1903. MU Äsibgy (Nachdruck verboten.) Wotans Werloöung. Novelle von Robert Kohlrausch. (Schluß.) Rauchmann hatte vielleicht eine Viertelstunde gesessen. Da war es ihm plötzlich, als hätte sich etwas um ihn her geändert, als wäre etwas Bedeutendes ihm uahe gekommen, ein Gluck oder ein Unglück, er wußte es nicht. Unklar, traumhaft war das Gefühl. Aber als er den Kopf nun zur Seite wandte, da sah er tn Wahrheit Edith vor sich, nicht mehr als zwanzig Schritte von ihm entfernt; sie stand gerade unter einem blühenden Mandelbaum, der sich wie frohes, junges Leben unter die Schar der ehrwürdig-ernsten Oliven gemischt hatte. Sie hielt sich mit der linken Hand an den Stamm des Baumes, die rechte gegen Rauchmann ausgestreckt, in einem schwarzen Kleide, sich scharf und ernsthaft abhebcnd von der Flache des Wassers. Einen Augenblick blieb sie regunes- los, wie gebannt, gleich, ihm; dann aber, als er emvorsprana, riß auch sie sich los, warf die Erstarrung von sich und kam auf ihn zu, — nicht ganz so fesb und sicher, wie sie sonst äh schreiten P.legte. Etwas Demütiges, Geläutertes war in ihrer Erscheinung, das bleiche Gesicht von schärferen Formeik, die Augen scheinbar größer geworden, von Schatten umlagert. So trat sie vor ihn hin, faßte die Hand, die er ihr entgegenhielt, und sah ihn schweigend, um Worte ringend, einen Augenblick an. „Sie sind es wirklich? Es ivar mir, — eben, als ich Sre sah, — es war mir wie ein Traum. Aber nun sehe ich Sie ja in Wahrheit vor mir, und ich kann Ihnen danken, endlich, endlich kann ich Ihnen danken!" Er wollte ihr Antwort geben, abwehrend, bescheiden; aber die Rede gehorchte ihm nicht, er vermochte nur, den Kopf zu schütteln und ihr in die Augen zu sehen, in diese ge- liebten Augen, die gestern um ihn geweint hatten. Auch sie schien daran zu denken, als sie jetzt weiter sprach. „Sie haben mir das Leben gerettet, — aber um welchen Preis! Ihre Stimme, — sagen Sie mir, — vH, bitte, bitte, jagen Sie mir —" „Sie ist verloren." „Verloren?" „ . »Siir immer. Ter Arzt hat fein Urteil gesprochen. Und wrr haben es ja geftern beide gehört, was aus meiner Stimme geworden ist." „Unrettbar, — wirklich unrettbar verloren?" Mit unsäglicher Angst in ihren Mienen blickte sie ihn an, als er noch einmal wortlos bejahte, da füllten sich ihre Augen abermals mit Tränen. „Oh, warum haben Sie mich nicht sterben lassen? Um solchen Preis mag ich nicht gerettet sein. Das bin ich nicht wert, das nicht! Ihre Stimme, Ihre Kunst, eine Welt konnten Sie damit erfreuen und beglücken, und um meinetwillen soll das vernichtet sein? Ich kann es Nicht glauben, ich kann, icy will es nicht glauben!" „ »Und wenn der Verlust nun nicht fd - groß für mich Ware, wie Sie denken? Sie müssen mich verstehen: ich leide, ich suhle ihn, aber trotzdem, ich bin ein anderer geworden tn dieser letzten Zeit. Eine Welt zu beglücken, war schon, aber ich habe jetzt empfinden gelernt, daß es noch unendlich viel schöner fein muß, einen einzelnen Men;cheii zu beglücken, wenn man —" , Er stockte, er sah auf einen kleinen Zweig von blühenden Mandeln, den Edith in der Hand hielt, und verstummte tm An;chauen dieses rötlich leuchtenden Frühlingszeichens. „Wenn man, was wollten Sie sagen?" , Ähre Frage gab ihm den Mut für die Antwort. Sich em wenig zu ihr hinüberbeugend, entgegnete er leise- „Wenn man den Menschen liebt, das hatte ich gemeint." ■r e nickte und lächelte, und unter diesem Lächeln verlor ihr Gejicht den traurigen Stempel von Leiden und Gram, den die letzten Wochen ihm ausgeprägt hatten. „Einen Meilscheii zu beglücken, den man liebt, ja, das muß wunderschön sein." Sie sprach es träiimerisch vor sich hm, mehr mit sich selber redend, als mit ihm. Er wartete noch einen Augenblick, ob sie nichts hinzufügen würde, doch als sie schwieg, begann er von neuem. Seine Lippen zuckten nervös, iind feine Finger zerbröckelten ent Erdstück, das er beim Aiifspriiigeii gedankenlos gefaßt hatte, doch zwang er die Stimme zu ruhigem Ton. Bor einiger Zeit habe ich Ihnen einen Brief qe- schrieben, Fräulein Edith. Sie haben mir bis jetzt keine Antwort gegeben, und ich habe voll Unruhe darauf gewartet bis heute. Gewartet noch immer, wenn auch kaum mehr gehofft. Soll ich ganz ohne Antwort darauf bletben?" „Nein, das sollen Sie nicht." Etwas von der früheren Energie war in der Art, wie sie jetzt den Kopf zurückwarf und ihm gerade in die Augen sah. Gleich aber schwand dieser Ausdruck wieder, und tn ihrer neuen, demütigen Weise richtete sie die Blicke zu Boden. Ter sanfteren Faltung entsprach auch der Ton ihrer Worte. „Ich will Ihnen Antwort auf alles geben, was Sie mich fragen, und auch auf anderes noch, was Sie mich nicht fragen köniten. Ich habe ja nur auf diesen Augenblick gewartet und habe gezittert, daß er vielleicht nicht kommen würde. Darum habe ich auch in meinem Briefe nicht davon gesprochen, weil ich die Freude haben wollte, es Ihnen selbst zu sagen. Alles, alles, zum Schreiben war es ja zu viel. Sie wissen schon, ich muß die Seele frei haben von jeder Last, wenn ich zufrieden fein soll. Hundertmal wohl habe ich Ihnen tn Gedanken eine Art von Beichte abgelegt, eine Beichte über mich selbst, über mein Inneres, und nun es soweit ist, da weiß icl), doch 778 Wieder nicht recht, wo und tote ich den Anfang machen soll."-- „Fangen Sie mit der Hauptsache an", sagte er und versuchte ztt lächeln. „Tie Hauptsache, das ist für mich, daß ich Ihnen uurecyt getan habe. Nicht so, tote schon einmal. Sie lvissen wohl noch, als ich Sie um Verzeihung bat, damals am ersten Tage in Fasano. Nein, ganz allgemein, indetn ich mich zur Richterin über Sie auftvarf. Jetzt ist es mir klar geworden: kein Mensch soll über den anderen richten wollen; denn er kennt sich selbst viel zu wenig, als daß er den anderen an sich messen dürfte. Mas ich Ihnen vorgeworfen habe, das hätte ich an mir tadeln sollen; alles das habe ich in mir selbst gefunden, leider nur viel zu spät. Eitel und unwahr habe ich Sie gescholten, eitel und unwahr bin ich selbst gewesen." Wie können Sie das sagen, Fräulein Edith!" „Weil es die Wahrheit ist. Lauge Zeit habe ich mir eingebildet, die Wahrheit zu lieben und bin eitel und stolz darauf gewesen ohne Grund. Tenn während ich es tat, habe ich mich wochenlang selbst belogen, mich, die Ehrliche, Aufrichtige, Wahrhaftige, tote ich mich in törichter Selbstherrlichkeit genannt habe. Wenn ich mir wieder und wieder vorsagte, daß ich Sie haßte und immer hassen würde, es war eine Lüge." „Und was — oh, sagen Sie es mir, — was ist die Wahrheit?" Die gab keine direkte Antwort, sondern fuhr nach einem tiefen Atemzuge fort in dem, was sie als ihre Beichte bezeichnete. „Ich hatte mir vorgesetzt, nur einen vollkornmenen Menschen zu lieben, und hatte dabei vergessen, daß es keine vollkommenen Menschen gibt. Bor allem, daß ich selbst zu den allerschwächsten und unvollkommensten gehöre." „Und haben Sie einen unvollkommenen Menschen lieben gelernt?" Sie sah ihn an, von unten her, gebeugten Hauptes, Unt einem Lächeln, das um Verzeihung- zu bitten schien. „Seit ich ihn liebe, scheint er mir vollkommen." „Ist es derselbe, der Ihnen neulich geschrieben hat?" „Ja, er ist es." „Oh, Fräulein Edith!" „Nein, lassen Sie noch meine Hand. Hören Sie mich erst bis zu Ende. Ganz frei muß die Seele sein für das Glück. Gewehrt habe ich mich gegen diese Liebe, wie gegen einen böseit Feind, und habe geglaubt, sie durch Hohn und Spott und Verleumdung bestegen zu können. Jetzt weiß ich- auch, daß icy Sie vielleicht niemals mehr geliebt habe, als in der Zeit, wo ich Sie am meisten zu hassen und zu verabscheuen glaubte." „Ich werde Tich lehren, mich noch mehr zu lieben", sagte er halblaut. Er hatte sein Gesicht dem ihren so nahe gebracht und sah ihr so tief in die Augen, daß sie in süßem Schauer die Lider sinken ließ. Sie lächelte mit zitternden Lippen und sagte, so leise redend wie er: „Ich glaube nicht, daß Tir das möglich ist." Mit einer gewaltsamen Anstrengung riß sie sich-aus der betäubenden Traumstimmung tos und sagte, einen Schritt zurücktreteud, mit verändertem Don: „Das w-ar damals, als Tu mir den Brief geschrieben hattest, und als ich Tich gleich darauf mit der Sängerin sah, die Tu dann geküßt haben sollst vor allen Leuten. Ich- weiß auch heute nicht mehr von Tir und ihr, als ich damals wußte; aber ich glaube setzt an Tich, und nun könntest Tu sie auch vor meinen Augen küssen, ich- würde doch sagen: „Er liebt sie nicht." Oh, Du kannst es nicht ahnen, tote schön und frei mir nun zu Mute ist. Ich glaube an Tich, ja, ich glaube an Tich!" 1" tf„Utti> machst mich glücklich dadurch- Edith, so „Sieh, das ist alles seit dem Tage, an dem Du mich gerettet hast. Ich war so verzweifelt wie niemals vorher und lief in dem Sturm hinaus in die Berge und wußte nicht mehr, was ich- tat. Nur daß ich Dich liebte, das wußte ich schon damals. Wenn ich mich noch dagegen gewehrt hatte, der Schmerz in dem Augenblick, als ich Tich neben der Sängerin sah, der hatte mir's klar ge- Vtacht. Aber als ein Unglück empfand ich diese Liebe, nicht als Glück. Tenn die Zweifel an Tir und Deiner Wahrhaftigkeit wollten nicht schweigen, und so bin ich umhergeirrt und habe zum Himmel gebetet nm einen Beweis für die Wahrheit Deiner Liebe zu mir. Ich sah nicht mehr um den Weg, ich sorgte nicht mehr um mein Leben, ich flehte nur immer von neuem: „Gib mir ein Zeichen, daß er mich liebt!" Und indem ich betend nach oben sah, hat mein Fuß den Halt verloren; ich bin gestürzt und habe von Gebet und Liebe nichts mehr gewußt." „Jetzt aber weißt Tu wieder von ihr, nicht wahr?" „Ja, jetzt und für immer. In dem Augenblick, als ich erfuhr, daß Du mich gerettet hattest, da wußte ich, daß Tu mich liebtest. Etwas der Art tut man ja nur für einen Menschen, den man liebt. Aber nun weiß ich, was Tu mir in Wahrheit geopfert hast, kommt mir mein Gebet von damals fast tote ein Frevel vor. Was bin ich denn, daß der Himmel um meinetwillen Tir diese Prüfung auferlegt hat? Um mich ist Tein Lebert, Deine Zukunft zerstört worden, nud ich kann ja nichts tun, um Tir das zu ersetzen." „Mich lieb haben kannst Tu, gibt es denn besseren Ersatz? Tn bist nun mein Leben, mein Glück und meine Zukunft. Tas alles halte ich im Arm, ganz fest, so wie Tich, und küsse es, Edith, — küsse es, so tote Dich." Er hatte sie an sich gezogen und geküßt, und eng aneinander geschmiegt gingen sie jetzt bis zu dem äußersten Rand des Gemäuers, too sie hoch über den blauen Fluten dastanden tote die Beherrscher dieser wundervollen Wasser- und Felsenwelt. Eine Weile blieben sie schweigend, Auge •in Auge. Tann löste Edith den Blick von dem Geliebten, schaute weit hinaus in die blau verdämmernde Ferne und endlich- mit dankbaren Augen zum Himmel enipor. „Wie schön", sagte sie, „tote schön! Tie Welt und das Leben, und die Liebe, wie sind sie schön!" „Gut, daß Tu die Schönste nicht vergessen hast. Hier hat Catull ihr gedient, und hier dienen auch wir heute. Komm, Edith, küsse mich-, daß sie sich über uits freuen." Edith gehorchte ihm gern, doch blieb ihr Mick jetzt offen für die Welt umher. „Tu hast von Catull gesprochen", sagte sie. „Kennst Tu den Vers von ihm, den er hier gedichtet hat, vielleicht auf dieser selben Stelle hier: „Jauchz' auf, v See, mit freud'gem Wogenschäumeu-" — sieh, als ich den Vers! vorhin las in dem Buche hier, da hab' ich mir im stillen gewünscht, mit Tir hier zu stehen, wie wir es jetzt tun, und es mit Dir hinauszurufen auf den See, auf diesen schönen Zeugen unseres Glückes: Jauchz' auf o See, mit freud'gem Wo gen schäumen!" Es war, als wollte die Natur ihr Antwort geben. Ein Windstoß ging über die Wasserfläche dahin, und von ihm gepeitscht, hoben die weißen Wellenpferde ihre Häupter höher empor. Zugleich aber kam ein Laut von oben, ein erster, ferner Tonnerton, in den weißgrauen Massen der Wetterwolken. „Siehst Tn es, hörst Du's?" rief Edith lebhaft. „Der See jauchzt auf, er will uns Glück wünschen zu unserem Freudentage. Und auch der Himmel ruft einen Glückwunsch herunter." „Für seinen Wotan, meinst Tu?" Er fragte es mit wehmütigem Lächeln trotz seines Glücks. „Für Wotan, — v, verzeih'!" „Nein, es tut mir nicht mehr weh, kein Wotan mehr ztt fein. Bin ich doch heute der glücklichste Mensch." „Für mich-, — sag' mir, war Wotan nicht der oberste der Götter?" „Ich glaube wohl." „So bleibst Tu es heute und immer. Mein Gott bist Tu, und ich bin Dein Geschöpf." Seine Lippen gaben ihr Antwort, wenn auch ohne Morte. Ein Kuß in den Grotten des Dichters der Liebe, ein erneuter, stärkerer Tounerlaut ans den Wolken, —i das war nun Wotans wirkliche Verlobung. — Ende. —t Zum neuen Iüyre. TOM, Nun sind alle Kerzen erloschen. Hier und dort flammen sie wohl heute noch einmal auf, und dann heißt es: vorüber! Hastig werden die Bäumchen ihrer Herrlichkeiten entkleidet, und dann wandert der noch vor kurzem so sehnsüchtig erwartete, so - 779 | unler? ^UE(^ .das Erdenleben fortsetzen müssen, kommt uns das Bewußtsein, tote unendlich viel wir besessen haben. ! daß toir uns dieses Besitzes noch freuen dürfen ist das mcht ent Geschenk, das unserer Herzen jubelnden Dank I VviU 1 vlli f , Und sehen wir uns um im weiteren Kreise unseres qe- samten Volkslebens so können toir uns der Wahrnehmung I nicht verschließen, daß toir gesegnet sind mit vielen Gütern, die nm 11 ege andern Völker vergeblich ersehnen. Wohl ist I Manches noch nicht so, toie es sein könnte. Aber toir wandeln doch- auf ansteigender Bahn und kommen vortoärts I m^-^dem neuen Jahre. Mehr und mehr hebt sich der Volistoohlstand, in immer größerem Maßstabe genießen toir die Segnungen der Kultur, und die edelsten Geister der Bildung und Gesittung fruchtbringende pflege, statten.^ weithin über die Meere tragen deutsche Schiffe die Fruchte deutschen Fleißes, mehrend des Vaterlandes Ansehen, Macht und Kraft. In fernen Landen wehen die deutschen Fahnen, unter deren Schutz deutsche Intelligenz und Energie sich betätigen, den deutschen ' über die Erde, zum Skutzen unseres Volkes, I Vaterlandes. _ Und wenn sich auch die Geister dunkler Tiefen regen sich aufrichtend zum erbitterten Kampfe gegen das Gute — einst werden die verirrten sich doch wieder zurechtfinden und zuruckkehren auf den Pfad, der zum Heile führt. Ja, wir wollen dankbar sein für alles Gute, das uns un alten Jahr erhalten geblieben ist, das uns das alte Jahr _ gebracht hat. Wohl wird mancher eine andere Rechnung aufstellen und, sein Konto schweren Herzens abschließen, weil der Verlust den Gewinn bei weitem überwog. Nicht überall I scheint die Sonne des Glücks, und an manchem Orte kauert dicht neben der Stätte der Fröhlichkeit die herbe Not. wagt sich nicht heraus in das laute Treiben der Frei Keinen vollen Becher weiht sie dem kommenden Jahre, dem sie nichts zu hoffen wagt. Was du aber immer verloren haben magst, du Armer, — Tu bist nicht verloren, so lange du dich nicht selbst | verlierst. 1 Klagst du an dem Grabe eines teuren Toten: blicke im Glauben empor, so wirst du getröstet werden. Verlorst du Gut U!nü Geld und sorgst dich um die kommenden Tage- Fasse neuen Mut, laß die Hände nicht in den Schoß sinken so lange du noch Kraft zum Schaffen hast. Bist du elend und verlassen, zu schwach vielleicht, um dir selbst zu helfen: verschließe nicht den Harm in deiner Brust, sondern öffne dein Herz einem Menschen, daß er dir rate, helfe in deiner Not. Die Liebe zum Nächsten ist noch nicht erstorben auf Erden. Es gibt noch Hände genug, die bereit sind, zu helfen um Gottes willen. Wir wollen uns freuen und Gott danken, wenn es uns wohl ergeht. Aber toir wollen nicht verzagen und verzweifeln, wenn einmal trübe Tage über uns kommen. Wie mancher ging zu gründe, weil er mit dem Glauben an Gott, die Menschheit und sich selbst auch den Mut verlor, noch etite Weile auszuharren! Wie mancher stieg schnell empor auf der Leiter des Glückes und warf im Uebermut alles von sich;, was ihm einst teuer war, weil er dessen nicht mehr zu bedürfen glaubte. Ach, es war der bessere Teil in ihm, der Glaube an die Kraft, die auch in dem Schwachen mächtig ist. Tiefer Glaube war der Schwimmgürtel, der ihn tragen konnte durch das Meer der Trübsal. Als er herabsank von.chüner Höhe, und die Wasser der Not ihn umgaben, höher und höher steigend, als die Kraft seiner Arme erlahmte und die dunkelen Wogen der Not über ihm zusammenschlugen, da griffen seine Hände suchend umher, aber sie fanden den Schwimm- gürtel nicht mehr. Tie Wellen trugen ihn hinweg und warfen ihn auf ein ödes Land, von dem er nimmer wiederkehrte. Nicht was um uns ist, sind unsere höchsten Güter, sondern was in uns ist, was in uns gut, stark und rein ist. Wenn wir uns das erhalten haben, so sind toir reich, trotz aller Verluste, uud in allem Leid werden unsere Herzen erfüllt sein von Zufriedenheit, Dank und stillem Gluck. Tarum wollen wir unfern alten Glauben bewahren, unser Vertrauen, unsere Hofsnung auf Gottes Hilfe. Doch auch den Glauben an die eigene Kraft, den Mut zum Leben und vor allem den festen Willen, zu wirken und zu schaffen, wollen wir uns nicht verkümmern lassen. freudig begrüßte sang- und klanglos hinaus, um als wertloses Gestrüpp zerhackt und verbrannt zu werden. Wie undankbar doch der Menscy ist! Und wie schnell er vergüt ! Warum muß der so viel besungene Wunderbaum io prosaisch enden? Warum bereitet man ihm nicht einen feierlichen Abschied mit Dankliedern und Trankopfern? Warum stößt man ihn verächtlich hinaus, anstatt ihn würdig emzuäschern? Weil er seinen Zweck erfüllt hat und abkommen kann! — 1 Vorüber! — Auch das Jahr ist vorüber. Nicht achtlos aber über» W>eu toir es der Vergangenheit, tote den erloschenen Christbaum. Wir versammeln unsere Angehörigen und Freunde um uns. Mr singen fröhliche Lieder, halten und Horen launige Reden und trinken dem scheidenden Jahr manches Abschieds-Prosit zu. Und toie verschiedenartig ist unser Empfinden dabet! Werfen toir ihm einen dankbaren oder nur einen zuftiedenen oder gar einen zürnenden Blick nach? Das wird von dem abhängen, was toir von ihm erivartet haben. Das war aber nicht wenig. Wir wollen uns nur getrost gestehen, daß wir in unseren Wünschen und Forderungen nicht besonders bescheiden gewesen sind Als etwas Selbstverständliches erwarten toir Gesundheit des x,etoe§, unser täglich Brot, möglichst reichlich zugemessen, daneben ua§, toas sonst dazu gehört. Wir ersehnten gute Ginuahmen, eine gewinnbringende Steigerung unserer Geschäfte, eine friedliche Weiterentwickelung, unseres Volks- leoens und außerdem manches unverhoffte Glück. Nie haben wir daran gedacht, ob es nicht vielleicht gut wäre, unsere Forderungen etwas herabzumindern, um etwaige Ent- tauichungen leichter zu ertragen. Der erfahrene, gereifte I 5)1(11111 freilich der das Leben kennen lernte, ist vorsichtig in seinen Wünschen, denn er weiß, toie oft sie ihm versagt wurden Und mit Ruhe trägt der Weise, was er nicht andern kann. Ein anderer aber ist durch das Fehlschlagen seiner Hoffnungen zum Pessimisten geworden. Grämlich sieht er in die Zukunft, nichts hoffend, nicht wagend. Dem I gegenüber erträumt sich die Jugend goldene Berge und I toeint, den Himmel stürmen zu können. — Tas ist ihr gutes Recht. Wenn die Jugend nicht hoffte, wer sollte hoffen? ^ Doch auch sie wird sich bescheiden lernen und wird furlieb nehmen müssen mit dem, was ihr die I Zeit beschert. I _ Unsere Erwartungen sind das Soll, dem toir heute das Haben gegenüberstellen. Deshalb fragen wir: „Was M uns das vergangene Jahr gebracht? Wurden unsere nehmen wir das wiederum als etwas Selbstverständliches hin. Wurden sie uns versagt, so hadern wir mit dem Geschick, ohne zu fragen, warum sie uns I versagt wurden, und ob toir die Gründe dafür, die Ur- sachen unserer Mißerfolge nicht in uns felbst, in dem uebermaß unserer Forderungen, in der Unzulänglichkeit nnsererKraft zu suchen haben. Und tote grundlos ist oft I un',er Mißnmt! — Wenn toir gesund geblieben sind — I ist das nicht ein Geschenk, für das toir Gott nicht genug danken können? Wenn toir unser täglich Brot gehabt haben sollten toir da nicht zufrieden sein, auch wenn uns keine Reichtümer in den Schoß gefallen sind? Unserm Volke ist der Frrede erhalten geblieben. - Ist bas nicht ein Segen, des tiefsten Dankes toert? Die Fackel des Krieges ist ein leicht entzündliches Ding. Des Krieges Furien säen I Tod und Verderben, und selbst der Göttin des Sieges folgt ein >strom von Tränen, in dem die Siegesfreude ver- I stummend untergeht. Wieviel blühendes Leben starb auf den Schlachtfeldern vergangener Jahre, und wer mißt den Schmerz der Mütter uud Frauen, die ihre Söhne und Jictnner in der Vollkraft des Lebens hinausziehen ließen, I . Aw sw nie wieder zu sehen. Vor solch einem großen I » Unglück sind ton* wiederum bewahrt geblieben in diesem , Jahre. Und das wäre nichts? i Und wenn du heute mit all deinen Lieben ftöhlich i b'st, wenn niemand dir entrissen wurde durch den Tod — toeijjt du, was das heißt? Es gibt soviel Familien, die ! iit Trauer zurückdenken an den ersten Tag des verflossenen ! wahres, dessen Sonne vielleicht auch ihr ungetrübtes Glück beschien. Die Sonne ist untergegangen, und die Gedanken weilen an einem frischen Grabe, das ein treues Herz - umschließt. Ja, es scheint uns so selbstverständlich, daß wir niemand zu beweinen haben. Wir wissen das Glück nicht hoch genug zu schätzen, in dessen Besitz toir uns sicher luglen. Vielleicht erst dann, wenn wir einsam und allein | 780 Wir erwarten von dem neuen Jahre alles Gute, wie wir cs tron dem alten erwartet und erhofft haben. Ta müssen wir uns aber doch auch fragen, was wir dazu getan haben und fernerhin dazu tun werden. — Ohne Saat keine Ernte, und ohne Arbeit fallen uns die goldenen Früchte nicht in den Schoß. Mir haben gearbeitet und unsere Pflicht getan. Aber hätten wir nicht vielleicht noch mehr tun können? Und wenn wir gearbeitet haben, — tatm wir das nicht vielleicht ausschließlich für uns? Wenn dies der Fall ist — was ist dann Großes dabei? Gewiß ist es gut und lobenswert, sein Tagewerk zu verrichten mit Lup und Fleiß, und recht und billig ist es, die Früchte seines Fleißes zu ernten. Aber der Mensch lebt nicht für sich allein, er ist ein Glied der Gesamtheit, der er auch etwas schuldet, wie die Gesamtheit dem einzelnen. Ter Egoismus erscheint ja vielen als der einzige gesunde Trieb im Menschen, und danach handeln sie. Aber das ist ein schlimmer Irrtum, der keinen Segen bringt. Wahrlich, es stünde wohl besser um die ganze Menschheit, toemt jeder einzelne durchdrungen wäre von dem Bewußtsein, daß er auch für seine Mitmenschen zu wirken berufen ist, soviel in seinen Kräften steht. Tas ist cs, was wir im neuen Jahre bedenken, und wonach wir handeln wollen: in der Sorge um das eigene Wohl das Wohl des Ganzen nicht vergessen. "So treten wir denn ein in das neue Jahr fröhlich in Hoffnung» stark durch den Glauber:, voll Vertrauen auf die eigene Kraft, mit dem festen Willen, mutig zu schaffen zum wohlverdienten eigenen Nutzen, aber auch zum Wohl und Heil des Vaterlandes. Dazu aber schenke uns der Vater im Himmel ein gesegnetes und fröhlichesneues Jahr! " Erich zu Schirfeld. vernrißehres. * D i e Abnahme derHeiratslust, besonders i der Großstadt, ist nicht allein den schlechten-Zerten zuz schreiben. Bon Jahr zu Jahr mindert sich die Zahl d Eheschließungen im Verhältnis zu derjenigen der Buvolkc ung, ganz gleich ob die Geschäfte gut ober schlecht geh< Bei dieser allgemeinen Unlust fallen einzelne Proben re beträchtlicher Heiratslust um so mehr auf. Eine v Berliner Stalistischey Amt zusammengestelite Statistik ü die Eheschließungen in Berlin ergibt, daß im Jahre lyu^ von 19 138 heiratenden Männern 2092 zum zweiten Mal, 166 zum dritten Mal, 11 zum vierten Mal, 2 zum fünften Mal eine Che eingingen. Bon den 19 138 Frauen heirateten 1368 zum zweiten Mal, 87 zum dritten Mal, 7 zum vierten Mal. Bon den heiratenden Männern hatten vier noch nicht das 20. Lebensjahr und einer von diesen noch nicht einmal das 19. Lebensjahr vollendet. Andererseits hatten 19 bei der Eheschließung bereits das 70. Lebensjahr hinter sich, und der älteste von diesen war 78 Jahre alt, als er noch einmal heiratete. Bon den Frauen waren 158 noch nicht 18 und davon 23 noch, nicht 17 Jahre alt, als sie zur Hausfrauenwürde aufrückten. Im Alter von mehr als 60 Jahren heirateten nocv 20, meist zum zweiten oder dritten Mal. Die älteste hatte das 71. Lebensjahr vollendet. In uech recht jungen Jahren befanden sich manchmal die wiederheiratenden Männer bezw. Frauen. Bei den Mänuern war der jüngste der zum zweiten Mal heiratender: Jahre alt, der zirm dritten Mal heiratenden 28 Iah der zum vierten heiratenden 45 Jahre, und der jiii.ß, ' d.'r zum fünften Mal heiratenden Männer hatte es erst 5.3 Jahre gebracht. Bei den Frauen war die jüngste der zum zweiten, dritten Mal heiratenden erst 20, 27, 35 Jahre alt. Trotz dieser wunderlichen Heiraten nahm wie gesagt, die Zahl der Eheschließungen im vergangenen Jahre wiederum ab, die Zahl der Ehescheidungen dagegen zu. Man sieht darin eine Art Wechselwirkung. Im Jahre 1892 wurden 1227 Ehen geschieden. Tie jüngsten der Geschiedenen standen in dem zarten Alter von 25 (Mann) bezw. 18 Jahren. Unter den Ehestandsveteranen befinden sich diesmal 68 bis 72 jährige Männer, deren Gattinnen 64, 42 bezw. — 23 Jahre zählten. Zwei der geschiedenen Frauen (53 und 58 Jahre alt) besaßen Nicht weniger als sechs Kinder. Kinderlose Ehen wurden 513 durch richterlichen Ausspruch getrennt. Zwei Eheleute entschlossen sich erst nach 40jährigcm Zusammenleben zur Trennung. Die Silberhochzeit hatten schon 45 Paare hinter sich, als sie einsahcist daß sie nicht mehr zu einander paßten. 18 Ehen wurden sür „nichtig" erklärt. Auffallend ist hier die große Zahl der geschiedenen kinderlosen Ehen; sie gibt zu denken. * Rauchen ist die erste Bürgerpflicht, das war der Grundsatz, der im Jahre 1851 die päpstliche Re- giernng zu einigen seltsamen Verfügungen veranlaßte, in denen das Rauchen ausdrücklich a.s eine gesetzliche Handlung bezeichnet wird. So erließ der bekannte Kardinalstaatssekretär Antonelli am 16. Mai 1851 eine amtliche Bekanntmachung, in der es u. a. heißt: „Tie vielen friedlichen Einwohnern zugefügtcn Beschimpfungen, um dadurch das Tabakrauchen zu verhindern, haben Vie Aufmerksamkeit der Regierung auf sich gezogen. Diese will indessen die vom Gesetz gestattete Fretheit durch geeignete Mittel garantieren und darum über die Schuldigen auf der Stelle die von ihnen verwirkte Strafe verhängen. Auf ausdrücklichen Befehl Sr. Heiligkeit des Papstes verordnen wir zu dem Ende Folgendes: Wer sich erdreistet, gesetzliche Handlungen zu verhindern, oder ihre Verhinderung zu begünstigen, und solcherweise die öffentliche Ruhe zu stören, soll vor ein Summargericht (d. h. vor ein Ziml- Stcmdgericht) gebracht werden und die vom Gesetz bestimmte Strafe erleiden" usw. Aus Verbreitung von Schriften antiraucherischen Inhalts wurde u. a. eine Zuchthausstrafe bis zu drei Jahren gesetzt. Tie päpstliche Regierung hatte guten Grund zu diesem strengen Vorgehen, bei dem sie zartfühlende, tabakfeindliche Hausfrauen gewiß nicht auf ihrer Seite hatte. Tenn im Patrimonium Petri war der Tabakverkauf Staatsmonopol, und um den Racker Staat zu ärgern, hatten die Republikaner eine eifrige Propaganda zu Gunsten der Tabakenthaltung eröffnet, die den Erfolg hatte, daß niemand mehr öffentlich zu rauchen wagte, daß aus den Kaffeehäusern der Tabakrauch verschwand und die Einnahmen der Regie um Tau- nde von Scudi wöchentlich zurückgingen. In jenen agen, als die Raucher die Schwarzen, die Nichtraucher ie Roten waren, entstanü auch der heute noch in Rom ekannte Spottname für die Mitglieder der päpstlichen Karde, sigoro scclto (Quackiätszigarre), weil diese wackern Schlüsselsoldaten natürlich ihre whule Gesinnung durch Rauchen der teuersten päpstlichen Glimmstengel mit Todesverachtung zu erkennen gaben. Kleine praktische Zlalsch äge. S ch w e d i s ch e r Punsch zum Aufbewa h r e n. In 12 bis 13 Liter siedendem Wasser löst man 4 Kilo Zucker völlig auf, gießt dann 14 bis 15 Liter feinen, echten Arrak zu, setzt alles in einem Kessel aufs Feuer und läßt die Mischung unter fortdauerndem Umrühren, Aufschöpfen und Zurückgießen mir einem silbernen Schöpflöffel (Vorlege- töffel) leise kochen, bis sic wie ein dünner Syrup ist, worauf man den Punsch in Porzellantcrriueu ausschüttet, auskühlen läßt, auf Flaschen füllt und int Keller aufbewahrt. Er gewinnt durch längeres Lagern noch bedeutend an Feinheit und wird beim Gebrauch mit Weißwein oder Champagner verdünnt und nach Bedürfnis versüßt. Bilderrätsel. 9?nrfibrutf verboten. Auflösung in ntictjuer Nummer. C>r..io; Auflösung des Zahlcnräiscls in vor. Nr.: Dezember. (Meer, Rebe, Erde, Erz, Beere, Rede, Erbe,) Redaktion: August Götz. — Rotationsdruck und Derlaa der L richt'scheu llniversttütL-Auch- und Ltemdruäerei. R. Lauge, Gießen.