Samstag den 31. Hktoöer. Wß 8W V-i AfTrWr s5-*-.!v™rX5r. !WWWMÄ (Nachdruck verboten.) Jas Wemädchta m der Mtagae. jBon B. W. Howard. (Fortsetzung.) 29. Kapitel. Rodellec füllte ^d'ie Becher aufs neue und warf Hoel einen lauernden Blick zu. „Was weiß ich, was da vorgeht, wenn sie eine ganze Nacht von Hause wegbleibt?" „Ja, wie sollt Ihr das wissen?" knurrte Loic; „hat sie denn das schon je zuvor getan?" „Nein, noch niemals", erwiderte Rodellec. „Aber sie kam ja alle Abend nach Hanse, und monsieur le recteur hat doch inimer nach ihr gesehen, was kann da übles geschehen sein?" meinte Hoel mit unsicherer Stimme. Rodellec füllte abermals die zinnernen Becher, die Männer tranken schweigend ihren Grog. „Mir ist das Glück schon längst nicht besonders hold", unterbrach Rodellec die ©title; „Barba — die heilige Jungfrau schenke ihr Frieden! — ist gestorben; mein Knabe ist lahm; aber wenigstens war doch meine Tochter ehrlich und brav." Er wars einen bedeutungsvollen Blick auf seine Gefährten. „Brav und ehrlich? das will ich meinen! Ist sie doch das hübscheste Mädchen in ganz Plouvenec!" rief Hoel, dem der Grog anfing zu Kopse zu steigen. „Frisch wie eine Kirschblüte und dabei so widerhaarig wie Brombeergestrüpp. Daß mir keiner ein Wort gegen sie zu sagen wagt, ich schlage ihn zu Boden wie einen tollen Hund!" „Ich sage ja gar nichts", beruhigte Rodellec, und füllte Hoels Becher. „Ich behaupte nur, daß der verdammte Maler sie alle behext hat." Mit einem derben Fluch, sandte Loic Humors Seele zu allen Teufeln. „Er winkt, und sie kommt; wenn er den Finger hebt, Vergißt sie uns alle", fuhr Rodellec fort. „Der Bursche lächelt und zeigt seine weißen Zähne und mein Mädel folgt ihm wie ein Lamm. Schon vor Tagesanbruch eilt sie aus und davon, um nach den Inseln zu kommen. Ich sage Euch; das bedeutet nichts Gutes. Mo hat sie ihre Neuen Kleider zum Gnadenfest her? Sie will es mir nicht sagen, ist das nicht sonderbar? Ich als Vater habe doch! das Recht, nach dergleichen Dingen zjui fragen." Er warf sich! in die Brust voll tugendhafter Entrüstung. „Oh!" sagte Hoel, als wisse er nicht, was er davon zu halten habe. „Ich spreche sonst mit niemand über diese Dinge", meinte Rodellec, „aber ich weiß, Du bist mein Freund, Hoel, ich kann mich auf Dich verlassen. Ich möchte ruhig und Verständig über die Sache mit Euch reden, möchte Euren Rat einholen!" Hoel fühlte sich geschmeichelt. Der Vorschlag ließ sich hören. „Mein Rat geht dahin, ihm den Kopf einzuschlagen und! ihn vom Hafendamm ins Wasser zu stoßen", rief Loic mit unheimlich funkelnden Augen. „Nein", sagte Rodellec, „es wäre schon besser, ihm an irgend einem abgelegenen Platze aufzulauern, wenn er abends heimgeht. Ein Streit ist leicht vom Zaune gebrochen, man wird handgemein, und wenn ein Unglück geschieht — wer kann dafür? — Was davon ruchbar werden sollte, steht bet uns, wir müssen nur Sorge tragen, daß er nichts mehr ausplaudern kann. Am Hasendamm geht's zu lebhaft her,: da könne sich leicht ein dummer Teufel einfallen lassen; einen Unfall mit einem. garstigen Namen zu benennen." Plötzlich fielen die Scherben einer Fensterscheibe klirrend zu Boden und ein Stein flog dicht an Rodellecs Kopf vorbei. Fluchend rannte er zum Fenster und schjaute hinaus'; er konnte jedoch nichts entdecken, da er in der Ferne suchte, was sehr nahe zu finden war. Dicht am Haus, in tiefem Schatten kauerte Nannte, der, wo es not tat, auch kühn« Mittel zu gebrauchen verstand. „Tie nichtsnutzigen Buben mit ihrem verdammten Steinewerfen!" brummte Rodellec. „Also, wie ich vorhin sagte, wir treffen ihn auf dem Nachhauseweg an einem stillen dämmerigen Ort — dort wollen wir ihm sein Grinsen für immer vertreiben." „Aber nur in ehrlichem Streit", sagte Hoel voll ängstlicher Scheu. „Versteht sich, Mann, versteht sich!" versicherte Rodellec mit bedeutungsvollem Augenzwinkern die Becher füllend und! Hoel zutrinkend. „Traut Ihr mir etwas anderes zu?" Endlich hatte er Hoel so weit, daß dieser auf seine Pläne einging, und sich, hoch und teuer verschwor, den fremden Burschen zu reizen, zu beleidigen, zu Boden zu schlagen. Vorher hatte jedoch mancher Becher geleert werden müssen; auch stand zu fürchten, daß Hoels Feuereifer mit dem Dunst des Schnapses wieder verfliegen werde. Nach Art der Schwächlinge zeigte er sich zwar nachgiebig und stimmte allem bei, ob man sich aber im Augenblick der Entscheidung auf seine Hilfe verlassen konnte, war eine andere Frage. Leicht durfte sich dann Herausstellen, daß alle Ueberredungskünste vergeblich gewesen, und Man mit ihm um keinen Zoll weiter gekommen war. Hoel stand! allgemein im Rus großer Harmlosigkeit und das machte ihn zu einem wertvollen Bundesgenossen für Rodellec und! Loic Nives, die sich solchen Rufes nicht zu erfreuen hatten. Letzterer war schon in verschiedene Messeraffären verwickelt gewesen, die einen schlimmen Ausgang genommen hatten und manche seiner Missetaten waren von Nachbarn und! Freunden gefällig vertuscht worden. Was Rodellec betraf,. fo spielte et' sich jederzeit als Wackern Kumpan und ehrlichen Bretagner aus und war lustig und. aufgeräumt unter — 646 seinen Genossen. So kümmerte man sich denn nicht sonderlich um seine Vergangenheit; nur wenn der Zorn oder der Wein einem seiner Jugendgefährten einmal die Zunge löste, kamen ab und zu alte, halb begrabene Geschichten zum Vorschein, an die er sich nur ungern mahnen ließ. Ueber den Schmugglerzug auf dem Gavrinz durfte man ihn nicht ausfragen und besonders war es das düstere Bild einer gewissen Sturmnacht, das er am liebsten ganz aus aller Gedächtnis verbannt hätte: eine hohe See, ein Schiffswrack, wilde, trotzige Männer mit Laternen bewaffnet und gierig bemüht, aufzufischen, was ihnen die Wellen an den Strand Aülten. Was taten sie denn Besonderes, wenn sie das Strandrecht wahrten? — Die zornigen Wogen nahmen Hab und Gut der Verunglückten und trieben es an's Land, um es andern Händen zu übergeben — wer vermag ihnen zu widerstehen? — Mer einem zu Tode erschöpften Schwimmer ein Kästchen von der Brust zu reißen, und ihn wieder zurück in die tobende Flut zu stoßen, in der er so mannhaft um sein Leben gerungen, wenn eine ausgestreckte Hand genügt hätte ihn an's rettende Ufer zu bringen — das war doch ein böser Streich! Freilich, Rodellee war damals noch jung, auch seine Gefährten hatten kein allzu zartes Gewissen — aber dennoch mußte er Jahre lang Reue heucheln, ehe sie ihn wieder als ihresgleichen anerkannten. „Es war eine wilde Nacht", redete er sich aus, „ich hatte mich halb zu Tode geschafft, der Branntwein war mir zu Kopfe gestiegen — Ihr kennt das ja selbst — ich wußte nicht mehr was ich tat. Laßt die Sache ruhen! Gott schenke seiner Seele den ewigen Frieden!" So sprach er zu seinen Genossen, die seinen Worten Glauben schenkten, Hoel so gut wie die andern. Auch über die letzte Krankheit über Rodellecs verstorbener Frau, sowie über der Ursache von Nannics Lahmheit, schwebte ein geheimnisvolles Dunkel, aber die ehelichen und väterlichen Rechte schlossen eine handgreifliche Nötigung zum Gehorsam so wenig aus, daß ein Schlag mehr als gewöhnlich in Plouvenec kein sonderliches Aufsehen zu erregen vermochte. Rodellee hatte ein schlechtes Gewissen, das ihn jedoch nicht beunruhigte. Auch diesmal sollte es ihn nicht hindern, seinen schlimmen Vorsatz auszuführen, allein er war fest entschlossen, dabei nicht aus Hoels Hilfe zu verzichten. Nach seiner Meinung würde der Speicher in jener Nacht in Brand geraten sein, wenn sie nur Hoel bei sich gehabt hätten. Für zwei allein waren der alte Morot, derSchiff- brüchige mit dem geisterbleichen Gesicht in den Wellen, und der spanische Matrose, dessen Tod Loic einst verschuldet, doch eine zu mächtige Geisterverschwörung. War Hoel dabei, der noch keinen auf dem Gewissen hatte, so lag die Sache anders. „Er soll jetzt auch einmal an die Reihe kommen, und seine Erfahrungen sammeln", lachte Rodellee bei sich und zeigte seine glänzend weißen Zähne. Unterdessen war Hamor sorglos auf allen Wegen umhergeschweift, sich überall Freunde erwerbend. Es hätte schwer gehalten, ihn zu überzeugen, daß er auch Feinde besäße. Ein so harmloser, freundlicher, rücksichtsvoller Mensch wie er? Es war ja ganz undenkbar! — Er lebte in dem frohen Bewußtsein, erfolgreich und fleißig gearbeitet zu haben. Das Bild für die Ausstellung des Salon hatte bedeutende Fortschritte gemacht; jetzt war man im Dezember und bis März mußte es fertig werden. Er hatte es eine zeitlang beiseite gestellt, betrachtete es zwar jeden Tag, hatte sich aber vorgenommen, keinen Pinselstrich zu tun, um später wieder mit ganz frischen Kräften daran zu gehen. Guenn ließ er trotzdem alle Tage nach dem Studio kommen, da er nie genau vorher wußte, ob er sie nicht vielleicht brauchen würde. Siö»saß auch Staunton häufig im unteren Teil des Studios, er fand sre aber sehr unruhig und klagte, daß sie gar leicht die Mundwinkel hängen lasse, wenn er sie etwas lange da- behielt. Ihm lag aber damals überhaupt etwas anderes wert mehr im Sinn, als seine Modelle, denn zu Weihnachten gedachte er die kleine, dänische Malerin heimzn- suhken. Er war so verliebt, daß ihm ein malendes Ehe- paar unter einem Dache vollkommen natürlich-, ja ent» Kuckend erschien. Der förmliche, vorsichtige Staunton stand nn Begriff einen Schritt zu tun, der alle seine bisherigen Standesvorurteile über den Haufen warf; er hätte es früher nie für möglich gehalten, aus reiner Liebe ein einfaches Mädchen ohne Namen und Verbindungen zu heiraten. Hamor und Douglas rieben sich vergnügt die Hände über Stauntons Gemütsverfassung, hüteten sich aber wohlweislich, ihn wegen seines Abfalls zu verspotten. Hamor hatte auch verschiedene Entwürfe im Kopf, dre Thymert betrafen. Er war nach langer Ueberleguua zu dem Schluß gelangt, daß der Pfarrer zu einem rein menschlichen Vorgang, bei welchem leidenschaftliche Erregung mit in's Spiel kam, am besten zu verwenden sei. Plouvenec gegenüber befand sich eine felsige, mit Sand bedeckte Landspitze, die ihm der passende Schauplatz schien. Ein Schiffbruch — natürlich nur angedeutet — war ein gutes Motiv, dazu als Hauptfigur die mächtige Gestalt des starken Mannes, neben der Leiche eines von ihm geliebten Wesens — etwa seines Freundes, oder seines Weibes. Halb entkleidet, die eine Hand in den Sand gestützt, sollte Thymert in stummer Verzweiflung auf sein verlorenes Glück starren. Ob der Ertrunkene aber sein bester Freund sein solle, den zu retten er sich vergeblich gemüht hatte, oder lieber eine Frauengestalt? Ueber diese Frage war Hamor noch nicht ins Klare gekommen. Das Eine wie das Aridere hatte mancherlei für sich. Derartige Pläne zu Mldern zu entwerfen, war Humors größter Genuß; er baute täglich Dutzende solcher Luftschlösser und zerstörte sie dann selbst wieder. Eines Morgens war Douglas bei ihm und Guenn saß strickend in der Fensternische. Plötzlich kam Hamor ein glücklicher Gedanke: „Komm her, Guenn", sagte er, „tue Deine Coiffe einen Augenblick ab, und lege Dich nieder aufs Gesicht mit ausgebreiteten Armen. Sieh her, ich will Dir's zeigen, wie Du's machen mußt." Guenn rührte sich! nicht. „Hast Du nicht gehört?" fragte er freundlich. „Nimm einmal Deinen ganzen Kopfputz ab, bitte. Ich möchte nämlich eine Studie für das Haar eines ertrunkenen Mädchens machen, Douglas; wenn ich es später wirklich malen sollte, muß es natürlich- richtig durchnäßt sein; ich bin aber noch nicht ganz entschlossen, ob ich nicht doch eine Männergestalt vorziehe. Es liegt etwas Ergreifenderes in einer Männerfreundschaft. Jedenfalls rührt fie mich mehr." „Du ziehst also David und Jonathan, Romeo und' Julia vor?" meinte Douglas gedehnt. „Oh, bei weitem", versicherte er aufstehend, wobei er! bemerkte, daß Guenn noch immer zauderte. Sie saß regungslos am Fenster, die Augen niedergeschlagen, die Wangen mit purpurner Glut bedeckt. „Komm her zu mir, Guenn!" sagte er ernsthaft. Gehorsam trat sie an seine Seite, jedoch! ohne die Augen aufzuschlagen. In Hamor regte sich wieder der alte Puritaner, voll von Tadelsucht, beschränkter Einsicht und irriger Meinungen. „Du wirst mir zugeben, Guenn, daß ich jede Rücksicht auf eure nationalen Vorurteile genommen habe. Doch dächte ich, Du müßtest mich nach so langer Zeit genau genug kennen, um mir ohne Besinnen Dein Haar zu zeigen, wenn ich Dich darum bitte. Jeanne und Viktoria würden mir auf der Stelle gehorchen. Mich wundert, daß Du noch immer nicht begreifst, wie uns Malern euer Haar nicht mehr bedeutet, als euer Gesicht, wenn man auch hier zu Lande anderer Ansicht darüber ist." Guenn zauderte noch immer; sie stand schwer atmend mit gefalteten Händen da; Hamor sand sie im Höchsten. Grade unvernünftig und widerspenstig. Douglas sah von der Arbeit auf: „Ach laß sie doch in Ruhe, Hamor, Du weißt ja, wie sie hier darüber denken." „Mein Modell gehört mir", beharrte Hamor ärgerlich-, „das Mädchen hat die schönsten Haare, die ich je gesehen habe, ich bin jederzeit freundlich gegen sie gewesen, es gibt wenige Menschen, die so rücksichtsvoll wie ich mit ihren Modellen verfahren. Ich wüßte also auf der Welt keinen Grund weshalb sie sich mir widersetzen sollte." Douglas zuckte die Achseln. „Herunter damit, Guenn! Wvnn Du's nicht augenblicklich tust, werde ich Dir dabei helfen." Sie rührte sich nicht, und um ihre Mundwinkel zuckte es verräterisch. Flehend erhob sie die schönen Augen zu ihm, es lag kein Vorwurf, nur ein schmerzliches Fragen, ein wehrloses Unterliegen, in ihrem Blick: „War ich denn damals von Sinnen? Er würde also lieber das Haar gehabt haben? Mein Gott, mein Gott, wie hätte ich das denn wissen können? Er hat sich gar nichts aus Lent 647 Tanzen und den neuen Kleidern gemacht. Jetzt braucht er mein Haar, und ich habe keins mehr führ ihn. Was für ein furchtbarer Mißgriff von mir. — Es war so lang und glänzend und wellig, es reichte mir bis über die Kniee. Er braucht es und ich habe keins mehr — nicht einmal soviel, wie die andern Mädchen — und ich hatte doch das schönste! Ach!, wenn es die heilige Jungfrau nur schnell wieder wachsen ließe! Oder wenn ich! in die Erde versinken könnte, ehe er's gewahr wird!" „Guenn", sagte der Maler ernst aber nicht unfreundlich, „laß jetzt die Kindereien." Rasch trat er hinzu, löste das Band, das ihr mehrmals fest um den Kopf gebunden war und zog das Häubchen herunter. Sie wehrte ihm nicht. Douglas stand gelassen dabei. Unter der Coiffe befand sich statt der sonst üblichen sechs ober sieben Tuch- kappen nur eine einzige, die Hamor jetzt entfernte. Seine ernste Richtermiene verwandelte sich in ein maßloses, fast knabenhaftes Staunen. „Donnerwetter!" rief er überrascht und trat einen Schritt zurück. Fortsetzung folgst Km der Kntschsaftnen. (Nachdruck verboten.) Ich! möchte meine Feder tauchen in flüssige Glut, Um in Flammenzeichen zu schreiben von dem, das uns das Höchste ist. Eine Fackel möcht' ich entzünden an dem Licht, zu durchleuchten das Dunkel, das ynS umgibt in der weiten, herbstlichen Welt. Und schöpfen möcht" ick aus dem Quell eines lebendigen Wassers, zu heilen die Wunden, zu erquicken die verschmachtenden und zu trösten die Verzweifelnden. Denn was wir hochhielten, sinkt in den Staub. Wir wandeln in der Irre, denn es ist dunkel geworden. Und wir sind elend und verlassen, weil man uns den Trost genommen hat, der uns ausrecht erhielt in unserer Not. Media vita in morte sumus! — Mitten im Leben sind wir vom Tod umfangen. Mitten im Leben. Ja, es rauscht und braust und umfaßt uns mit seinen Wellen, die uns umschmeicheln, uns schaukeln und wiegen oder uns schlagen und stoßen und uns endlich hinauswerfen auf einen öden, unwirtlichen Strand. Es tost und braust so laut, so bestrickend und doch auch wieder so unheilverkündend, daß wir nickt den leisen Klageton vernehmen, der dazwischen hindurch.llingt, mahnend, warnend, drohend. Nur zuweilen, wenn es auf Augenblicke still wird auf dem Meere des Lebens, wenn die Wogen besänftigt schweigen, und das Herz einmal leiser pocht, um auszuruhen von der Hast und Last der lauten Tage, dann klingt dieser Ton wohl auch Hinern in unsere Seelen, sodaß wir uns besinnen und eingedenk werden des Todes, der uns umfangt. Das sind Augenblicke des Schtnerzes, aber auch der Erhebung für den, der sich erheben lassen will, den nicht dre Welt mit tausend Fäden der Lust — oder der Not — an sich! gefesselt HM. — Solch ein Augenblick ist heute, wo dre Glocken so traurig lauten, so ernst und doch so feierlich: heute, wo der Ernst des Lebens uns so greifbar nahe tritt, und der Tod uns ins umflorte Auge sieht. Und nun denken wrr der Verstorbenen, derer, die uns nahe gestanden haben im Leben, die wir geliebt haben mit unserem ganzen Herzen, und die vielleicht noch vor kurzem an unserer Seite wandelten. Wir denken an sie und dann — vielleicht — auch an uns selbst. Denn auch wir sind wie des Feldes Blume, dre heute blüht und morgen verdorrt. .. .senken wir den Blick hernieder zur Erde, auf die ^^br,.rn denen sie schlafen und ausruhen von ihrer Arbeit. Doch wrr erheben auch wieder den Blick gen Himmel, vom Tode durch dre Hoffnung des Glaubens zum Leben. Wre schnell doch die Zeit von hinnen geht! Abermals hat dre Erde ihren Kreislauf uni die Sonne vollendet. Ern Jahr seit damals! Wirllich schon ein Jahr? Ach freunde, wer so fragen kann, der hat kein bitteres Leid erfahren in dieser Zeit. Denn schnell verrauschen die Stunden nur dem Glücklichen. Wen aber der Flügelschlag des Todes berührte, dem erscheint die Zeit nicht im leichten Gange, denn das Leid ist eine schwere Last, und die Tage vergehen dem nicht schnell, der sie durchlebt mit Llutendein Herzen. — Und dennoch wird heute bei dem Klange der Glocken mancher seufzen: „Schon ein Jahr!" Und wird es nicht glauben wollen, daß er so lange leben konnte, nachdem der Nerv seines Lebens zerrissen schien- Anfangs wollt' ich schier verzagen Und ick glaubt', ich trüg' es nie. Und ich hab' es dock getragen. . . Ach ja, getragen mit blutendem Herzen, als eine schwere, schwere Last, Und wie viele gibt es doch die heute hinauswandern zum stillen Hain der Toten. Und sie alle weinen um ein verlorenes Glück, vielleicht um den besseren Teil ihres Seins, der ihrem Leben erst W!ert und Inhalt gab. Und so vielgestaltig ist das Leid! Dort sitzt eine junge Frau. Sie trägt ein wertvolles Trauergewand. Ihre Augen sind gerötet von den vielen Tränen, die sie geweint in stiller Nacht- Nicht die Sorge um das tägliche Brot hinterließ er ihr, der hier ruht unter dem marmornen Monument, aber ein namenloses Weh und die brennende Sehnsucht nach dem einzigen, den sie geliebt, und der von ihr gegangen ist, nachdem er ihr kaum gehörte. Und dort jene dürftig gekleidete Frau mit den Kindern an der Hand! — Er war ihr und der Kleinen Ernährer. Mitten aus seinem emsigen Streben und Schaffen riß ihn der Tod hinweg, und zu dem Schmerz um den Verlust des Gatten und Vaters kam die herbe, bittere Not. Tort aber trocknet ein Greis verstohlen die Träne, die sich ihm in das Auge drängt. — Tie Kinder erwachsen, in die Ferne gezogen, „zu wetten und wagen, das Glück zu erjagen." Nur sie, die Gefährtin seines arbeitsreichen Lebens, war zurückgeblieben bei ihm, hatte Freud' und Leid mit ihm geteilt, und den Weg, den sie anfangs so freudig und mutig durchtanzten, waren sie später langsam und! bedächtig gegangen, aber immer gemeinsam, immer im gleichen Schritt und Tritt. — Nun aber ist der treue Kamerad auch hinübergegangen in das andere, ferne Land und hat den alten Mann allein zurückgelassen unter den fremden Leuten, denen seine kleinen Bedürfnisse! nie am Herzen lagen wie ihr, die nicht liebend für ihn sorgen, wie sie es getan, da sie ihn umgab mit der milden Wärme ihrer treuen Liebe. Und dort endlich steht ein Elternpaar an einem Grabe, das ihr Liebstes umschließt, was sie auf Erden besaßen, ihre Freude, ihren Stolz, ihre Hoffnung, ihr ganzes Glück! Ach, es ist soviel, was die Erde birgt und niemals zurückgibt, soviel Herzen, die einst so warm in Liebe geschlagen und dem Leben so voll freudiger Hoffnung entgegengepocht haben! Nun kommen die Zurückgebliebenen, treten sinnend an die Gräber und legen die letzten Blumen des entschwundenen Sommers darauf nieder. Aber wie verschiedenartig auch das Leid ist: eie alle durchzittert der Schmerz und die Trauer in gleicher Weise, und da^ gleiche Gefühl zieht sie hin zu den Grabern, die sie schmücken mit dem Schönsten, was sie haben. Ach und wohl dem, dem nur die Dränen 5er Liebe, der Sehnsucht, der Trauer fließen, in dessen Schmerz sich nicht auch die bittere Reue mischt, die ihn angeklagt, weil er es hat fehlen lassen an der Liebe, die nun zu spät kommt und Geschehenes nicht ungeschehen machen, Versäumtes nicht nachholen kann. Darum dringt immer und immer wieder des Dichters Mahnwort in die Seelen: „O lieb', so lang' Du lieben kannst!" Ja, die Liebe! Was ist doch aller Glanz des Erdenlebens, alles äußere Glück ohne sie, die bis über das Grab hinaus reicht, die uns nickt verläßt, sondern die Kluft überbrückt, an der wir, fragend und zagend, hinüberblicken in das ferne, geheimnisvolle Land. Diese Liebe ist es ja auch, die unsere Tränen trocknet, daß wir den Blick von den Gräbern erheben können gen Himmel, den Trost der Hoffnung zu -empfangen. , Eine Fackel möcht' ich entzünden an dem ewigen Licht, zu durchleuchten das Dunkel, das uns umgibt in der weiten, herbstlichen Welt! Dies ewige ist die Siebe,, bie wie bie Sonne am Himmel strahlt, bie uns durchdringt mit ihrer Lebenskraft und uns zu sich emporzieht aus dem Dunkel des Erdentales. Und schöpfen möcht' ich aus dem Quell des lebendiger Wassers, zu trösten die Verzweifelnden! Das Hohe sinkt in den Staub. Wir wandeln in der Irre, denn es ist dunkel geworden, und wir sind elend und verzagt, weil man uns den Trost genommen Hot, der uns aufrecht er» 648 — hielt. Wir wahrten die Hoffnung, den Glauben und die Liebe, diese drei, die uns emp or g eholfen haben über alle Not des Lebens, die uns zu besseren Menschen machten und uns selbst den Tod überwinden ließen. Es sind die drei Säulen, auf denen sich die Zivilisation erheben konnte. Sie bildeten den Stab, der uns stützte in der Zeit der Not und nie versagte. Auf dem Felsen, des Glaubens, der Liebe und der Hoffnung wohnten wir sicher in der Brandung des Meeres, und schuldlos konnten wir des Lebens heitere Stunden genießen. Nun aber braust aus den dunkelsten Tiefen und von den lichtesten Höhen der Menschl- heit der Rus zum Kampfe wider das Alte. Was uns so lange Kraft und Trost gewährte — nun wird es zur lästigen Kette oder zu törichtem Aberglauben. Strahlend leuchtet des Verstandes kaltes Licht, das die Augen blendet und uns doch nicht den Weg zeigt, der zum Leben führt. Aus der Tiefe aber züngeln die Leidenschaften wilder Begierden, die kein erhabenes Gefühl mehr zügelt, keine Schranke mehr dämmt. Wenn es wahr wäre, daß unser Glaube eitel, unser Hoffen Wahn, unsere Liebe Trug ist, wenn der Glaube an Gott und der Menschen unsterblichen Teil nichts wäre als ein alter Aberglaube, was bliebe dann? Nichts als die Materie, die schon im Leben ein geistloses Produkt der mechanisch wirkenden Natur ist und zu seiner Zeit vermodert und vergeht. — Lohnte es da noch, ein Leben zu erhalten, das sich Selbstzweck ist, oder um Verlorenes zu trauern, das nicht mehr Wert hatte, als der Wurm zu Teinen Füßen? Müssen wir ohne den inneren Halt nicht untergehen in des Lebens Not? Oder wär' es nicht Torheit, aus ein Glück zu verzichten, nach dem man nur die Hand auszustrecken braucht? Was soll uns noch die Tugend der Entsagung, der Rechtschaffenheit und Treue? Wozu noch Pslichten, toi.) wir nur Rechte zu rauben brauchen? — Media vita in morte! Mitten in dem Empor- streben der Völker ist dem Geiste der Tod geschworen, und an einem weiten Grabe weinen wir um Verlorenes, für das uns niemand Ersatz bietet. Aber wie laut auch immer die neue Lehre gepredigt werden möge: sie übertönt doch nicht die leise Stimme in der Menschenbrust. Die Liebe hört nimmer auf, und was sie gibt und, was sie nimurt, das sind die Zeugen ihres Daseins. Wenn wir heilte audEj1 die Blicke tränenschwer auf die Gräber senkeu: unsere Seelen fühlen sich emporgezogen zu der eivigen Macht, die in uns lebendig ist,' ilnd die uns auch heute wieder zurust: „Kommt, wieder, Menschenkinder!" Nein, wir wollen nicht verkümmern und verkommen in der Ocde der Hoffnungslosigkeit, die unsere Kraft bricht und uns untauglich rnacht zu den Werken, die wir llvch zu verrichten haben, so lange wir noch auf Erden wandeln. Wir wollen kämpfen den güten Kampf, eingedenk der Pflichten gegenüber denen, zu denen wir nun zurückkehren: unfern Lebenden. Dämmernd schwindet der Tag, und der Fittig der Nacht senkt sich leise herab aus die Stätte des Friedens. Wenn aufs neue die Sonne emporsteigt aus dem Schatten der Nacht, dann soll auch das Dunkel weichen, das unsere Seelen vielleicht noch umhüllt. Bald erwacht wieder das Leben, und des Lebens Kampf ruft uns in die Schranken. Das ist die Weihe des heutigen Tages und der Segen, den wir mit heimnehmen von der geweihten Stätte, daß sich die verzagenden Herzen von neuem aufrichten können an der Hoffnung und dem Glauben, fähig zu neu eit Werken der Liebe. Unfern teuren Entschlafenen unsere Blumen, unsere Tränen, unsere Gedanken. Unfern Lebenden aber die schiaffende, bauende Kraft bis zu der Stunde, wo auch !vir, müde vom heißen Tagewerk, das Haupt senken zur letzten Ruhe. Die Abendglocken läuten zum stillen Gebet. In ihren Kammern schlafen alle, die vor uns heimgegangen sind, und sacht ziehen die goldenen Sterne empor im weiten Kreise der Unendlichkeit. Durch die Bäume weht ein leiser Wind. Dürre Blätter senken sich lautlos hernieder, und einer weichen Stimme Klang tönt über die nächtliche Erde: „Friede sei mit Euch!" Erich zu Schirfeld. Vermischtes. * G. v. Mosers Stiefelsammlung. Aus' de«. Hinterlassenschaft Gustav v. Mosers wird nach den „M. N. N." eine der merkwürdigsten Privatsammlungen zur Versteigerung kommen H* an 200 Paare Stiesel aller! Arten und Abarten, die der tantiömengesegnete Autor mit derselben Leidenschaft samtnelte, wie Masoaani Kravatten, Sämtliche Schnhmachermeister der Stadt Görlitz kannten die Marotte des alten Herrn, besonders feine oder historisch interessante Stiefel auszukundschaften und mit schönem Geld zu bezahlen; sie luden ihn infolgedessen von Zeit zu Zeit zu einer Besichtigung ihrer Lagerbestände ein und Moser ließ lieber eine seiner zahlreichen Premitzren links liegen,; um nur nicht eine Bereicherung seiner Sammlung zu versäumen. Wenn er „geschäftlich" in Berlin zu tun hatte> pflegte er die Auslagefenster großer Schuhtoarengeschäfte mit derselben Gründlichkeit zu besichtigen, wie ein Kunstfreund die Galerien, und mit dem obligaten Lorbeer wanderte regelmäßig eine Partie Schuhe in seine Behausung, um dort in einem bibliotheksaalartigen Raum aufbewahrt zu werden. Soweit es die Mode zuließ, vertraute Moser auch seine Füße den verschiedenen Objekten der Sammlung an, schonte diese indessen nach aller Möglichkeit. Dre glänzendsten Reitstiefel, die feinsten Stiefletten, die elegantesten Lackschuhe und massive Bergstiefel konnten sich bei dem alten Herrn der gleichen Beliebtheit erfreuen, wie ein Paar Sandalen Frundsbergscher Landsknechte oder ehrwürdig zerrissene Stiefelungeheuer aus der Zeit des russischen Feldzuges Napoleons. Chacun a son gout! Gustav v. Moser hat mit seiner Stiefelfammlung weder Reklame gemacht,; noch seine Tantiemen dadurch; erhöht. (Die „M. N. 91" scheinen nicht zu wissen, daß O t t o Rv q u e t t e, der einstige Darmstädter Professor, .eine niedliche Novelle geschrieben hat, in der er diese wimderliche Marotte Mosers hulhch glossiert. rr " Literarisches. — Die Rose, ihre Anzucht und Pflege. Praktisches Handbuch für Rosenfreunde von RoÜ ert Betten. Zweite verbesserte und vermehrte Auflage. Mit 138 Abbildungen. Preis geb. 4 Mk. Verlag von Tro w r tz s ch u. Sohn in Frankfurt a. O. - Der Verfasser will dem Rosenfreunde zeigen, was die Rose liebt und wre sie behandelt sein will. Da merkt man, daß der Verfasser mit dem großen Publikum enge Fühlung hält. Er weiß genau, welche Klippen sich dem Laien in den Weg stellen, und tn klarer, verständlicher Weise lehrt er, tote diese Klippen zu umschiffen sind. Wie seine „Blumen am Fenster , so ist auch dieses Büchlein aus der Praxis für die Praxis geschrieben. Es ist ein guter, gewissenhafter Ratgeber, auf den man sich verlassen kann. Jeder Rosenfreund, der bisher nicht Glück mit der Rosenzucht hatte, und deren, gtebts l« unzählige, wird in diesem Buche die Gründe für ferne Mißerfolge finden, zugleich aber auch; die nötigen Wrnke, wre er seine Rosen behandeln muß. Me neue Auflage bringt neben einer eingehenden Umänderung verschiedener ~etle( eine kurze Uebersicht über die wertvollen Neuheiten. Daneben ist sie bestrebt, in einem umfassenden Kapitel dr« Zucht neuer Rosen zu schildern, um zu veranlassen, daß fleh immer weitere Meise mit der Zucht deutscher Neuheiten^ beschäftigen. Deutsche Neuheiten haben ja rm allgemeinen bnr französischen den Vorzug größerer Unempfindlichkeit gsgm' Ä« »ntek »ovti V h{efpr Anleitung zur Neuheitenzucht ist also einmal, tine Winterhärte deutsche Rose nach und nach hervorzu> bÄngw^daiM aber allmählich einen deutschen Rosentyp zu schaffen. ------------ Scherzrätsel. (Nachdruck verboten.) Es braucht's die Kuh zum Leben; Wir tragens im Gewand Zwei Zeichen dran gegeben: Nun birgt es allerhand. (Auflösung in nächster Nummer.) Auflösung des Bilderrätsels in vor. Nr.r Aluminium. Redaktion: August Götz. — Rotationsdruck und Terlag der Brnbl'schen UniversitätS-Tnch- und Cteindruckerei. R. Lange, Gießen.