Wr. 145. E ibJfaiffi1 M ■fi ' 1 WMM WWW (Nachdruck verboten.) Jas WmNtztii am dn Stetig«. Von B. W. Howard. (Fortsetzung.) Als die Fremden nach Plouvenec zurücksegelten. sangen die Seeleute und die jungen Mädchen lustige Volksweisen, die Hamor, am Mast lehnend, leise mitsummte. „Tas war ein ereignisreicher Tag", sagte Hamor, als sie sich dem Ufer von Plouvenec näherten und Meer und Himmel im fahlen Lichte eines stürmischen Sonnenuntergangs schimmerten. „Gewiß", in jeder Beziehung", bestätigte Staunton. „Ich sagte Thymert, ehe wir fortgingen, ich wolle ihm fiir seine Kapelle ein Bild malen. Da sah er mich seltsam an und schwieg dazu. Ich verstand sein Schweigen sehr wohl und beeilte mich, ihm zu versichern, daß dieser Entschluß schon am Morgen während der Messe in mir entstanden sei. Als er die Ueberzeugung gewonnen, daß ich ihm das Bild nicht als Entschädigung fiir meine Missetat anbot ,ivar er’§ zufrieden. „Was möchten Sie ivohl haben?" fragte ich ihn. „Einen Christus für meine Pfarrkinder, den habe ich schon lange gewünscht." „Wie aber soll ich ihn darstellen? Etwa die Kinder segnend-, oder über das Meer wandelnd?" „Nein", sagte er mit seltsamem Aufblick, „es ist uns leicht und lieb die Kinder zu segnen, und' über das Meer können wir beinahe selber gehen. Mer das Leiden Christi anzuschauen, wäre sehr heilsam für uns, deshalb möchte ich eine Kreuzigung haben, und stellen Sie das Ganze so schmerzlich und schrecklich dar wie möglich." Ich hab's ihm zugesagt, aber ich werde wohl nach Antwerpen reisen müssen, um es ihm schauerlich genug zu malen", schloß Hamor mit feinem Lächeln, Staunton schüttelte gedankenvoll das Haupt und blickte unverwandt zurück, dahin, wo die neun Inseln int Nebel versanken. Nus weiter Ferne drang noch ein schwacher Lichtschein des Lenchttnrms von Penftet zu ihnen herüber. 10. Kapitel. Ter Pfarrer der Lannions fand heute keine Ruhe auf seinen Inseln. Er saß in dem kleinen Studierzimmer und- Versuchte einen Brief an seinen verehrten Bischof abzufassen. Briesschreiben war nie eine Lieblingsbeschäftigung Thymerts, selbst nicht unter den günstigsten Verhältnissen, und heute hatte er mit mehr Schwierigkeiten zu kämpfen, denn je zuvor. Durch das schmale Fenster konnte er eben noch die kleinen Wellen sehen, die im Sonnenlicht tanzten, und über sie hinweg schweifte sein Blick nach dem Festland, es war ein banger, sorgenvoller Blick. Unmutig stieß er den Stuhl zurück. Hier an diesem Tische hatten sie gesessen, erst gestern, und doch schien zwischen jenem gestern und heute eine weite Kluft. Noch tönten dem Pfarrer die Worte lm Ohr, die er vernommen. Sie schmerzten ihn noch immer, diese Worte. Hastig trat er über die Schwelle. Ein starker Wind blies landeinwärts und fegte durch das pärliche Gras auf den Gräbern der ertrunkenen Seeleute. Lines der Kreuze war umgefallen. Thymert ging hinaus und befestigte es wieder. „Für den letzten armen Burschen muß ich auch noch- ein Kreuz errichten. Der Kommandant wollte ihm ein steinernes setzen lassen, aber das konnte die andern kränken, die nur hölzerne haben." Er blickte wie schützend über die traurige Reihe der füllen Schläfer. „Ter Bischof muß warten", überlegte er dann weiter. „Ich kann heute nicht in jenem Zimmer, mt jenem Tische sitzen und schreiben. Der Bischof selbst würde das nicht verlangen." So machte denn der Pfarrer die Rundfahrt durch fernen Sprengel. Sein leichtes Boot trug ihn zuerst nach Penftet hinüber. Auf dem Leuchtturm war alles in bester Ordnung. Auch auf dem kleinen Fort auf der Cigogne fühlten sich alle wohl und zufrieden. Wohin er kam, hörte er nur freundliche Griiße und Segenswünsche. Sollte er nun nach Plouvenec hinüberfahren, nur nm vielleicht dem alten Jaques den erbetenen Schnupftabak zu bringen? Aber wozu nach Entschuldigungen suchen, die alle nicht stichhaltig sind? Warum noch zögern? Sein gebräuntes junges Gesicht ward über und über rot. „Ich wrll hingehen, weil es mir ein Bedürfnis ist", hier warf er trotzig den Kopf zurück, „und weil mir Barbara aufgetragen, über ihre Kinder zu wachen. Gewiß braucht mich die kleine Guenn! Darum kann ich nicht arbeiten, nicht schreiben, darum dreht sich mein Kopf wie ein Kreisel. Es liegt etwas in der Luft, im Seewind, in meinem Gemüt, das mir keine Ruhe läßt, das mich -gehen heißt. Ist das nicht ein sichtliches Zeichen — und von wem konnnen uns solche Zeichen, wenn nicht vom Himmel? Ich will zu Guenn. Guenn braucht itticl)/' Er rief den kleinen Erec und lichtete die Segel für Ploudenec. „ Ein paar Stunden später im Dorfe angekommen, traf er am Strande und auf der Schiffswerft überall auf gute alte Bekannte, mit denen er sonst wohl ein freies Stündchen verplaudert haben würde; heute aber rief ihn eine andere Pflicht! Sie waren rauh- und wettergebräunt, diese Seeleute, sie tranken zu viel, sie schworen, sie fluchten — aber noch nie hatte er von ihnen, selbst nicht in trunkenem Mitte, eiir verletzendes Wort über ein unschuldiges Mädchen gehört. Nein — nur die gebildeten, glattzüngigen Fr ein d- linge waren dieser Schändlichkeit fähig. Höher schlng DhY- merts Herz bei diesem Gedanken, fast triumphierend schritt er dahin. „„ v v . Thymerts braunes Gesicht, sein tvarmes Lächeln, feine dunklen, gütigen Augen sah man unter dem breiten Hut hervor, ihm widerstand teilt er. Selbst ohne seine persönliche Anziehungskraft würden die Tatsachen aus seinem Leben beredt -genug für ihn zu den Herzen semer Fischer gesprochen haben. Persönlicher Mut, Selbstaufopferung, Ö78 unermüdliche Güte und Freundlichkeit sind Eigenschaften, die auch auf das roheste Gemüt ihre Wirkung nicht verfehlen. In Plouvenec galten Mut und Unerschrockenheit viel und deckten die Menge der Sünden zu: den meisten Seeleuten fehlte es dort weder an Mut noch an Sünden. Thymert war wie geschaffen zum Volksführer. Hätte er tausend Jahre früher gelebt, seine kühne Phantasie, seine Liebe zur See, sein hoher Sinn würden ihn an der Spitze seines Stainmes hinausgetrieben haben, um sagenhafte, glückliche Gefilde zu suche«; Barden hätten seine Heldentaten in Gesängen gefeiert, die noch nach Jahrhunderten in keltischen Klöstern erklungen wären. Im ganzen Lauf der Geschichte der Bretagne konnte man sich Thymert leicht in jeder hervorragenden Rolle denken, nur durfte man ihn nicht aus seinem heimatlichen Boden verpflanzen. Hier Untre er stets sicher gewesen, eine Gefolgschaft, treue Anhänger zu finden. Tem wackeren Priester strahlte sogar bei dem einfachsten Gruß, ihm selbst unbewußt, das Feuer seines Wesens, Liebesglut, tzeldenkrafi, heiliger Zorn, aus den Augen; Licht und Wärme schienen seiner Spur zu folgen, wohin er kam. Die Leute von Plouvenec liebten ihn, jeder freute sich, dem er begegnete; die kleine Welt, in der er lebte, schien ihnen eine weit bessere, glücklichere zu sein. Stellten sich doch die meisten unter ihnen einen Engel der Barmherzigkeit nicht als ein überirdisches Wesen mit wallenden weißen Gewändern und goldenen Fittigen vor, sondern als einen sonnengebräunten Priester in alter, abgetragener Soutane. Zum erstenmale vielleicht in seinem Leben erging sich Thymert heute in Betrachtungen über die Gemütsart seiner Landsleute. Wer so befriedigend sein Urteil auch ausfallen mochte, er fragte dennoch keinen von ihnen nach Guenn Rodellec, wie er es gestern noch ruhig getan haben würde, gestern — ehe die Fremden kamen. Heute schien ihm, als müsse er eine Frau nach ihr fragen, und! welche Frau war wohl so klug und verständig wie Madame in den Voyageurs? Guenns Name war schon viel zu viel im Munde der Männer gewesen; auch nicht mit den braven Schiffern, die -doch das Leben für sie gelassen hätten, konnte er heute von dem kleinen Mädchen sprechen. Er fand Madame in ihrer Vorratskammer, wo sie eifrig beschäftigt war, Mnterbirnen abzuwischen unb' in Seiden- paprer zu wickeln. Er bat sie, sich nicht stören zu lassen, und blieb neben ihr stehen, aufmerksam allen Bewegungen ihrer sicheren, fleißigen Hände folgend. Prüfend blickte sie von Zeit zu Zeit von ihrer Arbeit zu ihm auf. „Es ist so still hier, Madame", begann Thymert endlich seufzend. „Weil man hier die See nicht hört, monsieur le rec- teur", erwiderte sie gleichmütig. »Ihr Haus ist gut besucht, das Geschäft blüht und gedeiht, nicht wahr, Madame?" „Ja; zwar die Sommergäste sind fast alle fort, aber wir haben noch die Künstler zum Winteraufenthalt und die Geschäftsreisenden. Ich bin recht zufrieden mit der Saison." „Sind das dieselben Künstler, die gestern auf den Lannious waren?" „Jawohl, monsieur le recteur," Er stand noch immer auf demselben Fleck und schaute ihr zu. „Es ist so still hier", kam es endlich abermals von feinen Appen. Sie lächelte fast unmerklich. „Sie finden diese Künstler angenehm?" fragte er weiter, eine gewisse Erregung zitterte in ferner Stimme. „Freilich, monsieur le recteur. Unsere Künstler hier sind alle fleißige, liebenswürdige Menschen." „Ja, liebenswürdig schon, — aber es find doch- Fremde", sagte er mit gerunzelter Stirn. „Aha, jetzt kommt's", dachte Madame, mechanisch ihre Papiere glättend. »Wissen Sie vielleicht, wo Herds Rodellec zu finden ist?" Madame deutete schweigend hinaus auf den Quai. Sofort stieg vor seinem Geiste der kleine Branntweinlaben aus, die Nacht des großen Fischfangs, der Lärm, die Menschen, und dazwischen Hamor, Rodellec und die kleine zarte Mädchengestalt, die sich hindurchdrängte. — Wie hatten doch die Fremden gesagt? „Nacht für Nacht unter den rohen Seeleuten?" „Es läßt sich nicht viel mit ihm anfangen", bemerkte Madame milde „Nein —" "Aber Guenn ist ein so gutes Kind." „Wissen Sie vielleicht, wo ich! Guenn suchen kann?'< kam es nach langer Pause fast schüchtern von seinen Lippen. „Boyons", iiberlegte Madame", „heut ist Montag, also hat sie bei der Fischverpackung nichts zu tun, so totrb- sie wohl drunten an der dritten Bucht sein, ich sah sie vorhin mit Nannic und Jeaune zum Strande hinab gehen. Dort würden Sie sie also sicher finden, monfienr le recteur." „Ich danke Ihnen", sagte Thymert einfach. Tie Spannung war jetzt von ihm gewichen, er war froh, daß er die Frau aufgesucht hatte, es lag etwas so Beruhigendes in ihrem Wesen, in der Sicherheit ihrer Bewegungen. „Sehen Sie Guenn jeden Tag, Madame?" „Beinahe; es ist hier in den Voyageurs nicht schwer, zu wissen, wo die Leute sich aufhalten, und besonders Guenn." „Warum?" „Weil die Kleine so hübsch ist, daß man sie nicht ver- wißt; weil man sie überall hört und sieht, weil sie die! Geschickteste bei der Arbeit, die Fröhlichste beim Spiel ist, weil sie so viel reizender ist als die andern Mädchen, und wohl ein Dutzend von ihnen aufwiegt." In Thymerts Augen schimmerte ein dankbarer, freudiger Glanz. Zögernd fuhr er fort: „Es muß doch zu Haus sehr einsam für das Kind sein." Madame lächelte. „Sie ist so selten daheim, monsieur le recteur." Nach abermaliger Pause hob er stockend an: „Könnten Sie nicht, Madame — wenn sie gar so viel herumläuft —i möchten Sie sie nicht vielleicht hier im Hause beschäftigen, es — es ist so ruhig und friedlich bei Ihnen." „Die Voyageurs sind kein guter Ort für junge Mädchen", lehnte sie freundlich ab, „es ist lange nicht so ruhig als Sie wohl denken. Tie Fremden verderben mir die Mädchen. Gibt es etwas Eitleres und Hohleres als Marguerite? Vor zwei Jahren noch war sie gentil'e. Ich brauche sie für das Cafe, sie ist ein tüchtiges Schenk- mädcheu, hat aber weder Kopf noch! Herz. Meine Nichte aber, monsieur le recteur, möchte ich! nicht hier haben, und Guenn Rodellec ebensowenig. Ich könnte die Mädchen doch picht intimer bei mit behalten, sie wären mindestens ebensoviel bei beit Fremden, und die sind wohl liebenswürdig, aber unsere Mädchen sind am besten bei ihresgleichen aufgehoben." Thvmert machte eine ungläubige, abweisende Bewegung: lächelnd beobachtete ihn die erfahrene Frau. MH freundlicher Gönnernnene und kaum merklichem Spott —: in diesem Augenblick sah sie in ihm nicht den Priester, sondern nur den jungen Mann — fuhr sie dann fort: „Glauben Sie mir, monsieur le recteur, eine rauche Nacht drunten an der Bucht ist weit ungefährlicher für die Mädchen als ein Mittagsmahl in den Voyageurs, wo die Fremden ihnen zulächeln, wenn sie den Suppenteller nehmen, leise flüsternd Wein bestellen, und sich beim Kaffee nach dem Schnitt ihrer Häubchen und unseren verschiedeiten Trachten erkundigen. Die Fremdlinge haben weiche, verführerische Stimmten, und ohne daß sie Böses beabsichtigen/ fchaden fie den jungen, törichten Dingern, die nicht begreifen wollen, daß solche Worte, solche Blicke nicht für sie sind, und mit Entzücken soviel wie'möglich von dem Gift lennfäugen. Tie jungen Herren freilich, streuen ihre gefährliche, abgenutzte Münze aus, ohne Rene zu empfinden. Es ist sehr unrecht, aber so ist halt das Leben!" Thymert stand gedrückt, unentschlossen und ^ängstlich vor ihr; Zweifel unb Bestürzung malten sich bei ihrer Rebe, in seinen Zügen. ' , „Tu armer, junger Pfarrer Du", dachte Madame int Stillen, „Tu hast auch ein zu großes Herz, und der Weg, den Du gehen sollst, erscheint Dir. dunkel! — „Voyons", fuhr sie ermutigend fort und sah ihm mit durchdringendem Blick in die Augen, „unsere Mädchen sind gute brave Kinder und schließlich bin ich ja auch noch da, nm nach dem Rechten zu sehen. Früher oder später gehen die Fremden fort und bis Sahin halte ich die Augen offen." Thymert fühlte ein unbegrenztes Vertrauen in ihre Macht unb Stärke. Aber freilich Madame hätte ja die Fremden nicht auf den Lanuions sprechen gehört. „Guten Morgen, Madame", sagte er mit plötzlichem Entschluß, „ich danke Ihnen für Ihre Freundlichkeit; ich bist froh, mit Ihnen gesprochen zu haben." „Bitte, Litte, monsieur le. recteur"- versetzte sie höflich. 579 „es ist immer eine Ehre, für die Voyageurs Ihren Besuch zu empfangen." Eilenden Schrittes ging er hinab nach der dritten Buchst, wo er Guenn, Jeanne und Nannte richtig auf den Klippen kauernd fand. Sie vergnügten sich gerade mit spöttischen Bemerkungen Wer ein paar badelustige Engländer, die, da ds Ebbezeit war, in ihren gestreiften Anzügen weit hinaus durch den nassen Sand waten mußten, um das ferne, schimmernde Wasser zu erreichen. Mit geröteten Wangen und glückselig strahlenden Augen lagerte Guenn in allen nur erdenklichen Stellungen auf ihrem Beobachterposten; .aber wie nachlässig sie auch hingeworfen war, die kleinen Hände arbeiteten dabei rastlos an dem unvermeidlichen Strickstrumpf, der ganz unzertrennlich schien von jedem Mädchen tu Plouvenee. Gueun strickte und lachte dazu ihr herzliches, sorgloses Lachen; unter ihrem weißen Häubchen ckchaute ein Gesicht voll Gesundheit, Uebermut und .Schalkhaftigkeit hervor. Herausfordernd blickte fie jedem sich Nahenden entgegen, als sie aber Thymert von den Lannions erkannte, schwand ihr trotziger Ausdruck. Sie erhob sich eilfertig und begrüßte ihn bescheiden und anmutig, wie es sich für ein sittsames Mädchen geziemte. „Sie will nicht — aber sie will" -— rief Nannies schrille Stimme, dabei rannte er mit Jeanne zur Bucht hinab. Guenn schaute dem verkrüppelten Kinde mit der nach- fichtigsten Liebe nach. „Wer will nicht?" fragte Thymert. Sie, Guenn." „Aber Nannie, bist Du immer so weise?" fragte Thymert lachend. „Wenn's sich um mich handelt, immer", versetzte Guenn mit Ueberzeugung. >,Jch bin froh. Dich hier zu finden, Guenn", begann der Pfarrer in unsicherem Ton, „ich kam eigentlich nur, um Mit Dir zu sprechen." „Das ist sehr gütig von Ihnen, monsieur le rectenr", versetzte Guenn hoch erfreut und sah ihm offen und freundlich ins Gesicht. (Fortsetzung folgt.) Eine Rheinreise in der Schweiz. Wenn von einer Rheinreise geredet wird, so versteht man allgemein darunter ein Befahren des Rheines zwischen Köln und Mainz auf den Personendampfern, einer Strecke Von 86 Kilometer, die von den Schnelldampfern zu Berg in zwölf, zu Tal in neun Stunden zurückgelegt wird. Nur wenige wissen, daß es noch eine andere Rheintour gibt, die zwar an Ausdehnung und Verkehr mit der Strecke Köln—Mainz sich nicht messen kann, aber bezüglich der landschaftlichen Schönheit reichlich so viel bietet wie die Fahrt Zwischen Bingen und Koblenz. Das ist die Strecke von Kow- stanz brs Schaffhausen, etwa 48 Kilometer lang, die von den kleinen Schwetzerd ampfern zu Tal in dreieinhalb Stunden durchfahren wird. Da die Dampfer nur 260 Personen fassen, und Bei weitem nicht jene Bequemlichkeit gewähren, die wir auf den Dampfern des Mittelrheines gewöhnt sind, so empfiehlt es sich, die Fahrt nur Bei gutem Wetter zu machen, und zwar auf dem zweiten, nicht ersten Platze, da man auf ersterem ohne Sonnendeck vollständige freie Aussicht hat, während der letztere, nach hinten gelegen, trotz des Sonnendeckes unter dem Rauch und Ruß des niedrigen Kamines einen wenig angenehmen Aufenthalt und nur Beschränkte Aussicht bietet. Bon Konstanz ab- sahrend, werfen wir einen letzten Blick auf den Bodensee tu ferner ganzen Länge und die Riesenhäupter der Alpen, dann gehts unter der Eisenbahnbrücke durch und fünf Kilo- meter wert bis Gottlieben auf dem nur hundert Meter Rhern, der sich hier in den Untersee ergießt. Bis Schaffhausen werden noch vierzehn weitere Stationen angelaufen, aber das Anlegen und Abfuhren geht so rasch, daß man die Unterbrechung der Fahrt kaum merkt. Rückwärts schauend sehen wir das Münster von Konstanz lang» ’ nn$ dorn fesseln uns die reizenden Ausblicke auf den See, die altberühmte Insel Reichenarr und darüber hinweg auf die im Hintergründe kühn aus der Ebene emporsteigende Höhgauer Basaltkegel den Hohentwiel, Hohenkrähen usw. Links zeigen sich die Schlösser Kastel, Gottlreben, Wolfsberg, Arenaberg, der unglücklichert Kaiserin Engenie gehörend, Salenstein, Liebenfels und Freudenfels, während nach einstündiger Fahrt von rechts auf waldiger. Höhe die restaurierte Burg Hohenklingen bei Stein, dem altertümlichen Städtchen, uns begrüßt. Hier endet der See und wir fahren wieder auf dem Rheine: liebliche Ufer, mit grünen Matten und Weinbergen bedeckt, zwischen denen idyllisch gelegene Dörfer auftauchen, waldige Höhen, fchöne Blicke in die Ferne, hier und da auf die schneebedeckten Alpen, alte Klostergebände und freundliche Landhäuser modernsten Stiles, nicht zum mindesten aber die klare, tiefgrüne Flut des durchweg hundert Meter Breiten Stromes gestalten die Wasserfahrt zu einem Hochgenüsse, sodaß die Zeit im Handumdrehen schwindet und der gewaltige Münoth, das Wahrzeichen Schaffhausens, schneller als erwartet auftancht. An feinem Fuße legen wir an und Beeilen uns, da es schon nahezu sieden Uhr abends ist, in der Stadt Quartier zu nehmen und zu speisen, um rechtzeitig mit der elektrischen Bahn nach dem Rhe in falle hinauszufahren und dessen elektrisch-Ben gälische Beleuchtung zu Bewundern. Wir trafen es gut, denn der Vollmond stand nicht nur im Kalender, sondern in vollem Glanze am Himmel, und es ist schwer zu entscheiden, oB die natürliche oder die künstliche Beleuchtung schöner ist; erstere ist stimmungsvoller und mehr dem großartigen Naturschauspiele angepaßt, letztere wirkt theatralischer und imponiert mehr der großen Menge, oBwohl sie für die Breite von 115 Meter und Höhe von 19 Meter nicht ausreicht, Bei ungünstiger Witterung in dem Bengalischen Teile leicht versagt. Jedenfalls ist sie in der Wirklichkeit schöner, als sie auf den grellen, überall in Süddeutschland und der Schweiz herumhängenden Plakaten dargestellt wird. Als Mangel muß es bezeichnet werden, daß die Wege und Treppen, welche vom Endpunkte der elektrischen Bahn an den Fuß des Falles und weiter zum Schlößchen Wörth führen, von wo man die beste Aussicht auf die Beleuchtung hat, jeder Beleuchtung entbehren; Bei duukelern Wetter kann man nur schwer sich orientieren und auch leicht fallen, dfa man selbst Bei Vollmond wegen der dichten Bäume keine Hand vor Augen sehen kann. Die meisten Besucher sind zufrieden, den Fall bei künstlicher Beleuchtung gesehen zu haben; aber da ist sein Bild doch! nur beschränkt. In seiner sgjanzen Größe und unvergleichlich majestätischen, kraftstrotzenden Schönheit zeigt er sich erst im strahlenden Sonnenlichte, wie wir ihn am andern Morgen sahen, als wir oberhalb des Falles über die Eisen- bahnbrücke zum Schlosse Laufen gingen, hier vorn Pavillon, Känzli und von der Fischetz aus in die rastlos brandenden Wogen schauten, dann nach Wörth uns übersetzen ließen und um den Fuß des Falles herum nach dem Dorfe Neuhaus zurückkehrten. Stundenlang könnte man dastehen und in das ewig wechselnde und doch stets sich wiederholende Spiel der Wellen hinabblicken, ohne erschöpfende Worte für den Eindruck zu finden, ebensowenig wie matt den zuckenden, flammenden Blitz mit Händen greifen oder den rollenden, grollenden Donner in Worten wiedergeben kann. Jahrtausende stürzten die ungeheuren Wasserntassen ungenutzt zu Tal, und noch heute werden die Kräfte des« eigentlichen Falles nicht ausgenutzt, auch wohl für absehbare Zeit davor bewahrt bleiben. Dagegen wurden schon Ende der sechziger Jahre des vorigen Jahrhunderts Bei der drei Kilometer oberhalb des Falles, unmittelBar südlich von Schaffhausen gelegenen Stromschnelle Turbinenanlagen in den Strom eingebaut, die 2400 Pferdekräfte lieferten. Jetzt sind dieselben für elektrische Uebertragnng umgebaut und erweitert, sodaß 4000 Pferdekräfte zur Verfügung stehen, womit der heutige Bedarf reichlich gedeckt wird. Schaffhausen selbst mit 16 000 Bewohnern ist eine etwa neun Jahrhunderte alte interessante Stadt, die zwar seit vier Jahrhunderten politisch zur Schweiz gehört, deren Bevölkerung aber rein deutsch ist und in nichts von den umwohnenden Badensern sich unterscheidet. Tie nähere Umgegend bietet Gelegenheit zu zahlreichen interessantÄn Ausflügen: Zürich, Luzern, und der Altschluß an die St. Gotthardbahn ist von hier ebenso schnell zu erreichen wie von Basel ans, sodaß Schaffhausen jedem Reisenden, der nicht nur ftlometern und kraxeln, sondern wirlliche Naturschönheiten mit Muße genießen will, als Ausgangs- oder Endpunkt für eine Schweizerreise, auch als Schluß einer Schwarzwaldreife wirklich empfohlen werden kann. — 880 Vermischte». * Die Theaterleute, also die Bühnenkünstler und Bühnenschriststeller und -Komponisten, sind die Vorkämpfer sür Aufklärung, Freiheit und Menschenwürde, und es wird niemand geben, der das bezweifelt. Nur eine ganz kleine, aber nur eine ganz alterliebst kleine schwache «Leite haben sie, und das ist der Aberglaube. Wenn sich der Theatermensch vor nichts beugt, so beugt er sich unbedingt vor der Herrschaft eben dieses Aberglaubens. Von dieser Herrschaft gibt es tausend Geschichten. Ein paar sehr unterhalt- same weiß im „Journal d'uu Baudevilliste" Ernst Blum zu verraten. Man lese, was dieser Verräter heiligster Geheimnisse schreibt: Der Theaterunternehmer „lanciert" ein Stück nur Freitag, ein anderer nur Donnerstag, ein dritter nur Montag, Ich kannte einmal einen Direktor, den ich nicht nennen will, zumal ich seinen Namen vergessen habe. Besagter Direktor leitete drei Monate lang das selige Beaumarchais-Theater (ein Theater, das längst nieder gerissen ist) und setzte durch seinen Aberglauben sogar die Köchinnen des Viertels in Erstaunen. Er hatte in aller: Rängen des Theaters die Stummer 13 entfernen lassen und ersetzte sie durch 12 a. Nie hätte er kn eine erste Aufführung — er veranstaltete „erste Ausführungen" alle acht Tage — an einem anderen Tage als am Freitag stattsinden lassen. An solchen Abenden sah man ihtt, nicht ohne Ueberraschung, barfuß in den Kulissen her um laufen! Das war sein Fetisch. „Wenn ich mir keinen Schnupfen hole", sagte er, „wird das Stück ein Erfolg sein; hole ich mir aber den Schnupfen, dann fällt es durch." Uno gewöhnlich holte er sich den Schnupfen! Nach drei Monaten mußte er sich zurückziehen: er litt an einenr so chronischen Schnupfen, daß er, als ich ihn zehn Jahre später auf dem Boulevard traf, aus dem Niesen noch! nicht herausgekommen war. Ich selbst bin nicht abergläubisch, zu meinem Ruhme muß ich es gestehen: ich glaube nur an etwas, an den Einfluß des Gurkensalats. Ich muß dieses okkultistische, die Ernährungsfrage betreffende Mysterium feststellen, denn so oft ich Gurkensalat gegessen habe, geschah mir etwas Unangenehmes. Ich hatte mit Anicet Bourgeois ein Drama in mehreren Akten verbrochen, aus das wir alle gwoße Hoffnungen setzten. Am Tage der ersten Aufführung (das Stück wurde, wenn ich nicht irre, im alten Gails-Theater gespielt) sagte ich zu Anicet Bourgeois : „Alle Welt hat Vertrauen zu unserem Drama. Ich habe aber ein sicheres Mittel, es heute durchfallen zu lassen r „Und das wäre?" „Ich brauche nur beim Diner Gurkensalat zu essen!" „So abergläubisch sind Sie noch in Ihrem Alter!", sagte Anicet Bourgeois lachend. „Ich bin nicht abergläubisch, ich glaube nur an den unheilvollen Einfluß des Gurkensalats, und das ist doch nicht gar so Wimm, denn Gurken gibt es nicht das ganze Jahr!" „Nun", erwiderte Anicet, „ich will Ihnen selbst beweisen, daß Sie ein Narr sind. Mr dinieren heute zusammen und essen alle beide Gurken." Ich senkte den Kopf angesichts dieser Entscheidung meines verehrten Mitarbeiters, und beim Diner aßen wir soviel Gurken, daß der Kellner aus dem Staunen nicht herauskam. Dann gingen wir ins Theater und das Stück begann; um 8i/2 Uhr, mitten im ersten Akt, pfiff man bereits, und um 10 Uhr mußte man rasch den Vorhang herablassen, da die Zuschauer Bänke, Stühle andere Gegenstände auf die Bühne warfen. „Tie Gurken", sagte ich gekränkt zu Anicet Bourgeois. „Recht haben Sie!" erwiderte er. Ich glaube bestimmt, daß Anicet Bourgeois seit damals am Tage seiner Erstaufführung keine Gurken mehr gegessen hat. Ich esse sie schon seit langer Zeit nicht mehr, zumal ich sie nicht ausstehen kann! * Seltsame Eheverhältnisse herrschen bei den Todas, die in einer ziemlich unzugänglichen Gegend im Nilgiri-Gebirge im südlichen Vorderindien leben. In einem Vortrage, den Dr. Rivers über die außerordentlich verwickelten Verwandtschaftsbeziehungen in diesem Stamme auf der in Sothpvrt tagenden Jahresversammlung der „British Association" hielt, führte er über diesen Punkt folgendes aus: Die Todas sind seit langem als polhandrisches Volk bekannt, und die Vielmänner ei ist bei ihnen noch üblich. Wenn ein Mädchen die Frau, eines jungen Mannes wurde, so war es selbstverständlich, daß sie auch die Frau seiner Brüder wurde. Fast in jedem Fall waren jetzt und früher die Münster einer Frmt Brüder. Ist wenigen Fällen waren sie zwar nicht Müder,, dann aber von demselben Clan; sehr selten gehörten sie verschiedenen Clans an. Am interessantesten war bet de? Vielmännerei der Todas die Methode, durch die sestgestellt wurde, wer als der Vater eines Kindes angesehen werden sollte. Bei allen sozialen und rechtlichen Entschlüssen galt als der Vater eines Kindes der Mann, der zu einem bestimmten Zeitpunkte eine Zeremonie aussührte, bet der der Frau eiu nachgemachter Bogen und Pfeil gegeben wurden. Waren die Männer Müder, so gab! gewöhnlich der älteste Bogen und Pfeil, und war der Vater des Kindes; aber auch die anderen Müder wurden als Vater angesehen, solange sie zusamMenlebten. Ist Fällen, in denen die Ehemänner nicht Müder waren, hatte die Zeremonie ost eine wirkliche soziale Bedeutung. Ist diesen galt der Mann, der Pfeil und Bogen gab, nicht nur als der Vater des bald nachher geborenen Kindes, sondern auch, aller folgenden Kinder, bis ein anderer Mann die wesentliche Zeremonie vollzog. Die Vaterschaft wurde auf diese Weiss so unbedingt bestimmt, daß ein Mann, der mehrere Fahre tot war, als Vater aller von seiner Witwe geborenen Kin-• der angesehen wurde, wenn kein anderer Mann ihr Pfeil und Bogen gegeben hatte. Zweifellos war die Vielmännerei der Todas früher mit dem weiblichen Kin des mord, verbunden, und wahrscheinlich besteht dieser Mauch noch in gewissem Grade, wenn er auch abaeleugnet wird. Man hat Ursache zu glauben, daß es jetzt Mehr Frauen als früher gibt, aber sie sind noch immer in der Minderheit. Die Zunahme der Zahl der Frauen scheint jedoch nicht zu einer erheblichen Ahstahme der polyandrischest Ehen geführt zu haben; wohl aber war die Vielmännerei oft mit Vielweiberei verbunden. Zwei' oder mehr Müder, konnten zwei oder mehr Frauen gemeinsam haben. Bei solchen Heiraten schien sich jedoch immer mehr der Mauch ein- zubürgeru, daß ein Müder der einen Frau Pfeil und Bogen und der ändere sie einer anderen gab. Es scheint möglich, daß die Todas von der Polyandrie zur Monogamie übergehen, und zwar gerade durch die Zwischeit- stufe von gemischter Vielmännerei und Vielweiberei. Das ist jedenfalls der wichtigste Schluß, der aus den gemachten Beobachtungen gezogen werden konnte. * Daß das Tabakmonopol in Frankreich auf eine gar zu aufgeputzte und Diamanten starrende Dame zurückzuführen ist, dürfte kaum bekannt sein. Napoleon I. kam nämlich durch folgende Umstände auf den Gedanken, den Tabakverkauf für den Staat zu reservieren. Bei einem Balle anläßlich seiner Hochzeit mit Marie Luise bemerkte er eine reichgekleidete Dame, die Dianianten von unschätzbarem Werte trug. Der Kaiser erkundigte sich nach dem Geschäfte des Mannes, der so reich war, um solche Diamanten kaufen zu können, und beschloß, als er erfuhr, er sei ein Tabakfabrikant, diese Quelle großer Verdienste dem Staate allein vorzubehalten. Kurz darauf erschienen die Dekrete bezüglich der Einführung des Tabakmonopols. Bilderrätsel. Wü'fJvHasei HhJ. se; W (Auflösung in nächster Nummer.) Auflösung des Logogriphs in vor. Nr.r Ungern — Ungarn. Redaktion: August Götz. - RotatiouZdruck und N erlag der Brübl'schen Umversitätr-Vuch- und Steindruckerei. R. Lange. Güßen.