Montag den 4. Januar. 1904. W s GW M» WWZMs £ b ' " ' (Nachdruck verboten.) Wssa Jasconieri. ;: . i Bon Rich ard Voß. . i. Erster Band. : x (Fortsetzung.) ...... ” Rasch, wie es angefangeu, entwickelte es sich. Vor zwanzig Jahren im Frühling kam ich von meiner Vaterstadt Mailand nad) Rom, wo im Valletheater mit Salvini und der Tessavo die Premiere meiner „Agrippina" stattfand. Sie hatte lärmenden Erfolg. Mitten in dem Getöse packte es mich wie Wahnsinn. Und doch war viel reine Vernunft dabei. Denn zum erstenmal erkannte ich mich selbst. Es war nicht anders, als wäre ich plötzlich durch einen einzigen Blick in meine Seele hellsehend geworden. Ich erkannte, daß meine heimlichen angstvollen Zweifel recht behielten, daß alle meine Betäubnngsversuche nicht helfen konnten, mich auf die Dauer über mich selbst zu täuschen, daß mein sogenanntes Genie nicht einmal ein volles echtes Talent war. Ich erkannte in meinen famosen Jambentragödien die dramatische Hallucination, in meiner berühmten tragischen Leidenschaft das falsche Pathos, in meinen prächtig tönenden Versen den Schwulst. Mit einem Wort: ich erkannte, wie ich von einem Poeten nur den Namen besaß. Und ich erkannte ferner : mit unserer großen klassischen Ueberlieserung war es vorbei, die Zeit 'der Akademieen Näherte sich ihrem Ende. Eine neue Zeit brach wie eine Sturmflut herein, eine Zeit, welche die alte Kunst fortspülte, eine neue heranschwemmte. .... Mas für eine Kunst? 's Tas ivar die Frage! Als sichere Antwort konnte ich sagen, daß es meine Kunst nicht sein würde. Auch das erkannte ich: Wie du nun einmal beschaffen bist, wirst du mit deinen Werken in dieser neuen Äera der Tinge verloren fein und zu Grunde gehen. Sie werden dich und deine Arbeit gbtuu und fort- werfen wie unnütz, gewordenes Gerät. Mles stand vor mir gleicy -einer Vision. Ich sah alles in unbarmherziger Sa;ärfe, tote ich meine eigenen dichterischen Gesichte niemals erblickt hatte. Ich sah meine Zukunft als Poet und Mensch in dem Augenblick, da das Haus mir zusauchzte, und mich mit Lorbeeren und Mumen überschüttete. Tenn sie liebten Mich sehr. Und in demselben Augenblicke, da ich das Kommende «greifbar vor mir sah, sagte mir eine innere Stimme: Ein kranker Mensch gehört nicht unter lauter Gesund^ ein falsches Talent hat mit der wahren Kunst nichts gemein« Tu mußt dich selbst ausscheiden, ehe sie dich heißen beiseite zu treten. Tu mußt dich selbst begraben, bevor sie dich lebendig zu den Toten Wersen. Während der Aufführung, inmitten meines Triumphes, verließ ich das Theater; "und früh am Morgen, vov Sonnenaufgang, bestellte im mir ein Pferd und verließ Rom. Ich mußte etwas Großes, Feierliches erleben, etwas das meinen ganzen Menschen läuterte und erhob. So ritt ich denn durch die Porta San Giovanni bei! Morgenröte entgegen, in die Campagna hinaus. * Als die letzten Wohnstätten hinter mir lagen, als die schweigende Wildnis mich umgab, vor mir die Albanerberge, neben mir die Sabina tote schimmernde Wolkenzüge vom frühlingsgrünen Grunde der weiten Steppe sich aufbäumten; und als nur die steinernen Ungetüme der antiken Wasserleitung mit mir zogen, der Kirchhof der Weltgeschichte mit feinet: umblühten Grabstätten und brauiren Trümmerhaufen stch auftat — da ward mir in der erhabenen Ruhe zu Mute gleich einem, der sich selbst besiegt, der also auch das Leben bezwungen hatte. Keinen Ruhm mehr und keine Leiden; keinen Ehrgeiz und kein unerfülltes Strebet:; nie mehr große Wünsche und leuchtende Hoffnungen. Und nie mehr diese fürchterlichen, den Geist zerstörenden, das Herz zermalmenden Enttäuschunget:. lieber den: alt heiligen Berg Cavo ging die Sonne auf. Es war wundersam, vom Tage sich bescheinen zu lassen und detcken zu dürfen: der Tag wird für dich ohne Qualen sein. Deut: allein durch den bloßen Willen zur Verneinung des Lebens fühlte ich mich bereits von: Alpdruck des Lebens befreit. Einmal blickte ich zurück. Da lag Rom hinter mir zwischen' den Hügeln bet- funken. Nur die Peterskuppel stand an: Horizont wie ein lichtes schwebendes Himmels'zeichen und nicht tote ein Werk Von Menschenhand. Manchem ntochte das Bild als Simbvl gelten'. Bei einer völlig bilbisch wirkenden Cisterne vorbei, ant Fuß der Weinberge, ritt ich in die Höhe: aus einer Wüste heraus, brachten mich wenige Schritte in ein paradiesisches Gefilde, durch welches die Straße aufwärts nach Frascati führte. Ich ließ die helle, heitere Weinstadt hinter mir und lenkte mein Pferd durch einen Hohlweg dem Ruittenberg von Tusculum zu, wo ich vor vielen Jahren itt fröhlicher Gesellschaft einen köstlichen Sommertag verbracht^ hatte. Bei der Billa Tusculana stieg ich vom Pferde itnb' gab mein ent müden Tier in der schönen Wildnis, die das verschlossene Haus der Napoleonidet: umfing, freie Weide. Unterhalb der grasbewachsenen Schlotzterrasse lag, vost 6 hochstämmigem Lorbeer dicht umbuscht, ein kleines Käpu- zinerkloster, darin es zur Messe läutete. Selig die Einfältigen, die in diesen wonnigen Höhen, gleichsam über der Erde schwebend, einer göttlichen Idee dienen durften! Was sollte ich mit meinem Leben beginnen, der ich mich asketisch von allem Lebendigen lostrennen wollte? Ohne des Weges zu achten, schlenderte ich dahin: an Fragmenten eines halb vergrabenen prächtigen Marmvr- gebälkes, an zertrümmerten antiken Statuen und gestürzten Säulen vorüber. Ein Pfad, so bunt von Blumen, daß er tvie mit Edelsteinen bestreut erglänzte, führte mich hinter das weitläufige Gebäude und durch ein lose in den Angeln hängendes verrostetes Gittertor in einen kleinen quadratischen Garten, den mit schneeweißen Blumenwänden ein Wald von Laurustinus umschloß. Blühender Lorbeer streckte feine goldigen Zweige darüber. An der einen Seite stieß der reizende Ort an einen Anbau der Billa, die hier bis zum Dach hinauf gelbe und blaßrvte Kletterrosen bedeckten. Sie umrankten eingelassene Reliefs von höchster Anmut und einer wahrhaft hellenischen Heiterkeit. Inmitten des Gärtchens befand sich ein rundes Brunnenbecken, statt des Wassers mit Marienlilieir gefüllt. Die verwilderten Beete trieben in überschwenglicher Fülle Narzissen und Tulpen, Hyazinthen und Kaiserkronen. Jasmin und weiße Spiräen bildeten undurchdringliche Dickichte, darin Amseln und Bläudrosseln nisteten. Eine Welle von Wohlgerüchen schlug mir entgegen und die Morgensonne lag funkelnd auf jeder Blüte, jedem Blatt. Boll stillen Staunens durchschritt ich das Zaubergärtlein, trat an eine niedrige Brüstung und blickte in eine vom Silberschimmer der Oliven gefüllte Tiefe. Gleichsam versunken in der glänzenden Laubflut, sah ich aus mehrfach übereinander getürmten mächtigen Terrassen eine palastähnliche Billa mit langer leuchtender Fassade. Ueber der Säulenhalle des stark vorspringenden Mittelteils lag eine Loggia mit hoher schlanker Nische unter reistehender, prächtiger Dachbekrönung, während die Seiten- lügel eine festlich heitere Pfeilerarchitektur zeigten. Ber- chiedene monumentale Tore aus goldbraunem Travertin Durchbrachen einen doppelten Mauerkreis und führten zu einem Hain von Steineichen, der feierlich das königliche Haus umdunkelte. Hochstämmige Pinien mit breiten glänzenden Wipfeln entstiegen dem Dickicht eines verwilderten Parkes. Ein Rosenfeld schimmerte durch das vielfarbige Grim zu meiner Höhe empor. Ein schwermütiger Teich träumte einsam zwischen schwarzen Cypressen, Lange stand ich, schaute hinab und empfand den Feier- tagssrieden der schönen Stätte und wurde von einer tiefen Sehnsucht erfaßt. Tort ein nutzloses Dasein nicht unedel zu Ende zu führen, ein krankes Gemüt zu bestatten, eine müde Seele zur Ruhe zu bringen. . . . Daran dachte ich in meinem ungestümen Verlangen, mich selbst aufzugeben — nur daran!" Was ich in jener Traumstunde nicht bedachte: der Bauer, der im Schweiße seines Angesichts sein Feld bebaut, der Tagelöhner, der sein mühseliges Tagewerk redlich voll- bringt — diese Männer sind im Vergleich mit solchem Sohu des Weltschmerzes nicht nur achtbare Weltbürger, sondern auch nützliche Mitglieder der Gesellschaft. Indessen mein melancholisches Temperament, zugleich mit einer sybaritischen Neigung, in landschaftlicher "Schönheit zu schwelgen; mein Hang zur Träumerei und Einsamkeit — so viele heimlich wirkende Seelenkräfte nnter- jochten in jenem bedeutungsvollen Augenblick meinen ganzen Menschen mit der Gewalt eines entfesselten Ele- rnentes. . Ich bestieg wieder mein Pferd und ritt durch die Olivenwälder und Steineichenalleen hinunter. Ich ritt durch ein- ^ffenstehendes, mit großem Wappenschilde der- : ziertes Tor in eine Kastanienpflanzung und gelangte durch? ein zweites, sehr prächtiges, sehr barockes Portal/ darüber in tief eingegrabenen Lettern der Name: Horatius Faleo- uierus geschrieben stand, in den Steiueichenhain, dessen vom Sonnenlicht durchfunkelte Dämmerungen mich wie ein Mysterium umfingen. Jetzt befand ich mich! vor dem Hause. kein Mensch war zu sehen, kein .Laut zu hören. Sämtliche Türen waren geschlossen und die Fenster durch Läden verwahrt. Auf den breiten Wegen wuchs Gras, die vielen bizarr geformten Steinsitze und Tische unter den Steineichen bedeckte dichtes Moos, die Fontänen und Wasserbecken lagen trocken, mit Unkraut gefüllt. Ein purpurfarbiger Teppich von Cyelamen überzog die Terrasse; vor dem Hause wucherten, ungepflegt und un- gepflückt Rosen und eine baumstarke Cyelinie bildete, über Dem Eingänge zu dem ehemaligen Garten ein freistehendes Tor. Tie Ranken des schönen Baumcs waren bis in die Halle des Mittelbanes gekrochen, wo sie, die Säulen hinankletternd, von Bogen zu Bogen sich schwangen und die dort ausgestellten Büsten römischer Kaiser und Kaiserinnen jugendfrisch kränzten. Ich mochte das tiefe Schwelgen nicht stören, den eingeschlummerten Genius des Ortes durch den Rnf einer Menschenstimme nicht wecken. So ritt ich denn weiter, um nach einem Wächter des stillen Hauses zu suchen. Ein Tor aus prächtigen korinthischen Säulen, die auf breitem Postament zwei steinerne Löwen trugen, führte von der Terrasse in den Wirtschaftshof. Aber auch hier war alles Verfall und Verlassenbeit. Jetzt trabte ich langsam um das ganze Gebänoe, das, je weiter ich kam, umsomehr den Eindruck eines verwunschenen Schlosses machte. Plötzlich vernahm ich den leisen Gesang einer Frauenstimme. Ich hielt das Pferd an und lauschte. Die Stimme hatte solchen tiefen dunklen Klagelaut. Aber Ton nnd Melodie des melancholischen Ritornells paßten zum Hanse, als sei es dessen Geist, welcher sang. Tie Sängerin begann einen neuen Vers. Jetzt verstand ich die " Worte. Sie lauteten: „Blühende Ranken. . . Sieh, wie sie schwanken im Wind! Schlafe doch, schlafe, mein Kind — Schlaft, ach, schlaft doch, Gedanken!" Der Stimme folgend, war ich der Sängerin ganz hohe gekommen. An der Rückseite der Villa öffnete sich int Erdgeschoß eine breite Wölbung, durch die ich in einen Hof blickte. Mir gegenüber befand sich eine hohe Mauer. Wo der graue Kalkbewurf abgefallen war, glänzte altrömisches Netzwerk zwischen bläulichem Basalt hervor: ein Zeichen, daß der Palast aus beit Fundamenten einer antiken Villa errichtet worden war. Ter Hof mußte unmittelbar unter dem Rosengarten liegen; denn von dem Manerrand hoch oben stürzte sich sonnenbeschienen eine Flut weißer Bansiavosen in die kühlen Schatten nieder, mit den seinen, weichen Blüten den Torso einer antiken weiblichen Ge- wanostatne verschleiernd. Die schöne Figur staub bei der dicht mit zarten Nyrnp'henfarren bewachsenen Wand in einem von wilden Kallas nmwucherten Brunnen, Hier war auch die Sängerin. Sie saß auf dem Rand des Beckens, unter den blassen Mumen und gab ihrem Kinde die Brust, es zugleich mit ihrem schwermütigen Gesang einschläfernd. Die ganze Gestalt befand sich in dem Schatten, den der breite MütensaU der lang uiederhÄngenden Rvsenranken über den grünen Grund toßtf. Aber über dem Haupt der jungen Mutter leuchtete der blumige Schein wie eine märchenhafte Gloriole, So erblickte ich Maria zum erstenmal, * Sie char sehr schön. Bon einer fremdartigen herben und unnahbaren Schönheit, wie sie die Alten in Priester- innenstatuen und manche Präraffaeliten in ihren Madonnenbildern daraestellt haben. Aber ihre MarmorbMse und ein unbeschreiblicher Ausdruck von Schwermut milderten die Strenge des wunderbaren Gesichts, das, über den Säugling gebeugt, in dieser zärtlichen Haltung sogar etwas Holdseliges und rührend Jungfräuliches hatte. Ter Kopf war unbedxckt und ich sah die Pracht des goldbraunen Haares, das in schimmernden Wellen an den bleichen Wangen Hrrabflog und tief int Nacken zu einem Knoten zusammensestcht war. Dem -Anzüge nach schien sie eine Frau aus dem niederen Bürgerstmide zu sein; doch machte aus mich die ganze Srf«fe-h®ing sogleich den Eindruck, als wäre es dieser jungen Mutter vollkommen gleiehgiliig, ob sie ein Kleid aus Weide »der Kattun trüge. Ich, konnte mir keinen 7 — Grund für diese eigentümliche Vermutung angeoen; ich Hütte sie aber sogleich. Sie sah mich zu Pferde mitten ini Torweg halten, hob den Kopf ein wenig, unterbrach jedoch weder ihren Gesang, noch verhüllte sie ihre Brust. Sie sah mit einem teilnahmlosen zerstreuten Mick über mich hinweg,und senkte die Augen sofort wieder aus Has Kind. Geduldig wartete ich, bis der Säugling gestillt und fest eingeschlafen war. Jetzt verstunimte sie, schloß ohne jede Hast ihr Kleid Und stand auf. Wie sie mir langsam entgegenschritt, hatte ihre Haltung etwas, das mich veranlaßte, sie zu grüßen, als wäre sie eine Dame. Sie dankte mir kaunr. Ich fragte: „Schläft das Kleine. Hoffentlich störte ich nicht?" „Ich ließ mich nicht stören." Sie sprach zu meinem Erstaunen besser als gewöhnlich unsere Tamen sprechen, selbst unsere Damen der besten Gesellschaft. Doch sprach sie zu leise und ausdruckslos, gewissermaßen zu apathisch, als daß ich von ihrem Organ einen Eindruck hätte erhalten können. Aber gerade diese verschleierte Stimme berührte mich seltsam. Gleichgiltig waren auch ihre Bewegungen, gleichgiltig war die Haltung ihres Kopfes, war der Ausdruck 'ihrer Miene: gleichgiltig darüber, lvas die Menschen von ihr dächten, gleichgiltig gegen die Welt und das ganze Leben. Doch wie sie jetzt mit der Hand leise, leise über das Gesicht des schlafenden Kindes fuhr und es niit einen: Tuche bedeckte, lag in dieser stillen Bewegung ein ganzer Himmel von Zärtlichkeit. Und was für wunderbare Angen sie hatte! Jene hellen Ephinxaugen, die mir Italiener „weiße Augen" nennen. Cs gibt für diese farblosen und doch so leuchtenden Angen keinen bezeichnenderen Ausdruck. Ich wandte mein Pferd ins Freie zurück. Sie folgte mir. Als ich sie wieder ansah, flößte mir ihre prachtvolle, aber unbeschreiblich traurige Schönheit, jetzt voll von der Sonne beschienen, fast Schrecken ein. Jetzt erst sah ich auch, wie schlecht gekleidet sie war, nicht gerade ärmlich, doch sehr nachlässige Nur ihr herrliches Haar war gepflegt, und sie hatte die Hände einer Weltdame. Sie trug einen Ehering. Ich ließ mein Pferd neben ihr hingehen und begann von neuem ein Gespräcb: „Finde ich hier wohl jemand, der mir die Billa zeigt?" Sie erwiderte: „Mein Mann ist in der Oliveta Und unsere sämt- lichen Leute sind dort beschäftigt." „Ihr Mann Absichtlich stockte ich, lvas sie jedoch nicht beachtete. So mußte ich denn direkt fragen: „Hat Ihr Mann etwas mit dieser schönen Besitzung zu tun?" „Er ist Pächter der Tenuta, die zur Billa Falconieri gehört." „So heißt dieses Märchenschloß?" ■ „Es ist hier allerdings einsam." r Sobald sie etwas lauter sprach hatte ihre Stimme einen tiefen Wohllaut. Aber sie blieb eintönig und schwermütig. „Ich beneide Sie nm diese Einsamkeit!" rief ich aus. „O wirklich?" Sie sprach wie eine vornehme Dame, die eine ihr vollkommen gleichgiltige Konversation führt und der es ganz einerlei ist, ob die Leute sich bei ihr unterhalten oder nicht. „Befindet sich die Billa auch jetzt noch int Besitz der Falconieri? Verzeihen Sie, wenn ich Sie ausfrage; aber der wundersann; Ort hat es mir jedoch angetan." „Tie Falconieri sind nicht mehr Besitzer. Der letzte Fürst Falcottieri hat die Billa vor einigen Jähren verlassen — verlassen müssen." „Ich erinnere mich. Die Falconieri gehören zu den großen römischen Häusers!, die verarmten." „Bollständig, mein Herr. Ter alte Fürst wär in den letztes: Jähren so arm, daß er sich nicht die Ausgabe machen konnte, mit der Bäh« nach Rom zu fahren." Wenn der Fürst ssach Rom mußte, verkaufte er schnell für den ersten besten Preis eine der prachtvollen Pinien über Kastanien, durch welche die Villa berühmt war. Tie herrlichsten Bäume sind auf diese Art geschlagen worden, uno die alte Fürstin stickte im geheimen für Geld Altardecken und Meßgewänder." Lie machte mir diese Mitteilung in einer Art, als ob sie ebensogut hätte schweigen können. Aber ich war ihr dankbar, daß sie mir Gelegenheit gab, ihre Stimme zu hören. „Wie schrecklich muß es sein, aus diesem Paradiese als Bettler vertrieben zu werden", rief ich mit ehrlicher Teilnahme aus. „Ich bedauere diese Leute nicht." Tie schöne Stimme klang plötzlich hart. Sie beugte sich lief auf das schlafende Kind hinab; und ich konnte, als sie die herben Worte sprach, ihr Gesicht nicht sehen. In möglichst leichtesn Tone fragte ich: „Was taten Ihnen die armen Leute, daß Sie so wenig mitleidig sind?" Fast hätte ich hinzugefugt: „nsit solchem Madvnnengesicht!" * Gelassen erwiderte sie: „Tiefe Leute taten mir nicht das Geringste. Auch biss ich durchaus keine Sozialistin, wie Sie vielleicht meinen. Meinetwegen mögen sie schwelgen und vergeuden, so viel sie wollen und können. Aber es gibt noch größeres Elend auf der Welt, als gezwungen zu sein, einen Palast zu verlassen. Selbst hungern zu müssen ist nicht das Schlimmste." „Was können Sie davon wissen: von noch größeren!. Elend!" Sie antwortete nicht sogleich. Dann sagte sie ermüdet: „Sie haben recht, mein Herr. Ich weiß nichts davon." „Tu scheinst sehr viel davon zu Wilsten", dachte ich. rr- (Fortsetzung folgt.) LsteVKVsschss. Von der z. Z. vosi der allgemeinen Verlags'gesrllfchast m. b. H. in München erscheinenden Illustrierten Geschichte der deutschen Literatur von Prof. Dr. B. Salzer liegen uns bisher die ersten fünf Lieferungen vor, das ist der vierte Teil dieses groß angelegten schönen und verdienstvollen Werkes, auf dessen hervorragende M- deutung in textlicher und illustrativer Beziehung weitere Kreise aufmerksam werden sollten. Es ist ein Werk, das, so iveit wir übersehen können, viel mehr gibt, als es seinem Titel nach verspricht. Es gibt über das Woher der deutschen Literatur bündigsten Aufschluß, es überhüpft kein einziges der Kultursnomeute, auf bene» sich unsere Nationalliteratur aufbaut. Die Ansichten der alten Germanen von der Weltschöpfung, ihre Götterverehrung, ja ihr Rechtsleben und ihre Ehe wird behandelt. Mit wissenschaftlicher Gründlichkeit, trotz kerniger Gedrungenheit, gibt der Verfasser dann Untersuchungen über die Sprache der Germanen, und über die Formen der altgermanischen Poesie. Lange hält er sich aus bei den Anfängen der deutschen Dichtung, und erörtert eingehend die germanische Find die hochdeutsche Lautverschiebung. Im Gegensatz zu ähnlichen Werken wird die Heldendichtung mitsamt der gewaltigen Ribelungenfage und ihrem Lichtheros Siegfried kürzer behandelt als der Einfluß der christlich-lateinischen Kultur auf die deutsche Sprache und Literatur. Grade hier bringt der gelehrte Verfasser vieles vor, was leider wenig bekannt ist, und auch die Illustrationen bringen sehr vieles Neue. Die Hosschule in Aachen unter Karl d. Gr. erfährt eingehende Würdigung, ebenso wie der Mainzer Köbanus Maurus. Der alkaldischen Zeit (750 bis 1050) sind die (Folio-)Seiten 43—112 gewidmet, und gründlicher noch behandelt der Verfasser die Zeit .der letzten Salier und der ersten Kreuzzüge. Trotz aller Wissenschaftlichkeit aber ist dieses Werk doch ein Volksbuch, wie ihrer wenige geschrieben werden, und wir möchten es in ebenso vielen Händen erblickerr wie etwa Brück- manns geflügelte Worte. Was alles die uns vorliegenden Lieferungen und Mldrrbeilagen enthalterr, und wie diese Abbildungen das geschriebene Wort unterstützen, davon möge man sich selber überzeugen. Hier ist etwas Vollendetes, etwas MnperHilti-es geschaffen. Und auch auf die folgenden Lieferungen weisen lockend viele dieser 'prächtigen Beilagen. Wir greifen nur einiges Wenige hiervon heraus: Die Faksimiles von Handschriften Herders, Klop- stocks, Kleists (6. Auftritt aus dcni „Zerbrochenen Krug"), Freist agS, Grillparzers; die Porträts von Grillparzer, Klvp- stock, Goethe usw. Ferner sind unter den farbigen Beilagen. zu nennen der Sängerkrieg auf der Wartburg, das derbkomische Titelblatt von Musners „großem lutherischen Narren", eine Seite aus der Wenzelbibel, Siegfrieds Tod nach einer Handschrift aus der Hofbibliothek in Wien. Tas Werk soll in 20 drei- bis vierwöchentlichen Lieferungen von je 2—3 Textbogen und 5—6 Beilagen, die Lieferung zu Mark 1, erscheinen. Wir werden den Fortgang des prächtigen Ünternchmens mit reger Anteilnahme begleiten. KejuvdHeilspfkege. * S ch u tz vor Diphth eritis - A n st e ck u it g. Das ^ötsdamer Polizeipräsidium hat folgende Bekanntmachung zun^ Schutze gegen diphtheritische Ansteckung erlassen: Die Erfahrung lehrt, daß von den klinischen Erscheinungen der Diphtherie Genesene noch lange (oft bis zu drei Monaten) Diphtherieerreger im Rachen haben können, ohne daß diese leicht, es sei denn durch bakteriologische Untersuchung, fest- gestellt werden können, und ohne daß diese Keime für die bainit Behafteten selbst noch gefährlich sein müssen. Um so leichter können aber diese Keime nach Entlassung aus ärztlicher Behandlung, entsprechend dem Ablauf klinischer Erscheinungen, beim Spielen, in der Schule, durch Gebrauch von Eßgeräten und sonstige Gelegenheiten zu gemeinsamer Berührung auf andere bis dahin gesunde Kinder übertragen werden, wo die zuletzt für den Krankheitsträger ungefährlichen Keime sofort wieder eine hohe Giftigkeit erreichen und somit gefährlich werden können. Es ist deshalb erforderlich, daß bei allen an Diphtherie erkrankt Genesenen und aus ärztlicher Behandlung Entlassenen noch längere Zeit die Sicherheitsmaßregeln gegen die Weiterverbreitung der Krankheit, wie sie die polizeilich ausgehändigten Schutz- maßregeln vorschreiben, berücksichtigt werden und außerdem weiterhin Desinfektionen des Rachens, als des vorzüglichen Sitzes der Diphtheriekeime, zur Anwendung kommen, was möglichst nach Anweisung des vorher behandelnden Arztes zu geschehen hat. Besonderes Gewicht muß dabei auf noch länger fortgesetzte Trennung der Spiel- und Eßgerate und auf Vermeidung jeglicher Berührung (Küssen, Zusammen- schiasen usw.) mit den Genesenen gelegt werden. Zur Vernichtung der Krankheitskeime im Organismus selbst sind fortgesetzte Anwendung von Gurgelwässern, Rachen infizierende Pastillen (Angina-Pastillen u. a.), Inhalationen und Rachenspülungen mit Desinfizientien nach ärztlicher Anordnung anzuwenden. Besonders keimtötend und für den Organismus, selbst den kindlichen, gänzlich unschädlich ist die Anwendung von reinem Zitronensaft, der täglich mehrmals tropfen- bis teelöffelweise unverdünnt gegeben werden muß. Eine gleiche Maßregel empfiehlt sich von vornherein für die Geschwister und erwachsenen Familienangehörigen eines an Diphtherie erkrankten Kindes, da diese, ohne daß die Krankheitserreger für das betreffende Jndi- vtduum immer gefährlich sein müssen, Krankheitsträger sein und somit wieder anderen, für die Krankheit empfänglicheren Personen (namentlich Kindern) gefährlich werden Wuren. Vermischtes« die Passagiere der ersten Klasse an Bord unserer Ozeandampfer; alles unternehmen, um während der Fahrt über den „großen, Teichs die Langweile fernzuhalten, schildert Karl Engen Schmidt in einem anziehenden und reich illustrierten Auf- satz „Zeitvertreib an Bord" im neuesten (5.) Heft der beliebten Familienzeitschrift „Neber Land und Meer". Weitere, mit Abbildungen versehene Artikel schildern „Wie unser Mraillegeschirr entsteht" und die Palme als „Königin der Tropen"; ein Aufsatz ist dem hundertsten Geburtstag von Hector Berlioz (mit Porträt) gewidmet. In seinem Aufsatze „Die Enthüllungen des Blutes" erklärt Theo Seel- manu die neuesten Untersuchungsmethoöen, um mit Sicherheit feftzustellen, ob eine Mutspur menschlichen oder tieri- schen. Ursprungs ist. Ter belletristische Teil bringt die wohl 8 — von allen Lesern mit Spannung erwartete Fortsetzung des' in den Ostmarken spielenden Romans „Das schlafende Heer" von Clara Vtebig, und die fesselnd geschriebene Novelle „Hinrich Sörensen" von Theodor Duimchen. Neben den zahlreichen Illustrationen von aktuellem Interesse sind die vortrefflichen Reproduktionen von Gemälden hervorzuheben, so namentlich von Max Nonnenbruchs „Ein Traum vom Glück", Alonso Perez' „Der Kurier" und Erich Mattschaß' „Kronprinz Friedrich und der Veteran von Fehrbellin".. Angesichts der Reichhaltigkeit und Vielseitigkeit dieser Hefte muß der Abonnementspreis (jedes Iltägige Heft 60 Pfg.) billig- genannt werden. * Amor in der Zigarrenkiste. Aus Newyork wird berichtet: Amor, der lose Schelm, vollführt noch heute wunderliche Streiche, gerade so, wie vor alten Zeiten; nichts ist ihm heilig, und neuerdings hat er sogar Zigarrenkisten als Unterschlupf gelvählt, um mit seinen Pfeilen ahnungslose Jünglinge mitten ins Herz zu treffen. Machten sich da kürzliche ein Dutzend Mädchen, die in einer Fabrik in Lancaster mit dem Einpacken von Zigarren beschäftigt waren, den „Jux", einigen der Kisten ihre Namen nebst Adresse hinzuzufügen, gleichsanr als Ehrenpreis für die künftigen Käufer der duftenden Glirninstengel. Der sehr wohlhabende Gastwirt John I. Mundy war so glücklich,- eine der „prämiierten" Kisten zu erstehen, und da er begierig war, das „Mädch-en aus der Frenide", dessen Adresse, er vorfand, kennen zu lernen, so schrieb er der ihm vom Schicksal bestimmten Dame einen Brief und bat um ihr Bild. Es wurde ihm sofort zugeschickt, und da es ihm gefiel, stellte er seinen Besuch für den Danksagungstag in Aussicht, worauf er eilte freundliche Einladung zum landesüblichen „Turkey" erhielt. Das Original entzückte den jungen Gastwirt noch mehr als das Bild. Bald folgte die Verlobung, und im Januar wird in Brooklyn die Hoche- zeit stattfinden. Die anderen Mädels warten noch immer auf Nachricht von ihrem „Zukünftigen" und haben schon ihre Bilder zur Verschickung bereit, als wenn sie mit Turandot ausrnfen wollten: „Blick her und bleibe Deiner (Sitinttc 9J^ciftcT \u * Acht Gebote für Raucher! Nicht uuinteressant für Raucher dürfte das sein, was Dr. Caze kürzlich in der Revue schrieb. Es sei deshalb hier wiederholt. Man wird ungestraft rauchen können, wenn man folgende acht Gebote beachtet: 1. Man nehme nur milde Zigarre«. 2. Man rauche nur gute Zigarren. 3. Man rauche niemals die letzte Hälfte einer Zigarre oder das Ende einer Zigarette. 4. Geht die Zigarre oder Zigarette aus, so stecke man sie nicht wieder an. 5. Man setze sich nicht in Wolken von Tabakrauch. 6. Man kaue nicht das Ende einer Zigarre. 7. Man brauche eine mit Baumwolle gefütterte Zigarrenoder Zigarettenspitze. Das Nikotin wird sich an das Futter setzen und nur in kleinen Mengen dem Raucher zugeführt werden. 8. Man rauchss zu Hause nur Pfeifen mit langem Rohr und besonders den Narghileh. Das ist der Kodex nach den letzten Errungenschaften der Wissenschaft, die den Tabak rehabilitiert. > ... Charade. (Nachdruck verboten.) Hast irdeudwo ein Rendezvouz Mit deiner Allerliebsten Du, Wirs in die Erste dich hinein. Bist dir galant, ein nobler Mann, Nimm die Einladrmg freundlich an Zu meiner Zweiten, zart und fein. TaS Ganze ist ein Frauenbild Aus alten Zeiten, engelsmild, llmglänzt von holder Sagen Schein. Das ist's kommt nun ein Schulpedant, Der's »richt ganz orthographisch sand, Für den soll nicht mein Rätsel sein. Auflösung in irächster Nummer. Auflösung des Scherzrätsels in vor. Nr.: Wciirstube. (W, eins, Tube.) 3:cdaktion: August Ebtz. ■ - Nvtaticukdruck und Verlag der Drühl'schcu Nuircrstlats-Brch- und Ctciutruckcrci. N. Lauge, Eichen.