«Bf feäss®» WMM UN aEwh'. ÄS§Wcg W ?-■ t. lÄSZTtaEHTI (Nachdruck verboten.) WLla Jakconieri. Von Richard Voß. Zweiter Band. (Fortsetzung.) Ich bin jetzt genau orientiert! Was man „Liebe" nennt, ist nichts anderes als eine Erkrankung gewisser Organe. Man nimmt an, daß jeder Mensch früher oder später von dieser Krankheit befallen wird. Viele erkranken an diesem notwendigen Nebel sogar verschiedenemal — wie man ja auch den Tvphus mehreremal haben kann. Bei einigen tritt die Krankheit sehr leicht auf, andere sterben daran. Wiederum andere erkranken sehr schwer, bleiben aber am Leben. Sind sie dann nach glücklich, überstandener Rekonvalescenz wieder gesund, so begreifen sie gar nicht, daß sie krank gewesen sein sollen. Ich begreife es gar nicht! In meiner Krankheit — ich gehöre zu den Frauen, die infolge ihrer ganzen Organisation nur einmal von dem Nebel befallen werden können — hatte ich die seltsame Phantasie: meine Seele müßte geliebt werden. Das war ein bedenkliches Krankheitssymptom. Wäre es möglich — was eben nicht möglich ist! — und ich könnte jemals wieder rückfällig werden, würde ich um keinen Preis wünschen, daß meine Seele geliebt würde; sondern nur — Das wird aus einem, wenn ein Experiment mißglückt. * Seine Briefe! Ich weiß nicht, ob jemals solche Briefe geschrieben, solche Briefe jemals so gelesen wurden?! Ich studiere mich selbst, was ich dabei denke und fühle. Ich denke sehr wenig dabei und fühle — nichts. Es ist mir selbst unheimlich; aber es ist so. Höchstens, daß ich die Betrachtung anstelle: „Das also ist nun wirkliche große Leidenschaft? Allerdings ist es die Leidenschaft eines Poeten, folglich die Krankheit eines unnormalen Gehirns!" Es ist von der Regel jene eine Ausnahme, die gestattet wird. Auch das ist sehr eigentümlich: er muß mich doch uu- aussprechlich verächtlich finden; und — trotzdem liebt er mich ,u naussprechlich . . . Der Mann kann also lieben und verachten zugleich ! Welcher Mann kann das? Der echte Mann gewiß nicht ! Mein junger exotischer Prinz — um nur ein Beispiel zu nennen — würde die Frau, die er verachtet, sicher auch verschmähen. Das gefällt mir! Es ist kein Zweifel mehr: er geht an seiner Leidenschaft zu Grunde. So unmännlich! Seinen Briefen nach, könnte ich den Tag genau berechnen, an dem er zu Grunde gehen wird. Uebrigens lese ich die Briefe gar nicht mehr. Es könnte doch möglich sein, daß ich durch irgend eine Nachricht — durch eine ganz bestimmte Nachricht — erregt würde. Und ich will mich nicht erregen lassen. Meine gespenstische Ge- fühlslosigkeit fängt an, mir lieb und immer lieber zu werden. Um Gottes willen, nur keine Empfindung! . Ich hatte meinen Roman wie jede Frau von Welch mein Roman ist zu Ende und — es ist gut, daß er zu Ende ist. * Seinen heutig.'n Brief erbrach ich zufällig. Er enthielt nur e.u einziges Wort: „Lebewohl!" Gott sei Dank! * Ich bin eine gründe mondaine; aber ich habe mir vorgenommen, noch mehr zu werdeu. Ich will la plus grande mondaine werden. Zch will eine Kunst daraus machen und in dieser Kunst eine Meisterschaft erreichen. Es ist schließlich auch ein Ziel, das der Mühe wert ist. Wie man mich beneiden wird! * „Lebewohl!" Das ist Abschied. Ob er sich töten wird? Vielleicht liegt das Pistol bereits neben ihm . . . Aber er zaudert, er wartet. Er wartet auf ein Wort von mir. Ein einziges Wort ^on mir würde ihn retten. Und das Pistol liegr schon neben ihm — „Viviane, Viviane! Es kostet Dich nur ein einziges Wort!" Nein! Und er greift nach dem Pistol. Soll ich — Nein! Nein! Er setzt das Pistol gegen seine Schläfe. . . Nicht doch! Er wartet noch immer! Er wartet mit Todesangst. Mit Todesangst, nicht wegen des Sterbens, sondern wegen etwas viel Gräßlicherem: daß er so sterben soll! um aues betrogen. . . Soll ich schreiben — depeschieren? Es kostet mich nur ein einziges Wort: „Lebe!" Nein! Nein! Nein! Er drückt los . . . Tot! Er ist tot! 134 Ich konnte ihm nicht helfen. Habe ich ihn getötet? Ich konnte auch mir nicht helfen. Es muß gräßlich gewesen sein, dieses' letzte, allerletzte Warten. * Ich lese jetzt täglich die auswärtigen Depeschen. Jeden Tag erwarte ich, es in der Zeitung zu lesen: „Aus Arascati depeschiert man uns, daß" — und so weiter. Ich lese nichts . . . Seltsam! Ich hatte mich in die Vorstellung bereits so eingelebt, daß ich — beinahe enttäuscht bin. Graut Dir's vor mir? Könnte ich wenigstens das eine Noch fühlen: Grauen vor mir selbst! Aber alles in mir bleibt still und tot, still und tot. Dina! * Die Königin hat mich zu ihrer bunte d'honneur ernennen lassen. Die Sache erregt Aufsehen. Denn die Auszeichnung ist bei meiner Jugend etwas sehr Ungewöhnliches. Zum Glück brauche ich meinen Dienst erst im Mai anzutreten, wo hoffentlich auch mein junger exotischer Prinz Nach Rom kommt. Nach dieser Ernennung zu urteilen, scheint mein Ruf im Quirinal makellos zu sein. Um so schlimmer für mich! * Sein „Frühling" hat im Nationaltheater trotz der Neri Fiasko gemacht. Er soll sehr krank sein: gemütskrank — unheilbar. Aus Cola Campanas letzten Aufzeichnungen. Es war seltsam! Ich war schon einmal von Rom aus durch die Campagna geritten: sehr früh am Morgen, der ausgehenden Sonne entgegen; und hatte die Welt hinter mir gelassen. Und jetzt alles wiederum so. Ich erinnere mich daß damals Frühling gewesen . . . Frühling! Ich kam geradenwegs aus dem Frühling. Aus meinem Frühling! Kaum erblüht, war er bereits verdorrt. Das Publikum betrachtete sich die welken Blüten durch das Opernglas und — ging nach Hause. Und ich ging nach Hause . . . Ringsum ödes braunes Land. Ringsum Ruinen, Gräber, Gestorbenes! Um mich und in mir. Das ist nun einmal so. Als über dem Berge Cavo die Sonne aufging, konnte ich weitoffenen Auges hineinschauen. Habt ihr das gewußt: wem sie das Herz zermalmten, dessen Auge kann in die Sonne schauen. Jetzt bin ich gegen alles gefeit. * Am Wege stand ein.-, großer marmorner Römersarg. Ein blühender Hollunderbaum streckte seine Aeste darüber. Bei dem Sarge saß eine fremde bleiche Frau im Witwenkleid. Sie wartete aus jemand. Die fremde Frau führte mich in das leuchtende Haus und alles war so, wie es immer gewesen. Ich fragte die fremde Fran, warum sie ein schwarzes Kleid trüge? Es sähe nach Begräbnis aus! Ta ging sie aus dem Zimmer, kam bald wieder, hatte ein helles Kleid an und lächelte. Mittags schüttete sie frische Blumen über den Tisch. Jetzt leben wir so dahin . . . Nur, daß die fremde Frau jetzt immer lächelt. * Ich bin in meinem Frühlingszimmer, sitze an meinem Tisch unter dem Sterbenden und will schreiben — arbeiten dichten. Ich muß arbeiten und dichten. Sonst kann ich nicht mehr leben! Und wenn ich nicht Mehr leben kann, muß ich sterben. Und wenn ich sterben muß, sehe ich das Weib mit den weißen Lilien nicht mehr wieder. Und wenn ich sie nicht wiedersehe, finde ich auch im Grabe keine Ruhe. Aber ich habe in meinem Kopf ein Heer von Ameisen. Cie durchbohren mein Gehirn, zernagen es, fressen es. Aber dichten muß ich! Manchen Tag kann ich einige Worte schreiben. Zu einem einzigen Worte brauche ich oft eine ganze Stunde, bis ich es aus meinem duttkeln Gehirn auf das weiße Papier bringe. Dabei höre ich zu, wie die Ameisen in meinem Gehirn bohren, nagen, fressen. Es knirscht leise. * Immerfort kommt die frentde Frau zu mir und legt mir ihre Hände auf die Stirn. Dann hören die Ameisen sogleich auf zu nagen. Dann wird es still. Ich verrate es jedoch nicht. Lieber lasse ich mein Gehirn fressen und bleibe allein. * Einmal ging ich spazieren. Ich kam zu den Cypressen und setzte mich an den Teich. Vor mir lag ein bedrucktes Papier. Ich sah immerfort, immerfort daraufhin: die schwarzen Buchstaben wimmelten und krochen durcheinander wie die Ameisen. Und dann las ich. . . Das Papier war eine römische Zeitung und in der Zeitung stand eine Kritik über ein Stück des Grafen Cola Campana. Es war ein schlechtes Stück, das verdient hätte, ausgehöhnt zu werden. Aber der Autor war einst ein berühmter Mann gewesen — war jetzt ein alter Mann geworden. Darum war man so rücksichtsvoll, das schlechte Stück schweigend zu den Toten zu werfen. Uebrigens ging jetzt der alte Mann, der einst ein berühmter Mann war, in der Villa Falconieri langsam, aber sicher einer geistigen Nacht entgegen. Einer geistigen Nacht entgegen gehen — das also bedeuten in meinem Kopse die Ameisen? Jetzt weiß ich's! Euch allen, die ihr im Lichte der Sonne wandelt, sage ich: es tut weh, wenn man langsam, aber sicher einer: geistigen Nacht entgegen geht. Darum: Hütet euch! * Ich werde mich jetzt scharf beobachten, werde es genau verzeichnen: wie der Tag weiter und weiter hinter mir zurückbleibt, wie die lange Nacht beginnt, wie es dunkler und dunkler wird — Ganz dunkel! * Ob das bereits die Abenddämmerung ist? Wenn ich Lust habe, auf Händen und Füßen zu kriechen und zu brüllen wie ein Tier! Mein Kopf ist ein zertrümmertes Gefäß, durch welches der Wind weht. Es stürmt und braust in meinem zertrümmerten Hirst und ist bitter kalt. * Ich schreibe Briefe — immerfort, immerfort Briefe! Und habe ich hunderttausendmal hunderttausend Briefe geschrieben, stelle ich mich damit ans offene Fenster und lasse die hunderttausendmal hunderttausend Briefe expedierest, Wie lustig sie flattern! Und sie find doch so traurig! In einigen Briesen steht: „Warum hast Du mir das angetan? " Und in anderen: ... 1 !. „Ich warte!" Und wiederum in anderen: „Aus Mitleid!" Tie Ameisen, die Ameisen! Der eisig kalte Wind, der durch mein leeres Haupt bläst! Mich friert. * Unter meinen Fenstern liegt der kühle dunkle Hof. Er ist von meinen Briefen ganz weiß, als hätte es Blüten geschneit. Marias Rosenstrauch knospet und blüht. Die lichten Ranken wachsen und wachsen. Wie schlanke weiche zärtliche Frauenarme umschlingen sie die Mauern. Sie umschlingest die Hallen, das ganze Haus. Wie es leuchtet l Und eine leise, süße Kinderstimme erzählt liebliche Märchen. 135 Still, ganz stilli Wir sitzen ganz still unter den Rosen, danrit die ftemde Frau uns nicht sieht. Tie Rosen umschlingen uns! Wir können nicht mehr hinaus! Wir sind eingemauert in Rosen. (Fortsetzung folgt.) Jer Arauzose auf dem deutschen Kommers. In amüsanter Weise schildert Gaston Leroux im „Ma- tin" den in der Palaestra Albertina veranstalteten Kant- Kommers der Königsberger Studentenschaft, dem er als Gast beiwohnen durfte. „Ich hatte", schreibt er, „schon vorher von diesem Kommers als von einer wichtigen Angelegenheit sprechen gehört, daß ich nicht eher Ruhe gab, als bis der der Geheime Rat Koschwitz mir versprach, mich hinzu führen. Hoch! Wir waren tausend und tranken wie zweitausend! Wir haben mit dem Mer gekämpft! Mr haben 20 000 Glas Bier getötet! Beim Salamanderreiben Vielleicht 40000! Hoch! hoch! hoch! Ich sah eine kleine Zahl dieser jungen Leute, ernst und tragisch, bei der Feier in der Aula der Universität. Es waren Vertreter der „Korps". Es waren dort drei für jedes Korps, mit Bannern und Farben, treue Hüter des Komments, des heiligen Buches, das für die Generationen der Generationen die Regeln des Biertrinkens enthält. Heute aber sah ich alle Studenten, die Korps und die Professoren und die „alten Häuser" alle. Es waren 700 Stuoenten, aber alles in allem waren wir mindestens tausend. Und wir vernichteten 40000 Glas Bier, mindestens! Mindestens! Und an den Wänden die Banner freuten sich über unseren Sieg und neigten sich freundlich herab zu ESen Vereinen und riefen: „Vivant! Floreant! Crescant!" Ich saß am Ehrentische mit dem Herrn Unterrichtsminister und dem kommandierenden General v. d. Goltz und dem Herrn Rektor. Des Kommerses Präses aber stand: ein junger Student, vor sich auf dem Tisch den blanken Degen. Als Präsiden der Korps sollen der Reihe nach präsidieren; bis oieser feierliche Augenblick gekommen, haben sie ihren Platz an den verschiedenen Tischen, mitten unter ihren Korps, den blanken Degen vor sich^ auf dem Tische. Sie wachen über die Disziplin des Kommerses, wiederholen die Kommandos, die der Präses tzibt, und haben vor sich ein kleines Heftchen, das alle Lieder enthält, die heute gesungen werden müssen. Der Präses ruft: „Silentium!" Es „steigt" die Nationalhymne mit dem Hoch auf den Kaiser. Lausend Biere! Dann Schillers (!!) Verse: „Deutschland, Deutschland über alles" Tausend Biere! Die Rede des Ministers. Tausend Biere! Tie Rede des Rektors. Tausend Mere! Tie Rede des kommandierenden Generals. Zweitausend Biere! Das war ein sehr großer Erfolg! Fröhliches Lachen, als Herr v. d. Goltz erzählte, daß er am selben Morgen bei der Regimentsfeier eines Kürassierregiments vom „kategorischen Imperativ" gesprochen habe. Die jungen Leute hätten nicht lachen sollen! Im Namen des kategorischen Imperativs, d. h. des absoluten Pflichtbewußtseins, verlangt man von den Kürassieren, daß sie sterben — und sie sterben! Mein Herr, ich stelle Ihnen hier meine Merfamilie vor! Das sind meine Btergroßeltern!" — „Mein Herr, Sie sind seit einer Viertelstunde voll!" — „Ich bin nicht voll; ich werfe Ihnen einen Bierjungen an den Kopf!" — „Er hängt! Selber Bierjunge!" (Am nächsten Tag findet das Bierduell statt.) „Steig' in die Kanne!" — „Das ist ein Bierskandal!" :— „Silentium!" Beim Salamanderreiben gießt mir der Herr Bibliothekar seinen ganzen „schäbigen Rest" auf meine schöne weiße Weste. Ich weiß jetzt, was ein Salamander ist: eine Bierüberschjwemmung! Der Geheime Rat fordert mich auf, mein Glas zu Ehren der Frau Koschwitz zu erheben. Ich drehe mich um zu der Estrade, wo die Blüte der Königsberger Weiblichkeit sitzt. Frau Koschwitz bemerkt uns. Sie hebt das Glas. Meine Blume der Blume der Gesellschaft! Folgt ein lebendes Bild: eine schlichte Kantbüste wird von schönen Frauen mit Lorbeer bekränzt. Dahinter eine Gruppe von 15 Studenten mit blanken Degen. Gesang auf der Bühne, tausend Mere im Saale. Ein Professor der Philosophie besteigt die von blanken Degen umgebene Kanzel und sagt, so geschützt, alles Gute von Kant und alles Böse von den Jüngern Nietzsches. Man nennt alle Fakultäten, und die dort studiert haben, erheben sich M an nennt Paris. Ich erhebe mich und sage: „Wenn wir auch nur Bierjungen sind, so wissen wir doch Kant zu schätzen!" Ich trinke auf die Jugend der alten Albertina. Ter erste Teil des Kommerses- ist beendet. Ter Minister geht und der Rektor und der kommandierende General und die Damen. Gaudeamus igitur! Tas ist die „Fide- litas", der zweite Teil! Die Professoren wanken und weichen nicht. Vater und Sohn steigen gemeinsam in die Kanne. Ein junger Student, der großen Radau macht, muß „spinnen", d. h. trinken, bis man „Gschenkt!" ruft. Gesang: „Es hatten drei Gesellen. . ." Ein alter, weißhaariger Professor ver Geschichte verfolgt mit der Brille auf der Nase auf dem Buche den Text des Liedes und lächelt so jung, so jung. . . . Sein Sohn, ein Dr. jur., dreht ihm die Blätter um: „Hier, Papa!" Und der alte Herr blickt von Zeit zu Zeit auf, um zu sehen, ob ich auch mitsinge. Ter Herr Bibliothekar schickt mir mit der französischen Devise: „Apres nous le doluge!" einen „Welthalben". Ich muß diesen wandernden Halben weitergeben und schicke ihn um 3 Uhr morgens dem Herrn Geheimen Rat mit der neuen, sehr beifällig aufgenommenen Devise: „En nous le deluge!" . . . Dermi$d?te»« * Das Paradies der Dien st Mädchen. Das Tienstbotenproblcm ist in Japan gelöst. Dort wird die gesellschaftliche Stellung einer Person dadurch, daß sie gegen Bezahlung Hausarbeit tut, nicht verschlechtert. Im Hause wird das Mädcheen allerdings bei ihrem Vornamen genannt, aber außerhalb des Hauses hat sie Anspruch auf ebensoviel Ehrerbietung wie ihre Arbeitgeber, sie wird mit den tiefsten Verbeugungen empfangen und init dem ehrenwerten Titel San angeredet. Tie Tatsache, daß die vornehmen Frauen, von der Kaiserin abwärts, helfen, die dienende Klasse zu bilden, trägt viel dazu bei, die Kluft zwischen Herrin und Mädchen zu überbrücken. In Japan sind die höchsten Frauen daran gewöhnt, die niedrigsten Dienste für ihre männlichen Verwandten zu leisten. Tie Herrin selbst ist in der Tat nur eine erste Tienerin, die keineswegs mit dem „Herrn" auf gleichem Fuße steht. Abends werden die Mädchen zum Familienkreis zugelassen und nehmen an der Unterhaltung der Familie teil, und am Tage müssen sie bei Abtvesenheit der Herrin die Besucher unterhalten. Tie letzteren tauschen mit dem Mädchen an der Tür förmliche Grüße aus, und wenn die Tame des Hauses ausgegangen ist, so bieten die ersten Tiene- rinnen korrekterweise Tee und auch ihre Gesellschaft an. Sie besorgen die meisten Einkäufe und werden zur Ausführung wichtiger Geschäfte ausgeschickt. Die Mädchen begleiten auch ihre Herrin bei Nachmittagsbesuchen und helfen bei dem Zustandekommen einer Gesellschaft für das Theater, für Picknicks oder ähnliche Festlichkeiten. Tie so bevorzugten Dienerinnen sind natürlich in der Etikette gründlich ausgebildet. Ein Fehler der japanischen Dienstmädchen, wenigstens in den Augen der Europäer, ist ihr nicht im- bedingter Gehorsam. Ter japanische Dienstbote weigert sich, als bloßer Automat zum Befolgen von Befehlen angesehen zu werden. Wenn das Mädchen sich von der Begründetheit eines gegebenen Befehls überzeugt, so führt sie ihn aus, aber wenn ihrer Meinung nach der Befehl unnötig ist, trägt sie keine Bedenken, ihn unbeachtet zu lassen. Im Lande der Chrysanthemen hat ein solcher Ungehorsam aber keine unangenehmen Folgen. Die Stellung der japanischen Tienstboteu zeigt sich am besten in der seltsamen Sitte des Abschiednehmens. Jeden Morgen, wenn der Herr des Geschäftes wegen das Haus verläßt, versammelt sich die ganze Dienerschaft um ihn, um ihm das Geleit zu geben, und bei der Rückkehr abends wird ihm eine entsprechende Huldigung bereitet. Tie untere oder Küchendienerschaft genießt allerdings nicht die in ihrer Art einzige Stellung der Hausbedienstetcn. Tie erstere ist gesellschaftlich untergeordnet und erfüllt ihre Pflicht mit nur wenig Ver- antwortlichkeitsgefühl. Tie Fremden wundern sich immer über die vielen Tienstmädchen auch in bescheidenen Haushaltungen. Zehn oder zwölf sind etwas ganz Gewöhnliches; denn nicht nur hat fast jedes Kind der Familie seinen besonderen Bedienten, auch in der Küche gibt es reichlich! Köchinnen und Gehilfinnen, und Gärtner und Laufburschen sind selbst für Familien mit beschränkten Mitteln unentbehrlich. Man muß sim jedoch vergegenwärtigen, daß die Tienstboten weniger Arbeit als bei uns leisten und weniger Lohn bekommen. Ebenso stellt die Ernährung nur einen 136 unbedeutenden Posten bei ihren Kosten dar. Periodische Geschenke ergänzen die gegebenen Gehälter. Auf dein Bnlifesie der „bösen Buben" in Berlin gab es als literarische Festgabe ein Bilderbuch, das der Kunst im Leben des Kindes gcwidniet ist. Die „bösen Buben" hatten im vollen Bewußtsein ihrer ethischen Pflichten Mitarbeiter von bedeutendem Rufe — wir nennen nur Gerhart Hauptmann, Gabriele d'Annunzio, Maxim Gorki — gewonnen, die den ■— Struwelpeter so umgedichtet hatten, daß er ans die Psyche des Kindes veredelnd wirken mußte. Einige Beispiele mögen zeigen, so schreibt das „Berl. Tagebl.", in welcher 91 tt das hohe Ziel erreicht wurde. Wir greifen den Anfang der Geschichte vom Daumenlutscher heraiis, die in ihrer stilwidrigen, kunstlosen Hilflosigkeit also lautet: Konrad, sprach die Frau Mama, Ich geb' aus, und bu bleibst da. Sei hübsch ordentlich und sromm, Bis nach Haus ich wieder komm'. Und vor allem, Konrad, bör'! Lutsche nickt am Daumen mehr; Tenn der Schneider mit der Scher' Kommt sonst ganz geschwind daher, Und die Daumen schneidet er Ab, als ob Papier es wär'I Gabriele d'2innunzlo hat diesen Vers in folgender Weise umgearbeitet: „O Konrad 1" Wie die Abendluft entströmte Ter schöne Name ihrem Muttermunde, Der eingerahmt von edlen Lippen war, Als hätte Settignano sie gemeißelt, Als hätte Ghiriandajo sie geschwungen, Als wären sie ein Werk des Sansovino, „Lutsch' nickt an deinem Daumen, dessen Nägel Von jenem Rot sind, das ivir gern bewundern 9ln den Dladonnen Pintoricchios, Von jener Zartheit, rote nur ein del Sarto, Ein Maecaroni oder ein Risotto Sie meisterlich zu bilden hat verstanden" usw. usw. Gerhart Hauptmann sendet folgende Umarbeitung: „Kunradlal" hot de Mutta g'flucht. „Kunradla! Perschla I Ei verpacht I Kummt's asu, oder kummt's asu. Wer iveeß ok ivie's kummt! — Derheeme bleibst du. Ick gah zu de Hulzmandla Cbcr zu's Rutanbla, Uit steckste den Damn'n ins Maul itttb die Zenne Tann: Schiffskojenne I" Maxim Gorki läßt sich so vernehmen: „Konrabowitsch", sagte Mutter Pawlowna, „siehst bu, ich muß jetzt sort ins Zttchlhatis. Die verbammten Neichen sperren mich ein, weil ich ihnen etwas von ihrem überflüssigen Gelbe weg- genommctt habe. Konrabowitsch, bu wirst jetzt allein sein, denn betn Vater Michajlowitsch ist in Sibirien aus Zwangsarbeit, beitt Bruder Pepel ist in einer Korrekttonsanstalt, dein Lnkel Konstantinowitsch in einem Nachtasyl und deine Schwester Nadja in einem öffentlichen Hause. Hat nichts zu sagen, siehst du, hat nichts zu sagen. Lutsche nur nicht an deinem Daumen. Tenn besser als an seinem Taumen ist es am Bonbon zu lutschen, tind wenn du's dem reichen Liackbarsobne stehlen müßtest. — Ach, was ist das für ein Leben, das wir führen!" Tic Verantwortung für diese lustigen Bubenstreiche haben, wie verlautet, die Herren Beruauer (als Dichter) und Klinger — Julius, nicht Max — (als Zeichner) übernommen. Kindekf tauöe. Ter Lehrer hat von der Schöpsting erzählt, — Klein Fritzchen hat staunend zugehört. „Ter Herr ließ den Adam schlafen ein, Nahm von ihm. dann eine Rippe klein; Torans schui Gott für den Adam die Fratt I" Tas Fritzchen merkt sich alles genau. Situ Abend wird Fritzchen ins Bett gebracht, Dock bleibt er munter die halbe Nacht. Tie Mutter ein Seufzen und Stöhnen vernimmt, „Run sage endlich, was fehlt dir mein Kind?" Ter Fritz hebt tangfam bett Kops in bie Höh', »Ach Muttchen, bie Rippen, sie thun mir so iveh, Gott hat mir gewiß eine fortgenommen, Ich werbe nun wohl eine Frau bekommen 1" (B. Sztg.) Der cSinbetitotrL *) Keinen Tropfen im Täßchen mehr Unb ber Kuchenteller leer, Ganz nervös vor Hunger. Angetan hat mirs Dein Tee Unb Tein Schnurrbart, Dein Kaffee, Lindenwirt, Tu junger. Unb der Linbenwirt, der spricht: „In ber Linbe gibt es nicht Kreib' und Kerbholz leiber, Hast Du keinen Nickel mehr, Gib zum Psanb Dein Armband her, Aber trinke weiter." Tauscht die Maid ihr Armband un^ Kriegt Kathreiners Kaffee d'rum, Töt' zum Geh'n sich wenden. Lindenwirt spricht: „Junges Blut, Steht Dir auch Dein Ehignon gut. Komm und laß ihn pfänden." Da verpfändete die Magd Ihres Haares falsche Pracht, Sprach betrübt: „Ich scheide. Lebe wohl, du süßer Trank. Lindenwirt, so jung und schlank, Holde Augemveide 1" Spricht zu ihr der Lindenwirt: „Bitte, wenn's Dich nicht geniert, Könnten wir uns küssen. Aber sei geschwind und schlau. Denn sonst sieht es meiiie Frau, Unb bie darfs nicht wissen!" *) Aus betn „Kommersbuch für die studierende weibliche Jugend". Heransgegeben vom C. C. der „Modernia". Meine Scele.*) Von Emanuel von B o d m a n N. Meine Seele ist gleich einem Brunnen, Der aus hundert Röhren fließt. Meine Seele ist gleich einem Brunnen, Ter in hundert Schalen fick ergießt. Jede Schale faßt ein anderes Wasser, Süß unb dunkel, golden oder mild. Jedes Wasser fließt aus meinem Brunnen, Und in jeder Schale glänzt sein Bild. Dlenschen fonuuen her mit ihren Bechern, Schöpfen da und schöpfen dort. Meistens da, wo sie zuerst getrunken, Bleiben sie und trinken fort unb fort. O, noch keiner ist zu mir gekomineii, Der aus allen hundert Schalen trank, Der vor jeder in Gedanken weilte Und vor jeder in mein Bild versank. Kommt der Mensch einmal, dann soll mein Brunnen Täglich ihm sein Morgenwasser iveihn. Kommt er, will ich ihm entgegenratischen: Sieh, der Brunnen hier ist beitt! *) Aus „Neue Lieber". (Verlag von Albert Langen, München.) Literarisches. Frühjahrsboten. Früher als gewöhnlich scheint sich Heuer das Frühjahr einstellen zu wollen, und so ist es denn zeitgemäß, wenn sich die „Wiener Mode" eingehend mit den Kleiderstoffen beschäftigt, die Heuer modern sein werden. Sowohl dieser Aufsatz als die zahlreichen Abbildungen lassen erwarten, daß die Mode das praktische und elegante, sogenannte „englische" Kleid in seiner charakteristischen Wiener Umformung begünstigen werde. Namentlich das farbige Bild aus dem Umschläge läßt tn dieser Hinsicht das Beste erwarten. Dem 11. Hefte, das in jeder Buchhandlung für 45 Pfg. erhältlich ist, liegt die „Wiener Kindermode" sowie ein Schnittmusterbogen gratis bei. Kapselrätsel. Augenblick, Danzig, Unkenrufe, Gesindel, Berzollnng, Kampfreige». Es ist ein Sprichwort zu juchen, beffen einzelne Silben ber Reihe nach versteckt finb in vorstehenben Wörtern, ohne Rücksicht auf bereu Silbenteilung. (Auflösung in nächster Nnmtner.) Auflösung des Worträtsels in vor. Nr.: Vielliebchen. Ncdliktion: August Götz. — Rotationsdruck und D erlag der Lrühl'sclcn Universitäts-Buch- und C teindruckerei. SR. Lange, Gießen.