Nr. 80. Samstag den 30. Mai. wöraifif1 Ä j LM» ¥Ql[yj ZRW Pfingsten. (Nachdruck verboten.) Christ, unser Meister, Heiligt die Geister, Freue dich, freue dich, Christenheit! Und „freue dich!" hallt es wie ein jauchzendes Echo durch die ganze Welt. Aus den Lüften, aus den Wäldern, aus jedem Baum und jeder Blüte ruft es uns zu: „Freue dich!" Warum sollten wir uns auch nicht freuen an all der Herrlichkeit, die der Frühling ausgestreut hat über die Erde, die nun im bräutlichen Schmuck strahlt, wieder- geboren zu einem schönen, neuen, verheißungsvollen Leben und prangend in der Schönheit und Fülle jugendlicher Kraft. Und wir alle sind geladen zu dem Fest der Freude. Darum schmücken wir uns mit festlichen Gewändern und schmücken das Haupt mit Mumen, damit wir auch würdig seien, teilzunehmen an dem hohen Feste. Wie die Maien leuchten und duften im goldenen Sonnenlicht! Wie die Vögel singen im jungen Laub. Wie die Käfer und Falter sich tummeln im blühenden Rain! Und von fern her läuten die Glocken so freudig und hell! Da werden die Herzen weit und die Brust ist erfüllt von all dein Schönen, daß wir freudig mit einstimmen in den Gesang: „Wie ist doch die Erde so schön!" — Aber ist es denn dies allein, was uns so froh macht? Ist denn die Erde nur heute so schön? Ist )ie es nicht auch in dem satten Glanz der Sommertage, rn dem reichen Schmuck des Herbstsegens und in der flimmernden, leuchtenden Pracht eines sonnigen Wintertages? O ja! Aber nicht diese Schönheit allein ist es, die n,rs himmelan jauchzen läßt. Es ist der geheimnisvolle Zauber, der uns mit der Natur verbindet — noch immer verbindet, wie sehr wir uns unter dem Einfluß dessen, was wir Kultur nennen, von ihr abgewendet haben im Laufe der Jahrhunderte. Wie sich auch das Leben des einzelnen und der Böller gestalten mag unter den so völlig veränderten Lebensverhältnissen und Le- vensgewohnherten, unter den Genüssen und Entbehrungen unserer nervösen, hastenden Zeit: ganz können wir uns doch Nicht losrerßen von der Mutter Natur. Und wenn sre ihre Arme öffnet und uns ruft und lockt mit tausend ^^EEN, dann fliegen wir ihr doch an die Brust und lauschen ihren,Atemzügen in freudiger, seliger Vergessenheit. Und wie haben wir uns gesehnt nach diesem Freudentage und auf ihn gehofft! Und nun er erschienen ist m seiner schöpferischen Kraft, da regt es sich auch tu unseren Herzen, da erwachen die schlummernden Keime, die dem Licht, entgegenwachsen und sich entfalten möchten, fw. AU betätigen, wo alles wächst und wird. — Wenn nun Glück und Freude herrscht überall, haben wir da nicht das Paradies auf Erden? Finden da! Leid und Unheil noch eine Stätte unter uns? Ja, viele wandeln noch im Schatten und werdet des' Pfingstfestes nicht froh. ' Das sind nicht jene, die unter des Tages Last seufzend ihre Straße zieh'n, —i nein, zu deren Herzen findet ein Sonnenstrahl wohl seinen Weg und auch an ihren Pfaden blühen wohl noch die Blumen stiller Freuden. Nein, jene sind eS, die kein Festgewand angelegt haben, die nichts halten von den Blumen des Feldes und dem Gesänge der Vögel. Wohl genießen auch sie die Freuden des Lebens, Freuden eigener Art: es ist die Luft am Bösen, die nichts zu tun haA mrt der reinen Freude des Pfingstfestes. Dicht neben den Rosen der Liebe blüht der Giftstrauch des Hasses, des Neides, der Habsucht und anderer wilden Leidenschaften, und ihre Früchte sind Kummer und Herzeleid, Not und Tod. Wie schön ging die Welt aus der Hand des Schöpfers hervor und was hat der Menschen Leidenschaft und Sünde aus ihr gemacht! — Einst ein Paradies, ist sie vielen jetzt ein Ort der Qual geworden, den sie fliehen möchten, weil er ihnen keine Freude mehr bietet. Wenn wir um uns schauen und inmitten aller Schönheit und Freude die Not erblicken, die uns umgiebt, das Unheil, das täglich neu geboren wird, und die Finsternis, die trotz des strahlenden Sonnenlichtes soviel Seelen erfüllt, dann wird uns' wohl bange, die Sorge um die Zukunft bedrückt uns das Herz und wir fragen zweifelnd: „Wird denn jemals das Menschengeschlecht das hohe Ziel der Vollendung erreichen, das die Besten erstreben? Wird es jemals ein Geschlecht geben, graß durch Weisheit, stark durch Wahrheit und Gerechtigkeit, glücklich und frei durchs tue Lrebe? An guten Lehren und Beispielen hat es nicht gefehlt. Unter allen Völkern hat es Männer gegeben, die den Weg zeigten zum Guten, zuin Heil, zur Vollkommenheit. Und wenn wir nun sehen, wie viel noch zu tun ist an dem großen Werke, dann schwindet wohl oft der Mut, und trostlos ob der vergeblichen Mühen läßt der Menschenfreund die Hände sinken. — Aber — ist denn heute nicht Pfingsten? „Ich ivill euch den Tröster senden", sagte der Herr, als er von seinen Jüngern schied. Und er sandte ihn, am Pfingstfest. Da erhoben sie ihre Herzen und Blicke zur Höhe und wurden der Kraft inne, die ihnen gegeben ward, hinauszuziehen in alle Welt, zu predigen das Evangelium der Liebe und der Erlösung von allem Bösen. Und mit jedem neuen Pfingstfest naht sich uns der Tröster, der uns erheben will aus dem Staube der Alltäglichkeit, der unsere Blicke lenkt auf die Wunder der Schöpfung und uns zuruftr „Freue dich!" Und wahrlich, schon das Schauen der Wunderwerke Gottes in der Natur sollte uns erfüllen mit der Kraft des Glaubens und dem Tröste fteudiger Hoffnung. Sollte die 818 ewige Kraft, die das unermeßliche Weltall erschaffen hat und es erhält von Jahrtausend zu Jahrtauseno, jene Kraft, die sich gleich groß zu erkennen giebt in dem kunstvollen Bau des Sternenhimmels wie in dem kleinsten Ge- Sf im feuchten Moose, sollte die Kraft nicht auch das icheugeschlecht auf der Vollendung Höhen führen? O ja, Gott wird uns führen, doch nicht heben. Er hat uns so reich ausgestattet mit den Gaben des Geistes, dem Triebe des Suchens und Strebens und dem Lichte der Erkenntnis, daß wir selber emporklimmen sollen zu den Höhen des Lichtes, damit wir strebend schon den Lohn des Erfolges empfingen. Denn er hat den Menschen höher gestellt als alle Kreatur und ihm das Bewußtsein seiner Sendung in die Seele gepflanzt. — Und dennoch ist es so schwer, dem Rufe des Pfingstfestes zu folgen und sich — ttt rechter Weise — zu freuen am Schönen. Denn wir gedenken der Unvollkommenheit, die uns umgiebt und die wir in uns fühlen. Wir mögen uns erfreuen an der Pracht in Wald ui nd Flur, — aber sind unsere Herzen erfüllt von jener umfassenden Freude, die uns emporhebt über die großen und kleinen Mühseligkeiten des Lebens? Wenn diese Freude uns fehlt, dann liegt es daran, daß wir selbst unsere Seelen verschlossen haben und nicht mehr empfänglich sind für das Licht aus der Höhe. Vielleicht sind unsere Herzen verhärtet in dem Kampfe des alltäglichen Lebens. Darum spüren wir so wenig von dem Segen, der uns werden soll am Pfingstfeste. Aber wir wollen trotzdem getrost und froh sein, denn Christ, unser Meister, Heiligt die Geister. Dazu gehört allerdings, daß tvir ihm entgegengehen, daß wir die Herren öffnen, damit der heilige Geist des Pfcngstsestes hinecnziehen und es frei machen kann von allem Dunkeln und Unreinen. Das aber ist nicht so schwer: wir brauchen es ja nur zu wollen. Wenn nur den Willen haben, das Böse zu vermeiden, ihm zu entrinnen, es zu bekämpfen, das Gute aber zu tun und zu fördern, dann wird sich der in unserer Seele schlummernde Keim entfalten und gestalten, dem Licht entgegenwachsen, blühen am Tage der Pfingsten und herrliche Früchte tragen zu seiner Zeit. Das ist der Keim der guten, nutzbringenden Tat, deren Segen uns erfüllt mit der Kraft des Lebens Und der Freude des Seins, der Natur, der ganzen Welt. Indem wir unsere Blicke auf das Höhere, das Ewige richten, lernen wir das Irdische nicht verachten, sondern Nur um so höher schätzen, als das Gut, das uns Gott gegeben hat, uns zum Nutzen. Dann auch werden wir uns recht freuen am Schönen, weil es uns das Verständnis Erschließt für das, was das ganze Weltall durchdringt mit belebendem Hauche, was es trägt und erhält: die Liebe. Nur in der Liebe, die aus dem Himmel stammt, offenbart sich das Göttliche dem Menschen. Sie ist es ja auch, die heute zu uns spricht und die uns zum Siege führt über alle Not, alle Zweifel und uns den Himmel erschließt diesseits^ und — jenseits. Ja, „Christ, Unser Meister, heiligt die Geister", damit sie reinen Herzens und geschmückt mit festlichem Gewände teilnehmen können an der herrlichen Feier. Noch sehen wir nicht die Vollendung. Noch ringen miteinander die feindlichen Mächte und Oft zerstört ein einziger Nachtfrost im schönen Mai, was die wärmenden Strahlen der Sonne in Monaten schufen. Doch das soll uns nicht mutlos machen in der Lust der Arbeit, es soll uns den Willen zum Guten nicht lähmen. .Unsere Ideale leuchten uns gleich Sternen voran. Sorgen wir, daß wir sie nicht verlieren! Das ist der Allmacht heil'ger Geist, Der heute dir und immer wieder Den Weg zum wahren Heile weist. Nun senkt er segnend sich hernieder. Verschließ ihm deine Seele nicht. Nein, öffne sie dem Sonnenlicht Und laß von dieses Festes Segen Ein Samenkorn ins Herz dir legen! Erich zu Schirfeld. (Nachdruck verboten.) Die Annonce. Novelle von Thomas Glahn. (Fortsetzung.) Und langsam hob sie das Haupt und sagte ruhig: „Wann wird die Verlobung sein?" Er stutzte, aber er war froh, daß sie seine voreilige Bemerkung nicht weiter beachtete. „Das weiß ich noch nicht. Ach, überhaupt — vielleicht kommt alles ganz anders. Es hängt noch sehr in der Luft." „Schade!" „Willst Tu mich so gerne unter der Haube haben?"- fragte er beinahe etwas pikiert. „Ich dachte nur, wir könnten dann — vielleicht -s gleich zwei Verlobungen feiern." „Wieso?" @r hatte große Augen. „Ein Vertrauen ist des andern wert, Vetter. Es ist selbstverständlich, daß Tu kein Sterbenswörtchen sagst." „Das große Ehrenwort", scherzte er. „Will etwa Hedwig von Berson nächstens als Verlobte in der Zeitung stehen?" „Tas nicht", erwiderte Resi Bergmann, „aber ich!" Mit einem Satze sprang Fred Richter aus. Er war grenzenlos erstaunt und erschrocken. „Tu? — Du? — Ach, Du ulkst ja!" ,Lch denke nicht daran, zu scherzen. Oder meinst Tu, es sei unmöglich, daß mich jemand will?" Er hatte überhaupt keine Worte und blickte sie nur fortwährend an. „Das schon", sagte er dann, „natürlich! Aber wer ist denn um Himmels willen da? Ich kenne keinen!" „Geheimnis! Und übrigens: allein von den nächsten Bekannten! Ta ist Doktor Freund, Referendar Vogel, der Baron Kehsten, Fritz Wölkner, der junge Liebig — willst Tu noch mehr?" Er schlug mit der Faust auf den Tisch. „Tiefe Fatzken, Resi — Herrgott diese Fatzken! Mädel, wie kannst Tu nur? Kreuz Sakra, das freut mich wahr- haftig nicht!" Er ging finster hin und her. „Ich sag' ja auch nicht, daß es gerade einer von den Genannten rst! Und schließlich sollst Tu ihn ja nicht heiraten, sondern ich!" „Ganz egal! Ich gönn' Tich diesen Burschen nicht. Bist ein viel zu netter Kerl dazu — Verzeihung! Ja, wenn darunter ein ganzer Mann wär' — schön, in Gottes Namen! Aber diese Patentaffen —" „Fred!" „Pardon!" brummte er. „Einen besseren Geschmack hätt' ich Tir zugetraut. Ist das denn wirklich kein Scherz?" Sie schüttelte lächelnd den Kopf. „Tann versteh' ich Dich nicht." „Wenn man jemanden lieb hat — Tu siehst es doch an Tir!" Fred Richter besah sich die Fingernägel und schwieg. „Na, meinetwegen", seufzte er daun. „Und wann soll die Verlobung sein?" „Wie kann ich das wissen?" „Ach so, Ihr selbst seid noch nicht einig?" Er sagte es fast erleichtert. Seine Cousine beantwortete die letzte Frage nicht, sondern sprach, während sie einen neuen Seidenfaden in das Nadelöhr zog: „Es geht mir halb und halb wie Dir. Ich kann auch noch nichts Rechtes sagen. Nun, hoffentlich sind wir beide bald glücklich." „Hoffentlich!" sagte er. Aber die Falte auf der Stirn wich nicht. Am Abend dieses Tages stand Resi Bergmann in ihrem Schlafzimmer vor der Spiegeltoilette und löste eine Nadel nach der andern aus ihrem reichen Haar. Als es, durch nichts mehr gehalten, ihr voll und frei um die Schultern rann, letzte sie sich auf den Stuhl vor ihrem Bette und stützte vas Haupt in die Hände. Sie dachte an Fred Richter. Sie dachte an heut und morgen und an das ganze Leben. 31& Er wollte heiraten. Eine andere, eine Fremde, die sie nicht kannte. Und er glaubte, sie, die Resi, hätte ihn lieb. Hätte ihn womöglich so lieb, daß sie sich deshalb echauffierte und feines Einflusses wegen schlaflose Nächte hatte! Sie wollte lachen, aber es blieb ihr im Halse stecken. Was die Männer sich alles einbilden! Als sie in plötzlichem Stolz ihm dann die Fabel von ihrer bevorstehenden Verlobung erzählt, war er offensichtlich unzufrieden und ärgerlich gewesen. Es hatte seiner Eitelkeit gekränkt. Er hatte vielleicht gar geglaubt, sie würde barmherzige Schwester werden, weil sie ihn nicht bekam! Herrgott, waren die Männer eitel! Wütend konnte man darüber werden! Sie schüttelte die Kissen auf, als hätt' sie jemanden Vor, den sie strafen müßte. Gewiß, sie hatte Fred Richter gern gehabt, aber seit heute mochte sie ihn mcht. Klaps, sauste das Kissen nieder! Jawohl, seit heute haßte sie ihn, sein Gesicht, sein Wesen — alles! Weshalb? Sie dachte lange darüber nach, noch während sie sich, wie allabendlich, mit der Mandelkleie das Gesicht wusch. Erst als sie sich abtrocknete, hatte sie es: Tiefer Fred Richter war gar zu unverschämt eitel! Run, er sollt' es bei Gelegenheit schon merken! 6. Kapitel. Dem jungen Arzte war gar nicht wohl zu Mute, als -er das Bergmannsche Haus verließ. Er ärgerte sich über sich selbst. Mochte seine Cousine doch heiraten, wen sie wollte, seinetwegen auch den Tah von Tripolis oder den Rajah von Haidarabad — was scherte das ihn? Und trotzdem hatte es ihn wie ein Schlag getroffen! Hätte Kurt ihm das gestern verraten — na, bet nächster Gelegenheit hätte er Resi wahrscheinlich die Hand geschüttelt und gratulor gesagt. Aber es war so schauderhaft, daß er es gerade rn dem Augenblicke gehört, als er seiner Cousine innerlich so nahe war, wie nie zuvor. Sie, die ihn sonst immer himmelblau angeödet, mit Kunst und Literatur gescheucht, sprach mit einem Male so nett, so vernünftig, ßo sicher und lebensllug, daß es eine Freude war. Teufel ja, dann ließ er sich „das Höhere" daneben gern gefallen. Da war der Sänftling am Ende doch der bessere Menschenkenner gewesen! Wre oft hatte der gesagt: „Fred, heirat die Resi! Ihr beide paßt großartig!" Und er hatte gelacht und geschimpft. Aber nun, nach dieser Unterredung, lachte er nicht mehr. Dies famose Mädel! Sie hatte doch das Herz auf dem rechten Fleck! Sie paßte doch in die Welt! Sie würde als seine Frau doch nicht über dem „Faust" vergessen, ihm abends die Schlafschuhe hir^ustellen! Und der „Taugenichts"? Er seufzte. Wen er jetzt eigentlich lieb hatte, wußte tzr selber nicht recht. Hier die Unbekannte, für die er ganz ehrlich schwärmte — dort seine Cousine, die er jetzt erst erkannt hatte und die ihm doppelt begehrenswert erschien, seit er wußte, daß sie einem andern gehören sollte. Das Dilemma war fürchterlich. Und jetzt galt es, schnelles Handeln, sonst stand er schließlich als der Blamierte da. Schlaflos wälzte er sich die Nacht herum. Und noch ehe am nächsten Morgen Kurt Unruh, der Assessor, zum Dienst ging, war er bei ihm. (Fortsetzung folgt.) vermischtes« * Wie man brieflich den Doktorhut erwirbt- Eine amüsante Schwindelgeschichte, die jedoch zeigt, was es mit dem „amerikanischen Doktor" bisweilen für eine Bewandtnis' hat, erzählt der Mitarbeiter eines Londoner Blattes: „Ein amerikanisches Institut macht sich anheischig, die Anfangsgründe der Rechtswissenschaft brieflich zu lehren, und dem glücklichen Studenten nachher einen akademischen Grad zu verleihen. In einer schottischen Zeitung erschien folgende Anzeige: „Die Kissimmee-Schule der Rechtswissenschaften. Unterricht brieflich. Zahlreiche Erfolge. Ehemalige Studenten praktizieren an den Gerichtshöfen. Grade verliehen. Man schreibe us!v." Das klang verlockend. Ich träumte von forensischen Erfolgen nach wenigen kurzen Stunden. Ich träumte, daß ich „LL. D." (Doktor der Rechte) hinter meinem Namen schreiben und die anderen Schreiber in dem ziemlich obskuren Bureau, wo ich mein tägliches Brot verdiene, überraschen könnte. Ich schrieb also. Kosten soweit 21/2 Pence. Vom Dekan der Fakultät erhielt ick darauf eine freundliche Antwort, daß, wenn ich zehn Dollars für den einleitenden Unterricht beilegen würde, ich al-:- Nichtgraduierter der Fakultät eingeschrieben werden könnte. Ich schickte also bas Geld und hielt mich nun als gesellschaftlich gleichstehend mit den jungen Herren der Rechtsschuleu. Der Titel Nichtgraduierter klang meinen Ohren sehr angenehm. Kosten so weit 2 Pfd. 21/2 Pence. Drei Wochen darauf kam ein großes Pergament. Eine prächtige Reihe Siegel und lateinisches Motto bildeten den Kopf. Es besagte, daß ich, John Smith, zur Zulassung zu der Rechtsschule befähigt wäre, da ich mit Anerkennung das Jmmatrikulierungs- examen bestanden hätte. Ich erinnerte mich der Prüfung nicht; aber ich wollte mich mit dem Dekan darüber niM strerren. Am Schluß hieß es, ich hätte mit Auszeichnung bestanden, sodaß ick mich verwundert fragte, was die armen Menschen getan haben könnten, die nicht ähnlich ehrenvoll bestanden hatten. Zum Schluß erwähnte der Dekan beiläufig, daß der Fakultät eine Gebühr von vier Dollars als „Kaution" zukäme. Entzückt schickte ich umgehend das Geld, und bankte dem Dekan für seine persönliche Freundlichkeit. Kosten so weit 2 Pfund 16 Sh. 21/2 Pence. Jedenfalls hatte ich für mein Geld ein schönes Pergament, das ich natürlich einrahmen ließ, wodurch die Kosteu 3 Pfd. 2i/2 Pence betrugen. Nach drei Wochen — ich! war dem Briefträger bis zum Ende der Straße entgeaengelaufeu — erhielt ick ein langes dickes Couvert, das ich eilig öffnete. Es enthielt nicht die gewünschte Belehrung, sondern eine Menge bedrucktes und mit der Schreibmaschine beschriebenes Papier, auf dem die Rechtsschule ihren Studenten gewisse Kurse empfahl. Das Vergnügen darüber wurde nur dadurch getrübt, daß jede Studienreise weitere Kosten nach sich zog. Nach reiflicher Ueberlegung entschied ich mich für englisches gemeines Recht, 10 Dollars für 10 Stunden. Kosten so weit 5 Pfd. 21/2 Pence. Nach vier Wochen erhielt ich ein weiteres Bündel Papier mit einem vertraulichen Brief des Dekans, der an einen lange verloren geglaubten Bruder hätte geschrieben sein können. Das englische gemeine Recht war auf zehn Blättern geschrieben, jedes Blatt eine Stunde. Ein weiteres Matt trug die Ueberschrift „Prüfung zu einem akademischen Grad", und besagte, daß der Student mit seinen Antworten 40 Dollars zu schicken hatte. Ich machte mich also erst ans Studium, erhielt zu meinem Erstaunen aber schon nach drei- Wochen einen Mief von meinem lieben Freund, dem Dekan. Er teilte mir mit, die Fakultät der Rechtsschule wolle mich als Sophomore (amerikanischer Student der zweiten Klasse) zulassen, wenn ich in jener Woche, da die Sitzung sogleich begann, 12 Dollars schickte. Die Fakultät wollte, da ick in England wohne, in meinem Fall von den 40 Dollars, der Gebühr für amerikanische Studenten, absehen. Nun hatte ich keine Ahnung, was ein Sophomore war; da aber der Dekan, der es wissen mußte, Wert daraus zu legen schien, sandte ich die 12 Dollars Kosten bis dahin, mit Porto, 7 Pfd. 8 Sh. 10 Pence. Ich fand es sehr hübsch, Sophomore zu sein, obgleich ich ein heimliches Gefühl hatte, herzlich wenig von der Rechtswissenschaft zu wissen, und ich begriff nun, daß jeder anständige alte Herr sich Richter nennen darf. Ich arbeitete aber tüchtig, und als ich die ersten drei Stunden bemeistert hatte, erhielt ich zu meinem Erstaunen eine sehr freundschaftliche Mitteilung, daß die Studien- behörde günstig über meine Arbeit berichtet und mich zum Grade eines „LL. D." empfohlen hatte, wenn ich zehn Dollars zur Kostendeckung für meine Pergamente und die Einschreibung unter die ersten Sophomore schickte. Ich betrachtete die große Studienbehörde mit großer Achtung, da sie meine Arbeit so ungesehen beurteilen konnte, aber ich war enttäuscht, daß an meinem Sophorisrnus etwas fehlte. Ich schickte also das Geld und wartete auf das Pergament, das mich zum „LL. D." machen füllte.. Es schien mir schade, weitere Zeit auf das mit der Maschine geschriebene gemeine Recht zu verschwenden, besonders da ich alles wörtlich in einem englischen Handbuch gesunden 320 Literarisches Reiselektüre Verbreitung finden wird. (Auflösung in nächster Nummer.) Redaktion: August Götz. — Rotationsdruck und 8?erlag der Trübl'schen UniversitötS-Buch- und Cteindruckcrei (Pietsch Erben) in Gießen. Bilderrätsel (Nachbildung verboten.) erklärt er durch die in diesem Teil des Organs besonders starke Wirkung der Magensäure. Die Größe der zerfressenen Stellen schwankt zwischen der eines Stecknadelknopfes und der einer Linse; sie sind mehr oder weniger kreisförmig und zeichnen sich auf einer geschwollenen Fläche erhaben ab. Plötzliche Blutungen treten dabei selten aus. Die Forschungen von Dr. Dalla Vedova, die der Jahresversammlung der Italienischen Gesellschaft für Chirurgie vorgelegt wurden, sind auch in Deutschland bedeutsam genug gefunden worden, um sie durch eine Uebersetzung den deutschen Forschern und Aerzten zugänglich zu machen. seinem Gemütszustand am besten anpaßt, verläßt, um mit einem älteren wohlhab Sus Heiratspläne zu verwirklichen, wird die Lies ihm zunt Verderben. Schon lange mutmaßt sie in Mathis den wahren Mörder des Gendarmen. Sie bringt ihn zur Anzeige, es kommt zur Haussuchung und die den Kleidern noch anhaftenden Blutspuren liefern die sichersten Beweise seiner Schuld. Die Handlung des Romans ist straff komponiert und die Spannung steigert sich von Seite zu Seite. Es sind wahrhaftige Charaktertypen. Der kriminalistische Inhalt des Romans ist dazu angetan, daß das Buch, als GmmiElert: Auf vulkanischer Grd e. Roman. Verlag von F. Fontane & Co. in Berlin W. Preis 3 Mk. Das Eifel-Hochland trägt bekanntlich noch die Spuren ehemaliger vulkanischer Tätigkeit. In diese Gegend, welche durch Clara Viebigs Heimatserzählungen „Kinder der Eifel"- „Das Weiberdorf" und „Vom Müllerhannes" einem größeren Publikum erst literarisch erschlossen wurden, führt uns auch der Elertsche Roman. Die Heldin des Romans ist das blasse, tugendhaft gebliebene Lenchen. In dem kraftstrotzenden, aus dem Heimatdorfe stammenden Mathis' lernen wir ihren seit Jahresfrist erklärten Schatz kennen. Da wird plötzlich die Gestalt des früheren Fugendgespielen durch einen in die Eifelgegend versetzten, stattlichen aber brutalen Gendarm aus Leuchens Herzen verdrängt. Sie bricht den Verkehr mit Mathis schroff ab und das bisher- ehrbar gebliebene Mädchen wirft sich in jäh auflodernder Letdenschaft dem schönen Fremden an den Hals. Der verschmähte Liebhaber sinnt auf Rache, umsomehr als er durch den begünstigten Nebenbuhler sein eigenes Lebensglück, seine Zukunftspläne zertrümmert sieht. Me Eifersucht packt ihn, dazu das Fehlschlagen seiner Hoffnungen, mit Lenchen vereint ihr« flott gehende Wirtschaft einmal besitzen zu können, und so reift in ihm der Entschluß, sich an dem Gendarm bei passender Gelegenheit zu rächen. Diese findet sich bald. In dunkler Nacht, wo der Gendarm Lenchen zu einem Schäferstündchen erwartet, trifft ihn Mathis. Es kommt zum heftigen Wortwechsel, zum Kampf Mann gegen Mann und Mathis erschlägt den Gendarmen. Des Mordes dringend verdächtig, wird ein armer Zigeuner verhaftet, der Tags zuvor von dem Gendarmen schwer mißhandelt worden war. Mathis). um seine Gewissensqualen zu betäuben, stürzt sich in eine Kette von Liebesabenteuern. Er verschmäht und beschimpft das sich ihm jetzt willig anbietende Lenchen, welches für das zu erwartende Kind gern einen Vater haben möchte. In der einst von ihm verachteten Lies findet er jetzt diejenige Geliebte, welche sich Als er sie aber ätzenderen Mädchen hatte, das ich für wenige Shillings in London hätte kaufen können. Endlich kam bas Pergament. Es war sehr schön und besagte, daß ich in der Liste der Doktoren der Rechte eingetragen war. Das war angenehm, aber ein Brief vom Dekan besagte, daß, wenn ich in die Fakultät eingetragen werden sollte, ich eine Gebühr. . . Weiter las ich nicht mehr. Was konnte sie noch mehr für mich, tun, da ich doch schon ein richtiger lebendiger „SS. D." war? Gesamtkosten 9 Pfd. 9 Sh. i/2 Pence (ca. 189 Mk.)" * Zum Thema „Schlechte Hands christ" werden der „Boss. Ztg." zwei bezeichnende Fälle mitgeteilt. Zunächst ein tragischer von einem Gelehrten, den seine schlechte Handschrift ins Unglück brachte. Er war ein kunstbegeisterter Mann, Namens Bacher, der in Wien in den fünfziger Jahren des vorigen Jahrhunderts lebte, eine „Geschichte ch es kaiserlichen Musikgrafenamts" verfaßte, und gleichzeitig eine Geschichte des Wiener Hofoperntheaters begann. An beiden Werken schrieb Bacher mit ungewöhnlichem Eifer. Er überreichte das starke Manuskript des ersten Werkes der kaiserlichen Akademie der Wissenschaften und erhoffte von ihr auch eine Unterstützung bei dessen Herausgabe. Anstatt der erwarteten Hilfe, die ihin dringend not tat, crtzielt der arme Gelehrte die niederschmetternde Antwort: die Akademie könne auf Prüfung des Manuskripts nicht eingehen, weil keines ihrer Mitglieder im stände sei, des Verfassers unleserliche Handschrift zu entziffern. Alle Anstrengungen Bachers, einen Menschen zu entdecken, der das furchtbare Manuskript entziffern könnte, waren vergebens, seine Niederschrift war und blieb allen anderen Menschen ein Rätsel. Eines wäre nur noch möglich gewesen: Bacher hätte jemandem sein ganzes Manuskript in die Feder diktieren können. Wer dazu kams nicht: getauschter Ehrgeiz, der Druck materieller Sorgen führten den bedauernswerten Mann ins Irrenhaus. Seine mühsame Arbeit, das Werk eines Menschenlebens, war für immer unbrauchbar. — Ein Autor, der völlig unleserliche Manuskripte lieferte, war auch König Johann von Sachsen. Tie Schrift dieses Fürsten war derart, daß ein Fremder sie überhaupt nicht, seine Umgebung nur mit Mühe zu entziffern vermochte, und er selbst auch oftmals sich manches Wort, das er geschrieben, nicht erklären konnte. Sein Manuskript der Uebersetzung der „Göttlichen Komödie" mußste daher, bevor es in die Druckerei ging, von einem Freunde völlig abgeschrieben werden. Wie sein Biograph, der Staats- Minister v. Falkenstein berichtet, nahm der nachmalige König als Prinz noch in den reiferen Jahren bei einer Dresdener Schreiblehrerin Unterricht. Es half auch für einige Zeit, dann aber wurde die Handschrift beinahe noch unleserlicher als zuvor, und er tröstete sich als König damit, daß — feine Minister Beust, Falkenstein und Friesen nicht viel leserlicher als er schrieben. * Die Entstehung der häufigsten Magenkrankheit. Unter den gefährlichsten Erkrankungen des Magens, abgesehen von den Verstimmungen und Katarrhen dieses Organs, ist das Magengeschwür wohl die häufigste, die als ein Leiden für sich zuerst von dem französischen Arzt und Anatomen Jean Cruhveilhier vor etwa 50 Jahren erkannt wurde. Ueber ihre Entstehung herrschte längere Zeit eine weitgehende Meinungsverschiedenheit. Einige schrieben sie der Wirkung des Magensaftes zu, andere gewissen Störungen des Säfteumlaufs, noch andere wiederum dem Eingriff von Bakterien oder anderen Kleinwesen. Vor ziemlich genau 30 Jahren entdeckte dann Dr. Durante die Verwandtschaft dieses Magenleidens mit dem Beinfraß, indem er nachwies, daß in beiden Fällen die Gewebe für die Erkrankung durch eine tiefgreifende Störung der sie versorgenden Nerven vorbereitet wären. Jetzt ist die wichtige Frage wieher durch Dr. Dalla Vedova in Rom ausgenommen worden, der ihr auf experimentellem Wege betzukommen versucht hat. Er störte bei Tieren künstlich die Tätigkeit der Nerven im Gehirn, von denen die Magennerven abhängig sind. Tie Folge davon war, daß etwa die Hälfte der untersuchten Tiere auffallende Veränderungen in der Schleimhaut des Magens aufwiesen. Aus allen Befunden zieht der italienische Forscher den Schluß, daß die Geschwüre her Magenwände unmittelbar den Veränderungen zuzuschreiben sind, die durch eine Störung der Magennerven veranlaßt werden. Daß die Geschwüre fast immer an einer bestimmten Stelle des Magens auftreten.