1904. MmTQäTD AWZMNNWM fl i^k, MWMiLUAN! (Nachdruck verboten.) Im Uakak der Wajah. Roman von B. M. Croker. Genehmigte Uebertragung von A. Vischer. (Fortsetzung.) Nach verschiedenen mißglückten Versuchen hatte ich es doch endlich fertig gebracht, in den Jrrgängen des Palastes wenigstens soweit zurechtzukommen, daß ich den Weg zu den Staatsgemächern und in die Gärten finden konnte. Dort wanderte ich allabendlich umher und genoß die frische Luft und den wundervollen Anblick, der sich mir darbot. Die Wege waren mit weißem Marmor gepflastert, reizende Lusthäuser und Pavillons, ebenfalls aus Marmor, schim- merten zwischen den Zwergpalmen, Gujava- und Granat- bäuinen, und ringsumher rauschte und rieselte es von Wasser und erfüllte der Duft köstlicher Blumen die Luft. Ich suchte mir zum Besuch dieses märchenhaften Ortes gewöhnlich eine Stunde aus, wo die Frauen des Palastes sich int Innern aufhielten. Hin und wieder aber kam es doch vor, daß einige der jungen Mädchen schwatzend und lachend fich auf den Wegen ergingen oder mit kindlichen Spielen ergötzten. Die erste Veranlassung zur Unterbrechung des täglichen Einerlei gab das sogenannte „Devali" oder Lichterfest, eine alljährlich zu Ehren der Glücksgöttin veranstaltete Festlichkeit. Im Hause eines jeden Hindu brennt an diesem Tage zum mindesten ein Licht, wodurch er sich die Gunst der Göttin für das kommende Jahr sichern will. Das Haupt mit der geweihten Asche bestreut, wurde der kleine Radjah am Morgen in die „Toscha-Khana" oder Schatzkammer getragen, wo er seine Andacht verrichtete. Im großen Festsaal fand dann später Audienz statt, und abends erglänzten Stadt und Bazar in einem wahren Meer von Lichtern. Die unzähligen verstaubten gläsernen Kronleuchter in den Prunkgemächern kamen in Benutzung und trugen Tausende von brennenden Kerzen. Teils um Briefe zur Beförderung zu übergeben, teils um mir die glänzende Beleuchtung anzusehen, wagte ich mich hinunter, und als ich in den Audienzfaal kam, entdeckte ich zu meiner Ueberraschung Mr. Thorold, der gekommen war, mich zu besuchen. Seit unserem Zusammensein im St. Georgs fort hatte ich ihn nicht mehr gesehen. „Ich schickte einen Boten mit der Frage zu Ihnen, ob ich Sie vielleicht sprechen könnte", sagte er, auf mich zukommend. „Da seither jedoch schon mehr als eine halbe Stunde verflossen ist, fing ich bereits an zu fürchten, die Antwort werde lauten: Die Tür ist geschlossen!" „O nein; allein mir ist nichts ausgerichtet worden. Ich kam zufällig herunter, um mir die Beleuchtung anzusehen-." „Ein glücklicher Zufall für mich! Ich wollte mich erkundigen, wie es Ihnen geht und wie Sie hier zurecht kommen." „Ich danke, sehr gut. Ich bin ganz zufrieden." „Und auch mit Ihnen ist man zufrieden. Wie ich höre, sind die Kinder Ihnen bereits völlig ergeben. Hoffentlich haben Sie es nicht für Gleichgiltigkeit gehalten, daß ich nicht schon früher nach Ihnen gesehen habe, allein ich hielt es für besser, mich fernzuhalten. Die Eingeborenen Habeck eigentümliche Vorurteile. Wer Sie wissen, nicht wahr, daß ich stets zu Ihrer Verfügung stehe, sobald Sie sich irgendwie in einer Verlegenheit oder Unannehmlichkeit befinden sollten?" „Gewiß. Ich glaube aber auch, es ist besser, ich versuche mich ohne fremde Hilfe in die Verhältnisse zu finden." „Das ist ja schon einmal so Ihre Art, nicht wahr?^ Gr lächelte. Als mein Blick dann zufällig auf ihm haften blieb) fiel mir eine große Veränderung in seinem Aussehen aus. Gr zog überrascht die Augenbrauen in die Höhe. „Nun, ein großer Verlust ist es nicht; sie enthielten nur einige Fragen nach Ihrem Ergehen. Allein die Sache ist mir wieder einmal ein Beweis, daß etwas faul ist im Staate Dänemark." „Auch mit der Post scheint es Nicht ganz richtig zu- zugehen. Oder gibt es überhaupt gar keine Post hier? Jedenfalls habe ich noch keinen einzigen Brief bekommen, und ich bezweifle stark, ob die meinigen jemals ab geschickt werden." „Für so unzivilisiert, nicht einmal eine Post zu haben, ■ werden Sie uns doch nicht halten. Miß Ferrars! Eine solche Vermutung kann ich nicht ungerügt hingehen lassen", antwortete er lächelnd. „Es wird sogar täglich zweimal abgeholt int Palast; Ihr Bote muß recht nachlässig sein. Oder sollte sich" — er dämpfte die Stimme — „hier eick geheimer Aufpasser befinden?" „Wahrscheinlich. Ich habe jetzt zwei Briefe in bet Tasche, die ich jemand anvertrauen wollte, der nicht zum Palast gehört." „Dann geben Sie sie nur mir." Er streckte die Hand aus. „Was jedoch den Aufpasser anbelangt, so ist das natürlich die Rani Sundaram, die alte falsche Katze! Katzenpfoten aber haben Krallen. „Hüte Dich vor Katzen, die vorne lecken und hinten kratzen!" heißt es bekanntlich", fügte er lachend hinzu. „Es ist nur gut, daß Sie nicht viel mit ihr in Berührung kommen." „Ja, denn ich gestehe offen, daß ich mich vor ihr fürchte." „So geht es jedermann. Wdnn sie einen besonderen Zweck im Auge hat, so schreitet sie rücksichtslos über alle Hindernisse hinweg und scheut auch ein Verbrechen nicht." „Glauben Sie nicht, oaß auch Sie vielleicht ein solches Hüldernis auf ihrem Wege sind?" fragte ich leise, tnbentl ich in sein abgemagertes, hübsches Gesicht schaute. „Nein, denu ich stehe außerhalb! ihrer verbrecherisches 258 Schleichwege. Dagegen wird es Wohl soweit kommen, daß vir eines Tages stürmisch aufeinander geraten und uns in Offenem Kampfe auf Leben und Tod gegenüberstehen." „Sie wird froh sein, daß Sie Rohapetta wenigstens jmf ein paar Tage verlassen," „Natürlich. Ach, und wie gerne bliebe ich hier! Mer das Fieber und das viele Chinin haben m'ein Blut derart Erregt, daß es mir jetzt in den Ohren klingt, als hörte ich kaute Blechmusik, und meine Augen spielen mir allerlei tolle Streiche. So scheint es mir, während Sie doch ruhig hier sitzen, als tanzten Sie fortwährend vor mir herum, na, meine Kräfte bedürfen wirklich der Stärkung; es harrt fneiner noch viel Arbeit. Mer auch Sie werden noch mit mancher Schwierigkeit und manchem Verdruß zu kämpfen haben. Doch, ich weiß, Sie werden nicht wanken, und schließlich muß Ihr guter Einfluß den Sieg davontragen. Nicht wahr. Sie verlassen Ihren Posten nicht?" „Rein." „Geben Sie mir die Hand darauf." Schweigend ergriff ich die feinige. Sie brannte wie Feuer. „Sie werden den Knaben nicht im Stich lassen. Gerade jetzt ist er in einem Alter, wo tzr die guten Eindrücke wie eine durstige Pflanze in sich aufsaugt, und diese müssen trotz der fortgesetzten schlimmen Einwirkungen in der Zukunft doch gute Früchte für sein Volk tragen. Er hat schöne Anlagen und neben dem schlechten auch edles Blut in den Mern." „Ich weiß noch so wenig von feiner Familiengefchichte", bemerkte ich. „Ach, diese Geschichte ist lang, verworren und mannigfaltig. Wollte ich mit einer Erzählung beginnen, so käme ich vor einer Woche nicht zu Ende. Kriege, Siege, Niederlagen folgten in buntem Wechsel aufeinander. ist ein kriegerischer Stamm, dessen Neigung auch jetzt noch ihre Blüten treibt. Sv kenne ich zwei hübsche junge Männer, Glieder der Familie, die ihre Dienste der Krone Englands angeboten haben und so gern als Offiziere in ein Regiment Eingeborener eintreten möchten, um zugleich auch etwas von der Welt zu scheu und andere Völker, Sitten und Kriegführung kennen zu lernen, allein die Rani Sun- daram duldet es nicht." „Und so müssen die jungen Leute in Müßiggang ver-- Wmmern?" „Jä." „Und wer sind eigentlich alle diese Frauen, die hier wie Fliegen herumschwärmM?" „Verwandte, Dienerinnen und Sklavinnen^ " „Sie scheinen auch nicht zu arbeiten, sondern ihr Leben stur mit Klatschen, Baden und Essen zu verbringen." „Allerdings. Ihre einzige Arbeit besteht darin, daß sie die Einkünfte des Staates aufzehren und ihre Neben- menschen durchhecheln. Es gibt jä auch indische Höfe, wo die Frauen hochgebildet und wohlbewandert in der Literatur ihres Landes find, wo sie gewandt Englisch lesen, Klavier spielen und sticken; hier aber find wir noch altmodisch, weil das Haupt der Familie eigensinnig anf alten fest- ?ält. So sehr sich die Rani Sundaram gegen allen Fort- chritt sträubt, um so großartiger ist sie im Ränkespielen und schlauen Berechnen. So hat sie es zum Beispiel fertig gebracht, daß die kleine Lucksmi, Ihre Schülerin, in der ersten Woche des März verheiratet wird." „Sie ist ja aber erst sieben Jahre alt." „Schadet nichts, das ist hier so Sitte. Und zwar macht. die Kleine eine recht gute Heirat, obwohl sie selbst keine große Mitgift bekommen wird." „Ich glaubte, die Familie sei ungeheuer reich." „In der Toscha-Khana liegen allerdings große Schätze an Gold, Silber und Juwelen aufgespeichert, allein es ist Ehrensache, diese nicht anzugreifen, sondern immer zu ver- mehren und lieber in Schulden zu sterben." „Das ist ja Unsinn!" „Die Höfe wetteifern miteinander an Berfchwendungs- sucht. Fortwährend werden Pferde und Wagen aus England bestellt, Edelsteine gekauft, Lustbarkeiten veranstaltet und ungeheure Summen für Tollheiten aller Art verschleudert. So gab ein Radschah einmal eine ganze Million Rupien beim Hochzeitsfest seiner Lieblingstaube aus." Lautes Räderrollen ließ sich jetzt im äußeren Hofe vernehmen und kündigte die Rückkehr der Schloßbewohner an, die nach der Stadt gefahren waren, um die Beleuchtung anznfehen. „Sie kommen!" rief ich hastig auffahrend. Ich muß Weggehen." „Warum fciettn ? Sie sind weder eine Jndierin, noch das Aschenbrödel hier." „Trotzdem möchte ich lieber gehen. Hoffentlich kommen Sie recht frisch miw wohl vom Gebirge zurück!" Schon hörte ich Stimmen und Schritte; es schien mir sogar, als hätte ich Shumsha-Lals stattliche Gestalt einest Augenblick gesehen, und noch ehe Mr. Thorold mir antworten konnte, war ich verschwunden. Vom dämmerigen Gang aus aber warf ich noch einen Blick zurück und sah ihn allein in dem großen Andienzsaale stehen: ein einsamer Mann, obgleich in seiner Hand die Zügel der Regierung des alten Fürstentums Rohapetta lagen. Als ich mein Zimmer erreicht hatte, bemerkte ich, daß nicht weniger als drei Lampen auf dem Tische brannten und zwei weitere hoch oben von den niedrigen Fenstern herabschimmerten. „Ich verschaffte Ihnen diese Lichter", sagte Mnnasaw-my mit einer Verbeugung, „damit auch die Miß Sahib sich die Gunst der Göttin erwerbe und ihr viel Glück im kommenden Jähre zu teil werde." Leider war wenig Aussicht vorhanden, daß seine guten Wünsche sich erfüllten, denn bis jetzt schien die Glücksgöttin meine Person geflissentlich übersehen zu haben. 16. Nachdem der Reiz der Neuheit meiner Stellung vorüber war, fing ich doch allmählich an, mein Leben recht einförmig und das Eingeschlosfensein hinter den hohen Mauern bedrückend zu finden, sodaß sich immer ungestümer der Wunsch in mir regte, auch einmal über den Garten hinauszudringen. Als ich jedoch meiner Gefährtin, Hüterin und Aufpasserin Begnr diesen Wunsch mitteilte, versicherte, sie mir sofort, der Regierungsbevollmächtigte sei ein solcher Geizhals, daß nicht einmal eine genügende Anzahl Wagen für die Damen des Hofes vorhanden wären. Daß diese Damen häufig in geschlossenen Wagen ausfuhren, um Besuche zu machen, hatte ich schon wiederholt bemerkt. „Ich will aber sehen", fuhr Begnr fort, „ob ich Ihnen nicht bald einmal eine Ausfahrt möglich machen tarnt." Wie sehnte ich mich danach, aus dem Palast herauszukommen, und wäre es auch nur, um eine schmutzige Hütte oder ein Reisfeld zu sehen: irgend etwas, das nicht von einer Mauer umgeben war! Eines Tages wagte ich mich bis zum großen Einfahrtstor heran> mit der Mficht, es zu öffnen und mir einen Gharry zu mieten. Allein die Türe war verschlossen, und als ich um den Schlüssel bat, schüttelte Begnr, die mir natürlich auf den Fersen gefolgt war, nur den Kopf und lachte. „So bin ich also eine Gefangene?!" rief ich ärgerlich. „O nein, durchaus nicht. Die Miß Sahib könnte natürlich ausgehen, wenn es sich schickte; allein sie ist jetzt ein Mitglied des Hofes und darf sich nicht zu Fuß auf der Straße sehen lasfen, Has wäre eine große Schande. Ich will jedoch mein möglichstes tun, daß Sie bald einmal einen Wagen zur Verfügung bekommen." Allein immer wieder blieb es bei diesem „bald einmal". Die junge Rani ließ mich jetzt häufiger zu sich holen und bat mich, ihr auf der Guitarre vorzuspielen oder, ihr Geschichten zu erzählen — die gleichen wie den Kindern. Ihr Lieblingsmärchen war Aschenbrödel oder der gläserne Pantoffel. Sie war aber auch wirklich in ihrem ganzen Fühlen und Denken wie ein großes Kind. Mehr und mehr nahm sie mich unter ihren besonderen Schutz, vielleicht weil ihre Kinder mich gern hatten, und gelegentlich durfte ich sie sogar auf einer Spazierfahrt in ihrem Pruukwagen begleiten. Ein großer Genuß konnten diese Fahrten freilich nicht genannt werden, da man dabei nur wenig von der Umgebung zu sehen bekam und die Luft dumpfig und mit dem Geruch von Eedernöl geschwängert war. Mein ich hatte doch wenigstens das erleichternde Gefühl, „draußen" gewesen zu sein. Verschiedene Male entdeckte ich dabei Begnr sogar allein in den Bazaren, und wenn ihr Kopf auch ganz in Tücher eingewickelt war, so machte es mir doch den Eindruck, als erfreue sie sich einer größeren Freiheit als die anderen. Die junge Rani gab Mr auch einmal zu verstehen, daß ich tn dieser Annahme nicht unrecht habe und fügte hinzu: „Miß Sahib, ich will Ihnen ein großes Geheimnis 259 anvertraueü: ich hasse Begur, oPer die Rani Sundaräm hält große Stücke auf sie." Es blieb mir auch nicht verborgen, daß Begur in ihrer demütigen Art große Macht auf ihre Umgebung ausübte. Sie war anscheinend nachsichtig mit den unter ihr Stehenden und schmeichelte den Hörern, aber das ganze Leben dieser anscheinend gefälligen und bescheidenen, aber schlauen und boshaften Person gipfelte in den Ränken, in Lug und Trug. Mein Koch Munasawmy verstand von seinem Handwerk weit weniger als Frau Rosarios schmutziger Sawmy. Die Speisen, die er mir vorsetzte, hatten einen eigentümlich scharfen Beigeschmack, und sein Benehmen war alles, nur nicht ehrerbietig, ja manchmal konnte er sogar recht unhöflich sein. Mlein ich sagte mir, daß mein Behagen von ihm abhänge, und so schluckte ich meiner, Aerger tapfer hinunter. Seit einiger Zeit hatte sich indes sein Wesen vollständig umgewandelt, was einem eigentümlichen Vorkommnis zu verdanken war, das sich etwa einen Monat nach, meiner Ankunft ereignete. Ein entsetzlicher Lärm, wildes Geschrei und endloses Hin- u>nd Herrennen in den Gängen, das sich jede Nacht wiederholte, hatten mich anfangs nicht wenig erschreckt und beunruhigt. Da jedoch meine Tür fest verschlossen war und ich mich schließlich an diesen auffallenden Lärm gewöhnt hatte, so erfreute ich mich bald wieder eines ununterbrochenen Schlafes. Eines Nachts aber erwachte ich durch ein lautes Kratzen und Pochen vor meiner Türe, das von den flehentlichsten Bitten um Mnlaß begleitet war. Ich sprang rasch ans dem Bett, denn das Jammern war wirklich herzzerreißend- und öffnete die Tür, worauf eine Frau hereingestürzt kam, die Tür hastig wieder hinter sich 'zu- mqchte und verriegelte und sich mir dann atemlos zu Füßen warf. Nun zündete ich eine Lampe an und betrachtete mir meine Besucherin, Sie befand sich in einem beklagenswerten Zustand: die Kleider zerrissen, das Gesicht zerschlagen, die Hände blutig, offenbar war sie aufs grausamste mißhandelt worden. Sie konnte vor Schrecken weder sprechen, noch meine Fragen beantworten, allein ihre großen dunklen Augen drückten aufs beredteste ihre Angst und ihre Schmerzen aus. Dieses fremde Wesen war jung und hübsch und lag jetzt erschöpft wie ein verwundetes Tierchen am Boden, zuckte jedoch, ebenso wie ich, jedesmal erschrocken zusammen, so oft sich draußen eilige Fußtritte vernehmen ließen. Spielten diese seltsamen Menschen in dem Wirrsal von Mn gen und Zimmern Verstecken auf Tod und Leben? Fast unbeweglich blieb die Arme am Boden liegen. Ich deckte sie mit einem wollenen Teppich zu, brachte ihr Wasser und setzte mich, neben sie, bis mir die Augen vor Sch,las zufielen. (Fortsetzung folgt.) Seeminen. Von F. v. Trützschler-Falken'stein. Nachdruck verboten. Die ersten Erfolge, welche die Japaner über die russischen Seestreitkräfte errangen, waren gewaltig. Drei große, hochmoderne Schiffe der russischen Flotte, zwei Linienschiffe und ein starker, gepanzerter Kreuzer wurden außer Gefecht gesetzt und derartig beschädigt, daß sie wohl schwerlich in den nächsten Monaten wieder völlig kriegsbrauchbar sein werden. Dazu tritt jetzt wieder der gewaltige Erfolg der Japaner, den sie durch die Vernichtung der „Petropaw- lowsk" erzielt haben- der durch eine Mine in die Luft gesprengt wurde. Dieser Erfolg der Japaner Wer die Russen ist um so bedeutender, wenn man bedenkt, mit welch verhältnismäßig geringes Mitteln er seitens der Japaner erkämpft worden ist. Winzige, kleine Boote, Zwerge gegen die riesenhaften Panzerkolosse, haben über diese einen Sieg errungen, der, stellt man die beiden streitenden Parteien einander gegenüber, beinahe unglaublich erscheint. So klein und unscheinbar die Torpedoboote aber auch erscheinen mögen, und so wenig Bedeutung der Laie ihnen im Vergleich zu den mächtigen, durch starke Panzerplatten geschützten Linienschiffen im ersten Augenblick auch beimessen mag, so verfügen sie doch über eine Angriffswaffe, welche, richtig angewandt, von einer verheerenden Wirkung ist, und diese Boote wohl in den Stand setzt, den Kampf mit ihrem gigantischen Gegner erfolgreich anfzu- nehmen. — Diese Angriffswaffe ist der Torpedo oder, witz die Russen sagen, die Mine. Mit dem Namen „Torpedo" bezeichnete man früher einen unter Wasser festliegenden, verankerten oder auch sich frei bewegenden Körper, welcher mit einer Sprengladung gefüllt war. Stieß dieser gegen einen festen Gegenstand oder wurde er durch einen solchen berührt, so gelangte die Sprengladung zur Entzündung. Den ersten Versuch mit solchen unter Wasser wirkenden Höllenmaschinen machte Fulton, der Erfinder des Dampfbootes, im Jahre 1801 und nannte sie Torpedos. Bis vor etwa vierzig Jahren ist dieser 9lame beibehalten worden, und man unterschied „stabile", d. h. festliegende, und bewegliche Torpedos. Erstere waren- wie dies auch schon in ihrer Natur lag, ausschließlich für die Verteidigung bestimmt, während die beweglichen Torpedos vorzugsweise zum angriffsmäßigen Vorgehen gegen den Feind verwendet wurden. — Heute werden in unserer Marine alle festliegenden unterseeischen Sprengkörper „Seeminen", die beweglichen „Torpedos" genannt. In dem begonnenen Kriege zwischen Japan und Rußland wird bis auf weiteres wohl Rußland genötigt sein, sich zur See defensiv zu verhalten, während Japan mit seltenem Schneid angriffsweise vorgeht. Es werden deshalb! sowohl die defensiven Seeminen, als auch die offensiven Torpedos beiderseits noch eine große Rolle spielen, und der ganze Verlauf des Krieges wird zeigen, eine wie hervorragende Bedeutung diesen beiden unterseeischen Zerstörungsmitteln auch für die Zukunft beigemessen werden muß. Wie schon erwähnt, ist die Mine eine Verteidigungswaffe. Sie wird also in erster Linie dazu dienen, den Gegner an dem Eindringen in wichtige Plätze, Häsen oder Flußmündungen zu verhindern. Um dies zu erreichen, werden die Minen schachbrettförmig in zwei bis drei Reihen, Treffen genannt, etwa 3 Meter unter Wasser verankert. Praktisch wurden die Minen zum ersten Male von den Russen im Kbimkriege zum Schutze von Mönstadt gegen die englische Flotte angewandt. Es waren dies flaschenähnliche eiserne Gefäße, welche mit Pulver gefüllt waren und 3 bis 4 Meter unter Wasser festgelegt wurden. Auf der oberen Fläche war eine mit Schwefelsäure gefüllte Glasröhre angebracht. Berührte nun ein feindliches Schiff, das die Einfahrt zum Hafen erzwingen wollte, diese Röhre, so zerbrach diese, die Schwefelsäure ergoß sich auf eine entzündliche Mischung und die Ladung explodierte. — Diese Minen waren jedoch sehr unzuverlässig unb richteten keinen nennenswerten Schaden an. Baron Ebner, ein Oesterreicher, verbesserte die Minen dadurch ganz erheblich, daß er sie von Land aus elektrisch zur Entladung brachte. Sie wurden 1859 zum Schutze von Venedig gegen die Franzosen verwandt; der erwartete Angriff unterblieb jedoch, und so tvurde auch diese Mine nicht praktisch erprobt. Erst im amerikanischen Bürgerkriege wurde die Mme als Verteidigungswaffe wirklich angewendet, nachdem sie durch den berühmten Hydrographen Manry abermals ganz bedeutend verbessert worden war. Zwei nordstaatliche Schiffe wurden durch die Minen gänzlich zerstört, mehrere andere ganz erheblich beschädigt. Auch die bewegliche Mine, der Torpedo, kam als Angriffswaffe in Form des sogenannten Stangentorpedos Zur Wirkung, mb ent em Schiff der Südstaaten durch einen solchen zum Sinken gebracht wurde. ± In diesem Kriege wurde auch eine besondere Art Mme angewendet. Sie bestand aus einer mit Pulver gefüllten Tonne, welche an den Seiten mit Säureröhren versehen war. Beim Zerbrechen dieser Röhren wurde das Pulver in der schon beschriebiewen. -Art zur Entzündung gebracht. Da das Minengefäß nur teilweise (wie überhaupt ber allen Minen üblich) mit Sprengstoff angefüllt war, so wurde es durch den Austrieb der Lust auf der Wasseroberfläche gehalten. Die Minen waren nicht fest verankert, sondern trieben frei auf der See umher. Bei laufender Ebbe wurden sie zu Wasser gelassen und trieben so mit dem Strom auf den weiter außerhalb liegenden Feind zu, um beim Zusammenstoß mit einem Schiss sich zu entladen. — Die auf der Oberfläche des Wassers treibenden Minen waren natürlich bei Tage leicht zu bemerken und konnten, ehe sie Schaden anrichteten, ohne Schwierigkeit be- 260 fertigt werden-. Anders jedoch war es Set Nacht. Unsichtbar und lautlos trieben die furchtbaren Höllenmaschinen mit dern Strom näher. Wehe dem Schiff, welches sie berührten- es war dem sicheren' Untergänge geweiht. — Wer wie erfinderisch auch der menschliche Geist in der Herstellung unheilbringender Vernichtungsmaschinen ist, ebenso befähigt ist er auch, Mittel zu ersinnen, um das drohende Unheil abzuwenden. Hölzerne Balken, Baumstämme und dergleichen, in mehreren Reihen hintereinander quer zum Strom verankert, genügten, um die umhertreibenden Minen unschädlich zu machen. Sie stießen gegen diesen einfachen Schutzgürtel, entluden sich dort und verausgabten so ihre zerstörende Kraft, ehe sie das eigentliche Ziel erreicht hatten. Aber auch schon vor Anwendung dieser Schutzvorrichtung haben diese Minen einen nennenswerten Schaden nicht ungerichtet. Steuerlos trieben sie meist zwischen den Schiffen hindurch. Mit der einsetzenden Flut, wenn der Strom anfing, aus der entgegengesetzten Richtung zu laufen, kehrten die Minen mit diesem naturgemäß wieder zurück und, wenn sie auch jetzt, ohne zur Explosion zu gelangen, zwischen den blockierenden Schiffen hindurch trieben, so wurden sie, zu ihrem Ausgangspunkte zurücktreibend, für den Freund ebenso gefährlich und schädlich, als sie für den Feind hätten sein sollen. Sie erwiesen sich so als ein sehr zweifelhaftes Verteidigungsmittel und sind deshalb auch bald von der Bildfläche wieder verschwunden. Wie schon erwähnt, hatte ein Oesterreicher, Baron Ebner, die Minen dadurch verbessert, daß er sie auf elektrischem Wege von Landl »aus zur Entzündung brachte. Durch diese Einrichtung hat sich ein besonderes, eigenartiges Minensystem herausgebildet, die Beobachtungsminen. Diese wurden wie gewöhnlich in mehreren Treffen hintereinander gelegt. Die Glasröhren an der Oberfläche der Gefäße sielen fort; dafür war in einer Zündinasse ein Platindraht angebracht, welcher durch Kabel mit einer an Land befindlichen elektrischen Batterie verbunden war. Wurde nun der Strom geschlossen, so geriet der Platindraht ins Glühen, und mittels oer ihn umgebenden Zündmasse gelangte die gesamte Sprengladung der Mine zur Explosion. Ist man nun imstande, genau den Augenblick zu treffen, in welchem sich das gegnerische Schiff über der Mine befindet, so wird durch deren Entzündung der Feind zweifellos außer Gefecht gesetzt und schwer beschädigt werden. Den richtigen Augenblick abzupassen, M welchem sich der Gegner über dieser oder jener Mine befindet, erscheint im allgemeinen sehr einfach, bedenkt man jedoch, daß von Land aus die einzelnen unter Wasser schwimmenden Minen überhaupt nicht zu sehen sind, zieht man ferner in Betracht, daß der Gegner, um die Einfahrt in einen Hafen, eine Flußmündung usw. zu erzwingen, sich in größtmöglicher Fahrt befinden wird, so ist es wohl einleuchtend, daß eine genaue Beurteilung, ob und über welcher Mine sich der Feind befindet, und die Wahl des richtigen Augenblicks für die Zündung äußerst schwierig, ja ohne optische Hilfsmittel geradezu unmöglich ist. Um diese Schwierigkeiten zu überwinden, nahm man seine Zuflucht zu einer großen Camera obscura. —Durch Spiegelung wurde der Teil der Hafeneinfahrt usw., an welchem die Minensperre gelegt werden sollte, auf einen großen ebenen Tisch geworfen, so daß der Beobachter das klare Bild dieses Teils der Einfahrt vor sich hatte. Nun erst wurden die Minen verankert. Jede Versenkung solcher Mine zeichnete sich natürlich auf dem Tisch des in der Camera obscura stehenden Beobachters ab. Dieser Beobachter machte nun an der Stelle, an welcher er auf dem vor ihm befindlichen Spiegelbilde die Versenkung einer Mine sah, einen Punkt. Dies wiederholte er bei jedem Legen einer neuen Mine, so daß er nach und nach die Lage der gesamten Minensperre auf dem Beobachtungstisch durch Punkte oder Kreuze festgelegt hatte. Ueberall da, wo ein Punkt oder ein Kreuz auf dem Tische eingezeichnet war, wurde nun ein elektrischer Kontakt — ähnlich dem Druckknopf der elektrischen Zimmerklingel — angebracht und die betreffende Mine durch Drahtleitung mit diesem verbunden. Vor dem in der Camera obscura befindlichen Beobachter lag jetzt das gesamte Bild des durch Minen gesperrten Teils des Hafens, und die Lage jeder Mine war durch den Kontaktknopf deutlich gekennzeichnet. Alles, was im Bereich der Sperre Wc sich ging, spiegelte sich klar auf dem Beobächtungstische ab. Beim Herannahen der feindlichen Schiffe konnte der Beobächter ihre Bewegmrgen also genau verfolgen, und sobald ein gegnerisches Schiff sich über einer der aysgelegten Minen befand, genügte ein Druck auf den betreffenden Knopf, um die Mine zu entladen. Sieht man von der Schwierigkeit des Legens ab, so würde die Beobachtungsmine das Meal sein, wichtige Plätze vor dem Feinde zu sichern. Der Freund- hät jederzeit unbehindert freie, sichere Aus- und Einfahrt, während gegen den Feind ein kleiner Fingerdruck genügt, mit ihn auf die bequemste und schnellste Art unschädlich zu Machen. Wer leider hat auch diese Mine einen, oder besser gesagt, mehrere ganz gewaltige Fehler. Bei Tage, und ganz besonders bei schönem Wetter, ist es ein Leichtes, auf dem Beobachtungsposten alle Vorgänge in der Nähe der Sperre zu verfolgen. Ist es aber Nacht, oder liegt dicker Nebel über der See, so versagt die Beobachtungskunst, denn der Spiegel gibt kein Bild wieder. Wer auch bei Hellem Tageslicht können oft Fälle eintreten, die eine genaue Beobachtung des Gegners ausschließen. Ein feindlicher Angriff wird sich schwerlich ohne heftigen Geschütz- kampf abspielen, und selbst tms beste ranchschwache Pulver verbreitet Onalm genug, um das Spiegelbild auf dem Beobachtungstische zu verschleiern uud undeutlich zu machen. (Schluß folgt.) Kunst. — Wo bildet die Blume ihren Duft? Der Duft, den die Blume ausströmt, stammt von riechenden Oelen, chemischen Substanzen, welche zu den Terpenen, einer bestimmten Art von KohlenstofsverbindungeN, gehören. Im allgemeinen glaubt man, daß diese Oele von den Blüten selbst produziert werden. Auf jeden Fall ist der größte Teil dieser Oele zurzeit der Blüte in den Blumen angehäuft, so daß es gelingt, aus ihnen die duftenden Essenzen, z. B. Rosenöl und Veilchenduft, auszupressen. Dies beweist aber noch nicht, daß diese Oele auch in der Blüte gebildet werden. Versuche, die Charabot und Hebert in den Sitzungsberichten der Acadsmie franyaise veröffentlichten, zeigen vielmehr, daß die grünen Blätter der Pflanze die Wldungsstätte für diese Oele abgeben. Unterdrückt man nämlich die Blüte einer Pflanze, so kann man feststellen, daß diese Terpene, diese riechenden Substanzen, in großer Menge in den Blättern dieser Pflanze angehäuft sind, weil es unmöglich ist, die in den Blättern gebildeten Oelp in die Blüten zu bringen. W stellt sich immer mehr heraus, daß die Blätter das Laboratorium im Haushalt der Pflanze sind, in denen die für die Pflanze wichtigen Stoffe. gebildet werden. Dabei spielt das Chlorophyll, das Blattgrün, die Hauptrolle. Es nimmt eine ähnliche Stellung in der Pflanze ein wie im menschlichen Organismus das in den roten Blutkörperchen ausgestapelte Haemoglohm. Gleichung. Nachdruck verboten. a - (b-c) + (d-e) + 7,f + g - (h-i) + */, k = x. a. Erzählung. b. klopfende Bewegung. c. Fluß in Italien. d. innerer Körperteil. e. Umstandswort. f. Teil des Gedichtes. g. nahrhaftes Getränk. h. Gefäß. i. Nahrungsmittel. k. europäische Hauptstadt x. Vorboten des Frühlings. Auflösung in nächster Nummer. Auflösung des Tauschrätsels in vor. Nr.. Graf, Born, Rübe, Bahn, Beil, Main, Wand, Ring, Gas, Eieiz Arm, Einwand, Rast, Acker, Hohn, Pest, Zahn. Frühlingserwachen. Redaktion: August Götz. — Rotationsdruck und Verlag der Brübl'lcken Universitäts-Buch- und Steindruckerei. R. Lange, Gießen,