MMwoch den 29. April. ZV MW MT Miß 1903. — «r. 63. >|1 BÄ ^sNBWSS (Nachdruck verboten.) Das Gasthaus am Strande. Roman in zwei Bänden von Florence Warden. Autorisierte Uebersetzung aus dem Englischen. (Fortsetzung.) Seine Nichte suchte ihn, mehr durchs Mienen itnb leichtes, schmeichlerisches Zupfen am Aermel als durch Worte zu veranlassen, wetterzufayren. Er war aber halsstarrig. Seit lange hier ansässig und einer, der überdies mit jedermann immer auf gutem Fuß gestanden hatte, glaubte er ein Recht auf die Auskunft zu haben, um die er ganz harmlos gebeten hatte. „Ei was!" sagte er hartnäckig, indem er sich aus dem Wagen lehnte und einen vertraulichen Don anschlug, „wenn es ein Geheimnis betrifft, so wißt ihr, daß ich's zu halten weiß. Oder hab' ich nicht schon manches geheimzuhalten gewußt?" Zu seiner großen Entrüstung sah er jedoch auf den Gesichtern einiger der beschäftigten Leute, was er für ein mitleidiges Lächeln hielt. Er verlor seinen Gleichmut. „Nun dann, heraus mit der Sprache!" rief er finster. Ter Polizeidiener, mit dem er zuerst gesprochen, unterdrückte das Lächeln auf seinem Gesicht und antwortete ernst genug: „'s ist uns jetzt nicht erlaubt genug, mehr zu sagen. Doch werden Sie bald alles, was wir selbst wissen, erfahren. Wahrscheinlich schon diesen Nachmittag." „Onkel George, wir werden den Zug versäumen", sagte Nell mit unsicherer Stimme. Ter Polizeidiener blickte jetzt von George Claris auf den Koffer hinten im Wagen, und als der Gastwirt fort- suhr, flüsterte er dem ihm zunächst stehenden Mann einige Morte zu, worauf dieser eilig in der Richtung aus Stvoan lief. Onkel und Nichte waren kaum auf dem Bahnsteig der kleinen Station angekommen, als der Oberpolizeiaufseher des Platzes aus der Tür trat und auf sie zu eilte. „O, Mr. Claris, ich komme, wie ich sehe, gerade zurecht, rief er freundlich-, indem er vor Nell die Hand höflich an den Hut legte. „Wollen einen Rasttag in London nehmen?" „Nicht ich. Für mich giebt's keine Rasttage", erwiderte Claris fast mürrisch „Ich bringe meine Nichte hier fort, weiter nichts." „Nun, so tut es mir leid, daß ich den Ausflug der Dame unterbrechen muß, doch werden wir ihrer als Zeugen bei der Untersuchung bedürfen, die diesen Nachmittag abgehalten werden wird. Ich bedaure unendlich, Miß", wendete er sich an Nell, „aber es heißt nur das Vergnügen um einige Tage verschieben." Doch Nell sah so bestürzt aus, als ob die Vorladung des Oberaufsehers ein Todesurteil gewesen wäre. Sie gab keine Antwort, sondern stand schweigend, tränenlos, aber von Schrecken ergriffen vor den zwei Männern da und starrte! mit offenen Lippen und wilden Blicken auf den heran« kommenden Zug. Der Onkel rüttelte sie, sie am Arme ergreifend, auf. „Was ist mit dem Mädchen! Sieh nicht sv drein!'« raunte er ihr zu. „Die Leute müssen ja denken. Du habest selber die Hand mit im Spiel, wenn Du mit solchem Gesicht vor Gericht gehst." Zu silnem Erstaunen und Kummer nahm sie seine Morte ganz ernst, „Werden sie's wirklich denken? Werden sie das zn sagen wagen?" fragte sie mit so atemlosem Ernst, daß er mit einem finsteren Ausdruck seines ehrlichen roten Gesichts einen Schritt zurücktrat. „Gott bewahre das Mädchen! Du jagst mir mit Deinem Zittern und Deinem verstörten Gesicht einen heillvsenSchreckl ein!" sagte er mürrisch. „Komm mit mir heim! Und um Himmels willen laß sie nicht glauben, daß Du Dich habest davonmachen wollen. Gott weiß, was die Seute in solcher Zeit alles sagen, wenn Du nicht alle fünf Sinne beisammen hast und wie ein vernünftiges Wesen Rede stehst im Verhör/« Nell sagte nichts. Dem Gastwirt aber sank, als er htzim- fuhr, das Herz, da er sah, daß seine sonst leichtherzige, fröhliche, kleine Nichte auf dem ganzen Weg wie Estzenlaubi zitterte. 14. Kapitel. Vo r dem Untersuchungsrichter. Die gerichtliche Untersuchung fand in dem kleinen Rathaus auf dem Marktplatze statt, und die bösen Gerüchte, die über den Tod Jems in Umlauf waren, hatten einen solchen Andrang herbeigeführt, daß die dürftige Räumlich? keit, die das alte Gebäude darbot, aufs äußerste in Anspruch genommen wurde. Es war von Anfang an ersichtlich, daß dies kein gewöhn- licher Fall war, daß es sich hier nicht bloß um einen Betrunkenen handelte, der tot in einen Graben gefunden worden war, mit keinem weiteren Merkmal der Ursache seines Todes. Vom ersten Augenblick an, als die Türen geöffnet wurden und die Menge hereinströmte und unverzüglich den für das Publikum bestimmten Raum ausfüllte, gab's ein von Mund zu Mund fliegendes Murmeln und Flüstern, das den allgemeinen Glauben andeutete, daß eine oder mehrere Personen von einer höheren gesellschaftlichen Stellung, alZ die des toten Fischers gewesen war, und von einem allgemeineren Interesse als er, im Laufe des Prozesses darein verwickelt werden würden. Tie Fragen: „Wo ist die junge Dame?" und „Wird der Gentleman wohl genug fein, um erscheinen zu können?'« wurden oft erhoben, doch nie befriedigend beantwortet. Tie Zeugen des Falles befanden sich, wie man sich zw> raunte, in der Ratsstube und würden einer nach dem andern« wie man sie brauchte, vvrgefühtt werden. 250 Nu«, Sir, ich habe etwas gehört. Und es hat A1tT Q, rtY Z» rwtt-v» «. "C .. „Y\ 1 _ . . C* C • . « v- f w, . Der Teil des Gerichtshofes, der sonst nur von den Beamten eingenommen wurde, enthielt bei dieser Gelegenheit noch eine größere Zahl Neugieriger, die von dem offenen Geheimnis des romantischen Interesses, das mit den,. Falle verbunden war, herbeigezogen worden waren. Einige stattliche Frauen von Handelsleuten des Orts zwischen die Mitglieder des stärkeren Geschlechts ein- geschoben, liehen der Szene ihre Gegenwart. Ein Sum- men und em Gemurmel ging von einem Ende zum andern durch die Vicht gedrängte Versammlung, als die Geschwornen der Reihe nach eintraten und Platz auf den vom Alter geschwärzten eichenen Sitzen nahmen, die schon zu Karls I. Zeit alt waren, und vereidigt und vom Coroner feierlich ermahnt wurden. 1 1 Nach der im Gerichtshof durch diese Vorgänge ein- getretenen Ruhe, erhob sich ein lautes Geräusch von Stimmen, als die Geschworenen wieder hintereinander hinansgingen, um die Leiche in Augenschein zu nehmen. Die Polizeidiener, die an eine solche Aufregung in ihrer Stadt nicht gewöhnt waren, schrieen sich heiser im Eifer jedermann zum Schweigen zu bringen, außer sich selbst' Als die Geschwornen zurückgekehrt waren, fing der die Aufmerksamkeit fesselnde Teil des Verfahrens an. rf. Der zuerst herbeigezogene Zeuge war ein Knabe, Charles Walle tt, der die Leiche gefunden hatte. Seine Aussage nahm nur wenige Minuten in Anspruch und bestand nur in dem Berichte, den er am vorigen Abende Mi Gasthofe zur „Glocke" erstattet hatte. Er hatte den Körper an der Straße liegend gesehen, hatte den Mann angerufen und ihn befühlt; da er aber keine Bewegung an ihm entdecken, noch eine Antwort erhalten konnte, so hatte er geschlossen, daß der Mann tot wäre, und wtte in aller Eile gerannt, Nachricht von seiner Entdeckung zu geben. ~ Der zweite Zeuge war der Geheimpolizist Hemming. Er gestand das offene Geheimnis zu, daß er ein geheimer Nachforschungsagent wäre, und sich in Stroan in Geschäften befände. Er war der erste gewesen, der nach Malletts Entdeckung zu der Leiche gelangt war, und einer von denen, die den Verstorbenen als Jem Stickels, den Fischer, identifiziert hatten. Der Mann war tot, als er ihn fand- aber er war noch ganz warm. „Welche Zeit war es, als Sie die Leiche zum ersten Male gesehen haben?" fragte der Coroner. „Ich hörte es halb neun Uhr von der Glocke der Sankt Martlnskirche schlagen, als ich ungefähr halbwegs von der Stroanbrücke und dem Platze war, wo wir die Leiche fanden." o "War irgend etwas in der Stellung, in der die Leiche, lag, oder irgend eine andere Tatsache vorhanden, die Sie in den Stand setzt, sich eine Meinung über die Todesursache zu bilden?" , , "Nicht das geringste, Sir", aiitwortete Hemming, der pine Nussage mit der klaren Stimme und dem zuversicht- lichen Wesen des alten Polizeimanns abgab, der das Ge- sühl hat, daß der Gerichtshof sein eigentlicher Schau- vw er sicher ist, gehört zu werden und zu verdienen, gehört zu werden. 0 . Y Vie Leiche mit dem Gesicht nach, unten, in euter, Lage, daß der Mann vielleicht zu betrunken Mwesen sein konnte, um aufstehen zu können, und im Grase und Schlamme erstickt sein mag?" „ V,(£r, wie ich gesagt habe, Sir, mit dem Gesicht Uchch unten. Sein Mund war aber nicht dicht am Boden. Ich halte es nicht für möglich, daß er erstickt sein kann Auch waren seine Kleider um den Hals ganz lose." „Dann haben Sie sich keine Meinung über die Todesursache gebildet?" michauseiiie Folgerung gebracht, auf die ich sonst nicht gefallen fein wurde. Mit Ihrer Erlaubnis- Sir, möchte ch nach dem jetzigen Stande der Sache lieber noch nicht W"«, worin diese Folgerung besteht. Sie beruht auf nichtch das ich an der Leiche gesehen habe." . Lüstern entstand jetzt im Saale. Die Leute "L Menge blickten einander an, und gaben sich zu verstehen, daß es nicht viel Wissenswertes geben möchte, das der Londoner Schlaukopf nicht wüßte. Auch waren alle für Hemmmg eingenommen, weil er so sprach- daß ihn jeder verstehen konnte, eine Fertigkeit, in welcher der nicht berufsmäßige Zeuge so kläglich versagt. Dies war der Hauptpunkt der Aussage Hemminqs: die wenigen weiteren Fragen, die ihm gestellt wurden brachten nur unwichtige Antworten hervor. Jeder Zeuge SJfeßte Jtc^' P116 _ zwei unbedeutende Fragen von Mitgliedern der Jury gefallen lassen, die alle wünschten, einer Aussage noch etn größeres Gewicht zu erteilen, als der, der sie machte, beabsichtigt hatte. Der dritte aufgerufene Zeuge war Lukas Mann, bei dem der verstorbene Jem zur Zeit seines Todes gewohnt hatte. ■ feste eidlich das Zeugnis ab, daß Stickels von zwei Mannern in der Zeit zwischen ein viertel und ein halb Sieben nach Hause gebracht worden sei. Stickelsi der, als er ankam, in einern habbetäubten Zustande war, kam innerhalb einiger Minnteii wieder zum Bewußtsein und habe ihm eine Geschichte erzählt, wie es gekommen sei, daß er betäubt wurde. Es habe dann geschienen, als ob er wieder ganz wohl wäre. Er hätte am Feiler eine Tasse Tee getrunken, und die Absicht ausgedrückt, diese Nacht noch nach Stroan zu gehen. Dann hätte es an die Tur geklopft. Stickels selbst hätte aufgemacht, und nach einem Gespräch mit zivei Damen, die gekommen wären, ihn zu besuchen, wäre er plötzlich znr Hintertür hinaus- gegangen. Das Nächste, was Mann Von ihm gehört, wäre hätte e^ mnn ihn tot auf der Straße gefunden , Die nächsten zwei Zeugen ivaren die Leute, die Jem Stickels hinter dem „Blauen Löwen" nach dem Zusammentreffen mit Clifford vom Erdboden aufgehobeii hatten. Beide sagten aus, dar; der Mann, als sie ihn aufhoben, bewußtlos gewesen wäre, daß er sich aber fast uninittelbar darauf erholt Hütte, so daß sie ihn nicht in die Hütte, wo er wohnte, zu tragen, sondern nur beim Geheil etwas zu stutzen brauchten, weil er klagte, sich „ein bißchen"- schwindelig zu fühlen. Sie fagten, daß es geschienen hatte, als ob er ganz wieder er selbst gewesen wäre, ehe sie ihn noch in der Hütte verließen. Es entstand ein Gesumm der Aufregung im Gerichtshof, als jetzt Miß Bostal gerufen wurde. Mit den weiblichen Zeugen fing das wirkliche Interesse der Untersuchung erst an. Genug war für die Schwätzer in Stroan ruchbar gewordeii, um zu merken, daß der Streit zwischen dem Gentleman Clifford King und dem Fischer Jem Stickels wegen Nell Claris ausgebrochen war; und jedermann wußte, daß Miß Bostal die Partei Jems ergriffen, und sich auf diese Weise auffällig in den Vordergrund dieser romantischen Geschichte gebracht hatte. Obschon Jem Stickels nicht den besten Charakter besessen hatte, so war es doch natürlich, daß sich nach seinem plötzlichen und geheimnisvollen Tode ein starker Umschlag im Volksgefühl zu seinen Gunsten vollzog. „Armer Kerl!" — so sagte man zueinander. „Es ist klar, er muß! das Mädchen schrecklich geliebt und gewiß muß sie ihn auch etwas dazu ermutigt haben, damit er sich erkühnen konnte, sich als ihren Galan aufzuspielen." Der weibliche Teil der Bevölkerung war wegen ihres unzweifelhaften Anspruchs auf Schönheit sehr gegen Nell eingenommen; und dieses Gefühl war zweifellos mehr die Mrkung törichter Eifersucht als eine auf ihr Betragen festgegründete Meinung. Der männliche Teil anderseits, obgleich weniger boshaft als, die Frauen, war doch! nicht zu lebhafter Teilnahme für das Mädchen geneigt, das immer eine ausgesprochene Gleichgiltigkeit gegen die ihr von ihm entgegengebrachten Aufmerksamkeiten zur Schau getragen hatte. Es gab an diesem Sage manchen jungen Mann in dem gedrängt vollen Gerichtshöfe, der heimlich für seine verwundete Eitelkeit eine lindernde Salbe in dem Gedanken fant», daß das Mädchen, das ihm nicht so viel als einen Blick gewährt hatte, zwischen zwei Liebhabern ins Unglück geraten war, von denen man auf den einen nicht eben stolz ein konnte, während der andere sich unzweifelhaft in eine gefährliche Lage gebracht hatte. Im ganzen war es daher Miß Bostal eher als Nell, )ie die Sympathie der Feuerprobe davontrug. Als die kleine, dünne Dame mit dem zusammen- !gedrückten Gesicht, und dem gebleichten Haar in den Zeugenstand trat, und die Bibel mit ernster und würdevoller Ehrfurcht küßte, da gab es wenig oder kein Gelächter über ihren alten Anzug, der fünfundzwanzig Jahre zu- 251 rückreichte, über das kurze Jäckchen, den ausgerafften Rock und den Tirolerhut ä la mode de jeune fille, die einst so „elegant" und „fesch" gewesen, jetzt aber nur noch ein so zimperliches Ueberblerbsel vergangener Zeiten war. Man verzieh ihre von der Mode abweichende Kleidung, ihre gezrerten kleinen Manieren in Rücksicht auf die Herzensgute, die die kleine Dame dazu getrieben hatte, eine hilfreiche Hand nach dem armen Taugenichts auszustrecken und für oie Sache des Mannes aus dem Volke gegen den Gentleman einzutreten. Jedes Ohr im Gerichtshof war gespannt, ihre Worte richtig aufzufassen, aber die kleine Frau sprach so deutlich, mit einer zwar dünnen, fast schrillen Stimme, aber mit so klarer Aussprache, die jedes Wort von einem Ende des Saales bis zum andern vernehmbar machte. „Soviel ich weiß, waren Sie die letzte Person, von der es festgestellt ist, mit Jem Stickels vor feinem Tode gesprochen zu haben?" sagte der Coroner. „Ja, Sir", antwortete Miß Theodora. „Ich ging, sobald ich von seinem Unfall hörte, nach der Hütte, in der er wohnte, um zu sehen, wie es ihm ginge." (Fortsetzung folgt.) Soldaten und Arbeiter in den Ameisen-Staaten. Von Fred Hood. (Nachdruck verboten.) Die neuen Forschungen Wasmans, Forels und Belts, welche die wunderbaren, vor einigen Jahren von Lubbock und Mc Cook veranstalteten Untersuchungen über das Leben der Ameisen durch neue Ergebnisse außerordentlich bereichert haben, mußten naturgemäß ein neues Interesse für diese Insekten und ihre Gewohnheiten wachrufen. Die bemerkenswerten Anzeichen von Fähigkeiten, welche den Aeußerungen menschlicher Intelligenz verwandt scheinen, die Vollkommenheit dieser kleinen Geschöpfe im Vergleich zu anderen Insekten und ihr wunderbares, geseuiges Leben, welches so viel höher entwickelt ist, als das der Bienen oder Wespen, haben uns überzeugt, daß die Ameisen unter den wirbellosen Tieren sicher einen ebenso hohen Rang einnehmen, wie der Mensch unter den Wirbeltieren. Wenn man die verhältnismäßig enorme Gehirnmasse in Betracht zieht, welche einer Anzahl von Tieren eigen ist, die einen ausgeprägten Grad von Gedankenlosigkeit zeigen, und andererseits die von den Gliedern der Ameisenstaaten bewiesene Intelligenz, so erscheint der von Darwin getane Ausspruchs daß das Gehirn einer Ameise die wunderbarste Materie auf der Welt sei, völlig gerechtfertigt. Es ist interefsant, zu beobachten, wie sehr sich die Methoden der- wirbellosen Tiere, ein bestimmtes Resultat zu erreichen, von denen der Menschen unterscheiden. Der Mensch sucht in der ihn umgebenden Welt nach! Mitteln zur Erreichung seines Zweckes. Die Insekten suchen die Mittel in ihrer eigenen Konstitution, und sie passen sich den Anforderungen des Lebens durch Modifikation ihres Körpers an. Die Menschen z. B. fertigen sich! Werkzeuge, welche sie zum Schneiden von Stoffen, zum Graben des Bodens usw. brauchen; den Insekten wachsen diese Werkzeuge. Da Gefäße für flüssige Nahrung notwendig sind, erfand der Mensch dre Töpferkunst — deren Entstehung weit in die prähistorischen Zeiten zurückreicht. Die sonderbaren Honigameisen dagegen, deren Natur unter anderen Mc Cook und Lubbock studiert haben, machen sich- selbst zu lebenden Flaschen, zu denen die arbeitenden Mitglieder der Gemeinde kommen, um sich den frischen Trunk zu holen; sie bilden die Kneipen im Ameisenstaate. Die Werkzeuge der Insekten, das muß hervorgehoben werden, sind aber den Zwecken, denen sie dienen, weit vollkommener angepaßt, als irgend ein von menschlichen Wesen erfundenes und verfertigtes Instrument. Wer die tierischen Werkzeuge haben andererseits doch ihre großen Fehler — sie können nicht bei Seite gelegt und nicht derart vervollkommnet werden, daß sie auch zur Erreichung anderer Arbeiten, sirr welche sie nicht vorgesehen sind, zu dienen vermögen. Diese Mängel bilden die Ursachen zu der außerordentlichen Spezialisierung, die wir im Reiche der Insekten finden. Ganze Gattungen und Abarten werden zu bloßen Organen für bestimmte Funktionen; sie können keinen anderen Dienst verrichten. So ist z. B. die Et-Erzeugerin der Ameisen, die sogenannte Königin, ebenso wie die lebenden Flaschen der Honigameisen, völlig unfähig zur Ortsveränderung, obwohl sie die ihrer Gattung zukommenden Glieder besitzt. Die Königin legt Eier, das ist ihre Funktion, und weiter kann sie nichts tun: die lebenden Flaschen speichern Nahrung auf, und gewahren sie den anderen Mitgliedern des Ameisenbaues; sie sind zu anderen Verrichtungen so unfähig, als ob sie bloß« leblose Zellen in einer Honigscheibe wären. Und wenn man von Verstand bei den Ameisen sprechen könnte, so müßte man sagen, daß sie sich der hier angeführten Tatsachen völlig bewußt sind. Denn das System der Arbeitsteilung ist in ihrem Staate in der großartigsten Weise durchgeführt. Einige Gattungen, welche sich Sklaven halten — eine bekannte Tatsache — beschränken sich vollständig auf den Militärdienst, und sie haben so ganz die Künste des Friedens und der häuslichen Tätigkeit verloren, daß sie sich nur auf den Dienst ihrer Sklaven, die für die Jungen im Ameisenbau zu sorgen haben, verlassen müssen, sondern daß ihnen sogar die Nahrung in ihren kriegerischen Mund gestopft werden muß, wenn sie nicht inmitten des Ueberflusses den Hungertod erleiden sollen. Die Kinnbacken dieser Ameisen, Polyergus rufescens und Polyergus lucidus — erstere eine europäische, letztere eine amerikanische Gattung — sind zur Arbeit völlig ungeeignet. Sie können weder zermalmen,- noch schneiden, noch sägen, aber sie stellen höchst brauchbare Waffen dar; sie sind spitz und gekrümmt, und beim Angriff auf den Feind fassen die gekämmten Dolche den Kopf des Gegners und durchbohren ihm das Gehirn. Es kommt bisweilen vor, daß die körperliche Beschaffenheit des Insekts die Betätigung der Instinkte unmöglich macht, welche der Gattung eigentümlich sind. Dann ist es umso interessanter, zu beobachten, wie die Ameisen diese Hindernisse überwinden, beziehungsweise wie die Genossen im Staat noch die Schwächen oder Mängel gewisser Klassen für das allgemeine Wohl nutzbar zu machen wissen. Eine gewisse Zahl von Ameisen der verschiedensten Gattungen zeichnet sich durch den Besitz verhältnismäßig großer Köpfe aus, deren Nutzen äußerst problematisch ist. Unter den Arbeitsameisen der ostindischen Gattung Phei- dologeton diversus, tückischer kleiner Dinger mit giftigem Biß, finden sich beispielsweise riesige Kriegerameisen, die hundertmal größer als die übrigen sind. Man sollte meinen, daß diese großen Geschöpfe mit enormen Köpfen sich als furchtbare Verteidiger des Ameifenbaues erweisen; in Wahrheit können sie aber überhaupt nicht beißen, selbst wenn sie dazu gereizt werden. Die kleineren Mitglieder des Pheidologeton-Gemeinwesens verstehen es aber doch, diese großen Geschöpfe zu einer vernünftigen Arbeit heranzuziehen. Ganze Scharen kleiner Ameisen kann man ost auf den Rücken und Köpfen ihrer gigantischen Mitbrüder umherreiten sehen, etwa wie menschliche Wesen auf Elefanten. Diese Anwendung der Riesenameisen als Reittiere rechtfertigt aber noch nicht die ganz unverhältnismäßig großen Köpfe der Riesen. Eine andere Art, die Colobopfis-Ameisen, welche auf Baumzweigen ihre Nester bauen, scheinen nun entdeckt zu haben, wie man die Dickköpfe am zweckmäßigsten im Ameisenstaate verwenden kann. Sie werden an den Eingängen der Ameisenwohnungen derart aufgestellt, daß ihre großen Köpfe die Dorwegsöffnung ausfüllen und verschließen. Wenn sich eine zum Haushalt gehörige Arbeitsameise nähert, wird sie natürlich von der lebenden und intelligenten Haustür, welche zugleich die Rolle des Pförtners spielt, erkannt und eingelassen. Der dickköpfige Portier zieht sich gerade so weit zurück, um der Freundin den Eintritt zu gestatten, darauf aber sogleich wieder sein doppeltes Amt als Schildwache und Tor einzunehmen. y r Um der Wahrheit die Ehre zu geben, muß betont werden, daß es unter den kriegerischen Stämmen auch ein richtiges Raubgesindel giebt. Die Eciton sind dre Vagabunden unter den Ameisenstämmen; immer in Fehd; mit allen anderen Insekten, ohne festen Wohnplatz und stets auf Raub- und Wanderzügen, die überhaupt kein Ende nehmen. Sie sind Nomaden, ihre Wohnungen haben daher nur einen provisorischen Charakter, obwohl Stil und Einrichtung im wesentlichen mit den festen, bleibenden Bauten anderer Ameisen übereinstimmen. Da jedoch das Graben und Bohren von Gängen, die als Futterplätze und Obdach für Larven und Puppen hergestellt werden müssen, zu viel Zeit beansprucht, so überwinden diese merkwürdi- — 252 — gen Tiere die Schwierigkeit, indem sie sich ihrer eigenen Körper als Baumaterial bedienen. Belt schreibt: „Sie nahmen ihre zeitweiligen Wohnungen in hohlen Bäumen und zuweilen unter großen umgestürzten Stämmen, die ihnen die passenden Höhlungen bieten. Ein derartiges Nest unter einem Baumstamm war auf der einen Seite offen. Die Ameisen klebten in einer dichten Masse zusammen, wie ein großer vom Dache herabhängender Bienenschwarm, reichten jedoch unten bis an den Boden. Ihre unzähligen langen Beine sahen wie braune Fäden aus, welche die lebenden Bausteine mit einander verbanden. Der ganze Bau umfaßte Hunderttausende von lebenden Wesen, obgleich viele in Bewegung befindliche Ameisen- kolonnen noch draußen waren, einige die Puppen, andere die zerlegten Körper verschiedener Insekten herbeischlepp- ten. Ich war überrascht, in diesem Neste röhrenförmige Gänge zu sehen, welche nach dem Mittelpunkt der ganzen Baumasse hinunterführten, uud ebenso korrekt offengehalten waren, als ob man sie aus unorganischen Baustoffen gebildet hätte. Durch diese Löcher und Korridore liefen die von außen kommenden Ameisen mit ihrer reichen Beute." Aber das drolligste Beispiel einer von der Natur auf ihre eigene Erfindungsgabe angeiviesenen Ameise bildet die Oecophylla smaragdina. Diese in Ostasien häufig vorkommende Ameise baut sich ein Obdach, indem sie die Ecken der Blätter der Bäume, auf denen sie lebt, umbiegt und miteinander verbindet. Die ausgewachsene Ameise besitzt jedoch kein Mittel, um die Ecken der Blätter sicher zusammenzuhalten, wenn diese nach Erfordern gefalzt sind. Aber ihre Larven sind mit Drüsen versehen, welche im Uebersluß eine klebrige, gelatineartige Substanz ausscheiden, mit deren Hilfe sie ihren Kokon bilden; so machen denn die intelligenten Insekten tatsächlich lebende Dürsten aus ihren Larven, ytn ihr Ziel zu erreichen. Sie verwenden ihre Nachkommenschaft als Gummitopf und Pinsel. Eine gewisse Zahl von Ameisen bringt die Blätter in die rechte Form, indem sie die Ecken derselben mit ihren Kinnbacken ergreift, zusammenlegt und festhält, während andere Ameisen, deren jede eine Larve in der Kinnlade trägt, den Mund der Larve mit den Teilen der Blätter, die zusammengeklebt werden sollen, in Berührung bringt, wodurch die Larven veranlaßt werden, den klebrigen Stoff abzusondern. Beispiele dieser Art, welche ein Bewußtsein von Ursache und Wirkung bekunden, eine scheinbar bewußte Anwendung technischer Mittel zu einem gewünschten Zwecke lassen in der Tat auf Fähigkeiten schließen, die man nur- schwer von Verstand und Vernunft unterscheiden kann, und Die jedenfalls so wunderbarer Art sind, um den Herrn der Schöpfung weiter zur Erforschung ihres Wesens anzureizen, sei es auch nur, um die Grenzen des Instinkts bei den Tieren etwas korrekter als bisher zu bestimmen. Denn wenn man die Kriegszüge und Sklavenjagden der Ameisen, wie die Drohnenschlachten als Aenßerungen eines „Sozialinstinkts" bezeichnet, so ist man nicht mehr weit davon entfernt, auch die Genossenschafts- und Staatenbild- uitg der Menschen als Sozialinstinkte anzusehen und das Wirken der Vernunft überhaupt in Mrede zu stellen. Gerade das. Leben der Ameisen unterstützt die Darwinsche Anschauung, daß es nur quantitative Unterschiede dergleichen Seelenvermögen bei Mensch und Tieren giebt, und die instinktiven Handlungen als „ererbte Gewohnheiten" zu erklären sind. Gemerirrrütziges. Gegen Küchenschaben wird folgendes Mittel als besonders wirksam empfohlen: 9 Gewichisteile Borax, 21/2 Teile Stärke, 1 Teil Kakao. Von ähnlicher Wirkung soll nachstehende Mischung sein: 5 Teile seingepulverte Angelikawnrzel und 1 Teil Eukalyptusöl. Die Schlupfwinkel dieser nächtlichen Insekten sind damit reichlich zu bestreuen. Durch einen ersten unvollständigen Erfolg soll man sich aber nicht abschrecken lassen, sondern das Mittel öfter, bis zur gänzlichen Ausrottung des Ungeziefers, gebrauchen. Diese Schädlinge vermehren sich ungemein rasch und wandern auch leicht von einem Stockwerk ins andere und von einem Haus zum andern. Literarisches. — „H ausschatz des Wissens". (Verlag von I. Neu mann, Neudamm.) Ter „Hausschatz des Wissens ist, wie wir unseren Lesern schon öfters mitzuteilen Gelegenheit hatten, eine wohlfeile Hausbibliothek in vornehmster Form und stellt dar eine Sammlung von gemeinverständlicher: Werken, welche das allgemeine Wissen umfassen und zu billigsten Preisen bei bester Qualität des Gebotenen auf den Büchermarkt gelangen. Das Generalregister ist derart angelegt, daß der „Hausschatz des Wissens" auch als Nach- schlagwerk bestens zu benutzen ist. In der Sammlung erscheinen folgende Werke über unser Wissen von 9^ CI t U T I Abteil. I. Entwickelungsgeschichte der Natur (Bd. 1 u. 2). „ II. Die Physik (Bd. 3 u. 4). „ III. Das Mineralreich (Bd. 5). „ IV. Das Mineralreich (Bd. 6). „ V. Das Pflanzenreich (Bd. 7). „ VI. Das Tierreich (Bd. 8 u. 9). und nachgenannte Werke über unser Wissen von der Menschheit: Abteil. VII. Länder- und Völkerkunde (Bd. 10 u. 11). „ VIII. Geschichte der Menschheit sWeltgeschichtej (Bö, 12 u. 13). „ IX. Kunstgeschichte nebst Geschichte der Musik und (Bd. 14). „ X. Geschichte der Weltliteratur nebst einer Geschichte des Theaters aller Zeiten und Völker! (Bd. 15 u. 16), zum Schlüsse: Abteil. XI. Gesamtregister (Bd. 17). Gratiszugabe für die Abnehmer der ganzen Sammlung. Probehefte aller erschienenen und im Erscheinen begriffenen Abteilungen werden von der Verlagsbuchhandlung umsonst und postfrei geliefert. Die uns heute zur Besprechung vorliegenden Hefte 261—270 enthalten: Länder- und Völkerkunde von Dr. Paul Lehmann, Lfg. 40. Mit dieser Lieferung ist diese vorzügliche Lander- und Völkerkunde zmn Abschluß gebracht und empfehlen wir das Werk unseren Lesern zur Anschaffung bestens. — iSer — 15 Mk. — für das gesamte Werk (zwei starke Bande, fein in Leinen gebunden, mit 1024 Abbildungen, sowie 11 Tafeln in feinstem Farbendruck) darf mit Recht als ein berspiellos billiges bezeichnet werden. Kunstgeschichte von Professor Dr. Max Schmrd> nebst Geschichte der Musik und Oper von Dr. El. Sher- w 0 v d. Lieferung 11—14. Wie die früheren Lieferungen sind auch dre jetzt vorliegenden mit zahlreichen vorzüglichen Illustrationen ausgestattet. , Die Chemie von Dr. Max Vogtherr. Lrefer- ung 3—5. Tie Physik von H. Mas er. Lieferung 10—11. Wir verfolgen mit Interesse das Weitererscheinen des „Hausschatz des Wissens" und empfehlen rrnseren Lesern die Anschaffung dieses vortrefflichen und im Verhältnis zum Gebotenen sehr wohlfeilen Werkes. Der Preis einer Lieferung beträgt nur 30 Pfg. Magisches Dreieck. (Nachdruck verboten.) A A B BEE ELLE 0 0 R T Z In die Felder des Dreiecks sind die daneben stehenden Buchstaben derart zu setzen, daß die drei Außeureihen wie auch die drei mittlere» wagrechten Reihen Hauptwörter bilden von folgender Bedeutung: 1. männlicher Vorname; 2. Pelzwerk; 8. kleine, lehrreiche Erzählung; 4. alt- ägyptische Gottheit; 5. Name zweier Nebenflüsse des Rheins; 6. Zeichen. (Auflösung in nächster Nummer.) Auflösung des Silbenversteckrütsels in vor. Nr.: Wo Licht, da ist auch Schatten. Redaktion: August Götz. — Rotationsdruck und Verlag der Vrühl'schen Universitäts-Buch- und Cteiudruckerei (Pietsch Erben) in Gießen,