Moncag den 29. Juni. Nr. 95. W « C* S- !!!' Ä Stau WM M- WWÄÄ ■ (Nachdruck verboten.) Die Namensschwestern. Frei nach dem Englischen von Clara R h e i n a u. (Fortsetzung.) „D, dies ist aber wirklich nicht der Fall", rief Minor sehr bestimmt. „Ich habe sie schon oft in dem kleinen Gefach mit der Aufschrift „postlagernd" auf dem Postamt liegen sehen. Deshalb geht er auch wahrscheinlich so oft nach Bcarsord hinüber, und so dachte ich ihm einen Weg zu sparen." „Sehr liebenswürdig von Ihnen", sagte Frau Wilson. „Aber Sie sind entschieden besser über seine Angelegenheiten unterrichtet als ich", fügte sie in etwas scharfem Tone bei, der Ellinor erschreckte. „Nun, schelten Sie aber nur nicht mit ihm", bat sie schmeichelnd, besorgt, ein Geheimnis verraten zu haben; „es ivird irgend ein ausländischer Freund sein, der ihm auf diese Weise schreibt. Bitte sprechen Sie doch nichts mehr darüber." „Nun, so will ich es nicht tun, wenigstens nicht jetzt", versprach! Frau Wilson gutmütig. Wenn Ellinor nicht eifersüchtig war, warum sollte sie es sein? Nichtsdestoweniger grübelte sie nach der Entfernung der jungen Dame etwas unbehaglich über die Neuigkeit nach und besann sich, wie sie den Namen des unbekannten Brief- schreibers erfahren könne. Ein günstiger Znfall wollte, daß ihre Neugierde sehr bald befriedigt wurde. Ihn die Mittagszeit kehrte Richard kotbespritzt von seiner Arbeit heim. Nachdem er seine Kleider gewechselt hatte, setzte er sich an den Schreibtisch in seinem eigenen Zimmer, um seinen zweiten wöchentlichen Brief an Aimee abzufassen. Heute fiel ihm diese Aufgabe doppelt schwer, denn wieder mußte er von einem neuen Aufschub melden. Zweimal begann er seine Epistel, zerriß aber jedesmal die unvollendete Seite in kleine Stücke. Dann schrieb er die Adresse auf die Brieshülle und begann zum drittenmal. Aber kaum hatte er die ersten Worte „Meine Liebe" geschrieben, als er hinunter gerufen wurde, um mit dem Berlvalter von Westfields zu sprechen. Er eilte hinaus, die Türe weit offen lassend, so daß seine Schwester, die eben über den Vorplatz ging, seine beschmutzten Kleider gerade vor Augen hatte. „Unordentlicher Mann!" murmelte sie vor sich hin und betrat das Gemach in der Absicht, Ordnung zu schaffen. Ihr erster Blick fiel auf die weiße Briefhülle mit der Adresse: „Fräulein Forest St. Marienhaus Brüssel Prinzenstraße" — und in einem Augenblicke wurde ihr klar, daß dies die Schreiberin von Richards postlagernden Briefen war. Einige Sekunden betrachtete sie die Adresse, die sie sich, fest ihrem Gedächtnis einprägte. Dann warf sie einen forschenden Blick auf die zerrissenen Bogen und in den gerade begonnenen Bries. In sehr unbehaglicher Stimmung suchte sie das Speisezimmer auf, entschlossen, ihren Bruder am Nachmittag zu einer Spazierfahrt zu bereden und bet dieser Gelegenheit volle Aufklärung von ihm zu verlangen. Mer dieser Plan sollte ihr gänzlich durchkreuzt werden. Oben in seinem Zimmer hörte sie ihren Bruder herumhasten, und als er sehr bald herunterkam — in den wenigen Minuten hatte er ein paar Zeilen an Aimee aufs Papier geworfen — rief er nur an der Türe seiner Schwester zu, sie möge mit dem Essen nicht auf ihn warten. Seine Anwesenheit in Westfields sei dringend nötig, um mit Oberst Mellin, der bereits dort angekommen sei, gewisse Wassergrenzen festzustellen. Wahrscheinlich werde er auch noch nach Vearford hinüber gehest, zum Wendessen aber wieder zu Hause sein. „Also bis dahin lebe wohl, sagte Frau Wilson, deren Miene sich bei der Erwähnung Bearfords verdüstert hatte. Richard sollte und mußte ihr dieses Geheimnis erklären, ehe es viele Stunden älter war, und sie würde vermutlich ihren Willen dnrchgesetzt haben, hätten ihr nicht die nächsten Stunden eine schwere Sorge gebracht, die für eine Zeit lang die kleinere Unruhe gänzlich in den Hintergrund drängte. Jnzlvischen kehrte Ellinor, noch immer in heiterster Stimmung, von ihrem Morgenritt zurück. Sobald sie das Haus betreten hatte, begann sie eine Reihe von Fragen: „War Herr Morgan hier gewesen? Hatten die Diener ihn gesehen? Hatte Harris nicht gesagt, ob er diesen Nachmittag käme?" Als sie von Herrn Morgans Verabredung mit Oberst Mellin hörte, betrat sie rasch das kühle Bibliothekzimmer, in das sich Fräulein Bassett zurückgezogen hatte, und kündigte dieser an, daß sie sich ebenfalls bei dem Zusammentreffen einsinden werde. „Bitte, klingeln Sie", fuhr sie fort, „und geben Sie Austrag, daß man rasch etwas zu essen hierher bringe." Fräulein Bassett legte das Erbaunngsbuch bei feite, in dem sie gelesen hatte, und heftete ihre harten grauen Augen auf die junge Herrin des Hauses. „Das Gabelfrühstück wird zur passenden Zeit am passenden Ort bereit sein", sagte sie kalt. „Ich wünschte, meine Liebe, Sie würden nicht vergessen, daß in einem Haushalte Ivie in diesem Ordnung und Pünktlichkeit vor allen Dingen notwendig sind. Gute, englische Dienstboten, erwarten dies." „Dann werden gute englische Dienstboten sich in meinem Hause anders gelvöhnen müssen", entgegnete Ellinor kurz. „Bitte, klingeln Sie". 378 „Sogleich", sagte Fräulein Bassett ruhig. „Mer darf ich zuerst noch etivas mit Ihnen besprechen?" „O gewiß, wenn es nicht zu (äuge dauert." Und ihr Filzhütchen ans den Tisch werfend, setzte sie sich nieder, während des ernsten Teils der nun folgenden Unterredung ungeduldig mit den Knöpfen ihres Reitkleides spielend. Fräulein Bassett begann in nervöser Erregung zu sprechen, denn nun stand eine Krisis bevor, auf die sie große Hoffirungen gesetzt hatte: „Ich hoffe, Sie erkennen an, Fräulein Graham, daß mein Amt hier bei Ihnen kein leichtes war. Jetzt, da ich dessen Errde herannahen sehe — Ellinor blickte auf, errötete, widersprach aber nicht — „muß ich Sie darair erinnern, wie sehr ich mich bemüht habe, treu uud ehrlich bernüht habe (Minors hübscher Mund verzog sich zrr einem ironischen Lächeln), Ihre Manieren, und Ihre Sprechweise in einer Weise zu leiten, daß Sie sich mit Ehren in den englischen Kreisen Bewegen konnten." „Ich danke Ihnen sehr, daß Sie es getan haben und mich so freundlich daran erinnern", brauste Ellinor aus — denn Fräulein Bassetts beständige „Leitung" hatte sie den ganzen Sommer über unbeschreiblich belästigt. „Entschuldigen Sie, wenn ich Sie meinerseits daran erinnere, daß Ihre Dienstleistungen außerordentlich gut bezahlt wur- den. Wenn Papa herüber kommt, und — andere Einrichtungen getroffen sein werden, werde ich zweifellos rm stände sein. Sie zu entlassen." Fräulein Bassett verfärbte sich. Sie hatte vorher noch anderes zu regeln, deshalb suchte sie sich jetzt mit Gewalt zu beherrschen. „Ich glaube", sagte sie, „wir müssen noch eine Angelegenheit ordnen, ehe ich — entlassen werde, wie Sie sagen. Mein Gehalt, dessen Sie gütigst erwähnten, mag vielleicht ungewöhnlich hoch scheinen rm Vergleich zu den Pflichten, die ich zu erfüllen habe. Mer ich muß Ihnen deutlich sagen, daß dieses Gehalt, das ich fünfundzwanzig Jahre lang von Frau Graham, seit fünf Monaten von Ihnen empfing, zugleich eine Bezahlung für Wichtigeres war, als es die Dienste einer Gesellschafterin sind." „Nun?" fragte Ellinor, als Fräulein Bassett inne hielt, um tief Atem zu schöpfen. „Für die Bewahrung von Frau Grahams Geheimnis, das auch das Ihrige ist." " „Mein Geheimnis?" rief Ellinor, ihren Stuhl heftig zurückstoßend, als ob sie fürchte, die Sprecherin habe plötz- kich den Verstand verloren. „Welch' abgeschmackte Erzählung ist' dies? Ich habe kein Geheimnis, für dessen Bewahrung Sie bezahlt werden müßten." „Eine kleine Aufklärung, und Sie werden anders denken", war die zuversichtliche Entgegnung. „Ein Mann — ich. kann ebensogut sagen, ein Ehemann — würde sicher wünschen, die betreffende Sache geheim zu halten; ich sage, es wäre am besten, sie dem Gatten selbst vorzuenthalten. Meiner Ansicht nach besteht keine Notwendigkeit für Sie, _ einem Manne, der vielleicht auf seine eigene Familie stolz ist, gleichsam die Masse der Geringschätzung für die Ihrige in die Hand zu geben." „Geringschätzung für meine Familie?" wiederholte Ellinor, sich erhebend und mit verschränkten Armen stolz und trotzig vor Fräulein Bassett hintretend. „Bitte, Fräulein Bassett, was können Sie mir oder meinem — meinem Gatten oder sonst jemandem sagen, worüber wir Grahams uns zu schämen hätten?" „Nun", begann Fräulein Bassett langsam, „ich könnte Ihnen sagen, daß die Mutter der Grahams ein gewöhnliches Landmädchen war. in einer Hütte geboren, und in Armut ausgewachsen, die Tochter eines Mannes, der weit und breit als der geschickteste Wilderer bekannt war, dessen Söhne aber vollauf den Titel verdienten, den ihnen Oberst Mellin beigelegt, als er sie die unverbesserlichsten Schurken nannte, die jemals ungehenkt Herumliesen! Ich weiß", fuhr Fräulein Bassett hastig fort, denn Ellinors Augen verrieten einen Sturm von widerstreitenden Gefühlen, obschon das junge Mädchen sich totenbleich wieder niedergesetzt hatte — „ich weiß, dies ist nicht Ihre Schuld, und es wäre hart, wenn Sie dafür leiden müßten. Mer Sie würden schwer dafür zu leiden haben, wenn diese Sache in die Oeffentlichkeit käme. Ich habe indessen kein Verlangen, es bekannt, zu machen, daß Tora Stirling Ihre Mutter ist." "Stirling?" wiederholte Ellinor, „die Tochter jener „Ja, jener armen, alten Frau, die Sie schon mehrmals besucht haben. Sie ist genau, so mit Ihnen verwandt, wie es Frau Graham war." Ellinor blickte an die Wand des Bibliothekzimmers, wo jener reichen Großmutter Bildnis hing, scheu und stolz, gegenüber den mehr zarten Zügen ihres früh verstorbenen Gatten. Konnte man dieser Erzählung Glauben schenken? — dachte sie verwirrt. Lag hier die Erklärung jenes leicht erkennbaren, aber schwer zu beschreibenden Unterschiedes zwischen ihren Eltern, der ihr so oft aufgefällen war? War dies der Grund, warum ihr Vater fern von seinem Vaterland lebte und seinen Kindern nie von ihren fernen Verwandten sprach, noch ihnen zu sprechen erlaubte? Arm und ungebildet war ihre Mutter gewesen? „Schurken" nannte man die Männer ihrer Familie? Ein solch' doppelter Makel tvürde in der englischen Gesellschaft nie übersehen werden, darüber war Ellinor sofort sich klar. Schweigend dachte sie einige Minuten über ihre Lage nach — Minuten, die Fräulein Bassett fast eine Ewigkeit dünkten. Endlich schien sie einen Entschluß gefaßt zu haben. „Sind Sie vollkommen von der Wahrheit Ihrer Aussage überzeugt?" fragte sie. „Vollkommen." „Wie kam es, daß Sie davon erfuhren, und sonst niemand?" Der Ton war herrisch, wie der einer echten Graham. Fräulein Bassett's erste Neigung war, sich beleidigt zu zeigen; aber sie besann sicy eines Besseren. „Ich kam etwa einen Monat nach dem Weggehen Ihres Vaters hierher", antwortete sie. „Ich ivar in diesem Zimmer anwesend, als Ihre Großmutter seinen Brief erhielt mit der Nachricht, daß er das Mädchen, das er liebte, geheiratet habe. Es war ein fast tötlicher Schlag für sie, und in ihrer ersten Schwäche und Erschütterung teilte sie mir den Inhalt des Briefes mit. Obgleich sie der verkörperte Stolz war, tvürde es sie, glaube ich, getötet haben, ihren Kummer allein zu. tragen." „Und Sie waren Ihre einzige Vertrante?" „Die einzige." „Warum teilte man den Stirlings nichts hiervon mit?" — „Weil Ihr Vater der echte Sohn seiner Mutter ivar. Er konnte eine niedere Heirat schließen, die ihr fast das Herz brach; er konnte auf die Hoffnung verzichten, einst ihren Reichtum zu erben, aber diesen einen armseligen Trost gab er ihr aus eigenem Antrieb. „So lange Du lebst", schrieb er, „wird keine Seele in England erfahren, wer meine Frau ist. Ich verspreche dies in ihrem und meinem Namen." Und daratr haben sie festgehalten und wütrschen dies ohne Zweifel auch für die Zukunft zu tun." Ellinor's ausdruckvolle Züge zeigten ein Gemisch von Schmerz und Scham, als sie jetzt die Frage stellte: „Also jene einsame alte Frau Ur der Hütte da drunten weiß nicht, wo oder wer ihre Tochter ist?" „Nein", versetzte Fräulein Bassett eifrig. „Sie weiß gar nichts." „Dantr", sagte Minor, und erhob sich latrgsam, denn der Boden schien unter ihren Füßen zu schwanken, „dann ist es Zeit, daß sie es erfährt. Ich iverde hingehen, und ihr alles sagen!" „Fräulein Graham!" rief Fräulein Basfett heftig. — Denn alle Entschädigung für das Erbteil, das ihr entgangen, alle die großartigen, gewinnbringenden Pläne, die sie auf diese Eröffnung gebaut hatte, schienen sich in Mchts aufzulösen. „Bitte, bedenken Sie erst, was Sie tun wollen! Es hat nicht den geringsten Zweck, die Sache bekannt zu machen. Lassen wir sie ruhen. Ich kann das Geheimnis für Sie ebensogut bewahren, wie ich es für Frau. Graham tat." „Für die gleiche Bezahlung?" „Ja", stimmte sie sehr eifrig bei, erfreut über die erneuerte Aussicht auf jenes behagliche Einkommen. „Und es auch vor meinem — meinem Gatten geheim halten?" „Ganz etitschieden." „Dann werde ich Sre „ganz entschieden" zu nichts Derartigem verpflichten!" rief Minor verächtlich. „Ihre Mitteilung ist teilte angenehme, das gestehe ich. Aber ich bin nicht so feige, um noch längeres Schweigen zu erkaufen — 379 und dadurch bereu Peru zu verdoppeln. Mr Wörden unser Geschick zu tragen wissen, ich und die Meinen. Sie können ganz nach Ihrer» Belieben die Neuigkeit verbreiten oder geheim halten." Minor fühlte ihren Stolz aufs tiefste verwundet, und ein physischer Schmerz schürte ihr während des Sprechens die Brust zusammen. Wer tapfer hielt sie sich aufrecht, nahm ihren Hut vom Tische und hatte das Zimmer verlassen, ehe Fräulein Bassett nur zu Atem gekommen war, um einen neuen Mrwand zu erheben. „Viktor 1/' erklang ihre Stimme in der Halle. „Wenn Herr Morgan kommt, sagerr Sie ihm, ich würde in einer Stunde zurück sein, und wünschte ganz besonders, ihn heute zu sprechen." Dann vertauschte sie rasch ihr Reitkleid mit einem andern und eilte zu Fuß in großer Hast dem Dorfe zu. Trotz des schwülen Augusttages war Fräulein Bassett kalt vor Wut, als Minor sie verlassen hatte. Eilt so edles Unabhängigkeitsgefühl, wie dieses junge Mädchen zeigte, hatte sie nie in ihre Berechnung gezogen. Nie hatte sie gezweifelt, daß sie in dem für Elltnor so qualvollen Augenblicke sich einen Teil des Vermögens sichern werde, für das sie so lange Jahre vergeblich gedient urrd Pläne geschmiedet hatte. Wie töricht war sie gewesen, den Handel erzwingen zu wollen, ehe Minors Heirat das Geheimnis kostbarer, ihr Schweigen preiswürdiger gemacht hatte. „Sie wollen inich Wohl los werden, Sie gedenken hochfahrend alles ohne mich zu ordnen, Fräulein Minor, nicht wahr?" sagte sie, mit entern bösen Lächeln der rasch dahineilenden Gestalt nachblickend. „Wer so gewiß tote Sie leben, mein gnädiges Fräulein, so gewiß werden Sie den Tag berwünschen, an dem Sie sich Karoline Bassett zur Feindin machten!" Wie kam es nur, könnte man hier fragen, daß die enttäuschte Person ihre stärksten Angriffe auf Fräulein Gra- harn's Edelmut nicht zur Geltung brachte? Hatte sie den Rat des freundlichen Landarztes vergessen, oder verzichtete sie freiwillig auf eine Waffe, die ihr vermutlich besser gedient hätte, als jene, die sie benutzte? Nur ihr eigenes späteres Verhalten kann diese Fragen beantworten. (Fortsetzung folgt.) Selma Lagerlöf. Von Bertha Kes. Der Freude am Schaffen des Kuustschönen kommt die Freude am verständnisvollen Genießen desselben am nächsten. Es ist ein geheimnisvolles Band, so feilt als stark, das sich schlingt um den schöpferisch begabten Genius urrd die Seele, die zu seiner Aufnahme bereit ist, der kongenialen Natur. Es ist fest und unzerreißbar tote ein Naturgesetz. Es löst die reinsten, die göttlichen Empsind- urigen der Menschenseele aus: die tiefste Dankbarkeit, die uneigennützigste Liebe. Diese sich ewig erneuernde Schaffenskraft, die herrscht, ohne zu knechten, ist die Licht und Wärme gebende Sonne unseres vom Alltagsstaub umtoöÜten Daseins. Wohl dem, der noch betoundern kann, der sich noch hinzugeben vermag! — Im Jahre 1891 erschien in Schweden das Buch „Gösta Berling", das die nordische literarische Welt auf das tiefste erregte und sehr bald tu zwei Heerlager teilte. Es ent» fesselte eine Polemik, von der die in ihre Träume eingesponnene Dichterin wenig vermutete. Jahrzehntelang hatte der Kampf der Realisten gegen ba§ Epigonentum der nachklassischen Zeit und gegen die Vertreter der Romantik getobt. Im Anfang geschmäht und entrüstet zurückgewiesen, hatten sie endlich bett Sieg auf der ganzen Linie erfochten. Triumphierend waren sie an die führenden Stellen in Kunst und Poesie getreten. Die Schlagworte: Realismus, Naturalismus, Wahrheit um jeden Preis, Wahrheit bis zur psychologischen Zerfaserung von Momentaufnahmen gewisser Seelenzustände, waren die ausgegebene Parole. Ta erschien nun dieser „Gösta Berling" ttnd es entstand zunächst eine Verlegenheitspause. Was sollte man an- fangeu mit einem Werke, das sich nicht katalogisieren ließ? Das sich las tote alte Bardenpoesie aus einer Zeit, da die Gesänge von Mund zu Mund überliefert wurden, da die Menschen wie gewaltige Naturkräfte widereinander strebten oder sich verbanden zu heißer Liebe und noch heißerer Torheit; das mit einer wahren Wollust den alten Zauber der Rotnantik herausbeschtoor und das mühevoll Erreichte scheinbar za verdrängen suchte. Wie ergötzlich ist dieser Zustand literarischer Verdan- ynsbeschwerden für den Unbeteiligten — nicht weil es pro oder contra Realismus heißt —, nichts läge der Verfasserin dieser Zeilen ferner als solch ein Angriff, . nur ganz im allgemeinen betrachtet, weil nichts der Kunst und ihrer freien Entwicklung hinderlicher ist, als dieses Eingeschworensein auf eine Richtung, ein Prinzip, eine Schule. Für schwache' und halbe Talente mögen sie ein Hintertürchen bilden, durch das jene als auf dem einzig ccreichlmren Weg in die Kunst- nitb Literaturgeschichten schlüpfen, wo sie dann zur Verzweifluttg aller Studien- beflissenen jahrzehntelang als uuerlöste Geister spuken, für beit starken, schöpferischen Genius aber bilden sie nur Fesseln, an denen seine Kraft sich wündreibt. Und das gilt nicht nur für die Kunst. Wer die Kou- sequenz bis zur Orthodoxie treibt, schädigt seine Sache sowie sich selbst. Er ertötet in sich all die zarten Keime herrlicher Lebenstriebe. Er verwischt das von der Ratm buntgewollte Bild des Lebens zu einem oben, fahlen Gran. Er wird ein Pedant und sei er ein Vertreter der nltrarnodernsten Richtung. Das Wort „Richtung" allein ist eine Beengung, eine Einschränkung wie das Wort „Partei", es bindet den Flügelschlag der freien Seele. Nur wer das Leben, das vielgestaltige, wer die Kunst wie die Natur ohne jedes Vorttrteil auf sich wirken läßt, bleibt innerlich wirklich frei. Wir verlangen nach dem Großen, wir ersehnen das Hohe, das Ursprüngliche, das Persönliche, aber wenn es uns, Fleisch geworden, gegenübertritt, sind unsere Höben Augen nicht int stände, ins Licht zu schauen. " Auch bei uns hat „Gösta Berling" auf Verständnislosigkeit und Widerspruch gestoßen. Fremdartig »tutete der Stoff an, wunderlich, kühn und bizarr erschien Uueirt- geweihten die Behandlung. Es gab auch bei uns Leute, welche die Frage anfwarfen, ob die Dichteritt das Recht habe, im Jahre des naturalistischen Heilverfahrens 1891 solchen Stoff so zit formen. Nun, Recht oder Unrecht. Jedenfalls besaß sie die Kraft. Und wo die Kraft ist, da ist Daseinsberechtigung. Das Schöpsungswort: „es werde", das man so bezeichnend den göttlichen Funken nennt, die Gabe einer glühenden Phantasie — unserem Geschlecht, und nicht mit Unrecht, heftig abgesprochen —, die mußten ihr auch die Gegner zugestehen. Damit aber besaß sie den Zattber- stab, der wie ein „Sesam, öffne dich" Felsen sprengt, der Gold und Edelgestein findet, wo gewöhnliche Sterbliche nur wertloses Metall erblicken, Schätze hebt — hier ist es ein bisher unbekannter Legendenschatz —, an denen die Metta e achtlos öoriibergegaugen. Es tst eigenartig, zu beobachten, daß fast immer die größten Schwierigkeiteti, die sich der Entwicklung eines Menschen entgegenstellen, in ihm selbst ruhen; in dem Unvermögen, das uns blinden Erdenkindern anhaftet, Nächstliegendes zu erkennen. Selma Lagerlöf, welcye die Matur dazu erwählt, das alte romantische Land neu' zu entdecken, welche sie in eine Umgebung gestellt, die wie keine andere dazu geschaffen war, sie auf ihre Bestimmung vorzubereiten, reibt sich auf, die große herbe Natur, den alten Märchen- und Sagenzauber in eine realistische Darstellung zu zwingen, trotzdem Stoff und untere Wesensart sich der Verge- toaltignng widersetzen und der Kamps nm so stärker ist, je stärker der Geist, der ihn zu führen hat. „Jeder andere würde sofort erkannt haben, daß das unmöglich sei." Ach nein! längst nicht jeder. Wir wissen es heute, wie hoffnungslos sich die späteren Realisten im Anfang ihrer dichterischen Tätigkeit mit fünffüßigen Jamben gequält (ich erinnere an Zola) und daß sie, genau wie unsere Dichterin, Unmengen weißes Papier mißbraucht, ehe sie die ihrem Wesen adäquate Form des Ausdrucks gefunden, ehe fie sich selbst entdeckt, und daß es auch dann noch geraunte Zeit gedauert, ehe sie es gewagt, ganz fie selbst zu sein. Aber es gebt- durchaus nicht an, Selma Lagerlöf einfach als Romantikerin' zu rubrizieren; cs ist Neuland 380 der Romantik, welches sie entdeckt: Form und Inhalt sind ihr ursprünglichstes Eigentum. Dabei ist sie durch und durch eilt Kind der neuen Zeit, eine Durchdenkerin der modernsten Ideen. Jeder Zug menschlichen Fühlens, menschlichen Strebens, menschlichen Irrens findet seine Verwendung. Was sie in ihrem ersten Werk angestrebt und dem sie so wehevoll entsagt, sie erreicht es in ihren beiden großen Romanen („Die Wunder des Antichrist" und „Jerusalem"), in denen sie den Boden der brennenden sozialen Fragen betritt: die Verbindung der romantischen Er- zählerkunst mit der realistischen. Heute bereits läßt sich das Schaffen der Dichterin, wenn auch nicht der Zeit, so doch der Wesenheit nach, in zwei Gruppen scheiden. In die der Sagen- und Legeuden- erzählung als die erste und das Standard wort dieser Epoche blieb der „Gösta Berling". Die Zeiten des literarischen Glas-Wassersturmes sind vorbei. Für den Schweden sind heute bereits die „Sagen von Wermland" ein Volksbuch geworden, das ihm je länger, je mehr ans Herz wächst und dessen unvergänglicher poetischer Zauber Jahrhunderte überdauern wird, wie die großen Nationalepen es getan. Wer auch der Ausländer fühlt, daß in diesem Buche der Pulsschlag der Volksseele klopft und daß seine Verfasserin es wohl verstanden, ihm zu lauschen. Die Novellen in den verschiedenen Sammlungen und der kleine Roman „Ingrid" bilden den Uebergaug zur zweiten Gruppe, in ivelcher sich Selma Lagerlöf zu der großen sozialen Dichterin entwickelt. Schweden ist das Dorado seiner großen Geister. Das begeisterungsfähige Volk, an der Spitze sein seinsinniger und kunstliebender Monarch machen das Sprichwort: der Prophet gilt nichts im eigenen Vaterlande zu schänden. Auch hier trat König Oskar in Aktion. Im Verein mit dem Prinzen Eugen erlöste er die Dichterin von ihrer Frohn- arbeit an der Schule zu Landskrona und gewährte ihr ein Reisestipendium. So sehen wir sie denn 1895, zum erstenmal ein freier Mensch, hinausfliegen in die Welt. Sie eilt gen Süden; ihre schönheitsdurstige Seele sättigt sich an den Wundern, mit denen Natur und Kunst Deutschland, die Schweiz und Italien geschmückt. Auf dem äußersten Pünktchen der europäischen Landkarte läßt sie sich zu längerem Ausruhen nieder, und hier in Sizilien, wo doch auch schon mancher vor ihr gewesen, findet ihr dichterischer Spürsinn wieder Stoffe, die ihren Vorgängern in Apoll bis jetzt entgangen. Sie dankt dem gütigen Fürsten mit dem 1897 erschienenen Roman: „Die Wunder des Antichrist". (Schluß folgt.) Vermischtes. * Eiuige neue Erklärungen alter Redensarten werden in den „Grenzboten" versucht. Zum Verständnis der Wendung „Einen Bock schießen" wird darauf aufmerksam gemacht, daß in England, Frankreich und Deutschland die volkstümliche Sprache etwas innerhalb seiner Gattung Fehlerhaftes oder Schlechtes mit einem Tiernamen bezeichnet, wie Tiernameu auch häufig als Schimpfwörter für Menschen gebraucht werden. Der Engländer nennt ein grobes Versehen „a bull", der Franzose einen überspringenden Ton einer Trompete ebenso wie eine falsche Nachricht „un eanard"; auch der Deutsche redet von emer Ente, einem Pudel, und die deutschen Schützengilden des 16. Jahrhunderts itannten ebenso einen Fehlschuß einen Bock. Bock und Wolf waren von diesem allgemeinen Gebrauche her in der altdeutschen Schneidersprache insbe- sandere auch Bezeichnungen eines schlechten Gewandstücks. »Laß dich nicht ins Bockshorn jagen!" oder, wie es in ver ältesten Form immer heißt, „in ein Bockshorn lagen, in ein Bockshorn zwingen", hat ursprünglich den rtHV!’-, cV.'5lt *° ^ein kriegen, daß er in ein Bockshorn schlupft, pch von dessen breiter Oeffnung aus nach dem zu hinein verkriecht. Es könnte damit auch em wutliches Bockshorn gemeint sein; wahrscheinlicher aber Lk -X”, ursprünglich an eine Pflanze, den Bockshornklee, b ra.a)t ivurde, dessen kleine, harte, engröhrige Hülsenfrüchte in Tirol z. B. schlechthin „BocksHörndl" heißen, und der im Mittelalter wie schon im Altertum für sehr heilkräftig galt und viel gebaut wurde; ähnlich sagte einmal Walter von der Vogelwerde von seiner hohen Sommerfreude: „daz jaget der Winter in ein stro." Bei der Wendung „Auf dem Damme fern", bei der das gefährliche Gegenteil immer in Gedanken mit vorschwebt, wird daran erinnert, daß Damnr und Suinpf in dem altniederdeutschen Kämpfesleben entscheidende Gegensätze sind: drunten im Luch ist es übel fechten, auf dem Damm aber gut. Zur Erklärung der Redensart „Haare aus den Zähnen haben" wird die Mythologie der Germanen herangezogen, weil alle bisherigen Deutungen nicht befriedigen. Mogk sagt in seiner „Germanischen Mythologie" in dem Abschnitt über den Wdrwolf: „In vielen Gegenden kennt man die sage, man erkenne den Menschen, der Werwolfgestalt aunehmen kann, an Fasern zwischen den Zähnen." Es ist nun charakteristisch, daß die Redensart von Menschen gebraucht wird, mit denen schlecht anbinden ist, denen man im Kampfe grimmige, bissige Verteidigung zutraut, von Leuten, die man nicht reizen („reißend machen") soll; der alte, tief eingewurzelte und weir verbreitete Werwolfglaube liegt also wirklich nahe. „Mit jemand noch ein Hühnchen zu rupfen haben" ist ein Bild, dem die zum Teil mundartig beschränkten Wendungen „ich habe noch eilten Apfel mit ihm zu schälen", „ich Han met dem noch e Nößche je krachen" entsprechen. Literarisches. — Die Wandgemälde aus der älteren Steinzeit, die in jüngster Zeit in den ehemals als Wohnstätten benutzten Höhen des Vezöretales in der Dor- dogne (Südkrankreich) aufgefunden wurden und innerhalb der Kreise der französischen und deutschen Anthropologen einen geradezu erbitterten Streit für und wider die Echtheit hervorriefen, bespricht Professor Dr. Hermann Klaatsch in dem fetzt zur Ausgabe gelangten 33. Heft der großen Publikation Hans Kraemers, „Weltall und Mensch- heit", Naturwunder und Menschenwerke, Geschichte der Erforschung der Natur und Verwertung der Naturkräfte im Dienste der Völker (Deutsches Verlagshaus Bong u. Co., Berlin und Leipzig). Der ausgezeichnete Heidelberger Anthropologe hat speziell zur Untersuchung der Funde des Veztzretales eine längere Studienreise dorthin unternommen und gelangt nunmehr auf Grund gründlichster Forschung zu dem Schluß, daß es sich bei den prachtvollen, z. T. mehrfarbigen, mit höchstem Realisntus durchgeführten Bildern von weidenden Mammuts, Bisons und Rentieren tatsächlich unziveifelhaft um erstaunlich hochstehende künstlerische Leistungen aus der älteren Steinzeit handelt, also aus einer Periode, in welche wir die Anfänge der menschlichen, Kultur zu legen gewöhnt sind. In Heft 34 geht Prof. Klaatsch auf die Frage der Rassengliederung der Menschen ein, ein Thema, das er mit gewohnter Gründlichkeit und unter Beifügung einer Fülle interessanten Illustrations- Materials zumeist nach photographischen Aufnahmen eigener Studienobjekte in fesselnder Form durchführt. Jede neue Lieferung von „Weltall und Menschheit' bestätigt, daß das Urteil eines der hervorragendsten wissenschaftlichen Zeitschriften wohl berechtigt ist: „„Weltall und Menschheit'^ ersetzt tatsächlich Bibliotheken!" Delphischer Spruch. (Nachdruck verboten.! Starr und kalt, so gibt es der Erde verborgene Tiefe; Aber ein Hauch schon bewirkt gleich, daß lebendig es sei, (Auflösung in nächster Nummer) Auflösung der Schachaufgabe in vor. Nr.k 1. Kb7 b6:, Ke4 2. Sh5:, beliebig 8. Kc5. - 1. . ., hi 2. Sg4f 3. De3f. - 1. . Kf6 2. Df4f, Kg7: 8. DfTf. — 2. . ., KgG 3. 8s6, J.e.aftion. An au Götz. Nvtationsdrnck und Lerlag der Brühl'schen I!iiircisttäts-Tuck> und Sleiudruckcrci (Pietsch Erben) in Gießen.