Mittwoch den 29. Juli. u W 1903. — Nr. 111. WMM (Nachdruck verboten.) Schloß Osterno. Roman von S. M e r r i m a n. (Fortsetzung.) Im Cafä Dantale, nicht im Garten, — es Mar Winter, — sondern im untern Salon traf er den sogenannten Wassili, der nachdenklich ein Glas Likör' trank. Baron Chauxville ließ sich nieder, teilte dem Kellner ferne Bedürfnisse mit einem einzigen Wort mit und bot einem Gefährten eine Zigarette an, die Wassili mit dem Bewußtsein annahm, daß sie aus einer wappengeschmückten Dose kam. „Ich habe die Absicht, Rußland zu besuchen", sagte der Franzose. „Wieder zu besuchen", verbesserte Wassili mit seiner ruhigen Stimme. Der Baron blickte rasch auf, lächelte und machte mit der Hand, in der er die Zigarette hielt, eine abwehrend« Bewegung. „Also gut, wieder." „In Privatangelegenheiten?" fragte Wassili, wie es schien, nicht so sehr aus Neugierde, als aus Gewohnheit. Er stellte die Frage mit der Sicherheit eines Menschen, der ein Recht dazu hat. Baron Chauxville nickte bejahend. „Der Herr Baron braucht einen Paß?" „Einen Paß und noch etwas anderes", antwortete Chauxville. „Ich möchte etwas, was sie nicht gerne geben, nämlich eine Information." Ter sogenannte Wassili lehnte sich mit einem leichten Lächeln int Stuhl zurück. Es war ein seltsames Lächeln, das wie eine Maske über seine Züge fiel und seine Geidanken vollständig verhüllte. Offenbar fanden des Barons schlaue Reden hier einen unfruchtbaren Boden, und die Epigramme des Franzosen machten auf seinen Zuhörer feinen Eindruck. „Wenn ich den Herrn Baron recht verstehe", sagte Wassili, „so ist die Ursache seiner Reise nach — Rußland in privaten und persönlichen Angelegenheiten zu suchen?" „Allerdings." ' „Es ist also keine Mission", fuhr der andere fort, indem er nachdenklich au seinem Likör nippte. „Durchaus nicht. Ich will Ihnen einen Beweis dafür geben: Ich habe, wie Sie wahrscheinlich wissen, einen sechs- monatlichen Urlaub bekommet!." „Gewiß, mein lieber Baron. Gerade, wenn ein Offizier einen sechsmonatlichen Urlaub erhält, geben wir genau auf ihn acht." Ter Baron zuckte die Achseln. „Kann man es eine „affaire de coeur" nennen?" fragte Wassili mit einem finsteren Lächeln. „Gewiß; find das nicht alle Privatangelegenheiten in diesem oder jenem Sinne?" „Sie wollen also einen Paß haben?" „Ja, einen Spezialpaß." „Ich werde sehen, was srch tun läßt." „Besten Dank!" Wassili leerte sein Glas und blickte auf die Uhr. „Mer ich möchte noch mehr", fuhr der Baron fort. „Tas sehe ich." „Ich möchte, daß Sie mir über den Fürsten Pawel Mexis erzählen, was Sie von ihm wissen." „Mexis von Twer?" „Ja, non Twer. Ich möchte jedoch hören, was Sie von Ihrem Standpunkte aus wissen, mein lieber Wassili; nichts Politisches, nichts Offizielles, bloß ein paar gesell» schaftliche Details." Wieder erschien das seltsame Lächeln auf dem würdevollen Gesichte. „Wenn ich Ihnen nicht altbackene Nachrichten und wertlose Details mitteilen soll, die Sie bereits kennen, so muß ich Sie ersuchen, mir zuerst zu sagen, was Sie selbst wissen, — vor: Ihrem Standpunkte aus wissen", sagte Wassili ziemlich langsam. „Gewiß", antwortete Chauxville mit liebenswürdiges Offenheit. „Ich kenne den Mann nur oberflächlich; er ist ein guter, geschmeidiger, schweigsamer Athlet, voila tout." Auf dem Gesichte Wassilis erschien ein ungläubiges Ausdruck. „Ja", sagte er langsam. „Und Sie?" fragte der Baron. „Sie geben meiner Phantasie zu großen Spielraums antwortete Wassili. „Sie erzählen bloß Tatsachen. Haben Sie über den Mann keine direkten Fragen zu stelHm?" „Ich möchte wissen, was für Absichten er hat; denn Absichten hat er, das sieht man seinem Gesichte an. Ich möchte auch wissen, was er mit seiner freien Zeit anfängt, denn in England muß er freie Zeit genug haben." Wassili nickte und wurde plötzlich redselig. „Fürst Hawel Alexis", sagte er, „ist ein junger Mann, der seine besondere Stellung voll und kühn ausnützt. Er trotzt in ruhiger, beharrlicher Weise vielen Gesetzen, wodurch er die Behörden einschüchtert und in gewissem Grade! lähmt. Er wär in die 'Affäre der Armenliga tief verwickelt und ist nur mit Mühe herausgekommen. Der klügste! Mann in Rußland hat ihm geholfen." "Ja", antwortete Wassili mit seinem starren Lächelst. „Ist das alles, was Sie mir erzählen können?" fragte Chauxville mit einem scharfen Blick auf das Gesicht seines Gegenübers. „Wenn ich offen sein soll", antwortete der Mann, der nie in seinem Lieben offen gewesen tvar, „so ist das alles, was ich Ihnen sagen will/* 442 Baron Chauxville zündete sich eine Zigarette an, wobei ihn das Zündhölzchen übermäßig zu interessieren schien. „Ich bin mit Paul befreundet", sagte er ruhig. „Vielleicht besuche ich ihn in Osteruo." „Doch nicht, wenn Karl Steinmetz in der Nähe ist?" fragte Wassili mit seinem unerschütterlichen, starren Lächeln. „Der kluge Herr Steinmetz wird vielleicht in eine andere nützliche Sphäre versetzt werden. In sein Rad ist ein« neue Speiche gekommen." „Ah!" „Fürst Paul ist im Begriffe, sich zu vermählen — mit der Witwe Robert Beaumonts." „Robert Beaumont?" wiederholte Wassili sinnend, und sein regelmäßig geschnittenes Gesicht hatte einen vollkommen unschuldigen Ausdruck. „Den Namen habe ich schon einmal gehört." Baron Chauxville lachte ruhig. „Ich bin mit ihr sehr befreundet." Der angebliche Attaches der russischen Botschaft temmte die Arme auf deu Tisch und beugte sich vor, sodaß ein breites, fleischiges Gesicht nur wenige Zoll von den charfen Zügen Chauxvilles entfernt war. „Das ist ein großer Unterschied", sagte er. „Das habe ich mir gedacht", antwortete Chauxville, indem er den festen Blick ruhig aushielt. 14. Kapitel. Eine Winterstadt. Petersburg im Schuee ist die malerischste Stadt der Welt und sieht am besten aus, wenn ein starker Nordwind all den Schnee von -der Kuppel der Jsaakskirche Herabgeblasen hat, sodaß der goldene Dom in seiner Pracht über der weißen Stadt glänzt und funkelt. Im Winter ist die Newa eine breite, stille Straße zwischen der Wassili-Insel und den Admiralitätsgärten, im Winter verstummt endlich das greuliche Gerassel Mlf den Kieselsteinen der unebenen Straßen, an seine Stelle tritt die fröhliche MIusik der Schlittenglöckchen, und die niederdrückende Feuchtigkeit dieses nordischen Venedigs wird krystallisiert und Unschädlich. Auf dem Englischen Quai stand ein hohes, schmales Haus, das finster über den Fluß schaute. Es war ein verdächtiges Haus und wurde scharf bewacht, denn es gehörte dem Grafen Stephan Lanowitsch> dem Sekretär und Organisator der Armenliga. Obwohl das Aeußere des Hauses nicht einladend aussah, war es im JnnerU warm und traulich. Der Duft zarter Treibhauspflanzen erfüllte die etwas entnervende Atmosphäre der Räume: die Russen lieben es, ihre Wohnzimmer mit Blattpflanzen und Blüten zu füllen, und in keinem Lande der Welt werden Blumen so vergöttert, wird für Blumendekorationen so viel Geld ausgegeben wie in Rußland. Die Gräfin Lanowitsch gehörte jener Schule au, die in den ersten Jahren des Jahrhunderts in Petersburg und Moskau existierte, jener Schule, die nicht russisch, sondern nur französisch sprach, die die Bauern auf eine Stufe mit den Tieren des Wäldes stellte und offenbar erwartete, daß die Sintflut bald nach ihr kommen würde. Ihr Salon, der auf die Newa hinausging, war für sie charakteristisch. In allen Vasen und Töpfen standen Ca- melien, der französische Roman herrschte unumschränkt auf allen Tischen, das Zimmer wär zu heiß, die Stühle waren M weich, die moralische Atmosphäre zu lau. Mau erkannte sofort, daß es das Wohnzimmer einer trägen, selbstsüchtigen und unwissenden Frau war. , Die Gräfin selbst widersprach diesem Schluß iu keiner Weise. Sie satz auf einem ganz niedrigen Fauteuil, wärmt« ihre kleinen Füße an der Flamme eines großen Holzfeuers und gähnte, während sie die Seiten einer Zeitschrift um- blätterte, die fie in der Hand hielt. . . . Von Gestalt war sie nicht so dick, wie ihr breites, Ziemlich stark gefärbtes Gesicht schließen ließ. Ihre Augen sahen trüb und schläfrig aus, kurz, die Frau war ein verkörpertes Gähnen. Endlich blickte sie auf und bemerkte, daß es hinter den Doppelfenstern dunkler geworden war. „Ach Gott, wann wird es endlich Abend werden!" murmelte sie auf französisch vor sich hin. Während sie noch sprach, hielt plötzlich ein Schotten rasselnd vor dem Fenster. Die Gräfin erhob sich rasch, trat zu dem Spiegel über dem Kamin, ordnete ihr Haar und schob ein Spitzenhäubchen zurecht, das stets schief faß, wobei sie ihr Spiegelbild mit pessimistischen Blicken betrachtete. Sie hatte ein Recht dazu, denn es war das aufgedunsene, rote Gesicht einer alten Frau, die sich allzu sehr nachgibt. Während sie mit diesem trostlosen Zeitvertreib beschäftigt war, öffnete sich die Tür, und eine Kammerfrau trat ein. „Herr Steinmetz, Frau Gräfin." „Ach, sehe ich nicht schrecklich ans, Cölestine? Ich habe geschlafen." Cölestine war eine Französin und besaß daher all den Takt ihrer Nation. „Wie können die Frau Gräfin nur fo etwas fragen? Madame sehen höchstens wie fünfunddreißig aus." Madame schüttelte den Köpf und glaubte es. „Herr Steinmetz legt eben im Flur ab", sagte Cölestine, wieder der Tür zuschreitend. „Es ist gut! Lassen Sie uns dann den Tee bringen." Gleich darauf trat Steiumetz mit einer übertrieben tiefen Verbeugung und einem Blinzeln in den klugen, Augen ein. „Stellen Sie sich vor, lieber Steinmetz", rief die Gräfin lebhaft, „Katharina ist ausgegaugen, an einem solchen Tage! Mon Dien! Wie trübselig, wie grau ist alles!" „Draußen gewiß, aber wie sieht es dagegen hier aus!"• antwortete Steinmetz, ebenfalls auf Französisch. Tie Gräfin kicherte und wies auf einen Stuhl. „Ach, Sie schmeichelu immer. Was für Neuigkeiten! können Sie erzählen, böser Mensch!?" Steinmetz lächelte nachdenklich. „Ich möchte von Ihnen Neuigkeiten hören, Gräfin; Sie! sind immer amüsant und immer schön", fügte er hinzu, und sein Mund unter dem dichten Schnurrbart blieb vollkommen beherrscht. Tie Gräfin schüttelte scherzend den Köpf, wodurch ihr Spitzenhäubchen sich wieder verschob. „Ich? — Ich weiß gar nichts neues! Ich biu eine Nonne! Was kann man denn auch in Petersburg zu Hörers bekommen? In Paris ist das etwas anderes. Aber Ka- ttharina ist zu eigensinnig. Haben Sie das je bemerkt, Steinmetz? Ich meine Katharinas Eigensinn. Wenn fiel etwas will, ist sie wie ein Felsen; die Sache muß geschehen und sie geschieht auch. Es gibt schon solche Menschen. Ich, mein lieber Steinmetz, wünsche nur Frieden und Ruhe, gebe also nach. Ich habe auch dem aplnen Stephan nachs- gegeben, und jetzt ist er verbannt; vielleicht wenn ich fest geblieben wäre, wenn ich all diesen Unsinn mit der Wohltätigkeit verböten hätte, wäre es anders gekommen, und Stephan wäre jetzt .ruhig zu Hause statt in Tomsk oder Tobolsk — ich vergesse immer, wie der Ort heißt. Nun, Katharina sagt, daß wir diesen Winter in Petersburg zubringen müssen, und r— nous voila!" Steinmetz zuckte mit einem mitleidigen Lächeln diej Achseln. Es paßte ihm, daß Katharina iu Petersburg war, und wenn Karl Steinmetz etwas paßte, so lag ihm wenig an den Gefühlen der Gräfin Lanowitsch. „Sie müssen sich mit dem Gedanken trösten, daß Petersburg durch unsere Gegenwart verschönt wird", sagtH er. „Wer ist das? Noch ein Gast?" Die Tür öffnete sich, und Baron Claude vou Chauxville trat ein, indem er sich mit leichter Astmut über die Hands der Gräfin beugte. Dann richtete er sich auf, und die! beiden Männer lächelten einander finster an. Steinmetz! hatte geglaubt, daß der Baron in London fei, und der Franzose hatte darauf gerechnet, daß jener durch feint! Pflichten in Osterno zurückgehalten würde. „Sehr erfreut", sagte Chauxville, indem er ihm die Hand schüttelte. „Das Vergnügen ist auf meiner Seite", antwortete Steinmetz. Tie Gräfin blickte mit ihrem albernen Lächeln von! dem einen zum andern. „Ach, wie angenehm ist es, alte Freunde wieder- züsehen!" ries sie. „Es erinnert einen an die guten, alten Zeiten." In diesem Augenblick tat sich die Tür wieder auf, und Katharina erschien, die in ihren reichen Pelzen beinahe hübsch aussah. (Fortsetzung folgt.) — 443 t r e t ? i nicht l r t t rt t Ja von unfreiwilligem Humor hat derselbe Autor sich fernhalten können in der Strophe: An des Reiches festen: Turme, An des ganzen Volkes Wohl Frißt -gleich einem gift'gen Wurme Der Verderber Alkohol; Er vernichtet Frucht und Blüten, Die der Frühling uns versprach, Und sein unbarmherzig Willen Ruft das Tier im Menscheu wach ! Da versteht Bruno Hüttchen-Berlin die Sache doch Mit besser. In seinem Lied heißt es flott und frisch: Russen und Studentinnen an der Heidelberger Universität. „Da sind in Heidelberg jetzt mehr als hundert russische Studenten. Alle studieren Chemie, Physik, Physiologie — und von etwas anderem wollen sie gar nicht reden hören. Es werden kaum fünf, sechs Jahre vergehen und es werden kaum noch fünfzehn meiner Landsleute die Vorlesungen dieser berühmten Professoren hören . . . Ter Wind wird sich ändern und den Rauch und Dunst auf eine andere Seite werfen . . . Dunst . . . Dunst. . . Dunst!" So pessimistisch läßt ums Jahr 1862 Iwan Dur gen je ff den Helden fernes Romans „Dunst" Litwinoff über seine Landsleute urteilen, wie er sie, die Frage von der Bedeutung und Zukunft Rußlands diskutierend, in Baden-Baden kenrren lernt im Ban,re jenes dunklen Ehrenmannes Gubareff. Der große Romancier hat doch wohl zu schwarz gesehen. Das Interesse der russischen Jugend an den naturwissenschaftlichen Studien und speziell für die Heidelberger Professoren hat dre -gewährten, „fünf, sechs Jahre" überdauert. Seitdem sind vier Jahrzehnte vergangen, und immer hat es in Heidel- berg eine, mit kleinen Schwankungen, zahlreiche Kolonie russischer Studenten gegeben, und, weit entfernt, abzunehmen, hat sie sich gerade in den letzten Fahren bedeutend gesteigert dadurch, daß die Ruperto-Carola — als erste an allen reichsdeutschen Hochschulen — den Frauen das Univer- sitätsstudium eröffnete. ' Seitdem hat sich der Strom russischer Studentinnen, der sich bis dahin den Hochschulen der Schweiz und auch Frankreichs zugewandt, auch nach Heideb- berg ergossen, seit zwei Semestern umsomehr als man ihnen an den preußischen Universitäten neuestens Schwierigkeiten in den Weg legt. Zwar immatrikuliert und so als vollberechtigte „Kommilitonen" behandelt werden sie auch in Heidelberg nicht. Das Abgangszeugnis der russischen Mädchen-Gymnasien wird eben einem deutschen Maturitätsexamen nicht gleich gewertet. Aber als „Hörerinnen" heißt man sie hier willkommen. Die so mindere Rechtsstellung hindert sie in praxi an der Freiheit des akademischen Stu- drums keineswegs. Nur erlaubt es die jetzt übliche Art der Publikation der Universitätsstatistik nicht, sie zählenmäßig zu erfassen. Sie befinden sich eben unter den „62 Hörerinnen" in diesem Sommersemester; nur wenige Nicht- Russinnen werden darunter sein außer den 21 Damen aus Baden. Wie viele „Hörer" aus Rußland gekommen sind, läßt sich ebenfalls nicht ersehen. Jinmatrikuliert sind 92 Russen. 30 studieren davon Medizin, 26 Naturwissenschaften, 28 phylosophische Fächer und 8 Rechtswissenschaft. Man wird die Gesamtzahl der hier in diesem Sommer studierenden russischen Staatsangehörigen auf 150 bis 160 veranschlagen dürfen. Die Gesamtzahl der zum Hören an Vorlesungen Berechtigten beträgt 1884. Doch treten diese acht Prozent Russen im hiesigen akademischen Leben weit über ihren zahlenmäßigen Anteil hervor. Hauptgrund: Sie halten sich wirklich „studierenshalber" hier auf. Das Urvorrecht des deutschen Studenten, das „Schwänzen", ist bei ihnen verpönt; und außerdem haben sie sich für eine Menge Vorlesungen eingeschrieben; manche hören von ftüh bis spät mit bewuudernstverter Regelmäßigkeit und Ausdauer. Ihre beliebtesten Professoren find KUns, Fischer, Windelband, Jellinek und Thode. In dichten Reihen sitzen sie, Männer und Frauen, in deren Kollegien. Ob sie hier noch eine eigene russische Zeitschrift Herausgeber:, wie in Turgenjeffs Erzählung, ich glaube nicht. Dagegen haben sie sich seit vielen Jähren in der Märzgasse ein russisches Lesezimmer eingerichtet. Eine edle Kameradschaft regiert auf Grund der gemeinsamen kulturellen Bestrebungen zwischen den beiden Geschlechtern. Man wohnt meistens in Pensionen oder vereinigt sich doch an gemeinsamer Mittagstafel! in Privathäusern. Ein Verkehr in Gasthäusern findet o gut wie gar nicht statt. Eine abgeschlossene Kolonie, die ihr Sonderdasein führt auf fremder Erde. Anders die deutschen Studenten in Grenoble, Gens oder Paris und London, die gerade in der fremdländischen Gesellschaft untertauchen und im Prinzip den Verkehr mit Landsleuten meiden. Es fehlt eben den Russen das philologische Interesse det Konversation. Es sind auch gewisse Straßen, die sie bevorzugen, den Neuen Stadtteil zwischen Bahnhof und Friedhof. Sie bekunden demnach einen frischeren, fröhlicheren Natursinn als unsere heimischen Studenten, die selbst im Sommer d:e dumpfen, modrigen Stuben in den Winkelgassen der Altstadt beziehen, in denen schon Generationen ihrer Verbindungsbrüder gehaust, die j:e allerdings gleichfalls nur als „Schlafstellen" benutzen. Stärker als das Geschlecht erweist sich die nationale Zusamnlengehörigkeit. Kein Commercium besteht zwischen den russischen und den deutschen Studentinnen. Sie ignorieren sich völlig. Die Russen verkehren ausschließlich unter sich, uno andererseits die Deutschen, und auch bei den Deutschen die Kameradschaft von Student und Studentin. Ausschließlich Deutsche sind als Studentinnen rite immatrikuliert. Es sind im laufenden Semester ihrer 30, von denen 13 erst in diesem Sommer hierher gekommen sind, 16 sind in der medizinischen, 11 in der philosophischen, 2 in der naturwissenschaftlich-mathematischen Fakultät eingeschrieben; 1 Dame studiert Nationalökonomie. Der Staatsangehörigkeit nach find von den Damen 14 Preußen, 9 aus Baden, 3 aus Sachsen, je 2 aus Bayern und Hessen. Von den Badenerinnen widmen sich drei der „Philosophie", 5 der Medizin und 1 der Zahnheilkunde. Noch ein Wort über das Aeußere, doch für Frauen nicht Aeußerliche, die Toilette. Die studierenden Damen bekennen sich durchweg zur Einfachheit. Selbst die man später auf der Straße oder im Konzert als „grande dann" gekleidet trifft, auf dem Weg zum Kolleg befleißigt sie sich! unscheinbarer Gewandung. Bei den Deutschen hat das Reform kleid gesiegt. Von den Russinnen aber wird es verabscheut: bei ihnen herrscht ausschließlich noch Korsett, Bluse und Rock, in der Regel in geschmackvollem Arrangement; die nachlässigen und schmierigen Typen, wie sie Johannes Scherr aus dem Zürich der 70er Jahre schildert, trifft man glücklicherweise höchst selten. Das Semester geht zu Ende. Die Russen rüsten sich zur Heimkehr. Doch mancher bleibt hier, muß hier bleiben, weil am Tore der Heimat für ihn der Wegweiser aufgerichtet steht, der nach — Sibirien zeigt, wohin der Freund, der Bruder oder die Gattin bereits „administrativ verschickt" sind ob des Verbrechens, den Strahl westlicher Kultur geleitet zu haben in die Kirchhofsruhe des heiligen Rußland. Heidelberg ist nicht blos die „Stadt fröhlicher Gesellen . . . ." H- H- Alkoholfreie Trinklieder wird man in den nächsten Tagen in Berlin zu hören bekommen. Der er st e deutsche Abstinententag wird nämlich vom 8. bis 10. August in der Reichshauptstadt seine Sitzungen abhalten, in denen u. a. der bekannte Psychiater Pros. Dr. Forel, sowie Eisenbähndirektor de Terra, der Gründer des Vereins abstinenter Eisenbahner, sprechen werden. Natürlich. fehlt es auch üicht an geselligen Festlichkeiten, und aus ihnen werden dann herzerhebende Lieder zum Preise der Enthaltsamkeit gesungen werden. Ob während des Gesanges dieser Carmina dieselbe Begeisterung herrschen wird, wie wenn Hunderte froher Keheln das „Hier sind wir versammelt zu löblichem Tun" oder das „Wohlauf noch getrunken den funkelnden Wein" anstimmen, das läßt sich ja jetzt noch nicht sagen. Aber so ganz leicht haben es die Festdichter ihren Gesinnungsgenossen nicht gemacht, in die rechte frohe Stimmung zu kommen: dazu sind ihre poetischen Produkte viel zu didaktisch, zu polemisch gehalten. So singt beispielsweise Hubert Röver-Hamburg: Kamps der Sitte, die nur Wehe, Leid und Gram den Menschen bringt, Die ins Heiligtum der Ehe, Zwischen Kind und Eltern dringt, Die dem Volke Milliarden Steuern jährlich auserlegt. Und trotzdem von Wirtshausbarden Wird gepriesen und gepflegt! 444 Redaktion: Nuqust Götz. — No'ationsdruck und Verlag der Vriihl'schen UniversitätS-Vuch» und Eteindruckerei. R. Lange, Gießen. GemeinnNtziges. Flecken-Tinktur. Dreißig Gramm recht sein geschnittene Setfenwurzeln werden solange.in einem Viertel/ Itter Wasser gesotten, bis das Ganze auf die Hälfte ein-' gekocht ist; dies wird sodann filtriert, zwanzig Gramm Salmiakgeist hinzugesetzt und diese Mischung in gut ver- stöpselten Gläsern anfbewahrt. Will man von der Tinktur Gebrauch machen, so werden die im Tuche befindlichen Flecke stark damit angefeuchtet und, wenn die Feuchtigkeit genug eingedrungen ist, die Stelle mit einer Bürste und warmem Wasser ausgebürstet. Für Seidenzeuge bedient man sich zum Aufträgen der Tinktur sowie zum Auswaschen zwecklnäßiger eines Schwammes, da die Bürste zu angreifend ist. Diese Fleckentinktur empfiehlt sich nicht allein durch ihre wohlfeile Herstellung, sondern auch durch den geringen Aufwand von Mühe bei ihrer Anwendung, und entfernt Oel-, Fett-, Pech- und andere Flecke aus den verschiedensten Stoffen, namentlich aus seidenen, wollenen und baumwollenen Zengen mit zarten Farben, welche durch Waschen mit Seife leiden würden. Zum förmlichen Waschen der Zeuge bereitet man eine Abkochung aus einem Viertelpfund Seifenwurzel auf eine Maß Wasser; darin wäscht man, lute im gewöhnlichen Seifenwasser, die Stoffe zweimal ans und spült sie nachher in frischem Wasser gründlich ans. ' Das Klingen der Gläser gar viele bestrickt Wir wissen, was reiner die Seele entzückt! Uns hebet die Herzen zu festlicher Stund Ein silbernes Lachen aus lieblichem Mund! Jnvivallera! Man hat zwar „Asketen" uns höhnisch genannt — Das sagen nur Leute, die nie uns gekannt; Denn wer uns jetzt siehet und wer uns belauscht. Der meinte ganz sicher, wir seien berauscht! Juvivallera! Doch stammt unser Rausch nicht vom Bier, nicht vom Wein, Er kommt uns vom Rauschen der Freude allein! Die regt sich im Innern und will an das Licht — Wir jubeln darüber und wehren ihr nicht! Juvivallera! Das ist so hübsch empfunden, daß selbst Leute, die nicht prinzipielle Verächter von Mer und Wein sind, an der Tafelrunde mit teilnehmen möchten! Aber wehe! Gleich hinterher in dem Liederverzeichnis kommt ein von Dr. Bonne-Kl. Flottbeck verfaßter düsterer Cantus zumj Lobe das Wassers- bjgr sich besonders in folgenden Strophen drohend vernehmen läßt: Was wandelt Gesang zu der Tiere Gebimmm, Bis die Sänger oft krtechen auf Vieren? Was macht dem Philister'den Rücken krumm? Was hält den Müder Studio dumm? Das Gift in den Weinen und Bieren! Und fragt Ihr, was Freiheit und Kampflust uns schüfst? „Wasser, frisches Wasser, Wasser, das gab uns die Kraft!" Wer sein Vaterland liebt, der trinkt es nicht mehr. Das Gift von den Brennern und Brauern! O flöß' es hinab! doch ins fernste Meer, Dann wären die Taschen, die Schädel nicht leer. Manch' Witwe braucht' nicht zu trauern! Was erhält unserm Vaterland Reichtum und Mast? „Wasser, Wasser, — Wasser, das alles uns schasst!" Vermischter. * Bogtländische. Schnaderhüpfl. In einem hübschen Feuilleton über Volkskunde berichtet Professor Dr. S e y f f e r t im „Leipz. Tagebl." über dass sangesfrohe sächsische Vogtland, wo noch jetzt von den Be- wohnern Schlurnberliedel, Tschumper- oder Schumberliedel und die Rundas gesungen werden — das „Runda" kommt auch im Faust in Auerbachs Keller vor. Es sind kleine Liedchen, die meist aus vier Zeilen bestehen und nach einfachen Weisen gesungen werden. Ein Jodler macht oft den lustigen Beschluß. Wer einmal aus einer unverfälschten vogtländischen Kirmes gewesen ist und dem Meiben in dran gv oll-fürchterlich er Enge zugesehen hat, der wird erstaunt gewesen sein, wie viel volkstümliche Eigenart sich hier in dem niederen Tanzsaale zusammenfand. Wenn daun beim jungen Volke die Lustigkeit den Höhegrad erreicht, dann werden Rundas gesungen, herausfordernd — mit der Antwort wird nicht lange gewartet. Erst erklingen bekannte; Liedchen, dann aber erschallen unter allgemeiner Heiterkeit Eingebungen des Augenblickes, der tollen Zäune und des urwüchsigen Humors. Die Poeten des Dorfes gelangen zu ihrem Rechte. Ja, es wird ein Meistersingen, die Insassen der einzelnen Dörfer „hänseln" sich!, ttnb hinüber und herüber flattern die lustigen Lieder. Da singt die eine Partei: „De Chrieschwitzer Madle Hamm lange Nos'n, Do ka der alt' Schulze An Dusch drauf blos'u." Und als Antwort klingt's: „De Vogtsberger Madle Hann zwa Paar Strümps' a. De öbern senn zerrissen, Düß m'r de untern seh' ka." Oder die Burschen singen: „De Olmerschgrüner Madle . Hamm große Ohrgehäng, Wenn se in de Kerch kumme, Hamm se kau Ciulegpfeug." Die Mädel antworten schnellt „De Zöberner Gunge, Die thunne su grüß, Hämin a awrigs Paar Stiefeln, — Senn do de Suhll'n lüs." Aber nicht nur übermütige, auch traurige Lieder, die vom tiefen Herzweh sprechen, kann man hören: „Dös ho ich doch net denkt, Döß dös a gar su kränkt. Wenn ann der aNnern Ihr Schotzel wegfängt." Literarisches. — JuliaCartwright,FrantzoisMillet. Sein Leben und seine Briefe. Leipzig, Hermann Seemann Nachf. — Miß Cartwright hat uns ein schönes Buch geschenkt. Die große, schlichte, kernhafte Persönlichkeit des „Jupiters in ' Holzschuhen" wird aus ihm lebendig, vielleicht gerade, weil sie mehr von dem Menschen als von dem Maler spricht und deshalb nicht ästhetisiert. Vor allem ist die Schilderung des Jügeudlebeus so wunderschön, daß man dieses Stück Wahrheit mindestens an die Seite der schönsten Dichtungen mit ähnlichem Inhalt stellen wird. Für Kinder. Plastische Weltbilder. Von den interessanten „Plastischen Weltbildern", dieser überraschend wirkenden Neuheit auf dem Gebiete der Stereoskopie- ist soeben im Deutschen Verlag, (Ges. m. b. H.) Berlin SW/11, König- grätzerstr. 41/42 das vierte Heft: „Potsdam, Char- lotteuburg und die Mark" erschienen. Das Heft ent* hält folgende Abbildungen: Stadtschloß in Potsdam, Parktor von Sanssouci, Schloß Sanssouci, Historische Windmühle, Orangerie, Schloß zu Charlottenburg, Mausoleum, Kaiser Wilhelm-Gedächtniskirche, Portal des Zoologischen Gartens, Löwenbrücke um Tiergarten, Havel bei Spandau, Nicolai- kirche in Spandau, Aussichtsturm aus dem Müggelbergc, Strausberg am Straus-See, Märkische Schweiz. (Preis 1 Mk.) Dieses Heft, sowie die bisher erschienenen Hefte 1—3: „Eine Knipsfahrt durch Berlin", „Eine Blitzfahrt durch Süddeutschland" und „Rheinwanderungen" sind durch alle Buch- und Papierhandlungen zu beziehen. Silbenversterkrätsel. (Nachdruck verboten.! Kinderstube, Kerker, Gefolge, Centimeter, Sonnenschein, Detmold. Es ist ein Sinnspruch zu suchen, dessen einzelne Silben der Reihe nach versteckt sind in vorstehenden Wörtern ohne Rücksicht auf deren Silbenteilung (also wie die Silbe na in Knabe, Naumburg oder Wilna). ^Auflösung in nächster Nummer.) Auflösung der Gleichung m vor. Nr.: Eduard, (a Ehering, b Herring, c Duelle, d Elle, e Marder, f Sommer.)