Nr. 17. 1903. J< si nÖS IMUmlK ■gritimil (Nachdruck verboten.) Eine verhängnisvolle Fahrt. Roman von B. M. Croker. Autorisierte Uebersetzung aus dem Englischen von Alwina Bischer. (Fortsetzung.) Fünf Minuten später hielten sie vor dem kleinen, in einer öden Schlucht gelegenen .Häuschen. Terence bog sich vom Pferd herunter und klopfte mit dem Peitschenstiel an die Tür. Zwei Stimmen wurden laut, endlich ries ein Mann in etwas ängstlichem Tone: „Wer ist da, im Namen des dreieinigen Gottes?" , „Kutscher Terence. Es tut mir unendlich lew, Sre stören zu müssen." . „Schadet nichts. Sie sind uns zu jeder Stunde willkommen", lautete die Antwort, woraus die Tür geöffnet wurde und ein Mann in Hemdärmeln mit einer brennenden Unschlittkerze in der Hand, die sein mageres Gesicht beleuchtete, erschien. „Sie sind nicht allein", fuhr er, miß- Iranisch nach dem anderen Pferde hinschauend, fort. . „Nein", erwiderte Terence, „ich habe eine Tome bei mir." „Richtig, beim Himmel!" „Ta wir Shule so rasch als möglich erreichen müssen, kamen wir über den Slievberg." „Tn meine Güte! Und die Dame auch? Bei Ihnen wundert mich's ja nicht." , „Ich möchte Sie gerne um etwas Futter für die Pferde Litten, denn sie haben eine große Leistung hinter sich, und Miß T'Arcy sollte sich inzwischen ebenfalls etwas ausruhen', sagte Terence, indem er Mauren die Hand zum Absteigen reichte irnd sie dann in die Hütte geleitete. „Tas Feuer ist beinahe ausgegangen", entschuldigte sich der Mann, „aber ich will es gleich wieder in, stand setzen. Mary komm heraus, es ist Besuch da!" rres er seinem im Nebenzimmer befindlichen Weibe zu. Eine hübsche, schwarzhaarige Frau mit einem Kinde aus dem Arm kam sosort herangeeilt. „Herzlich willkommen, Mr. Terence!" begrüßte sie ihren Gast. „Und das ist wohl Ihre junge Frau?" fügte sie, auf Maureen blickend, hinzu. „Gott segne Sie!" „Sie täuschen sich, Mary O'Hara", antwortete er mit seinem gewissen, bei ihm ungewohiiten Hochmut im Don, „wir sind einander ganz fremd. Tie junge Dame wohnt in Ballybay und wünscht aus dringenden Gründen noch heute nacht mit ihrer Schwester in Shule zusammenzu- treffen. Wagen war keiner zu bekommen, und so habe ich sie, da die Zeit drängte, über den Ziegeiipaß geführt." „Ueber den Ziegenpaß? Allmächtige Güte!" ries Mary. -/Ich bitte das gnädige Fräulein untertänigst umBerzeihuug, wegen der Freiheit, die ich mir nahm." „Nicht wahr, Sie erlauben, daß Miß T'Arcy sich an Ihr Feuer setzt, weiter bedarf es nichts. Es tut mir wirklich leid, Sie zu so später Stunde noch stören zu müssen." „Ach, sprechen Sie doch nicht davon, Mr. Terence. Ob Tag oder Nacht, wir freuen uns immer. Sie zu sehen Ich bin nur die letzte Zeit durch das Kind, das so schrecklich schwer zahnt, etwas angestrengt gewesen und habe seit drei Nächten kein Auge geschlossen. Aber nun ist das Schlimmste überstanden." „Tann legen Sie sich doch ja gleich wieder schlafen", bat Maureen eindringlich. „Wenn Sie es nicht tun, so setze ich mich vvrs Haus, und doch wäre ich so dankbar für ein warmes Plätzchen am Feuer." , „Na, dann will ich Ihrem Wunsche folgen, mein liebes Fräulein", antwortete sie freundlich, „denn ich kann wahr- Lästig kaum die Augen offen halten. Tort in dem blauen Krug ist noch ein bischen Milch und in dem gelben Tops finden Sie ein paar kalte Kartoffeln, das ist leider alles, was ich Ihnen anbieten kann, nicht ein Prischen Tee ist mehr im Haus." t Nachdem Frau O'Hara verschwunden war, trank Mau- reeu die Milch und legte ein Goldstück in den leeren Krug. Tann schälte und aferfie eine kalte Kartoffel, setzte sich, von Herzen sroh über die Rast, ans Feuer und war daraus und dran, einzuschlasen, als Terence hereinkam und die Türe leise hinter sich schloß. Er nahm die Mütze ab und setzte sich an die entgegengesetzte Seite des Herdes, während Lost sich zu Füßen seines Herrn ausstreckte. Merket sonderbare Gedanken durchfuhren Maureen. Wie seltsam! Sa, saßen sie nun allein in der kleinen Hütte, als wären ste die einzigen Bewohner dieser weltverlassenen Gebirgsschlucht, und wenn ein Fremder zum Fenster hereinsähe, so würde er. denken, es sei ihr Haus und Herd. Ta plötzlich begann Mary O'Hara nebenan halblaut eine einschmeichelnde, schwermütige Melodie zu fingen. Sie hatte eine entzückende Stimme, frisch wie die eines Waldvogels und doch weich und schmelzend. Es war ein altes irisches Wiegenlied, das Mary in ihrer Muttersprache und mit toarmer Empfindung sang. Mit an gehaltenem Atem lauschte Maureen, denn niemals, soviel Musik sie auch schon gehört hatte, war ihr etn Gesang so sehr zu Herzen gedrungen, tote dieses Wiegenlied, das eine arme irländische Bäuerrn inmitten des „Gebirges der Wilden" sang. „Wovon es toohl handeln mag? flüsterte sie ihrem Gegenüber zu, nachdem der letzte Don verhallt war. r , Won einem Kind, einer goldenen Wiege, murmelnden Bächlein, grünen Bäumen und guten Wünschen", anilvortete er leise. „Sie verstehen also irländisch?" „Ja, ich hatte eine irländische Kinderstau." Terence schien nicht zmn Sprechen aufgelegt. Er war Sitz müde oder vielleicht hungrig? Sollte ste ihm das e, was es hier im Hause gab, eine kalte Kartoffel, an- 66 Bieten? Lieber nicht. Und so saßen die Beiden einander in tiefem, aber gedankenerfülltcm Schweigen gegenüber. Man-! reen war überzeugt, daß ihr Gefährte nicht nur kein gewöhn- licher Mann, sondern auch kein gewöhnlicher Charakter sei. Aus Gründen, die er allein zu beurteilen im stände war, hatte er seinen eigentlichen Stand verleugnet. Er war ein edler, tapferer Mann von stark ausgeprägter Individualität. Und als sie ihn hier so unbeweglich tote aus Stein genteifett halb im Schatten sich gegenübersitzen sah, fühlte sie mit heimlichem Beben die Macht seiner Persönlichkeit ans sich einwirken. Tas Torsfeuer war jetzt niedergebrannt, und dieSchatten um die kleine Gruppe hatten sich vertieft. Plötzlich glitt eines der aufgeschichteten, matt glühenden Torfstücke herunter, ein Heller Lichtstrahl blitzte auf und beleuchtete den kleinen Herd, Maureen, den müden Hund und dessen Herrn. Als Maureen zu ihm hinüberblickte, sah sie seine Augen auf sich gerichtet, und eine Sekunde genügte, ihr deren Geheimnis zu enthüllen: der Eigentümer jener Augen liebte sie! Im nächsten Augenblick war alles wieder finster, aber mit der dahingeschwundenen Flamme stieg dunkle Glut in Maureens Gesicht. Stürmisch, in neuem, ungekanntem Gefühl schlug ihr Herz. War es möglich, daß diese Entdeckung sie so tief bewegen konnte? Hatte dieses ärmliche Tors-: stückchen ihr ein zukünftiges Glück verkündigt? Ta klang plötzlich eine leise Stimme beruhigend in ihre heftige Erregung. „Tie Zeit ist abgelaufen", sagte diese Stimme, „ich höre Pat.die Pferde herführen. Wir wollen ganz leise sortgeheu, damit Mary nicht erwacht." Knirschen von Lederzeug, Rasseln von Pferdegebissen ließ sich vernehmen, die Tür wurde aufgestoßen, und draußen stand Pat mit feinen Pfleglingen. Leise, wie zwei Diebe, schlichen sich die beiden Reisenden ins Freie hinaus, wo sie von ihrem Wirt mit einem herzlichen „Gott mit Ihnen!" verabschiedet wurden, und ehe stch's dieser versah, waren sie seinen nachdenklichen Blicken entschwunden. Ter letzte Teil des Weges erwies sich in der Tat als verhältnismäßig leicht, auch führte er größtenteils bergab. In strahlender Sternenpracht erglänzte der Himmel, und wie von geheimnisvollem Zauber umwoben lagen Berge und Schluchten in der klaren Mondnacht da. Terence, der, nicht gerade zur Freude seines Pferdes, den Hund vor sich auf den Sattel genommen hatte, ritt voraus. Maureen folgte ihm. Tie kühle Luft und Stille um sie her wirkten besänftigend auf ihr Gemüt; ernstlich schalt sie sich wegen ihrer törichten Gedanken in der Hütte aus. Wie konnte sie seinem Blick eine tiefere Bedeutung beimessen! Terence hatte eben hübsche, sprechende, echt irländische Augen — das war alles. Endlich bogen die Beiden in einen Von Hecken eingefaßten Weg ein, und bald darauf war das Dörfchen Shule erreicht. Zwanzig Minuten vor zwölf Uhr stiegen sie vor dem Gasthaus neben dem Bahnhof ab, wo sie von einem schläftigen Kellner empfangen wurden, der sie mit unwilligem Erstaunen musterte. Leute, die zu so später Stunde in Post- oder anderen Wagen ankamen, die konnte man sich noch gefallen lassen, aber ein hübsches Paar, das nachts zwölf Uhr zu Pferd antrabte — nein, da mußte etwas Besonders dahinter stecken. Vielleicht waren es Kunstretter, die zum Korker Jahrmarkt reiften. „Ist hier eine Dame Namens Fanshawe abgestiegen, die mit der Sechsuhrpost hier ankam?" fragte Terence. „Eine rothaarige Dame mit einem blauen Mantel und einem Herrn?" „Ja, das kann sie sein." „Na, da können Sie lange warten, wenn Sie die sprechen wollen." „Diese Dame, ihre Schwester, wünscht sogleich zu ihr geführt zu werden." „Woher soll ich wissen, daß das Ihre Schwester ist?" „Weil ich es Ihnen sage", antwortete der Herr in strengem Tone. „Ah so", erwiderte der Kellner etwas demütiger, ,chann muß ich wohl hinausgehen, sie ist in Numero 13 und trinkt Äben eine Tasse Tee." „Wenn „er" aber nun da wäre?" flüsterte Maureen, während sie dem Kellner folgten. ,Lch — ich — könnte seinen Anblick nicht ertragen." „Tas wird sich schon alles ftnben", erwiderte Terence, sie ermutigend. „Sie Wunen mit Ihrer Schwester sprechen und ihn mir überlassen." „Ist Lady Fanshawe allein?" fragte er. „Augenblicklich, ja." Noch während des Sprechens klopfte der Kdllner an und öffnete auf ein leises „Herein" die Türe, indem er sagte: ,^Hier ist sie." Und so war es in der Tat. Mit blassem, verstörtem, iuw glücklichem Gesicht saß Nita vor einer Teekanne. Niemand hätte sie in diesem Augenblick hübsch genannt. Sobald sie Maureen bemerkte, fuhr sie mtt einem Schrei in die Höhe und rief: „O, Moll, mein guter Engel! Wie konntest Tu mich hier finden?" 21. Kapitel. Für Geld und gute Worte. „Wie kamst Tu hierher, Tu mußt ja geflogen sein?" fragte Nita, schwer Atem holend, indem sie ihre Arme um Maureens Nacken schlang und sie heftig an sich drückte. „Moll, sage, was bewog Dich, zu kommen?" „Ich kam, um Dich mit mir zurüctzunehmen, liebe Nita, andernfalls bleibe ich bei Tir. Unter allen Umständen aber bin ich fest entschlossen, Dich nicht wieder zu verlassen." „Miß D'Arcy, ich werde außen warten", ertönte eine leise Stimme aus dem Hintergrund, „wenn Sie oder Lady Fanshawe meiner bedürfen, stehe ich sofort zu Ihren Tiensten." „Ter Kutscher!" rief Mta. „Wie unangenehm!" „Ja, der Kutscher! Ohne seine Hilfe hätte ich Dich niemals erreicht. Es war kein Fuhrwerk aufzutreiben, und so ritten wir über die Berge." Sie setzte sich nieder und nahm die Hand ihrer Schwester in die ihrigen. „Nicht wahr, Nita, Tu kommst sofort mtt mir zurück?" .„ ... , „Meine liebe Maureen, ich wollte, ich tonnte es — aber ich habe ja selbst die Brücke,i hinter mir abgebrochen. Sett ich nun allein hier sitze, ist es mir freilich unfaßlich, wie M) mich zu einem solchen Schritt hinreißen lassen konnte. Ter Dämon der Eifersucht hatte mich gepackt." „Erzähle mir, wie alles kam." „Tu weißt ja doch, wie böse ich auf Greville war. Bon Tag zu Tag steigerte sich mein Groll und Aerger, und als auch der dritte Tag vorüberging und kein Lebenszeichen von meinem Manne und jenem Frauenzimmer kam, und ich es mit ansehen mußte, wie die Leute lächelten und spöttelten, da hätte ich vor Wut aufschreien mögen. Meine Nerven befanden sich in einem Zustand wildester Erregung; ich malte mir allerlei schreckliche Möglichketten aus, bildete nur ein, die Leute bemttleideten mich —" sie hielt inne, utn| die aufsteigenden Tränen hinunterzuschlucken — „da kam Lovell —" fuhr sie schluchzend fort, und tvieder fetzten ihr au s und ein. mir mache." besser zu schätzen wüßten, und daß ich meine Vteoe unö Treue an einen Unwürdigen verschwende. Am vierten Tag« war ich bereits so sehr von der Richtigkeit seiner Anschau-, ungeu überzeugt, daß ich zu allem bereit war, und als es ein Uhr schlug und kein Schiff kam und ich in der Borhalls auf Mrs. Rawley stieß, die lächelnd zu mir sagte: „Wie, immer noch nicht zurückgekehrt? Ei, ei, der böse Gatte!- da geriet ich in einen wahrhaft verzweifelten Zustand«. Zum Unglück kam Lovell gerade hereingestürmt und machte mich vollends ganz toll mit seinen Reden. Schließlich verabredeten Wir, mit der Sechsuhrpost abWfahren. Unter dem Bvrwand, mich niederlegen zu wollen, sollte ich meine Sachen packen, ihm den Koffer einhändigen, einen dichter Schleier umbinden und vor einem andern Hotel in den Post-, wagen steigen. Alles glückte vortrefflich. Unser Plan ging dahin, direkt nach Paris zu reisen und dann Wetter nach Italien. Greville sollte die Scheidung einleiten und nach Llblauf von sechs Monaten tootlten wir uns heiraten, um dann für immer glücklich zu sein." „Oder auch nicht." r , „Bertie führte verschiedene ähnliche, glücklich zu Ende gebrachte Fälle an. Er sagte, wie kurz das Leben sei, tote rasch Jugend und Schönheit entfliehen, und daß ich meine besten Tage einem Manne opfere, der sich nichts mehr aus die Worte. , r „Und er natürlich bemitleidete Tietz . „Ja, und er schrieb mir reizende kleine Briefchen, um mich zu trösten, tote er sagte, dann wieder kam er selbst und sprach stundenlang so llug und überzeugend auf mich ein und setzte Greville in ein solch ungünstiges Licht, bis mir der Kopf schwindelte und ich nicht mchr wußte, too ■ Er sagte, daß andere Leute memen Wert m wüßten, und daß ich meine Liebe und 67 „Ach Rita, aber so etwas glaubtest Tu doch Hoffentlich Ächt?" „Ich begann, mir auszumalen, was für Gefühle Greville wähl bewegen würden, wenn er bei seiner Rückkehr entdeckte, daß ich seinem Beispiel gefolgt und mich davongemacht, wie groß sein Erstaunen, sein Schrecken, seine Demütigung sein würden. Der Wunsch, chn für den mir angetanen Kummer zu strafen, war der eigentliche Grund, der mich zu dem Ver- 8Weiselten Schritte trieb, denn niemals! hatte rch etwas wie Liebe für Lovell empfunden. Ter verlockende Gedanke an eine Wiedervergeltung lieh mich alle Vernunft beiseite fetzen." „Und wegen eines solch törichten Gedankens warst Du im Begriff, Tein ganzes Lebensglück zu zerstören?" ,Lch war immer nur zu leicht geneigt, das Kind mit dem Bade auMlschütten, das wirst Tu nachgerade auch bemerkt haben. Wir fuhren also ab, aber schon ehe die bekannte Brücke hinter mir lag, regte sich ein Gefühl der Reue in mir. Bon meinem schuldbeladenen Gewissen gequält, war es mir, als ob die Leute mich erkennen und sich von mir abwenden würden, und Lovells Liebeswerbung Erschien mir plötzlich wie gehaltloses Zuckerwerk, vor dem mir ekelte. Tie Folge davon war, daß ich ihm höchst unhöfliche, gereizte Antworten gab, und als wir endlich hier anlängten, hatten wir uns bereits so gründlich entzweit, daß wir jetzt in Mei verschiedenen Zimmern sitzen. Ich bat ihn, mich einige Stunden mir selbst zu überlassen, da ich unsere Lage genau überdenken müsse." „Ja, ehe Tu Dich ganz ins Verderben stürztest." „Und dieses Nachdenken hat mich ganz elend gemacht. Jenes Frauenzimmer und die abscheulichen Skelligs find an aUem schuld. Nach einen Schritt weiter, und ich bin natürlich verloren, dessen bin ich mir klar, denn ich kenne Greville zur Genüge, um zu wissen, daß ich ihm dann niemals wieder unter die Augen treten dürste, und auch die meisten meiner Werwandten werden den Stab über mich brechen. Wenn ich jedoch zurückgehe--" „Ta giebt es kein wenn, denn Tu wirst unter allen Um- ständen zurückgehen." „Wenn ich zurückgehe", fuhr Nita, ohne auf Maureens Einwurf M achten, fort, „so bin ich nicht weniger verloren, denn ich schrieb einen unsinnigen, aufgeregten Bries, den ich möglichst auffällig aus den Kaminsims legte, sodaß Greville ihn sofort finden muß. Wenn er ihn liest, so wird !er--" der Schluß des' Satzes verlor sich in verzweifeltem Schluchzen. „So müssen wir uns also so rasch als möglich aus den Weg machen, um vor ihm in Ballybay anzukommen. Bon unserer rechtzeitigen Ankunft hängt jetzt alles ab. Ich erhielt ein Telegramm, worin es heißt, daß er und Mrs. Tuckitt morgen um zwölf Uhr einzutreffen hoffen. Es ist also kein Zweifel, daß wir als Sieger aus diesem Wettlauf hervorgehen werden." „Ja, ein Wettlauf, dessen Preis- mein Glück — und mein guter Ruf ist." (Fortsetzung folgt.) Weil er ihr vergeben hat. Von Manoel de Gr and fort. Autorisierte Uebersetzung aus dem Französischen von Margarethe London. (Nachdruck verboten.) Germaine von Daret, 28 Fahr. — Luise Dramard, 30 Jahr. Vormittags im Ankleidezimmer Luisens, die vor einem Spiegel sitzt und ihr Haar in einem sehr kleidsamen Frisiermantel kokett arrangiert. — Die Möbel sind von eleganter Einfachheit, aber ohne jede künstlerische eigene Rote. Germaine (kommt lärmend herein): - Da bin ich Outen Tag! Luise (dreht sich erschreckt um): WaS? Du? Na, weißt Du, ich bin ordentlich zusammengefahren! — Setz Dich doch: — Geht Dir's gut? — Germaine (erMungen ruhig): Sehr gut, sogar! Luise: Wie sprichst Du denn? Du siehst auch so sonderbar aus! Ist Mr irgend etwas passiert? — Germaine: Ja. . . . Luise: Was also? Natürlich Unangenehines? 3 Germaine: Das ist eigentlich Auffassungssache. . Luise: Sprich doch schon! Ich bitte Mch, was ist Venn los? Germaine (zögernd): Ich habe ... ich bin . . . Luise: Was hast Du, was bist Du? Germaine (herausplatzend): Meinem Mann bin ich mvongelaufen! Weiter nichts, daß Du's nur weißt. Luise (ausstehend): Was? Höre ich recht? Deinem Mann bist Du davongelaufen? Das heißt, (sich verbessernd) Tu hast ihn verlassen? Das ist doch nicht denkbar? So verrückt kannst Du doch nicht sein? Germaine: Verrückt bin ich nun gerade gar nicht, und doch, doch, doch habe ich ihn verlassen! Was überrascht Dich denn so? Bin ich vielleicht die erste Frau, die das tut? Luise: Noch kann ich's nicht fassen, ich bin ganz bestürzt! Wer warum? Germaine (nimmt ihren Hut ab und stößt wütend ihre beiden goldenen Hutnadeln durch den Kelch einer Rose): Gründe habe ich wohl genug dazu und triftige! Freilich aber nur besonders feinfühlige Seelen können die nach- fühleu! .... Luise (lächelnd): Na, zählst Mr mich dazu? Germaine: Wäre ich sonst vielleicht hier? Luise: Das ist richtig; aber mein Gott, was ist denn wieder bei Euch vorgefallen? Gerade ward Ihr von neuem so gute Freunde geworden. Ich bewunderte Euch wirklich alle Beide. Dein Armand benahm sich so zärtlich gegen Mch! Germaine (ironisch): Du brauchst das passende Wort: so zärtlich! Luise I Und jetzt, wo Deine ganze Ehe just wieder in Ordnung gebracht war, soll sie aus einmal von neuem in die Brüche gehen? Germaine: Allerdings. Luise: Handelt es sich noch immer um . . . Max? Germaine: Ja und — nein. — Luise (neugierig): Hast Du ihn etwa wiedergesehen? Oder hast Du Mch nochmals mit ihm überraschen lassen? Germaine (die Achsel zuckend): Ach Gott, ich weis nicht einmal, >vas aus dem geworden ist! Luise: Na, also .... Germaine: Gewiß, also!! Tatsache ist, daß ich die Lage, in die ich versetzt bin, nicht länger aushalte. Denkst Du Dir vielleicht die Situation einer Frau, der ihr Mann alles vergeben hat, angenehm. Luise: Da nun doch alles vorbei ivar, da Jyr das gemeinsame Leben wieder aufgenommen hattet! — Außerdem blieb doch auch Dein Ruf noch gewahrt! Germaine (gereizt): Mein Ruf? Auch ein schönes Wort! Soll man gleich entehrt sein, wenn man mal einen Liebhaber hatte? Dann will ich mal die Dame in unserem Kreise sehen, die noch Ehre hat! Noch dazu in Paris, diesem Lügennest! Luise: Da es aber ohne Skandal ab gegangen war. Germaine: Skandal? Macht den nicht alle Welt heutzutage? Skandal giebts so viel, daß der von mögen den von gestern abend überschreit! Entsinnst Du Trch noch auf den Skandal von voriger Woche? Es ist damrt gerade so wie mit den Namen der 40 Akademiker. Feder wers, es sind wirklich 40, aber niemand ist im stände, sre aufzuzählen. . . , . Luise: Das ist sogar wahr; einmal wußte rch zwer davon, und dann habe ich sie glücklich auch wieder Germaine: Siehst Du? Ach, wenn blos Mama die Sachlage so erfaßte, wie Du! Luise: Hast Du Deine Mutter schon gesprochen? Germaine: Natürlich, das mußte doch geschehen! Wohin sollte ich gehen! Ich bin also bet rhr nnt der Tür ins Haus gefallen! Ich sage Mr, erneu roten Kopf frcfcntt fic! Luise: Versetze Dich doch in ihre Lage! Sie glaubte Tich gut versorgt, und nun fällst Tu ihr wreder auf dte Germaine: Deshalb seid ganz beruhigt! Lange werde ich ihr nicht lästig sein! Wenn erst meine Scheidung "u^Luise: Jnisper' Tat, Du willst Dich allen Ernstes scheidmfassen. Mibt mir sonst übrig? Ich bin einmal nicht die Frau, die lange Strohwitwe setn kann. Dazu kenne ich mich zu gut! Der Zustand entsprecht nicht meinem Temperament! Natürlich werde ich mich 68 wieder verheiraten! Ohne blendend schön zu fein, bin ich wirklich gar nicht abstoßend. Gottlob übe ich auf das andere Geschlecht die nötige Anziehungskraft, . . . also können mir die Partien nicht fehlen! Darum habe ich gar keine Sorge! Die Sache macht sich leicht! Du wirst's schon sehen! Luise (träumerisch): Vielleicht könntest Du sogar Max heiraten, denn eigentlich ist er doch die Ursache. . . Germaine: Was Max? Um Gotteswillen, nur den nicht! — Wenn ich alle Schiffe hinter mir verbrenne, will ich einen nagelneuen Ehemann, einen, der nichts iveis, und Vertrauen in mich setzt! Wenigstens kann er mich dann nicht gleich so gräßlich quälen! Luise (überrascht): Was meinst Du denn damit: er kann Dich nicht so quälen? Germaine: Ich meine, daß die Reue nicht alle Augenblicke unb ohne allen Grund immer auf die Vergangenheit zurückkommen wird! — Luise: Nun verstehe ich Dich! Also,- Armand, der doch die Verzeihung bewilligt hatte. ... Germaine: Die Verzeihung bewilligt! Wer das ist es ja gerade, dieses gezwungene Verzeihen, dieses Verzeihen, von dem Ihr alle so viel hermacht, das mir dies gräßliche, unerträgliche Dasein bereitet hat! Diese Verzeihung läßt mich aus dem Hause fliehen, hätte mich noch wahnsinnig gemacht, wenn ich dort geblieben wäre! Die Verzeihung eines Mannes!! Na, weißt Du, offen gesagt, mir wäre ein ordentlicher fester Messerstich lieber gewesen, als diese blasse, waschlappige Verzeihung! Luise: Wer schließlich . . . dennoch . . . Germaine (sehr aufgeregt): Sag mal, hälft Tu es für urgemütlich, immer neben einem Manne herzuleben, der sich genügend in der Gewalt hat, um sich nie, nie gehen zu lassen, trotzdem man ihm übel genug mitgespielt hat? Sich sagen zu müssen, daß da alles Maske sein muß, seine Heiterkeit, seine Güte, seine Aufmerksam- teiten, sogar seine Nachsicht, daß er bestimmt nichts vergessen hat, daß er fortwährend an alles denkt, was ich ihm angetan habe, daß er sich vom Morgen bis zum Meud Wie ein Halbgott vorkommt, den ich mit demütigem, dankbarem Herzen anbeten müßte! Ach, was habe ich darunter gelitten! Jede Sekunde, bei jedem Atemzug! Immer von neuem überkam mich mächtig dieses auflehnende Gefühl, während seine edelmütige Verzeihung sanft wie eine warme Douche auf mich herabregnete! — Wenn ich dann wirklich mal lustig !var, wenn ich mal lachte, fühlte ich förmlich, wie es innerlich großmütig in ihm sprach: „Lach' Du nur ruhig, armes, irregeleitetes Weib, Du darfst vergessen, Tein Gewissen ist durch meine Verzeihung entlastet; sei fröhlich, denn Dir ist alles vergeben." — Und ebenso, wenn ich mir ein neues Kleid anzog> ja sogar, wenn mir das Essen schmeckte, lächelte er mir in einer Weise zu, die mir den Bissen im Munde quellen ließ: „Iß nur getrost, ich erlaube es, denn kraft meiner Vergebung kannst Du Dich weiter an diesem Tische nähren, auf diesen Sesseln ruhen, in dieser prachtvollen Villa wohnen und in Deinem Seidenbette schlafen. Denn ach, was hätte aus Dir ohne diese großherzige Vergebung werden sollen?" — Nun laß' Dir sagen, davon hatte ich noch gerade genug! Es wurde mir zu viel, ich will nicht länger diese öde Verzeihung genießen! — Es ist wahr, ich hatte einen Geliebten. Wenn das auch nicht gerade tugendhaft gehandelt war, so stirbt man doch nicht gleich an den Gewissensbissen. Aber meines Mannes Mitleid, seine Nachsicht für das, ivas er „meine Schwächen" nennt, halte ich nicht mehr aus! Ach, diese zärtlichen Micke, die feuchten Augen, den traurig verzogenen Mund, der glaubte, sich zum Lächeln zwingen zu müssen. Ich war nachgerade zur Mär- threrin geworden, ja, teure Luise, zur Märtyrerin seiner Verzeihung. Mag er sie doch zurücknehmen, diese AnA- schußverzeihung, jene Vergebung, die gar nicht richtig bergt ebt, die sich vielmehr zu einem grausamen Marterinstrument für mich gestaltete! Ja, wäre ich eine von den Gefühllosen, die nichts rührt, oder eine Leichtsinnige, die sich nur an der Oberfläche der Dinge hält, vielleicht hätte ich da noch einmal glücklich werden können, denn, wenn ich gerecht sein will, muß ich anerkennen, daß Armand auch seine guten Seiten hat. — Unglücklicherweise, sowohl für ihn, als auch für mich, bin ich aber eine intelligente, ja stark geistige, eingebungsreiche Natur, der so leicht nichts entgeht, deren Augen bis auf den Herzensgrund der anderen schauen, und die von allem empfindlich berührt wird, und sei eS1 auch nur ein Blick, einej Redensart oder eine Handbewegung! Schlimm, schlimm/ daß ich gar so zart besaitet bin, denn aus diesen Quellen entspringt mein heutiger Entschluß. Luise: Jetzt verstehe ich Dich wohl, meine Teuerste! Dein Mann ließ es an dem nötigen Zartsinn fehlen/ auch Dich vergessen zu machen. . . . Germaine (sie lebhaft unterbrechend): Du hast's erfaßt, liebste Freundin! Er hat es eben nicht verstanden, auch mich vergessen zu machen! — Wie Du das aber auch nachempfunden hast, ist einfach bewunderungswürdig! — Da sieht man die Herzens- unb Verstandesüberlegenheit der Frauen über die Männer! Wie viel feinfühliger sind wir doch! Und dabei möchten sie noch unsere Herren spielen! Unsere Herren! (bricht in bitteres Lachen aus) Hörst Du, Luise, unsere Herren!! Luise: Wegzuleugnen ist es doch nicht, daß sie das noch immer einbilden! Germaine: Solche überlebte Sachen! — Na, solange ihnen das noch jemand glaubt, steht es ihnen ja frei/ es noch immer mit dem Brustton der Ueberzeugung zu erklären. Die Hauptsache ist und bleibt dabei doch immer: Daß wir Frauen es' besser wissen, wie es in Wirklichkeit damit steht! > Ein Straßentelephon, der neben sonstigen Vorzügen die Eigenschaft besitzt, wasser-i dicht und wetterfest zu sein, ist von dem Mechaniker Herrn. Bauer in Gießen in Vertrieb gebracht worden. Diese Ein-i richtung begegnet einem Bedürfnisse für Aerztewohnungen/ Villen, Bergwerke, Schießstände, Fabrrken, Brauereien usw., und ist auch als Feuermelder zu verwenden Tas Telephon ermöglicht direktes Sprechen von der Straße nach den Wohnungen, erspart somit Wege und unnützes Türöfsnen. Ist die Gartentür mit elektrischem Türösfner versehen, so genügt ein Truck auf den Knopf, um dem willkommenen Besucher zu öffnen. Ter nachts oft wegen Kleinigkeiten gerufene Arzt kann sich mündlich vom Bett ans verständigen und Am« Weisungen geben, ohne aufzustehen. Ter Apparat kann an jedem Hauseingange oder Türpfeiler angebracht werden, ohne Storung zu verursachen. Auf den Fingerdruck des Anrufers am Straßenapparat ertönt im Hause eine Glocke; der Angernfene hebt den kombinierten Hör- und Sprechapparat vom Haken, wodurch sowohl der Hörer und Sprecher/ wie das Lichtsignal am Straßenapparat eingeschaltet wird/ und das Gespräch kann beginnen. 2er Straßenapparat hat zwei Schallöcher, eins zum Hören und eins zum Sprechen; die Apparate sprechen so laut, daß jedes Gespräch selbst bei Straßengeräusch gehört wird. Ist das Gespräch beendet/ hängt der Angerufene den Apparat an den Ausschalthaken/ womit das Lichtsignal auf der Straße erlischt und Hörer und Sprecher: am Straßenapparat ausgeschaltet sind. Preisrätsel.*) Kleeblatträtsel. (Nachdruck verboten.) Jedes Kleeblatt dreigestielt Trägt der Blättchen drei. Nun erwäg's und übcrleg's, Was die Deutung sei. Die neun Köpfe "künden dann Ein berühmtes Tonwcrk an. I. Drückt dich's, trag' es mit Geduld, Leichter wird's im Nu. Aend're Kopf und Ende: such' ES in Wüsten du. Aend're wiederum das Haupt: Es zu töten ist erlaubt. II. Hin durch Deutschlands schöne Gau'n Zieht's, ein blinkend Band. Umgestcllt und noch ein Kopf, Hüllt es ein das Land. Aend're Kopf und Fuß daran: Seelen hebt es himmelan. III. Zwischen Feldern ist'S zu seh'», Allen wohlbekannt. Unigestellt, in Asten Nennt es dir ein Land. Umgestellt, vertauscht ein Laut: Der ist's, der aus Zufall baut. *) Lösung«« sind mit Aufschrift: „PreiSrätsel-Lösung" versehen innerhalb acht Tagen an die Redaktion der „®i«ß«n«8 Farnirrenblätler" einzusenden. Auflösung des Arithmognphs in vor. Nr.r Klopstock; KokoS, Koks, Kost, Lotto, Post, Stolp. Redaktion: Curt Plato. — Rotationsdruck und Verlag der Brühl'schen Universitäts-Buch« und Sieindruckerei (Pietsch Erben) in Gieß«.