1904. — Hlr. 35. ßM »W j HHI M (Nachdruck verboten.) Wssa Jalconieri. Von Richard Voß. Zweiter Band. (Fortsetzung.) Lasset uns Tempel bauen! Tempel aus strahlendem Marmor, mit goldenen Bildnissen zwischen funkelnden Säulen in schimmernden Hallen. Welches aber ist die glanzvolle Gottheit, die wir darin anbeten wollen ? Tie irdische Liebe! Sie ist die höchste Gottheit. Sie stillt Tränen und Blut, gibt Schlaflosen Schlaf, Friedlosen Frieden. Sie macht Weinende lächeln und Sterbende leben. Und sie bringt um den Verstand. Darum ist es die höchste Gottheit! Tenn es gibt nichts Barmherzigeres unter der Sonne: also nichts Göttlicheres, als was die Menschen um den Verstand bringt. Wer keinen Verstand hat, kann nicht denken. Und wer nicht denkt, kann nicht leiden. Und wer nicht leidet, ist selig. Und wer selig ist, ist ein Gott. Lasset uns leuchtende Tempel bauen der gütigen barmherzigen Gottheit, die uns arme leidende Menschen um den Verstand bringt! * Ich wurde noch kein Gott; denn ich fühle noch — leide noch. Ich suhle in meinem dunklen Gehirn die bohrenden nagenden, fressenden Ameisen, fühle in meinem Haupt den eisigen wilden Wind und in meiner unsterblichen Seele die ewigen Erinnerungen. Droben auf Tusculum war's, in dem kleinen Hause mit den eingemauerten Marmorleibern. Wir standen vor der Schwelle des Paradieses und wagten nicht, sie zu überschreiten. Es war eine schwüle, wollüstige, von Düften durchströmte Sommernacht. Ueber dem Kreuz von Tusculum stieg ein Gewitter auf und sie fürchtete sich. Ich habe aber niemals eine Frau geküßt, die in meinen Armen gebebt hat. Ich war immer sehr stolz. Also sagte ich ihr: „Wenn Du Dich fürchtest, will ich fort. Laß mich fort! Ach kann nicht länger allein mit Dir sein; und — Tu fürchtest Dich." Und ich wollte fort! Ta hielt sie mich zurück. Warum tat sie's, wenn sie mich nicht — Unter Blitz und Donner überschritten wir die Schwelle. Auf meinen Armen trug ich sie rns Paradies hinein. Und wir wurden schuldig. Kann eine Frau aus Mitleid Priesterin und Bacchantin zugleich — zugleich Göttin und Dirne fein? Einmal wünschte sie sich: bald, recht bald zu sterben, nur d «mit unser Glück kein Ende nehmen sollte. Sie hatte ein kleines, wunderhübsches Pistol, mit dem sie spielte, wie Kinder mit Blumen spielen. Sie zeigte es mir, lachte und sagte lächelnd: „Was meinst Du, Lieber? Nur ein Truck und —" Und jetzt! * Tie fremde Frau bewacht mich Stunde für Stunde, belauert mich Schritt auf Schritt. Ich weiß, sie hält mich für verrückt und möchte mich aus dem leuchtenden Hause fortschaffen in ein anderes enges und dunkles. Sie fangt es schlau an. Aber ich bin noch schlauer, spiele den verständigen, vernünftigen Mann. Wie es scheint, läßt sie sich täuschen; denn sie schüttet noch immer jeden Tag frische Blumen über den Tisch, trügt immer noch helle Kleider und lächelt mich an. Habe ich sie erst ganz,, ganz sicher gemacht, so entwische ich ihr. Ich weiß auch schon, wie und wohin. Ich habe sie so gut getäuscht, daß sie mich wieder reiten läßt. Jeden Tag reite ich hinauf nach Tusculum. Wenn ich das kleine Haus aufschließe, strömt mir ein wundersamer schimmernder Dust entgegen. Der Tust ist sie! Sie ist in jedem Stein, jedem Geräte, jedem Dinge. Ich werfe mich auf den Boden und atme sie, sauge sie ein. Ter Tust tötet die Ameisen in meinem Gehirn, beschwichtigt den Winterstnrm in meinem Haupte, schläfert mein Leiden ein. Ich sitze vor dem kleinen Hause unter dem eingemauer- ten Frauenharrpte und warte. Ich warte darauf, daß der Ginster wieder blüht . . . Wenn dann um den Vivianen-Fels die goldigen duftenden Flammen flattern, kommt sie und küßt mich, wieder auf den Mund. Tann werde ich ein seliger Gott sein. * Als ich gestern den Park meines Capuas durchstreifte, sah ich die fremde Frau, die mich wieder verfolgte. Die großen weißen Hunde spielten um sie wie Mäuseleiu. Da faßte mich eine heilige Wut; denn was hatten die weißen Hunde mit der fremden Frau zu schaffen? Auch sie sollten warten, auch sie sich vor Sehnsucht nach der Herrin verzehren, die treulosen Bestien! Ich schlich zurück ins Haus, lockte die Meute von der fremden Frau fort, hinauf au den Cypressenteich und hielt blutiges Gericht über die gemeinen Hundeseelen. Zwei von den Bestien traf ich mitten ins Herz. Die dritte flüchtete sich zu der fremden Frau, die mir nachgeschlichen kam und den Verräter mit ihrem eigenen Leibe schützte. Vor meinen <— 138 Augen scywmrml ent frennmendes Abendrot, sodaß ich vor Gluten nichts mehr sehen konnte. Sonst hätte ich auch das dritte weiße Mäuslein gerichtet. * Alle Dinge wachsen und wachsen! Selbst die Blumen schießen bis zum Himmel empor. Ich kann mich zwischen den gewaltigen Blütensäulen gar nicht mehr regen. Die Menschen haben Riesenleiber. Ihre Stimmen dröhnen, daß es mir durch Mark und Bein gellt. Nur die fremde Frau in ihren lichten Gewändern lächelt noch immer, obgleich sie dabei blutige Tränen weint. Sie weint ein blutiges Meer, darauf ihr Lächeln wie eine bleiche Blume schwimmt. Die Campagna behängt sich für mich! mit Geschmeide. An ihrem Leibe leuchten Juwelenfelder. Wenn die Sonne untergeht, fluten Rubinen auf sie herab. Heute sprachen in meinem Zimmer die Genien mit mir. Von den Wänden flatterten sie zu mir nieder, häuften alle ihre Blumen um mich zusammen, rauschten mit ihren weißen und Mauen Fittichen wie ein Flug schimmernder Vögel um mein Haupt und sangen mir zu: Vor vielen vielen hundert Jahren hätte ich schon ein- ; mal in der Villa Falconieri gelebt. Ich hätte ein leuchten- ’ des Gewand getragen, hätte strahlende Locken gehabt, einen J Rosenkranz auf dem Haupte und wäre in Schönheit dahin- geschritten . . . Nur die Frühlingsgöttin bleibt immer noch stumm und ! will mir von ihrem ganzen Lenz nicht ein einziges Knösplein abgeben. Ich erlebe Wunder, Wunder! Ich arbeite, dichte! Jeden Tag schreibe ich ein Werk! Die Gedanken kommen über mich wie Föhnssturm, rauschen und brausen. Und jeder Gedanke wird zur Gestalt. Ich schaue eine Fülle von Gesichtern. Es drängt und wogt herbei. Immer mehr und mehr! Um mich ist ein Gewimmel von Geschöpfen — von meinen Geschöpfen! Sie sprechen zu mir, sind Geist von meinem Geist, nennen mich ihren Herrn und Meister. Ich dichte — dichte — dichte! Es geht so leicht, wie ein Vogel fliegt. Also habe ich mir doch noch Unsterblichkeit errungen! * Ich diene keiner Gottheit Lohnes willen. Vom Flammenpurpur laß ich mich umhüllen' Und meiner Seele heißes Sehnen stillen. Mcht folge ich dem Gottessohn, dem blassen! Die Siegespalme will ich freudig lassen. Mit beiden Händen nach den Dornen fassen. * Es duftet nach weißen Lilien! Allüberall weiße Lilien! Sogar aus dem Haupte von Michel Angelos Sterben- pem wachsen sie auf. Und aus meinem Herzen. Ihr Duft erstickt mich. Hilfe! * Wie gut! O wie gut das tut! Ich leide nicht mehr, ich fühle nichts mehr. Dabei keine Sp" ■ von Wahnsinn. Heute habe ich sogar meine Grabsch-rift gemacht — eben weil ich lange, lange so selig leidlos leben will. Wer einst meine Grabschrift liest, wird darauf schwören, daß üch Btt gesunden Sinnen gewesen. Ich las sie Michel Angelos Sterbendem vor und der war auch meiner Meinung. Grabschrist für den vergessenen Dichter Cola Campana Er gab zu sehr sein Herz, sein lebensheißes. Sein übervolles! Uebervoll an Sehnsucht Nach andrer Herzen liebensmächt'gem Schlage; Gewaltigen Verlangens übervoll, Hinaus zu jubeln alle seine Wonnert, Hinaus zu stöhnen feine ganze Qual. Der Mensch genügte nicht — die Menschheit wollt' er! Sie sollte lächeln, wenn erlächelte, Cie sollte Tränen haben, wenn er weinte. Und ihm für sein Herz geben von dem ihren. Es will die Welt von deinem Herzen nichts; . Und drängst du's ihr gewaltsam auf — sie nimmt's Und wirft es wieder hin und läßt's zertreten. Tu, heil'ge Erde, öffne deinem Sohn Ten mütterlichen Schoß, und spend' dem Müden Das höchste Gut des Lebens: Grabesfrieden * Dabei fällt mir Maria ein — Ich kenne sie. Plötzlich erkenne ich sie! In i hrer ganzen himmlischen Güte steht sie vor mtr. Auch Maria will ich die Grabschrift schreiben, damit auch Maria noch ein langes Leben habe. Auf ihrem Grabstein soll zu lesen stehen: Maria. Sie, die hier ruht, war gütig wie der Tag. Ihr leuchtend Leben kannte nur die Schatten, Die den umdunkelten, den . sie geliebt, Wie lichte Geister arme Seelen lieben. Ich riß in meine Nacht sie . . . Ihren Glanz Vermochte erst die Finsternis zu löschen, Tie feierlich sie hier umfängt. Sie war Ein starkes Weib und zartes Kind zugleich. Tie Trösterin war sie, der Hort des Mannes, Ter auf der Welt nur eine Stätte fand, Weil sie dort weilte, 's war kein Tag zu trüb', Daß ihre Stimme nicht wär' hell ertönt. Dem Vogel gleich, der in den Zweigen wohnt Und auch bei Sturm sein Liedlein eifrig singt. Sie hätte sterbend leise leis' gesungen, Damit ihr Gatte denken sollt': sie leb' noch! Was andre erst in sel'gen Höhen werden: Des Himmels Engel, tvar sie schon auf Erden. * IN meinem Kopfe geht die Sonne auf. In meinem Kopfe wird es heller und immer heller! Evos Phöbus Apollon ! Tag! * Ich lag in meinem lieben Zimmer, war eingeschlafen und träumte. Im Traume kam meine erste Liebe zu mir. Sie leuchtete wie der Morgen. In ihrem Strahlenkleide trat sie zu mir und küßte mich leise leise aus die Stirn. Ich erwachte. Und siehe! Aus dem rosigen Gewölk schwebte die Frühlingsgöttin zu mir nieder. Sie griff in den Korb voll Blüten, den ein Engel ihr hinreichte, nahm eine weiße Narzisse heraus, warf sie auf mich, lächelte und sprach: „Frühling! Frühling!" Da erstand mein Geist vom Tode. Ich bin aufgestanden, habe dieses letzte niedergeschrieben, schreite jetzt hinaus aus meinem leuchtenden Hause in die feierliche schweigende Nacht. (Schluß folgt.) Mandereien aus der Kailerkadt. (Nachdruck verboten.) Das Opernhaus und der Volkswih. — Die alte Kommode und ihre Inschrift. — Ein unschuldig verdächtiger Gelehrter. Am Dienstag, den 1. März, endlich hat man die Königliche Oper aus ihrem Notquartier bei Kroll wieder in die alte Heimstätte zurückgebracht. Tie Umgestaltung, die der Kaiser infolge der Chikagoer Brandkatastrophe so energische in Angriff nehmen ließ, ist vollendet. Gänge, Türen, Treppen und Treppchen sind in Hülle und Fülle geschaffen, und ein Opfer an Menschenleben wird ein Brandunglück während der Vorstellung nunmehr nicht fordern, d. h. wenn das Publikum nur einigermaßen vernünftig ist. Daran hapert's freilich^, bei solchen Anlässen in der Regel. Sicherlich trifft aber die Verwaltung und ihren hohen Schirmherrn nunmehr auch nicht die geringste Verantwortung. Gin merkwürdiges Gesicht bat der alte 139 Kau, der mitten im monumentalen Teile des König- eußischen Berlin steht, allerdings bekommen. Von den vielen Treppen nämlich hat man eine ganze Anzahl außen anbringen müssen, so daß der stolze Kunsttempel an die hölzernen Zirkusbauten erinnert, die auf Messen und Märkten für Wochen und Monate errichtet werden. Ter Berliner kann, seiner angeborenen Schnoddrigkeit entsprechend, natürlich das Ulken über das seltsame Aussehen des Gebäudes nicht lassen, das in wenigen Jahren selb- verständlich einem modern, eingerichteten Neubau Platz machen muß. „Siehste, det is nu der neie Uebungsschuppen sor de Feuerwehr!" sagte ernsthaft ein Waschechter, der seinen Besuch aus der Provinz die „Linden" hinaufführt. Tabei streift sein Auge lauernd den Schutzmann, der nicht weit von ihm steht.. Aber der macht ein Gesicht, wie der , steinerne Roland, so unbeweglich und streng. Ich glaube, er ist auch, ein Berliner, und tut dem Spaßmacher nicht um alles in der Welt den Gefallen, eine Miene zu ver- ziehn oder wohl gar zu schmunzeln. Ein anderer Witzbold redet von einer „Kletterkiste", wieder einer behauptet, die .Treppen wären dazu da, die Hypotheken bequemer hinauf- schasfen zu können, ohne die in Berlin nun einmal kein Haus existieren könne. Tie „oberen Zehntausend" jedoch haben das schnurrige Bauwerk in Anlehnung an eine bekannte Weinstube Unter den Linden „Zum Treppchen" getauft. So amüsiert sich jeder auf seine eigene Weise über den Flickbau, ohne dabei zu vergessen, welche edle Absicht ihn entstehen ließ, und die drastische Ansicht eines alten Weißbierphilisters, der nachdenklich! äußerte: „Det is entschieden det scheenste Denkmal, wat sich der Kaiser setzen konnte, wenn's ooch zum Piepen komisch aussieht!" ist Tausenden aus der Seele gesprochen. Ter Volkswitz ist gerade in dieser Gegend ziemlich spendabel gewesen. Tie . Hedwigskirche, die mit ihrer einförmig grauen Kuppel dicht hinter dem Opernhause aufragt, heißt seit Urvätertagen die Kaffeetasse des alten Fritz, weil er seinerzeit dem Baumeister auf eine Anfrage über die Gestaltung des Daches seine umgestülpte Kaffeetasse unter die Nase gehalten und gesagt habe: „So will ich's haben!" Das ist natürlich eine Legende, die vielleicht in Anlehnung an die Geschichte der Bahnlinie von Petersburg nach Moskau entstanden ist. Um den Streitigkeiten seiner Räte, die von verschiedenen Städten bestochen waren, > ein Ende zu machen, hat der damalige Zar bekanntlich ein Lineal genommen, auf der Landkarte zwischen Moskau und i Petersburg energisch eine Linie gezogen und befohlen, die ■' Bahn genau dieser Linie entsprechend anzulegen, was $ auch befolgt worden ist und wegen der verschiedenen Terrainschwierigkeiten Unsummen verschlungen hat. Andernfalls wäre die Geschichte in Rußland selbstverständlich auch nicht billiger geworden. Staatsgelder haben dort viele Kanäle! Auch der Barockbau neben dem. schlichten Palais des alten Kaisers trägt seinen eingebürgerten Spottnamen. Es ist die der Winter-Reitschule in Wien nachgebildete, unter Friedrich dem Großen erbaute Königliche Bibliothek, die der Volksmund des alten Kaiser Wilhelms „Bücherkommode" nennt. Sie hat wie das Opernhaus die längste Zeit ihrer bisherigen Bestimmung gedient. Denn der Neubau der Königlichen Bibliothek wird bald erstanden sein. Die seltsame Inschrift der Bücherkommode „Nutrimentum spiritus" übersetzt der Berliner wortgetreu uud ulkig: „Spiritus ist ein Nahrungsmittel". Sie soll von einem der Tischgenossen des großen Königs, dem Oberst Guichard, stammen, der ein sehr gelehrter Herr und vom König Quintus Jcilius getauft worden war. Doch ist einem Manne dieser gediegenen philologischen Gelehrsamkeit ein solcher Sprachbarbarismus kaum zuzutrauen. Auch hier hat wohl die Legendenbildung wacker gearbeitet. Professor Thiebault erklärt denn auch in seinen Berliner Erinnerungen, daß der König gegen den Rat Guichards die Inschrift bestimmt habe. Der Generaldirektor der König!. Staatsarchive, Geh. Rat Koser, glaubt, der alte Fritz habe die Inschrift einem Werke des Abbe Terrasson, „Sethos", entnommen, das alt- eghptisches Leben schildert und damals sehr populär war. Tort findet sich als Umschreibung für eine Büchersammlung der Ausdruck „nourrissement de l'esprit"; dieses Bild der Nahrung, für den Geist taucht an verschiedenen Stellen in den, Schriften des großen Königs auf und er hat es wahrscheinlich selbst so ins Neulateinische übertragen, daß seine Berliner noch heute aus seine Autorität hin behaupten: „Spiritus ist ein Nahrungsmittel"! A. R. Wnfreiw Mger Kumor in der Dichtkunst. Tiefer Tage hat Friederike Kempner, die schlesische Dichterin, die Augen zum ewigen Schlaf geschlossen. Abgesehen von dem sympathischen Idealismus ihres persönlichen Wesens, muß man doch der Wahrheit die Ehre geben und feststellen, daß sie in erster Linie ihren eigentümlichen Schrullen und der unfreiwilligen Komik ihrer Verse ihre Berühmtheit verdankt. Eine übrig gebliebene Tochter aus reichem Hause, von verlebten Freiern wohl kaum umworben, war Friederike Kempner schon in jungen Jahren das, was man heute nicht ohne leise Ironie „eine für alles Schöne und Gute begeisterte Natur" nennt. Literarisch ist sie in keiner Weise ernst zu nehmen. Ihr Geschmack und ihre Begabung waren nicht aus der Höhe ihres Herzens und ihrer Gesinnung, und der klaffende Gegensatz zwischen ihren wahrhaft hochherzigen Empfindungen und den Mängeln ihrer Ausdruüsweise förderte einen Humor zutage, den man beinahe mit dem Wilhelm- Buschs zusammenstellen könnte, allerdings mit dem Unterschied, daß die Dichterin unbeabsichtigt und unbewußt so komische Wirkung erzeugte. In der Furcht vor dem Scheintod, der ein Dämon ihres Lebens gewesen zu sein scheint, dichtete sie manchen heiteren Unsinn. In einem Gedicht an den Kronprinzen Friedrich Wilhelm ermahnt sie ihn: Tie Gesallnen lasse Nicht vergraben bald, Heldenmienen, blasse, Sterben nicht sobald! — Sehr possenhaft mutet auch der Ausruf eines Kriegersmannes an: Ein Leichenhaus, ein Leichenhaus, Ruft er aus vollem Hälfe aus, Wir wollen nicht auf bloßem Schein Beseitigt und begraben sein! Tie „sozialen" Gedichte, die man durch Briese an sie verhöhnte, verraten ihre Gutmütigkeit und ihre wahrhaft geniale Fähigkeit, das Entsetzen lachen zu machen. Ein Bettler tritt an den Wagen, in den: ein reiches Ehepaar zum Ball fährt: „Ich fleh" — spricht er — „um ein Almosen" Und küßt der schönen Frau die Hand, Sein schwacher Kuß zerdrückt die Rosen, Tie an des teuren Handschuhe Rand. „Mein Freund" — sagt sie mit kalten Mienen, Erzürnt durch diese Jreveltat — „I ch habe keine Z ei t zu Ihnen! Ob Robert etwa Kleingeld hat!" Tas Gedicht klingt aus: Jetzt rollte fort der rasche Magen, Ter Kutscher wischt ein Äug' sich ab: Er denkt au all' die großen Fragen, Tie solch' Kontrast zu lösen gab. Friederike sitzt uud singt auf allen Zweigen der Lyrik. Ihr Naturgesühl schwelgt in tiefsten Tönen und schweift gern in die Ferne: Amerika, du Land der Träume, Tu Wunderwelt so lang und breit. Wie schön sind deine Kokosbäume Und deine rege Einsamkeit! Oder: Laßt mich in die Wüste eilen. Wo die siebzig Palmen sind Tort in der Oase weilen, Wo die Quelle ewig rinnt. Wer könnte sich da des Lachens erwehren? Es gab lange Zeit, besonders in Breslau, keine Gesellschaft, wo nicht nach Tische Friederikens Gedichte vorgetragen wurden. Ter Friederikenku.lt währte lange Zeit, länger«, als ein Jahrzehnt, bis etwa 1894. Fest glaubte die Dichterin bis zuletzt an ihre Mission, die doch nur die Bosheit geschaffen hatte. In Massen wucherten die Parodien empor Eine von ihnen war so gelungen, daß sie noch heute als Original aus der Feder der Dichterin gilt und mit Vorliebe als Kempnerscher Eigenwuchs zitiert wird. Es ist das „Frühlingslied", das etwa lautet: Mitten durch die Lenznatur Zieht sich eine Pappelschnur, Links am Ende, rechts am Ende Lauter Frühlingsgegenstände, rc. 140 Verinrschtes. * Vom Hering. In einer „pikanten" Studie über den Hering von Dr. Eduard Maria Schranke, welche die Wochenschrift „Küche und Keller" veröffentlicht, finden wir folgende hübsche Einzelheiten über die Beziehungen des allbeliebten Fisches zur Literatur und Dichtung. „Ueber. den Heringsfang ist schon sehr viel geschrieben worden, ein Aufsatz von Theodor Mugge gilt geradezu als klassisch, und besonders nennenswert ift ein Artikel von Karl Krantz unter dem Titel „Ernten des Meeres", recht bezeichnend für diesen Segen des Meeres. Aber auch den Malern hat die Hcringsfischerei schon als Sujet gedient. Ich nenne nur „Tas Heringsschiff in der Brandung", Gemälde von R. v. Möller, und „Heringsräuchereien" von Franz Skarliwa. In einem Kinder- niärchen „Ter Fischer und seine Frau", von Arthur Fitger fürs Theater eingerichtet, tritt auch ein Chorführer der Heringe auf, und „Neue Heringe" betitelt sich ein einaktiger Schwank von Talatkewicz. Taß sich auch die Poesie des Herings bemächtigt, ist selbstverständlich. Ja, nach Simrocks Ueber- setzung der Edda sagt Thor bei einer Ostfahrt in den Sund: „Eh' ich ausfuhr Ast ich in Reih Hering und Habermus." Von den Neueren erwähne ich nur Ludwig Foglars Poem „Ter Heringfischer", ein ernstes Gedicht. Zumeist bemächtigt sich der Humor des Herings und zwar auch oft im Tialekt. In allerlei Varianten finden wir das Rezept: „Für Katerschmerz dient aus Erfahrung Der Sauerstoff mit einem Harung." „A Aff' und a Kater und a Harung dabei, Tos is die Naturg'schicht von der Bierbrauerei." Nach einem Studentenliede soll schon Noah den Hering gekannt haben: „Ta griff der Herr ins Himmelreich Und gab ihm einen Hering gleich. 5U§ den der fromme Noah roch, Ta sprang er gleich vor Freuden hoch, Und aff ihn aus ganz uiwerweilt, Und war von aller Pein geheilt'" Scheffel läßt seinen Fürsten von Rodenstein ausrufen: „Herr Wirt ein Kännlein dünnes Bier Und einen Harung im Salze; Ich hab' von vielem Malvasier Tas Zipperlein im Halse." Und wer kennt sie nicht, Scheffels köstliche ober, tragische Liebesgeschichte vom Hering und der Auster? Auch Eckstein bricht im Katzenjammer in die Verse aus: „Bring', Teure, immer den Harung, Gesalzen und gebeizt: Das ist die rechte Nahrung, Die selbst Vergrämte reizt I Mil Essig, Lauch und Zwiebel, Wie lobt er opulent I Es feitert mich horribel, Es fntert mich horrend 1" * Auf der Hochzeitsreise. Er hat sie in Wien kennen gelernt, wo sie bei Verwandten zu Besuch weilte, um sich in der deutschen Sprache zu vervollkommnen. Sie ist Die Tochter eines Moskauer Kaufmanns und erhält hunderttausend Rubel Mitgift. Er ist Teilhaber eines kleinen Münchener Unternehmens, für das er öfter auf Reisen geht, — in seinen Mußestunden aber sieht er wie ein Gardeleutnant in Zivil aus: schneidig, forsch, elegant, — Weltmann mit Monocle und „Es ist erreicht". In Wien haben sie sich nun kennen gelernt; als er von den hunderttausend Rubeln hörte, dachte er in seinem Sinn über das Rollen dieser Rubel nach und wurde sich sehr bald darüber klar, daß er in sie sterblich verliebt sei. Er machte ihr also einen ^Heiratsantrag, sie nahm diesen an, der reiche Vater wurde aus Moskau heraustelegraphiert, — der reiche Vater kam und brachte gleich seinen Segen mit. Die geschäftlichen Punkte werden bald erledigt, — zwei Wochen nach der Verlobung fand die Hochzeit statt. Sie wurde in Wien gefeiert; die Hochzeitsreise ging natürlich nach Rußland. In Warschau, berichtet die „Münch. Ztg.", stieg das junge Paar im Hotel Bristol ab. Nach russischem Polizeigesetz mußte er sofort bei seiner Ankunft dem Portier den Paß abgeben; wie erstaunte er nun, als er am kommenden Tage von einem Gordowoj (Polizist) abgeholt wurde, diesem auf den Utschostek (Polizei-Bezirksstation) zu folgen. Mit Hilfe des Hoteldirektors vom „Bristol", der als Dolmetsch fungierte, wurde ihm der Wunsch des Gordowoj klar gemacht. Es blieb unserem Münchener nichts übrig, er mußte mit auf die Polizei, wo ihm nach endlosem Hin und Her eröffnet wurde, er habe sich sehr schwer gegen das russische Gesetz vergangen, da er als römischer Katholik eine „Prato oslawna" („Rechtgläubige" — griechisch-orientalische) geheiratet hätte, was in Rußland nicht gestattet ist. Die Sache begann für unseren Münchener recht kitzlich und unangenehm zu werden; da erstand ihm ein Retter in der Person des Direktors des Hotel Bristol. Ter weltgewandte Mann fand den einzig richtigen Ausweg, — er wandte sich an einen befreundeten Popen und bestimmte diesen, unseren Münchener griechisch-orientalisch zu taufen! Unter großartiger Zeremonie wurde nun diese Taufe vor einigen Tagen vollzogen, wobei unser Münchener, nun ein pra- woslawnyi Altrusse, im Hotel Bristol ein opulentes Mahl zum Besten gab, zu dem selbst aus dem fernen Moskau Gäste herübergekommen waren. Wie wird nun die Sache, wenn der gute Mann, der in Oesterreich geheiratet hat, nach Bayern zuständig ist, in Rußland sich taufen ließ, jetzt nach Bayern zurückkommt?! Literarisches. Das 11. Heft der Familienzeitschrift „Ueber Land und Meer" (Stuttgart, Deutsche Verlagsanstalt) bringt u. a. Professor Th. Fischers interessante Lösung des Problems eines „D o pp e l th e a t er s"; ferner „Elsässische Frauentrachten", „Winterfeste im Harz", „Winter-Kuren im Hochgebirge" und „Von der Apfelsinenernte". Der belletristische Teil bringt die Fortsetzung von Klara V i e b i g s meisterhaft durchgeführtem Ostmarkenroman: „D as schlafende Heer", eine Skizze „Friedas Verlobung" von Marie von Bunsen und die stimmungsvolle Erzählung „Sein System^ von A Supper. — Von dem Werke Friderichs Naturgeschichte der deutschen Vögel erscheint gegenwärtig im Berlage für Naturkunde (Sprosser u. Nägele) in Stuttgart die fünfte Auflage, neu bearbeitet von Alex. Bau. Aus den vorliegenden 8 ersten Lieferungen ist ersichtlich, daß neben sämtlichen deutschen Arten überhaupt alle Vögel Europas, sowie viele im angrenzenden Westasien und in Nordafrika heimische Vogelarten beschrieben und teilweise abgcbildet wurden. Friderichs Naturgeschichte der Vögel zeichnet sich durch populäre Schreibweise und durch die eingehende Schilderung der Lebensweise, des Gesangs, der Wanderungen, des Nestbaus re. :c. der Vögel aus; die vorliegende neue Auflage (24 Lieferungen ä 1 Mk.) verdient allen Naturfreunden, Forstleuten, Jägern, Landwirten, Gartenbesitzern zur Anschaffung' warm empfohlen zu werden. Preisrätsel.*) Nachdruck verboten. 1234485 2 4 7 6 8 5 8 3 4 9 7 5 8 10 5 11 4 7 12 13 5 2 14 2 3 6 5 8 3 5 3 8 15 3 12 3 5 6 2 16 2 3 6 7 = Stadt. = Fluß. — Eine veriehmte Neuigkeit. == Stadt in China. = Stadt auf der Balkanhalbinsel. — Zeit der Fruchtreise. — Ein Gerät. == Säugetier. = Klimatische Heilstätte. Von oben nach unten die Anfangsbuchstaben und von unten nach oben die Endbuchstaben gelesen, ergeben etwas unfern Lesern nicht Unbekanntes. *) rösuuge« find mit Aufschrift: ,,PreisrSts