Anita g den 5. Aeöruar 1904. — Kr. 19. :®W' 6 B0! MD MW .fa%= (Fortsetzung.) l Rom, der Vor- Jch treibe Assunta Neri-Studien. Jeden Wend, an dem sie spielt, fahre ich nach begebe mich ins Nationaltheater und fahre nach der stellung mit dem Wagen zurück. Stelle Tir vor: Aus einem „Sittendrama" von Sardou direkt hinaus in die einsame nächtliche Campagna! Ich schwelge geradezu in diesen Kontrasten. Tu weißt doch, daß Kontraste nicht nur das Wesen der Kunst ausmachen; sondern überhaupt erst den Genuß des Lebens bilden — so viel man eben genießen kann. Doch die Neri — Also denke Dir: Ich bin noch immer nicht „dahinter" gekommen. Noch immer frage ich mich: Mas ist es im Grunde mit dieser Frau? Warum übt sie eigentlich solche elementare Anziehungskraft aus? Sogar auf mich, für die jede Kunst ja doch nichts Besseres ist als ein pikantes Parfüm'. „Wenn eine Frau durch Liebe oder Leidenschaft zu Grunde geht, so geht sie schön zu Grunde. . ." So ungefähr sagte sie; und mir ist es, als hätte ich in dieser Phrase die Lösung des Neri-Problems zu suchen: des Problems der Frau sowohl wie ihrer ganzen Kunst. Sterbe ich nur dann schön, wenn ich als unglücklich Liebende sterbe, so wird mein Leben wohl so häßlich enden, wie es begonnen und sich fortgesetzt hat, bis auf den heutigen Tag. Ich suchss bei der Neri zu ergründen, welche Empfmd- ungen sie bei ihrem Spiel am überzeugendsten, also am wirklichsten zum Ausdruck bringt? Haß ist es nicht. Auch Nicht Leidenschaft. Eher könnten es Ermattung, Müdigkeit, Ekel an der Leidenschaft sein — wohlverstanden an Leidenschaft ! Aber nein! Es ist etwas anderes, darin diese Schauspielerin Meisterin der Töne ist. Unvergleichlich und unnachahmlich, auf der Bühne noch niemals dagewesen, also einzig. Was ist es? Ich hab's, ich hab's! Die Liebe ist es, die unglückliche Liebe! Es ist die Liebe, die alles leidet, die allem entsagt. Es ist die Liebe, dsie das Kreuz auf sich nimmt, die mit Dornen gekrönt wird und ein Martyrium erduldet. Es ist die Liebe der Frau, die stirbt, und im Tode noch einmal lächelt, durch dieses eine letzte Lächeln ein ganzes in Jammer und Elend hingebrachtes Leben verklärend. Assunta Neris Kunst ist eine Apotheose der unglücklich liebenden Frau, (Nachdruck verboten.) Zissa Ialconieri. Bon RichardVoß. Zweiter Band. Ostern! Ter Prinz entsteigt sündenlos und kinderrein der Klosterzelle. Tas nur nebenbei. Aber die Neri kommt zu mir, die Neri bleibt bei mir! Sie bleibt mehrere Tage, eine volle Woche! Vielleicht noch länger! Ist das nicht ein Triumph für Deine unwiderstehliche Viviane? Ganz bestimmt werde ich jetzt vollends „dahinter" kommen. Augenblicklich ist die Neri ein echter „Whistler"; und zwar ist sie momentan eine Whistlersche „Impression in Blaß". Meine Pariserin hat es durchgesetzt, ihre Toiletten besichtigen zu dürfen; und ich stehe in höchster Gefahr, von meinem Thron herunter zu müssen, und darauf Assunta Neri Platz nehmen zu lassen. . . Blasse, tiefste Neglrgss, blasse Morgenkleider, blasse Promenadenkostüme, blasse Tiener- totletten, blasse Nachtgewänder. Unter „blaß" verstehe ich nervöse, kranke, pathologische Farben. Stelle Tir darunter vor, was Tu willst und kannst. Jedenfalls ist matte melancholische morbide Blässe die echte Neri-Couleur. Und wie beneidenswert müde sie ist! Sie ist müde vom Theater, müde von den Menschen, müde von dem Ruhm, müde von der Liebe, müde vom Unglück, milde von der Sehnsucht, von sich selbst, vom ganzen Leben . . . Sie mag kaum reden, kaum gehen und sich bewegen, kaum hören und sehen, kaum denken und fühlen. Sie ist so müde, daß sie, wenn sie erst einmal glücklich im Grabe ruht, von den Toten gewiß nicht ivieder aufstehen will. Ob wohl viele Frauen so sind?" Ob die moderne Frau so ist? Vielleicht ist die. Neri nur ein Typus? . . . Das ist einfach Unsinn! Denn wie sie ist: von ihrer Spitzenkrause bis zu ihrer weißen, fließenden Schleppe; von ihrer lebensmüden Natur auf der Bühne bis zu ihrer zu Tod erschöpften Seele im Leben ist sie eine Ausnahmsnatur. Sie ist angekommen! Ganz Rom will sie bei mi'r sehen, oder vielmehr „besichtigen". Wer sie ist so unliebenswürdig und hochmütig, ganz Rom abzuweisen. Und käme die Königin; und die Neri hätte gerade nicht Lust, die Königin zu sehen, so würde auch Ihre Majestät wieder gehen müssen. Sie lebt in der Villa Taverna genau so wie in einew Hotel. Was sie wünscht, bestellt sie sich. Sie erscheint nur, wenn es ihr beliebt. Gewöhnlich beliebt es ihr jedoch, auf ihrem Zimmer zu bleiben. Sie speist auch dort, wenn sie dazu Lust hat. Merkwürdigerweise empfängt sie mich häufig — hat sie die Gnade, mich vorzulassen. Wer dann ist sie bezaubernd! Mit dem Prinzen und der „Komödiantin" — die fte für den Prinzen bleibt, trotzdem sie Assunta Neri ist — spielt sich hier eine reizende kleine Komödie ab. Sd^jjj davon entzückt. MWW - 74 „Ah, die Neri! Das ist ja charmant!" sagte der Prinz, als er hörte, daß die große Tragödin in der Villa wäre. Und er dachte: /Wirklich ganz charmant! Tenn sie ist natürlich eine Komödiantin, wie alle Komödiantinnen — enfin ein Weib wie alle Weiber.' Tenn für den Prinzen gibt es natürlich keine Frauen. Also sah er sich das „Weib" an. Er sah sie mit Kennerblicken so gründlich an, wie solcher Mensch eben gewohnt ist, eine Frau anzusehen: gewissermaßen als Krämer. Jetzt kommt das Komische der Situation; denn jetzt wurde d er Prinz verblüfft. Wahr und wahrhaftig, mon cher mari wurde verblüfft! Es klingt ungeheuerlich; aber es ist so. ,Was ist denn das?' dachte er in seiner Verblüffung. ,Ja, mein Gott, was ist denn das nur? Da will ich, le Prince de Sora, ein Verhältnis anfangen; und — wie soll ich mich nur ausdrücken? Mein Gott, ich bin geradezu verblüfft!' Und das Gesicht, das er dabei machte! Es war zum Totlachen. Tie „Komödiantin", als es ihr beliebte, zum Diner zu erscheinen, hielt es der Mühe gar nicht wert, ihre großen mächtigen melancholischen Augen aufzuschlagen und mon cher mari überhaupt nur anzusehen. Sie hielt es der Mühe gar nicht wert, für Monsieur le Prince ihre traurigen müden süßen Lippen zu öffnen. Und das mußte ihm, dem Unwiderstehlichen, dem die Damen jeden Grades — die Weiber jeder Klasse nur so zufliegen, in seinem eigenen Hause geschehen: mit einer „Komödiantin"! Es gibt Tinge unter der Sonne, welche die menschf- liche Vernunft eben nicht zu begreifen vermag. * Schrieb ich Dir schon, daß ich mir ins Köpfchen gesetzt habe, mit Hilfe der Neri in die Villa Falconiert einzudringen? Ms jetzt will sie davon nichts hören. Aber sie wird davon hören müssen, trotzdem sie Assunta Neri ist. So bin ich nun einmal. Uebrigens habe ich in meinem ganzen Leben keine Frau gesehen, die so wenig eitel, die so unerlaubt uneitel ist wie die Neri; trotzdem sie mit einem Reisegepäck in der Villa Taverna ankam, als ob sie sich für eine Tournee nach Amerika ausgerüstet hätte. Ich habe eine solche uneitle Jrau für eine weibliche Unmöglichkeit gehalten. Darin ist ie entschieden eine. Abnormität! Ich glaube, sie könnte ich einen Sack anziehen. Wer auch in dem Sack würde ie aussehen, wie — eben nur sie aussehen kann. Was mich auch in Erstaunen setzt, ist, daß die Natur für sie, die doch im größten Sinne eine Natur ist, gar nicht existiert. Sie sieht die Bäume so wenig wie die Blumen, die Berge so wenig wie die Bäume, den ganzen Himmel so wenig wie die ganze Erde. Keinen Sonnenstrahl verträgt sie; und in ihren Zimmern muß es dunkel wie in einem Keller sein. Seitdem sie bei uns ist, lasse ich abends nie mehr die Kandelaber anzünden. Es brennen nur häßliche Lampen und diese nur hinter Schleiern: hinter mattfarbtgen wollüstigen Schleiern aus Seide und Spitzen, dre wie große märchenhafte Blüten um die Flamme schweben, und die Euer exotischer Achter Oskar Wilde erfunden und über die ganze Welt in Mode gebracht hat. Cie ist übrigens wirklich sehr nett mit mir und durchf- üus nicht mehr grande femme. Ich bin aber auch geradezu bewitching. Vielleicht habe ich Aussicht, jener charmanten großen deutschen Dame den Rang abzulaufen. Jedenfalls komme ich ganz, acher ganz gewiß bis zum letzten „dahinter". * Triumph l Wir waren in der Villa Falconieri. Und wir haben nicht nur die „wunderschöne Maria", sondern auch den lebendigen Toten, den verschollenen gräflichen Achter gesehen. Die Neri ist von der wunderschönen Maria ganz Hinkerissen — was ich nicht begreife, was ich sehr übertrieben finde, was mich ärgert. Und ich, ärgere mich wiederum Lber meinen Aerger, für den ich absolut keinen Grund finden kann. Heute nur so viel: Tie „wunderschöne Maria" ist gar nicht besonders und der verschollene Poet ist auch nicht so, wie ich ll^vorgestellt habe. Kurzum, es war eine Enttäuschung — wie schließlich alles im Leben. * Tie Neri ist schon wieder in die Villa Falconieri hinauf, um die Maoama anzuschwärmen. Ich bin zu Hause geblieben, Htm Ar alles zu schreiben. Hoffentlich bist Du ein bißchen neugierig. Also höre: Es war vor dem Lunch, und die Neri trug eines von den modelosen bleichen Morgengewändern aus Crepe de Chine mit einem Hauch von Farbe: rose de Malmaison. Alles war weiche Falten und schimmernder Fluß um die armen müden Glieder. Ich raffiniertes Hexchen hatte mich lächerlich unscheinbar angezogen: in einem bescheidenen schwarzen Kleidlein mit einem geheimnisvollen schwarzes Spitzentüchlein um den Kopf. Und die Handschuhe hatte ich zum erstenmal in meinem Leben vergessen anzuziehen. Als wir durch die Sarkophag-Allee kamen, pflückte ich aus einem der Kinderfärglein von meinen Weißen Lilien und steckte sie mir vor. Dann spazierten wir über die Pinien- wiese; und ich lenkte unsere Schritte sehr gewandt der Villa Falconieri zu. Tie gute Neri ahnte meine Absicht nicht. Ich plauderte so niedlich, daß mein Geschwätz sie ihrer Gleichgiltigkeit und Erschöpfung entriß. Sie hörte mir zu und folgte mir weiter und weiter: durch das bewußte grüne Pförtlein, welches ich vorher hatte öffnen lassen, in die Oliveta; aus der Oliveta in den Park und hinauf zum Cypressenteich. Plötzlich standen wir unter den Steineichen vor dem Hause; und ich stieß einen allerliebsten kleinen Schrei der Üeberraschung aus. „Ach Gott, das ist ja die Mlla Falconieri!" Tie Neri bemerkte nur: „An dem Cypressenteich würde ich gern eine Rolle studiren." Ich rief voller Entzücken: „Himmlisch! Der arme gute Graf Campana! Bitte, bitte, süße Tragödin, lassen Sie uns Ihren Tichter von einstmals besuchen — da wir doch einmal hier sind: und da ich gar so schrecklich neugierig bin, ob er wirklich fett geworden ist?" Tie „süße Tragödin" machte sofort ihr mürrisches, müdes Gesichtchen und sagte in einem ihrer Nora-Töne, letzter Akt, letzte Szene: „Man soll die Toten nicht rufen. Sie wollen mit dem Manne ja doch nur Ihr Spiel treiben." Ich klatschte in die Hände und jubelte: „Ach ja, spielen! Wir wollen ,Gespenster' spielen. Wir zitieren das Gespenst, das Gespenst erscheint, verliebt sich in Sie und schreibt für Sie eine Rolle. Sie spielen das Drama des Gespenstes; und wir haben in Rom eine sensationelle Premiere, bei der das Gespenst zum Schlüsse vor den Souffleurkasten tritt und sich so reizend ungeschickt verneigt, wie man das von einem Geist nicht besser verlangen kann?" Stelle Dir vor, daß die Neri wahrhaftig umkehren wollte! Ta machte ich denn einen Gewaltstreich. Ich nahm meinen Strauß weißer Lilien, rief einem Mädchen, das mitten im Wege stand und uns anstarrte, als ob wir Gespenster wären, gab ihr die Blumen, befahl ihr: „Bringe diese Blumen dem Grasen und sage ihm: Assunta Neri lasse ihn grüßen. Hast Tu verstanden? Assunta Neri lasse den Grafen Campana grüßen. . ." Tann schmiegte ich mich wie ein Kätzchen an Assunta Neris.Schulter, bettelte: „Bitte, bitte, nicht böse sein!" Und schmeichelte: „Bitte, bitte, da bleiben! Ich bin wirklich zum Sterben neugierig, ob es ein recht fettes Ge- spenst ist." Sie mußte lächeln und — natürlich blieb sie. Ob er wohl kam? Nein — Ja — Nein, nein! Ja! Er kam und denke Dir, diese Enttäuschung! Denn er war weder fett noch alt; wenigstens durchaus nicht greisenhaft alt. Er sieht aus wie — ich möchte Ar gern Len ganzen Mann mit einem einzigen Worte beschreib en' — er sieht aus wie ein vornehmer Mensch«. Verstehe mich wohl, nicht nur wie ein vorehmex Mann. Schön ist er ganz und gar nicht, kann es auch nid gewesen sein, Grade das gefällt mir an ihyr. Und Paß — 75 — er etwas so Unnahbares hat, als stände er auf einem einsamen Alpengipsel! Ten gewesenen Dichter — denn er ist es ja nicht mehr — erkennt man bei ihm noch heute an den Augen. Diesen weit offenen, lichten, leuchtenden Seheraugen sieht man auch jene „große Leidenschaft"" an, die mich, in Gemeinschaft mit meiner Kammerfrau, so lächerlich faszinierte. Uno wenn ich davon kein Sterbenswort gewußt hätte, so würde ich bei seinen Augen gedacht haben müssen: „Dieser Mann hat einmal in fernem Leben eine große Leidenschaft gehabt. . ."" Ich könnte, was ich weine, auch so ausorucken: „Dieser Mann wird noch einmal in seinem Leben eine große Leidenschaft haben!"" . . . Ta er sie jedoch jetzt hat, da er eben durch diese große Leidenschaft ein Einstedler, ein dem Leben und seiner Kunst Abgestorbener und lebendig Begrabener geworden ist, so wäre das von mir töricht gedacht gewesen. Tu magst mich nach Belieben auslachen und verhöhnen. Aber ich werde Tir von den Augen meines einstmals an- geschwärmten Poeten noch mehr erzähle::: Er hat Augen, die einmal etwas schrecklich..Schönes erblickt haben müssen; etwas, was wie ein offener Himmel, oder auch wie eine offene Hölle gewesen: etwas Medusen- artiges, Entgeisterndes, zugleich unsaßlich Herrliches und blendend Leuchtendes. Tu verstehst mich gewiß nicht. Ich kann auch, was ich meine, nicht ausdrücken . . . Tie „süße Tragödin"" war dem Dichter entgegengegangen, ich dagegen zurückgetreten. Ich konnte daher gut beobachten. Er hielt meine Lilien in der Hand und ivar erschreckend bleich. Ich verstand nicht, was er sagte. Er sprach leise und langsam wie jemand, der das Reden nicht gewöhnt ist, und der, da er einmal reden muß, Mühe hat, die Worte zu finden. Tabei blieb sein Gesicht regungslos. Ich betrachtete ihn mir sehr genau und dachte: „Tu bist auch einer, der weiß, daß das Leben von dem lieben Gott uns armen Menschlein nicht gerade zum Spaß geschenkt worden ist . . . Solches Gesicht hat also ein Mann, der ein berühmter Tichter war, den dann eine große Leidenschaft packte, und der jetzt schlechte, schlechte Nächte hat."" Ich war noch immer sehr neugierig. Tie beiden kamen jetzt auf mich zu. (Fortsetzung folgt.) Kur Arage der Kinderernährung. Tr. Budin, der auf dem letzten Kongreß für Hygiene in Brüssel einen Vortrag über die Grundsätze gehalten hatte, nach denen die Ernährung kleiner Kinder geregelt werden sollte, hat jetzt in einer Sitzung der Pariser Akademie der Medizin seine Ausführungen über diesen Gegenstand fortgesetzt. Er hält die Regelung der Mahlzeiten bei den kleinen Kindern für höchst notwendig, indem er die Gefahren der Ueberernährung sogar bei Brustkindern hoch veranschlagt. Tas Brustkind sollte regelmäßig gewogen, und die jedesmal von ihm aufgenom- mene Milch durch Wägung vor und nach den: Nähren festgestellt werden, wenn seine Gewichtszunahme überhaupt an Schtvankungen leidet. Tie Darmentzündungen, an denen so viele Säuglinge zu Grunde gehen, sind eine Frage nicht der Beschaffenheit, sondern auch der Menge der aufgenommenen Milch. Dieselbe Vorsicht sollte beobachtet werden, wenn das Kind teilweise Brust- und teilweise Flaschenmilch erhält. Unternährung ist nach der Ansicht von Dr. Budin immerhin besser als Uebernährung, denn dann hört das Kind einfach auf, an Gewicht zuzunehmen, während Uebernährung zu Verdauungsstörungen führt, die zu schneller Abzehrung Anlaß geben können. Wie viele andere moderne Forscher vertritt Budin den Grundsatz, daß an eine ausschließliche Ernährung durch die Flasche nicht gedacht werden sollte, solange die Mutter eine Spur von Milch hat. Tas Aufziehen mit der Flasche von den ersten Monaten an hält der Forscher für schwer und gleichzeitig gefährlich, uno wenn auch zweifellos selbst zarte Kinder auf diesem Wege zu einer glücklichen Entwickelung gebracht worden sind, so kann doch nicht gesagt werden, daß sie keinen erhöhten Gefahren ausgesetzt gewesen feien. Wenn das Kind einige Monate alt ist und 6 bis 6 Kilogramm wiegt, fo kann eine Ernährung mit sorgfältig von Keimen befreiter Kuhmilch in Mengen von 100 Gramm auf jedes Kilogramm des Körpergewichls angewandt werden, vorausgesetzt, daß die Milch rein ist und 30 Gramm Fett auf das Liter enthält. Dies sind mittlere Zahlen, die vom Arzt in Uebereinstimmung mit den Erfordernissen des einzelnen Falles geändert werden können. Wenn ein Kind derart aufgezogen wird und die Ergebnisse nicht gut sind, so sollte die Milch einer Analyse unterworfen werden, und es wird sich fast mit Sicherheit Herausstellen, daß sie entweder entrahmt oder mit Wasser vermischt ist. Während des zweiten Lebensjahres sollte Milch noch die Hauptnahrung bilden, obgleich etwas mehlige Nahrungsstoffe hinzugefügt werden können. Bouillon ist nutzlos und hat nur geringen Nährwert, indem ein Liter Bouillon noch nicht so nahrhaft ist, wie 100 Gramm Milch. Eier sind nicht zu empfehlen, namentlich nicht für die ärmeren Familien, die sie sich nicht in allererster Güte beschaffen können. Bei ausschließlicher Milchnahrung oder bei nur geringer Ergänzung einer solchen ' durch. mehlige Speisen können Kinder mit zwei Jahren zu einem Gewicht von 11 bis 13 Kilogramm gebracht werden, wobei ihre tägliche Nahrungsaufnahme 1000 bis 1050 Gramm beträgt. Die Ergebnisse, die Budin mit der Anwendung seiner Grundsätze erzielt hat, sind hervorragend. Unter 712 Kindern, die zu ihm gebracht wurden, betrug die Sterblichkeit nur 4,6 auf Tauseno, während das Mittel für ganz Paris sich auf 78 vom Tausend beläuft, und kein einziges Kind starb an Verdauungsstörungen, die sonst über ein Drittel der Sterblichkeit im ersten Kindesalter veranlaßt. Aönahme der Seömten in Keutschkand. Für die wirtschaftliche, finanzielle und militärische Leistungsfähigkeit eines Staates ist die fortlaufende Beobachtung der Geburtsziffer von allergrößter Bedeutung. Wie bei fast allen Kulturvölkern, sozeigt sich nun gegenwärtig auch in Deutschland eine Abnahme der Geburtsziffer, und es fragt sich daher, welche Bedeutung diesem sehr beachj- tenswerten Phänomen beizulegen ist. Vergleichen wir die letzten 50 Jahre, so ergibt sich firr das Jahrzehnt von 1850 bis 1860 eine Geburtenziffer von 36.8 auf 1000 Einwohner; für 1860—70 eine solche von 38.8, von 1870—80 eine solche von 40.7, von 1880—90 eine solche von 38.2, endlich für 1890—1900 eine solche von 37.4. Man bemerkt demnach ein Ansteigen von 1850—80, hier wird der Höhepunkt im Jahre 1876 mit 42.6 Geburten erreicht, hierauf ein allmähliches Absinken, sodaß bald wieder der Stand der fünfziger Jahre des vorigen Jahrhunderts erreicht sein dürfte. Dieses Faktum ist gewiß nicht gleichgiltig, allein zu Befürchtungen ist trotzdem keine Veranlassung vorhanden. Tenn der Abnahme der Geburten steht eine bedeutende Volksvermehrung gegenüber. Diese kann durch Zuwanderung von außen und durch innere Volksvermehrung, durch Ueberschuß der Geborenen über die Gestorbenen zu stände kommen. Ta erstere für Deutschland nicht bedeutend ins Gewicht fällt, so kann der Bolkszuwachs nur durch den Geburtenüberschuß zu stände gekommen sein. Tatsächlich betrug dieser im Jahrzehnt 1850—60 9 pro Mille der Bevölkerung, in 1860—70 10.3, in 1870—80 11.9, in 1880 bis 1890 11.7, itit 1890—1900 13.9. Wir sehen demnach einen ständig zunehmenden inneren Bevölkerungszuwachs, der besonders groß im letzten Jahrzehnt war, trotzdem die Geburtsziffer sank. Er wird dem rapiden Absinken der Sterblichkeitsziffer verdankt, durch welche die Abnahme der Geburten auf das glücklichste ausgeglichen wird. Tie Abnahme der Sterblichkeitsziffer wird allerdings auch teilweise durch die Slbnahme der Geburten mitbedingt, denn, wenn weniger Kinder geboren werden, so können auch weniger sterben, es ist aber eine bekannte Tatsache, daß die. allgemeine Sterblichkeitsziffer in hohem Maße durch die Kindersterblichkeit beeinflußt wird. Tie Abnahme der Geburten beschränkt sich übrigens im wesentlichen auf die Städte; am bedeutendsten ist sie in den Großstädten, in den Mittelstädten ist sie etwas geringer als in den Landstädten. Aus dem Lande ist eine kleine Zunahme zu verzeichnen. Tas Land bewährt sich demnach hier wiederum nicht nur als Erneuern: der Volkskraft, sondern es ergänzt auch einigermaßen das von den Städten erzeugt^ Defizit der Volksvermehrung. — 76 Vermischte». *WiedieHanauerBürgerWachtdienst taten. Wie die „Han. Ztg." erzählt, bezvgen in den Kriegsjahren 1870—71, als alles Militär von Hanau fort war, zur Sicherung der Stadt täglich zwölf Mann der freiwilligen Feuerwehr die Hauptwache. Obgleich die Ordnung im Ablösen der Posten und Patrouillen ganz streng gehandhabt wurde, sand man sich doch nicht so recht in den militärischen Ton, man faßte die Sache eben als Bürger und gemütlicher auf. Auch zwischen Kommandeur und Wachtmannschaft herrschte mehr ein gegenseitiges mitbürgerliches Einvernehmen, als die Strenge der Disziplin. Es war an einem zienclich kalten Oktoberabend des Jahres 1870. Auf dem Paradeplatz stand ein großer Fahrpark mit zum Teil schon beladenen Bauernwagen, die bestimmt waren, Montierungsgegenstände den Trnppen nachzufahren. Es trieben sich damals ziemlich viel „lichtscheue Individuen" in der Stadt herum; Polizei und Nachtwächter waren zu schwach, um auch noch auf diese Wagen achtgeben zu können, und so fiel es unserer Wachmannschaft zu, zur Sicherheit der betreffenden Wagen halbstündige Wachen auszusenden. Um ein Uhr nachts kam eine Wache zurück und meldete, daß unter einem der sehr dicht stehenden Wagen ein Mann liege und nicht herauszubringen sei. Der Patrouillenführer meldete: „Ich hab schon alles Meegliche browiert, er geht net eraus." Da sagt der Wachthabende: „Habt Ihr denn net gesagt, Ihr deht schieße?" „A freilch hawe ma des gesagt, er glaabts awer net; er seegt: Geht haam un legt Euch in Euer Bett, Ihr Sprenggenkel!" „No, un da seid Ihr fortgange?" hat da der Wachthabende gesagt. „Ei nadierlich." „Wie hääßt dann der Kerl?" freegt da der Kommandant. „Mir wisses net gena; ich glaab aber sicher, daß 's die Pfeffernuß is." „So, die Pfeffernuß is es", seegt da der Ernst, des war der Wachthabende. „Gebt emal acht, wie schnell ich den naus hab." Der Ernst is hingange, ohne Säwel un ohne Gewehr, un hat unnern Wage gernffe, wo der Kerl gelege hat: „Pfeffernuß, bist Du's?" A freilich I" seegt da die Pfeffernuß. Da seegt der Ernst: „Hie hast en Grosche, komm eraus." „Was gibst De?" freegt da die Pfeffernuß mißtrauisch. „En Grosche kriegst De." Da war mei Pfeffernuß wie der Blitz raus, hat sein Grosche in Empfang genomme un is abgeschowe. Wie die Wachtmannschaft die Pfeffernuß abschiewe hat sehn, war se ganz baff, daß ihr Wachthabender mit so em gefährlichen Kunne, wie die Pfeffernuß war, so glatt fertig is worn. Ter Ernst awer is mit triumphierender Miene zurück uff die Wachtstub gekomme, hat sich in die Brust geworfse, un hat gesagt: „Ihr kennt etoe kaa Mensche behannele, Ihr kennt Seite Leut net imponiere." Aus Anlaß des Geburtstages Ihrer Majestät der Deutschen Kaiserin hatte die Münchener Firma Kathreiners Malzkaffee-Fabriken ein Glückwunschschreiben an die hohe Frau gerichtet und gleichzeitig sich bereit erklärt, eine Anzahl der unter dem Protektorate Ihrer Majestät stehenden Wohltätigkeitsanstalten auf die Zeitdauer von einem Jahr kostenfrei mit Malzkasfee zu versorgen. Vor einigen Tagen traf nun ein Schreiben aus dem Kabinette der Deutschen Kaiserin bei der genannten Firma ein, in welchem Ihre Majestät für die übersandten Glück- und Segenswünsche Ihren Tank ausspricht und zugleich 15 Wohltätigkeitsanstalten namhaft machen ließ, für welche die Zuwendung der Kathreiners Malzkaffee-Spende erwünscht wäre. Wenn Gelegenheit gegeben wird, Milch statt Bier zu erhalten, wird der Bierkonsum bedeutend sinken. Das beweist ein Versuch der k. k. Staatsdruckerei in Wien, die in ihrem Betriebe etwa 1500 Personen beschäftigt. Auf besonderen Wunsch von 300 Angestellten wurde in der Hausküche der Milchausschank eingeführt. Es liegen jetzt die Zahlen über das Berichtsjahr 1902/03 vor, aus denen sich ergibt, daß der Milchkonsum in jenem Jahr von Null auf 163 Hektoliter gestiegen, der Bierkonsum aber gleichzeitig um 120,25 Hektoliter gefallen ist. Hoffentlich findet dieses Vorgehen in allen deutschen Betrieben Nachahmung; denn die Gesundheit und damit natürlich auch die Leistungsfähigkeit des Arbeiters wird dadurch nicht unwesentlich erhöht. Literarisches. — Im Verlage von Ad. Haußmann, Berlin SW. 12, ist soeben eine neue illustrierte Monatsschrift „Tie Gesundheit in Wort und Bild" erschienen. Tie Zeitschrift ist für Familie und Haus bestimmt; sie wird unter der Redaktion von Tr. Weißbein und Dr. Lipliawsky in Berlin herausgegeben. Nach einer kurzen Einleitung, die die Aufgaben und Ziele der neuen Zeitschrift schildert, folgen Aufsätze, so: Tie Nahrung des Kindes, von Pros. Tr. Max Kassowitz-Wien. — Der Geisteskranke vor Gericht, von Geheimrat Prof. Tr. Pelman-Bonn. — Wie sollen wir leben, um einer Erkrankung von Nierenoder Blasen st einen vorzubeugen? von Prof. Tr. L. Casper-Berlin. — Tie Lebensbedrohung des Fettleibigen, von Prof. Tr. E. Heinrich Kisch in Prag-Marien- bad. --- Tie Heilkraft der Könige, von Dr. Eugen Holländer-Berlin. — Wie kann man einem frühzeitigen Haarausfall Vorbeugen? von Tr. Max Joseph-Berlin. — Tie Pflege der Gesundheit auf den deutschen Hochschulen, von Tr. Otto Knörk-Berlinüc. Das Verständnis des Inhaltes wird an der Hand von Illustrationen erleichtert. Mir sind überzeugt, daß sich die Monatsschrift einbürgern wird, zumal der Preis 40 Pfg. pro Monat beträgt. „An die Schönheit" von Max Klinger ist rm neuesten Heft des Magazins für Literatur reproduziert. Tie Radierung zeigt eine junge Menschengestalt, die im Anblick der großen Natur und ihrer Schönheit in die Knie sinkt und ein Gebet stammelt. Ein Aufsatz des verstorbenen Hans Merian, der die Geschichte von Reis aus Eden erzählt, behandelt in der gleichen Stimmung wie Klingers Radierung den Wert und die Wucht der Schönheit. In demselben Heft berichtet Arthur Moeller-Bruck über die Entwicklung der Aesthetik. Paul Leppin würdigt die Kunst des Oester- reichens Karl Haus Strobl, während Richard Schaukal seinen Gegnern in dem Aufsatz zur Psychologie des Rezensenten an den Leib rückt und Jacques Hegner von Kellermanns neuem Roman Yester und Li spricht. Mit belletristischen Beiträgen sind der zärtliche Hans Bethge, der bizarre Ernst Schur, August Str in d berg, Karl Hans Strobl und mit Tiersabeln Theoder Etzel vertreten. Zu erwähnen ist noch ein Artikel über Walter Crane, der dem großen Engländer an der Hand von Bildermaterial gerecht wird, ferner Gedichte. Moderne Leser werden dem mit diesem Heft in den 73. Jahrgang eingetretemu und doch jugend- frischen Magazin für Literatur ihr Interesse entgegenbringen. Hrpokics HL zcpt. Linsensuppe mit Wildpretkäse (für sechs Personen). Etwa 250 Gramm übrig gebliebenen Hirsch-, Reh- oder Hasenbraten verwiegt man ganz fein, rührt ihn mit einigen Eßlöffeln Wildpretsance, etwas schwacher mit 8 Tropfen Maggis Würze versetzter Kochbouillon und vier ganzen Eiern zu einem Brei, salzt ihn angenehm und streicht ihn durch ein Haarsieb. Dann füllt man ihn in eine mit Butter ausgestrichene Kasserolle, stellt ihn in ein nicht zu heißes Wasserbad und kocht ihn darin zu einer festen Masse, Unterdessen hat man drei Würfel Maggis Linsen-Suppe zerdrückt, in kaltem Wasser zu dünnem Brei angerührt und in zwei Liter siedendes Wasser gegossen. Nach dem Aufkochen läßt man die Suppe bei kleinem Feuer 20 Minuten sieden, stürzt den Wildpretkäse, schneidet ihn in hübsche Würfel, gibt diese in die Terrinne und richtet die fertige Linsensuppe darüber an. Logogriph. (Nachdruck verboten.) Mit Kops dients einem Gast zur Speise, Der ist in einem Häuschen eingeschlossen. Kopflos, ba flieht mans, kommt es zischend Ans dürrem Laub hervorgeschossen. Auflösung in nächster Nummer. Auflösung der Gleichung in vor. Nr.: Nheinwein (a Ruhr, b Ur, c Gastein, ä Gast, e Weiher, k her, g Born, h Bor). Redaktion: August Eötz. — Rotationsdruck und Berlag der Brühl'schm UuiversttLtS-Tuch- und Ctciudruckcrei. R. Laune. Gießen.