1903. EIS äQs w «SWKM DAM cAo 1 E =*u M-L ■'■• ii NU (Nachdruck verboten.) Schloß Osterno. Roman von S. M e r r i m a n. (Fortsetzung.) Sie schüttelte Steinmetz herzlich die Hand, und ihre Hefen Augen forschten mit einer seltsamen Hast in seinem Gesichte. „Woher kommen Sie?" fragte sie rasch. „Aus London." „Katharina, erinnerst Tu Dich nicht an Herrn von Chauxville?" fiel die Gräfin ein. „Er kannte Dich, als Du noch ein Kind warst." Katharina wandte sich um und begrüßte den Baron. „Ich hätte mich Ihrer erinnert, selbst wenn wir uns nur zufällig getroffen hätten", sagte er. „Die Kindheit ist ja doch nur eine Miniature, nicht wahr?" „Vielleicht. Aber wenn die Miniature sich entwickelt, verliert sie die Zartheit, die ihren Reiz ausmacht", antwortete Katharine, indem sie sich zu Steinmetz wandte, als wolle sie ihr Gespräch mit ihm fortsetzen. „Herr von Chauxville, Sie bringen uns sicher Neuigkeiten", sagte die Gräfin mit ihrer gackernden Stimme. „Ich habe Herrn Steinmetz umsonst gebeten, uns etwas zu erzählen; er sagt, daß er nichts weiß. Aber darf man einem so notorisch bösen Menschen etwas glauben?" „Frau Gräfin, weise Leute glauben nur, was ihnen paßt. Aber Steinmetz ist die Ehre selbst. . . Was für Neuigkeiten wollen Sie denn hören? Politische, die gefährlich, gesellschaftliche, die skandalös, oder Hofnachrichten, die stets erlogen sind?" „Erzählen Sie uns also etwas Skandalöses." „Ich kann Ihnen doch nicht altbackene Neuigkeiten erzählen, die über Paris von London kommen, nicht wahr?" sagte der Baron. Steinmetz klopfte mit seinem breiten Stiefel ungeduldig aus den Boden. „Was sind das für Neuigkeiten? Schnell, schnell!" ries die Gräfin eifrig. „Nun, das mit dem Fürsten Paul", sagte Chauxville, indem er Steinmetz herausfordernd anschaute. Steinmetz trat einen Schritt vor und stellte sich vor Katharina, die plötzlich tief erblaßte. Sie konnte nur seinen breiten Micken sehen, und da sie ziemlich klein war, verbarg Steinmetz sie vor den anderen im Zimmer, wie mit einem Wandschirm. „Sie meinen wohl seine Hochzeit?" sagte er, zur Gräfin gewendet. „Frau Gräfin haben gewiß davon gehört?" „Woher denn?" warf der Baron ein. „Die Gräfin wußte, daß Fürst Paul verlobt sei", erwarte Karl Steinmetz sehr langsam, als wolle er jemand Zeit geben, sich zu fassen. „Bei einem Männe, wie er eA ist, sind Verlobung und Hochzeit nicht wdit auseinander." „Es ist also ein fait aceompli?" ftagte die Gräfin int scharfen Tone. „Seit gestern", antwortete Steinmetz. „Und Sie waren nicht dabei!" rief die Gräfin Lano« witsch mit erhobenen Händen. „Wie Sie sehen, da ich hier war", antwortete Steinmetz. Die Gräfin fand es ganz abscheulich, eine Ausländerin zu heiraten. Ihre Stimme ttang scharf, ihre Worte-waren fast beleidigend; aber da Steinmetz offenbar nicht zuhörte, teilte die Dame ihre Ansichten dem Baron von Chauxville mit. Steinmetz wartete einige Zeit, dann wandte er sich langsam zu Katharina um, ohne sie jedoch anzublicken. „Es ist gefährlich, in einem so dicken Pelz in diesem! warmen Zimmern zu sitzen", sagte er. „Ja", antwortete sie mit schwacher Stimme. „Ich: werde! ihn ablegen." Steinmetz öffnete ihr die Mr, sah sie aber auch dabei nicht an. 15. Kapitel. Vermählt. „Ich begreife nicht, warum ich mich nicht Fürstin Alexis nennen soll, — Du brauchst Dtch doch des Titels nicht zu schämen und hast, wie ich annehme, ein Recht darauf?" Etta, die damit beschäftigt war, ein Armband anzulegen, ivarf einen forschenden Blick auf ihren Gatten. Sie waren feit einem Monat verheiratet. Paul, voll zarter Duldsamkeit für ihr temperamentvolles Wesen, lächelte statt aller Antwort. Frauen, die in Gesellschaft temperamentvoll sind, pflegen zu Hause manchmal bissig zu sein, und das, was in der Fremde Lebhaftigkeit genannt wird, degeneriert am häuslichen Herde oft zur Herbheit. „Mrs. Alexis klingt einfach lächerlich", fügte Etta schmollend hinzu. Sie hatten soeben miteinander diniert und wollten nun einen Ball besuchen, den ersten seit ihrer Hochzeit. Er stand entzückt vor ihr und betrachtete ihre anmutigen, studierten Bewegungen; seiner Ansicht nach gab es wenige Frauen, die schöner waren als sie, entschieden keine, bte es mit ihr aufnehmen konnte. Sie war bisher die Sanftmut selbst gegen ihn gewesen und hatte sein einsames Leben mit einem solcheU Glanz erleuchtet, daß er mit seiner verschlossenen Natur sich plötzlich langweilig und beschränkt vorkam. Nichtsdestoweniger begann er bereits zwischen sich und Etta gewisse kleine Unterschiede zu bemerken, die nicht so sehr in Meinungen, als in Gedanken bestanden. Sie schrieb! gesellschaftlichen Funktionen, gesellschaftlichen Ansichten und Pflichten eine Wichtigkeit zu, die er absolut nicht verstehen konnte. Einladungen regnete es selbstverständlich auf sie herab, und Etta nahm diese Einladungen eifrig an. Es lag in ihrer Natur, sich vom Glanze blenden zu lassen, und ein großer Ballsaal, glänzende Beleuchtung, Müsik, 446 Blumen und Diamanten hatten eine Wirkung «uf sie, die sie bereits im voraus genoß; ihre Augen funkelten, wenn sie nur eine Einladungskarte erblickte. „Ein ausländischer Titel hat in England keinen Wert, das habe ich bald herausgefunden", antwortete Paul. „Ich habe ihn darum fallen lassen und nicht wieder auf« genommen." „Und darum hast Du nie den Platz eingenommen, auf den Du ein Recht hast." „Was für einen Platz? — Soll ich das zuknöpfen?" „Bitte." Sie streckte den Arm aus, während er mit seinen für so zierliche Arbeit viel zu großen Fingern ihren Handschuh zuknöpfte. „Den Platz in der Gesellschaft", antwortete sie. „O, hat der etwas zu bedeuten?" „Natürlich hat er etwas zu bedeuten", antwortete Etta mit einem erstaunten Lächeln. „Natürlich hat er etwas zu bedeuteu, mehr als — mehr als alles!" „Sie Stellung, die einem ein Titel verleiht, kann nicht viel Wert besitzen", meinte der Schüler von Karl Steinmetz. Etta schüttelte sinnend ihren hübschen Kopf. „Natürlich", sagte sie, „Geld gibt einem von selbst eine Stellung, und jedermann weiß, daß Du ein Fürst bist. Aber wegen der Dienerschaft und auch wegen der übrigen Leute wäre es hübsch, Fürstin zu heißen." „Leider ist es nicht möglich", sagte Paul. „Dann mußt Du einen Grund dafür haben", antwortete die junge Frau, indem sie ihm einen scharfen Blick zuwarf. „Ja, ich habe einen Grund dafür." „Ah!" „Der Grund ist die Verantwortlichkeit, die sich an den Titel knüpft, den Du führen möchtest." „Ach, Du meinst wohl Deine dummen alten Bauern?" sagte Etta mit einem verächtlichen Lächeln. „Ja, Etta. Erinnerst Tu Dich au das, was ich Dir erzählte, ehe wir heirateten? Ich meine von den Bauern!" „Gewiß", antwortete Etta mit einem Blick auf die Uhr. indem sie ein leichtes Lächeln hinter dem Fächer versteckte. „Ich habe Dir nicht alles gesagt, teils weil es sich nicht so machte, teils weil ich besorgte, daß es Dich langweilen könnte", fuhr Paul fort. „Ich sagte Dir bloß, daß ich mich für die Bauern interessierte und es für ein Glück halten würde, wenn sie allmählich zu größerer Selbstachtung, zu größerer Reinlichkeit und dergleichen erzogen werden könnten." „Gewiß erinnere ich mich", antwortete Etta, zerstreut ihre behandschuhten Finger betrachtend. „Nun, ich habe mich während der letzten paar Jahre nicht bloß damit begnügt, diesem Gedanken nachzuhängen, sondern ich habe auch versucht, ihn praktisch auszuführen. Steinmetz und ich waren tief in die Ärmenliga verwickelt." Ettas Fächer fiel klappernd zu Boden. „Er ist doch hoffentlich nicht zerbrochen?" keuchte sie mit einem seltsamen, atemlosen Stammeln. „Ich glaube nicht", antwortete Paul, indem er den Fächer aufhob und ihr zurückgab. „Aber Tu bist ja ganz blaß? Was liegt daran, wenn er zerbrochen ist, Tu hast ja genug andere." „Ja, alber", Etta hielt inne, öffnete den Fächer und untersuchte die Stäbe so sorgfältig, daß ihr Gesicht von den Straußenfedern verborgen tourbe. „Ja, aber ich liebe diesen ganz besonders. Was ist das für eine Liga, Paul?" „Es war eine große Organisation des erblichen Adels von Rußland zur Erziehung des Volkes und Verbesserung seiner Lage. Natürlich mußte sie geheim gehalten werden, da die Bureaukratie jeden Versuch, das Volk zu zivilisieren, unterdrückt. Die Liga war gut organisiert, und ivir wollten gerade an die Arbeiten gehen, als die Papiere aus dem Hause des Grafen Stephan Lanowitsch gestohlen und der Regierung verkauft wurden. Damit !var die ganze Sacha verloren; Lanowitsch und die anderen wurden verbannt, ich floh, und Steinmetz trotzte allein dem Sturme in-Osterno. Er war ihnen zu geschickt, und nichts konnte uns nachge- wiesen werden., Aber Du wirst begreifen, daß wir jedes Aussehen vermeiden und so ruhig und unauffällig als möglich leben müssen." • „Ja, gewiß, — aber —" „Aber was?" „Tn kannst nie wieder nach Rußland zurückkehren", sagte Etta langsam, als taste sie nach festem Grund und Boden. „Nichtdoch, ich wollte eben davon sprechen. Ich möchte diesen Winter wieder in Rußland verleben, denn es giebt sehr viel zu tun, und ich möchte, daß Du mich begleitest." „Nein, Paul, nein, das kann ich nicht!" schrie Etta, und aus ihrer Stimme klang ein Entsetzen, das zu ihrer friedlichen, luxuriösen Umgebung gar nicht paßte. „Warum nicht?" fragte ihr Gatte, der nie Furcht gekannt hatte. „Ich würde mich fürchten, — ich könnte nicht, ich hasse Rußland!" „Du kennst es ja gar nicht." „Nein", antwortete Etta, indem sie sich abwandte und sich mit ihrer langen, seidenen Schleppe beschäftigte. „Natürlich nicht, — das heißt, nur Petersburg; aber ich habe gehört, wie es ist, — kalt, häßlich und traurig. Ich kann Kälte nicht ertragen, ich möchte diesen Winter an die Riviera gehen/ Wirklich, Paul, Du verlangst zuviel von mir." „Ich verlange nur einen Beweis Deiner Liebe." „Einen Beweis?" rief Etta mit einem leisen, nervösen Lachen, das gar nicht lustig klang. „Wie kleinbürgerlich und unnütz das ist! Hast Du nicht Beweise genug, da ich Dein Weib bin?" Paul sah sie an. In seiner ganzen Haltung, in seinem ganzen Wesen drückte sich jene unerschütterliche Entschlossenheit aus, die sein stilles Benehmen ihr bisher verborgen hatte. Steinmetz kannte die steinerne Mauer in dieser Seele, gegen die weder Bitten noch Argumente etwas vermochten; der Jntenedant war im Verlaufe ihrer gemeinsamen Arbeiten ein paarmal dagegen angerannt und hatte stets sofort nachgegeben. Etta blickte ihren Gatten an. Rote Flecken erschienen auf ihrem Gesicht, und etwas Unstetes lag in ihren Augen, etwas, das verriet, daß sie zum ersten Male in ihrem Leben von einem Manne eingeschüchtert wurde. Nicht Pauls Worte, sondern sein Schweigen erschreckte sie. Sie fühlte, daß triviale Argumente, kleinliche Einwendungen bei ihm nichts bedeuteten. „Du bist jetzt ein verheirateter Mann und hast nicht das Recht, Dein Leben und Deine Stellung wegen eines Steckenpferdes amfs Spiel zu setzen!" „Ich habe es während der letzten paar Jahre straflos getan", antwortete er. „Wenn man die gewöhnliche Vorsicht beobachtet, ist.das Risiko gering. Ich habe die Sache nun einmal Begonnen und muß sie fortsetzen." „Aber wie, — Du bist in Rußland nicht sicher." „So sicher, tote immer", antwortete Paul. Etta wandte sich um und blickte ins Feuer. Er konnte ihr Gesicht nicht sehen. „Tie Ar — jene Liga ist also vergessen?" fragte sie. „Nein", antwortete ihr Gatte ruhig. „Sie wird nicht vergessen werden, bis wir entdeckt haben, wer uns verkaufte." Ettas Lippen bewegten sich seltsam. Sie kniff sie zusammen und hielt sie mit den Zähnen fest. Einen Angen- blhck trug ihr schönes Gesicht einen furchtsamen, gehetzten Ausdruck. „Was wirst Du dadurch gewinnen?" fragte sie tu ruhigem Tone. „Ich? nichts! Mir liegt auch nichts daran, aber es giebt Leute, die sich sehr darnach sehnen, den Mann in ihre Hände zu bekommen." Etta atmete tief auf. „Wenn Du durchaus willst, so werde ich Dich nach Osterno begleiten", sagte sie. „Aber unter einer Bedingung: Nelly muß mit." „Wenn Du es wünschest, gewiß!" antwortete Paul etwas überrascht. Tie Uhr schlug zehn, und Ettas Augen wurden wieder ein wenig heller. Alls echtes Weib lebte sie für die ®eigen« wart, für den bevorstehenden Ball. Osterno und Rußland lagen ja noch in der Zukunft! Sie war jetzt! so ziemlich gefaßt, und die gleichmäßig zarte Farbe kehrte auf ihre Wangen zurück. »Nelly ist eine ausgezerchnete Gesellschafterin", sagte sie leichthin. „Ich glaube, daß sie mitkommen wird, wenn Tu sie aufforderst, Paul." 447 „Wenn Du es wünschest, werde ich es natürlich tun; aber sie wird uns vielleicht ein wenig stören. Ich hoffte, daß Du uns Helsen würdest — bei den Frauen —" Auf Ettas Gesicht erschien ein sonderbares Lächeln. „Gewiß, gewiß!" sagte sie. „Es ist so hübsch, wenn man mit seinem Gelde Gutes tun kann." Paul blickte sie mit seinen ernsten Augen an, sprach aber nicht. Er wußte, daß seine Frau klüger und gescheiter war als er, und hoffte in seiner Einfachheit, daß er diesen überlegenen Geist für das Wohl der Bauern von Osterno würde verwenden können. „Osterno ist nicht häßlich", sagte er. „Es ist ein sehr schönes Schloß, eines der schönsten Schlösser von Europa. Bor meiner Abreise gab ich Befehl, Deine Zimmer in Ordnung zu bringen, denn ich möchte, daß es Dir dort gefällt." „Gewiß wird es mir gefallen, lieber Paul", antwortete sie mit einem Blick auf die Nhr; der Wagen sollte um ein viertel auf elf vorfahren. „In gesellschaftlicher Beziehung werden wir jedoch gewiß ziemlich isoliert sein", fuhr sie fort. „Es wohnen wohl einige Leute in der Nachbarschaft?" „Unsere nächsten Nachbarn sind die Lanowitfch", sagte Paul ruhig. „Wer?" „Tie Lanowitfch? Kennst Du sie?" „Woher soll ich sie kennen?" fragte Etta in scharfem Tone. „Aber der Name kommt mir bekannt vor; haben sie nicht auch in Petersburg gewohnt?" „Ja, das war der Gras Stephan Lanowitfch", antwortete Paul. Etta blickte ihn jetzt mit einem munteren Lachen an, vielleicht war es etwas gar zu munter, auch ihre Augen glänzten übernatürlich. Sie wußte, daß sie ein schönes' Kleid trug, sie war sich ihrer unvergleichlichen Schönheit bewußt und trotzte daher der Welt, wie ein sehr gut bewaffneter Mann. „Ich bin wirklich eine Musterfrau, daß ich mich Deiner Tyrannei unterwerfe und mich mitten im Winter in Ruß- land begraben lasse", sagte sie. „Du darfst jedoch nicht erwarten, daß ich mit Deinen russischen Freunden sehr intim sein werde; ich weiß noch nicht recht, ob ich die Russen liebe", fuhr sie fort, indem sie auf ihn zutrat, beide Hände leicht auf seine breite Brust legte und zu ihm aufblickte. „Besonders russische 'Fürsten, die ihre Frauen tyrannisieren. Du kannst mir jedoch einen KUß geben, aber vorsichtig! Jetzt muß ich mich fertig machen, wir kommen ohnehin zu spät." Cie griff nach Fächer und Handschuhen; denn sie hatte das Paar, das ihr nicht zu passen schien, übellaunig wieder abgezogen. „Wirst Du also Nelly einladen, mitzukommen?" fragte sie, bereits in der Türe. „Ja", antwortete er. „Aber warum soll ich sie eigentlich einladen?" „Weil ich es so haben will." (Fortsetzung folgt.) Jahresbericht des Gießener Tierschnßbereins für das Jahr 1903/3. Ter Vorstand hielt im Hotel Schütz an den nachstehenden Tagen Sitzungen ab: am 20. Juni, 17. Oktober, 2. Dezember, 20. Februar und 15. Mai. Besucht waren sie durchschnittlich von 41 Prozent der Mitglieder, 10 Prozent fehlten entschuldigt. Erwägt man, daß nur 51 Prozent die Summe ^regelmäßigen Besucher bilden, sv kommt man unwill- kurnch zu dem Schluß: 49 Prozent des Ausschusses blieben den Satzungen fern. Führt man, eingedenk der großen An- forderungen unserer Tage, an die Kraft und Zeit vieler, zu rhren Gunsten gleich jeben _ erdenklichen Grund ins Feld, Interesse fehlt! läßt sich dennoch nicht völng dampfen. Eöie im vorigen Jahre, so haben wir auch diesmal eineu Rückgang der Mitgltederzahl nnseres Vereins zu verzeich- nen; denn im Laufe des Jahres 1902 traten aus oder schieden durch Wegzug oder durch den Tod 21 Mitglieder aus, sodaß die Zahl von 367 auf 346 gesunken ist. Dieser Rückgang steht mit dein Aufblühen Gießens im Widerspruch. Tod und Wegzug schwächen uns und die jungen Bürger und die neu Zugezogenen sind allzu bescheiden, sich freiwillig als Mitglied anzumelden. Rühren wir darum die Werbetrommel! Offene Ohren und reichende Hände werden sich noch finden lassen für unsere gerechte Sache. Was wir anstreben, möchte ich an dieser Stelle mit den Worten des Prof. Dr. V. Wiedmann darlegen: „Wir wollen die Tiere schützen gegen Willkür und Grausamkeit, gegen leichtsinnige, mutwillige und boshafte Quälerei und Mißhandlung, wir suchen von der Verfolgung nützlicher oder verkannter Tiere abzuhalten, wir treten ein für möglichste Schonung der Tiere beim Transport, Fangen und Töten, für gute Behandlung der Haustiere, für Erhaltung der Singvögel und anderer in ethischer, wissenschaftlicher und volkswirtschaftlicher Beziehung wichtiger Mere, wir suchen Gesetze und Verordnungen im Sinne unserer Bestrebungen zu erwirken und die Bestrafung der Uebertretung dieser Vorschriften herbeizuführen; wir wollen durch den Tierschutz zugleich einen sittlich hebenden und erziehenden Einfluß auf die Menschheit, insbesondere auf die Jugend, ausüben und der Roheit steuern. Dabei halten wir uns aber fern von überschwenglichen und sentimentalen Bestrebungen, wir wollen nicht das Tier dem Menschen gleichstellen, sondern wir sind der Ansicht, daß überall da, wo es das berechtigte Interesse des Menschen) sei es wissenschaftlicher oder praktischer Art, unbedingt verlangt, dem Menschen die Benutzung und Tötung des Tieres freisteht." Wer obigen Grundsätzen zustimmt, sollte den Mindestbeitrag von 1 Mk. nicht scheuen, sondern unverweilt unser Mitglied werden und so selbst beitragen zur Besserung des Loses der Tierwelt, zum Vorteil der Menschheit. Anmeldungen nehmen unser Vorsitzender, Rektor Hahn, sowie die übrigen Vorstandsmitglieder gerne entgegen. Eine kleine Aenderung trat int Vorstand insofern ein, als Schlachthofdirektor Dr. Liebe und Oberlehrer Prof. Wiederhold durch Kooptation neu in ihm ausgenommen wurden. Ter Vorsitzende verteilte die eingelaufenen Zeitschriften, Jahresberichte und Flugblätter unter die Mitglieder des Preßausschusses mit dem Ersuchen, sie zu lesen und später kurz oder auch in längerem Vortrage wichtige Artikel oder wertvolle Aufsätze zur Kenntnis des Vorstandes zu bringen. Mit Eifer unterzogen sich die Herren dieser Aufgabe. Hierdurch wirkten sie anregend auf den Ausschuß ein. Im Laufe des Jahres wurden zwei Vorträge gehalten. Hauptlehrer Knauß sprach über Tierquälereien in Haus und Küche, .der Berichterstatter zur Katzenfrage. Lehrer Fritzel erstattete den Bericht über die einge!- reichten Tierschutzkalender für das Jahr 1903. Als die weitaus besten bezeichnete er den Kalender des Berliner Tierschutzvereins und den Kalender vom Verbände der Tierschutzvereine des Deutschen Reiches. Daraufhin bezogetr wir von ersterem 2350, von letzterem 1250, insgesamt 3600 Exemplare. Von jenen erhielt das Gymnasium 150, das Realgymnasium und die Realschule 400, die Höhere und Erweiterte Mädchenschule 600, die Knabenschule 600 und die Mädchenschule 600. Die 1250 Verbrauchskalender kamen den Mitgliedern und den Unterklassen der Volksschule zu gut. Wie in den Vorjahren, so kamen auch diesmal Prämien zur Verteilung an Gendarmen und Schutzleute für Anzeigen über Tierquälereien, die die Bestrafung der Schuldigen herbeiführten. Tie Gendarmerie erhielt 50 Mk., die Schutzmannschaft 90 Mk. Dank beiden für ihre Wachsamkeit, ihren Vorgesetzten für das Entgegenkommen! Was den Vogelschutz betrifft, fo arbeiteten wir atlch im verflossenen Winter in der bewährten Weise. Unsere zahlreichen Futterbretter sowie die Futterhäuschen versah der Vereinsdiener bei Frost und Schnee gewissenhaft mit Futter. Verfüttert wurden 5 Ctr. 20 Pfd. Vogelfutter im! Betrage von 94.20 Mk. Dankbar heben wir noch die Fürsorge vieler Bewohner Gießens für die darbende Vogelwest hervor. Leider verschwinden die natürlichen Nistplätze mehr und^ mehr von bett Fluren. Daher bezogen wir aus der Fabrik von Berlepscher Nistkasten zu Büren i. W., Inhaber H.Scheid, 120 Stück Nistkasten mit Zubehör für Meisen, Rotschwänzchen usw. im Betrage von 77.21 Mk. Teils haben wir sie in den Anlagen Gießens aufhängen lassen, teils unentgeltlich an Private abgetreten. Sie haben sich nach Aussage mehrerer Beobachter sehr bewährt. Geh. Medizinalrat Prof. Dr. Curschmann hat unferm 448 Verein 100 Mk. überwiesen, die er zum Ankauf von Futter- brettern und Nistkasten auf dem neuen Friedhof verwenden soll. Sobald dessen Anlagen das Anbringen dieser Gegenstände ermöglicht, wird die Gabe im Sinne des hochherzigen Nebers verwendet werden. Ihm sei nochmals Dank gesagt. Am 15. Mai verlas der Rechner, Prokurist Wolff, die Rechnung. Hiernach betrugen die Einnahmen 1709.08 Mk., die Ausgaben 1707.31 Mk. Das Vereinsvermögen betrug am 22. April 1903 2918.90 Mk. Die Rechnungen und Belege wurden durch Hauptlehrer Knauß und Lehrer Fritzel geprüft,u,nd richtig befunden. Cudlich sprechen wir allen unseren Dank aus, die unser Werk unterstützten und, förderten. Vor allem sagen wir auch an dieser Stelle der hiesigen Sparkasse warmen Dank für das Geschenk von 100 Mk. Ebenso danken wir den auswärtigen Vereinen, die uns ihre Jahresberichte, Zeitschriften und Flugblätter zustellten. Die Hoffnung aus Erfolge im neuen Jahre gebe uns Kraft zu neuer Arbeit. Gießen, 30. Juni 1903. Georg Straub. Gemsinttütziges. — Die Nützlichkeit des Honigs ist noch lange nicht genug bekannt; er ist nicht nur ein ausgezeichnetes Nahrungsmittel, sondern auck wegen seiner Leichtverdaulichkeit ein hervorragendes Stärkungsmittel für schwächliche, bleichsüchtige, schnellwachsende Kinder sowohl wie auch für alte Leute. Er besitzt auch antiseptische Eigenschaften und ist deshalb bei Halsentzündungen sehr zu empfehlen; man wendet ihn mit Essig verdünnt zum Gurgeln an. Eine mit Honig bereitete Salbe ist ein vorzügliches Heilmittel für alle offenen Wunden, für Geschwüre usw. Er schützt die Wunden nicht nur vor dem Eindringen der Lust, sondern äußert direkt eine die Heilung beschleunigende Kraft. Strohhutwäsche. Weiße Strohhüte reinigt man am leichtesten durch Wbürsten mit zweiprozentiger Salzsäurelösung, dann läßt man dieselben trocknen, während die Form durch Auspolstern usw. erhalten wird. Waschen älterer Teppiche. Nachdem die Teps piche tüchtig geklopft worden sind, nimmt man mit den älteren, die nicht mehr ihre frischen Farben bewahrt haben, große Wäsche vor, die in folgender Weise geschieht: Man legt den Teppich auf ungestrichenen Boden, etwa in die Küche, und wäscht zunächst ein Viertel desselben mit einer lauen Abkochung von Gallseife (für 20 Pfg. auf einen Teppich genügt) und weichen Bürste, spült aber sofort tüchtig tmt recht frischem Wasser nach und trocknet zuletzt mit einem recht kräftigen leinenen Tuche die feuchte Stelle möglichst gut ab. Dann kommen die drei anderen Viertel an die Reihe, bis der ganze Teppich in neuer Farbenpracht erstrahlt. Er erhält durch sorgfältiges Waschen nicht nur seine volle Frische wieder, sondern auch das plüschartige Gewebe erhebt'sich zu unserer Freude aufs neue. Nachdem er vollständig trocken ist, was wohl erst am anderen Tage der Fall sein kann, legt man ihn in vier Teile zusammen und näht ihn fest in reine Leinwand oder einen Kissenbezug ein, wonach er unbesorgt in einer Truhe Wochen- und monatelang ruhen kann, ohne Mottenschäden zu befürchten. vermischte». *DasGedächtnisderVögel ist oft ganz erstaunlich. Im Frühling, wenn der Fortpflanzungstrieb in der Brust der kleinen Sänger erwacht, legen sie oft unglaubliche Strecken über Land und Wasser zurück, um den Ort zu erreichen, an dem ihr eigenes Nest stand, und den sie gewöhnlich auch mit der größten Leichtigkeit finden. Weniger bekannt dürfte es sein, daß die Vögel auch ein gutes Gedächtnis haben, wenn es sich darum handelt, zu einem guten Futterplatz zurückzufinden. Ich möchte hier folgendes Beispiel anführen. Wie bekannt, lieben unsere kleinen Meisen den Speck, und jeden Winter habe ich deshalb ein Stück Speck für sie hinausgehangen. Der Speck wird an einer Schnur vor dem Fenster so angebracht, daß man die Vögel von innen beobachten kann, während sie auf dem frei in der Luft hängenden Speck sitzen oder vielmehr an ihm hängen. Als gute Turner macht ihnen dies keine Schwierigkeit, und diese Art der Befestigung Meter außerdem den Vorteil, daß andere Vögel nichts von dem für die Meisen bestimmten Futter wegschnavpen können. Jeden Winter, wenn der Frost eintritt, findet sich ein Kohlenmeisenpaar bei mir ein, und setzt sich auf die Fenstersprosse, vor der der Speck zu hängen pflegt. Mit ihren Schnäbeln picken sie solange gegen die Fensterscheiben, bis ich aufmerksam daraus geworden bin, daß die Kälte mit ihrem Hunger und ihrer Not ihren Anzug gehalten hat. Sobald der Speck auf seinem Platz hängt, geben sich die Meisen zAlfrieden und stürzen sich mit großem Eifer über die leckere Kost, die ihnen stets ausgezeichnet mundet. * Eine Frau mit einer Nachkommenschaft von fünf Generationen. Wie aus London berichtet wird, feierte auf ihrem Landsitz Montagu House bei White- hall die Mutter des gegenwärtigen Herzogs von Mercorn ihren 92. Geburtstag und hatte an diesem Tage ihre gesamten direkten Nachkommen um sich versammelt, die bereits die stattliche Zahl von 145 erreicht haben. Die greise Aristokratin erfreut sich noch bester Gesundheit und bewundernswerter Rüstigkeit, und sah in einer schwarzseidenen Toilette mit cremefarbenem Spiüenfichu und zwei mattrosa Rosen geschmückt so gut aus, daß die vielen Elogen, die ihr von allen Seiten gemacht wurden, durchaus berechtigt waren. Es ist wohl wahrscheinlich, daß die Herzogin von Großbritannien die einzige Frau ist, die mit ihrer Nachkommenschaft fünf Generationen repräsentiert. Mit ihrem Ururaroßenkel, dem kleinen Master of Dunglaß, wurde die alte Dame dann kürzlich photographiert, und aus diesem Bilde sieht sie so frisch aus, als wäre sie die Großmutter, aber nicht die Ururgroßmutter des Knaben. Unter den Kindeskindern und deren Kindern befinden sich Herzöge und Herzoginnen, Marquis und Marquisen, Earls und Countesses, Lords und Ladies, eine Schar von „Honourables" und eme Legion von Sprößlingen ohne Titel. Der 1885 verstorbene Gemahl der betagten Duches war Oberkammerherr des Prinz-Gemahls Albert und später Lord-Leutnant von Irland. Literarisches. — Naumann-Buch. Herausgegeben von Dr. H. Meyer-Benfey. 187 S. Göttingen, Vandenhoeck u Ruprecht. — Diese hübsche Auswahl aus Nauma,ms Schriften ist dazu bestimmt, ein größeres Publikum mit dem geistigen Urheber und Führer der nationalsozialen Parier bekannt zu machen. Gegen Naumanns Absicht find die Nationalsozialen vor sieben Jahren in Erfurt zu einer „Partei gemacht worden. Daß er Recht hatte, beweisen die letzten Wahlen, und soweit er persönlich in Betracht kommt, muß es ausgesprochen werden, daß das Bild, das die Oeffentluy- keit von ihm hat, heute ein noch erfreulicheres sem würde, wenn die Parteigründung unterblieben wäre, jedenfalls gehört er zu den sympathischsten der, heutigen Politiker in Deutschland, und die Zahl derjenigen, die Naumann als Politiker geistig überragen, wird nicht gar groß sein. Zudem hat Naumann als Mensch auf verschiedenen Gebieten eine Fülle neuer Gedanken zutage gefördert, sie llar und schön vorgetragen — man kann cu,o unter allen Umständen von ihm etwas lernen. Naumanu.s Schriften verdienen allgemeine Achtung und Beachtung. Und so kann man es auch als erfteulich ansehen, daß jetzt Meyer-Ben eh eine Naumann-Anthologie herausgibt. Seme Auswahl ist gut - das Politische tE zuruck, das Ethuch- ästhetische hervor. Gerade hier weiß er viel Gutes, Ver ständiges und Beherzigenswertes zu sagen. Wer das Buch lein von A bis Z liest, der hat emen remen herzlichen Genuß und erheblichen geistigen Profit. Auch Frauen sollten ihm ihre Andacht widmen. Abstrichrätsel. (Nachdruck verboten.) Wiese, Auge, Wonne, Nasen, Soda, Zeder, Ronde, Urnen. Von jedem der vorstehenden Wörter find an beliebiger(Süll f Buchstaben zu streichen, doch so, daß die Phenblelbendcn Buchstaben Sr bilden, die im Zusammenhang gelesen ein bekanntes Spnchwort erg (Auflösung in nächster Nummer.) Auflösung des Silbenversteckrätsels in vor. Nr.r Der Erfolg entscheidet. Redaktion: August Götz.— Rotationsdruck und Verlag der Brübl'schen llnivcrfitätS-Buch- und Eteindruckerei. R. Lange, Gießen.