W 4. VwU^l: *f . t‘Mi i-.CXVv.' TbWss**3oS& MFW^ESM MM au. (Nachdruck verboten.) Irühtingsftürme. Roman von Paul Oskar Höcker. (Fortsetzung.) Fünftes Kapitel. Von nun an besuchte er sie öfters des Abends. Manchmal stellte sich, Pratje, der Notar, aus Sakuthen ein, auch Behrs ließen sich, sehen, die ihre heiratsfähigen Töchter mitbrachten. Den junkerlichen Gamering traf er gelegentlich gleichfalls dort. Der nüchterne Alltagston der Fremden paßte aber nicht recht in die eigenartige Harmonie. Er merkte mohl, daß Frau Franze, so gewinnend sie die Hausfrau gegen ihre Gäste spielte, die Störung gleich ihm jedesmal empfand und heimlich, bedauerte. Zuweilen sagte es ihm sogar ein flüchtiger Blick des Einverständnisses, den sie mit ihm tauschte. Tas wechselnde Befinden des Kranken, die sich, immer häufiger meldenden absonderlichen Störungen, unter denen fein Nervensystem litt, namentlich die ihn beängstigende Trübung seiner Sehkraft, machten ein Zusammensein in der Form des ersten Abends nicht immer möglich.. Lotz vertrug häufig das Licht nicht. Als es kälter ward, saß man am Kamin in seinem Zimmer zusammen, das nur durch eine verdunkelte Schleierlampe zur Not erhellt werden durfte, und trieb gemeinsame Lektüre. Große Holzscheite sandten ihre züngelnden Flammen empor, aus den Vorlegekörben warfen sie int Gespräch dann und wann neue Stücke in die Glut, zuweilen auch nur Tannenzapfen, die sofort prasselnd vom Feuer verzehrt wurden. Ter Widerschein der Glut galt dem behaglichen Raum ein gedämpftes Licht und bemalte die Gesichter der Gruppe. Zupitza hatte seinen Cellokasten nach. Sakuthen schaffen lasfen müssen. Aber zum Musizieren kamen sie nur selten: den Kranken erregte das Spiel. Erlaubten es seine Nerven aber, dann bildeten solche Stunden Lichtpunkte für sie alle drei. „Es ist, als träte die Gesundheit selbst mit ihm ins Haus!" sagte Dieter. Frau Fränze empfand die Macht der Suggestion, die Zupitza auf den Kranken ausübte, an sich selber; manchmal konnte sie's auf ganze Abende völlig vergessen, daß all die Beschwichtigungs- und Trostversuche, mit denen, ihr Gatte immer wieder hingehalten wurde, nur Vorspiegelungen waren. Es war wie ein neues Aufleben. Mit ihrem Gesundheitszustand war Zupitza aber durchaus nicht zufrieden. Er machte ihr mehrmals ernste Vorhaltungen: sie müsse sich mehr Bewegung in der ftischen Luft, ttt der Sonne gönnen. Gelegentlich führte er dann auch mit ihrem Gatten eine Aussprache über sie herbei, , / Mer da machte er eine seltsame Wahrnehmung. So innig Lotz seine Frau liebte: von einem gewissen Egoismus war er nicht fteizusprechen. Die lange Dauer seines Leidens hatte ihn mehr und mehr den Interessen seiner Umgebung entfremdet. Zupitza verdroß das fast: die zarteste Rücksicht auf Dieter, auf seine Bequemlichkeit ja sogar aus manche Schrulle von ihm, das und nichts anderes gab hier im Hause den Ausschlag, und der Kranke; hätte es womöglich wie einen Eingriff in seine Vorrechte; empfunden, wenn man von ihm mehr Rücksicht auf die Gesunden gefordert hätte. Einmal traf er Frau Fränze abends auf dem Wege von Sakuten nach Gill. Es war recht garstiges, naßkaltes Wetter. Sie steckte in Galoschen und einem Raglan, trug einen fußsreien Rock und wanderte, die Hände in den Taschen, den Kopf gegen den scharfen Wind gesenkt, der ihr den Regen ins Gesicht trieb, resolut vorwärts. „Natürlich ohne Schirm!" stellte er fest. Sie lachte umd wies darauf hin, daß er den Schutz gegen den Regen ja gleichfalls verschmähte. „Ja, ich, ein Gesundheitsprotz", erwiderte er, erheitert voit ihrem fast übermütigen Trauflosgehen, „bei mir gehört die Abhärtung zum Beruf." Er war im Begriff nach dein Schmalschen Werk zu gehen, wo er dem verunglückten Pförtner einen Verband zur Nacht erneuern sollte; da das indessen noch, reichlich Zeit hatte, kehrte er mit ihr um und begleitete sie noch ein Stück Wegs. „Tann sehen wir Sie doch hernach bei uns aus Sakuthen ?" ftagte sie sofort. Er lehnte ab, da er erst den Abend zuvor bei ihnen gewesen war. Wie es unausbleiblich, gewesen, waren sein« häufigen Besuche auf Sakuthen schon wiederholt lebhaft am Stammtisch; erörtert worden. Und zwar nicht ohne das übliche pikante Schmunzeln. Er wollte dem sich leise' regenden Klatsch, keine Nahrung geben. Längst hatte sich, zwischen ihnen ein kameradschaftlicher! Ton herausgebildet. „Ich habe inir aber fest vorgenommen, Frau Lotz, Ihnen! nun endlich einmal tüchtig die Leviten zu lesen", kündigte er ihr an. „Erbarmen Sie sich,!" lachte sie. „Was hab' ich denn; verbrochen?" „Ten Abendmarfch heute unternehmen Sie nicht aus Gesundheitsrücksichten. Ich weiß alles, Frau Lotz. Tirsell hat mir gestern gebeichtet. Tas Wagenpferd lahmt. Und Sie bringen jetzt bloß noch die Post nach Gill." „Man muß das Nützliche mit dem Angenehmen verbinden", gab sie lächelnd zurück. „Das Angenehme ist der Dauerlauf in Nachtluft, Kalte und Regen. Und das Nützlich^?" „Gott, liebster Herr Doktor, das sind jetzt meist wichtige Geschäftssachen, die man den Leuten nicht anvertrauen! will. Bei der wunderbaren litauischen Sorglosigkeit hiert Früher machte sich Stojentin immer noch abends auf de«! Weg, aber mein Mann braucht ihn gegenwärtig." — 322 — starb mit. (Fortsetzung folgt.) Liebe — der große Wunsch. Und die Wunschlosigkeit = die nenne ich eben Freundschaft." Sie zuckte zusammen, erwiderte aber nichts. Unwillkürlich war sie wieder stehen geblieben, ihr Arm hatte sich dem seinen entzogen. Zupitza sah es ihrem nach innen gerichteten Blick an, wie es in ihr arbeitete. Nach wenigen Schritten waren sie im Dors angelangt. Tie Post stand schon zur Abfahrt bereit auf der Straße/ dem „Löwen" gegenüber, wo der Posthalter wohnte. Sie verabschiedete sich ohne Uebergang von ihm. Daß er sie nach Sakuthen zurückbegleitete, wollte sie jetzt durchaus nicht mehr dulden. „Also sind Sie mir böse?" fragte er. „O nein, das nicht. Aber ich kann mich so schnell nicht vol all dem freimachen, was Sie mir da gesagt haben. Es hat mich ganz und gar aufgewühlt." Er hielt ihre nassen und kalten, etwas zitternden Haude fest. „Das ist eg ja eben, Frau Franze, was mich so kümmert- Sie sind zu grüblerisch geworden. Sie entfernen sich mehr und mehr von der Welt, darunter leidet Ihr Körper, leiden Herz und Geist. Es ist ein wahrer Jammer- Ja, und drum bin ich jetzt fest entschlossen: ich hole Sie mrt Gewalt aus der Krankenstube heraus!" Sie sah ihm betroffen ins. Auge. „Ich denke. Sie gönnen dem Aermsten doch das bißchen Licht, das to.) ihm noch bringen kann?" , ,zz , ,,, „Gewiß gönne ich es ihm. Aber Sce sollen sich nicht selbst hinopfern. Denn die Werte sind jetzt ungleich geworden." t ,, „Ach, Doktor", sagte sie, tief ausatmend, „ich glaubte. Sie würden mir helfen; statt dessen erschweren Sie mw meine Aufgabe noch." „ „Weil mir Ihr Einsatz zu hoch vorkommt, Frau Franze/ Sie schüttelte unwillig den Kopf. IN ihren großen! Augen standen die Tränen. „Das sollen Sie nicht sagen- Es steht Menschenleben gegen Menschenleben." Tiefe, stille Trauer lag über ihr, als sie sich von ihm trennte. Es kam ihn hart an, den Rückweg allein machten zu TttÜjfett Seine Wahrheiten hatten ihr bitterlich wehe getan, hatten sie erschreckt. , , Wer er meinte es doch gut mit ihr, ja er wollte ihr helfen. Das vor allem andern sollte und mußte sie ihm glauben. Denn sie war ihn: so lieb und wert geworden, wie niemals je zuvor ein Mensch. Allein das durfte er ihr ja erst recht nicht sagen/ das am allerwenigsten! Von neiiem schüttete es herunter, blies ihm der Wind vom Haff her den Regen ums Ohr. Es fröstelte ihn-Er setzte sich in einen gelinden Trab. Triefend hielt er plötzlich inne: unwillkürlich war er wieder nach. Sakuthen geraten. Es brannte nur wenig Licht im Hause. Dem Kranken ging es feit mehreren Tagen herzlich schlecht. Er war lichtscheu, sogar gegen Sprechen empfindlich. Indem er sich die junge, schöne, blühende Frau Franze vorstellte, ward es ihm ganz traurig ums Herz. Und eine unbezwingliche Sehnsucht erfüllte ihn. Noch strömte so viel Licht nnb Wärme von ihr aus, daß es zuweilen schien, als müsse es auch den Sterbenden wieder zum Leben erwecken. , v , , « Aber es war nur eine Täuschung, em letztes Aufzucken, ein letztes Ausslammen inmitten einer Gnadenfrist, ams Schicksal ging schweren, ehernen Schrittes seinen Gang. Und es begnügte sich nicht mit dem einen Totenopfer. Denn sie selbst, die Junge, Blühende, Gesunde — sie Plaudereien aus der Kaiserstadt« (Nachdruck verboten.) Auch eine Streikfolge. — Spritzkuchen? — Rennwette». — Spiel- banksysteme. — Der straflose Rentier und die verurteilte Witwe. Das war ein Leben, während die Bäcker fit elften! Wirklich, ganz anders erschien ihnen die Welt! Sie, die sonst gewöhnt waren, mit den Hühnern ins Bett zu gehen, weil bald nach Mitternacht ihr Tagewerk beginnt, damit die Berliner Herrschaften ihre Schrippen und Knippelchen früh genug aus den Frühstückstisch erhalten, sie konnten jetzt einmal bis in die mißfartige Berliner Morgendämmerung hinein kneipen, die Nachtschmetterlinge des Asphalts umh«. schwirren sehen; zuschauen. wie die Litfaßsäulen neu plakatiert „Das weiß ich auch, schon; sie spielen Schach." „Ja, plötzlich bekam er Lust dazu. Es war ihm immer unerträglich, die Einsamkeit, wenn ich mal fortmußte. Da hat er solang nun seine Zerstreuung." „Ihre Gesundheit ist aber wichtiger, Frau Lotz." „Nein, nein, das sollen Sie nicht sagen." „Doch, Frau Lotz. Er hat bestenfalls noch ein paar Jahre; Sie haben ein ganzes Leben vor sich." „Ein ganzes Leben." Sie blieb aufseufzend stehen. „Ach, lieber Freund, was fiir ein Leben. Dann bin ich selbst mürbe. Nein, nein, nein, auf mich kommt's gar nicht an, gar nicht." c Der Wind schüttelte ihnen plötzlich eine Ladung Regen ins Gesicht. Franze drehte sich zusammenschauernd sofort um und zog die Schultern hoch, So standen sie eine Weile wartend, bis die Bö vorüber war. Als sie den Weg dann wieder ausnehmen konnten, hängte Zupitza vertraulich bei ihr ein und zog sie, tapfer ausschreitend, mit sich fort. Ein ehrlicher Groll drängte sich ihm vom Herzen herauf. „Sie wissen, wie ich mit Dieter stehe. Ich hab' ihn gern, er tut mir leid, und idj; halte ihn für einen klugen Menschen, eine tiefe Natur; es liegt ost auch etwas Rührendes in seiner Geduld, seinem kindlichen Vertrauen. Aber es ärgert mich ebenso oft, zu sehen, daß er all Ihre Opfer so ganz als selbstverständlich hinnimmt." p ,, <_ „Das darf er Uud soll er. Demi diese Opfer sind selbstverständlich. Das ist eben meine Auffassung von der ehelichen Treue. Die hat doch eigentlich nur Gelegenheit, in den schlechten Tagen sich zu erproben. Ach, Doktor, Sie können das nicht begreifen." Sie blieb plötzlich stehen und ließ die Arme sinken. „Oder vielleicht doch. Nehmen wir einmal den umgekehrten Fall an. Eine Frau ist siech, hinfällig, durch ein schweres Leiden zum sicheren Tod verurteilt. Ja, glauben Sie nicht, daß da auch ein Mann so viel Herz, so viel Gewissen besitzen würde. . . . Warum sehen Sie mich so seltsam an, Doktor?" unterbrach sie sich. „Sie sind eine Schwärmerin, Frau Franze." „Eine Schwärmerin?" „Ja, Sie haben sich in Ihrer Einsamkeit eine besondere Welt zurechtgemacht. Eine schöne, eine ideale Welt. Aber sie hat eben keine Erde, sie schwebt in der Luft. Ihre Welt rechnet nicht mit Leidenschaften." „Doch/ lieber Freund." „Mit allen Leidenschaften?" „Mit allen. Sie ringt mit ihnen vielleicht qualvoller als Sie sich's vorstellen — und bezwingt sie." Wie im Zorn blitzten ihn chre großen Augen an. Sie wirkten im Schein der wenigen Lichter, die von Gill her leuchteten, dunkel, fast schwarz. Es hatte zu regnen aufgehört. Große Lachen nahmen mitunter die ganze Breite des Weges ein. Manchmal war ein richtiges Durchwaten nötig.' Er hängte wieder bei ihr ein, um sie zu führen. „Kommen Sie, Frau Fränze. Wir sind unversehens ins Philosophieren geraten. Das macht sich bei der Nässe aber verflucht mangelhaft, finde ich." „Bleiben wir doch bei dem bestimmten Beispiel von vorhin. Warum wollen Sie mir ausweichen? — Wenn Dieter gesund wäre und wenn ich statt seiner läge — meinen Sie denn wirklich, er würde mir nicht ebenso sein Leben widmen wie ich?" Es klang fast etwas wie Angst aus ihrer Frage. „Liebste Freundin, ich! will es ja nicht bezweifeln, aber Garantie — die übernehme ich in diesem Fall für keinen Mann, für keinen." „Das ist schlecht von ihnen." Sie wollte ungeduldig ihren Arm freimachen, aber er ließ ihn nicht los. c , „Nein, es ist nur ehrliche Frau Fränze. Und ehrlich soll ich doch sein, was? Nun also. Bleiben Sie schon ruhig bei mir. Ich sage nichts, als was das Leben mich gelehrt hat. Als Arzt sieht man eben — leider — mehr denn als Laie. Wer warum quälen Sie sich damit?" „Und wenn das Unglück Sie selbst an solch ein armes ßcfcfjclt We?" Er mußte lächeln über ihren plötzlich so hartnäckigen Eifer. Nach kurz« Pause erwiderte er: „Ja, liebste Frau Fränze, ich persönlich! kann Mir die große, unendliche Liebe nicht vorstellen, die dazu gehört. >— Was verstehen Sie unter Liebe, Frau Fränze? Für Mich ist und bleibt die 328 wurden und zuletzt int Nachtomnibus heimwärts rumpeln, wenn nicht gar zu fünf und sechs in einer stolzen Berliner Nachtdroschke. Dazu mag's freilich bei manch einem nicht immer gereicht haben, selbst wenn er mit einem strotzenden Portemonnaiechen ausgezogen war in den wogenden Strudel des großstädtischen Nachtlebens. Das 32blättrige Buch, das frivole Seelen ihr Gesangbuch zu nennen lieben, spielt nämlich im Leben der Herren vom Sauerteig eine bedenkliche Rolle. Und zwar beschäftigen sie sich beim fortwährenden Wenden dieser 32 Blätter nicht mit den artigen, lammfrommen Kinderspielen, wie Tod und Leben, Sechsundsechzig oder Wend'sch, auch unhöflicherweise Schafskopf geheißen, sie wollen nicht einmal immer vom Skat etwas wissen, sondern nach der Versicherung alter erfahrener Kriminalisten, die das Fach studiert haben, sind sie in vielen Exemplaren Anhänger der lieblichen Gesellschaftsunterhaltungen mit den so harmlos flingenden Namen: „Meine Tante — Deine Tante", „Grundehrlich", „Fix rum" nfiu. mit Grazie. Es war daher kein Wunder, daß in den beliebtesten Lokalen für diese Keinen Scherze in den Tagen des Bäckerstreiks besonders scharf aufgepaßt wurde. Mer ich glaube, die Polizei hat nach dieser Richtung hin nicht viel Erfolge zu verzeichnen gehabt. „Wenn zwei sich nur gut sind: kein Sorg' um den Weg!" Wer sein Gluck probieren will, weiß schon ein sicheres Plätzchen, wo ihn keine Pickelhaube stört. Denn tatsächlich wird in Berlin trotz aller Verbote ziemlich ausgiebig hazardiert. Die Wirte haben vielfach eine wohltuende Unkenntnis für unerlaubte Kartenspiele, wenn sie nicht gar so kurzsichtig sind, daß sie den „Tempel" überhaupt nicht zu sehen vermögen. Irgend ein Hinterzimmerchen ist bald hier, bald dort für „Vereinszwecke" zu finden; wenn daun die Verhandlungen über Statutenänderungen und andere wettbewegende Dinge erledigt sind und die „Philister" sich verlaufen haben, kommt plötzlich ganz zufällig einer aus die famose Idee, „ein Spielchen" zu machen. Und im Handumdrehen geht das Setzen los, hier mit Nickeln, dort mit Fünfzigern und Markstücken, noch anderswo mit Goldflichfen ä la Oldenburg. Und was für bunte Konttn- gente finden sich da zufammen in dem improvisierten Klein-Monaco. Biedere Kleinkrämer, die ihre Tageskasse leider in der Tasche haben; törichte Beamte, die keinen Pfennig verlieren dürfen, wenn sie glatt durchkommen wollen bis zum nächsten Gehaltstage, pro- blemattsche Existenzen, die so wie so auf der Straße liegen nnd gewerbsmäßige Betrüger, denen der Gimpelfang Neigung und Beruf ist. Ein guter Freund — er gehörte aber nicht der Gilde der Teigkneter an — nahm mich eines schönen Abends einmal mit in solch eine Spielbude, nicht um mich in Versuchung zu, führen, denn dazu kennt er meine Grundsätze zu gut, und weiß ganz genau, daß ich schon aus wissenschaftlichen Gründen alles mitmache. Wir hatten aber noch eine Stunde übrig, ehe die letzte Sttaßen- bahn ging, und ein tüchtiger Mensch fährt bekanntlich immer mit der letzten. Eine gute Tasse Kaffee sollte es dort auch geben. Interessant nur war bei unserem Eintritt die Abgabe der Parole am Busfet der kleinen ungeheuer solide erscheinenden Konditorei, in der an runden Marmortischen brave Leute Kuchen schleckten und Schlummerpunsch tranken. „Ist der Meister nicht da?" fragte mein Freund die Buffetdame, die ihn kurz fixierte und daun ruhig verneinte. „Ah, er bäckt wohl noch?" „Allerdings!" „Spritzkuchen?" „Jawohl!" erwiderte sie, ohne eine Miene zu verziehen und öffnete mit einem Schnepper die Tür neben dem Buffet. Wir gingen durch einen halbdunklen Raum und standen bann vor dem „Vereinszimmer", in dem Fortuna ihre Mätzchen trieb. Anderswo übt man viel weniger Vorsicht. Die großen regelmäßig tagenden Spielklubs ä la Harmlose allerdings sollen einen mehrfachen Sicherheitsdienst organisiert haben, um vor Ueberraschungen geschützt zu sein. Von dem Dandy, der seines Vaters Riesenvermögen verpraßt, herab bis zur Frau des Arbeiters, der Samstags seine 30 Mark bringt: welcher Schritt! Und dennoch sind auch viele dieser Frauen vom Spielteufel gepackt! Nicht nur, daß sie Los-Anteile von sämtlichen deutschen Lotterien besitzen. Das sind noch die harmloseren dieser Schicht. Nein, eine ganze Menge beschäftigt sich mit den Erfolgen der Rennbahnen und setzt bei Buchmachern auf Pferde. Wenn man Sonntags von einem der großen Sportplätze hesinfährt, kann man es hören, wie diese Frauen, die in der Woche vielleicht am Waschfaß stehen müssen, klug schwatzen oder sich entrüsten über betrügerische Jokeys, elende Ontensider und sicher sein sollende „Tips, die im „Kleinen Journal" oder anderswo gestanden haben. Eine schnurrige Wett! Wieviel Geld wird da einem betrügerischen Zufall, der zehnmal ausbleibt, ehe er einmal eintrifft, geopfert. Tragikomisch berührte letzthin das Unglück einer alten Frau, die den größten Teil ihrer Spargroschen zugesetzt hatte, und nun beim Schlußrennen auf alle fünf Pferde setzte, in der Hoffnung, durch eine große Totalisatorguote wenigstens etwas wieder zu bekommen. Wer der Gaul, der fchließlich gewann, brachte 12 auf 10. Sie hatte sich noch einmal verrechnet und schwor es nun jammernd ab, ihr Glück noch einmal mit „die ollen Biestev" zu versuchen. Wer ich fürchte, es ist trotzdem ein Meineid gewesen. Eine besondere Spezies des großen Narrenhauses der Spieler bilden jene Vertrauensseligen, die irgend einem jener klugen Köpfe, die eine ganz unfehlbare, totsichere Methode entdeckt haben, durch die man in Monaco oder Ostende in wenigen Tagen fabelhafte Summen gewinnen muß. Nur das nötige Kleingeld fehlt ihnen, um den Anfang machen zu können. Mit schönen weißen Bohnen geben sie dem gutmütigen Gimpel, der fein Geld nicht schnell genug los werden kann, eine Probe nach der andern. Immer stimmt die Sache. Das System bewährt sich tadellos. Nur in Monaco funktioniert es plötzlich nicht mehr. Weiß der Teufel, welch abscheuliche Lücke da in den wundervollen Berechnungen übersehen worden ist. Notabene: wenn der ingenieuje Erfinder überhaupt bis Monaco kommt und es nicht vorzieht, die blanken Goldfüchse anderer Leute anderswo reell zu verzehren. Eigentümlich berührte in diesen Wochen die gerichtliche Freisprechung eines solchen Spielbanksprengers, weil man ihm nicht nachweisen konnte, daß er von der Güte seines Systems nicht felsenfest überzeugt gewesen wäre. In denselben Tagen verurteilte man eine Almosen- empfängerin zu 2 Monaten Gefängnis, weil sie es in 14 Jahren fertig gebracht hatte, von der ihr zuteil gewordenen Armenunterstützung ein Sümmchen zu ersparen, das in seiner Höhe (1400 Mark) für den Augenblick verblüffen machte. Da es aber auf den Tag verrechnet noch keine 25 Pfg. macht, die auch eine arme Frau noch ausgeben kann, ohne gottloser Verschwendung bezichtigt werden zu müssen, da sie ferner von ihren fünf Kindern noch ein minderjähriges kränkelnd daheim hat und durch einen Hausierhandel versucht, ihre wahrscheinlich nicht glänzende Sage zu verbessern, so erschien der Antrag des Staatsanwalts auf 4 Monate Gefängnis und zweijährigen Ehrverlust wahrlich nicht gerade gnädig, und auch die vom Gericht erkannten zwei Monate noch hart genug. Jedenfalls kommt man, wenn man denn schon von anderer Leute Geld leben will in dieser besten aller Welten, mit den totsicheren Sprengsystemen der Bank von Monaco weiter/ vorausgesetzt allerdings, daß man den festen Glauben an feine Leimruten hat. A. R. Ittücher in Kießen. Nach der Völkerschlacht bei Leipzig am 18. Oktober 1813 folgte Blücher der retirierenden Armee Napoleons. Bei Fulda hatte der alte Feldmarschall die Spur der in Eilmärschen ziehenden französischen Armee verloren, die ihren Weg durch das Kinzigtal nach Hanau nahm. Blücher mutmaßte — und er wurde darin auch noch durch die oberste Heeresleitung bestärkt —, Napoleon habe die Rückzugslinie über den Vogelsberg nach dem Lahntale in Aussicht genommen. Infolge dieses Irrtums erfolgte der Marsch der Verbündeten in dieser Richtung über Gießen. Blücher logierte damals im Hotel „Einhorn". Wann dieses gewesen, ist aus der Liste der „Ans- und Einpassierten in der Stadt" nicht zu ersehen. Vermutlich weilte Blücher am 4. und 5. November in hiesiger Stadt, wie sich aus nachstehender Bekanntmachung des Professors und derzeitigen Rektors Dr. Cämmerer schließen läßt. Der Rektor macht „auf ausdrücklichen Auftrag Sr. Exzellenz des Königlich Preußischen Feldmarschalls Freyherrn von Blücher" unter 5. November 1813 öffentlich bekannt: „1. Daß Se. Excellenz der hiesigen Universität nicht nur den Schutz von Seiten der hohen Alliirten im allgemeinen, sondern auch im besonderen Ihre eigene kräftige Unterstützung in vorkommenden Fällen auf das humanste und liberalste zuzusichern die Gnade hatten; .„ t t 2. daß die Vorlesungen nunmehr nrcht den 8., sondern den 15. dieses Monats um so gewisser ihren Anfang nehmen werden, da bis dahin der Durchmarsch der alliirten Armeen durch hiesige Gegend beendet seyu werden, und Se. Excellenz der Herr Fcld- marfchall als Beweis Ihres hohen Schutzes für die hiesige Stadt die möglichste Schonung in Rücksicht der Einquartierung zu versprechen die Gnade hatten." Dieser öffentlichen Bekannttnachung vom 5. November ging eine Unterredung am Tage zuvor mit Blücher voraus, in der der Rektor für Universität und Stadt um schonende Behandlung seitens der Alliierten bat. Diese Bitte war nötig, da weder in Gießen noch im Hauptquartier Blüchers der Abschluß des Vertrags von Dörnigheim vom 2. November bekannt war, demzufolge sich der Grotz- herzog von Hessen an die Verbündeten anschloß, zumal die Verhandlungen geheim geführt wurden. Hatte doch noch am 4. November zu Mannheim, wohin Großherzog Ludwig I. gefluchtet war, der französifche Gesandte Vaudeuil vom Großherzog eine bestimmte Erklärung verlangt, welcher Partei er sich in Zukunft anschtteßcn Zn Ehren Blüchers fand damals ein Festmahl statt, bei bem der Kommandarft Nagel auf den greifen Feldmarschall einen Toast ausbrachte, der mit den Worten schloß: „Gut deutsch oder an den Galgen." e Kaufmännisches Deutsch. Der Zweigverein Elberfeld des Allgemeinen Deutschen Sprachvereins hat int vorigen Jahre ein Rundschreiben „an die deutsch- gesinnte Haudelswelt" versandt, in dem ein Kaufmann den unschönen Gebrauch überflüssiger Fremdwörter tm Geschäftsverkehr geißelt und beweist, wie leicht es ist, bei einigem guten Willen auch in diesem reines Deutsch zu schreiben. Er sagt: „Ich beehre mich, Ihnen mitzuteilen, daß ich in Zukunft auf