w ZSU vx>" M- Ä ’l B (Nachdruck verboten.) Wotans Wertoöung. Novelle von Robert Kohlrausch. (Fortsetzung.) „Ach nee, nee, so was müssen Sie mt nich sagen. Wenn Sie vom Herrgott sprechen wollen und von seinen lieben Engeln, aber nee, vom Deibel, nee! Und nu sagen Sie mir vor allen Dingen, warum sind Sie denn wieder zurückae- rommen?" Er gab einen Ton von sich- der wie ein wütendes Grunzen klang. „Weil sie wieder da is!" Wie eine Herausforderung warf er ihr die Worte hin. „Sie, — wer?" „Sie!" Jetzt lies; eine Handbewegung nach seiner Kehle hin keinen Zweifel rnehr über das Femininilm, von dem er sprach „Ach nee, wirklich? Die Kugel, ach nee! Ja, und hier ist es doch so gut gewesen diese letzte Zeit!" „Tas is ja gerade die vertrackte, vermaledeite, ver- deubelte Geschichte. Hier war es gut, un ich bin noch nich mal einen Tag weg, da geht die Quälerei schon wieder an." „Ja, die Luftveränderung." „Ach was, Luftveränderung. Hat 'r gar nichts mit zu tun 'ne Sie sind ganz alleine schuld an der Geschichte, Gott soll Mich verdammen!" ,.W‘ „Jawoll. So lange wie ich hier bei Ihnen gewesen bin,, da ist sie weg gewesen, die letzte Zeit wenigstens, un nu es sie wieder da. Es is zum Deubel holen! Ich kann doch nich mein Leben lang mit dem Ding im Halse hernm- laufen, da muß ich was gegen tun." „Ja, — aber was?" „Donnerwetter noch mal! Heiraten muß ich Sie!" Fräulein Häscler stieß einen Meine« Schrei aus, den der Papagei mit dem freundlichen Worte „Meschugge" be- antworiete, dann suchte sie zu erröten und stammelte: „Ach Gott nee, ich bin nämlich so iberrascht." , . „Unsinn! Ueberrascht? Hat stich was mit überrascht sein. Haben ganz genau gewußt, ivo Sie hinaus wollten: wissen alle Frauenzimmer ganz genau un wollen alle ein un dasselbe. Oder sagen Sie etwa nein, wenn ich Sie heute zur Frau haben will, zum Deubel nochmal, sagen Sie nem?" Er stand vor ihr, als wenn er sie zum Zweikampf fordern wollte, und brüllte sie an mit der ganzen Kraft emes gesunden Organs. Aber sie nahm ihm nichts übel, sondern sprach um so sanfter, je mehr er schrie, und lächelte, als hatte ste ausnahmsweise statt einer Citrone ein Stück Zucker erwischt. „Ach nee, Herr Rat, nee, nein sagen, das tu ich nu nämlich unter keenen Umstanden." „Da haben wirs ja. Da wären wir ja einig, was? Ne mer^wurorge Einigkeit, wahrhaftig! So 'ne lange, schöne Zühre habe ich mich glücklich gewehrt, und nu ist es aus n Brautpaar, wahrhaftigen Gott, 'n Brautpaar'" °4 KmHhmKS ****** ** "»«* „Nee, nee, nich umarmen, das kann ichs «ich ver- , Un überhaupt keine Sentimentalitäten, keine Gefühlsduselei." . «Ach Gott, Sie haben gut reden, oder darf ich „Du"- sagen, Philipp? Du erlaubst mir's nicht wahr? Ich habe nämlich so um Dich aushalten missen, und es hat sich in mir so angesammelt, und mein Busen, ist so voll, daß es heraus muß. Tie ganze letzte Nacht habe ich nämlich nicht hergesaot'" geweint und habe traurige Gedichte „Hättest auch was bchseres tun können." „Namentlich bas eene, was der Schiller oder der Goetbe gemacht hat, und wo es heeßt: ' Een Mal hab' ich es doch wenigstens gehabt. Was so angenehm ist, Daß man es zu seinem Kummer _ Niemals mehr aus dem Gedächtnis bringt. so ungefähr heeßt es, ich hab' es nämlich lange nich mehr „„Tas will ich mit auch ausgebeten haben: is ja doch man bloß Unsinn, was die Kerle schreiben. Tie hätten mich alle zusammen «ich zum Heiraten gebracht, — aber so." „Nu, naticrlich will ich." „Sie wollen alle. Gott soll mich bewahren! Wüs ich mir da heute eingebrockt habe, da werd' ich wohl mein Lebtag genug au, zu essen haben. Aber die Kugel, — wahrhaftigen Gott, die is schon wieder dünner." — Während in dem einen Zimmer des Hotels diese Verlobung stattfand, lvurde in einem anderen ein Todesurteil ausgesprochen. Ein Todesurteil wenigstens für das bisherige Dasein des Mannes, den es betraf. Ter angesehenste Arzt der ganzen Riviera saß Rauch? mann gegenüber und sah ihn mit ernsten, mitleidigen Blicken au. Sehr ernsthaft war auch der Ausdruck in des Sängers Zügen, daneben jedoch eine merkwürdige Ruhe und feste Gelassenheit. Nun sprach er; seine Stimme klang verändert, tonlos und rauh. „Sagen Sie mir nur alles, Herr Sanitätsrat. Ich bin darauf hefaßt, und Sie erschrecken mich nicht. Sie glauben, daß mente Stimme rettungslos verloren ist?" „Beruhigen Sie sich nicht bei dem Urteil eines einzelnen, ich kann mich irren und —" "Ich habe Vertrauen zu Ihnen, und meine eigenen Beobachtungen an mir selbst bestätigen im voraus das, waA Sie mir zu sagen haben. Meine Stimme ist verloren, nicht wahr?" „Ich fürchte es, — ja." „Für immer?" 770 „Für immer." Ern Schweigen legte sich auf den Raum, so schwer und lastend, daß die beiden Männer sogar vor der Bewegung eines Fingers Angst zu empfinden schienen. Sie saßen regungslos wie zwei Gestalten aus Erz, aber die Rauch,-- manns war nicht das Bild eines Verzweifelnden, sondern das eines festen und ruhigen Mannes, der auch das Unerträgliche zu tragen sucht. Endlich begann der Arzt wieder zu spreche«. Er'hätte so gern getröstet uiib fand keinen Trost. „Ich habe Sie während der letzten Tage schon vorzubereiten gesucht. Sie waren bei Ihrer Ankunft hier kränker, als Sie glaubten; aber Sie hätten gesund werden können, tvenn keine neue Schädlichkeit hinzugekommen wäre. Die Anstrengung, die Erhitzung, die Aufregung bei der Rettung von Fräulein Bessel haben ganz allein die erneute Erkrankung Ihrer Stimmbänder und dies tragische Resultat herbeigeführt. Da die Tat an sich aber so schön und ehrenvoll war, so gewährt es Ihnen doch vielleicht einigen Trost, gerade dadurch sich zu Grunde gerichtet zu haben." „Tas ist mir freilich ein Trost", gab Rauchmarin zur Antwort, und der erste, leise Schatten eines Lächelns kam auf sein Gesicht. Ter Arzt betrachtete Rauchmann einen Augenblick schweigend, um dann mit plötzlicher Lebhaftigkeit zu sagen: „Ich muß gestehen, daß Sie mir kolossal imponieren, Herr Rauchr- niann. Ich bin leider oft in der Lage, traurige Wahrheiten aussprechen zu müssen, aber selten habe ich einen Menschen gesehen, der sie mit solcher Fassung und Festigkeit ertrug. Sie zwingen mich in der Tat, Sie zrr bewundern." „Wenn Sie wüßten, was ich erlebt habe, so würden Sie mich nicht bewundern, aber verstehen. Sie wissen ivvhl selbst: kein Verlust erscheint in seiner vollen Größe, wenn ein größerer daneben steht." „Ich dränge mich nicht in Ihr Vertrauen; aber indem Sie meine Bewunderung für Sie zu verkleinern suchen, erhöhen Sie mein Mitleid. Darf ich —" „Nein, fragen Sie mich nicht. Ich kann Ihnen keine Antwort geben. Lafsen Sie mich Ihnen nur noch danken für Ihre Aufmerksamkeit, Ihre sorgsame Pflege und vor allem für Ihre Aufrichtigkeit." Ter Arzt erhob sich uno reichte dem Manne, dem er so Schweres hatte künden müssen, die Hand zum Abschied. „Und Ihre Zukunft? Darf ich auch danach nicht fragen?" „Giebt es überhaupt eine Zukunft für mich? Vorläufig denke ich daran noch nicht. Mein Leben, das heißt, das tierische Vegetieren ist gesichert. Auch allerlei gelernt habe ich früher, bevor ich zur Bühue ging; ich könnte darauf zurückgreifen und könnte, — ja, was könnte ich nicht alles, wenn ich wollte. Am Wollen wird's fehlen. Ich glaube an keine Zukunft mehr für mich." Ter Sanitätsrat schüttelte den Kops mit einem überlegenen, aber zugleich freundlichen Lächeln. „Wenn ich einen so ljanz niedergeschlagenen Menschen sehe, — denn innerlich sind Sie das trotz des Mutes, den Sie mir bewiesen haben, — dann muß ich immer an die Pflanzen und Gräser bettiert, die ein zu starker Regen auf den Boden gedrückt hat. Man meint zuerst, sie könnten niemals wieder ausstehen, aber die Sonne braucht nur ein paar Stunden zu scheinen, und sie recken sich wieder wie sonst zum Licht. Innerlich sind sie daun erfrischt und gestärkt durch den Regen. Aehnlich wirkt ja manchmal ein schweres Schicksal, wenn nur der Sonnenschein nachkommt. Auch Sie wird er wieder aufrichten; ich kann leider nichts tun, als Ihnen den wünschen." „Es gibt auch Hagelschlag, gegen den kein Sonnenschein hilft. Aber wir toerden ja sehen. Wie ist es denn, — können Sie mich nun wenigstens aus meinem Zimmerarrest entlassen?" „Gewiß, das wollte ich noch sagen. Wenn Sie aus dieser erzwungenen Stummheit und Einsamkeit herauskommen, die bis jetzt notwendig war, so werden Sie die Welt auch schon mit etwas anderen Augen wieder ansehen lernen. Und nun Adieu; noch einmal aber: ich wünsche Ihnen Sonnenschein, recht viel Sonnenschein." Rauchmann reichte ihm wortlos die Hand; wo gab es Noch Sonnenschein für ihn? Als er allein war, ging er zur Eiir des Balkons und riß sie auf; es war ihm, als müsse er ersticken unter der Last seines Schicksals und seiner Vereinsamung. Sie schien ihm das allerschwerste in dieser schweren Stunde. So weit hatte er sich schon verändert während der letzten Wochen, da!ß! Eitelkeit, Ehrgeiz und Freude am Ruhm nicht mehr am lautesten redeten in seiner Seele. Das Herz führte das Wort, das erwachte, neubelebte, hier in der Stille zu heißem Sehnen erstarkte Herz. Und weil es nicht besitzen durfte, was er gesucht hatte mit größter Kraft, so empfand es die Vereinsamung, das Leer- iverbert auch der übrigen Welt nun boppelt so tief. Tie Bewunderung der Menge war kein Ersatz für die Liebe eines einzelnen Menschen, aber sie war doch ein Balsam, der die Wunden zu lindern vermochte. Jetzt gab es auch den nicht mehr. Aus glanzvoller Höhe mußte der Künstler niedersteigen in das tiefe, dunkle Tal, in dem die Unbekannten, Namenlosen wohnen, und kein Stern von oben goß ihm, saust herniederleuchtend, Frieden und Trost in die schmerzende Brust. Kein Stern! Tie Hoffnung auf ihn und sein Licht war gestorben in diesen Tagen widerwilliger Abgeschlossenheit von der Welt. Das schriftliche Zeugnis für den letzten größten Verlust trug der Vereinsamte bei sich und holte es jetzt hervor. Es waren zwei Briefe: der eine von der Generalin, der zweite von Edith selbst. Jener war am Abend des Sturmtages geschrieben worden, au dem er die Gestürzte gerettet hatte, und sprach ihm in den herzlichsten Ausdrücken den Dank für seine hilfreiche Tat aus, zugleich das schmerzliche Bedauern, daß der Arzt ihr bett Eintritt in sein Zimmer vermehrt habe, als sie ihm mündlichhabe danken wollen. Ediths liege noch im Fieber und ohne Besinnung, an Kopf und Arm verwundet; sobald sie fähig sei, werde sie selbstverständlich ihren Dank mit dem der Mutter vereinigen. Noch ein paar Worte wärmster Teilnahme für ihn und die mögliche Schädigung seiner Gesundheit, — das war alles. Ediths Brief, der vier Tage später gekommen war, sagte mit etwas anderen Worten dasselbe wie der ihrer Mutter. Boller Herzlichkeit, Dankbarkeit und Mitglefühl, wie er war, hatte er doch seinen Empfänger nicht zu befriedigen vermocht. Auch in ihm fand sich keine Zeile der Antwort auf Rauchmanns Schreiben, auf die Erklärung seiner Liebe zu Edith. Wie er in der Bezzuglio-Schlucht vergeblich auf sie selbst und auf ein Wort aus ihrem Munde gewartet hatte, so spähte er hier umsonst nach einer einzigen Silbe, die sich darauf bezog. Ihr Fernbleiben dort, ihr Schweigen jetzt, war es nicht Antwort genug? Eine härtere, schroffere Antwort, als sie mit ihren Lippen ihm hätte geben können. Nun war es entschieden: alles aus und vorbei. Keine Kirnst, kein Schaffen, kein Ruhm und keine Liebe mehr. Ein dumpfes Vegetieren war das Leben, dc.S vor ihm lag, nur ein einziges Mal unterbrochen in seinem öden Einerlei durch die Minuten, in denen er Abschied nehmen sollte von Edith. Denn das hatte sie geschrieben, daß sie ihm ihren Dank sofort mündlich wiederholen wolle, sobald er , soweit her- gestellt sei, um sie sehen und sprechen zu dürfen. Sein Verstand riet ihm ab von dem zwecklosen, schmerzlichen Wiedersehen, aber fein Herz drängte ungestüm danach hin, und wenn es einen leisen Trost gab in seinem gegenwärtigen Leid, so war es der Gedanke an dies letzte Wiedersehen, das ihm doch nur ein neues Leid bedeuten konnte. Mitten in seinem erregten, kummervollen Grübeln, bei dem die verschiedenen Empfindungen wild ineinander wogten, kam ihm die plötzliche Frage, ob es denn wahr fein könne, daß seine Stimme wirklich verloren sei. War sie unrettbar dahin, so konnte es nichts mehr schaden, wenn er sich selbst! durch eine Probe von der furchtbaren Wahrheit überzeugte, war sie aber noch zu retten, dann — er dachte nicht weiter. Ohne Besinnen eilte er die Treppen hinunter in das kleine Musikzimmer am Garten. Es war die ruhigste Stunde des Tages für das Hotel; die Gäste ans Ausflügen in die Berge, oder mit Booten hinaus aus den See. Nnr von der Terrasse her tönten die gedämpften Stimmen einiger Fremden, sonst war auch der Garten ausgestorben und schweigend. Rauchmann schloß die Tür, die ins Freie führte, — hier konnte er's wagen. Er öffnete das Piauino und schlug ein paar Töne an; sie klangen verstimmt und schrill, aber er achtete nicht darauf. Die sentimentale Melodie des „Behüt' Dich Gott" aus dem „Trompeter" kam ihm in den Sinn, obwohl er ehemals die Oper und das Lied selbst nicht geliebt hatte. Jetzt aber hatten Scheffels Worte eine neue^ 771 tiefe Bedeutung für ihn gewonnen und ließen ihm die triviale Musik erträglich erscheinen. So begann er zu fingen: „Das ift tut Leben häßlich eingerichtet. Daß bei. den Rosen gleich die Dornen stehn." Er sang die Strophe zu Ende; sein Herz horchte auf den schmerzlichen Sinn der Worte, sein "Ohr und seine Seele auf den Klang der einstmals so herrlichen Stimme, und eine doppeltes Weh überfiel ihn so gewaltig, wie der Sturm, dem er neulich getrotzt hatte. Gebrochen, unsicher und häßlich kamen die Töne aus seiner Kehle, den Klängen des verstimmten Klaviers erschreckend verwandt. Und doch, es fesselte ihn mit Dämonenkraft an die Worte dieses Liedes. Noch einmal begann er, noch einmal mußte er sich den Dolch in die Wunde drücken, den die Verse für ihn bedeuteten : „In Deinen Augen hab ich einst gelesen, Es blitzte drin von Lieb und Glück ein Schein —" Was war das? Ein Geräusch ließ ihn innehalten und umschauen. Tie Tür zum Nebenzimmer war geöffnet worden, ohne daß er es bemerkt hatte, und in ihrem Rahmen stand Edith. Sie sah ihn an mit einem Blick, — er vermochte rhn nicht zu verstehen, ihn sich nicht zu erklären; aber ein Gemisch von Leid und Wönne guoll in seiner Seele auf; daß er nicht zu reden vermochte. Wortlos blieb auch sie ihm gegenüber; sie wollte sprechen, sie streckte die Hände nach ihm aus; aber während ihre Lippen sich zum Reden bewegten, drang ein Schluchzen hervor, so stürmisch- gewaltsam, daß es die Worte verschlang. Einen Augenblick noch kämpfte sie gegen die mächtige Bewegung, aber es war ein nutzloser Kämpf; laut weinend schlug sie die Hände vor das Gesicht und stürzte hinweg. Wie konnten Tränen einen Menschen so glücklich machen? Rauchmann fragte es sich, während er dastand und auf die leer gewordene Stelle schaute, wo er Edith vor einer Minute noch gesehen hatte. Der Anblick ihrer weinenden Augen hatte ihn wunderbar getröstet. Ein Gefühl für ihn, ein gutes, warmes, starkes Gefühl mußte do>ch in ihrem Herzen wohnen, daß sie so lebhaft mit ihin leiden konnte. Wie diese Empfindung sich nannte, danach fragte er kaum; sie hatte sich; ihm offenbart und ihm damit ungeheuer wohlgetan. Wenn Edith um ihn weinte, so war er noch nicht völlig vereinsamt. Am liebsten wäre er ihr nachgeeilt, hätte sie bei der Hand gefaßt und sie gebeten, zu ihm zu sprechen, aber die Furcht hielt ihn zurück, es könne scheinen, er wolle den Dank für die Rettung sich; holen. (Fortsetzung folgt.) K wiar. Ueber die Kaviargewinnung, über die auffallend wenig zuverla;pges Material vorliegt, veröffentlicht Bernhard von Zingg tn der Januarnummer von „Belhagen und Klasings Monatsheften" eine fesselnde Plauderei, die den Freunden des Kaviars mancherlei Neues bietet. Wir geben einiges von seinen Mitteilungen im Auszuge wieder. Ter Kaviar ist bekanntlich Fischrogen; der Astrachaner Kavtar, von dem der Bersasser fast ausschließlich spricht, wert dre übrigen Arten ihn nicht an Güte erreichen, stammt von verschiedenen Mitgliedern der Stör- und Hauseufamilie Ter vornehmste dieser ausgezeichneten Sippe ist der Beluga, ein Haufen, der ein Gewicht von etwa 130 bis 192 Kilo erreicht, ausnahmsweise aber auch bis 600 Kilo schwer tol,r,b uud etwa 10 Proz. feines Leibesgewichtes an Rogen nächstbewertet ist der stattliche Ossetrowa, ein großer Stör der etwa 6 Kilo Kaviar, bisweilen aber auch das Doppelte liefert. Es folgt dann der Shevruga, der gewöhnliche Stör, der in weit größeren Mengen als seine vornehmeren Verwandten gefangen wird und je etwa Qä bis 4 Kilo Rogen liefert; dieser ii|ft kleinkörniger und we- Niger fett als , der der erstgenannten Arten. Neuerdings kommt auch viel sogenannter Schipp-Kaviar von Bastard- hn» .§anb^/ der meist lichtgelb- weniger fein .f^schmack ist und vorzugsweise aus dem Süden des ÄMn Meeres stammt. Vielfach . liest man auch von „Malosol-Kaviar"; es ist dies eigentlich keine besondere Men ifTbmt bebeutet "ur, daß der Rogen schwach ge- Tie Jischereiansiedlungen befinden sich teils unmittel- bar an der Küste des Kaspischen Meeres, teils am Laufe der Wolga, in deren Verästelungen und ihrem Telia. Dort hat sich ein buntes Völkergemisch, Russen, Kalmücken, Kirgisen, Perser und Tartaren, zusammengefunden. Gefischt wird auf Heu ungeheuren Fischgründen des Kaspischen Meeres während des ganzen Jahres mit einer Schonzeit im Juni und Juli, die seit diesem Jahre gesetzlich vorge- schricben ist. Bei dein Hauptfaug tut Meere entfernen sich die Fischer bis zu 100 Werst von der Küste, um ihre Fangleinen auszulegen. Tiefe sind oft über einen Kilometer lang und tragen in kurzen Abständen an etwa ein Bieter langeit Stricken Hunderte von starken, scharfgespitzten Angelhaken ohne Köder und werden von Korkschwimmern gehalten. Tie Fischer fahren dann täglich oder je nach den Winden in Zwischenräumen von mehreren Tagen ihre Leinen ab und holen die Fische ein, die sich in den Angelhaken singen. Oft ist die Ernte recht durstig und beträgt auf 40 bis 50 Fischleinen nur ein oder zwei Fische. Nur die geradezu ungeheure Zahl der ausgelegten Leinen bringt schließlich doch den großen Gesamtertrag. In der Wolga wird zutnal im Frühjahr, wenn die Fische zum Laichen stromaufwärts ziehen, der Fang in Netzen mit oft reichem Ertrag betrieben. Tie Zubereitung des Rogens, seine Verwandlung in Kaviar, ist scheinbar eine sehr einfache Sache, verlangt aber doch eine eingehende Sachkenntnis und große Sorgfalt. Man unterscheidet dabei zwischen Preßtäviar, von dem in Rußland selbst gewaltige Quantitäten verbraucht werden, und dem Kaviar „iin körnigen, rollenden „Zustande, wie wir ihn kennen. Ter Beluga wird nicht "gepreßt, weil er zu wertvoll ist. Man schätzt die jährliche Beluga-Produktion des Kaspischen Meeres auf 10 0( 0 Pud (zu rund 16 Kilo), die beinahe ganz zur Ausfuhr aus Rußland gelangt. An Störkavrar aber wird die drei- bis vierfache Menge gewonnen, von der etwa 12—15 000 Pud nach Westeuropa exportiert, das übrige gepreßt werden dürfte. Für beide Sorten wird der Fisch zuerst vorsichtig ausgenommen. Ter Rogen ist in eine Art Hülle, ein Häutchen, gebettet. Zur Bereitung desselben kommt der. Rogen auf ein größeres flaches, ziemlich großmaschiges Netzsieb und wird auf diesem mit der Hand leicht in das darunter befindliche Gesäß durchgerieben. Hat man so den reinen Kaviar gewonnen, so ist für den Kaviar „mit rollendem Korn", unfern Kaviar, nur noch die Salzung nötig. Je nach den Sorten, vor allem aber je nach der Jahreszeit, wird der Rogen mehr oder weniger gesalzen — in warmen Monaten ist ein größerer Salzzufluß erforderlich als in kalten. Das Salz muß sorgsam mit dem Ztogen verrührt werden, wobei dieser immer flüssiger wird; die Flüssigkeit läßt man auf Baftsieben ablaufen — es kommt aber ungemein viel darauf an, den rechten Grad des Flüssigwerdens abzupassen, damit ein gutes rollendes Korn erzielt wird. Hauptsache ist ferner, daß nur bestes reinstes Kochsalz verwendet wird. Alle Zusätze zur Konservierung schädigen die Delikatesse unb gefährden vielfach die sonst so hervorragende Bekömmlichkeit. Bei dem. Preßkaviar wird der Rogen in einer. erwärmten Salzlauge verrührt, dann mit Sieben aus der Flüssigkeit herausgehoben, in Bastsäcke gefüllt, gepreßt und tu Fässer eingelegt, wobei nicht ver- schwiegeu werden darf, daß er bei größeren Fischcrnten Wohl auch von Mädchen mit den nackten Füßen zusammen- getreten wird. < Zur Verteuerung des Kaviars trägt wesentlich auch die umständliche Verpackung und die ganze Art des Transportes, bei deut zunt Beispiel aus dem Wege nach Berlin die Eispackuug drei- bis viermal erneuert werden muß, bei. Es wirkt erstaunlich für den Laien, wenn er in den Kühlkellern großer Firmen sieht, auf wie kleinem Raume hier Kaviar im Werte von einer halben Million Mark und ntehr lagert — der gute Kaviar ist eben im Verhältnis zu seinem Volumen eine der teuersten Waren der Welt. , * Die enttäuschte Mitt na. Der Geschäftsfreund erzählt: In der Familie des Inhabers eines großen westfälischen Kaufhauses waltet Minna des verantwoÄ- lichen Amtes einer Köchin. Sie ist nach Ansicht ihrer Herrin eine Perle, denn sie kocht vorzüglich, wirtschaftet sparsam und empfängt außer einem einzelnen, in einer benachbarten Kaserne beheimateten Vertreter der beivaff- neten Macht keinerlei störenden Besuch in Wem „Amts- Redaktion: SuQiift Götz.— StotaticnSbruct rind Verlag der Drühl'säfen IlnivcrsikiiiL-Duch- nnd lLIciiidrnüeren R. Lanae. ließen. »immer". Nur eine Schwäche teilt sie mit so vielen andern Angehörigen des zarten Geschlechts: sie schwärmt für Lektüre jeglicher Art, und selbst der „Geschäftsfreund", ihrer Kleinheit müßten natürlich gleich mehrere genommen werden, alle zusammen wurden an einer Schnur um den Hals gebunden, und das diente zugleich zur „Zierde". Daß sie aber mit dieser Art Tabakdosen nicht recht zufrieden waren, zeigte sich, als die „Europäer" kamen. Bei diesen sahen sie manches, was ihnen zur besseren Lösung der Tabakdosenfrage dienen konnte. Ta waren es besonders die Patronenhülsen, die von den Europäern weg. geworfen, von den Matengo aber mit Gier aufgegriffen wurden. Eine solche weggeworfene Patronenhülse kann unter den Matengo Ursache zum Streit werden. Jetzt tragen die „glücklicheren" Matengo statt der Käferleichen vier bis fünf Patronenhülsen um den Hals, in denen ihre Vorräte von Schnupftabak aufgespeichert sind. Literarrsches. August Strindberg: Schwedische Schick- sale und Abenteuer. Aus dem Schwedischen von Einil Schering, 2. Abt. Band 3 der deutschen Gesamtausgabe von Strindbergs Schriften. Leipzig, Herrn. Seemann Nächst Daß Strindberg eingehend Studien über die Geschehnisse seines Vaterlandes gemacht hat, davon haben seine beiden großen Dramen „Gustav Wasa" und „Gustav Adolf" Zeugnis abgelegt. Als Frucht seiner Beschäftigung mit schwedischer Historie und Kulturgeschichte dürfen aber auch die vorliegenden Siovellen gelten, die aus dem Anfang der achtziger Jahre stammen und uns den Dichter als Meister in der Erzählungskunst zeigen. Weitab liegen die Zeiten, in die der Leser geführt wird, aber mit plastischer Deutlichkeit zaubert Strindberg die einzelnen Gestalten aus dem Dämmerlicht hervor, und keine der Novellen legt man aus der Hand, ohne von ihrem Inhalt lebhaft ergriffen zu sein. Hugo Salus: Novellen desLyrikers. —- Verlag von Egon Fleischel u. Co., Berlin W. 35. — Preis 2 Mk. — Zum erstenmale tritt Hugo Salus, der bekannte Prager feinsinnige Lyriker, mit einem Novellenbande hervor, zum erstenmale strebt er nach der Sprache, die nicht durch Blumengärten und feierlich rauschende Haine, sondern» zwischen Kornfeldern und Kartoffeläckern dahinführt. Aber ein Zwiespalt füllt hierbei seine Seele, der Novellist ringt mit dem Lyriker. Und überall taucht der Erzähler seine kleinen und großen Handlungen in Glanz und Schimmer, gibt in Prosa aufgelöste Rhythmen und hebt die Welt seiner Menschen über das Alltägliche hinaus. Als Lyriker erzählt Salus, mag er nun eine leuchtende Pleinair-Studie geben, die am Strande von Westerland spielt, mag er in einem Stückchen Selbstbiographie ein Bild aus dem Stadtleben Prags zeichnen nnd dabei an einem äußerlich schlichten Vorgang ein Stück intimer Psychologie aufdecken, mag er die Sehnsucht und Freude über Italien in einer kleinen Novelle aussprechen oder in einer fabulösen Geschichte aus der Landsknechtsgeit von tollem Rausche und überschäumender Lust berichten. Stets sind es mehr Blicke und Gebärden, mehr Worte und Töne, mehr Farben und For- nien, die Salus festhält, mehr Ideen und Bilder als reich bewegte Handlung, als reicher Fluß des äußerlichen Geschehens. Ueberall aber — mögen die Novellen frohere oder ernste Töne anschlagen — bietet er den Genuß einer künstlerisch durch gearbeiteten, vornehmen Sprache, überall durchdringt seine Darstellung Wärme und Leben. Preisrätsel.*) Nachdruck verboten. Kohle, Kanuen, Goldmünze, Schelle, Nockeinfassnng, Preiselbeeren Es ist ein Sprichwort zu suchen, dessen einzelne Silben der Reihe nach versteckt sind in vorstehenden Wörtern ohne Rücksicht auf deren Silbenteilung. *) Lösungen sind mit Aufschrift: „Preist Ütsel-Lösuna" versehen innerhalb acht Tagen an die Redaktion der „Gtetzenek Familienblütter" einzusenden. Auflösung der Pyramide in vor. Nr. r l E I b e I Bein Birne Birken den der Hausherr zur ruhigeru Durchsicht in seine Privatwohnung nntznnehmen pflegt, wird von Minna sorgfältig durchgesehen — der „schönen Moden wegen", wie sie kürzlich schämig erklärte, als sie gesragt wurde, was sie denn eigentlich mit dem nur Fachinteressen dienenden Matt wolle. Minna aber wollte doch noch mehr, sie hatte etwas ganz besonderes entdeckt, eine Empfehlung unserer Hutklischees. Und als eines Sonntagabends der gastlich bewirtete Marsjünger noch vor dem Zapfenstreiche von ihr verabschiedet war, da vertauschte sie den Kochlöffel' mit der Feder, setzte sich an den Küchentisch und schrieb uns folgenden gefühlvollen, stilistisch wie orthographisch gleich schönen Brief: „Lieber Herr, da ich das Blatt ihres Geschäftsfreundes lesen wollte fand ich den auch ihre Anzeigen in Hüten, und nun bitte ich sie schicken sie mir den Hut Nr. 138 zu dem Preise von 3 Mark. Geehrter Herr ich wollte mir erst mal einen Schicken lassen, und wenn er mir gefällt so wollen noch mehre durch mich ihren werten Sendungen folgsam sein. Nun bitte ich sie, wenn irgend möglich ' ist daß ich den Hut noch bis auf nächsten Sonntag bekommen denn ich wollte verreisen. Schicken sie bitte Postnachnahme wodurch sie auch den Betrag erhalten. Ardresse An Fräulein Minna . . . Adr. Herrn . . . in . . ." Leider konnten wir den Wunsch der Briefschreiberin nicht erfüllen, da ein Hut kl i sch e e als Kopfputz schlechterdings reicht zu verwenden ist, und so hat die holde Küchenfee, die jetzt sicherlich nicht gut auf uns zu sprechen ist, ohne unsere „werte Sendung" reisen müssen. * Neber den Verbrauch von Schnupftabak bei den Matengo inOstafrika berichtet im „Heidenkiud" P. Haeflinger: Wenn zwei Matengo sich begegnen, so lautet meistens das zweite Wort: Nirutuli lrhona (gib mir Tabak)! Ohne Schnupftabak kann der Matengo nun einmal nicht leben. Ist er als Träger auf dem Wege, so stellt er hier und da seine Last ab mit dem Bemerken: „Nun muß ich eins schnupfen, damit ich neue Kräfte schöpfe". Ist er auf dem Felde, so legt er seine Hacke weg, um mit Schnupftabak neue Lebensgeister zu wecken. Ten Tabak nennt er seine Nahrung^. Darum schnupft denn auch alles, Männer und Weiber, klein und groß; selbst Kinder, die noch von der Mutter auf dem Rücken getragen wurden, sah ich mit der „Schnupftabaksdose" um den Hals. An Schnupftabak ist nun allerdings kein Mangel, denn der Tabak wächst hier leicht auf den Feldern, und wohl jeder Matengo hat auch eine Parzelle mit Tabak bepflanzt. Allerdings mutz der Europäer, der ihn rauchen will, ziemlich starke Nerven haben. Tie Schnupftabakbereitung ist sehr einfach: Ist der Tabak reif geworden, so werden die Blätter abgeschnitten, kommen dann in einen hölzernen Mörser und werden mit einer hölzernen Mörserkeule von etwa 2 Meter Länge gestoßen. Tie gestoßenen Tabakblätter werden dann in einem Topf aus Ton etiva fünf Tage lang liegen gelassen, damit sich der Saft absetzen kann. Dann werden die Blätter auf einer Matte zum Trocknen ausgebreitet. Ist das geschehen, so werden zwei Bastfeile kreuzweise auf den Boden des Mörsers gelegt, und die getrockneten Blätter werden nun mit der Keule hineingestampft und hineingepreßt. Dadurch entsteht nun ein harter Klumpen in Kegelform von etwa 12 Zentimeter Höhe und 10 Zentimeter Durchmesser. Da auf dem Boden zwei MrUeile gelegt wurden, so läßt sich der Klumpen nun leicht herausziehen, und gelangt in dieser Form, nachdem er an der Luft noch Weiter getrocknet ist, zum Verkauf oder eigenen Verbrauch. Zu diesem Zwecke wird ein Stückchen davon abgeschnitten, auf einem Stein zerrieben, und der Schnupftabak ist fertig. Um ihm aber ein besseres Aroma zu geben, mischen die Matengo oft noch Ingredienzien dazu: Kräuter aus dem Walde, be- Erders aber das abgesallene Ende der Bananenblüten. . tzteres nehmen sie, verbrennen es auf einer Scherbe eines zerbvvchencn Topfes zu Asche und mischen dieselbe dann nrit dem Schnupftabak. Nun sind aber unsere Schwarzen in der Kultur noch nicht soweit vorgeschritten, daß sie schon Schnupftabakdosen nach, europäischer Art verfertigen könnten. Früher behalfen sie sich in anderer Weise. Sie rissen Käsern von der Größe eines Fingerhutes einfach den Kopf ab, weideten sie aus, trockueten sie an der Sonne, und die Tabakdose war fertige Wegen