1904. Gin angenehmes Krke. Humoristischer Roman. Von Victor von Reisner. (Nachdruck verboten.) (Fortsetzung.) Auf dem Rückweg kam ihm der glückliche Gedanke, wie er sich wenigstens eine kleine Genügtuung verschaffen konnte, deren Erfüllung Stepenaz immerhin peinlich! sein mußte. „Ich möchte an des Grafen Erklärung eine Bedingung knüpfen", wandte er sich, im Zimmer angekommen, an die Heiden Herren. „Wie Sie wissen, wurde ich mit zwei Zigeunerinnen zusammengesperrt — es liegt mir also daran, daß mir auch in ihrer Gegenwart Genugtuung gegeben wird." „Ich glaube kaum, daß Graf Stepenaz dagegen etwas einzuwenden haben wird", meinte der Oberst und mit behäbigem Schmunzeln setzte er hinzu: „Es fragt sich nur, welche Gegend die beiden Damen augenblicklich unsicher machen — ob sie überhaupt noch einzufangen sein werden." „Seien Sie versichert, Herr Oberst", nahm sich Herr von Höchstfeld seiner Schützlinge an, „es handelt sich keineswegs um gewöhnliches, lichtscheues und diebisches Gesindel. Es sind zwar ein paar arme, aber grundehrliche Weiber, deren Schicksal, das sie mir in unserer gemein- samen Haft wahrheitsgetreu erzählten, mich auf das tiefste erschütterte. Ich nahm sie deshalb auch zu mir — haben sie mit mir das Leid geteilt, so sollen sie fortan auch die . . ." Im selben Moment ging die Tür auf und schreckensbleich stürzte Frau von Höchstfeld herein. „Verzeihen die Herren", entschuldigte sie sich, atemlos, „aber — großer Gott — ich wollte eben decken lassen — Erwin — das ganze Silber ist — gestohlen!" Herr von Höchstfeld blieb vollkommen gelassen. „Das ist ja nicht möglich, Du wirst es in Deiner übertriebenen Vorsicht wahrscheinlich derartig gut versteckt haben, daß Du es nun selber nicht findest." „Nein, nein, es 'ist weg", stöhnte sie. „Aber wer sollte denn bei uns stehlen, Du denkst doch Nicht etwa gar „Die Zigeunerinnen", rief gleichzeitig der Oberst vom Fenster her, „Ihr Herr Sohn bringt sie eben zurück!" Und tatsächlich ivar es so. Im Schritt durch den Wald reitend, hatte Erich noch rechtzeitig bemerkt, wie sie sich vor ihm zu verbergen suchten, und da ihm die Geschichte sofort verdächtig vorkam, so hatte er sie kurzer Hand vor sich hergetrieben. Sie leugneten und wollten von dem Silber absolut Nichts wissen. Da erinnerte sich der Major des ihm von dein Pfarrer angerateneu und von dem Grafen sogar völlig grundlos angewandten Radikalmittels, und nach kurzem Widerstreben befahl er : „Gebt Ihnen Fünfundzwanzig." Dies half, und unter Tränen und sich gegenseitig der Verführung beschuldigend, gaben sie das Versteck an. Der Oberst nahm' nun Herrn von Höchstfelo zur Seit«. „Wie ist es", fragte er schwänzelnd, „bestehen Sie noch immer darauf, daß die Erklärung vor diesen armen, aber grundehrlichen Weibern stattfinde?" Verlegen zwirbelte Herr von Höchstfeld an seinen Bartenden, dann gab er dem Oberst die Hand und bat: „Bitte, lassen Sie das unter uns bleiben' — ich brauche überhaupt keine weitere Erklärung, Mir genügt die vost Ihnen abgegebene vollkommen." 11. So viel Stoff zur Unterhaltung, und' Nüchher zur Entrüstung hatte es sm Komitat noch gar nie gegeben. Des Majors nächtliches Abenteuer und sein so schnell in die Brüche gegangenes Freundschaftsverhältnis mit den beiden Zigeunerinnen wurden weidlich! belacht und nach allen Seiten bespöttelt. Die Uebermütigsten, die gleich jedest Unsinn auf die Spitze treiben wollten, schlugen sogar vor, demnächst aus Dolina im Zigeunerkostüm vorzufahren, um des Hausherrn offenkundige Zurückhaltung vielleicht dadurch zu besiegen. Das plötzlich in der Luft schwirrende Gerücht von deK Pfarrers Beschimpfung erweckte aber geradezu einen Sturm der Entrüstung und verscheuchte gar schnell den letzten Rest von Wohlwollen, welchen man noch dem ohnehin nicht sonderlich Beliebten bewahrte. Jeder einzelne empfand die dem Vater Adame angetane Schmach als persönliche Insulte und nur dem energischen Eingreifen des Pfarrers selbst war es zu danken, wenn es nicht in diesen Tagen auf Dolina von Forderungen regnete. Von Gutsyof zu Gutshof fahrend, bemühte er sich, die erregten Gemüter zu beschwichtigen. Es war dies keineswegs eine leichte Aufgabe, und wenn er nicht in dest Damen, welche mit Frau von Höchstfeld und Erna Mitleid empfanden, Verbündete gefunden hätte, wäre es ihm auch nicht überall gelungen. Die aufrichtige Liebe und Verehrung, die aber aus all —. dem sprach, war in dieser Zeit ein wohltuender Balsam für sein gekränktes Herz und richtete ihn in' seiner nur zu begreiflichen Bitterkeit teilweise wieder aus. AM meisten erfreut, ja, geradezu bis zu Tränen gerührt hatte ihn aber Erichs offenes, mannhaftes Auftreten, welches er auch überall gebührend hervorhob, so. wenigstens dem Jungem dessen Schicksal er tief beklagte, die allgemeine Sympathie sichernd. Erich, der seit Beginn des FabrMaues oft in der Stadt zu tun hatte, befand sich nun iu der peinlichsten Situation. Er konnte dem dort verkehrenden Landadel und» 522 den Herren der Garnison nicht gut ausweichen, da aber seit dem unglückseligen Ereignis alle ostentativ ihre Besuche auf Dolina eingestellt hatten, so wußte er wirklich nicht, wie er sich gegen sie verhalten sollte. Seine urspriingliche Absicht, mit höflichem Gruß an ihnen vorüberZuschrciten, wurde durch ihr überaus herzliches Entgegenkommeu vereitelt, und obgleich inan nie eine Anspielung auf das Vorgefallene machte, so wurde er daran doch beim Abschiednehmen insofern erinnert, als man sich stets der Familie nur im allgemeinen empfehlen ließ, während doch früher die Herren, wenigstens die älteren von ihnen, immer noch einen Extragruß fiir den Vater übrig hatten. Der einzige, der nach wie vor auf Dolina vorsprach, war Vladoj, was man ihn:, trotzdem ja der wahre Grund seiner Anhänglichkeit bekannt war, dennoch sehr verübelte. Daß er hierfür auf Dolina durch besondere Herzlichkeit entschädigt wurde, konnte er sich aber auch nicht rühmen. Herr von Höchstfeld ahnte zwar in seiner Arglosigkeit nichts von dem geheimen Magnet, der ihn Herzog, da sich aber die anderen fernhielten, so witterte er in ihm einen Spion aus denr feindlichen Lager und suchte ihm durch äußerste Zugeknöpftheit das Wiederkommen zu verleiden. Iran von Höchstfelds Benehmen glich auf ein Haar dem ihres Gatten, nur daß sie damit den Zweck verfolgte, ihm zu verstehen zu geben, daß er sich vergebliche Illusionen mache. — Und Erna, um derentwillen er sich doch dieser wenig angenehmen Behandlung aussetzte, gab ihm zwar nach wie vor Rendezvous, wohl aber nur zu dem einzigen Zweck, ihn dabei mit ihrer Eifersucht zu quälen. Seit ihr die Jünglinge von den sitzengebliebenen Bräuten erzählt hatten, fühlte sie sich nicht mehr ganz sicher und allen einen Beteuerungen und Schwüren begegnete sie mit einem keptischen Lächeln, das ihn nach ünd nach zur Verzweis- üng brachte. Wenn er nicht hätte befürchten müssen, dadurch einen heillosen Skandal herauszubeschwören, so würde er wohl die edlen Zwillinge bei den Ohren genommen haben, aber die sichere Voraussicht, daß es dann mit dem Geheimnis fiir immer zu Ende gewesen wäre, zwang ihn leider, von seinem Vorhaben abzusrehen. Ausgeschoben war indes nicht ausgehoben, und er lauerte nur cntf den günstigen Moment, sie unter einem anderen Vorwand und womöglich unter Billigrmg der ganzen Gesellschaft zu strafen. Und dieser Augenblick sollte viel ftüher eintreten, als er zu hoffen wagte. Dinko und Mirko grübelten schon lange darüber nach, wie sie eine Versöhnung der Familien bewerkstelligen konnten. Ihr Papa hatte zwar vorgehabt, trotz Herrn von Höchstfelds Verzichtes, ihm persönlich! sein höchstes'Bedauern auszusprechen, da aber mittlerweile des Pfarrers Beleidigung stattgefunden hatte, so setzte er natürlich keinen Fuß mehr nach Dolina. — Es kostete ihm schon Ueberwind- ung, seiner Fran und den Kindern den weiteren Verkehr zu erlauben, und nur weil ihn Frau von Höchstseld und die Kleine darüber dauerte, und es ihn speziell ärgerte, den jungen Mann, dem er wirklich aus ganzem Herzen zugetan war, unter dem Boykott seiner Angehörigen leiden zu sehen, hatte er schließlich den Bitten der Sämigen nachgegeben. Daß damit Papas Nachgiebigkeit ihre Grenze erreicht hatte, wußten sie bestimmt, ebenso genau war ihnen aber auch bekannt, daß Herr von Höchftfeld nicht den ersten Schritt zur Versöhnung tun würde. Die beiden feindlichen Pol« trotzdem zusammen- zubringen, war somit ein Kunststück, das schon des Schweißes der Edlen wert war. Nun handelte es sich nur Koch um das Wie! Sie überlegten hin und her, entwarfen und verwarfen Hunderte von Plänen und kamen trotz allen Denkens dem Mele nicht näher. Endlich glaubten sie es zu haben. Ljubiza ritt seit einiger Zeit viel häufiger als ftüher aus und sonderbarer Weise immer in derselben Richtung. Mit dem Spürsinn der Jugend witterten sie die Währheft und legten sich fortan aus die Lauer. Es dauerte auch nicht lange, bcs sie sich! von der Richtigkeit ihrer Ver- muftmg überzeugt hatten, und' Mn waren sie ganz Feuer und Flamme. Bisher hatte sie nur der Egoismus geleitet, da kt- sich sagten, daß alle ihre Hoffnungen' auf Erna vergeblich seien, solange die beiderseittgen Familien nicht in vollem Frieden und ehrlicher Eintracht lebten, jetzt aber, wo sie sich als heimliche Beschützer des Glückes ihrer Schwester fühlen durften, bekanr ihr Werk erst die höhere Weihe. Ihr Plan stand bald fest. Alle Eventualftäten wurden haarscharf erwogen, und wenn sich die Ausführung trotzdem von Tag zu Tag verzögerte, so war daran weniger ihr guter Wille, als ihre mangelhafte Orthographie schuld. Nach heißem Ringen und vielfachen! Zurateziehen des Wörterbuches kamen sie damit aber doch zustande, unb1 eines schönen Tages erhielt die ganze Gesellschaft — mit Ausnahme der Höchstfeldschen und Stepenazschen Familien, die ja überrascht tverden sollten, folgende gedruckte Einladung : „Für morgen, den 21. d. M. erlauben wir uns, Sie und Ihre werten Angehöriger! zu einer intimen Familienfeier höflichst einzuladen. Erwin von Höchstfeld und Gemahlin." Darob natürlich allgemeines Kopfschütteln und Ueber- legen, ob man der Einladung Folge leisten solle? Wenn die Zeit dazu nicht zu kurz gewesen wäre, so hätte man sich bei Stepenaz' erkundigt, wie sie sich verhielten, aber daran war nicht mehr zu denken, und da eine direkte Ablehnung doch nicht wohl gut anging, die?' Neugierde, um was es sich handle, auch zu groß war, so jagte am nächsten Tage ein Fuhrwerk nach! dem andern nach Dolina. Schon bei den zuerst anlangenden, festlich gekleideten Gästen sahen sich Herr und Frau von Höchstfeld voller Verwunderung an, als aber deren immer mehr und inehr eintrasen und von allen die gleiche Frage wiederholt wurde — „Zu was man denn gratulieren dürfe?" — dn verwandelte sich ihre Verwunderung in höchste Entrüstung, und Herr von Höchstseld mußte seine ganze weltmännische Erziehung zusammennehmen, um sie nicht samt und sonders zum Hause hinauszukomplimentteren. IM ersten Moment des Alleinseins sagte er zu seiner Frau: „Hier kann es sich nur um zwei Möglichkeiten handeln. Entweder sie stecken alle untereinander im Komplott und wollen uns einen Possen spielen, oder aber sie sind gleich uns düpiert. Doch! gleichviel, ob es hier einen oder mehrere Schuldige gibt, die richttge Antwort auf diese Büberei soll dem oder den Betteffenden jedenfalls nicht erspart bleiben und wenn es blutige Schädel geben sollte „Großer Gott, so rege Dich doch nicht noch! mehr aus", bat ihn seine Frau verzweifelt, „rate mir lieber, was ich den vielen Menschen vorsetzen soll?" „Nichts", brummte er, „dann sind wir sie am aller- schnellsten los." „Aber Erwin, wenn Du nur einen Moment vernünftig Mit Dir reden ließest." „So setze ihnen weiche Eier, harte Eier, Rühreier und Eier auf Butter vor", riet er ihr in einer Anwandlung von Galgenhumor, „Du hast ja darin schon eine gewisse Uebung." „Mach' Dich nur noch, über mich lustig", klagte siL „Anstatt mir an die Hand zu gehen und mir. . ." „Ich begreife gar nicht, was Du noch willst", fiel er ihr bärbeißig ins Wort, „so verwertest Du doch Deine überschüssigen Eier aM schnellsten und kannst, zufrieden sein." Ihn Mit einem Blick tiefster Indignation strafend, liest sie ihn stehen und eilte nach der Küche, um mft Köchin Rat zu pflegen. Da eine Herbeischasfung von Fleisch äb- solnt nicht mehr möglich war, so mußten eben Hos und Keller herh alten, und gleich darauf begann, unter ihrer persönlichen Kontrolle, eine furchtbare Massenschlächtereil aus dem Geflügelhof, worauf sie streng darauf achtete^ daß die ältesten Jahrgänge zuerst an die Reihe kamen. „Wer gnädige Frsau", hielt ihr die Köchin vor, „zu den Backhnhnern Müssen wir! doch! wenigstens welche von den jungen nehmen." „Nichts da", entschied Frau von Höchstseld, „kochen Sie sie vorher, dann werden sie schon weiche werden — bei uns Macht man es überhaupt nie anders." „Und bei uns ißt niemand ein solches Futter", trotzte! die uM ihr RenomMe besorgte Beherrscherin der Küchp. Schweren Herzens gab endlich Frau von Höchstfeld nach und kehrte, nachdem sie in aller Eile auch! noch Toilette gemocht hatte, zu den Gästen die sich mittlerweile um noch einige Familien vermehrt hatten — zurück. Während «— 523 Ver Abwesenheit der Hauswirte wurde natürlich deren seltsames Verhalten besprochen. Daß sie zuerst nach allen Windrichtungen Einladungen ergehen ließen, und dann die Ueberraschten spielten, mußte doch irgend einen Grund haben, den sie wohl absichtlich noch geheim! hielten. „Ich vermute", meinte endlich der Oberst, „daß es sich wahrscheinlich um eine Aussöhnung mit dem Pfarrer handelt. Jedenfalls wird er kurz vor Tisch erscheinen, und dann wird auch die Aufklärung erfolgen." „Wenn nur Fräulein Erna hier wäre", setzte Vlados hinzu, „sie wurde uns gewiß nicht lange im Ungewissen lassen." „Sie, Sie", drohte ihm der Obersh init wohlwollendem Schmunzeln, „sollten Sie von der Mein.em wirklich noch nicht eingewerht sein?" „Gott bewahre", beteuerte Vlados, „ich habe das gnädige Fräulein überhaupt schon feit drei Tagen nicht gesehen. Aber wenn der Herr Oberst befehlen, will ich sie sofort; suchen gehen", und ohne erst eine Antwort abzuwarten, begleitet von dem herzlichen Gelächter der Umstehendes die ihm unter feierlichen Höflichkeitsbezeugungen den Weg frei gaben, enteilte er nach dem Park. Im selben Augenblick trat Frau von Höchstfeld ein, und sofort nichts Gutes ahnend, erkundigte sie sich mit nur schwer bewahrter äußerlicher Ruhe nach der Ursache dieser allgemeinen Heiterkeit. „Die Herrschaften amüsierten sich über den Eifer unseres zukünftigen Radetzky, der es sich nicht verwehren ließ, persönlich den Aufklärungsdienst zu übernehmen", entgegnete ihr der Oberst lächelnd. Frau von Höchstfeld sah ihn vollkommen verständnislos an, worauf er notgedrungen etwas verständlicher werden - mußte. „Er ging die Knospe vom edlen Stamme suchen", sagte er galant. „Sagen Sie nur vom knorrigen Ast", verbesserte ihn im Hereintreten der Major. „Pardon, ich sprach von Ihrer Frau Gemahlin", belehrte ihn der Oberst- „aber selbst wenn ich dabei an Sie gedacht hätte, würde ich wohl schwerlich solch ein unartiges Gleichnis gewählt haben." (Fortsetzung folgt.) Aeiseplaudsreien. (Nachdruck verboten.) Nach Konstanz! — Alles schon dagewese»! — Der Hnsfenstein. — Meersburg und sein Kirchhof. Ueber T r i b e r g und Donaueschingen bin ich jilngst nach Konstanz gefahren. Diese Schwarzwaldbahn en sind die entzückendsten Reiserouten für verliebtes Volk, Hoch?- zeitsreisende, .Brautpärchen usw., denn sowohl auf dieser Strecke, wie auch auf der durch das H ö l l e n t a l, die in Freiburg mündet, nehmen die Tunnels kein Ende. Und was für Tunnels! Man kann bis 100 bissen, und immer noch umschwebt die Glücklichen jene köstliche Finsternis, durch die der strengste Blick alt- jüngferlichien Entrüstung nicht zu dringen vermag. Wer endlich gehts doch aus den Bergen heraus ins flache Land. Vor der Station Singen taucht noch einmal eine mächtige Masse aus der Ebene. Das ist der steilaufragende Phenolithkegel, den die Verliebten mit ganz besorckerer Sympathie begrüßen, .sofern sie in den Aventuren, die uns Dr. .Joseph Viktor v. Scheffel gesungen, nicht ganz unbewandert sind. Er heißt der Hohentwiel nnd man zeigt nocki Heute auf ihm die Gemächer der s^vnen Herzogin Hedwig und die Reste des Ekkehärdturmes. Von dem besteigbaren Trümmerwerk des ehemaligen Kirchturms grüßt das trunkene Auge den ausblitzenden Spiegel des Bodensees und die leuchtenden Gipfel der Schweizer Alpen. Auch die Türme von Konstanz ragen.auf. Tie alte Bischofsstadt macht einen höchst angenehmen Eindruck. Mit den Resten einer großen Vergangenheit mischt sich modernes Bauwerk zu einem sehr anziehenden Stadtbilde. Und die Vergangenheit Konstanz' Reicht weit zurück. .Es ist ursprünglich ein römisches Kastell und hat in seinen Mauern später viele Kaiser und Köni^, .darunter Karl den Großen und Friedrich Barbarossa, gesehn. Auch das Hotel, Has uns aufnimmt, hat seine Geschichte. Man ist in Paris augenblicklich damit beschäftigt, eines der jüngst verlassenen Klöster in ein Hotel umzuwandeln. In Konstanz haben das kluge Leute schon viel früher fertig gebracht. Ben .Akiba behält eben immer Recht. Es ist nämlich ein altes Dominikanerkloster dieses Jnselhotel, und hat als Gefangenen einst den un- glücklichen Reformator Böhmens, Johann Huh, beherbergt. Der romanische Kveuzgaug, jn dem die frommen Väter vor Zeiten andächtig gewandelt, .umschließt heute einen sauber angelegten Ziergarten für Rast haltende Globetrotter, im Reiektorium tun sich unwürdige Laien an den schönen Blaufelchen, den zarten Bvdenseesifchen gütlich und die weltlichsten Champagnerpfropfen knallen! ... Zur Stadt hinaus durch das Schintztor geht es zum Huh- denkmal oder Hnsfenstein, wie die Konstanzer sagen. .Es ist ei« mächtiger, erratischer Block, ganz von Epheu umsponnen, und er liegt aus dem „Brühl" an der Stelle, wo Huh und später sein Freund Hieronymus 1415 und 1416 verbrannt worden fein sollen. Auch das Haus, in dem Huß gewohnt hat, und seinerzeit gefangen genommen worden ist, .zeigt man uns in dep Hussenstraße. Einen herrlich, erhaltenen Hof im Spätrenaissance-. Stil finden wir hinter dem städtischen Kanzleigcbäude am Obermarkt. Auch der alte Rheintorturm erfreut das Auge der Seute, die Freude am Alten haben. Nun aber erst der See mit seinem prachtvollen grünen Alpenwasser! Schier unermeßlich zieht er sich hin; Fischerkähne erscheinen auf ihm wie Nußschälchen, .und schmucke, stattliche Dampfer kommen aus der Ferne herangczogen,; Konstanz liegt dort, wo der Rhein den eigentlichen Bodensee verläßt und sich in den Zeller- oder Untersee ergießt. Der Verkehr ist hier doppelt .lebhaft. Und da fünf verschiedene Staaten, nämlich außer Bayern, Württemberg und Baden noch Oesterreich und die Schweiz am Besitz des SeeS beteiligt sind, auch überaus interessant. . Ich besteige eines der Schiffe, die nach der Mainau, dem Sommersitz des Großherzogs von Baden, fahren und schwelge in den Schönheiten dieses sonnigen Parkes mit seinen köstlichen Ausblicken. .Dann tveibt's mich hinüber an die Stätten, wo Deutschlands große Dichterin einst geweilt, nach Meersburg. Es ist ein unbedeutender Uferplatz mit ein paar großen aber stillen Gasthöfen, hinter denen sich die kleine Stadt steil ausbaut. Man steigt am becmemsten auf Treppen empor zum Marktplatz und dem uralten Schloß, jn denk einst her Schwager der Annette Droste-Hülshoff der als Germanist mit Ehrer» genannte Freiherr von L a ß b e r g gehaust hat. Wie der Wohnsitz eines Wikingerkönigs reckt es sich auf, trutzig und fest, abs geschlossen von aller Welt. Ws einem alten Märchen scheint es hierher gezaubert zu sein. .Kein Wunder, daß die von feudalen Anschauungen nie frei gewordene Westfalin sich hier besonders wohl gefühlt hat. Noch um etliches Höher hinauf durch trauüen- schwere Weinberge, führt mich der Weg zu dem alten Kirchhof, in dem Annette ihren letzten Traum träumt. Weit hinten i» der Ecke des Totenfeldes, das schon mancher Generation dient, liegen die Gräber der.Familie Laßberg. Dort ruht auch i intet einem einfachen Denkstein, was sterblich war an der Dichterin. Mch ein anderes' Grab lenkt die Blicke auf sich; ein massiger dreikantiger Marmorblock, der geheimnisvolle Zeichen, nach 'Art der Freimaurer trägt. Er deckt die Ruhestätte eines Mannes) der in seinen Erdentagen viel von sich reden gemacht hat,„ hier als Prophet gepriesen, dort als Charlatan geächtet. Es ist das Grab des Magnetiseurs Mehner der in Meersburg gestorben ist. Eine schöne Sitte pflegen übrigens die Meersburger, die in so durchgängig geübter Weise mir noch nirgends begegnet ist. Ich sah viele alte Grabsteine, aus' dem Anfang des vorigen Jahrhunderts, mit Inschriften, als seien sie gestern erst eingemeißelt worden. .Ueberall war die nachbessernde und ergänzende Hand pietätvoller Kinder und Kindeskinder tätig gewesen, um das' Andenken Heimgegangener Vorfahren vor den verwitternden Einflüssen der .großen Bernichterin Zeit zu schützen. Stumm schritt ich durch die einförmigen Gräberreihen dem Ausgange zu. Der Spiegel des' lleberlinger Sees blinkte auf im Mittags- sonnenschein, und ein leiser Hauch von den halbreifen Trauben des Seeweins kam, vom Winde herübergetragen aus den un- zähligen Weingärten ringsiim. Träumst Du von solch goldemn Herbsttagen, wie ich sie noch durchwandeln darf, Annette Droste? Ruh' in Frieden! Die Stätte ist gut, .die Du Dir bereitet hast. Auf..diesem Friedhof am See ehrt man die Toten. Man wird auch Deiner hier niemals vergessen. . ■<. A. R, Are lyrische Preiskonkurrenz in unserer Nr. 127 hatte folgendes Ergebnis: Das Gedicht „Ich denke Dein im Morgenlicht" erhielt si'mfmcv die Nr. I, 15mal die Nr. II und 22mal die Nr. HI. Das Gedicht „Ich denke Dein, hab ich vom deutschen Liede ein Buch zur Hand" erhielt 23mal die Nr. I, 9mal die Nr. II und llmcti die Nr. III. Das Gedicht „Ich denke Dein, wenn mir der Sonne Schimm«^ erhielt llmal die Nr. I, 17mal die Nr. II und 9mal die Nr. HI. Demnach hat also das Gedicht „Ich denke Dein, hab ich vom deutschen Liede ein Buch zur Hand" am meisten gefallen, und unter den 23 Einsendern, deren Stimmen sich auf dieses Gedicht als das von ihnen am besten befundene vereinten, müssen nun also die Preise verteilt werden. Den ersten Preis (Jerd. Avenarius' prächtiges „Hausbuch deutscher Lyrik") erhält Herr F. Rübe in Gießen. Er schreibt: Sämtlichen Gedichten ist nicht abzusprechen, daß die Gedankest poöstevoll. zur Tarstellmkg gebracht worden sind, allein es hätte 524 bei.verschiedenen Gedichten noch einiger Feilung bedürft, um sie brucfreit fn die Welt gehen zn Ioffen; denn einige Bilder darin sind nicht richtig ausgemalt, so in dem Gedicht „Ich denke dein im Morgenlicht des Maien"; hier lauscht der Donner und rauscht der Zephyr, während jener grollt und dieser höchstens säuselt; ferner schwirrt die Lerche nicht bei des Abends Gluten, sondern sie schlaft um diese Tageszeit. Bei dem Gedicht „Ich denke dein, wenn mir der Sonne" ist der letzte Vers nicht ganz glücklich ausgefallen. (So? Wir finden, daß gerade die letzte Strophe die höchste Leidenschaft atmet. Denken Sie sich nur den Ausruf am Schlüsse: „O wärst dir da!" in Musik gesetzt.- Könnte der Komponist sich eine schönere Steigerung der Gefühle wünschen, als diesen innigen Sehnsuchtsruf? Klingen dagegen die beiden anderen nicht matt aus? D. Red.) Demnach dürfte dem Gedicht „Ich denke dein, hab ich vom deutschen Liede" der erste Preis znerkannt werden, dem Gedichte „Ich denke dein/ wenn mir der Sonne" der zweite und dem noch übrigen Gedicht der dritte Preis. Den zweiten Preis (Ammann „Klänge vom Rhein") erhält Herr Aug. Dickork, der in ein paar lustigen Reimen die drei Gedichte kritisierte. Den dritten Preis (Sosnosky, „Die deutsche Lyrik im 19. Jahrhundert") haben wir Herrn cand. jur. Bnrk- hard Thon zugesprochen, obwohl er sein sehr wohl- begrindetes Urteil nicht, wie es im Ausfchreiben hieß, durch Postkarte, sondern durch einen drei Seiten langen Brief zum Ausdruck gebracht hat. 4)och blieb uns keine Wahl, da die meisten Einsender überhaupt auf die Begründung ihres Urteils verzichteten. Und nun wollen 'wir unseren Lesern und Lösern der Preisfrage ein Geheimnis verraten, das nur für sehr wenige sein solches ist, nämlich: Das nur fünfmal an erster Stelle, dagegen 22mal zuletzt genannte, tatsächlich recht schwache Gedicht hat Theodor Körner zum Verfasser. Das zweite Poäm, das den meisten Beifall gefunden hat, dichtete, recht geschickt und augenscheinlich nicht ohne ursprüngliche lyrische Begabung, ein Herr aus Gießen Scherzes halber nach berühmten Mustern, und ihm unterlag — Herr Johann Wolfgang v. Goethe, dem die Weltlitteratur sonst eine gewisse Bedeutung als Lyriker nicht abzusprechen pflegt l l Ja, niemand anderes als Goethe ist der Dichter von „Ich denke Dein, wenn mir der Sonne Schinimer vom Meere strahlt." Herr Ph. G. aus Heuchelheim, der offenbar nicht wußte, daß er es hier mit dem Dichterfürsten zu tun hatte und dem wir den ersten Preis zugesprochen hätten, wenn sich auf Goethe's Lied der meiste Beifall geeint hätte, schreibt uns sehr richtig: Dieses Gedicht ist meisterhaft in der Stimmung und wnnder- poll leichtflüssig im Takt gehalten. Aus diesen wenigen Worten spricht das rechte lyrischmusikalische Gefühl. Ein Herr aus Seligenstadt, der als Nichtabonnent außer Konkurrenz steht, urteilt über „Ich denk an Dich, hab ich vom deutschen Liede ein Buch zur Hand" folgendermaßen: „Sprachliche und poetische Härten sind nicht vorhanden. Die Situation ist eine einheitliche, der Gedankengang vollzieht sich leicht und ungezwungen. Es findet ein Fortschritt, eine Steigerung statt in der Darstellung des innigen Gedankens. Eine besonders lyrische Schönheit ist darin zu sehen, daß da, wo der Höhepunkt des Ge- iiihles erreicht ist, auch die Festigkeit und Entschiedenheit des Wollens zum Ausdruck kommt." Wir müssen gestehen, daß wir dies uneingeschränkte Lob nicht unterschreiben können. Wir finden in diesem Gedichte, im Gegensatz zu dem Goetheschen, keinen Fortschritt, keine Steigerung, sondern ganz im Gegenteil ein stetes Sichgleich- bleiben des Gefühles, das uns anfangs recht prosaisch „mit einem Buche in der Hand" entgegentritt, während Goethe von vornherein in schönen landschaftlichen Bildern schwelgt. Anstoß hat hier und da in deni Goetheschen Gedichte das Bild von dem sich hebenden Staube erregt und es ist wiederholt mißverstanden worden. Wie man in des Himmels Wolken alle möglichen Gestalten sehen kann, so auch in solchen aus Staub. Und in eine Staubwolke hüllt sich wohl oft das nahende Roß des Geliebten. Es ist dabei sehr zu beachten, daß das Goethesche Gedicht die Aufschrift „Nähe des Ge- iebten" trägt, daß der Dichter also Mädchenphantasien zum Ausdruck zu bringen beabsichtigte. — Nehmen wir alles in allem t In diesem überaus scherzhaften Ergebnis liegt ein tiefer Sinn, der manchen überraschen, manchen nachdenklich stimmen wird. Vielleicht wird es diesen oder doch jenen veranlassen, sich in die unerreichbare Lyrik Goethe's fortan tiefer zu versenken, als er es bisher getan hat. Soll der Schatz, den das deutsche Volk in den Gedichten seiner Klassiker besitzt, nicht endlich gehoben werden? Ooetyes Krau. In der Beilage zur „Münchener Allgemeinen Zeitung" veröffentlicht Professor L. Geiger Briefe von CHristine Rein- Ha r d, .geborene Reimarus, der geisfrollen Gattin des französischen Diplomaten Karl Friedrich Reinhard, .über ihren Verkehr mit Goethe. ,JN einem dieser an ihre Mutter gerichteten! Briefe aus Karlsbad, .5. .Juli 1807, berichtet sie über eine Asußerung Goethe's über seine Frau: Der Herzog Hat uns sehr liebenswürdig ausgefordert, Weimar auf unserer Reiseroute zu sehen. ..Goethe lud uns gleichfalls ein und sagte bei der Gelegenheit meinem Mann, .er wolle ihm seine Frait vorstellen. Er fügte hinzu: „Ich.will sie Ihnen schildern, aber nicht in Gegenwart Ihrer Gattin, die ist eine zu aristokratische Natur. Für meine Frau sind meine Werke tote Buchstaben; sie Hat keine Zeile davon gelesen; die geistige Welt existiert nicht für sie. Sie ist eine vortreffliche Wtrtschafterien, meine Häuslichkeit, die sie ganz allein leitet, ist ihr Königreich. Sie liebt Putz und Theater, jtnb ist .dann völlig umgewandelt. Meine Gesellschaft hat sicher einen Einfluß aus ihren Verstand ausgeübt, und das Theater ihren Jdeenkreis erweitert." Ihr eigenes Urteil über Goethes Gattin spricht Frau Reinhard in einem Briefe aus Weimar, ,9. August, aus: „Ich hatte mir fest .vorgenommen, die Bekanntschaft von Goethes Fran zu machen, um ihm zu beweisen, daß meine Natur nicht so exklusiv sei, wie er vermutete. Zu Gunsten seiner Frau ist, obgleich Goethe eine hervorragende Stellung einnimmt, obgleich alles von ihm abhängt und man überall seinen Geschmack spürt, keine. Abweichung von der (Stilette gemacht worden. Ter Zutritt zu Hose ist ihr nicht gestattet, und wenige Personen überschreiten ihre Pforte außer den Fremden, die stets begierig sind, das Heiligtum dieses Mannes ohne gleichen zu Überschreiten. Tas Äeußere von Frau v. Goethe ist gewöhnlich, um nicht zu sagen, gemein. Aber sie sieht so ans, .als wenn sie einen guten Charakter hätte. .Sie hat auf mich einen weniger antipathischen Eindruck gemacht, als sonst Frauen machen, die in die Gesellschaft kommen, nachdem sie lange Zeit eine niedrige Stellung eingenommen haben. Sie drängte uns gutmütig, eine Mittagseinladung bei ihr anzunehmen. .Goethes Wohnung ist ein wahrhafter Museupalast in italienischem Stil eingerichtet. Auf jedem Treppenabsatz sind Nischen angebracht, .in denen Statuen stehen. Am Fußboden des ersten Salons ist in Mosaik das Wort „Salve" zu lesen. Man meint in einen Tempel einzutreten, .aber die darin wohnende Gottheit hat nichts Aethe- rjsches. Wollte ich 'sie Ihnen genau charakterisieren, so könnte ich .sie nur mit der Kammerfrau vergleichen, die ich nach Italien mitnahm. .Ihre Person, ihre Manieren und Bewegungen sind durchaus die einer gewandten Kammerftau. Auch ihr Bildungsgrad steht, nicht höher... Es ist seltsam, daß ein Mann von so erhabenem Wesen, der das Schöne verehrt, in seinen Wohnräumen keine mittelmäßigen Kunstgeaenstände duldet, eine so gewöhnliche Frau zu seiner Lebensgefährtin gemacht hat, ,daß er, der in Kunstgegenständen so schwer zu befriedigen ist, in Gefühlssachen so bescheiden war. Diese Seltsamkeit, dieser Mangel au Logik, stimmen jedoch mit dem Eindruck überein, beit der Dichter mir machte, so oft es sich über sein äußeres Leben handelte." Kreuzrütsel. Nachdruck verboten. 1 3 Ungeziefer. 4 2 Bezeichnung für Art. 1 4 Körperteil. 2 4 Naturerscheinung. 3 4 Waffe. 2 3 Bezeichnung für einen bestimmten Vortrag. Auflösung in nächster Nummer. Auflösung des Rätsels in vor. Nr.: Rose — Rosse — Karosse - Russe. Redaktion: Paul Witiko. — Rotationsdruck und Verlag der B r ü b l' leben Universitäts-Buck- und Steindruckerei, R. Lange, Gießen«