a ® I Bl® BI (Nachdruck verboten.) Wssa Jafcouieri. Vorr Richard Voß. Erster Band. (Fortsetzung.) Einer Oliveta entlang, bei einer Gruppe prächtiger Cypressen und Steineichen vorüber, waren wir in den von Pinien überschatteten Hof der Tenuta gekommen, wo nur ein einstöckiges verfallenes Gebäude bewohnt zu sein schien. Ich wünschte heimlich, daß die schöne Frau mit den weißen Händen und dem armseligen Kleide hier nicht wohnen möchte. Zu meiner Freude ging sie an der Baracke vorbei und durch das Löwentor auf die Schloßterrasse. „Tie Villa liegt so verlassen da, als sei sie völlig unbewohnt." „Einen kleinen Teil des Hauses bewohnen wir. Tie Villa soll nämlich über hundert Zimmer haben, in denen setzt niemand wohnt. Früher lebte hier eine schöne Gräfin aus Deutschland, die damals Pio IX. aus Rom nach Gaeta gerettet hat." „Tas ivar die Gräfin Spauer! ... Es freut mich, baß Sie in dem schönen Hause wohnen." Ich sah sie nicht an, wußte jedoch sehr genau, daß sie eine sehr erstaunte und unnahbare Miene machte und mich sogleich stehen lassen würde. „Mir wäre es lieber, wir wohnten in der Tenuta", wies sie mich nach einer Panse mit großer Ruhe zurück. „Aber mein Mann zieht das Schloß vor. Leider kostet ihn feine Vorliebe für Paläste eine beträchtlich höhere Pacht- fumme, und mehr, als wir überhaupt zahlen können." „Aber das Wirtschaftsgebäude ist ja eine halbe Ruine!" „Für uns wäre es gut genug", sagte sie rauh, nickte mir gemessen zu und schritt von mir fort, nach dem Hause hinüber. Eine Fürstin hätte von dieser Pächtersfrau Haltung lernen können. Wer war sie? Und was war es mit ihr? Alles war so ungewöhnlich: der Ort und die Frau! Gar zu gern wäre ich ihr nachgeeilt. Aber ich wagte es nicht; denn sie hatte mich in aller Form verabschiedet. Ich war daher freudig überrascht, als sie plötzlich stehen blieb, einen Moment zu schaudern schien, und dann langsam zu mir zurückkam. Mein Pferd brachte mich sofort an ihre Seite. Mit kiihler Höflichkeit sprach sie mich an; „Ta das alte Haus Sie vollständig bezaubert zu haben scheint, da niemand von unfern Leuten vor Mittag zurückkommt, und Sie gewiß keine Zeit zum Warten haben, will ich Ihnen das Haus zeigen." „Es wäre sehr gütig! Aber der kleine Schläfer?" „Es schläft ganz fest, das arme Geschövf." „Weshalb bedauern Sie Ihr Kind?" „Lebt es nicht?" Sie tat diesen pessimistischen Ausspruch ohne jede Spur von Pathos und Affektion; aber mit welch trauriger Miene, welch trostlosem Ausdruck! „Tas Kind wird wachsen und gedeihen. Es wird Ihnen Freude machen, wird Ihr ganzer Stolz und gewiß einmal ein tüchtiger glücklicher Mensch werden." „Glauben Sie, daß es glückliche Menschen gibt?" „Wie Sie das sagen!" „Ich frage nur; denn ich weiß es nicht." „Warum sollte Ihr Kind durchaus ein unglücklicher Mensch werden? Ist es ein Knabe?" „Ein Mädchen — leider." ,78ch bitte Sie--." „Wenn cs einmal groß ist und schön sein sollte, wenn es dann hoch im Preise steht und seinen Käufer findet! Mein armes Kind, o mein armes Kind!" Sie hatte wie zu sich selbst gesprochen, als mein Pferd zufällig eine heftige Bewegung machte. Jetzt errötete sie: bis an die Haarwurzeln, was ihren stillen ernsten Zügen plötzlich einen überaus lieblichen, beinahe kindlichen Ausdruck gab. Leise sagte sie dann: „Ich führe Sie also durch das Haus." Sie ging und kam nach einer Weile ohne das Kind und mit dem Schlüssel zurück. Ich sprang vom Pferde und folgte der wunderschönen seltsamen Frau. * Tnrch die mit antiken, als Sitze dienenden KapitäleN und verschiedenen Erinnerungstafeln an päpstliche Besuche geschmückte Vorhalle trat ich in einen Saal, dessen Wände, auf das wunderlichste mit Fresken bedeckt waren .... Zwischen prächtiger Säulenarchitektnr bewegte sich eine bunte Gesellschaft längst verstorbener Falconieri mit ihren Gästen und ihrer Tienerschaft, während eine andere Generation des alten Fürstenhauses teils als Porträts, teils als in Loggien postierte Zuschauer hier ernsthaft, dort vergnüglich auf das heitere Gewimmel niederblickte. Unter den Frauen fiel mir besonders eine anmutige lustige etwas kokette Teresa und eine sehr schöne stolze und entschlossen blickende Ottavia Sacchetti aus. Von den Männern des Geschlechts erschien ein jugendlicher Lelio recht liebenswürdig und zugleich sehr leidenschaftlich. Zu beiden Seiten dieses frohen und festlichen Raumes, ans dem ich durch die Bogen der Vorhalle tief in die immergrünen Wipfel der Steineichen schaute, lagen in langer Reihe die Prunkzimmer des fürstlichen Sommersitzes; und da meine Führerin, nachdem sie mir geöffnet hatte, sich nicht mehr um mich kümmern zu wollen schien, so schlenderte ich behaglich von Gemach zu Gemach, in einem jeden Fenster und Jalousie aufstoßend, daß immer? neue Licktwogen die Dämmerung durchströmten. 10 Es war überall das Nämliche: liberal verblichener Glanz und verfallene Pracht. Tische mit kostbaren Platten von rosso und giallo antico, Lehnsessel mit verblaßten Vergoldungen, zerschlitzte Vorhänge an Türen und Fenstern, schadhafter Ziegelsteinboden. Sämtliche Wände schmückten entiveder Fresken, oder, die ganzen Wandflächen einnehmend, stark nachgedunkelte Oelgemälde. Aber die Stucca- turen der Decken atmeten die Anmut der Renaissance und waren so leuchtend, als wären sie eben aus des Künstlers Händen hervorgegangen. Ter letzte Raum, den ich betrat, entzückte mich. Tie Fresken stellen einen heiteren Hain vor, der einen Ausblick auf eine freie sonnige Landschaft gewährte. In den Vlumendickichten standen Bildjan en und Hermen, A täre und Vasen. Fontänen durchrauschten den kühlen Grund, und ein lustiges Völklein beflügelter Genien war eifrig beschäftigt, Tempel und Hain für eine stille Liebesfeier schmücken. Sie flatterten durch die Wipfel, jagten die weißen Tauben der großen Göttin, schleppten schwere Blumengewinde herbei, rissen blühenoe Ranken von den Bäumen, bekränzten die Statuen, verzierten den Eingang ins Brautgemach Nur ein kleiner fauler Schlingel schoß vergnüglich nach einer Elster, die auf einem Pinienast hockte. lieber den Wipfeln stieg am tiefblauen Himmel strahlendes Gewölk auf, darin in eigener unsterblicher Person die Frühlingsgöttin erschien. Cie ließ einen Blütenregen herniederströmen, dessen duftige Fluten Amoretten ihr nachtrugen. Junge übermütige Winde bliesen die herabfallenden Blumen durcheinander. Um dieses wonnige Gern ach lief eine offene Galerie; und als ich hinaustrat, stand ich über einer die doppelte Länge des Schlosses betragenden Gartenterrasse und dem in bacchische Fruchtbarkeit gebetteten Frascati. Ich überblickte das trümmerbedeckte römische Land bis weit in die große etruskische Bergebene hinein; ich überblickte den lichten Strand des Thyrrenischen Meeres mit seiner dunklen Macchienwildnis, das Aipengebiet der Sabina mit lang h.ngestreck.en kahlen Graten, schneebedeckten Gipfeln und grauen Felsensiädten. Als ich mich endlich von dem unvergleichlichen Anblick losriß, saß die schöne Frau in einem der mit apfelgrünem Damast bezogenen Armsessel und wartete auf mich. Sie lehnte in ihrem schlichten Kleide mit solchem Anstand in dem vornehmen Stuhl, wie wenn sie für einen Thron geboren wäre. Als ich ihr mein Entzücken über den köstlichen Raum ausdrückte, erklärte sie mir dessen Bestimmung. „Nach einer Sitte, die über dreihundert Jahre alt sein soll, wurde für jedes junge Paar des Hauses in diesem Zimmer das Hochzeitsbett aufgestellt." Und sie fügte nach einer Pause hinzu: „Hier erwürgte Ottavia Sacchetti in der Brautnacht den Mann, den: sie durch Zwang vermählt worden war." Sie sagte das so gelassen, als berichte sie eine alltägliche Begebenheit. Dabei hatten ihre stillen Augen einen graus amen Ausdruck. „Hier erwürgte Ottavia Sacchetti in der Br aut nacht den Mann" . . . wiederholte ich mechanisch, und konnte meinen Blick von ihrem Gesicht nicht abwenden. „Weiß man die Ursache der gräßlichen Tat?" „Ist sie so schwer §it wissen?" „Wie. . . Ich verstehe Sie nicht —" „Ich sagte Ihnen ja, daß die unglückliche Ottavia durch Zwang ihres Mannes Weib ward." „Weshalb ließ sie sich zwingen!!" „Sie reden eben wie ein Mann." „Also begreifen Sie die Mörderin?" „Ich begreife sie." „Wie ist das möglich?!" „Vielleicht weil ich eine Frau bin", war ihre gelassene Antwort. Ich wurde erregt. „Angenommen: ein Mädchen wird zu einem verhaßten Manne gezwungen, so —" Ich verstummte unter dem Blick dieser hellen unerbittlichen Augen. Sie vollendete meinen Satz: „So rächt die Frau die Gewalt, die ihrem Leib und ihrer Seele angetan worden — wenn sie sonst eine starke und stolze Seele besitzt. Darauf kommt es allerdings an." Ich wollte erwidern. Aber sie stand auf und ging hinaus, ohne mich Weiter zu beachten. Absichtlich blieb ich zurück und holte sie erst im Saal ein, wo ich sie unter dem Bilde jener Ottavia stehend fand. In den Anblick des Porträts versunken, sagte sie: „Diese Unglückliche wurde, weil sie ihre Ehre verteidigte, in Rom vor der Engelsbrücke als Mörderin enthauptet. Sie starb den Märthrertod und sollte von gewissen Gattinnen als Heilige verehrt werden." „Was sind Sie für eine merkivürdige Frau!" Meinen Ausruf überhörend, wandte sie sich von dem strengen Antlitz der Ottavia ab, den heiteren Mienen der reizenden Teresa zu. „Dieser jungen Faleonieri ging es im Leben auch nicht sonderlich gut." „Hatte die liebliche Frau etwa gleichfalls ein tragisches Schicksal?" „Sie wurde von ihrem Manne ertränkt hier in der Billa: in dem Teich um den die Cypressen stehen." „Aus Eifersucht?" Sie antwortete nicht. „Weiß man etwas von dem jungen Lelio dort oben?" fragte ich, lediglich um das unbehagliche Schweigen zu unterbrechen. „Vielleicht war es dieser junge hübsche Herr, uni dessentwillen die reizende Teresa sterben mußte. Die beiden paßten zusammen. Ich denke mir oft, daß es der hübschen Teresa schwer geworden ist, aus der Welt zu gehe«. Tenn wenn man liebt und wiedergeliebt wird. — Aber wie selten mag beides zusammentreffen." Nur um etwas zu sagen, rief ich aus: „Das ist ja eine eigentümliche Familie, diese Fal- conieri!" „Es hat auch sehr fromme Leute darunter gegeben. Verschiedene Faleonieri Waren Päpste, und die Familie ist sogar so glückliche, einen Heiligen und zwei Martyrisierte aufweisen zu können. Der heilige Alexander Faleonieri und die beiden seligen Frauen liegen nebenan in der Kapelle bestattet. Sie tun noch heute Wunder für den, der glaubt, daß heute noch Wunder geschehen. Ich glaube es nicht." Hatte sie mir vorhin Scheu eingeflößt, so fühlte ich jetzt große Teilnahme: dermaßen von Leiden erschöpft waren Blick und Miene. Plötzlich ertönte von den Steineichen her ein lauter, gebieterischer Ruf: „Maria!" Sie regte sich nicht. Der Ruf Wurde wiederholt, diesmal fast drohend: „Maria! He, Maria!" Du sie nicht zu hören schien, machte ich sie aufmerksam! „Ich glaube, Sie Werden gerufen." „Es ist nur mein Mann", erwiderte sie gleich,giltig. „Er schreit immer so." Sie verließ langsam, sehr langsam den Saal. * Tie beiden waren ein herrliches Paar! Ter Gatte meiner eigentümlichen Führerin gehörte nämlich zu den schönsten Männern, die ich jemals gesehen -hatte. Er ritt einen feurigen Rappön mit langer Mähne und fast den Boden fegenden Schweis. Der schwarze Mantel des Campagnuolen trapierte mit seinem Faltenwurf die schlanke prachtvolle Gestalt; unter dem breiten Schlapphut hervor quollen dunkle Locken und das braune bartlose Gesicht hatte die klassischen Züge der Antike. Alcibiades konnte nicht vollkommener schön gewesen sein, als dieser Pächter der Villa Faleonieri es War. Er sah mich unter einem Säulenbogen der Halle stehen, ritt näher und grüßte mich wie ein Weltmann. Noch mehr erstaunte ich,, als der prachtvolle Bursche im Cam- pagnuolenmantel in perfektem Französisch sich erkundigte. Womit er mir dienen könnte. Ich erwiderte, was mich in die Villa.geführt, und daß seine Frau die Liebenswürdigkeit gehabt hätte, mir einen Teil des Palastes zu zeigen. Er sch,ante zu ihr hinüber und sagte dann, laut lachend: „Darauf dürfen Sie sich allerdings etwas einbilden. Es liegt nämlich durchaus nicht in der Art meiner Frau, den Fremdenführer zu machen." Der Blick, mit dem er sie ansah, sein Lachen und etwas in seiner Stimme paßte so gar nicht zu der berückenden Erscheinung des Mannes, daß es mich betroffen machte. Ich mußte denken: .,Oho! 'Du scheinst deine 11 wunderschöne Frau nicht gerade zärtlich zu lieben. Du scheinst überhaupt ziemlich brutal sein zu können, mein reizender Herr!' Ich entschuldigte die Dame durch die Dringlichkeit meiner Bitte und diese durch mein Entzücken über die Billa. Darauf stellte ich mich in aller Form vor. Er warf mir einen raschen blitzenden Blick zu, grüßte noch einmal mit großer Höflichkeit und sagte äußerst ver- brndlich: „Ihre Premiere gestern abend im Valletheater hatte geradezu sensationellen Erfolg." Und er reichte mir mit einem Lächeln, das so anziehend war, wie vorhin sein Lachen abstoßend, ein Paket römischer Zeitungen. „Sie kennen mich?" „Das wundert Sie bei einem Bauern, der hier in aller Ruhe seinen Kohl pflanzt? Sie mögen daraus sehen, wie populär Sie sind." „Sie sind sehr liebenswürdig, Herr —" „Bittorio Mariano." Ich lüftete den Hut und sagte lächelnd: „Es scheint mir ein beneidenswertes Los, in der Billa Falconieri seinen Kohl pflanzen zu dürfen, Herr Mariano." Er rief mit knabenhafter Fröhlichkeit: „Wenn Sie das im Ernst meinen, so werden Sie hoffentlich Ihre tragische Muse in unserem Idyll eine Stunde lang unter Menschen ein Mensch sein lassen. Ich habe heute die ersten Cucuzzi geerntet, der Spießbraten meiner Frau könnte dem Ruhm Ihrer Trauerspiele Konkurrenz machen, und zum Nachtisch verspreche ich Ihnen zwar nicht die Aepfel der Hesperiden, aber die Kirschen des Lucullus." Mit prächtiger Bewegung des Kopfes schwang er sich vom Pferd und übergab es einem der eben aus der Oliveta heimkehrenden Knechte, der dann auch meinen Mietsgaul einfing und nach dem Wirtschaftshof führte. Ich mußte mich vorhin getäuscht haben: der Mann war gewiß ebenso liebenswürdig wie schön! Und zu den stolzen Falten des Campagnuolenmantels das Pariser Französisch: welche Kontraste! Meine Neugierde war stark erregt. Auch konnte ich mich nicht entschließen, fortzugehen, ohne Frau Mariano noch einmal gedankt — ohne sie noch einmal wiedergesehen zu haben. Sie war sogleich ins Haus gegangen, ohne sich um ihren heimkehrenden Gatten iur geringsten zu kümmern, ohne ihn eines Blickes zu würdigen — wie ich cS bei mir selbst nannte. Und sie hätte doch, von Rechts wegen ganz vernarrt in ihn sein müssen! Denn als er jetzt Mantel und Hut abwarf, die Locken aus der Stirn schüttelte, staunte ich von neuen: über die Herrlichkeit der jungen Gestalt. Uebrigeus war ich jetzt in meinem Urteil ganz sicher, als ich vorhin in seinen: Blick, in seinem Lachen, in seiner Stimme etwas zu erkennen geglaubt, was mich beinahe mit Widerwillen erfüllte: lag es doch in meiner Natur, bei jeder Medaille sogleich die Kehrseite zu sehen. Meinen eigenen Augen mißtrauend, war ich nunmehr bemüht, jenen flüchtigen Eindruck zu vergessen. Auch nahm d:e Vorstellung von dem Leben der beiden wunderschönen einsamen Menschen in dem Paradiese der Villa Falconieri meine dichtende Phantasie völlig gefangen. Herr Mariano, der ausgezeichnet gekleidet war und die Wäsche eines Dandy trug, geleitete mich nach dem Flügel der Villa, den ich noch nicht besichtigt hatte, lieber dem Eingang stand der fünfte Psalm geschrieben: „Tritt ein in dein Haus--“ Und gleich dahinter befand sich die von Benedikt XIII. geweihte Kapelle, darin in gläsernen Särgen die wundertätigen Heiligen der Falconieri bestattet lagen. Eine Treppe aus aschgrauem Peperin mit tief ausgetretenen Stufen führte in das obere Stockwerk hinauf, wo die sonderbaren Pächtersleute ihre Wohnung hatten. (Fortsetzung folgt.) Ksstige Mücher. Nicht von den: geistigen Gift vieler Schriften und Werke will ich>, so schreibt „Paracelsus" in der „Medizinischen Woche", hier reden, nicht von dem Unheil, das die Lektüre in so und so vielen jungen Gemütern und Köpfen angerichtet hat und täglich anrichtet. Nein, ich möchte mit weniaen Worten der Gifte und Gefahren gedenken, welche die Bücher häufig an sich tragen, die von Hand zu Hand wandern und ihren Typus in den Leihbibliotheks-Bänden haben. Eine Leihbibliothek ist für mich das unsauberste und widerwärtigste aller geistigen Verkehrsmittel, die wir haben. Betrachten wir einmal ein solches Buch genau. Schon der Geruch hat etwas Stockiges, Widerwärtiges, und nun gar erst die Seiten. Die rechte untere Ecke ist ausgesranst, dreckig, oft dunkelbraun, klebrig von all den vielen Fingern, welche mit Speichel aus oft recht unsauberen Mundhöhlen stammend, benetzt das Blatt umwanden. Vom Umschlag gar nicht zu reden. Derselbe ist bedeckt mit Flecken der merkwürdigsten und bedenklichsten Provenienz. Doch da:uit noch nicht genug, an den Seiten klebt alles mögliche, Brod- krumen, Reste von Fleischspeisen und noch ganz ni:bere Dinge, die man lieber gar nicht näher beschreibt. Wenn man nun noch außerdem bedenkt, daß die meisten Leihbibliotheksbände von Menschen dann entnommen werden, wenn sie sich nicht wohl fühlen und Zeit zun: Lesen haben, oder wenn sie sich in der Rekonvaleszenz befinden, um diese angenehmer zu gestalten, so wird man mir zugeben, daß es wohl kaum etwas Unhygienischercs geben kann, als das Institut der Leihbibliotheken in seiner gegenwärtigen Handhabung. Tie Gründe für diese oft unfaßbare Verunreinigung von Büchern, welche nur geliehen sind, liegen in erster Linie in der schlechten Erziehung der Menschen. Zunächst das Umblättern mit befeuchteten Fingern. Ein an Sauberkeit gewöhnter Mensch wird das schon so inie so nicht tun, weil es ihm selbst unangenehm ist, durch den Finger mit dem Buch seinen Mund zu berühren. Die aber, die dieses Gefühl des Ekels nicht haben, die sollten wenigstens an die Anderen denken und nicht vergessen, daß nach ihnen auch noch Menschen das Buch lesen wollen. Mir fällt bei dieser Geschichte eine heute wohl nur Wenigen bekannte Ballade von Wieland ein, „Schach Lolo"; hier wird der orientalische Machthaber von einem schlauen Fremden für seine Grausamkeit dadurch gestraft, daß er ihm eiu Buch überreicht, dessen Blattecken vergiftet sind. Da nun Schach Lolo auch die schlechte Angewohnheit hat, den Finger vor dem Umblättern erst feucht zu machen, stirbt er vergiftet, bevor er das 10. Blatt umgewendet. Was nun die übrigen Verunreinigungen anlaugt, so komme:: sie oft daher, daß die Menschen beim Essen lesen, im Bett lesen, und auch nicht zu selten beim Husten und Niesen ein Buch, in dem sie gerade lesen, als Schirm vorhalten, um nicht die Umgebung zu belästigen. Das sind an sich alles schlechte Angewohnheiten, bei geliehenen Büchern aber direkt Rücksichtslosigkeiten gegenüber den Besitzern. Es fragt sich nun, ob durch. Bücher in diesen: Zustand Krankheiten wirklich übertragen werden können. Nicht alle Infektionskrankheiten sind durch, tote Gegenstände übertragbar, wir kennen aber eine ganze Reihe, bei denen die Uebertragung durch Zwischenträger erwiesen ist; hierher gehört der Scharlach, Masern und wohl auch! die Jn- flueuza. Es braucht sich aber nicht einmal un: die Uebertragung solch leicht infektiöser Krankheiten zu handeln, der Schmutz und die Verunreinigungen können auch Infektionen kleiner Wunden u. dgl. bewirken. Menu wir uns nun fragen, ob diesen Nebelständen in irgend einer Weise abzuhelfen sei, so müßten wir mit Ja antworten. Erstens liegt die Abhilfe im Publikun: selbst insofern, als die Menschen sich eben daran gewöhnen müssen, sauberer mit Büchern umzugehen. Der Umschlag wird am besten umhüllt, die Seiten mit trockenen: Finger umge- dlatrerr uno alle Nebenbeschäftigungen während des Lesens unterlassen. Zweitens sollten die Besitzer von Leihbibliotheken veranlaßt werden, die zurückkommenden Bücher einer gründlichen Fermaldesinfektion zu. unterziehen. Diese ist nicht teuer, einfach zu handhaben, Wirksan: und schadet den Büchern nicht. Die Einbände werden am besten aus imprägnierten abwaschbaren Stoffen hergestellt, wie zum Beispiel das vor einigen Jahren aufgekommene Perga- moid. Was von den Leihbibliotheksbänden gilt, das hat auch Geltung für Zeitschriften, Zeitungen, Kursbücher, Landkarten, kurz für alle Schrift- oder Bildwerke, welche iur allgemeinen Verkehr sind und von Hand zu Hand wandern. Wir leben nun einmal im Zeitalter einer recht anerkennenswerten hygienischen Tendenz in allen Zweigen des öffentlichen Lebens, da darf meiner Ansicht nach auch dieser Punkt nicht unbeachtet und unerörtert bleiben. 12 Gewiß wird es manchem findigen Kopf gelingen, bessere prophylaktische Maßnahmen gegen den Schmutz der Leihbibliotheksbände zu finden; so wäre es beispielsweise eine dankbare Aufgabe, Papier so zu imprägnieren, daß es Feuchtigkeit nicht mehr anfnimmt und also abwaschbar ist. Bücher aus solchem Material könnten einfach vor Gebrauch abgeseift werden. Wer weiß, was in dieser Richtung noch erfunden lvird. Wir möchten hierzu bemerken, daß in diesem Artikel wie auch in sonstigen Auslassungen der Aerzte die hygienischen Gefahren der Leihbibliotheken vielleicht übertrieben werden. Immerhin sollten in erster Reihe die Leser selbst schon aus Anstandsrücksichten darauf bedacht sein, ein Buch ebenso sauber zurückzugeben, wie sie es erhalten haben. Tre Inhaber der Leihbibliotheken, die, wenn sie einen Band beschmutzt wiedererhalten, nicht aus Nachlässigkeit, sondern aus Besorgnis, den Abonnenten zu verlieren, ein Auge zudrücken, würden natürlich die ersten sein, die sich über ein angemesseneres Verhalten des Publikums freuen würden. VsvmsWtes. * Tas Ende der Pompadour stand nach der bisherigen ileberlieferung zu der glänzenden Rolle, welche die große Kurtisane bei "Lebzeiten gespielt hatte, in grellem Gegensatz. Nachdem sie den letzten Hauch getan, wurde, wie es hieß, der noch warme Leichnam mit einem schlechten Mantel überdeckt, auf eine Tragbahre geworfen und meuchlings aus dem Schlosse von Versailles geschafft, während der"Zorn des Himmels sich in einem schrecklichen Unwetter entlud. Einige Tage darauf soll die Pompadour ohne jedes Gepränge begraben worden sein. Ludwig XV., der ihrer längst überdrüssig geworden war, soll bei dieser Gelegenheit sein Bedauern in die gemütvollen Worte zusammengefaßt haben: „Tie Frau Marquise hat heute schlechtes Wetter für ihre Reise." Man pflegte in diesen Begebenheiten mit Genugtuung eine gewisse Sühne für all das Unheil zu erblicken, das die Pompadour über Frankreich gebracht hat und worüber Brachvogels Narciß sich so beweglich äußert. Ter Geschichtsforscher Fromapert, der sich auf die kürzlich aufgefundeuen Rechnungen von Handwerkern und Geistlichen stützt, stellt die Vorgänge anders dar. Tie Pompadour endete am 15. April 1764 in ihren Räumen des königlichen Schlosses. An demselben Tage, einem Sonntage, wurde sie nach ihrer Behausung in der Rue des Reservoirs gebracht. Tas Totenzimmer war mit schwarzen Tüchern verhängt, um die Leiche brannten Kerze,:, insgesamt für 118 Livres. Zwei Priester hielten zwei Tage und Nächte Macht am Sarge. Am 17. April fand ein feierlicher Gottesdienst in Notre-Tame statt. Am Nachmittage holte ein Zug von 100 Geistlichen und 24 Kindern, die große Kerzen trugen, 6 Kirchensängern und 2 Bläsern die Leiche ab. Hinter dem Sarge, der auf den Schultern von 8 Trägern ruhte, marschierten 42 Tienst- boteu in Trauerlivree, ebenfalls mit Kerzen und 72 Arme in schwarzen Mänteln. Unter Glockenklang betrat der Zug die Kirche von Versailles, die schwarz ausgeschlagen war; in der Mitte stand auf einem Gerüst ein Katafalk, überwölbt von einem Hermelinbaldachin. Tie Feierlichkeit ging in der üblichen Weise vor sich, sie erforderte für die Kirche 851, für die Lichter 1600, für die Armen 405 Livres, dazu 32 Paar schwarze Handschuhe. Am Abend setzte sich der Zug nach Paris in Bewegung, denn die Pompadour hatte gewünscht, bei den Kapuzinern der Place Vendome bestattet zu werden. Beim Verlassen der Kirche ging ein Gewitter nieder und der heftige Wind riß einigen Bedienten den umflorten Hut vom Kopfe. Der Zug passierte die Place d'armes vor dem Schlosse; Ludwig XV. hatte sich, nur von seinem ersten Kammerdiener geleitet, auf einen Balkon begeben. Er verharrte in nachdenklichem Schweigen und sah trotz des Regens und Sturmes dem traurigen Zuge nach, bis er in der Avenue de Paris allmählich den Blicken entschwand. Daun kehrte er in seine Gemacher zurück, zweit dicke Tränen rollten über seine Wangen und er sagte zu seinem Kammerdiener: „Tas war die einzige Ehre, die ich ihr noch erweisen konnte!" Tiefe sentimentale Aufführung Ludwigs wird in dem genauen Bericht des Grafen Cheveray bezeugt; zum Cha- raktervtlv des frivolen Monarchen hätte besser das boshafte Witzwort gepaßt. Tie Leichenrede, die ein Kapu- ziuermönch der Pompadour am Grabe widmete, war für diese wenig schmeichelhaft. Sie Hub mit den Worten an: „Ich empfange den Leichnam der sehr hohen und mächtigen Frau Marquise Pompadour, der Palastdame der Königin. Sie war in der Schule aller Tugenden, denn die Königin war ein Musterbeispiel an Güte, Barmherzigkeit ufw." und pries dann die arme, vernachlässigte Königin Maria Lesczinska. Ter knickerige Geschäftsführer bezahlte den Kapuzinern für diese Rede auch nur einen! Teil der berechneten Gebühr, nämlich 30 Sous. * Studentenleben im Jahre 17 72 und 18 24. In einer Berliner Handschrifteufammlung befindet sich folgendes Schreiben an die geheimen Hof- und Consistorialräte, Prorectori, Tirectori und Profess: ribus zu Halle: Von Gottes Gnaden Friedrich König in Preußen, Marggraf zu Brandenburg ufw.: Unfern gnädigen Gruß zuvor! Würdige, Veste und hochgelahrte Räthe, liebe Getreues Ta Ihr Euch zu unserer allergnädigsten Zufriedenheit durch Erlern Fleiß so sehr hervorthut, so hoffen Wir umsomehr, daß sich au,ch> die dort studierende Jugend durch gute Eonduite zu evertuiren bestreben werde, und erwarten, daß das Herumlaufeu aus die Sächsischen Dörfer als ein den guten Sitten zuwider laufender zeitheriger Gebrauch gänzlich werde abgestellet werden. Ob nun wohl diejenigen, welche eine ordentliche Erziehung gehabt haben, oder sich durch gute Sitten künftiger Beförderung würdig zu machen suchen, bou selbst diesen Mißstand vermeiden werden; so sind doch aud} andere, bey denen es an diesen Bewegungsgrüuden ermangelt, nachdrücklichst zu erinnern, und ihnen das Herumlanfen auf Sächsischen Dörfern zu untersagen, und damit sie die Ursach dieses Berboths nicht mißdeuten, so habt Ihr ihnen die in die Augen fallende Unanständigkeit, und bey Handwerksgesellen allenfalls zu entschuldigende Frequentierung der Bier- und Weinhäuser auf Dörfern begreiflich zu machen, und von dem dieserhalb geflissentlich auszuarbeitendem affigendo ein Exemplar an unser Ober-Curatorium einzuschicken. Sind Euch mit Gnaden gewogen. Gegeben Berlin, den 29. April 1772. Auf Seiner Königlichen Majestäts Allergnädigsten Specialbefehl gez. Zedlitz. — In derselben Sammlung befindet sich ein Brief von der Hand des berühmten Akustikers Ernst F. Friedrich Chladni aus Göttingen im Jahre 1824. Welch anderes Bild! Dort heißt es u. a.: „Hier in Göttingen sind jetzt über 1500 Studierende, auch aus Gegenden außer Europa, z. B. Nordamerika, Brasilien, Vorgebirge der guten Hoffnung ufw. Es erfordert der jetzt unter ihnen herrschende Ton, sich anständig zu betragen, fleißig zu seyn, und in Kleidung, sowie auch sonst im Aeußern alles Auffallende und Unschickliche zu vermeiden. Wenn einer von wo anders herkommt, und in einem anderen Aufzuge erscheint, so legt er ihn gar bald ab, weil er weder Beifall noch Nachahmung findet. Das einzige, was mancher nicht loben will, ist, daß öfters Duelle stattfiuden sollen; ich habe aber während meines Hierseins nichts spezielles davon gehört. Ter Fleiß in Haltung und Besuchung der Kollegien wird soweit getrieben, daß noch bis abends 8 oder 9 Uhr einige Vorlesungen gehalten werden." Quadraträtsel. (9iadjbriicl verboten.) 1. Mythologische Gestalt. 2. Tier aus heißer Zotte. 8, an Gewässern. 4. römischer Kaiser. In die Felder vorstehenden Quadrates sind die Buchstaben AA, EEE, FFFF, MN, 0, ER, UU derart einzutragen, das die ivage- rechten Reihen gleichlautend mit den senkrechten sind und Wörter von der beigesuglen Bedculuiig ergeben. Auslösung in nächster Nummer. Auflösung der Charade in vor. Nr.: Galate. Redaktion: August Götz. — Rotationsdruck und Verlag der Brühl'schen UniversttätS-Buch- und Ctenlrnckerci, N. Lanac. Gießen.