1904. WU .4' Astern (Nachdruck verboten.) Ostern! r—' Wie ein Siegesruf tönt es durch die Welt, in den wir einsttmmen möchten aus voller Brust. Ein neues Leben ist erwacht zu einem neuen Sein. Alle Kreatur fühlt das Erwachen einer neuen Zeit, fühlt, daß das Alte vergangen ist. Ist es uns nickt wie einem Genesenden, der nach langer Krankheit hinanstritt in die alte und doch so neue Welt? Ter Frühlingswind umiveht uns die Stirn mit seinem linden, kosenden Hauch und das erste zarte Grün der Weiden lächelt uns freudig entgegen. Und wie die jungen Saaten leuchten, wie blau der Himmel strahlt! Wie das Wasser perlend glänzt im Wiesenbach und wie die Quellen so fröhlich plätschern! Welch eine Fülle des Lebens, welch eine Auferstehungsfreude! Und wie waren wir fo traurig und verzagt! Ach, was hatte uns der Winter doch alles genommen. Wohl beschenkte er uns mit den Freuden seiner Art. Aber es waren doch nicht die Freuden, nach denen wir uns sehnten in unserem Herzen. Wir täuschten uns über die dunkele Zeit hinweg und wir ertrugen sie leicht, denn wir wußten, daß es ja endlich doch.Frühling werden muß. Ja, das wußten wir, und darum harrten wir mutvoll aus bis auf den Tag, der alles aus dem Schlummer wecken sollte mit dem Geläut seiner Osterglocken, mit feinen Osterliedern und dem Ostergebraus des Frühlingswindes. Und wenn uns' dennoch die Hoffnung, einmal verlassen wollte, dann klang es uns wohl ermutigend entgegen: „Hoff', 0 du arme Seele! Hoff' und sei unverzagt!" Toch woher wußten wir, daß unser Ostern kommen mußte? Nun, aus der Erfahrung, die uns ja jedes Jahr das Erwachen des Frühlings zeigte. Hat uns doch noch! in jedem Jahr der Winter verlassen zur rechten Zeit, und ist doch der Lenz in jedem Jahr erschienen zur rechten Zeit! — Aber es gibt eine schlimmere Nacht als die des Erdenwinters, eine Nacht, in der uns nicht die Gewißheit eines nahen Frühlings tröstend und helfend zur Seite steht: das ist die Nacht der Trübsal, die oft so unvermutet rasche hereinbricht, uns so plötzlich überfällt, daß wir den .Heimweg nicht mehr finden können. Und wie leicht, geht da der Mut verloren! Wenn wir wüßten, wie nahe uns oft der neue Tag ist! Wenn wir zu sehen vermöchten, wie das neue Grün des Frühlings bereits sprießt! Wenn wir die Quellen rieseln hören könnten, deren Wasser uns erquicken soll! — Aber wir sind so leicht entmutigt und vergraben uns so schnell in unser Leid. Ta sehen wir nicht, was um uns her vorgeht, nicht das Schwinden der Dunkelheit, nicht den Glanz der aufgehenden Sonne. Plötzlich aber, noch ehe wir es dachten, war die Nacht herum und der Lichtglanz eines neuen, schöneren Tages schien durch das Fenster, in das vor kurzem noch so dunkele Kämmerlein hinein. Warum hatten ivir denn nun so lange getrauert? Warum konnten wir unseres Lebens nicht froh werden? Weil niemand uns tröstete, weil uns keiner den Mut stärkte, weil uns keiner den Strahl der Hoffnung und des Glaubens in die umdüsterte Seele senkte. — In dieser Not der Finsternis verbitterte sich die Seele und das Herz ward voll Groll. Vielleicht Hütten wir es einem milden Zuspruch geöffnet. Vielleicht hätten wir den Tröster verlacht in bitterem Hohn, und die Seele dem Licht verschlossen, sodaß es darin dunkel bleiben mußte, allen Lehren, jeder Mahnung zum Trotz. Ja, wenn wir Gewißheit hätten! — Aber wer gibt uns die? Welche Erfahrung fleht uns hier zur Seite? Niemand garantiert uns die Erfüllung der geweckten Hoffnungen und so ist schließlich doch alles nur ein leerer Wahn. — „Hoff', 0 du arme Seele, hoff' und sei unverzagt!" Ja, das kann der sagen, der dem Glück im Schoße sitzt und nie des Leidens Not am eigenen Leibe kennen lernte. Laß ihn aber erst selber einmal den Kelch des Lebens leeren, dann ivollen wir sehen, ob er noch sich und andere trösten mag!" Wie? Ist es denn mir das? Würde nicht eine Seele, die des Trostes nicht zu bedürfen glaubt, sich auch dem Wort dessen verschließen, der an sich des Leids genug erfahren hat? Oder würde ein Herz dem andern glauben, nur weil es ihm voll freudiger Hoffnung erzählte von eigener Trübsal und Not? — Ach, das ’ menschliche Herz ist ein verzagtes, eigensinniges Ting, das sich nur zu oft hartnäckig einwühlt in seinen Schmerz und sich nicht trösten lassen will. Ta wandert es seinen Weg durch des Lebens Tunkel einsam dahin und verliert sich allmählich mehr und mehr in der Irre. Und irre ward es an sich selbst, an seinen Mitmenschen, an seinem Geschick und an seinem Schöpfer. —i ' Ach, wie manches Leben endet an einem dunklen Punkte, während ringsherum die Blumen blühten und die Vögel über ihm sangen. Warum öffnete der Arme nicht die Augen, zu. sehen, was so hell vor ihm lag? Warum streckte er nicht die Hände aus nach den Blumen, die zu seinen Füßen blühten? Warum wanderte er nicht noch ein Stückchen seines Weges, der ihn zum Glück, zum Siege geführt haben würde? Weil er nicht hoffen konnte, weil er nicht glauben mochte an die Macht und den endlichen Sieg des Guten. Was für eine Welt wäre das, die keinen Wechsel kennte zwischen Tag und Nacht, Minter und Lenz, Unglück und Glück? Mas für ein Leben wäre das, dein nach den Tagen der Trauer und Trübsal nicht wieder die Sonne der Freude lächelte? Sollte nicht dies allein das Herz erfüllen mit Hoffnung und neuem'Lebensmut? Allerdings gehört dazu eine gewisse Kraft, die Kraft des Glaubens und der Geduld. Ta heißt es ausharren und still sein. Wer aber ausharrt, der wird gekrönt. Tenn zu seiner Zeit öffnet sich 198 der Himmel, damit die Sonne ihre Strahlen hinaussenden kann auf die winterliche Flur. Und die Erde öffnet ihren Schoß, daß die Blumen wieder sprießen und blühen. Und dann läuten die Osterglocken und über die Welt hin braust jaulend der Auferstehung jubelndes Lied. — Hoff', o du arme Seele! Es gibt eine Nacht, die tiefer ist, als jede Erdennacht und jede Nacht irdischer Trübsal: das ist die Nacht des Todes. Was mag es doch sein, daß wir unsere Gedanken zu bannen suchen, daß wir sie fern zu halten suchen von dem, das uns doch gewisser ist als alles andere auf der Welt? Sehen wir es nicht täglick Abend werden? Sehen wir nicht jährlich die Blumen welken und vergehen? Sehen wir nicht unsere Mitmenschen um uns her dahingehen, woher sie niemals wiederkehren? Wohl folgen ihnen unsere Blicke in das Tunket des Grabes und der Ewigkeit und unwillkürlich denken wir dann auch wohl an uns, selbst, an unsere letzte Abendstunde und an die Nacht, die auch uns zu seiner Zeit umfangen wird mit ihrem dunklen Mantel. Mit welchen Gefühlen blickt doch das Menschenherz seinem letzten Augenblick entgegen! Mit heißem Weh befällt den einen der Gedanke, eines Tages ausgelöscht zu sein, wie ein Licht, verweht zu werden wie ein welkes Blatt, zu vergehen, wie im Frühling der Schnee. In seines Herzens Nacht fällt kein Hoffnungsstrahl, weil er ihm in dem Bewußtsein höherer Erkenntnis den Zutritt selber wehrte. Er gehört zu den Starken, den Wissenden, die für den Trostsuchenden nichts habeu als ein kaltes Lächeln der Ueberlegenheit. Wenn aber eine schwere, dunkle Stunde über sie kommt, dann ist es vorbei mit der Kraft des Widerstandes, dann wird das Leben weggeworsen als ein wertloses, abgenutztes Gut. — Mit dem Gleichmut des Fatalisten denkt ein anderer der letzten Stunde! Auch er weiß nichts von der Oster- freude und Osterhoffnnng. Hat ihm niemand das Evangelium von der Auferstehung verkündet? Hat er nicht als ein Christ die Lehre empfangen von dem Heil, das in die Welt gekommen ist, sie zu erretten von der Macht des Todes? — O gewiß, auch er hat diese Lehre empfangen, schon damals, als er noch ein Kind war. lind er hat auch daran geglaubt mit kindlichem Gemüt. Aber das ist lange her und heute denkt er anders als damals. Kluge, weise Männer sind gekommen, nicht etwa die Heiden vom Ende der Welt, nein, die Weisen des eigenen Stammes, die gleich ihm in dem christlichen Glauben auferzogen worden sind, sich nun aber ein eigenes Lehrgebäude gezimmert haben. Sie sind zu ihm gekommen und haben zu ihm gesprochen mit weisem Wort. Wie er sich da geschämt hat seines alten Glaubens, in dem er stark war. Nun haben sie die Pflanze des Glaubens aus feiner Brust genommen und die Frucht der Erkenntnis dafür hinein gesetzt. Nun glaubt er auch zu den Starken zu gehören und er ist doch so schwach! Tie Erkenntnis macht ihn nicht froh, sie füllt den leeren Raum in feinem Herzen nicht aus und sein Pfad ist dunkler als je zuvor. Wie schwer ist aber das Leben ohne Hoffnung und wie schwer erst das Sterben! Tarum wenden wir unsere Blicke hinweg vom Ende, weil uns vor ihm graut, vor seiner Oede, seiner Leere, seiner dunklen Tiefe. Warum lehnst Tu Dich auf, Du Menfchenherz, gegen eine Botschaft, die Tich doch nur glücklich machen will? Was nützt es Tir, zu wissen, daß nach dieser Nacht kein Morgen mehr anbrechen wird? Und wenn Tu es wenigstens wüßetst! Aber was weißt Tu denn? Ist die Lehre jener Weisen nicht auch nur ein Dogma, das sich auf Vernunft- Gründe stützt? Wie, wenn es trotzdem anders wäre, als ie sagen? Wer hat je das Rätsel des Todes gelöst, daß er agen könnte: „Tas ist, und jenes ist nicht!?" Unser Wissen ist nichts, denn schon ost mußten wir bekennen, daß wir uns irrten, da wir zu wissen glaubten. lieber das Tunket des Nichtwissens hebt uns der Glaube empor in die Sphären des Lichts, aus denen uns der Trost kommt und die Kraft zum Tragen und Entsagen und die Freudigkeit der Hoffnung in finsteren Stunden. „Welt lag in Banden, Christ ist erstanden!" Das lehrt uns der Osterglaube, das bekunden die Jünger und das jubelt die ganze Natur um uns her. Nein, wir wollen nicht hoffnungslos verzagen in der dunklen Nacht, die uns umgibt. Ter Himmel rötet sich und der Hauch des Frühlings weht brausend über die Erde. Was entschlummert und gestorben schien, reckt sich empor, dem Licht entgegen, und wie ein einziger Siegessang rauscht es durch den erwachenden Wald und über die grünen Felder: „Auferstehn!" Auch in unsere Herzen dringt der Rus der Schöpfung, uns zu wecken aus dem Schlummer, der uns gefangen hält. Schütteln wir die bösen Träume ab, die uns umgeben! Wenn wir hinaustreten in die schöne, jubelnde Welt, dann wird auck uns sein wie den Genesenden und freudig werden wir einstimmen in den Siegesruf aller Kreatur: „Ter Tod ist überwunden, das Leben siegt. Ostern, Ostern ist da!" Erich zu Schirfeld. Wein Wlumengköckcherr. Ein Oster-Märchen von Carmen Sylva. (Königin Elisabeth von Rumänien.) (Nachdruck verboten.) Ich habe eine kleine Blütenglocke, die hat gar reizenden Don, so weich, so tief, so süß, wie nie eine eherne Glocke geklungen, sie ist eben aus einer Blüte gemacht, sie klingt mir zu jeder Zeit, am allermeisten aber, wenn die Märchen mich besuchen. Tie Märcken kommen aber wie niedliche Kinder hinter der Fee hergetrippelt, die jeden Morgen mich weckt, und mit voller Kunkel an meinem Bette steht und mit der Hand winkt, ich solle nur zuhören, sie werde ihre Haare über mich hinivehen und schwenken, und dann würden die Märchen in Scharen herausfallen. Und da höre ich das Glöckchen ganz leise, ganz leise und dann lauter, und dann klingt es in meinem Herzen die ganze Zeit, während mir die Fee erzählt, und das ist so wunderschön, daß ich gar nicht mehr weiß, ob ich nochauf der Erde bin. Und dies Blumenglöckchen ist wie aus Marmor so weiß, wie Alabaster so durchsichtig, wie Maiglöckchen so duftig, und an seinen feinen Spitzen ist es rosenrot gefärbt, wie Maßliebchen und Wildröschen, und sein Ton ist so zart itne Nachtigallenschlag, wie Unkenruf, wie Silber, nein, viel zarter als Silber und Gold, und ist doch weithin vernehmbar. Menn ich traurig bin, so berge ich meinen Kopf in mein Glöckchen und es beschützt mich und flüstert mir Trost zu; wenn ich eine Freude habe, so schlägt das Glöckchen in meiner Brust die Stunde, damit ich sie nie mehr vergesse, wenn ich beten will, fo tönt es wie eine Kirchenglocke und ruft zur stillen Andacht und breitet seinen Tust aus wie Weihrauch durch meines Herzens Heiligtum. Tas Blumenglöckchen hat in meinem Leben einmal eine andere Gestalt angenommen, damit ich es immer kennen und ernennen sollte, da hieß es Jtty, und sah auf meinem Schoß und hatte goldene Locken und einen Rofenmund, und Himmelsaugen, und mit Himmelsstimme nannte es mich Mutter! Tamals war der ganze Himmel und die ganze Erde für mich voller Glocken, da war die ganze Luft ein einzig Blumen glockenspiel. Und als ich es ganz gut kannte, sodaß ich es immer sehen und immer erkennen und immer hören konnte, da hat es der liebe Gott mir wieder entrückt, immer höher und höher und höher, daß es an feinem Himmel läuten könne, und nun läutet es am Himmel, und in meinem Herzen, den ganzen Tag, die ganze Nacht, zu aller Arbeit, zu allen Gedanken! Es hat mir geholfen, wenn mir niemand half, es hat mich getröstet, da mich; keiner tröstete, das Glöckchen war da, das Glöckchen war nah, das hat mir den Himmel ersetzt und den Himmel nahe gebracht, als ich meinte, der Himmel sei mir für immer verschlossen. Tas Glöckchen, das Glöckchen, das ist mein Himmel, denn es wölbt sich über meinen Haaren und weht ihnen die schönsten Gedanken zu und erzählt mir die Wunder, die im Himmel sind, denn es sieht immer hinein und dann freuen wir uns fo zusammen, das Blumenglöckchen und ich, und warten darauf, daß ich auch vom lieben Gott würdig befunden werde, zu steigen, zu steigen, bis ich bei meinem Glöckchen bin! Ich brauche auch gar keine Kirche, da meine Kirche sich über mir wölbt, zu jeder Stunde, ich brauche nur tief in den Blumenkelch hineinzusehen, dann wölbt er sich in unermeßlicher Höhe, und dann höre ich die Chöre darin singen und die Orgel erschallen, und dann bete ich in meinem hohen Tome, so tief, so still, daß mich gar nichts stören kann! Ich höre die Geräusche der Welt gar nicht, feit das Blumenglöckchen über mir hängt. Tas war an Ostern, daß der liebe Gott es holen kam, und so ist es immer 199 Ostern geblieben für mich, es kann gar nicht anders mehr ein in meinem Leben, als Ostern, der Auferstehungstag, >enn auf den allein harre ich mit meiner ganzen Seele; ch habe der Welt nie mehr gehören können, denn die Glocke rief mich immer hinweg und ich mußte lauschen! Tie Geräusche der Welt waren viel zu schwach die haben nie die Osterglocke übertönen können, nur der Schmerz war manchmal so ungestüm, daß er mir fast den lieben Schall verhüllt unD gedämpft hätte, dann aber wurde die Glocke selbst wieder Herr über das wilde Stürmen des Schmerzes, und tönte Frieden und Geduld in wein Herz hinein, und ries mir alle Engel vom Himmel herunter, und die sprachen mit mir. Wie sollte ich da noch bange sein! Mein Osterglöckchen ist so hell, so freudevoll, so klar, als zöge die Liebe den Strang, an dem es ausgehängt ist, und es soll schon lange höher hinauf, aber es will nicht höher ohne mich, es will mich auch mitnehmen in seinen hellen Himmel hinein, sodaß wir zusammen tönen können, wenn Meine Esse einmal still werden darf. Meine Esse wird dadurch wie ein heiliger Altar, daß das Blumenglöckchen wie ein Tom darüber hängt, die Flamme ist das Altarfener, die Funken, die ihn umsprühen, sind die heiligen Kerzen, der Tust von meiner Blume ist der Weihrauch darin, der sich verändert, je nach meinen Gedanken, und dichter und zarter wird, je nach meinem Begehr, und alle Tüfte aller Blumen in filch trägt, vom kleinen bescheidenen Geraniumblatt bis zur hehrsten Lilie. Und ich knie und hämmere, und bete und schreibe, und schiweiße und glühe die Stücke zusammen, und mein Glöckchen gießt darüber sein weiches Himmelslicht, damit die Arbeit heilig sei und heilig mache. Das Glöckchen will keine Höllenarbeit, keine Erdentöne, keine unlauteren Klänge, von weniger edlem Stofs. Es will alles, was aus unserer kommt, soll lauteres Gold des Herzens sein und tönen, wie es selber ! Tie Glocken haben in meinem Leben immer viel bedeutet. Unter dem Läuten der Mittagglocken an Weihnachten bin ich geboren, die -Osterglocken haben mein einziges Kind in den Himmel gerusen, so waren die Glocken die steten Begleiter und werden es sein, bis sie mich zum letzten Male läuten und des Himmels Herrlichkeit mir leuchtet. Tas Schmieden an meinem Lenze, das hat mir viel Mühe gemacht, nicht die Ecke Glauben, die war bald schön geformt und sehr stark, die wollte einmal rostig werden, als die Welt mir gar zu düster war und ich die Glocken nicht deutlich hörte, aber ich habe sie bald wieder blank geputzt. Ich war schon als kleines Kind sehr fromm, und mein Glaube war stark; das war die leichteste Ecke. Tann kam die Liebe, an der mußte ich vielmal wieder anfangen, weil die irdische Liebe nicht himmlisch genug werden wollte, und die himmlische nicht irdisch genug. Ich konnte nicht gleich ließ haben, die mir böses getan, und da mußte die Ecke wieder ins Feuer, und immer wieder mußte der Hammer stark und schwer darauf fallen, bis die Ecke so war, wie ich sie haben wollte und jpie besonders mein Blumenglöckchen sie haben wollte. Tie Ecke Hoffnung war eigentümlich - Ich meinte immer, die sei gar nicht notwendig, was brauchte man denn zu hoffen; aber da zeigte mir das Blumenglöckchen, daß ohne Himmelshoffnung das Leben ganz unmöglich, ja eine wahre Wüste und Hölle sei, daß man gar nicht sich durch den Sand und die Steine schleppen könne, wenn man nicht das Läuten beständig hört, das einem ruft und lockt. Nein, die Ecke Hoffnung, die sollte so hell werden als die andern und freudig und fest und nicht wieder matt im Ton werden. Ach! Habe ich da hämmern müssen, bis es im Blumenglöckü^n so widerhallte, wie in einem weiten Tome! Nun aber kam die Ecke Geduld, die war groß und schwer, und sehr dumpf. Sie war ja sehr fest und wankte nicht, aber dunkel und dumpf, und hatte gar keinen Klang. Sie war so freudlos und s,v trübe, die Ecke Geduld, gar nicht schön zu sehen und nicht voll int Ton. Ta ist mir viel Schweiß über die Stirn gelaufen, bis ich die gehämmert hatte. Ter Ambos hat Dig und Nacht unter den Hieben geächzt und die Flamme meiner Esse mußte von Stürmen und Winden angeblasen werden, damit es nicht drmkel und kalt wurde, denn aus Kält« hämmert man die Ecke Geduld nicht heraus, die muß in der vollen Glut heißester Arbeit geschmiedet werden, die muß ein solches FmckenGrShen abgeben, daß sie von all der Schlacke rein wird, daß sie klingt wie einer Lerche Schlag beim ersten FrLhlicht. Endüch bekommt sie sogar silbernen Ton, wenn man sie immer wieder ins Feuer hält und immer wieder daraus schlägt. Ja, die Ecke Geduld braucht die allergrößte Linst. Und ich weiß, wieviel Mühe sie gekostet hat, unb das Mumenglöck- chen weiß es auch, aber mm fängt der Ton au vielen Stellen an, hell zu klingen, und dann klümt das Glöckchen mit, und wir freuen uns alle Beide. Wh! das ist bann ein wahres Sonntagsläuten und TomesfmerlichDeit, wenn wiicher eine Stelle gut ist! O, das Blumenglöckchen hat mich viel gelehrt, das hat mein Leben zu dem gemacht, was es geworden ist, eS schickt mir die Märchenfee alle Morgen aus Bett, mit all' oen Märchen in ihrem Gefolge; es macht meinen Arm stark zum Schmieden, es bläst in mein Feuer, daß es hell und heiß bleibt, und mir nie ausgeht, es weht mir Kühlung ums Haupt, wenn ich müde bin, es ist meine Andacht mein Gebet, meine Hoffnung, mein Glaube, meine Lieb« und meine Geduld. Tas Glöckchen ist mein alles. Und wenn mein alles im Himmel schwebt, wie kann ich da irdisch sein und irdischie Not und irdisches Begehre« haben! Es soll nur tönen im Herzen, im Haupt, in der Brust; uitb sich in den Augen spiegeln mit seiner ganzen Liebesgewall, mit aller Last, die ihm der Himmel schenkt, denn wenn ich nur der Widerhall von seinen Tönen bin, so ist das schon viel herrlicher als alle Musik! Glöckchen! Glöckchen! Glöckchen! Du sollst mein letztes Glöckchen sein, wenn der Himmel auch für mich sich auftut! Zwischen Weihnachts- und Osterglocken hat sich mein Leben bewegt, wie sollte ich nicht ein tapferer Schmied Jein, da das Erz mich Leb hat, und sich willig meiner Hano fügen wird. Seit eine« Weg läutet es: Lieb haben, lieb haben, lieb haben! und den anderen Weg läutet es: Geduld! Geduld! Gebrrkb! und dann läutet es: Glaube! Glaube! und Hoffnung! an den Feiertagen, da ich ruhen darf und nur seinem Tone lausche, um wieder zur echten Last zu kommen. Nur einmal in meinem Leben waren alle Mocken still und stumm. — An dem Karfreitage, an dem fte meines Kindes leichte Hülle in die hartgefrorene Erde trage«, und das Wort: „Mütter", das mein Festgeläute war, für immer verklungen war. Aber am Kürfreitag schweigen ja alle Glocke»! (Nachdruck Verbote«.) Im AakaS der MZjsß. Roman von B. M. Croker. Genehmigte Uebertragung von A. Bisch«. (Fortsetzung.) Mein Eifer als Pflegerin schien ansteckend zu wirken, denn auch die anderen Frauen meiner Abteilung arbeiteten mit rastloser Ausdauer, und nach kurzer Zeit schon hieß es zu unserer stolzen Beftiedigung: „Sbunmet vier hat Glück!" — Um das, was draußen in der Wett vor sich ging, kümmerte ich mich nur wenig; die Lanken meiner Abteilung nahmen mein ganzes S innen unnd Denken in Anspruchs Erasmus sah ich täglich wohl ein Tntzeadmal und wurde dabei gescholten, verhöhnt, angeschrieen und — sogar gelobt. Dagegen traf ich höchst selten mit Mr. Thorold zusammen, und bann nur auf iireje Augenblicke. Er sah mager und abgearbeitet aus, als kämpfe auch er mit aller Kraft mit der Seuche und fei entschlossen, nicht zu unterliegen. Obwohl er inoessen nur selten in unserem Teil des Lagers zu sehen war, so machte sich seine Persönlichkeit doch fühlbar. Sogar Erasmus hatte er unter seiner Gewalt. Er setzte Verbesserungen aller Art ins Werk und hatte über die Lankenbeförderung, die B«waltung, die Disziplin, kurz über alles, ein wachsames Auge. Keine Mühe war ihm zu groß, keine Angelegenheit zu Kein und unbedeutend, wenn es galt, für das allgemeine Beste zu wirken. Ihm zur Seite stand der leitende Arzt des Lagers, ein freundlicher, grauhaariger Schottländer, der manches ermutigende und ermahnende Wort an mich „Ich höre viel Rühmenswertes über Ihre Abteilung, 200 Miß Ferrars", sagte er einmal zu mir. „Tun Sie aber nur des Guten nicht zu viel und bedenken Sie wohl, daß Sie keine Maschine aus Stahl und Eisen sind. Ich möchte Sie nicht gern unter meine Patienten bekommen. Lassen Sie sich nicht zu sehr von Erasmus tyrannisieren und erlauben Sie nicht, daß sämtliche schwere Fälle auf Nummer vier gebracht werden." Äls mit der Zeit die Witterung wärmer wurde, nahm auch die Seuche allmählich ab. Tie schlimmste Zeit waren die auf meine Ankunft folgenden zehn Tage gewesen. Nun ließ das Einbringen neu Erkrankter bedeutend nach; viele der alten Patienten wurden geheilt und kehrten naq; Hanse zurück, und wir kamen nach und nach wieder zu Atem. Mrs. Manuel und ich! sahen jetzt mehr von einander und brauchten auch! unsere Mahlzeiten nicht mehr in der Hast zu verschlingen. Die kleine Frau sah immer frisch und sauber aus lind war wirklich sehr tüchtig und zuverlässig, nur liebte sie den Kaffee und einen harmlosen Klatsch über alles und war von unersättlicher Neugier. Sie brannte förmlich darauf, alles zu erfahren, was im großen Spital vor sich ging, und nahm jede Kunde von dort gierig auf. Auch mich versuchte sie auszufragen und herauszubringen, woher ich kam und wohin ich ging, doch gab ich ihr stets nur ausweichende Antworten. Um so mit- keilsamer tvar sie über ihre eigenen Angelegenheiten. Sie erzählte mir, daß die gute Bezahlung sie hergelockt habe, daß sie mit einem zehn Jahre jüngeren Manne verlobt sei, der sie sehr liebe und ein ernster, braver Bursche sei, daß ihre Studien sie viel gekostet hätten und sie für ihren neuen Haushalt iroch möglichst viel Geld zusammensparen Müsse. „Ich kann eben nicht wie Sie nur um der Liebe willen arbeiten", schloß sie ihre Rede. Um der Liebe willen? Träumerisch irrte mein Blick über die weite, sprosserrde Ebene und den vom Sonnenuntergang noch tief geröteten Wendhimmel hin. „Ja, ich habe ein wenig beigetragen, der leidenden Menschheit zu helfen, und es wird wohl aus Liebe geschehen sein.", murmelte ich. „Aus Liebe zu. . . Mr. Thorold", fügte sie verständnisvoll lächelnd hinzu. „Was sagen Sie?" Entrüstet fuhr ich, aus meinen Träumen auf. „Nun, nun, ich meinte es ja nicht böse. Gestehen Sie es doch nur", fuhr sie in neckischem Ton fort. „Er hat Sie ja doch hierhergebracht und die genauesten Anordnungen wegen Ihres Zimmers getroffen. Sogar seine eigene Lampe lind seine Uhr sandte er herüber. Ja, ja, das ckennt man schon! Und wenn es wahr ist, was die Leute sagen, so sind viele junge Damen bis über die Ohren in ihn verliebt. Sein Diener hat es mir anvertraut. Mr. Thorold ist klug und hübsch und wird noch einmal ein großer Mann. Daß Sie ihm hierher folgten, war ja wohl ein kühnes Unter- nehmen, aber ich weiß auch, daß er..." „Hören Sie auf!" schrie ich bebend vor Zorn. „Wollen Cie damit sagen, meine Reise hierher sei kluge Berechnung gewesen und ich habe die ganze Zeit über hier nur gearbeitet, um in Mr. Thorolds Nähe zu sein und mir fein Wohl- ges allen. zu erwerben?" „Ja, meine Liebe, so etwas ähnliches wurde im Lager geflüstert. Bedenken Sie doch. Sie sind so hübsch, so jung! Ich aber glaube selbstverständlich nur, was Sie mir sagen!" „Ja, ich will hoffen, daß Sie mir mehr glauben, .als einem albernen Dienstbotengeschwätz. Ich habe Mr. Thorold vor meinem Hierherkommen nur ein einzigesmal gesehen und ivünschte ihm niemals wieder im Leben zu be- gegnen. Ich kam nur hierher, weil mir keine andere Mahl blieb, weil kein Fuhrwerk aufzubringen war, das mich nach Dassi hätte bringen können, und iveil ich dankbar war, daß sich mir wenigstens die Gelegenheit bot, diesen armen Leuten meinen Beistand zuteil werden zu lassen, da ich nun einmal nicht weiter konnte. O töte schmählich, daß solch abscheuliche Dinge von mir behauptet und geglaubt werden!" Ich stand rasch auf, denn ich fühlte, daß ich keinen Bissen mehr würde hinunterschlucken können, und eilte aus unsrem kleinen Eßzimmer fort, während Mrs. Manuel mir rn wortlosem Schrecken nachstarrte. Mlein noch am selben Wend kam die. kleine Doktorin mit der demütigsten Bitte um Verzeihung, sowie einem Sühnopfer in Gestalt herrlicher Feigen in mein Zimmer, und da ihre Reue mich rührte und mein Aerger auch zum Teil verraucht und mein Appetit wieder rege geworden war, verzieh ich ihr gnädig. Niemals aber wagte Mrs. Manuel es mehr, das Gespräche aus Liebe, Geld oder Mr, Thorold zu bringen. (Forts, folgt.) Kunst. f— Gin prächtiges Goethebildnis nach dem Gemälde von Jos. Stieler hat die Kunstanstalt Grimme LHempelin Leipzig erscheinen lassen. Tie Reproduktion ist in den Farben außerordentlich gut gelungen. Aus dunklem Hintergründe hebt sich das Porträt mit dem ergrauten Haar geschmackvoll hervor. Besondere Sorgfalt ist auf die Wiedergabe der Augenpartie verwandt worden und mit Recht, denn dieser majestätische feurige Blick unseres Dichterfürsten verleiht' dem Bild seine große Vornehmheit. Tas Porträt ist ein gediegener Wandschmuck für jedes deutsche Heim. Es kostet ungerahmt 6 Mk., im Rahmen 16 Mk. Im selben Verlag sind auch in der gleichen Ausstattung die Porträts Bismarcks und Luthers erschienen. Erprobtes Wezept. — Oster-Fladen. Man rührt 1 Kilo gramm frischen Quark mit einem Rührlöffel geschmeidig; nachdem man 4 Ger, i/s Liter dicken, süßen Rahm, 100 GraMm Zucker, 70 Gramm geriebene Semmel, 35 Gramm süße, 6 bittere Mandeln, etwas Rosinen oder Korinthen und Zitronenschale darunter gerührt hat, wird die Masse fingerdick aus einen Kuchen von Blätter- oder Hefenteig aufgetragen, mit Ei bestrichen und 1/2 Stunde gebacken. -— Vom April, Eine Bauernregel sagt: Je früher im April der Schlehdorn blüht, Desto früher der Schnitter zur Ernte zieht. Und im Schlesischen sagt das Landvolk: Schneit's 'm Bauern uff a Hutt, Js es lür a Filz pich gutt. Bis zum St. Georgstag, am 23. April, darf der Weinstock noch keine Triebe bekommen, denn es heißt: Sind die Reben um Georgi noch blind, So erfreut sich Mann und Kind. Für die Viehzüchter ist der Regen während der Osterfeiertage, den Tausende verwünschen würden, sehr angenehm, denn ein altes Wort sagt:. Regnets am Ostertag, Wird fettes Futter hernach. Noch zwei andere Bauernregeln mögen hier Erwähnung finden ; die eine kennt man hauptsächlich in der magdeburgischen Gegend: Gras, was im April wächst, Steht im Mai fest, während man in der Rheingegend sagt: Tonnert's im April ” Hat der Reif sein Ziel. Preisrätsel.*) (Nachdruck verboten.) G £ © ® ® * e • ■?: -ö; -Ö- 3K ® ® Ä © ® Die Buchstaben AAA BBB D EBBE FE HLNO RRRRRR ÜU sindnach dem Muster obiger Figur derart zu ordnen, daß die mittelste wagerechte Reihe gleichlautend mit der mittelsten senkrechten ist und die Buchstaben wagerecht gelesen folgendes bedeuten: 1. Konsonant: 2. Wild; 3. Waffertier; 4. Teil des Jahres; 5. Stimmungsausdruck 6. technisches Hilfsmittel; 7. Konsonant. *) Lösungen sind mit Ausschrift „Preisrätsel-Lösungs versehen innerhalb acht Tagen an die Redaktion der »Gießener Familienblätter" einzusenden. Auflösung des Bilderrätsels in vor. Nr: Wachtmeister. Redaktion- Auqust Götz. — Rotationsdruck tmd B erlag der Brühl'schcn klnircrsitätS-Büch- und Ctcindruckerei. R. Lange, Gießen