Miiwoch den 3. Aeöruar äTJfsnÜ K «611 (Nachdruck verboten.) Wssa Jalcsnieri. Von RichardVoß. Zweiter Band. (Fortsetzung.) Gestern war ich in Rom, um Assunta Neri spielen zu sehen. Sie gab die „Kameliendame". Was ist das nur mit dieser Frau?! Ihre Kunst hat etwas so Verschleiertes, Geheimnisvolles, Sphinxhaftes. Es ist wie ein Mysterium. Die Kunst der Assunta Neri, die im Grunde genommen gar keine Kunst ist, beunruhigt und erregt mich bis in alle Nerven hinein. Ich muß in Erfahrung bringen, welche Bewandtnis es damit hat; denn es steckt etwas dahinter, etwas, was sich groben Organen verbirgt. Mir ist, als konnte die Kunst der Neri, die -die natürlichste Natur ist, nur eine Frau unvollkommen begreifen? Vielleicht nur eine unglückliche Frau? Ob ich sie dann Wohl verstehen würde? Ich will ja aber nicht unglücklich sein! Wieder war ich in Rom; und — denke Dir: ich habe Assunta Neri besucht! Sie empfing mich; aber sie ließ mich antichambrieren. Das gefiel mir von ihr. Wir große Damen, mögen wir gegen die Kunst auch noch so bezaubernd liebenswürdig sein, sind auch den größten Künstlern gegenüber stets protegierend, gnädig, herablassend und unausstehlich hochmütig. Hier ist endlich einmal eine große Künstlerin, die sich herabläßt, gnädig gegen eine große Dame zu sein. Ich hätte die Frau für ihren sublimen Hochmut umarmen mögen. Also: Ihre wirkliche Hoheit Assunta Neri hatten die Gnade, mich armes Prinzeßlein zu empfangen und zwar in einem höchst einfachen schwarzen Kleid. Ihre Hoheit hatten, trotzdem ich lange warten mußte, nicht einmal Toilette für Mich gemacht. Die große Tragödin sah sehr elend aus und war gar nicht schön — absolut nicht schön! Ihr Teint ist direkt häßlich. Dabei war sie nicht einmal gepudert. Ihr großes dunkles, müdes Auge wirkt im Zimmer fast noch mehr als auf der Bühne, »rnd ihr Mund ist geradezu entzückend melancholisch, Sie hat Augen, die viel geweint, Lippen, die viel geseufzt und geschluchzt haben müssen . . . Sie war nicht liebenswürdig. Sie war wirklich ganz und gar nicht liebenswürdig! Aber ich dachte: „O, das tut nichts. Sei Du nur recht unliebenswürdig. Du wirst gewiß noch anders werden. Ich versichere Dich ,meine große Dame: Du wirst! Denn ich !vill dahinter kommen, weißt ®u; und was ich einmal will —" Wir hatten uns gesetzt. Da sie beharrlich schwieg, so mußte ich schließlich reden. Es fiel mir nicht ein, ihr zu sagen, was man ihr gewiß gewöhnlich faßt. Also nichts von Bewunderung, Entzücken, Ekstase — nrcht ein Wort! Das kam ihr denn doch sehr merkwürdig vor. Sie betrachtete mich mit mattem Erstaunen, und ihr verwunderter Blick schien zu fragen: „Was bist denn Du für ein sonderbares kleines Wesen? Und was willst Du eigentlich bei mir? Wir beide haben nichts mit einander zu schaffen, absolut gar nichts!" Aber ich wollte sie schon liebenswürdig bekommen; o, ich wollte — Also war ich denn charmant: ganz einfach, durchaus natürlich charmant! Ich plauderte, wie das eben meine Art ist, von Himmel und Hölle, von Menschen und Dingen, von Toiletten und Spitzen, von offenkundigen Skandalen und verschwiegenen Liaisons; kurzum, von allem Möglicher^ und Unmöglichen unter der Sonne ,nur nicht ein Wort von Assunta Neri — nicht ein Wort! Mit unaussprechlicher stummer, duldender Verachtung hörte die große Tragödin mir zu, sagte nicht eine Silbe — sagte mit jeder Miene, jedem Blick: „Ich höre Dich nur an, weil ich Dich studieren will. Vielleicht kann ich einmal dieses oder jenes von Dir auf der Bühne brauchen — wenn es mir der Mühe lohnen sollte. Wer ich glaube schwerlich" Ich sprach von der großen Welt. Sie erwiderte in einem ganz impertinenten Tone: „Ich weiß nichts von der großen Welt. Sie geht mich nichts an, sie existiert nicht für mich Was sollte ich wohl mit diesen Leuten anfangen? Sie imitieren? Wenn ich eine große Dame vorstelle, so bin ich eben eine große Dame. Ich bilde mir ein, daß ich es vom Kopf bis zu Füßen bin. Aber im Leben — ich wüßte nicht einmal, wie ich mit diesen Leuten reden sollte." Ich, machte mein reizendstes Lächeln und sagte so recht unverschämt nachlässig: „Es ist wirklich! gar nicht so schwer, alles kommt lediglich auf eine gewisse große Manier an. Uebrigens können Sie es ganz gut. Man muß nur mit diesen Leuten mitunter etwas insolent sein." Jetzt machte sie denn doch große Augen' Ich dachte: „Aergere Dich nur, ich bekomme Dich doch." Dann warf ich hin: „Sie haben sehr recht. Was täten Sie auch mit uns? Wir sind gar so entsetzlich öde. Die reinen Attrappen! Noch dazu Attrappen ohne jeden Inhalt. Eine Frau Ihres Schlages muß uns von ganzem Herzen verachten." Jetzt fixierte sie mich: ,Höre, Du kleines Wesen! Bist Du etwa auch eine Komödiantin? So eine Salon-Neri! Erspare Dir die Mühe, mit mir kannst Du Dich ja doch nicht messen.' Tas kann ich auch wahrhaftig nicht. Zwar sind wir große Damen große Komödiantinnen; aber die Assunta Neri — 70 Ist keine Komödiantin. Und das — gerade das ist ihr Genie! Sie war jedoch entschieden geärgert, und das — gerade das freute mich! Mit einer wunderoolten Geberde der Langeweile, der Erschöpfung und des Ueberdrusses meinte sie: „Diese Leute verstehen nur, was sie selbst sind. Eher könnte dem Volke Kaviar schmecken, als daß diese Leute begriffen, was Kunst ist. Da quälen sie mich ewig mit ihren gedankenlosen Fragen: „Nicht wahr, es ist furchtbar schwer, so .natürlich zu spielen wie Sie? . . ." Solcher Unsinn! Es ist gar nicht schwer. Nichts ist leichter. Es wird zum Beispiel „Odette" gegeben. Ich stelle die Odette dar. Nun gut! Ich ziehe mich an, gehe'auf die Bühne und — bin eben Odette. Es ist ganz selbstverständlich, daß ich dann Odette bin. Ich kann mir, bin ich diese Frau, unmöglich vvrstellen, daß ich einmal die „Kameliendame" oder „Feodora" oder „Nora" gewesen bin, daß ich jemals etwas anderes sein werde als „Odette" . . . Und dann machen die Leute solches Geschrei davon. Es degoutiert mich." Ich dachte: ,Aha, meine Liebe! So bist Du also? Jetzt sprichst Du selber von Dir. Ich tat es nicht, meine Liebe. Ich mache kein Geschrei davon, obgleich ich auch zu „diesen Leuten" gehöre.' „Man merkt Ihnen an, daß bei Ihrem Spiel absolut keine Kunst ist", meinte ich, genau so gleichgiltig, wie wenn ich meinen Fächer hinlege." Sie wurde immer gereizter, nervöser, geärgerter. „Ich hasse das Komödienspielen. Schon als ganz kleines Kind haßte ich es; denn schon als ganz kleines Kind mußte ich spielen. Es war mir widerwärtig. Ich zeigte. es dem Publikum so deutlich wie möglich spielte so gleichgiltig wie möglich — geradezu unverschämt gleich- giltig. Das Publikum hätte mich von Rechts wegen auszischen müssen. Es zischte mich nicht aus, sondern ließ sich meine Unverschämtheit gefallen. Das war aber auch alles; denn keinem Publikum fiel es ein, viel Wesens von mir zu machen oder mich gar für ein Unikum zu halten . . . Ich spieltS in der Truppe meiner Eltern, die aus dem Komödienspielen ein Handwerk machten — schon seit Generationen. In meiner Familie muhte die Kunst schon seit Generationen nach Brot gehen. Dadurch wurde sie mir nur um so widerwärtiger. „Natürlich! Ta die echte Künstlerin lediglich der Kunst wegen da ist", sagte ich mit einem kleinen Lächeln, welches entzückend infam war. „Ich spielte damals Theater, weil ich in Gottes Namen Theater spielen mußte; und jetzt spiele ich —" „Um den Ruhm?" „Nein! Um das Geld. So wird man schließlich — wenn man mit dem Ruhm nichts anzufangen weiß, wenn der Ruhm einem genau so gleichgiltig ist wie alles im Leben." „Wie wurden Sie eigentlich so weltberühmt? Jetzt darf ich Sie ja wohl danach fragen!" „Wie ich berühmt wurde? Durch eine Brutalität des Publikums." „Wirklich?" „Kein Mensch kümmerte sich um mich. Ich spielte, spielte, spielte. Wir zogen von einer kleinen Stadt zur anderen. In jeder Stadt spielte ich, in jeder Stadt wurde ich geduldet, bisweilen so obenhin beklatscht, und — das war alles! Durch einen Zufall kam ich zu einer anderen größeren Truppe. Wir zogen von Stadt zu Stadt, ich spielte, spielte, spielte. Auch in den größeren Städten mochte kein Puflikum mich leiden; aber jedes Publikum nahm mich so hin. Wir kamen nach Rom und spielten im Balletheater. Ich war noch nicht aufgetreten. Zugleich spielte ich in Nom die M....., eine der größten Künstlerinnen, die Italien jemals gehabt hat. lieber ein Menschenalter hatten ihre lieben Landsleute ihr zugejauchzt, sie auf Händen getragen, Ete einen „Stern" Italiens genannt. Aber die Frau war mrüber alt geworden; und ihre lieben Landsleute mochten die alte Frau auf der Bühne nicht mehr sehen — da sie noch immer die „Kameliendame" und die „Feodora" spielte. In Rom wurde ihr Fall geplant, vorbereitet und ausgeführt. Tie erste beste Debütantin sollte auf den Schild gehoben werden, damit die alte Künstlerin von ihrem Thron herabgestürzt würde. Tiefe erste beste junge Debütantin für die Römer war zufällig ich/' „Und?" „Und man bejubelte mich . . . Man bejubelte die erste beste junge Debütantin so toll; man schwieg die alte große Künstlerin so tot, daß ich berühmt wurde und sie vergessen ward." „Sie müssen aber doch genial gespielt haben! Jetzt darf ich's Ihnen ja wohl sagen." „Genial, genial! Ich spielte nicht anders, als ich immer gespielt hatte. Ich spielte, wie ich meiner Natur nach spielen mußte. Bis dahin hatte sich keine Seele um mein natürliches Spiel gekümmert. Und jetzt plötzlich diese Römer! Sie taten, als wäre im Balletheater die Schauspielkunst vom Himmel herab auf die Bühne gefallen. Ich .verstand gar nicht, was sie mit ihrem Rasen eigentlich meinten. Ich hatte meine Rolle wie immer leidlich gut auswendig gelernt und nach meiner Art abgespielt. Das war alles." „In welchem Draina debütierten Sie damals in Rom?" „Jn der „Agrippina" von Cola Campana." „Von dem Tichter-Grafen?" „Kennen Sie ihn?" „Gar nicht. Er ist ein toter Mann." „Weil er nicht mehr schreibt? Das ist für ihn ein Glück." „Sie meinen, weil er kein Talent hat?" „Weil sein Talent einer anderen Zeit angehört: einer vergangenen, überwundenen." „Glauben Sie nicht, daß er noch einmal wieder lebendig werden könnte?" „Ich will es ihm nicht wünschten. Ter Tod ist etwas zu Herrliches." „Auch der geistige Tod?" „Wenn es nur Tod ist! Es darf freilich kein Scheintod sein." „Solches Auferstehen ist aber doch rech unangenehm! Tie lieben Angehörigen haben bereits die Anzeigen verschickt, die Kondolenzen empfangen, die Trauer angelegt; und auf einmal wird der gute Mann wieder lebendig." „Lasen Sie eigentlich etwas von Campana?" „Kaum. Sie wissen, wie ungebildet wir Damen der großen römischen Welt sind. Für uns besteht die Literatur aus einem halben Dutzend französischer Romane." „In Deutschland schreibt eine große Dame Komödien, die ich spiele." „Ach, diese Gräfin — Wie heißt sie doch gleich? Sie soll charmant sein." „Sie ist eine vornehme Frau." „Bisweilen verkehren Sie also doch in der vornehmen Welt?" „Man quält mich so." „Sie Arme! . . . Haben Sie Campana jemals gesehen ?" „Nein. Er schrieb mir einmal — eben nach jener ersten Aufführung seiner „Agrippina". Ich bin ihm sogar Dank schuldig." „Wie liebenswürdig Sie sind!" „Er tadelte mich weil ich keine Verse sprechen könnte, überhaupt nicht die sogenannte große Tragödie zu spielen verstünde. Er riet mir, nur in Stücken moderner, womöglich hypermoderner Autoren aufzutreten. Er nannte mich eine hypermoderne Frau. Ich war für ihn sozusagen ein Extrakt des ganz neuen modernen Frauengeschlechts." „Merkwürdig!" „Das geflügelte Wort über mich: ,die Hroße moderne Nervöse' rührt von ihni her. Er kannte mich gut: besser als ich mich selbst dainals kannte. Allerdings war ich selbst mir schon damals höchst gleichgiltig." „Tas begreife ich. Trotzdem befolgten Sie Campanas Rat?" „Meine eigene Natur trieb mich dazu." „Und Sie hörten nie wieder von ihm?" „Ich weiß nicht einmal, wo er jetzt lebt." „In der Villa Falconiert. Er ist in Frascati mein Nachbar." „Also kennen Sie ihn?" „Nein. Lebendig Begrabene machen keine Visiten." „So besuchen doch Sie ihn." „Er würde mich wahrscheinlich gar nicht empfangen. Diese Künstler sind bisweilen etwas sonderbar." „Wir sind halbe Narren." Eie sagte dies auf das liebenswürdigste. Sie war? 71 überhaupt plötzlich reizend — geradezu reizend! Ein Bild melancholischer Anmut. Ich hätte sie umarmen mögen. „Jetzt darf ich Ihnen ja wohl auch danken?" „Wofür?" „Für die ,Kameliendame'." „Wollen auch Sie mir Komplimente sagen?" „Ich möchte Ihnen danken, weil Sie mir gezeigt haben, wie ich einmal sterben werde. Sie müssen nämlich wissen, daß ich die Schwindsucht haben soll. Seitdem ich Sie sterben sah, fürchte ich mich gar nicht mehr vor dem Tod." „Aber Sie sind ja charmant!" „Ich glaubte bis jetzt immer, der Tod wäre etwas sehr Häßliches. Ich habe mir indessen vorgenommen, so schön zu sterben, wie Sie als ,Kameliendame' sterben." „Dann müßten Sie lieben und durch Ihre Liebe zu Grunde gehen. Schön sterben wir Frauen nur dann, wenn wir als Liebende sterben." „Als unglücklich Liebende natürlich?" „Was wollen Sie? Wir Frauen lieben immer nur unglücklich." „Ich will es mir überlegen . . . Sie sollen ja selbst sehr krank sein?" „Kränker als das Publikum glaubt. Ich werde einmal sicher auf der Bühne sterben. Und das Publikum wird mir applaudieren, weil ich es so natürlich tat." Sie wurde immer reizender. Ich fand sie einfach entzückend. „Wenn ich es vorher wüßte, würde ich mir eine Loge nehmen. Was für einen Kranz wünschen Sie sich von mir: weiße oder gelbe Rosen?" „Ums Himmels willen nur keine Blumen! Ich werfe sogleich alle Blumen fort. Ten Lorbeer hasse ich geradezu. Es gibt kein gemeineres Laubwerk. Dornenkränze sollte man mir werfen." „Ich mache Ihnen eine Liebeserklärung! Wissen Sie was? Sie sollten mich in Frascati besuchen." „Ich muß Komödie spielen, Geld verdienen. Ich muß sehr viel Komödie, spielen; denn ich muß sehr viel Geld verdienen." „Sie lieben also wirklich das Geld?" „Ich brauche es." „Geld ist so häßlich. Ihre Toiletten müssen allerdings geradezu ein Vermögen kosten." „Ich bin zu müde, mich anzuziehen. Ich bin überhaupt so müde, so müde." „Man kann das werden . . . Sie wollen mich also nicht besuchen?" „Nein. Sie sind mir eine zu große Dame." „Schade! Wir hätten zusammen in die Villa Falconieri eindringen können." „Damit Sie den armen Toten aufwecken?" „Es ist ja ein alter, fetter Mann." Sie lächelte. Ta umarmte ich sie! Ganz einfach umarmte ich sie. Ich mußte sie umarmen; denn sie war zu reizend, als sie lächelte. Dabei sah sie müde aus, „so müde". Mit der Mieue einer gelangweilten Königin ließ sie's geschahen, daß ich ihr huldigte. (Fortsetzung folgt.) Zur Iarmstädter Wergiftungsaffäre. Tr. P. Meißner schreibt im „Tag": Tie tragischen, einer Katastrophe ähnlichen Ereignisse in der Alicen-Kochschule zu Darmstadt sind bei oberflächlicher Kenntnis und Beurteilung wohl geeignet, die schwerste Besorgnis und Beunruhigung in die Bevölkerung zu tragen, und daher erscheint es angebracht, aus das Wesen derartiger Vergiftungsfälle etwas näher einzugehen und aus den bisher bekannten Tatsachen das Glaubhafte herauszuschälen und damit von vornherein allen ängstlichen Phantasien vorzubeugen. Der Tatbestand, wie er nach den bisherigen Nachrichten vorzuliegen scheint, ist folgender: In der Alicen-Kochschule zu Darmstadt speisen und lassen sich speisen täglich eine Reihe von Menschen, An jenem bewußten Tage waren es an der Zahl 52, welche ihre Speisen aus der Küche der Altcen-Köchschnle empfingen. Wie es bei derartigen Kochschulen zu sein pflegt, so war auch hier das Prinzip der größten Sparsamkeit maßgebend, und es wurden daher gewisse Zubereitungen wohl auch zu Lehrzwecken in der Kochschjule selbst vorgenommen. Hierher gehörte auch das Einmachen von Gemüsen in Gestalt von Büchsenkonserven. So waren wohl im Sommer des verflossenen Jahres auch Bohnen als Büchsenkonserven unter Leitung der Vorsteherin oder von dieser selbst eingemacht. An jenem Unglückstage nun sollte dem täglichen Menii auch Bohnensalat hinzugefügt werden, und es kamen dafür selbstverständlich in der Winterzeit die konservierten Bohnen in Frage. Beim Oeffnen der Konservenbüchsen nun fiel es bereits einer Kochschülerin auf, daß die eine Büchse ein sehr eigentümliches Aussehen ihres Inhaltes und einen heftigen Geruch hatte. Trotz des warnenden Einspruches der Kochschülerin äußerte sich die Vorsteherin, so wird berichtet, daß das nichts zu sagen habe, die Bohnen seien brauchbar. Und so wurde denn dieses Gemüse den übrigen in keiner Weise durch Geruch oder Aussehen auffallenden Bohnen anderer Büchsen zugemischt und aus diesen der Salat bereitet. Um die Richtigkeit ihrer Auffassung zu beweisen, aß die Vorsteherin eine ganz besonders große Portion dieses Salates und starb als eines der ersten Opfer. Im ganzen haben von diesem Salat 52 Menschen erhalten. 26 von ihnen haben den Genuß wegen des schlechten Aussehens und Geruches vermieden, 26 andere haben davon! gegessen, und von diesen sind bisher 16 erkrankt und neun gestorben. Dieser traurige Tatbestand sagt uns zunächst folgendes: Es kann sich bei der Vergiftung lediglich um ein Gift gehandelt haben, welches in der Büchse mit den sogenannten verdorbenen Bohnen enthalten war. Wenn wir uns nun überlegen, in welcher Weise grünes Büchsengemüse in einer Konservenbüchse verdirbt, so kann zweierlei eintreten: Tie Verlötung oder der Verschluß der Büchse kann so ungenügend sein, daß Schimmelpilze in dieser wuchern, oder aber die Bohnen können von dem Metall der Büchse etwas aufnehmen und so als metallisches Gift auf den Organismus wirken. Es wäre nun höchst auffallend, wenn unter den zahlreichen Büchsen selbsteingemachter Bohnen gerade diese eine Aufnahme von Metall in das Gemüse möglich gemacht hätte. Auf der anderen Seite würde selbst ein erheblicher Gehalt an Blei oder Zinn keinesfalls einen üblen Geruch bewirkt habeu können. Gemüse oder sonstige Konserven, welche infolge ihres Säuregehaltes vom Metall der Büchse Teile aufnehmen, können vielleicht an äußerem Aussehen verlieren, werden aber niemals deswegen schlecht oder gar übel riechen. Wenn man nun auf der anderen Seite den Verlauf der Erkrankung ins Auge faßt, so muß man sagen, daß er ein ganz eigentümlicher ist, und zwar deswegen, weil der Tod nicht Bet allen in der gleichen Zeit eingetreten ist, sondern in recht langsamen! Verlauf der Erkrankung das Ende bildete, d. h. einige der Opfer starben schnell, andere mehrere Tage, wieder andere beinahe acht Tage später. Tiefe Form der Vergiftung läßt für jeden Arzt schon den Verdacht auskommen, daß es sich hier um eine Vergiftung mit einem Alkaloid handelt resp. mit einem sogenannten Piomain. Ueber die Natur dieser Körper wird sich nachher noch Gelegenheit finden, einiges zu sagen; jetzt sei nur hervorgehoben, daß diese Piomaine piemals aus Pflanzen, in diesem Fall Gemüsen, entstehen, sondern immer das Vorhandensein von Fleisch in irgeno welcher Form voraussetzen. Und so erscheint die Vermutung nicht unberechtigt, daß sich in der fraglichen Konservenbüchse außer dem Gemüse auch Fleisch befunden habe oder wenigstens doch Fleischreste, welche in die Büchse nicht hineingehörten. Wie ist das möglich? Tas neueste Telegramm aus Darmstadt ist geeignet, hierüber Auskunft zu geben. Dieses besagt nämlich, daß die betreffende Büchse aus Metall bestand und mit einem Teckel verschlossen wurde unter Zwischenlegung eines Gummiringes und nachheriger Verlötung des den Teckel haltenden Bügels. Aus dteser Mitteilung können wir mit ziemlicher Sicherheit den Schluß ziehen, daß diese Büchse eine von denen war, welche für wiederholten Gebrauch bestimmt sind. Man kann also annehmen, daß die Biichse vor ihrer Verwendung für Bohnen anderen Zwecken gedient hat. Natürlich ist es dann naheliegend anzunehme:., daß sich darin vielleicht von früherer Verwendung her Fleischreste befunden haben. Tiefe Fleischreste nun sind unter Einwirkung von Spaltpilzen zersetzt worden, und dadurch ist das Gift entstanden, dem die unglücklichen Opfer anheimfielen. So scheint sich vorläufig der Tatbestand zu ergeben, soweit Nachrichten vorliegen. Etwas Sicheres wird man erst nach Abschluß der von Herrn Geheimrat G a f f k y in Gießen vorgenommenen Untersuchung sagen können 72 Im allgemeinen Interesse muß zunächst festgestellt werden, daß es sich bei dieser Vergiftungsaffäre keineswegs um eine Vergiftung handelt, die durch die Konservenbüchse als solche hervorgerusen wäre. Es Hst demnach auch voll- kominen unberechtigt, aus den Darmstädter Ereignissen heute etwa folgern zu wollen, daß der Genuß von Büchsenkonserven zu irgendwelchen Bedenken berechtige. Es handelt sich in diesem Falle fraglos um eine Speisevergiftung in dem Sinne, daß eine sonst zu Ernährungszwecken dienende Speise infolge von Verunreinigung »giftig wurde. Wie schon oben angedeutet, dürfte es sich um die Bildung sogen. Ptomaine handeln. Mit dem Namen Ptomaine, richtiger gesagt: Ptomatin, bezeichnen wir die Stoffwechselprodukte der Mikroorganismen, welche stickstoffhaltig und basisch sind. Man bezeichnet sie, soweit sie als Gifte wirken, wohl auch mit dem Namen Toxine. Diese Körper, welche an Giftigkeit alle sonst uns bekannten Gifte zu übertreffen scheinen, entstehen als Stoffwechselprodukte der Spaltpilze, wenn diese tierisches Material als Nährstoff verarbeiten. So bilden sie sich in jeder Leiche, in jedem toten Stück Fleisch unter bestimmten Voraussetzungen, nämlich; unter der, daß Mikroorganismen vorhanden sind. Tie bekannteste Form der Ver- giftung dieser Art ist die sogen. Wurstvergiftung, der Botulismus oder die Allantiasis. Tie Vergiftung entsteht durch ein Stoffwechselprodukt des Bazillus botulinus und gehört mit zu den schwersten Vergiftungen, die wir überhaupt kennen. Wenn sie auch ihren Namen von der Fleisch- präparation hat, die man gewöhnlich als Wurst bezeichnet, so kommt sie audji bei allen möglichen anderen Fleischformen vor. So wurde beispielsweise eine leichte Vergiftung mit Wurstgift bei einem Manne beobachtet, welcher eine in einer Blechbüchse konservierte Krickente verzehrte. Mit anderen Worten ansgedrückt: man kann bei jedem Fleisch und bei Fleischresten unter Umständen die Bildung des Botulismusgiftes befürchten, da man die Anwesenheit jenes Bazillus nicht absolut ausschließen kann. Allerdings gilt das nur für Fleische und Leichenteile, die einer geeigneten Behandlung nicht unterworfen worden sind. Ja, man tarnt glücklicherweise sagen, daß jener Bazillus so ungemein anspruchsvoll in seinen Lebensbedingungen ist, daß er nur höchst selten zur Entwicklung gelangt. Dies ist auch der Grund, daß wir so relativ wenige Fälle von Wurstvergiftung kennen. Es ist mitt natürlich nicht gesagt, daß sich bei Speisenvergiftungen im genannten Sinne nicht auch andere Ptomaine bilden können. Es sei möglich, daß auch andere Spaltpilze, welche bei der Fäulnis ja in reicher Zahl vorhanden sind, derartig hochgiftige Stoffe erzeugen. Die sichere Vermeidung ist leicht durch ein energisches Kochen der zu konservierenden Fleischsorten zu erreichen. In dem uns beschäftigenden Fall nun scheint sich das totbringende Gift in den Resten irgend einer Fleischsorte oder eines Fleischpräparates gebildet zu haben, und- derartige Fälle werden ja, wie man zugeben muß, zu den allergrößten Seltenheiten gehören. Tie Lehre nun, welche man aus diesem traurigen Ereignis ziehen muß, ist die, daß die Herstellung der Nahrungsmittel- konserven durch Laien und im privaten Leben immerhin ein gewagtes Stück ist. Man überlasse das den mit allen hygienischen Einrichtungen wohl ausgestatteten, der gesundheitspolizeilichen Ueberwachung ausgesetzten Fabriken. Tes weiteren aber begehe man weder den recht traurigen Heroismus noch die bei weitem bedenklichere Sparsamkeit, eine Speise für gut zu halten, vor deren Gebrauch der Unbe- faugene durch Geruch und Gesicht gewarnt wird. De mor- tuis nil nisi bene. An diesen Spruch will ich gern denken, und doch trifft die verstorbene Leiterin der Kochschule eine schwere Schuld, und es ist unfaßbar, daß diese augenscheinlich nicht normalen Bohnen trotz der Warnung ihrer Schülerin verwandt wurden. Tie von Herrn Geheimrat Gaffky porzunehmende amtliche Untersuchung ist noch nicht abgeschlossen, wird aber sobald wie tunlich der Oeffentlichkeit übergeben werden. Tie Bevölkerung darf aber, wie schon eingangs betont, keinesfalls aus dem Ereignis den Schluß herleiten, daß der Gebrauch von Büchsenkonserven gefährliche sei, vorausgesetzt, daß sie aus gut eingerichteten Fabriken stammen. Was allerdings in Privathäusern hier und da als Konserven produziert wird, dürfte immerhin mit flrößerer Vorsicht aufzufassen sein. Der ungemein lang- ame Verlauf der Erkrankung, welche erfahrungsgemäß die Gefahr eines tötlichen Ausganges kaum vor Ablauf von 14 Tagen ausschließt, läßt leider auch heute noch die ernstesten Befürchtungen für die acht am Leben befindlichen Erkrankten hegen. Hoffen wir, daß es der Kunst der Aerzte gelingt, sie dem traurigen Geschick ihrer Vorgänger zu entreißen. ____________ Literarisches. — Der „Tiger des Meeres". Diesen Beinamen führt nicht mit Unrecht der Schwertwal (Orca gladiator), der gefürchtetste Feind der Seehunde und der Schreck der Riesenwale. Er frißt Robben und greift in Gesellschaft die gewaltigsten Grönlandswale an, überwältigt und zerfleischt sie. Ter berühmte dänische Walforscher Eschricht untersuchte ein fünf Meter langes Exemplar dieser „Mörder" (killer), wie sie die englischen Seefahrer nennen, und fand in seinem Magen 14 Seehunde und 13 Braunfische! Ein halbes Tutzend Schwertwale soll imstande sein, den größten Grönlandswal zu zerreißen, wie Pros. Tr. W. Marshall in der soeben ausgegebenen 22. Lieferung seines volkstümlichen Prachtwerkes: „Tie Tiere der Erde" (Stuttgart/ Deutsche Verlagsanstalt) mitteilt. Diese Lieferung bringt den Schluß des die Paarzeher behandelnden Abschnittes und beginnt dann den über die Waltiere; der beigegebene prächtige Farbendruck stellt Hausrinder aus den schottischen Hochlanden dar. Sämtliche Abbildungen dieser populären Tierkunde sind ausnahmslos nach photographischen Aufnahmen lebender Tiere hergestellt, wodurch sie in illustrativer Hinsicht ganz einzig dasteht. Die Ausgabe erfolgt behufs Erleichterung der Anschaffung in 50 Lieferungen zu je 60 Pfg. Cotta'scheHandbibliothek. Hauptwerke der deutschen und ausländischen schönen Literatur in billigen Einzelausgaben. Stuttgart und Berlin, Verlag der I. G. Cotta'schen Buchhandlung Nachfolger G. m. b. H. Tie „Cotta'sche Handbibliothek", das neue Unternehmen des Cotta'schen Verlags, hat eine weitere wertvolle Bereicherung erfahren. Tie Vorzüge dieser in Druck und Papier trefflich ausgestatteten Sammlung treten auch in den neuen Bänden zutage. Namentlich wird es freudig begrüßt werden, daß wieder verschiedene Werke, deren ausschließliches Verlagsrecht der Cotta'schen Buchhandlung zusteht, Aufnahme gefunden haben. Tas Gedächtnis Herders, dessen hundertster Todestag int Dezember v. I. begangen wurde, frischt eine Neu-Ausgabe der Volksliedersammlung: „Stimmen der Völker in Liedern" auf. „Lessings Leben" von Hugo Göring wird als biographisches Denkmal den Wünschen Vieler entgegenkommen. Werke von Jean Paul/ Otto Roguette, dem alten Darmstädter, u. a. vervollständigen die Reihe der bedeutenden Schöpfungen, welche für die Sorgfalt und Gediegenheit Zeugnis ablegen,~ mit der die Cotta'sche Handbibliothek zusammengestellt ist. Kleine praktische Maischläge. Wenn Pflanzen von der Kälte überrascht wu r d e n, ist es am besten, sie möglichst langsam auftauen zu lassen. Topfpflanzen bringt man daher, wenn man sie in ihrem bisherigen Lokal nicht vor weiterer Kälte schützen kann, vorsichtig und ohne die Pflanzen selbst zu berühren, in einen möglichst dunklen, kühlen Raum, z. B. einen Keller, wo es nicht friert. Im Freien bedeckt man die Pflanzen einfach mit Tüchern, Matten oder stülpt ein Faß oder eine Kiste darüber. Gleichung. Nachdruck verboten. (a—b) (c-d) + (e—f) + (g—h) --- x a Krankheit und deutscher Fluß b biblische Landschaft und ausgestorbenes Wild, c bekannter Badeort d Freude des Wirtes e Gewässer f Fürwort g Gewässer h chemischer Stoff z edles Getränk. Auslösung in nächster Nummer. Auflösung des Zahlenrätsels in vor. Nr.i Maskenball, Alma, Salm, Kabel, Elbe, Rast, Ball, Alk, Lama, Laban. Redaktion! August Götz. — Rotationsdruck und Verlag der Brühl'schen UniversttütS-Buch- und Steindruckerci. R. Lange, Gießen.