«• nTsrWVi»,],, 0Tip-Hj • U^MMEML«! 11 Wxk MWÄWK^W^W ÄM M (Nachdruck verboten.) Wlla Jalconieri. Bon Richard Voß. Zweiter Band. (Fortsetzung.) Nichtig, und die Villa Falconieri. . . Was ich von ihren Bewohnern weiß, erzählte mir meine Kammerfrau. Weine Quelle ist also gerade kein silberheller Maldbach. Ter schöne Landsitz gehört der Prinzessin Lancellotti, die sich rings um Frascati eine kleine römische Provinz zusammengekauft hat. Sie ist eine vortreffliche. Regentin. Tenn die Tame ist nicht nur die liebenswürdigste, sondern auch die gebildetste und klügste von uns römischen Fürst- innen. Von ihren drei Frascataner Villen hat sie haushälterisch zwei vermietet: die berühmte Tusculana an die Propaganda, und die traumhaft phantastische Falconieri an einen Sonderling. Erinnerst Tu Tich eines Grafen Cola Campana? Ich meine den Dichter Campana! Im Kloster schwärmten wir für seine in unser Heiligtum eingeschmuggelten, weltschmerzlichen Poesien ä la Byron und Leopardi. Wir lernten die schwermütigen, pompösen Strophen heimlich auswendig, berauschten uns an der pathetischen Pracht ihrer Sprache, deklamierten sie im Klostergarten, versteckten das Bändchen Gedichte tagsüber in unseren Gebetbüchern, nachts unter unseren Kopfkissen, schrieben den Namen Cola mit Blut, welches wir uns mühsam aus dem aufgeritzten Finger drückten, auf rosa Papier und verwahrten das Blatt am Herzen. Wir träumten von den ekstatischen Naturschilderungen, den glühenden Liebesgedichten — erlebten sie. . . So verrückt! Und von allen Tollen war die kleine Viviane die tollste. Ans Caprice vermutlich. Ist das nicht merkwürdig? Taß ich einstmals allen Einstes sür »etwas schwärmen konnte — wenn auch nur aus Laune. Wie das klingt: „Einstmals!" Und es ist grade volle sechs Jahre her. Noch so jung zu sein und sich schon so alt zu fühlen, so morsch wie entnervt. In Frankreich nennt man, was ich meine und vielleicht nicht ausdrücken kann: „morbide". Es bezeichnet eine geistige Blässe unseres Jahrhunderts. Ich hatte meine entsetzlich jugendliche Schwärmerei für einen neuen Dichter des uralten Weltschmerzes bereits lange vergessen, hatte des Grafen Cola Campana nie wieder gedacht, wußte kaum noch, daß ein solcher Manu „einstmals" einer der gefeiertsten Poeten Italiens gewesen war. Tenke doch! Dieser nämliche Graf Cola Campana, das Ideal unserer unschuldigen glücklichen verrückten Jugendzeit ist in der Villa Falconieri. mein Nachbar. Jetzt fällt mir ein: schon damals galt der poetische Gras sür einen sonderbaren Schwärmer; und schon damals hörten wir im Kloster allerlei über ihn flüstern. Wie gierig wir Kleinen lauschten, ward einmal von einer der „Großen" sein Name geannnt. Waren es wohl Frauen- geschichten? Bitte, hilf meinem miserablen Gedächtnis. Richtig! Man erzählte uns schon damals, daß der Säuger der düsteren schwermütigen „Nächte", der Rolle eines literarischen Salonlöwen wahrscheinlich überdrüssig, mutterseelenallein in einem alten Märchenschlosse hause. Tas war also die Villa Falconieri! Warum haust er dort? „Cherchez la femme —" natürlich! Tcnn dieser Pessimist, Menschenfeind und was er sonst noch sein mag, scheint sich dort oben ganz vergnüglich ein» genistc«- zu haben. Eine schöne Freundin teilt — wie meine etwas schlammige Quelle mir berichtet — des gräflichen Poeten „Einsamkeit" unter den berühmten Steineichen der Villa. „O madame! On parle d'une trös gründe Passion." Und meine romantische Pariserin — denn bisweilen können auch moderne Kammerfrauen romantisch sein -- verdrehte voller Entzücken die Augen. Eine große Leidenschaft. . . Findest Tu nicht, daß die Phrase einen eigentümlichen Klang hat, wenn es auch nur eine Phrase ist? Eine große Leidenschaft. . . Es rauscht und braust, stürmt und tost in den Worten. Eine große Leidenschaft. . . Ein Alpengipfel steigt vor Dir auf, ein Abgrund öffnet sich zn Tcinen Füßen. Es jubelt Tich an in den Lauten, es schluchzt darin. Es ist Himmel und Hölle, es ist qualvolles Leben und glückseliger Tod. Es ist alles — alles! Wie Tn siehst, machte die Redensart von der großen Leidenschaft auf mich Eindruck. Tenn bist Tu schon einmal in Teinem Leben einer großen Leidenschaft begegnet, einer wahrhaft großen? Ich nicht. Es muß eigentümlich sein, ganz eigentümlich. Dieser edle Graf Cola Campana mit allen seinen mehr oder minder herrlichen Poesien, mit meiner ganzen einstmaligen verrückten Backfischschwärmerei für ihn, würde mich jetzt nicht das mindeste kümmern, wenn er seine „große Leidenschaft" nicht hätte. Ich denke viel darüber nach; und je mehr ich darüber nachdenke, umsoweniger verstehe ich die Sache. Und je weniger ich sie verstehe, um so erregter und nervöser macht es mich. Es mutz etwas Wunderbares darum fein. Ich möchte es für mein Leben gern kennen lernen — natürlich nur durch einen andern; denn es an sich selbst zu erfahren, das müßte sein —. 66 Tina, Tina! Es müßte sein, als käme ein Gestorbener aus dem Grabe zu Tir. Ich werde sentimental. . . Pfui! Alle Sentimentalität ist geschmacklos, und jede Geschmacklosigkeit ist häßlich. Und damit wäre ich für mich yei dem Ende aller Tinge angelangt. * Stelle Dir vor: der Mann mit der großen Leidenschaft ist ein alter Herr! Tenn mit fünfundvierztg Jahren ist der Mensch doch alt. Wenigstens muß er sich alt fühlen, uralt. Und dann noch immer eine große Leidenschaft haben. Tas ist einfach lächerlich. Und — es ist unästhetisch! Woher ich das Alter des Grafen so genau weiß? Nicht durch meine romantische Kammerfrau; sondern aus einer etwas sichereren Quelle, dem Konversationslexikon. Ich entdeckte es zu meinem großen Erstaunen in der Bibliothek und bin ordentlich stolz darauf, daß wir so gebildet sind, ein Konversationslexikon zu bestzen . . . Graf Cola Campana ist im Jahre 1847 in Mailand geboren, hat sehr jung mit seinen Dramen die italienische Bühne geradezu beherrscht, ist sehr bald vom Repertoire vollständig verschwunden, ist seit beinahe zwanzig Jahren in der Literatur verschollen, von der Welt vergessen, in Melancholie, Einsamkeit und kranken Nerven untergegangen. Es klingt schwermütig, nicht wahr? Im Konversationslexikon steht von der famosen großen Leidenschaft natürlich nichts zu lesen. Mir scheint das eine Wort alles zu sagen, alles zu erklären. Wir Frauen sind eben viel weiser, als ein Konser- vationslexikon. * Madame Charme, meine zürnende, strafende, alles verstehende, alles vergebende Madame Charme: ich habe über unsere „göttliche Welteinrichtung" so viele lästerliche Gedanken. Sie ist — wie so viel anderes auf Erden — im Grunde genommen nichts als eine Komödie, obenein eine herzlich schlechte Komödie; denn man kann dabei nicht einmal lachen. Aber zum Lachen--ist folgender Spaß: In vierzehn Tagen ist Ostern, und heute hat sich der Prinz von Camaldoli zu den Mönchen begeben, um im Kloster seine alljährliche Pönitenz zu tun. Ist das nicht eine köstliche Boufsonuerie? In Camaldoli — es liegt eine halbe Stunde von hier, den Berg hinauf, unter dem Kreuz von Tusculum — lebt der Prinz volle zwei Wochen in ftrenger Klausur. Er betet, fastet, büßt. Er betet, fastet und büßt alle seine Sünden ab, um sich alsdann mit einer Seele, so weiß wie eine meiner Lilien, in die Arme einer Dame der Welt oder Halbwelt zu stürzen. IN den verschiedensten schönen Armen bleibt mott cher mari ein volles Jahr, bis auf der Welt wieder Oftertr wird und die große jährliche Gewissenswäsche von neuem beginnt. * Tu mußt noch einmal etwas über den Mann mit der „großen Leidenschaft" in der Villa Falconieri hören. Seine Freundin wird hier allgemein einfach nur „Ma- dama" genannt. Ihr Name ist Maria. Sie soll einmal ein Wunder von Schönheit gewesen sein. Bevor sie „Ma- dama" wurde, war sie eine Signora. Ihr Mann hatte die Tenuta der Villa Falconieri gepachtet und lebte mit seiner wunderschönen Maria seelenvergnügt inmitten seiner Oel- wälder und Weinberge. Da kam der menschenscheue gräfliche Poet, mietete den Palast, faßte für die wunderschöne Maria die famose große Leidenschaft und nahm die Tarne ihrem Manne fort. Es gab nicht einmal einen Totschlag dabei. Nur Geld kostete die Sache, sehr viel Geld. Doch Geld besaß der dichtende Graf so viel wie ehemals Ruhm. Zuerst wollte der Mann der schönen Maria allerdings nach seinem Tolchmesser fassen; zum Glück erinnerte er sich jedoch rechtzeitig, daß er Italiener wäre, ließ sein Dolchmesser vorsichtig in der Scheide und steckte das gräfliche Geld in die Tasche. Ter Mann verschwand aus der Falconieri; die Frau blieb, und — es blieb die große Leidenschaft. Habe ich Dir die Geschichte von dem edlen Grafen und der wunderschönen Maria nicht hübsch erzählt? Sie klingt beinahe wie eine alte Romanze; der Refrain lautet: „Und es blieb die große Leidenschaft." Gestern war ich in der Villa Falconieri, das heißt im Park. Das ist eine köstliche Wildnis! Ganz allein war ich dort, sogar ohne meine perfekte Kammerfrau, ein Mangel an Schicklichkeit, den die schäbigste Frascataueriu einfach shocking finden würde. Ich sah nur einen Urwald von Bäumen, Büschen, Blüten, hörte nur einen Chor von Nachtigallen. Aber von der wunderschönen Maria, vulgo Madama, sah und hörte ich nichts, ebensowenig von unserem einstmals angeschwärmten Poeten. Und das ist gewiß recht gut; denn die wunderschöne Maria wird alt und garstig geworden sein, und der berühmte Dichter alt und fett — was noch viel abscheulicher ist. Bei der Billa ist ein Teich unter Cypressen. Ich saß lange am Rande, schaute in das schwarze Wasser, wo ich mein schneeweißes Spiegelbild wie eine himmlische Erscheinung erblickte. Dazu rauschte in den alten Totenbäumen der Wind wie Sphärenmusik. Ich hätte immer so dasitzen mögen, in das stille, dunkle Wasser schauen und auf das Rauschen in den Cypressen- wipfeln lauschen. Es ist so recht der Ort, um auszuruhen. * Heute entdeckte ich, daß gleich hinter unserer Pinienwiese ein grünes Pförtlein direkt in die Oliveta der Villa Falconieri führt. Das Pförtlein ist verschlossen; aber der Gärtner hat den Schlüssel, wie mir die Kammerfrau verriet. Siuen Schlüssel hat auch der Gärtner von der Falconieri. Tas grüne Pförtlein paßt demnach gut in einen kleinen sehr intimen Roman. Schade um die. schöne Gelegenheit, die ich mir entgehen lassen muß. In dem Roman meines Lebens weiß ich mit einem Pförtlein- nichts anzufangen. Morgen gehen meine sechsundzwanzig manvefarbenen Blätter au Tich ab, meine geliebte Reizende! Und jetzt drücke ich meine weißen weichen Wangen an Tein stolzes kühles Gesicht und sage Dir gute Nacht; denn es ist spät geworden, vielmehr bereits früh. Ja, liebste Seelsorgerin, ich will es Dir nur bekennen: ich habe wieder schlechte, schlechte Nächte! Weder Morphium noch Sulfonal helfen Deinem armen Beichtrinde mehr. Nichts hilft mir! Nichts hilft mir, als des Nachts stundenlang, stundenlang umherzuwandern, bis ich zu Tode ermattet hinsinke. Uebrigens bin ich hier nicht der einzige Mensch, der nicht schlafen kann . . . Wenn ich. in einem Delirium von fiebernder Erschöpfung mein Fenster ausreiße, so sehe ich dicht über mir einen Stern schweben. Es ist jedoch kein holdes Himmelslicht; sondern die Petroleumlatnpe des verschollenen Poeten in der Villa Falconieri. Der Mann muß auch schlechte, schlechte Nächte haben; denn Nacht für Nacht glüht über mir der große Funken. Erst luenn der Morgen graut, erlischt er. Ob die beiden einsamen Flammen sich wohl verstehen würden, wenn sie zueinander sprechen könnten? Schwerlich!, Gewiß gar nicht! Aber dem Schlaflosen dort oben muß gegen seine schlechten Nächte auch nichts mehr helfen können. Nicht einmal die Arme der wunderschönen Maria, die er einem anderen Manne fortnahm; nicht einmal feine famose „große Leidenschaft". Tu siehst, in dem einen sind wir beide Leidensgefährten: Seine wunderliebliche, nixenhafte, unverbesserlich weltliche, unaussprechlich melancholische Viviane, und der alt und fett gewordene Sänger der Schwermut. Wir armen Schlaflosen! * Fort Uind fort höre ich es in mir brausen und fluten und stürmen: „eine große Leidenschaft, eine große Leidenschaft!" Tie Phrase hat sich in meine Seele gefressen. Ein Königreich für eine große Leidenschaft, die Welt für eine große Leidenschaft, das Leben, die Seligkeit! Man muß sie nur fühlen können, Heilte, dumme Viviane. * Villa Taverna-Borghese, 15. März. Tu verschwendest Deine Sorge um mich schimmerndes, schillerndes, ruschliges'Eidechslein, liebe Barmherzige. Ich sterbe ganz gewiß nicht an der Schwindsucht! Mein Blutspeien bedeutet nichts als eine neue Nuance aus der unendlichen Skala weiblicher Koketterien oder Raffinements — wenn Tu es durchaus so nennen willst. Das Leben ist viel zu häßlich; und ich bin viel zu reizend, um eines so 6? unschönen Todes, wie Schwindsucht ist, überhaupt sterben zu können. Dieses schauderhaft häßliche Leben ist mir ein himmlisch schönes Sterben schuldig. Ich weiß noch nicht recht, welche Todesart es sein wird. Wer ich finde es gewiß; und dann — Der Prinz ließ sich in Camaldoli in die Zelle sperren, die König Hakob III. von England bewohnte. Aus diesem frommen historischen Gemach schreibt er mir täglich ein zärtliches Gattenbillet. Demnach müssen die Episteln, die er täglich durch seinen Kammerdiener an feine römische Freundin expedieren läßt, höchst zerknirscht und moralisch sein. — Ich lebe hier, als ob ich seit jeher hier gelebt und von der Welt niemals etwas anderes erblickt hätte als dieses tragische Landschaftsbild der römischen Campagna, durch die finsteren Wölbungen der Steineichenwipsel gesehen. Tas sind Kontraste! Diese große Natur und meine winzige Seele . . . Findest Du es nicht auch merkwürdig, daß ich hier vor Langeweile noch nicht umkomme? Stelle Dir vor: abends besuchen mich bisweilen einige gute Landpastoren — mich! Ist das nicht zu komisch? Ihre schwarzen, sehr würdigen Gewänder und meine schimmernden, fließenden, leider sehr weltlichen Draperien! Sie werden mit Limonade und Kuchen gefüttert; und ich unterhalte sie nach der alten, guten Lebensregel: „Mit den Wölfen muß man heulen". Ich wollte. Tu hörtest einmal Deine kleine, raffinierte Lebenskünstlerin mit den geistlichen Herren Konversation machen. Ich schwatze über Frascataner Wein und Olivenöl wie ein wohlhabender Frascataner Bauer; über die demnächst erfolgenden heiligen Schauspiele der Sepolcri und der Fronleichnamsprozession, sowie über die sündhaft hohen Steuern einer unchristlich römischen Regierung wie ein schwerbedrückter kinderreicher Familienvater, und über den sensationellen, hier in Frascati statt- gesundenen Skandal der armen Herzogin M..... wie ein gutmütiger Pharisäer, der den Stein aufhebt, aber schließlich damit nicht wirft. Tu siehst, ich bin vielseitig. Natürlich beschwatzen wir auch die Leute von der Villa Falconieri; doch kommt dabei nicht viel heraus. Die wunderschöne interessante Madama ist eben in Gottes Namen — „Madama". Meine frommen Gäste können es auch nicht ändern: „Come si fa?" Und der Tichtergraf. . . Was für ein Mann das ist: „Chi lo sa?" Die Hirten von Tusculum und Kohlenbrenner von Rocca-di-papa lieben ihn; die Mönche von Camaldoli und der Rufinella halten ihn für keinen besonders guten Christen, aber doch für einen „buon uomo"; seine Ticnstleute betrügen und bestehlen ihn nicht; die Vogeljäger hassen ihn, und die übrige Frascataner Menschheit kümmert sich nicht um ihn. Das ist alles. Auch meine trübe kammerfrauliche Quelle ist erschöpft. Also muß ich wohl oder übel mich selbst zu orientieren suchen; denn ich habe mich nun einmal kapriziert, auf die beiden Leutlein in der Villa Falconieri neugierig zu sein. (Fortsetzung folgt.) Ker Iom zu Wctzkar. Skizze von M. Ploch. (Nachdruck verboten.) Aus der alten Reichsstadt Wetzlar kommt die bedauerliche Künde, daß der dortige Tom — eines der eigenartigsten Bauwerke Deutschlands — mehr und mehr zu zerfallen drohe. Eine sichere Aussicht, dem Verderben wirksam Einhalt gebieten zu können, liegt noch in weiter Ferne. Tie zu diesem Zwecke erforderliche Summe von ein und einer halben Million konnte bis jetzt, trotz der Opferwilligkeit der dortigen Bevölkerung und verschiedener Kunstliebhaber, sowie auch einer nicht unbeträchtlichen Unterstützung von feiten des preußischen Staates nicht annähernd aufgebracbt werden. Eine für die allernächste Zeit erstrebte, nach größerem Maßstabe geplante Tombaulotterie rst — durch; die staatliche Gewährung einer solchen für Trier — um Jahre hinausgeschoben worden. Auch nach Erlangung der genannten Summe würde es sich selbstverständlicherweise nur um eine Ausbesserung umfassender Art —7 unter möglichster Wahrung der jetzigen Form — handeln und keineswegs um einen eigentlichen Neubau. Man möchte ihn ja aber auch gar nicht anders wünschetf. den alten, mißgestalteten Gesellen dort oben aus seinem Felsen im Lahntale. So wie er ist, soll er da stehen bleiben, der Stadt als Wahrzeichen, dem Geschichis- und Kunstforscher eine nie versiegende Quelle der Belehrung, dem Träumer und Naturschwärmer zur Freude und Anregung. Dazu aber, daß er ihnen allen nicht endgiltia verloren gehe, sollte ein Jeder das ©eine beitragen und dürste ein jeglicher Versuch gerechtfertigt erscheinen, in weiteren Kreisen erhöhtes Interesse für das in Rede stehende — in mehr als einer Beziehung ungemein der Beachtung werte — Baudenkmal zu erwecken. Seine Geschichte ist — besonders im Laufe früherer Jahrhunderte — mit derjenigen der Stadt Wetzlar eng verwachsen, der einen wie der anderen Anfänge in tiefstes Dunkel gehüllt. Chroniken erwähnen der Ansiedelung zum erstcrimalc int Jahre 943 unter dem Namen Wittlara, gelegentlich eines längeren Aufenthaltes Kaiser Otto des Ersten in ihren Mauern. Einer sagenhaften Ueberlieserung zufolge stand einst an Stelle des jetzigen Tomes ein heidnischer Tempel, der später — wohl nm 748 — durch eine, angeblich von den Grasen des Lahngaues erbaute Kölle- gial-Stiftskirche. wbgelöst worden sein soll. Um sie herum und durch ihre Einwirkung mag sich wohl — wie ja nach^- weisbar so oft an anderen Orten — die spätere Stadt gebildet haben. Ter heute noch erhaltene älteste Teil des Toms — eine romanische Dvppelturmanlage mit Zwischen- bau — entstammt jedoch erst einem späteren Neuban. Dieser war, Urkunden nach, int Jahre 1157 vollendet. Mit der Erhebung Wetzlars zur Stadt ward wieder ein Umbau geplant und ztt Attfattg des dreizehnten Jahrhunderts ausgeführt. Mau ließ bei ihm nur die Facade — die oben erwähnte Toppelturmanlage — stehen nnd baute «tt sie anschließend ein neues Lang- und Kreuzhaus, denen man in ihren unteren Teilen spätramonische Formen gab. Schon in frühgotischem Stile schuf man dagegen — indem man nach damaligem Brauche dem jeweiligen Geschmacke der Bauperiode beim Fortschreiten eines Baues folgte — bett Chor, im Oberbau und in den Gewölben, sowie die oberen Teile des südlichen Kreuz- und Langhausschiffes. Portal und Fenster, die zu letzterem gehören, erinnern in ihrer reinen, wenn auch noch nicht gleich hoch entwickelten Gotik an die entsprechenden Teile der vielgerühmten Elisa- bethenkirche zu Marburg. Höchstwahrscheinlicherweise haben sie bereit Erbauer a ls Vorbild gedient, jedenfalls sind sie als eine der frühesten Ausführungen der Gotik in Deutschland zu betrachten. Nach einer anzuuehmenden Pause in der Bautätigkeit ging man dann — wohl um 1274 — zur Hochgotik über. Tiefer gehören der Oberbau der Langhausuordseite und die Fenster des nördlichen Kreuzarmes an. Ungefähr in der Mitte des vierzehnten Jahrhunderts, unter der Regierung Kaiser Ludwigs von Bayern, kam für Wetzlar die Zeit seiner höchsten Blüte als Stadt, und sofort regte sich, als Folge davon, die Baulust wieder. Eine ganz neue, prächtige, gotische Toppelturmanlage mit Zwischenbau, begann sich nun zu erheben, die man fast unmittelbar vor die bisher noch immer als Facade dienende, öfter schon erwähnte, frühromanische hinstellte. Es geschah dies mit der unverkennbaren Absicht, die letztere nach der Vollendung der ersteren niederzureißen und, über, die Stätte des Abbruches weg, durch Verlängerung des Langhauses um zwei Joche, dessen Anschluß an die neue Facade zu erreichen. Dieser großartig angelegte, die Leistungsfähigkeit von Stadt und Stift wohl von Anfang an übersteigende Bau ward aber nur sehr langsam gefördert. Auch geriet die Stadt durch ihre Machtstellung in Fehden aller Art. Tie Mittel zum Bau fingen an, spärlicher zu fließen, obwohl zu ihrer Erlangung weit genug gegriffen ward. So gingen zu diesem Zwecke, wie erwiesen, im Jahre 1423 mehrere der angesehensten Bürger Wetzlars mit vom Papste eigens ausgestellten Ablaßzetteln durch einen großen Teil des Deutschen Reiches hausieren. Als nun aber Wetzlar im Jahre' 1547 die Reformation aunahm, erstarb- die Lust am Bau vollends. Ter Nordturm, kaum zu einem Viertel der geplanten Höhe aufgeführt, blieb nun ganz liegen, Er ist heute vollständig zur Ruine geworden. Wilder Epheu dringt aus seinen Spalten und rankt sich um ihn, während seinem oberen, teilweise zerbröckelten Rande reiches grünes Buschwerk entsproßt. Dieser Schmuck verleiht ihm, im Verein mit seiner mattrötlichen Färbung ein selten — 68 — malerisches Ausehen. Ter Südturm dagegen wuroe um 1540 bis zur Plattform vollendet. Statt der Spitze erhielt er aber nur einen schiefergedeckten Helm und, nachdem dieser im Jahre 1561 einem Brande nun Opfer gefallen war, ein noch heute erhaltenes, in orei immer kleiner werdenden Absätzen aufsteigendes, niedriges Krondach. Durch dieses, sowie einen ziemlich stillosen Dachreiter und mehrere sich häßliäi herabsenkende Pultdächer wird das unleugbar groreske Aussehen des ganzen Bauwerks noch wesentlich erhöht. In der Ausschmückung des unvollendet gebliebenen Turmbaues zeigen sich übereinander die verschiedenen Phasen der Gothik in interessantester Weise. Doch macht grabe dieser Teil des Gebäudes — eben seiner unverkennbar großartigen Anlage wegen — in seinem jetzigen Zustande durchaus keinen erhebenden Eindruck. Tenn sein zierliches, stark vom Zahne der Zeit benagtes Maßwerk, seine aufs reichste angebrachten Konsolen und Baldachinen, die jedoch meist der zu ihnen gehörenden Figuren beraubt iud, — solche vielleicht auch niemals besessen haben — cheinen von "dem großen Wollen der Menschen und ihrem zeringen Können zu sprechen. Betritt man dagegen den Mappen, ungedeckten Zwischenraum, der diese Turmanlage von der hinter ihr aufragenden, frühronrarrtischen trennt, so fühlt man sich, beim Anblick der letzteren, die fast ein Jahrtausend über allen Stürmen getrotzt hat, von ehrfurchtsvoller Stimmung ergriffen. Fast möchte man sich versucht fühlen, ihrem schwärzlichen Gemäuer ein viel höheres Alter, als das ihm von sachverständigen Forschern zugestandene, zuzuschreiben. Frühere, hinter der heutigen an kunstgeschichtlichem Wissen zurückstehende Generationen haben dieser Empfindung Ausdruck verliehen, indem sie den! alten Baue die Bezeichmmg „Heidenturm" beilegten, die er auch heute noch im Bolksmunde führt. Ta er ziemlich roh aus einem Gefüge von Gußmauerwerk, die Hochgotik der unvollendeten Turmanlage dagegen in der .Hauptsache aus rötlichem Sandsteine ausgeführt ist, die spät- romanischen und frühgotischen Teile des Tomes. endlich aus bläulichem Tonschiefer bestehen, so bietet bet dieser einzigartigen Kirche — neben der auch dem Laien leicht erkennbaren Ablösung der Stilarten — auch der mit ihr verbundene Wechsel des Materials das größte Interesse. Eine weitere Eigentümlichkeit: daß das ziemlich schmucklose Innere zwei Konfessionen Obdach gewährt, indem das Langhaus dem evangelischen, der, seinerzeit zum ausschließlichen^ Gebrauche der Domherren von ihm durch eine Wand getrennte, Chor dem katholischen Gottesdienste geweiht ist, teilt sie mit manchem anderen kirchlichen Bauwerke. Der Besucher des alten Domes sollte nicht versäumen, sich zum Schlüsse noch von dessen Wirkung im Stadt- und Lcnidschaftsdbilde zu überzeugen und zu diesem Zwecke eine der Wetzlar auf drei Seiten umrahmenden bnsch- und turm- gekrönten Höhen besteigen. Ta thront er, der altehrwürdige Koloß, auf seinem erhabenen, vom Silberbande der Lahn umschlungenen Standpunkte, alle die übrigen zahllosen, ihn gleichsam umdrängenden Gebäude der Stadt in imposanter Meise überragend, gleich ihnen im glänzend grauen Schiefergewaude. Wie eine riesenhafte Vogelmutter will er erscheinen, auf deren Lockruf hin die Jungen aus den zahlreichen, von da und dort her sich öffnenden Seitentälern herbeigestürzt kommen und sich nun schutzsuchend um sie scharen. So beherrschend steht er im Bilde, daß es in der Tat erstaunen muß, wenn Wetzlars berühmtester Gast, „einer der klügsten Köpfe", wie sich sein Zeitgenosse, der Wetzlarer Geschichtsschreiber Freiherr v. Ulmenstein ausdrückt, „der große Goethe", wie die Nachwelt sagt — feiner nicht mit einer Silbe in feinen Schriften erwähnt. Und doch hat gerade er Stadt und Gegend für alle Zeit geweiht, indem er sie nickt nur einem feiner eigenen, in „Dichtung und Wahrheit erzählten Herzenserlebnisse, sondern auch den Gestalten seines Werthers als hell von der Sonne seines Genius durchleuchteten Hintergrund verlieh. Möglich, daß er, dessen Erinnerung zurzeit seines Wetzlarer Aufenthaltes noch ganz von den tadellosen Formen des Straßburger Münsters erfüllt war, für das seltsame alte Gebäude nur hier und da ein keineswegs bewunderndes Kopfschütteln gehabt hat. Wahrscheinlich' sogar, wenn man sich verstellt, wie sehr dieses zu jener Zeit noch ohnehin durch mehrere ihm angeheftete Pfrofanbauten — unter ihnen ein Machthaus — verunstaltet gewesen sein mag. Abgesehen von dieser letzten ungeheuerlichen Geschmacklosigkeit, bestätigt auch ein Einblick in verschiedene, dem Ende des achtzehnten Jahrhunderts entstammende, die Stadt Metzlar betreffende Schriften wieder einmal die Erfahrung, daß die damals lebenden Generationen derartigen alten Baudenkmälern nur wenig Sinn und Verständnis entgegen» brachten. Durch die traurigsten politischen Verhältnrsse in ihren vaterländischen Gefühlen gelähmt, vermochten sie diese als Zeugen der Leiden, Freuden und Bestrebungen ihrer Vorfahren durch Jahrhunderte hindurch^ weder zu er» kennen, noch zu würdigen. Uns an deren beredter Sprache zu erheben und zu erbauen, glauben wir Deutschen von heute, mit Hilfe der seitdem so glücklich veränderten Lage unteres Vaterlandes, und des infolge davon in uns neu erstandenen und erstarkten nationalen Bewußtseins, endlich gelernt zu haben. Daß es sich wirklich so verhält, möge recht bald die völlige Wiederherstellung des Tomes zu Metzlar bezeugen! LZtertarLscheK. — Süddeutsche Monatshefte unter Mitwirkung von Paul Nikolaus Coßmann, Josef Hofmiller, Paul Marsop, Friedrich Naumann, Hans Pfitzner, Hans Thoma, herausgegeben von Wilhelm Weigand. Tas 2. (Februar-) Heft der neuen Zeitschrift wird eröffnet durch die neueste Arbeit von Pfarrer a. D. Tr. Nauman«, eine in Italien geschriebene Studie über den politischen Katholizismus mit besonderer Berücksichtigung der deutschen Zentrumspartei. Verwandte Probleme behandelt von einem anderen Standpunkt aus Tr. Josef Hofmiller in einem Aufsatz über bett katholischen Theologen Alban Stolz und dessen Tagebücher. Zwei Autoren, die in ihrem Fache als erste Autoritäten längst bekannt sind, bis jetzt aber noch nie für einen weiteren Leserkreis geschrieben haben, sind der General der Jus. z. T. Wilhelm von Scherff und der Ueberjetzer der Reden Buddhas Tr. Karl Eugen Neumann; Scherff führt die Leser der Monatshefte in die Kriegswisfenschaft ein, Naumann in den Buddhismus. Allen Frauen, die Mutter sind, nicht minder Männern, die att städtischer Verwaltung beteiligt sind, ist die Lektüre des ganz populär gehaltenen Aufsatzes über „H ygiene der Milchver sorgung" zu empfehlen, den Professor von Soxhlet beigesteuert hat. Ter Kunstteil bringt außer einer Würdigung des eben zugänglich gewordenen vollständigen Materials zur Kenntnis Anselm Feuerbachs durch Wilhelm Weigand; eine „ausgezeichnet informierte Seite" läßt sich über den soeben in Weimar geschlossenen Künstler bund, die Vereinigung aller Sezessionen vernehmen, über die mancherlei Widersprechendes in die Oeffentlichkeit gedrungen ist; Max Reger, einer der umstrittensten unter den lebenden Komponisten, schreibt über Hugo Wolfs Nachlaß einen Aufsatz, in dem er sich vieles vom Herzen redet. Bon der das Heft beschließenden prächtig humorvollen Erzählung „Ter heilige Hies" braucht nur gesagt zu werden, daß Tr. Ludwig Thoma,.der Peter Schlemihl des „Simplieissimus", ihr Verfasser ist. — Ter Abvnnementspreis (12 Mk. für den Jahrgang) i)t geringer als der irgend einer anderen großen Monatsschrift. Bestellungen nehmen alle Buchhandlungen entgegen. Auflösung des Wortspieles in vor. Nr.: a. Kreta, Name, Eros, Tonne, Leim, Save, Selma, Helm, b. Kater, Amen, Rose, Roten, Emil, Vase, Amsel, Lehm. - Karneval. Zahlenrätsel. Nachdruck verboten. 6 7 2 8 8 beliebtes Vergnügen weiblicher Vorname eßbarer Fisch Verkehrseinrichtung Fluß in Europa Teil des Gesichts Spielzeug Seevogel fremdes nützliches Tier alttestamentlicher Name. «Auflösung in nächster Nummer.) 12 3 4 5 2 8 1 2 3 2 8 1 4 2 7 5 8 5 8 7 5 6 2 3 5 7 2 8 8 2 8 4 8 2 1 2 8 2 7 2 6 Redaktion-. Angust Götz. — Rotationsdruck und Verlag der Brühl'schen UniversitütS-BnL- und Steindruckerei. R. Lanae. Gießen.