W 8 1 N J HaCTM M^W WJJ (nuinuz ^iM y— ■•• Bhl LVw (Nachdruck verboten.) 'sie Annonce. o lle von Thomas Glahn. (Fortsetzung.) Wieder die Stille. Ter Rauch, erfüllte allmählich das ganze Zimmer. Plötzlich erhob sich der junge Arzt, legte die Hände aus den Rilcken und schritt auf und-ab. „Du, Sänftling — wir haben ja keine Geheimnisse vor einander. Mr ist was schauderhaft Peinliches klar geworden." „Geld?" „Ach, Unsinn! Mel — drückender. Kurz und gut: ich habe die triftigsten Gründe, anzunehmen, daß Rest — hm — in mich verliebt ist oder es nächstens sein wird." Kurt Unruh nahm die Zigarre aus dem Munde. „Menschenherzen sind unberechenbar. Mir ist schon Schlimmeres passiert." „Red' keine Sprichwörter, sondern rate mir lieber. Du weißt ganz gut, wie die Aktien stehen. Ich hab' den „Taugenichts" wahrhaftig riesig gern. Ebenso tote Tu die „Mola". 9htn toär's ja aber möglich, daß sich das Göhr schließlich als — als häßlich entpuppt oder daß der persönliche Eindruck nicht dein der Briefe entspricht — na, das glaub' ich ja nicht, aber ein praktischer Mensch rechnet doch auch damit. Und nach diesetn „Taugenichts" ist mir die Resi wahrhaftig am liebsten. .Berstehst Tu mich?" „Ich verstehe", sagte der Assessor würdevoll. „Nun also. Ich möchte sozusagen zwei Eifert int Feuer haben. Oder wenigstens: mit der Resi nicht ganz aus- einander kommen. Andererseits mag ich nicht lügen. Tut mir leid, aber ich bin mal so anständig. Melleicht — das weiß ich tticht — ist Rests Liebe noch ein junges Pflänzchen. Tann wäre es am besten, es auszureißen, ehe es groß wird. Später tut es mehr weh oder ist vielleicht unmöglich. Davor möcht' ich das liebe Mädel bewahren. Was also tun?" Kurt Unruh hauchte die Kneiferglüser an und putzte sie. „Zerlegen wir die Materie einmal und sehen dann zu. Vorerst: wodurch wird Deine Annahme, daß Resi Dich liebt, gestutzt?" Fred Richter schüttelte den Kopf. „Tas will ich Dir ein anderes Mal erzählen. Die Hauptsache bleibt: wie kuriere ich Resi von ihrer Liebe?" „Hm, wenn Tu willst... Es wird am besten sein, wenn man ihr ganz beiläufig zu erkennen gibt, daß Tu augenblicklich in einen Herzensroman verwickelt bist. Rest ist. stolz genug, um dann ihr Gefühl niederzukämpfen." „Sehr schön. Wenn sie es nur nicht so gründlich niederkämpft, daß es nie ivieder aufwacht. Es wäre doch möglich, daß ich, falls mir der „Taugenichts" nicht behagt, reuig zu ihr zurückkehre." „Pah, lieber Fred — das laß mich nur machen. Ich, spreche dunkel und unverständlich, daß sie nichts weiß und sich alles denken kann. Nützt das nichts, dann red' selber mit ihr." Es ward noch mancherlei hin und her gesprochen. Schließlich, aber sagte Fred Richter: „In Gottes Namen, Sänftling. Mach' Deine Sache gut. Ich bin da in ein scheußliches Ttlemnta geraten. Man sieht erst, daß man einen Menschen gern hat, wenn man ihm weh tun soll. Donnerwetter ja, ich bin nicht gerade gefühlvoll, aber täuschen und enttäuschen möcht' ich das Mädel auch nichts Wann bist Tu bei Bergmanns?" „Ich denke, morgen." „Gut. Zwei Tage später geh ich selber mal hin, utrt zu rekognoszieren." Tamit trennten sie sich. Merundzwanzig Stunden später trank Kurt Unruh im Bergmannschen Hause Kaffee. Resi war nicht so lustig und aufgeräumt wie sonst. „Fühlst Du Dich tticht Wohl, Cousinchen? Oder hast Du Aerger gehabt?" fragte er bei der Zigarette nachher, Zigarren waren int Eßzimmer nicht geduldet. „Ach", sagte sie, „man kann schließlich nicht immer froh sein." Ter Assessor seufzte. „Ueöerall trübe Gesichter. Du, Fred, mein Staatsanwalt, — hol's der Henker!" „Fred? Hör' mal, wenn der ein trübes Gesicht zieht, muß es schon schlimm kommen." „Hast recht, Resi. Der arme Junge! Na, lassen wir's. Verreist Ihr dieses Jahr?" „Erst int August. Und dann wahrscheinlich nach Sylt/< „Ach Gott, ja, ich selbst möchte ja auch weg. Weiß nur nicht, ob es gehen wird." Sie spielte mit dein kleinen silbernen Löffel und klirrte leise gegen das Porzellan. „Ich denke, Fred und Du, Ihr wolltet nach Tirol? Das wäre doch sehr hübsch. Was — was fehlt Seiner Hochwohlgeboren dem Herrn Doktor denn?" „Hm!" Sie sah ihn groß an. Borigesmal war er doch sehr vergnügt." „Er zeigt's auch nicht so, Rest. Und ich weiß selber nicht, wie tief es geht, und was dahinter steckt. „Hat er eine unglückliche Liebe?" Kurt Unruh knipste die Asche von seiner Zigarette und besah das Muster des Tischtuchs. „Hör' mal, Kurt", sagte sie plötzlich. ungeduldig, „was ist denn los? So rede doch!" „Melleicht — hast Tu recht." Ein Schweigen entstand. Resi Bergmann preßte dir. Lippen zusammen. Ten silbernen Löffel hatte sie hingeleat, „Also da- ist es", sprach sie dann leichthin. „9w daran stirbt man nicht." 314 „Aber es ist, unter Umständen sehr — sehr schwer zu tragen. Sie verschlang die Hände im Schoß. „Es mag sein", sagte sie still — halb für sich. Verwundert horchte der Assessor aus. War das seine Cousine Rest Bergmann? Wie seltsam die Worte geklungen hatten! „Im klebrigen", sagte er rasch, „red' ich hier vielleicht dummes Zeug. Ich, bin darin eigentlich nicht Freds Vertrauter und ahne das meiste nur. Schließlich kommt's noch heraus, daß die Sache gar nicht so schlimm ist, und ich werde ausgelacht." Er erhob sich, warf den Rest der Zigarette in den Aschenbecher und wollte adieu sagen. „Noch eins, Kurt. Kennst Tu denn die — diese unglückliche Liebe von Fred?" Er schüttelte den Kops. „Interessiert sie Tich so, Cousinchen?" „Gewiß. Ich werde mich sehr freuen, wenn ich sie als Freds Braut oder Frau kennen lerne." Sie hatte sich dabei umgewandt und auf den Knopf der elektrischen Leitung gedrückt. Und als Kurt ihr die Hand gab, nickte sie ihm freundlich zu: „Laß Tich bald einmal Wiedersehen! Nahe genug wohnst Tu ja." „Mit Wonne, Rest!" Mit sich selbst sehr zufrieden, trat Kurt Unruh den Heimweg an. Ob ihn Rest wirklich liebt? dachte er im stillen. Er kam au keinem Resultat. Er glaubte es eher nicht, als doch. Sie hatte interessiert zugehört, aber es war ganz natürlich herausgekommen, als sie nach der Braut gefragt. „Nein", sprach er zu sich selbst, „da bildet sich der gute Fred doch zu viel ein." Während er schneller ausschritt, verweilten seine Gedanken noch immer bei der eben erlebten Szene. Und ihm im Ohr lag stets der warme und weiche Klang, mit dem Rest die drei Worte: „Es mag sein", gesprochen. Ob Fred doch recht hatte, ob in ihr, jedem verborgen, das Gefühl für Höheres, die große Sehnsucht, die tiefe Empfindung lag — kurz, alles das, was sein Vetter als >,himmelblauen Idealismus" bezeichnete? Es berührte ihn seltsam, als er daran dachte. Tann Paßte Rest ja tatsächlich zu ihm! Hm! Resi und seine Frau ! Er lachte leise. Nein, da stand eine im Wege, die noch viel, viel mehr zu ihm stimmt, die seiner Seele Sprache noch reiner sprach. Er zog mechanisch die Uhr und sah auf das Zifferblatt. Und dabei sagte er lächelnd: „Viola!" 5. Kapitel. Genau zwei Tage später, wie er es vorhergesagt, ging Fred Richter „rekognoszieren". Er ioollte selbst sehen, wie Kurt Unruh seine Aufgabe gelöst. Resi Bergmann saß mit einer Handarbeit in der Laube — in derselben Laube, wo ihm der Gedauke, daß sie ihn liebe, zuerst aufgegangen. Oft genug ließ sie den Stickrahmen sinken und blickte empor in das Spiel der Blätter und den sonnigen Himmel. Sie reichte ihm die Hand und rückte ein wenig, um ihm Platz zu machen. Aber das Gespräch wollte nicht recht in Gang kommen. Man redete ziemlich gleichgiltig über gemeinsame Bekannte, schließlich sogar über das Wetter, und es fiel nicht ein Wort, das Fred einen Anhaltspunkt gegeben hätte. Er wurde ganz unruhig darüber und einsilbig. Er wußte nicht, wie er es anfangen sollte, Klarheit zu bekommen. Und ihm war ferner, als ob auch sie, die Resi, etwas im Hinterhalt hätte. Tas hatte glücklich so eine gute Viertelstunde gedauert. Ta wurde es ihm doch zu dumm. Er war für das forsche Trausgehen sein Leben lang gewesen — wenn er nun einfach auch heute direkt auf das Ziel losmarschierte? „Resi", sgte er entschlossen, „es ist eigentlich nett, daß ich Tich hier allein treffe. Mir geht was im Kopf herum, was ich gerne mit Tir bespräche." Sie hielt einen Augenblick in der Arbeit inne. „Wenn Tu meinst, daß ich Dir Laten und helfen kann, Fred", erwiderte sie und zog den Faden langsam durchs Gewebe. „Jedenfalls muß ich 'mal reden. Nimm an, es erleichtert mich oder ich habe sonst Gründe." Er riß ein Blatt vom wilden Wein und zerrieb eS zwischen den Fingern. „Was würdest Tu sagen, wenn ich Dir erklärte, daß ich ganz merkwürdig verliebt bin?" Sie lächelte. „Tas ist Dir öfter passiert, Fred." „Ja allerdings, aber wenn es diesmal — nun bitterer Ernst wäre?" Sie beugte sich tiefer auf die Stickerei. „Tu bist achtundzwanzig Jahre, hast Deine Examina hinter Dir und über kurz oder lang Dein Auskommen als Arzt." „Wie meinst Tu das?" „Ich meine, daß man in diesem Falle an die Heirat denkt." Fred Richter atmete tief aus. Kurt mußte seine Sache gut besorgt haben — Resi sprach ruhig und vernünftig. „Tazu rätst Du mir?" Sie zuckte die Achseln. „Im allgemeinen: ja. Me die Sache im besonderen liegt, weiß ich nicht. Sonst würd' ich vielleicht abraten." „Oho, und weshalb?" „Weil Tu noch lange fragst — Du bist doch sonst immer sehr entschieden. Daraus entnehm' ich, daß die Geschichte einen Haken hat." „Sieh 'mal, wie schlau! Und wenn Tu richtig geschlossen hättest?" „Tann kommt es auf den Haken an." „Hm, setzen wir den Fall, die betreffende junge Dame hat kein Geld." „Geld macht nicht glücklich." Er lachte. „So reden alle, die es besitzen." „Nun", sagte sie, „wenn die Tarne Dich wirklich liebt, Fred, wird sie auch ehrlich Tein Geschick leiten und um so weniger Ansprüche erheben, als sie Tir selbst nichts mit». gebracht hat. Wenn sie so ist, wie ich sie für Dich wünsche, ein gutes, liebes Geschöpf, dann heirate unbesorgt. Gar zu schlecht kann es Euch nicht ergehen, denn ich glaube, daß Tu bald eine tüchtige Praxis bekommst. Du bist ein guter Arzt." „Woher willst Tu denn das wissen, Resi?" „Ja", sagte sie süß, „die Leute glauben an Dich, weil Tu so — entschieden bist, so bestimmt. Und deshalb magst Du weniger wissen als andere und Du wirst doch ein besserer fein/' Er schwieg und sah sie an. Ein leichter Zug spielte! mit einer Strähne ihres dunkelblonden Haares. „Resi!" „Ja?" ^Wenn nun — das Mädchen, das ich heiraten will —- nehmen wir 'mal an — vielleicht nicht ganz die Bildung hat wie ihr, etwa wie Tu und Fräulein von Wersen?" „Wer lieb hat, lernt." „Kann sein. Aber weiter: vielleicht paßt sie auch sonst nicht in unseren Kreis, in gewissen gesellschaftlichen oder sittlichen Anschauungen, meine ich. Und vielleicht verkehrt ihr nicht mit ihr." Jäh und erschrocken sank die Hand, die den Stickrahmen hielt, nieder. Mit großen Augen sah Resi Bergmann ihren Wetter an. „O", erwiderte sie, „das ist — böse, dann tust Tu mir — sehr, sehr leid, Fred." Es klang wie ein Schmerz aus dem, was sie sagte. „Mit anderen Worten: dann rätst Tu mir, auf Reisen zu gehen oder schleunigst eine andere Jungfrau des Landes I) einten i? en „Nein", antwortete sie fast schroff. „Da rat' ich gar nichts, das mußt Tu allein mit Dir ausmachen. Wenn Du glaubst, stark genug zu sein, um viele schwere Kämpfe durchzumachen, und wenn Deine Liebe so groß und haltbar ist, daß fte über alles hinwegsieht, dann hast Tu recht, wenn Tu auch dann heiratest." „Aber Tu würdest nicht wünschen, mit der Dame zu verkehren?" Sie dachte einen Moment nach. „Vielleicht nicht, so lange sie ihren jetzigen NameU trägt. Im Augenblicke, wo sie Deine Frau ist, ändert sich. 315 das. Als solche würbe sie meiner allerherzlichsten Teilnahme und Freundschaft gewiß sein." Es entstand ein kurzes Schweigen. Tann schüttelte sich Fred Richter und lachte. „Was wir für ein sonderbares Gewebe da zusammenpinnen! Das war ja eine seltsame Unterhaltung. Aber ■ ch freue mich von Herzen drüber, Resi. Tu bist viel netter, I taktischer und intelligenter, als ich dachte. Wahrhaftig! Bist ein braves und vernünftiges Mädel!" Ein kurzes Lächeln ging über ihr Gesicht. „Tanke!" sagte sie. „Hast Du mich für so dumm gehalten?" „Tas gerade nicht. Aber für — an — für anders! Kurz und gut: ich freu' mich über die letzte Viertelstunde. Auch noch aus anderen Gründen." „Nanu?" „Ja. Ich dachte, Tu würdest meine Mitteilungen weniger ruhig und vernünftig aufnehmen." In demselben Augenblick biß sich Fred Richter auf die Lippen. Es war unüberlegt herausgekommen. Resi Bergmann war rot geworden. „Wie meinst Tu denn das?" fragte sie seltsam. „Was geht denn mich das an?" Und während er sich, so gut es gehen wollte, herausredete, zog sie, bas Haupt sehr tief geneigt, Faden für Faden. Tie eine Bemerkung ließ sie alles ahnen. Weshalb fürchtete er, daß sie die Nachrrcht nicht so gut ertragen würde?" Weil er glaubte, sie liebe ihn. Weil er glaubte, er täte ihr weh damit. Ihr ganzer Stolz bäumte sich auf. Tas sollte er nicht glauben! Tas durfte nicht sein! (Fortsetzung folgt.) Paris (Bois de Boulogne, Ausstellungsviertel, Quartier latin, Ile de la Cit6). Zweiter französischer Vortrag von Lektor Gvetschy. Am letzten Freitag setzte Lektor Goetschy, wiederum durch wohlgelungene Lichtbilder unterstützt, in seinem zweiten Vortrag die Schilderung der wichtigsten Sehenswürdigkeiten und des Lebens in Paris fort. Er führte seine zahlreiche Zuhörerschaft zunächst nach dem Bois de Boulogne mit seinen herrlichen, von zahlreichen Booten §Een Seen, bewaldeten Inseln, grünen Rasenflächen, künstlichen Wasserfallen, weiten Rennplätzen, breiten, von stolzen Equipagen durchtrabten Fahrstraßen, lauschigen Fußpfaden und geputzten Menschen. Es ist ein sehr ausgedehnter Park, in dem der Pariser der vornehmeren und vornehmsten Stadtteile, einmal „aus dem Druck von Giebeln und Dächern, aus der Straßen quetschender Enge, der Kirchen ehrwürdiger Nacht" entflohen, nach kurzer Fahrtoder muheloser Wanderung in freier grüner Natur und in harmlosen Freuden Erholung und Erfrischung findet, dem belebten Treiben, das sich dort neben dem glänzenden, von zierlichem Kiosk überragten Wasserspiegel abspielt, fesselt uns besonders ein vornehmes • bildet den Mittelpunkt einer jener Hochzeits- ^sellschaften, die, alter Sitte getreu, nach den Freuden de» Mahles hierhergekommen sind, um zu sehen und gesehen zu werden. — Wir kehren zur Stadt zurück, um dem Trocadsro einen Besuch abzustatten, dessen zierliche hohe Mmarets schon von weitem unser Interesse erregen. SwEt?* maurischen Stils, der mit seinem kuppel- ß^bnten Mittelbau, seinen halbkreisförmigen Seiten- Pavillons und seinen schlanken Türmen an6 r, nr*x’Iajit auf dem steilen Seineufer erhebt, Museen und einen reichgeschmückten, ^^-^onzerte bestimmten Festsaal, in dem mehr als 6000 U ^uden. ist nebst den es umgebenden Ä^R°n^Eerbecken, Tierstatuen und Wasserfällen der letzte Rest der Weltausstellung von 1878, während der st^enuber auf dem linken Seineufer im Champ de Mars sich erhebende Eiffelturm an die Aus- stellung des Wahres 1889 erinnert. Diesen 300 Meter ' Hohen Turm, das höchste Bauwerk der Welt, schildert der Vortragende eingehend, um sich dann den schönen Bauten der letzten Weltausstellung, dem Palais des Beaux-Arts, dem deutschen Haus, dem Pont Alexandre III. zuzuwenden. Erfüllt von schönsten Eindrücken, reich an Grimrerungen und stolz im Gedanken an die großen Erfolge, die gerade unsere Kuirst und unsere Industrie vor drei Jahren aus diesem Boden errungen, verlassen wir das weite, von der Seine durchströmte Ausstellungsgebiet, um dein Redner zunächst nach dem Hotel des Invalides und Dome des Invalides zu folgen. Dieser stolze Bau mit seiner im Sonnenlicht weithin glänzenden vergoldeten Kuppel weckt Erinnerungen ganz anderer Art: er versetzt uns zurück in die Zeit des stolzen „Sonnenkönigs" und des großen SoldatenkaiserA dessen Gebeine hier ruhen. Nach Osten wandernd, folgen wir unserein Führer nach dem Quartier latin. Wir durchschreiten die rue de Vaugirard, eine der Hauptverkehrsadern des linken Ufers, und ergötzen uns an dem bunten Gewimmel von Menschen, Wagen, Karren, Käufern und Verkäufern, besonders aber an ben singenden, krähenden, kreischenden, pfeifenden oder kröhlenden Rufen, durch welche die Straßenhändler männlichen und weiblichen Geschlechts ihre Waren anpreisen und die Herr Goetschy in geschickter Weise nachahmt. Voilä le plaisir, mes dames, voilä le plaisir, regalez-vous, mes dames! oder Raccommodeur defaiences et de porcelaine! oder Des artichauts! des artichauts! oder A la douce cerise, ä la douce! oder V’lä du cresson, du bon cresson d’fontaine pour la saute du corps! oder Mes beaux petits radis roses, un sou la botte! oder Pois verts! La salade! Bonnes pommes de terre, achetez! it. a. trefftu mit getreuer dialektischer Färbung und in ihrem charakteristischen melodischen Tonfall so täuschend an unser Ohr, daß wir einige Augenblicke wirklich im Straßengewimmel der Weltstadt zu weilen scheinen. Bon den Sehenswürdigkeiten des Quartier latin, dieses Stadteils der gelehrten Anstalten, der Studenten, der Schüler, fesseln uns besonderes das Palais du Luxembourg, der schmucklose, aber in seiner Einfachheit und stilgerechten Einheitlichkeit doch imposante Palast der Marie von Medici, in dem heute der Senat seine Sitzungen abhält, — dann der Jardin du Luxembourg mit seinen schattigen Terrassen, seinen Statuen berühmter französischer Frauen, seiner Fontaine de Mödicis, — ferner das Pantheon, dieser den großen Männern der französiscben Nation gewidmete Ruhmestempel mit den Gräbern Mira- beaus, Voltaires,. Rousseaus, Viktor Hugos und und den berühmten, das Leben der heil. Geuovefa und der Jungfrau von Orleans darstellenden Wand- und Deckengemälden großer Meister, ivie Puvis de Chavannes und Gros, — endlich die Eglise de la Sarbonne mit dem wundervollen Grabdenkmal Richelieus. Nach einer kurzen und treffenden Schilderung des Lebens und Treibens der Pariser Studenten in Vergangenheit und Gegenivart führte dann der Redner seine Zuhörer nach dem Mittelpunkt und ältesten Teile von Paris, der Cito. Es ist die untere, größere und belebtere der zwei von der Seine gebildeten Inseln, die Ile de la Eits. Hier stand zu Caesars Zeit die gallische Lutetia, Parisiorum; hier schlugen die Fraukeukönige ihren Wohnsitz auf; hier wählte auch die Kirche ihren Mittelpunkt. Heute ist die Eits zwar nicht mehr der Mittelpunkt von Paris, aber noch stehen hier die beiden schönsten kirchlichen Baudenkmäler der Stadt: die Notre-Dame-Kirche und die Sainte-Chapelle, und auf der Stätte des alten Königspalastes erhebt sia) das Palais de Justice. Die Notre-Dame-Kirche strebt zwar nicht so leicht zum Himmel empor wie das Straßburger Münster und der Kölner Dom, „diese steinernen Andachtsstrahlen mittelalterlichen Gottvertrauens"; doch hat sie vor diesen Baudenkmälern den großen Vorzug, sich freier, unbeengter, beherrschender aus ihrer Umgebung zu erheben; hier stört nicht die bedrückende Nähe unscheinbarer und hausbackener Wohnhäuser wie in Straßburg, nicht das Pfeifen der Lokomotive und das Rennen und Hasten prosaischen Bahnhoftreibens wie in Köln; der Gegenwart des Alltagstreibens entrückt, werden wir nicht gestört im erhebenden Anschauen dieses durch Baukunst und Vergangenheit gleich ehrwürdigen Gotteshauses. Den gewaltigsten Eiudrua macht die Kirche besonders, wenn man sich ihr im Dampfboot, von der Pont d'Austerlitz kommend, nähert: sie ragt dann besonders frei, fast unmittelbar aus dem Seinespiegel auftauchend, majestätisch zum Himmel empor, umrahmt von den Armen des Flusses und in gemessenem 316 Abstand umgeben von den Bauten weltlichen, irdischen Denkens und Tuns. Der Justizpalast, der durch ein schönes' vergoldetes Eisengitter von der belebten Straße getrennt ist, interessiert durch seine nicht minder belebten Wandelgänge, durch die Salle des Pas-Perdus, einen mächtig gewölbten Säulensaal von gewaltiger Ausdehnung und — last not least — als Schauplatz der berüchtigten Prozesse in den asfaires Panama und Dreyfus. Die Sainte-Chapelle, eine Kapelle, die aus zwei übereinanderliegenden Kapellen besteht, ist eine der anmutigsten Schöpfungen der Gotik, ein wahres Schmuckkästchen. Unvergeßlich muß jedem Besucher die obere Kapelle bleiben, wenn er bei Hellem Sonnenschein die farbentiefen Glasgemälde der fast ganz im Fenster aufgelösten Wandflächen in Zauberglanz erstrahlen sah. Das Panorama des Sept Ponts bildete den würdigen Abschluß des Vortrags: ein herrliches Bild, das in einem Blick alle sehenswürdigen Bauten des mittleren Paris zu beiden Seiten des Flusses vereinigt. Volkswirtschaftliche Früchte eines Himmelfahrtaussiugs. Folgende rentablen Vorschläge hat uns ein Leser unseres Blattes übermittelt: 1. Rezept für Landgemeinden, um den G e m e c n d e s ä ck e l z u füllen. Wo auf einer Gemarkung zwei Straßen in einer Entfernung von 400 bis 500 Meter einander parallel laufen, ziehe man von der einen Straße in der Richtung auf die andere einen Weg, der durch möglichst viele Geleisespuren seine Begangenheit kennzeichnet, aber 20 bis 30 Meter vor der anderen Straße in einer Wiese endigt. Alsdann lege man an schönen Sonn- und Feiertagen hinter einen Busch in der Nähe einen Feld- schützen. Des Sonntags senden nun die Städte ihre natur- durstigen Einwohner aufs Land. An der Falle angelangt, werden sie, um auf kurzem Weg zu der anderen Straße zu kommen, gewiß den toten Weg einschlagen. Kommen sie nun an das Wegende, so werden sie gewiß nicht, besonders wenn die Sonne brennt, die 400 Meter noch einmal zurück- laitfen, sondern die Straße durch Ueberschreiten der Mese zu erreichen suchen. In demselben Augenblick tritt der Schütze hinter dem Busch heraus und notiert die Gesetzesverletzer. Rechnen wir auf den Sonntag 25 Gesetzesübertreter, die Strafe etwa zu 2 Mk. (genau kann tch's nicht sagen, da der Strafbefehl noch nicht da ist), und etwa 20 schöne Sonn- und Feiertage aufs Jahr, so brächte die Mausefalle 1000 Mark im Jahre, eine schöne Summe, die den Prozentsatz der häßlichen Gemeindeumlagen sehr hinabsetzen kann. Probatum est. 2. Rezept für die an der Biebertalbahn wohnenden Gastwirte, um bald reich zu werden. Die Mebertalbahn hält bekanntlich ohne ersichtlichen Grund auf jeder Station 8—10 Minuten. In überfüllten Wagen ist dieses Warten vor: geradezu tätlicher Langeweile. Die an der Bahn wohnenden Gastwirte sollten null zu jeden Zug Kellner mit Bier schicken; sie würden enteil reißenden Absatz haben, da jeder Fahrgast, nur um etwas Abwechselung zu haben, für ein noch so schlecht eiugeschenktes Glas noch so schlechten Meres gerne viel Geld bezahlen würde. Ich glaube,' daß sogar die eingefleischtesten Teetotalers, wie sie auf dem Antialkohol- kongreß auftreten, hier ein weiches Fühlen verspiiren und sich ein Bier kaufen würde. Also Probandum est. Vermischtes. * Eine treffliche Entscheidung fällte das Pariser Zivilgericht anläßlich eines Prozesses über Rückgängigmachung eines MietsVertrages wegen Wanzenplage. Es heißt da wörtlich: „In Berücksichtigung des Umstandes, daß der Sachverständige, wie das ja auch leicht verständlich ist, die Ziffer nicht festzusetzen vermochte, bis zu der Wanzen in einer Wohnung zulässig sind (denn wenn es' an Reinlichkeit gewöhnte Mieter gießt, denen der Aufenthalt in Räumen, in denen selbst nur wenige Wanzen sind, unmöglich wird, so gießt es andere, die durch die tägliche Berührung mit dem Ungeziefer sozusagen geimpft sind, und sich aus ein paar Wanzen mehr oder weniger nichts machen), in fernerer Berücksichtigung, daß die Wanzen in ihnen günstigen Umgebungen sich überaus schnell vermehren, in Hinsicht ferner darauf, daß im Prinzip festgestellt werden muß, wie unangenehm die Mieter durch das Vorhandensein dieses Ungeziefers berührt wer-, den müssen, und tote sie durch sie in dem ruhigen Genüsse ihrer Häuslichkeit beeinträchtigt werden, da sie sich somit gezwungen sehen, täglich Kämpfe gegen die Wanzen! zu veranstalten, um sie los' zu werden, aus all diesen! Gründen erklärt das Gericht in dem vorliegenden Falle den Mietsvertrag für hinfällig und verurteilt den Hausbesitzer zum Schadenersatz von 50 Francs." * Beckmann raus! Eine drollige Geschichte erzählt man sich, wie die „Köln. Ztg." berichtet, von dein! 1866 verstorbenen berühmten Komiker Fritz Beckmann. Alsj dieser auf der Höhe seines Berliner Ruhmes stand, reiste er zu einem Gastspiel nach seiner Vaterstadt Breslau. Sein' Vater, ein biederer Töpfermeister, der noch nie in seinem Leben ein Theater besucht hatte, war nur auf vieles Zu-c reden zu bewegen, einmal einer Vorstellung beizuwohuen. Fritz Beckmann besorgte dem Alten einen Sperrsitz in der ersten Reihe und schärfte ihm ein, erst, „wenn dreimal ge-> spielt worden" sei (das Stück hatte drei Akte), nach der Garderobe zu kommen, wo sich beide wieder treffen wollten. — Als der Schauspieler nach dem zweiten Akt nach der Garderobe kommt, sieht er seinen Vater auf einem Stuhls in der Ecke sitzen, die Hände ringend, Ratlosigkeit und Verlegenheit auf dem Gesicht. „Nun, Vater, hat Dir's nicht gefallen, daß Du schon da bist?" „Ach ja, das erschte Spiel war ja recht unterhaltsam". „Ja, weshalb bist Du denn fortgegangen?" „Hm, laß ock gutt sein, ich wer' der'sch nachher sagen!" „O Vater, so red' doch!" „Aber schrei ock nich a so — was brauchen's denn alle zu hören? De Leute ha'n mich ja glei erkannt, und wce's Spies aus war, schrie'n se alle: Beckmann raus! Beckmanü raus! Ich hab' mich geschämt wie a Spitzbube und bi' nausgeloofen, und wie icy zur Tür draußen war, ha'ü se n och alle hinter mir hergeklatscht — ich ha's wull noch gehört!" Mit Tränen in den Augen fiel Beckmann seinem Vater um den Hals und versuchte das Mißverständnis anf- zuklären — aber ins Theater war der Alte nicht wieder zu bringen. * Der Kai se r von China auf der „Brautschau". Die letzte Nummer des „Echo de Chine", die hier eingetroffen ist, bringt folgende Mitteilung: Da der Kaiser noch keinen Erben hat, wünscht I. M. die Kaiserin- Witwe lebhaft, einige Mandschutöchter auszuwählen, die kaiserliche Konkubinen sein sollen. Am 1. des 2. Monats (8. März) haben sich auf Befehl der Kaiserin mehr als 500 Mandschumädchen int Palast versammelt, damit eine Auswahl getroffen würde. Die nicht Erwählten reisten am folgenden Tage wieder ab. Literarisches. Gießen und das Lahntal von der Lahnquelle bis zur Mündung. Bearbeitet von Heinrich Lu ersten itt Wetzlar. Verlag von Emil Roth in Gießen. — Das mit 100 guten Illustrationen und mehreren Plänen und Karten ausgestattete Buch ist, loie wir erprobt haben, ein vorzüglicher Wegweiser bei den Wanderungen im schönen Lahntal. Der Text ist von kundiger Hand sehr klar und leicht verständlich geschrieben und enthält alles, was bei Fußwanderungen und Routen mit Benutzung der Bahn zu sagen ist. An allen Orten des Lahntales erhält der Fremde in gleicher Weise Belehrung und Ratschläge auf dem Gebiete, das er sich ansehen will. Recht nützlich und in bestem Tone geschrieben find die historischen Erläuterungen, die der Verfasser da, wo es angebracht ist, gießt. Auf alle Denkwürdigkeiten liest man kurze, aber ausreichende Hinweise. Und das Lahntal ist reich an historisch interessanten Orten! Bon den größeren Städten, Marburg, Gießen, Wetzlar, Limburg, find kleine Kärtchen beigegeben. Die Pläne, die das Merkchen enthält, sind ebenfalls zweckentsprechend ausgestattet. Der Preis für das Mich, hübsch gebunden 2 Mk., ist nicht zu hoch, Auflösung des Magischen Quadrats in vor. Nr.r HALM A ß I E LIST META Redaktion: August Götz. — Rotationsdruck und Verlag der Lrühl'schen UnivrrfititS-Buch- und Steindruüerei (Pietsch Erben) in Gießen.