pfandbriefe ein, strecke Geld zu gemeinnützigen Zwecken vor, lasse Gerechtigkeit walten, wo und wie ich kann, und führe Verbesserungen ein. Ungeheuere Schulden lasteten auf dem Staate, die Steuern betrugen mehr als die Hälfte des Einkommens und saugten das Herzblut des Volkes aus. Die Rani Sundaram aber kümmert sich nicht darum, wie viele Menschen täglich am Hungertode sterben. Mit vollen Händen wirst sie das Geld zum Fenster hinaus, ihr Ehrgeiz und ihre Verschwendungssucht kennen keine Grenze."" „Ist es wahr, daß nächsten Monat großartige Ver- gtählungs feierlich keilen stattsinden sollen?"" „Ja, in der ersten Woche des März schön sollen sie beginnen. Da werden wir dann jedenfalls wieder Gelegenheit finden, uns zu sprechen." „Vielleicht"", antwortete ich zweifelhaft. „Da gibt es kein Vielleicht. Ich will schon dafür sorgen." „Nun werden die kleinen Rauis gleich zurückkommen und uns beisammen finden!"" ries ich plötzlich ängstlich. „Was wird ihre Großmutter sagen, wenn sie davon erfährt!"" „Ms ob sie das etwas anginge! Wir sind stete Menschen, und wenn ich nicht einmal das Recht hätte, mich mit meiner Landsmännin zu unterhalten, so wäre ich wirklich ein beklagenswerter Mensch. Stellen Sie sich einmal vor, wie hübsch das aussähe, wenn ich nun plötzlich Reißaus nähme und davon galoppierte, damit diese Kinder — die übrigens gerade jetzt zurückkommen — mich nicht mit ihrer Erzieherin sprechen sehen!"" rief er lachend. Da ich jedoch in feine Heiterkeit nicht einstimmte fügte er ernsthafter hinzu: „Die Angst vor der Rani Sundaram scheint Sie wirklich zu beherrschen; kein Wunder übrigens, wenn das abgeschlossene, einförmige Leben, das Sie führen, Sie Ihres frischen Mutes beraubt. Damit soll es aber anders werden. Ich verspreche Ihnen, daß Sie, soweit es irgendwie in meiner Macht steht, von nun an mehr Freiheit bekommen werden."" Die seidenen Höschen mit Stachelkielen gefüllt, die Arme mit Federn beladen, kamen die beiden kleinen Mädchen jetzt herbeigelaufen, indem sie in atemlosem Eifer schon vott weitem eine wunderbare Geschichte von einem wilden Tiere zu erzählen begannen, das sie im Dickicht entdeckt hatten. Nachdem sie dann schüchtern noch einige lustige Fragen Mr. Thorolds beantwortet hatten, begleitete dieser uns alle drei bis zu unserem Wägen hinunter. Erst als die Kinder mit ihrer Beute und ich selbst glücklich im Landauer saßen, verabschiedete er sich von uns, worauf wir, vom silbernen Mondlicht geleitet, in unserem gewohnten Galopp davonfuhren. * Es gab verschiedene Wege, um von der Frauenabteil- in die Gärten zu gelangen. Ich wählte gewöhnlich den weiteren, der durch die Staatsgemächer führte, da ich dadurch einem ganzen Jrrsal von dunkeln, dumpfigen Gängen und Hunderten von neugierigen Augen entging. Als ich eines Nachmittags wieder langsam durch den Audienzsaal wanderte, blieb ich einen Augenblick vor einem hohen Spiegel stehen, für den ich — ich will es nur zugestehen ■— eine besondere Vorliebe hatte, da er das Bild des Hineinschaueuden besonders vorteilhaft zurückwarf. Mährend ich noch" in den Anblick meines Konterfeis versunken war, leuchtete mir plötzlich ein zweites Gesicht aus dem Glase entgegen, und mein Herz stand einen Augenblick still, als ich Mr. Ibrahims scharf geschnittenes, oliven- farbenes Gesicht erkannte. Hastig ioandte ich mich um — nein, es war keine Täuschung, leibhaftig stand er vor mir, trenn auch nicht mehr als persischer Dandy in tadellosem englischem Anzuge, sondern als indischer Höfling mit dunkelblauer Tunika, kostbarem Gürtel und einem kleidsamen roten Fez. „Ei, Sie sind ja sehr überrascht!" sagte er in ruhigem, freundlichem Tone. „Ich strebte schon längst nach einem Zusammentreffen mit Ihnen und war überzeugt, daß es mir eines Tages gelingen müßte. Sind Sie ganz wohl und munter?"" „Jä, ich danke", antwortete ich steif. „Und wie gefällt es der stolzen Miß Ferrars im vergoldeten Käfig?"" Er machte eine bedeutungsvolle Miene. Ich wich jedoch der Frage durch eine Gegenfrage aus. „Wie sind denn Sie in bett Palast Hereingekommen?"" „O, ich bin kein Fremder für die Rani Sundaram oder für ihren Bruder Dttrigodana. Wir sind sogar gute Freunde und haben schon manches Geschäft mit einander abgeschlossen. Diesmal bin ich nun wegen der Hoch- zeitssUwelen hier, und deshalb habe ich auch meinen Wohnort bis auf weiteres nach Royapetta verlegt."" Ton und Haltung waren tadellos höflich, ja bescheiden, so daß ich schon zu hoffen begann, er habe unsere letzte, ziemlich stürmische Unterredung vergessen. Allein er, war so klug, daß er mir diesen Gedanken schon wieder vom Gesicht las, als stehe er mit Buchstaben darauf geschrieben. „Miß Ferrars"", sagte er plötzlich unvermittelt, „wollen Sie die große Güte haben, mir meine Tollkühnheit von damals zu vergeben und mich mit Ihrer Freundschaft zu beehren?" Da ich es nicht tragen durfte, mir diesen schlauen 267 Mann zürn Feinde zu machen, besonders nicht an einem Ort, wo ich so wenige Freunde hatte, so antwortete ich: „Ich Mr. Ibrahim, ich bin ganz bereit, das Vergangene vergessen sein zu lassen." „Gestatten Sie mir aber. Ihnen nur noch zu versichern, daß meine Gefühle für Sie sich niemals ändern werden: die Sehnsucht der Motte nach dem Lichte, bie heute und immer dieselbe bleibt. Mehr will ich Nicht sagen", fügte er mit einer tiefen Verbeugung hinzu. „Die Hochzeitsjuwelen sind gewiß sehr schön", begann ich ablenkend, indem ich mich dem zum inneren Hose und in den Garten führenden Ausgang zuwandte. „Ja, sicherlich die schönsten von ganz Asien, und ich will nur wünschen, daß die Familie sich zum Ankauf entschließt. Leider muß ich aber stark daran zweifeln. Ich habe nämlich die berühmten Jasraperlen zu verkaufen, die schon in den alten Gesängen und in der Geschichte mehrerer Dhnastieen erwähnt werden. Sie sind uralt, von der Größe eines Drosseleies, fehler- und fleckenlos. Ihr Besitz würde die Familie auf die höchste Rangstufe erheben." „Und doch wollen Sie sie nicht kaufen?" rief ich erstaunt. „Sie feilschen um den Preis, oder vielmehr Ihr Freund, der Resident, sträubt sich mit aller Macht gegen die hohe Ausgabe. Mer der Reichtum dieser Familie ist ja fabelhaft." „Welchen Wert haben aber diese Schätze, wenn sie unberührt in der Tofcha-Khana liegen?" „Das weiß ich wohl", unterbrach er mich ungeduldig, „aber das Land ist fruchtbar. Seit Jahren gab es keine Mißernten mehr, und die Steuern werfen Geld die Menge ab. Bunfi-Lall und noch verschiedene andere Makler sind bereit, das Geld vorzustrecken, und die alte Rani brennt darauf, die Kleinode zu kaufen, trotz dem hohen Preise: zwanzig Lakhs Rupien." „Hundertfünfzigtausend Pfund!" „Ja, für vierzig Perlen. Solche Perlen sind aber auch einzig in der Welt, und zudem sind Perlen jetzt sehr in der Mode. In zehn Jahren werden sie vielleicht noch mehr wert sein. Ein russischer Großftirst besitzt eine Perle, die allein einen Wert von sechzehntauserrd Pfund darstellt." „Hundertfünfzigtausend Pfund für ein paar kleine Muschelerzeugnisse, die ich mit der Hand zudecken könnte!" „Sie sind ihren Preis wert. Warten Sie einmal, ich werde sie Ihnen zeigen. Alle Frauen haben ja Freude an Perlen." (Fortsetzung folgt.) Ernst Kßalkier. Unsere Gießener Leser besonders wird es interessieren, daß die letzte Nummer der in Wien erscheinenden „Musib- literarischen Blätter" ein Bildnis unseres Mitbürgers Herrn Challier bringt, mit folgendem, die Verdienste des Herrn Challier höchst anerkennenden Text: Einen um den Musikalienhandel und die Musikpslege hochverdienten Verleger führen wir im Bilde unseren Lesern vor. Persönlich wohl nicht, aber durch seine musikalischen „Speziallexikons" dürfte er heute schon in allen Musikkreisen, „so weit die deutsche Zunge klingt", als wahrer „Wohltäter" rühmlichst bekannt und von seinen Kollegen hoch geschätzt sein. Ernst Challier ist am 9. Juli 1843 in Berlin geboren, erlernte dort im väterlichen Geschäft den Musikalienhandel und machte sich nach Absolvierung seiner Wanderjahre ebendaselbst selbständig. 1887 siedelte er nach Gießen'über, wo er noch heute als Inhaber der allgemein geachteten Firma Ernst Challier (Rudolphs Nachfolger) tätig ist. Auf seiner Wanderschaft in Deutschland lernte er schon das Bedürfnis seiner Berufsgenossen nach einem praktischen Ratgeber und Führer durch die schon damals stark ausgewachsene deutsche Gesangs- und Klavierliteratur kennen, und deshalb beschloß er, an die Ausarbeitung und Herausgabe von Musikkatalogen zu schreiten, deren Gebrauch bett in der Musikliteratur minder bewanderten Kollegen rasche und sichere Erledigung der. Geschäftsaufträge ermöglichen sollte. Im Jahre 1881 begann er dieses äußerst mühevolle, groß angelegte Verlagsunternehmen mit der Herausgabe des „Doppelhandbnches der Gesangs- und Klavierliteratur", eines Werkes, welch.es auch bei seinem damaligen noch bescheidenen Umfang in den Musikkreisen schon ein gewisses Aussehen hervorrief. Von diesem Erfolg ermutigt, setzte Challier seine Arbeiten in diesem Spezialfachs mit Fleiß und Energie fort. Schon im darauffolgenden Jahre erschien die „Sonaten-Tabelle", 1883 folgte das „Spezial- Handbuch", 1884 „Verzeichnis komischer Duette und Terzette", 1887 „Beethovens Sonaten-Tabelle". Im Jahre 1892 begann er sein größtes Lebenswerk, „Das Lexikon des Liedes", zu bearbeiten und zu veröffentlichen. Von diesem Lexikon.sind seither erschienen: Teil I Großer Liederschatz 1895 mit 9 Nachträgen, Teil II Großer Dnettenkatalog 1898 mit 1 Nachtrag, Teil III Großer Männergesangskatalog 1900 mit 2 Nachträgen, Teil IV Großer Chorkatalog (gemischte Chöre) 1903, Teil V Großer Katalog für Frauenmusik und Terzette. Dieser letzte Teil liegt schon im Manuskript fertig vor und wird noch üt diesem Jahre zur Herausgabe gelangen. Nach Beendigung des Druckes dieses Teiles wird alsdann jede vertonte und im Druck erschienene lyrische und dramatische Dichtung in diesem Nachschlagewerke mit Angabe von Komponisten, Verlegern und Preisen auffindbar sein. Wir halten es an dieser Stelle für nicht angebracht, uns über das Registrierungssystem dieser Speziallexikons des Herrn Challier ausführlich zu verbreiten, zumal wir wissen, daß diese mrstikalischen Handbücher bereits allen Interessenten in ihrer Anlage wohl bekannt sind. Dieselben bezwecken in Fällen, wo bei Nachfrage nur der Titel oder Text-Anfang der deutschen Gesangswerke bekannt ist, Komponisten, Verleger und Preise festzustellen, während das von uns zur Herausgabe gelangende „Uni- versal-Handbuch der Musikliteratur aller Zeiten und Völker" die übersichtliche Angabe der gesamten im Druck erschienenen Werke der Komponisten aller Völker und Zeiten ent- balten wird. Bei dieser Nebeneinanderstellung der hier kurzgefaßten Ausgestaltung und der Zwecke dieser beiden musikbibliographischen Riesenwerke wird sicherlich sofort jedermann deren volle monumentale und praktische Bedeutung erfassen. Während wir zurzeit unmittelbar vor der Herausgabe des ersten Bandes des ersten Teiles unseres Univ ersal-H andbuches stehen, liegen uns bereits — bis auf den letzten V. Teil — die gesamten „Speziallexikons" des Herrn Challier vor, deren Anblick uns mit größter Bewunderung ftir diese von Herrn Ernst Challier allein geleistete Riesenarbeit erfüllt, die ein beredtes Zeugnis dafür ablegt, mit welch staunenswertem Fleiß, Energie, Ausdauer und Fachkenntnis er dieses Merk vollbracht hat. Jas Wermögen des Zaren. Dieser Tage wurde halboffiziell aus Petersburg be richtet, daß der Zar 200000 000 Rubel aus seiner Privatschatulle zum russischen Kriegsfvttds beigesteuert habe. Wenn diese Angabe sich bestätigt, so iväre das sicherlich das größte Geschenk, das ein einzelner Geber je in irgend einer Sache gemacht hat. Mer der Zar ist in der Lage, das tun zu können, denn er ist der reichste Mann der Welt. Selbst Rockefellers viele Millionen nehmen sich gering aus gegen die mannigfaltigen Quellen seines Reichtums und die riesigen Schätze, die seine Vorfahren für Hn aufgehäuft haben. Einige in einem englischen Blatte mllgeteilte nähere Einzelheiten über dieses Riesenvermögen, über dessen vollen Umfang niemand, selbst nicht Baron Friederichs, der Haushofmeister des kaiserlichen Haushaltes genau unterrichtet ist, dürsten daher gerade jetzt von Interesse sein. Das offizielle Einkommen des Zaren beläuft sich auf fast 40 Millionen Mark jährlich. Es ist schwer die Summe genau festzustellen, denn sie wird auf verschiedette Art und in den verschiedensten Formen bezahlt, und die Gesamtsumme schwankt von Jahr zu Jähr, aber der Durchschnitt kann auf 40 Millionen Mark geschätzt werden. Das ist aber nur ein kleiner Teil seines Reichtums, und die Ausgaben zur Erhaltung des kaiserlichen Haushalts wiirden kaum zu bestreiten sein, wenn der Zar nur votr seinem offiziellen Einkommen abhängig wäre. Seine Ausgaben sind unglaublich hoch. Der prächtige Staatsball, der gerade beim Ausbruch des Krieges mit Japan gegeben wurde, kostete z. B. der Schätzung nach über 4000 000 Mark. Die Geschenke des Zaren an die orthodoxe Kirche betragen jährlich durchschnittlich über 10000000 Mark. Andererseits überweist die Kirche ihm große Einkütifte, die den vom Zaren empfangenen Betrag überschreiten sollen. Außer dem Schah von Persien besitzt niemand in der Welt ein größeres Ber- 268 mögen in Diamanten und Edelsteinen, als der Zar. Der berühmte Orlowdiamant ist nur der größte Stern in einem Riesensternbild. Als Nikolaus II. gekrönt wurde, wetteiferten seine bedeutendsten Vasallenfürsten, der Emir von Buchara und der Chan von Chiwa miteinander, ihm die reichsten Geschenke zu machen. Der Chan schenkte eilte kostbare Schnur Perlen, die die schönsten der Welt sein sollen, und Diamanten, Smaragde und Rubinen. Nach niedrigster Schätzung haben diese Geschenke einen Wert von 10 000 000 Mark. Der Emir stand nicht weit hinter ihm zurück. Auch der Hetman der Donschen Kosaken, Fürst Swjätopolk Mirski II., wie überhaupt die ersten Adligen und Fürsten des Reiches brachten dem Zaren prächtige Geschenke dar. Es gibt sicherlich keinen anderen Herrscher, dem so häufig Legate zufließen Ivie dem Zaren. Seine Untertanen hinterlassen ihm ständig testamentarisch große Geldsummen, die freilich nicht immer angenommen werden. Es gehört Diplomatie dazu, um den Zaren zur Annahme eines Legates zu beioegen. In der Regel setzt sich der reiche Russe, der dem Zaren Geld hinterlassen will, mit Baron Friederichs oder einem anderen Beamten des kaiserlichen Haushaltes in Verbindung, ehe er sein Testament macht, um sich der Zustimnrung des Zaren zu vergewissern. Selbst wenn die Emwilliguirg vorher eingeholt ist, werden nach dem Tode des Erblassers sorgfältige Untersuchungen angestellt, ob niemand, der moralisch einen Anspruch auf das Vermögen hatte, durch diese Verfügung benachteiligt ist. Wenn das der Fall ist, so befiehlt der Zar, daß das Geld in die richtigen Hände kommt. Wenn diese Vermächtnisse angenommen werden, so bestreitet der Zar daraus nie seine privaten Bedürfnisse. Wie seine Vorfahren es taten, betrachtet er sie als anvertrautes Gut und bestimmt sie zu einem Fonds für Wohltätigkeits- und kirchliche Zwecke. Während der letzten Hungersnot üt Bessarabien gab der Zar 5 000000 Rubel für die hungernden Bauern. Aber er beschränkt sich nicht nur auf seine russischen Untertanen, sondern beteiligte sich z. B. anch an oen Sammlungen für die Opfer der letzten Hungersnot in Indien und für die Neger von Martinique. . . Ein hoher russischer Würdenträger machte dem Vertreter eines Londoner Blattes kürzlich folgende interessante Mitteilungen über den Reichtum des Zaren und über seine persönlichen Verhältnisse. Es ist unmöglich, den Reichtum des Zaren genau abzufchätzen, aber meiner Meinung nach und bei der vorsichtigsten Schätzung muß er aus allen ihm zu Gebote stehenden Quellen weit mehr als 200 000 000 Mark jährlich einnehmen. Dabei sind die großen Schätze in barem Geld, Gold- und Silberbarren und Diamanten, die in den Gewölben des Schlosses von Peterhof, in der Kronstadter Zitadelle und anderswo aufgespeichert werden, nicht mitgerechnet. Der Zar, der sicherlich der reichste Mann der Welt ist, ist persönlich nicht anspruchsvoll; seine rein persönlichen Ausgaben sind wahrscheinlich mit 200 Mark täglich leicht gedeckt. Wenn er nicht seinem Range entsprechend präsentieren muß, trägt er einen Anzug im Werte von etwa 100 Mark. Er speist sehr einfach, ausgenommen bei großen Staatsdiners, und raucht nicht sehr teure Zigarren. Ebenso einfach in ihren persönlichen Bedürfnissen ist die Kaiserin. Sie besitzt mehr und schönere Diamanten als andere Frauen, aber sie trägt sie kaum sechsmal im Jahre. Auch ihre Privat-Equipage, die sie zu ihren Ausfahrten in St. Petersburg benutzt, ist durchaus nicht luxuriös . . Unser Karten im Mai, Wie im vorigen Jahre wird auch Heuer von überall her reichste Obstblüte gemeldet. Summend ziehen Biene und Hummel von Blüte zu Blüte und all das andere kleine Volk der Fliegen und Mücken ist in Bewegung, um unbewußt die Besiuchtung der Blüten in die Wege zu leiten. Auch der Luftzug, wenngleich nicht immer milde und erfreuend, tut das ©einige, um die Pollenstäubchen herumzuwirbeln und sie auf die feuchten Narben zu führen. So können wir denn hoffen, daß, wenn nicht wider Erwarten Frost die ganze Herrlichkeit zerstört, ein reiches Obstjahr uns beschieden Jein wird. Mit dem reichlichen Ansatz der Früchte, den wir bei ungemein heißem Wetter dadurch begünstigen,, daß wir frisch und frank etwas feuchte Luft durch Spritzen in die Blüte schaffen, wachsen aber auch unsere Pflichten. Wir müssen doppelt und dreifach daran denken, daß der Untergrund nicht allzu viel Feuchtigkeit hat und daß unsere Bäume schon in den ersten Wochen nach dem Fruchtansatz — in der Zeit, wo sie an den Wasservorrat im Boden die höchsten Ansprüche stellen — Mangel leiden. Deshalb heißt es gießen, so tapfer gießen, daß das Wasser auch in den Untergrund dringt. Reicher Fruchtansatz macht es uns auch mehr denn je zur Pflicht, dem Ungeziefer nachzustellen. Es ist die Birnblattmilbe zu bekämpfen durch Abpflücken der rotpunktierten Blätter, es sind die Nester lebender Raupen, der Gespinustmotten, des Ringelspinners und des Goldafters durch Abbrennen mittelst der Raupenfackel fort- zubringen. Es ist dem lästigen Zweigabstecher, welcher uns bei unseren Formbäumen stets die vielversprechenden Triebe knickt, nachzustellen. Es ist dem Erdbeerstecher, der Erdbeeren, Himbeeren, ja selbst Rosen schädigt, Abbruch zu tun, der Apfelwickler und der Rosenwickler ist in den zusammengerollten Blättern aufzustöbern, der Rosentriebbohrer durch Abschneiden von ihm verletzter und beivohnter Triebe zu bekämpfen. Auch der Spargelfliege gedenken wir durch Aufstellen weißer Stäbchen, die mit Raupenleim beschmiert werden. Spargelkäfer, Stachelbeerraupen werden durch Bespritzung mit Schweinfurter Grün niedergekämpft. Die reiche Obstblüte machte es auch mehr denn je zur Pflicht, den Sommerschnitt an unseren Obstbäumen Vorzsunehmen tknd dabei unseren Pekrun recht sorgfältig zu studieren. Er gibt die klarste und genaueste Anweisung. Im Gemüsegarten werden sämtliche Köhlarten aus- gepflanzt und ist darauf Obacht zu geben, daß wir gesunde und nicht schwarzbeinige Pflanzen setzen. Vom 8. Mai an legen wir Bohnen und Gurken; die Kartoffelaussaat wird beendet, das Spargelstechen mit Vorsicht weiter geführt und wer über größere Mengen Spargel verfügt, sei daran erinnert, daß er sich für die Saison durch Abonnements auf Spargel einen sicheren Absatz schaffen kann. Zu Ende des Monats beginnt das Anhäufeln der Kartoffel- und Kohlpflanzen, stark gerupfter Rhabarber wird durch flüssige Düngung wieder in kräftigen Trieb gebracht. Vom 13. Mai ab beginnt im Blumengarten die größte Tätigkeit. Was mühsam int Mistbeet und am Fenster herangezogen wurde, wird nun auf Beete gesetzt, in kälteren Gegenden allerdings muß bis zum 20. Mai gewartet werden. Aber auch dann können wir Canna, Musa, Co- leus, Caladium, Alternanthera, Lobelia re. hinausbringen und auf die für sie bestimmten Beete pflanzen. Die Azaleen und Rhododendron aus den Zimmern werden ebenfalls ausgepflanzt. Palmen, Kamelien, Araucarien und andere Zimmergewächse, die besser über Sommer int Freien stehen, erhalten einen halbschattigen Platz. Die Bepflanzung unserer Balkonkästen und unserer Fensterkästen mit Pelargonien, Fuchsien, Chrysanthemum, Kapuzinerkresse und ähnlichen Sachen beginnt. Mr pflanzen Cobaea und Minna lobata aus, setzen in die Ampeln Petunien, Micanien, Efeugeranien rc., zwischen wilden Wein werden Feuerbohnen, Winden, wohlriechende Wicken gelegt, um sein grünes Blattwerk durch leuchtende Blütenfarben zu zieren. Es ist nicht möglich, jede Arbeit, die noch irgendwo ausgeführt werden muß, hier zu nennen, doch fei daran erinnert, daß alle leeren Flecken mit Blumen zu besetzen sind und alle kahlen Wände und Stackete durch Rankpflanzen ihren Schmuck erhalten sollen. Auch das Brückengeländer, die Wasserleitung im Garten können wohltuenden Schmuck erhalten/ wenn wir daran denken und ihn rechtzeitig ausführen. Abstrichrätsel. Nachdruck verboten. Rote, Rted, Ostern, Emmy. Von jedem Wort ist die Halste der Buchstaben zu streichen, derart, daß die stehen gebliebenen Buchhaben im Zusammenhang ein bekanntes Seebad bezeichnen. (Auslösung in nächster Nummer.) Austösung des Buchstabenrätsels in vor. Nr.r Bruder. — Ruder. Redaktion: August Götz. — Rotationsdruck und Verlag der Lrühl'schen Ilnirersitötk-Buch- und Cteindruckerei. R. Lange, Eießen.