Samstag den 28. Wovcmöer. '.3^- K W Kai W W WZ W (Nachdruck verboten.) Kn WadBenschicksak. Frei nach dem Englischen von A. Wendt. (Fortsetzung.) Gehorsam wollte sich! Jane entfernen und Mrs. Thornton trat an ihren Schreibtisch. Plötzlich, schon an der Tür, wandte pd): das junge Mädchen um und rief erregt: „Ich kann nicht hier bleiben, ich kann wirklich nicht; ich muß fort!" Mrs. Thornton wendete den Kopf, sah sie kalt an und sagte mit hochmütigem Tone: „Sie vergessen sich, Miß! Wenn Sie auf Ihrem Wunsch bestehen, mögen Sie gehen. Loch müssen Sie vorher kündigen; drei Monate ist Kündigungszeit. Sollen wir von heute an rechnen?" „Tret Monate? Ich kann keine drei Monate mehr hier bleiben!" „Es.ist unbequem für Sie, das gebe ich zu, aber es ist Gesetz. Bon heute an gerechnet in drei Monaten können Sie . das Haus verlassen, nicht früher", entgegnete Mrs. Thornton. Mit entlassender Geberde erhob sie die Hand gegen Jane und setzte sich an ihren Schreibtisch mit einem so kalten, verschlossenen Gesicht, wie das junge Mädchen es nie an ihr bemerkt hatte und welches sie verstummen machte. Bleich und zitternd, tief verletzt von den kalten Worten der Dame verließ Jane schweigend das Gemach Auf der Treppe begegneten ihr ein paar Mädchen, welche ihr kopfschüttelnd nachsahen und Bemerkungen darüber austauschten, wie krank und elend sie aussähe. Tie Kinder waren bereits im Schulzimmer, sie machten ihr keine Mühe. Gegenüber diesem blassen Gesicht und diesen großen traurigen Augen schwieg selbst die kindliche Selbstsucht, sie waren still und gut. Nach. Beendigung der Stunden liefen sie davon und ließen ihre Gouvernante allein, hoffend, daß die Ruhe ihren Kopfschmerz mildern würde. „Endlich allein!" Tiefe Mutlosigkeit prägte sich auf Janes Gesicht aus, und mit verzweifelnder Geberde schlug sie die Hände vor die Augen. „Wie kann ich, es ertragen? Wie kann ich? All meine Kraft hat mich, verlassen. Wenn er herkommt, werde ich mich verraten. Ich kann sie nicht glücklich miteinander sehen. Nein, nein, ich kann es nicht sehen, kann's nicht ertragen! O, es ist schrecklich, schrecklich!" Es währte lange Zeit, bis sie ruhig wurde, bis sie sich überzeugte, daß ihr weiter nichts übrig blieb. Sie mußte es ertragen, mußte geduldig und gelassen sein, während sie den Mann, den sie so sehr liebte, und seine zukünftige Frau in ihrer Nähe, ja in deins üben Hause mit sich wußte. Sie würde seine Liebe, seine zärtliche Fürsorge für seine Braut sehen; seine schönen Augen würden mit dem Ausdruck .inniger Zärtlichkeit, den sie, ach! so genau kannte, auf dieselbe gerichtet sein, seine Stimme würde weich und gefühlvoll klingen wie in dem einen glücklichen Monat, wo all dies an sie selbst gerichtet war. Die letzte Zeit war schrecklich für das Mädchen gewesen, sie war nur noch ein Schatten der früheren Jane. Die stete Unruhe und innere Qual zehrten an ihr. Sie lebte in beständiger Furcht vor einer Begegnung mit Str Harry. Damals war sein Besuch in der Hall nur ein kurzer gewesen. Miß Durham war viel abwesend zum Besuch, auf verschiedenen Landsitzen, natürlich war er da nicht gekommen. Nun aber würde Alice heute noch nach Thornton-Hall zurückkehren, und es unterlag keinem Zweifel, daß er zu den erwarteten Gästen gehörte. Sie konnte ihn nicht vermeiden, die Weihnachtsfestlichkeiten waren so allgemein, daß selbn die stille Gouvernante mit hineingezogen wurde. Jane fühlte sich verwirrt, beinahe toll, als sie verzweiflungsvoll das Zimmer durchwanderte. Mit ihrem ganzen, leidenschaftlichen Herzen liebte sie Sir Harry, mit aller Gewalt bäumte sie sich auf gegen ihr Geschick, welches sie nach Thornton-Hall verschlagen und sie zwang, seine Liebe für ein anderes Mädchen mit anzusehen. Das konnte sie nicht, das war zu viel, sie konnte und wollte nicht bleiben. O nur fort! Weit fort! Aber Mrs. Thornton hatte recht; wo sollte sie hin? Freunde hatte sie nicht; wenn die kleine Summe, welche sie sich erspart hatte, ausgegeben war, was dann? Außerdem war ihr gesagt worden, daß sie bleiben müsse, noch drei Monate, daß sie ohne Erlaubnis nicht gehen dürfe. So mußte sie denn ausharren, bleiben und leiden; es gab keinen Ausweg. Sie war so müde, so todmüde von all der inneren Qual, und dennoch mußte sie lächelnd eingehen auf das muntere Geplauder der Kinder, welches kein Echo im eigenen Herzen fand; mußte ihnen lustige Tänze spielen, ob ihr selbst auch das Herz zum Brechen schwer war. All ihre Schönheit, die sonnige Lieblichkeit der früheren Tage hatte sie verlassen, die bleichen Wangen, die tief eingesunkenen Augen waren nicht mehr schön zu nennen. Es war natürlich, daß Sir Harry sie bei dem Tennis-Tournee nicht erkannte, ein Wunder, daß er's später tat. Mrs. Thornton hatte trotz ihrer großen Selbstsucht wohl bemerkt, daß das junge Mädchen leidend war, aber jetzt, in der Festzeit, konnte und wollte sie sich nicht die Mühe machen, eine Gouvernante zu suchen, deshalb mußte Miß Gratton vorläufig noch bleiben. Tas Schulzimmer in Thornton-Hall befand sich in einem Seitenflügel, seine Fenster lagen nach dem Vorgarten hinaus und gewährten eine schöne Aussicht. Dasjenige, welches sich Jane zu ihrem Lieblingsaufenthalt erwählt hatte, bot Aussicht auf die große Empfangshalle und auf die breite Treppe, welche zu derselben führte. Tie Kinder hatten das andere Fenster beschlagnahmt und erwarteten die verschiedenen Equipagen, welche nach der Station gefahren waren, um die Gäste von dort abzuholen., Es war am Tage nach der Unterredung zwischen Mrs. Thornton und Jane; schon waren einige Besucher ange- 706 kommen und ihre Namen voll Freude von den Kindern genannt worden. Jane hatte dem Geplauder der kleinen Mädchen gelauscht, plötzlich ries die kleine Grace mit ihrer schrillen Kinderstimme: „Da ist endlich der Landauer, Großmama ist gekommen und Tante Alice." Jane blickte hinaus. Es war ein bitterkalter Dezember- tag, klar und sonnig, der Wagen mit den grauen Pferden hielt vor der Tür der Halle. Ein großer blonder Herr in langem Pelz war ausgestiegen und hatte einer älteren Dame aus den: Wagen geholfen, Jane erkannte Mrs. Durham und sah, wie Sir Harry nun auch Miß Sllice behilflich war. Tre Kinder riefen und klopften ans Fenster, Alice nickte lachend hinaus, Sir Harry zog grüßend den Hut, dann führte er die junge Dame ins Haus. Eine Stunde später, als sie gerade Tee tranken, kam Alice herein. Jubelnd sprangen die Kinder auf und begrüßten sie stürmisch Dadurch verhindert, Jane die Hand zu reichen, nickte sie ihr nur fteundlich mit einem Blick inniger Teilnahme in den schönen Augen zu. „Ich lade mich selbst zum Tee ein, wenn Miß Gratton mir welchen geben will", sagte Alice. Bereitwillig schenkte Jane ein, und als sie die Tasse reichte, bemerkte sie an Alices Hand am Ringfinger einen schönen Reif mit einem funkelnden Brillanten; er war früher nicht dort gewesen, und sie erriet seine Bedeutung. Es kam ihr vor, als ob Alices Heiterkeit etwas gezwungen war, sie erschien ihr bleich und traurig, und in ihren Augen, als sie denen der Gouvernante begegnete, lag ein eigentümlicher Ausdruck. Als der Tee beendet war, erhob sich Miß Durham und sagte heiter: „Wer kommt mit auf mein Zimmer und hilft mir beim Auspacken der Geschenke? — Alle? — Nun, dann lauft voran, ich folge Euch gleich." Das ließen sich die Kinder nicht zweimal sagen; jubelnd stürmten sie davon und ließen die beiden jungen Mädchen zurück. Diese waren verstummt und hatten sich in die Nähe des Kamins gesetzt. Alice sah träumend in die Glut; Janes dunkle, jetzt so trübe Augen blickten voll Zärtlichkeit auf das liebe, traurige Gesicht der Glücklichen, welche Sir Harrys Frau werden sollte. Mit unsicherem Tone begann endlich Jane, indem sie auf den Ring an Mces Hand wies: „Mrs. Thornton hat mir davon gesagt;- ich bin sehr erfreut und hoffe, sie werden recht glücklich werden." Alice neigte sich dankend, dann beugte sie sich nieder, Wßte Jane leicht auf die Wange und entfernte sich leise. 11. Kapitel. „Miß Gratton, Mama bittet Sie, in die Bibliothek zu kommen", ließ sich plötzlich die Stimme der kleinen Margaret hören. Es war beinahe ganz finster geworden im Zimmer, das Feuer war niedergebraunt, und kaum konnte man die im Sessel zusammengesunkene Gestalt erkennen. Jane erhob sich, strich das Haar aus der heißen Stirn und fragte: „Wo ist Mama, Meg?" „In der Bibliothek; bitte, Miß Gratton, lassen Sie sie nicht warten. Wir spielen Blindekuh in der Halle." Das Kind lief davon; Jane folgte ihm langsam durch die Galerie und die breite Treppe hinab. Ihr Herz klopfte erwartungsvoll, vielleicht hatte Mrs. Thornton sich besonnen, hatte Mitleid mit ihr und ließ sie doch sofort gehen. Als sie die hell erleuchtete Halle durchkreuzte, sah sie die fröhlichen Kinder und muntere junge Damen und Herren sich lustig durcheinanderbewegen und hörte ihr heiteres Scherzen und Lachen. Niemand schien die schlanke, schwarze Gestalt zu bemerken, sie eilte hindurch zur Bibliothek. Ein rasches „Herein" antwortete ihrem Klopfen, erregt, mit ungestümem Herzklopfen, öffnete sie die schwere Tür und trat ein. Mrs. Thornton war nicht allein, mehrere Damen und Herren waren dort, Alice stand am Teetisch und die Diamanten blitzten hell an ihrer Hand, als sie das schöne, alte Geschirr ordnete. Jane, verwundert, daß sie in die Gesellschaft gerufen wurde, und nicht recht wissend, was sre sollte, blieb in der Mitte des Raumes stehen. Die Bibliothek war ein langer, schmaler Raum, mit hohen, zremlich schmalen Fenstern, welche auf die Terrasse gingen. An den Wänden standen hohe Schränke und Regale mrt. dunklen, meistens gebundenen Büchern. Ein paar schöne Bronze-Statuen und Büsten von berühmten Dichtern waren der einzige Schmuck. Sonst war der Eindruck dieses Zimmers mit seinen dunklen Eichenmöbeln ein düsterer; aber heute beim Schein des lustig brennenden Feuers, beim hellen, doch sanften Licht der Lampen, mit den stattlichen Herren, den eleganten Damen, sah es schön und freundlich aus. „Miß Gratton, wir sind in einem argen Dilemma, und Sie müssen uns helfen!" rief Mrs. Thornton inunter. Tie Herren waren bei ihrem Eintritt aufgestanden, der eine hatte ihr, sich höflich verneigend, einen Stuhl gebracht, nur Sir Harry, der ebenfalls anwesend war, schien sie gar nicht zu bemerken. Da trat Alice heran, ergriff Janes Hand und behielt sie zwischen den ihrigen. „Es ist nichts so Schwieriges, Miß Gratton. Wir wollen, wie Sie wissen, eine französische Komödie aufführen und kommen nicht zurecht, wir bitten Sie, eine Rolle darin zu übernehmen." „O, das kann ich nicht", erklärte Jane sofort, abwehrend die Hand erhebend. „Wir haben alle zuerst so gesagt", meinte eine junge Dame, sich behaglich in ihren Stuhl zurücklehuend. „Ich fürchte, einige haben die Wahrheit gesprochen, dennoch wollen wir es versuchen." „Und wir können ohne Sie nicht weiter", fügte Mrs. Thornton mit liebenswürdiger Grazie hinzu. „Sie dürfen uns nicht im Stiche lassen; meine Schwester spielt, und Sie, nicht wahr, Sie schlagen es nicht ab?" „Aber ich kann wirklich nicht; ich würde es sicher nicht gut machen und alles verderben", sagte Jane ängstlich unter all den auf sie gerichteten Augen. „Nichts würden Sie verderben, meine Liebe. Sie sprechen so ausgezeichnet französisch und Ihre Nolle ist nur leicht", versicherte Alice, während Sir Harrys Augen die beiden nebeneinander stehenden Mädchen scharf beobachteten." „Miß Gratton braucht Ihr Talent zur Schauspielkunst nicht zu verleugnen", sagte er langsam, „ich habe sie spielen sehen, und kann versichern, daß ihr Talent unübertrefflich ist." „O, Sir Harry, ich glaube, wir können Ihrem Urteil vertrauen", lachte eine muntere Brünette. „In diesem Fälle dürfen Sie es, ich spreche aus Erfahrung." „Ich wußte nicht, daß Sie sich kennen, Sir Harry, daß Sie sich schon früher gesehen haben", sagte Mrs. Thornton. „So, habe ich Ihnen nicht erzählt, daß wir alte Bekannte sind?" fragte er nachlässig; „ich kann Ihnen versichern, daß Miß Gratton eine gute Schauspielerin ist." Er schritt bei diesen Worten durch das Zimmer und setzte seine Tasse auf oen Tisch. Alice, welche noch immer Janes Hand in der ihrigen hielt, fühlte, wie dieselbe eiskalt geworden war; als sie ihr ins Gesicht blickte, gewahrte sie die entsetzliche Blässe und fürchtete eine Ohnmacht. Fortsetzung folgt. Maudereien aus der Kaiserstadt. (Nachdruck verboten.) Polen in Moabit. — Berliner five o’ctock, — Im Frauenklnb. Saharat und Pertina. Bier lange Wochen hat der Kampf gedauert, der in unserem Moabiter Justizpalast Gelegenheit gegeben, einen tiefen Einblick in die Verhältnisse des polnischen Adels und seiner Halbsklaven zu gewinnen. Der alte Witz von dem unternehmungslustigen Jüngling, der nach Posen geht, um zu schwören: „was vorkommt", entpuppte sich als eine höchst aktuelle Satire auf moderne polnische Zustände, und als dieser Tage Hugo Haßkerl bei einer Aufführung der „Gräfin Lea" im „Berliner Theater" als Gerichtsdiener in der Beratungspause das Publikum im Verhandlungsraum mit dem Extempore zurechtwies: „Zum Donnerwetter, was ist das hier für 'ne polnische Wirtschaft!" da ging ein volles Lachen durch das Haus. Denn es giebt in ganz Berlin keinen Philister und wenn er ein noch so großer Stockfisch wäre, der nicht Kenntnis von den Einzelheiten dieses Kindesunterschiebungsprozesses hätte. Und was die Backfische anbelangi, nun, ich habe es verschiedentlich beobachtet, wie die frühreifen lang- zöpfigen Berlinerinnen ihren Nickel in den Zeitungsautomaten schoben, um den ihnen zu Hause verweigerten Einblick in die so unheimlich interessanten Details dieser Maio- 707 — ratsgeschichte uachholen zu können. B-et einer Revision ihres Taschengeldes brauchen sie nicht einmal zu lügen. Tenn wenn sie lächelnd erklären, daß sie die verschiedenen Nickel dem „Automaten" geopfert haben, sagt der gestrenge Herr Papa höchstens: „Naschkatze", weil er an Schokolade dabei denkt. Automaten sind auch in diesem Falle eine „geradezu himmlische" Einrichtung! Neben der Musterkarte von klassischen Zeugen, die nns dieser Prozeß aus dem Osten nach Berlin gewirbelt hat, sind aber auch Bedenken, die schon früher manchmal gegen gesetzliche Einrichtungen unserer Rechtspflege laut wurden, zu direkten Protesten des Volksbewußtseins geworden. Tas trifft in erster Linie den einseitigen Gang der Voruntersuchung und die Festlegung dort gemachter Aussagen durch den Eid. Man wird sich in Zukunft den aus diesem Prozeß grell herausleuchtenden Tatsachen nicht verschließen dürfen, daß die Heiligkeit und Zuverlässigkeit des gerichtlichen Eides bei dem bisher gütigen Verfahren stark gelitten hat, und dann sind schließlich die Kosten dieser Wasch-- lapsiade trotz alledem nicht zu hoch gewesen. Interessant war das Publikum im Zuschauerraum. Wo sonst die verkniffenen Gesichter der Kriminalstudenten zu sehen sind, die an dem Reinsall irgend eines Kaschemmenbruders etwas für die eigene Gaunerpraxis profitieren wollen, saßen in den elegantesten Roben Damen der guten Gesellschaft. Rassige Aristokratenköpfe tauchten auf. Auch die Berlinerin vom Schlage der Stinde'schen BUchholzeu fehlte nicht. Es war eben eine Sensation, die nicht alle Tage zu haben ist. Ter Gerichtspräsident hätte Tee und Sandwichs servieren lassen müssen und der five o'elock-tea wäre fertig gewesen. Dieser Fünfuhrtee, wie wir als vernünftige Deutsche eigentlich sagen müßten, wie wir aber in Berlin nun einmal nicht sagen, wenn wir auch sonst kein Wort Englisch weiter verstehen. Dieser Fünsuhrtee ist unsere neueste englische Krankheit. Genauer gesagt, ein Rn - lall mit erschwerenden Umständen. Denn diese, Dem braven deutschen Kaffeeklatsch so arge Konkurrenz bereitende Einrichtung wurde schon in früheren Jahren einmal bei uns eingeführt. Sie vermochte nicht, sich dauernd bei uns einzubürgern, schon wegen unserer anderen Tischzeit, wohl auch, weil das rastlos tätige Berlin seine Tagesstunden seit langem für ganz bestimmte Gewohnheiten festgelegt hat. Diesmal nun ist es die Wohltätigkeit, die dem englischen Tee Worspamidienste leisten muß. Der Fünfuhrtee, den sogar an bestimmten Wochentagen eine Prinzessin aus einem der mediatisierten Fürstenhäuser präsidiert, findet zu einem guten Zwecke statt. Wer die schönen Räume im „Kaiserhof" betreten will, natürlich in „grande toilette", hat einen Obulus von 1,50 Mk. zu entrichten. Nachahmungen dieses „großen five o'clvck" tauchen schon hier und da auf, auch in dem stark entwickelten Berliner Vereinsleben; doch glaube ich nicht, daß die Geschichte den kommenden Winter überdauert. Dazu sind wir trotz unserer roten Reichstags- und liberalen Landtagswahlen viel zu konservativ an der Spree. Einer großen und wohlverdienten Beliebtheit erfreuen sich übrigens bei den Berliner Frauen die Frauenkiubs. Diese dienen vor allem dem großen Heere alleinstehender Damen, die als Lehrerinnen, Malerinnen, Geschäftsleiterinnen re. in Berlin leben, auch allein reisen, den reisenden Damen eine geradezu ideale Heimstätte, in dem sie einen sehr annehmbaren Ersatz für die schmerzlich vermißte Familie zu finden vermögen. Diese Frauenklubs werden sehr vernünftig geleitet, gut bewirtschaftet und halten sich in Vorträgen, Disputen re. auf einer sehr respektablen Höhe. Ich weiß das freilich nur vom Hörensagen; denn die holden Mitglieder dieses Klubs wachen mit ArguA- uugen darüber, daß die Herren der Schöpfung keinen Fuß über die Schwelle ihres Heiligtums setzen und sie belauschen, wenn sie über Nietzsche oder „Rose Berndt" plaudern, oder mit Grazie nach jbeit Billardkugeln stoßen. Karten spielen fie auch«, die Kühnen, und wenn ein miß- trauischer Gatte seine Gedanken über die manchmal grassierende Schwindsucht der häuslichen Wirtschaftskasse hat, so werden sie ihm das nicht gerade übel nehmen dürfen. Ein Tag im Jahre übrigens ist den Männern frei. Da spielen sie die liebenswürdigsten Wirtinnen der Welt, laben ihre braven Eheherren mit gutem Pilsener und anderen delikaten Sachen, und es kommt vor, daß ein Mitglied des Empfangskmoitees hier und dort bittet: „Ach, stehen Sie doch auf, meine Damen, damit die Herren Platz nehmen rönnen I" Man bekommt ordentlich Appetit aus einen Strickstrumpf oder ein Häkelzeug. Diese Eintagskonkurrenz in der Galanterie berührt uns zwar komisch, aber doch recht wohltuend. Von der Konkurrenz, die sich gegenwärtig zwei T-amen des Brettls in der Reichs-Hauptstadt machen, kann man das letztere nicht gerade behaupten. Es betrifft das die beiden Tänzerinnen Saharet und Pertina, die aus verschiedenen Bühnen um den Rekord ringen, wer die Füße bei seinen Vorführungen am höchsten werfen kann. An den Lißfaßsäulen sind demonstrierende Abbildungen, in den Zeitungen stehen unverblümt abgefaßte Annoneen darüber. Wir leben einmal wieder auf einer künstlerischen Höhe, die den gerechten Neid der Aschantis und anderer Kulturvölker im allerhöchsten Grade zu erregen imstande sind. Und dabei ist es erst November. Tie höchsten „Elite-Gala-Weltnum- mern" pflegt man für den Dezember aufzuheben. Wer also kann wissen, was uns an „Kunstgenüssen" noch bevorsteht!? A. R Wesolute Arauen. Von O. v. Briesen. Wenn die Amerikanerinnen auch eine Menge von Schattenseiten aufweisen, so muß doch der Neid ihnen lassen, daß sie an Mut und Entschlossenheit ihre Schwestern in anderen Ländern weit hinter sich zurücklassen. Einige Beispiele, die hier ihren Platz finden mögen, werden dies ^ur Genüge dartun. Auf einer mehrere Monate währenden Exkursion durch Kalifornien, die ich in Begleitung eines Bekannten unternommen hatte, wurde eines Tages in der Mittagszeit von uns gerastet. Die Gegend, in der wir uns befanden, etwa 25 englische Meilen von San Francisco entfernt, war trefflich in Kultur, und überall erblickte man prächtige Farmen. Als wir, int Schatten eines großen Baumes liegend, einen kräftigen Imbiß zu uns genommen hatten unb eben im Begriff waren, eine Zigarre anzuzüuden, stürmte in flottester Gangart eine noch jugendliche Reiterin an uns vorüber, augenscheinlich eine reiche Farmerstochter, die uns in recht übermütiger Weise mit der Reitpeitsche einen Gruß zusandte. Sie entschwand bald unfern Micken; wir streckten uns ins Gras und sogen mit Behagen an den nicht üblen Glimmstengeln, die wir int letzten Quartier erstanden hatten. Plötzlich hörten wir Hufschlag> und gleich darauf rannte der von der Dame gerittene Rappe, jedoch ohne dieselbe, auf uns zu. Sofort aufspringend, stellten wir uns dem Ausreißer entgegen, und es gelang uns in der Tat, ihn einzufangen. Der Sattel hing unter dem Bauch des Tieres, woraus hervorging, daß die Reiterin herabgeschleudert worden sein mußte und jedenfalls mehr oder weniger schwere Verletzungen davongetragen, wenn nicht gar das Leben eingebüßt hatte. Tas Roß am Zügel, schritten wir den von ihm zurückgelegten Weg entlang, um der Verunglückten, wenn möglich, nach besten Kräften beizustehen. Schon nach wenigen Minuten kam die Schöne uns entgegengehumpelt und erzählte mit lächelnder Miene, das Pferd habe, tote es dies nicht selten tue, einige Kapriolen gemacht, und bei dieser Gelegenheit sei der Sattel herumgerutscht und sie zu Fall gekommen. Allerdings habe sie sich Gesicht und Hände etwas abgeschürft, sowie den einen Fuß verrenkt, die Sache sei jedoch von gar keiner Bedeutung. Trotz unserer dringenden Abmahnung bestieg sie, wenn auch mit einiger Mühe, alsbald, den sehr erregten Gaul, dankte, und mit Windeseile jagte sie davon, sodaß wir ihr kopfschüttelnd nachsahen. An Kourage gebrach es dem Dämchen ohne Zweifel nicht, und es ist wohl mit ziemlicher Sicherheit anzunehmen, daß derart verunglückte Geschlechtsgenossinnen anderer Nationen sich kaum dazu entschlossen haben würden, auf dem Fleck sich wieder auf den Rücken des Durchs gängers zu schwingen. Einige Zeit später durchstreifte ich allein zu Pferde den südlichsten Teil Kaliforniens, den County San Diego, der im Süden an mexikanisches Gebiet grenzt und zu Bewohnern noch eine ziemlicki beträchtliche Anzahl von Leuten der spanisch-mexikanischen Mischlingsrasse hat. Nach beschwerlichem Ritt kehrte ich eines Abends in einem völlig vereinsamten kleinen Gasthof ein, der von einer Frau in mittleren Jahren, wie ich bald von ihr erfuhr, der Witwe eines von Mexikanern ermordeten 708 Mannes, gehalten wurve. Sie war ganz allein im Hause; zwei Leute, die bei ihr dienten, hüteten die ihr gehörigen Viehherden, die sich jahraus jahrein auf entfernteren Weideplätzen tummelten. Zu ihrem Schutze hatte sie nur zwei mächtige Hunde und — ihren sicher treffenden Revolver. Außer mir waren an dem bewußten Abend nach zwei Mexikaner in dem Gasthof abgestiegen, deren Pferde dieselbe Verpfleaung erhielten wie das meinige. Nachdem ich mich während des Abendbrots und noch darüber hinaus mit der sehr energisch ausschauenden Dame unterhalten hatte, begab ich mich zu Bett und fiel sogleich in erquickenden Schlummer. Am nächsten Morgen, als kaum der Tag zu grauen begann, wurde ich durch großen Skandal auf dem Hose munter gemacht. Neugierig verließ ich mein Lager und steckte den Kopf zum Fenster hinaus. Da sah ich die beiden Mexikaner, die schon zu Pferde saßen und offenbar die Absicht hatten, stzch mit französischem Abschied zu drücken und so der Begleichung ihrer Rechnung aus dem Wege zu gehen. Sie hatten jedoch die Rechnung ohne den Wirt gemacht, denn der Ausführung ihres Planes stellten sich alsbald Hindernisse entgegen, an die sie wohl nicht gedacht hatten. Dicht mn der Eingangsworte pflanzten sich nämlich sofort die beiden großen Hunde auf, laut bellend und dadurch ihre Herrin aus- merksam machend. Es dauerte auch keine Minute, so er- chien diese, den Sechslüufer in der Hand, auf der Schwelle des Hauses und nahm Kenntnis von der Lage. Die Mexikaner, ebenfalls mit Schußwaffen versehen, schienen nicht übel Lust zu haben, die Hunde zu erschießen und dann das Weite zu suchen. Als die Wirtin dies bemerkte, rief sie ihnen in drohendem Ton zu: „Wer mir einen meiner Wächter erschießt, ist auf der Stelle ein Kind des Todes; ihr wißt, daß meine Kugeln stets ihr Ziel erreichen. Augenblicklich steckt die Revolver ein und zahlt Logis- und Futtergeld, eher kommt ihr nickt vom Hofe!" Und siehe da! das energische Auftreten der Frau, verbunden mit der an den Tag gelegten Furchtlosigkeit, wirkte Wunder. Die Schußwaffen verschwanden im Gürtel und die Hände fuhren nach den Taschen, um, mit je einem Dollar versehen, daraus aufzutauchen, den sie, freilich mit knirschenden Zähnen, im übrigen aber mit einer wahren Armensündermiene der resoluten Besitzerin einhändigten. Diese ließ einen Pfiff ertönen, die Hunde zogen sich von dem belagerten Dor zurück, und die spitzbübischen Mexikaner räumten das Feld. Mehrere Jahre hielt ich mich in einem großen kalifornischen Minen-Bezirk auf. Etwa 1000 Schritte von meiner Bretterbude entfernt wohnte eine Frau mit ihrem Mann in einem ganz bequem eingerichteten großen Tunnel. Sie stammte aus den Südstaaten, wo ihre Eltern reiche Plantagen besessen hatten, deren Vermögen aber nach dem Bürgerkriege durch die Sklavenbefreiung völlig verloren gegangen war. Die Eltern starben bald nachher, und ihr einziges Kind, die erwähnte Tochter, wandte sich, nur über geringe Mittel verfügend, nach jenem kalifornischen Minen- Kamp, wo sie sofort eine große Anzahl von „Claims" ausnahm. Sie hatte sich inzwischen mit einem Manne verheiratet, den sie übrigens mehr als Sklaven denn als Gatten betrachtete, denn zu sagen hatte er absolut nichts. Ten größten Teil ihrer Minen hatte sie verpachtet, andere betrieb sie selbst durch angenommene Leute ,während einige auch zeitweise brach lagen. Tie letzteren Minen machten der Besitzerin oft große Kopfschmerzen, denn sie bemerkte wiederholt, daß fremde.Leute in ihrem Eigentum arbeiteten. Sie war, mit einem Revolver bewaffnet, beständig unterwegs zwischen ihren Minen, um solche Frevler einmal auf der Tat zu ertappen. Lange wollte ihr dies nicht gelingen, bis sie eines Mittags drei Männer emsig in einer ihrer Minen beschäftigt fand. Furchtlos trat sie heran und forderte, die gespannte Waffe in der Hand, die Lente auf, ihren Grund und Boden zu verlassen. Tie drei Leute schienen durchaus nicht gewillt zu sein, der Aufforderung nachzukommen, sondern setzten ihre Arbeit gemächlich fort. Da ein nochmaliger Befehl ebensowenig respektiert wurde, so machte die Frau weiter kein Federlesens, sondern knallte einen der Leute einfach nieder. Der Schuß hatte die gewünschte Wirkung; die beiden anderen Männer packten den anscheinend nicht schwer verwundeten Kollegen unter die Arme und zogen mit ihm von bannen, Ergäirzrrngsriitsel Nachdruck verboten. offenbar keine Lust verspürend, mit der energischen Damtz noch weiter anzubmden. (Auflösung in nächster Nummer. Auflösung des Bilderrätsels in vor. Nur Schwarz-Weiß°Rot. Vermischtes. * lieber das junge Mädchen in China weiß ein französisches Blatt recht hübsch zu plaudern: Tie chinesische Frau beginnt schon bei ihrer Geburt zu leiden. Wenn man den Tod des Vaters oder eines Sohnes ausnimmt, gibt es für eine chinesische Familie nichts Traurigeres als die Geburt einer Tochter. Ein Mensch, der nur Töchter hat, gilt in China als unglücklich und wird geradezu verachtet. Selbst in den wohlhabendsten und höchstgestellten Familien wächst das junge Mädchen bis zu seinem dreizehnten Jahre — das ist das Beginn des Heiratsalters — ohne jede höhere Erziehung heran. Im dreizehnten Jahre erst legt die Chinesin Fraueukleider an; bis dahin hat sie sich ebenso gekleidet wie die Knaben und auch ihr Haar ebenso geflochten. Jetzt aber ist sie erwachsen, und die Mutter macht sie mit den Geheimnissen der Kochkunst bekannt und bringt ihr die sehr strengen und sehr verwickelten Vorschriften der chinesischen Anstandslehre bei. Trotz der strengen Sittengesetze ist aber in China manches schicklich, was eine europäische Dame nicht tun dürfte, ohne Anstoß zu erregen. So darf z. B. die junge Chinesin ungestört die Pfeife rauchen. Daß die chinesische Frau in strenger Abgeschlossenheit lebt, ist bekannt. Eine junge Chinesin darf nicht einmal ihre Brüder sehen. Ten Gatten lernt sie erst am Tage der Hochzeit kennen. Wenn Verlobung gefeiert werden soll, gehen die Eltern des Bräutigams zu den Eltern der Braut und geben der letzteren einen Ring für den Ringfinger jeder Hand und für jeden Arm ein Armband; dann schmücken sie ihr die Stirn mit einem Tiadem aus Eisvogelfedern. Der Bräutigam bekommt keinen Ring, und bald nach der Hochzeit legt auch die junge Braut ihre Ringe für immer weg. Im Mittelstand erhält die Braut als Geschenk ihr Hochzerts- kleid mit der Perlenkrone, acht Krüge Wein oder Reisschnaps, zweihundert Brötchen, acht Schelle und acht Gänse. Tie Gans besonders gilt allgemein als Sinnbild der Ehe. Tre Gänse und die Lämmer werden rot angestrichen. Am Hochzeitstage wird alles, was die Braut als Mitgift bringt, feierlich zum Bräutigam geschickt, und wenn alles da ist, überschreitet die Braut die Schwelle. Ihre Mutter legt ihr bei dieser Zeremonie ein Stück Seide als Schleier um den Kopf, sodaß der rotseidene Schleier das ganze Gesicht bedeckt. Tann führt man die Braut zur Schwelle des Hauses, in dem sie nunmehr wohnen soll, und bringt sie zrim Bräutigam. Nun werden vor den auf einem Tische stehenc^n Götzenbildern Parfums augezündet, und die jungen Eheleute werfen sich zahllose Male zu Boden. Man gibt ihnen darauf als Sinnbild des Friedens einen Fichtenzapfen und als Sinnbild des Glückcs einen Schemel in die Hand, woraus der Bräutigam den roten Schleier vom Gesicht der Braut nimmt. Tie Neuvermählten grüßen sich feierlich und trinken aus zwei kleinen silbernen Kelchen. Und das ist alles die Hochzeit ist zu Eiide! , , * „Ich klage den König an!" Emer der bekanntesten Rechtsanwälte Portugals hat kemen Geringeren als den König vor den höchsten G«ichtvhof d.I Reiches geladen unter der schweren offen licheu Anklage der König verschwende in persönlichen Ausgaben nictjt weniger als den vierten Teil der Staatseinnahmen und habe in diesem einen Jahre sogar für „Ausflüge zu wer Geld verausgabt. Diese „Anklage" ist durch em reiches Aktenmaterial belegt. 89... . . . ve A. . SS....et . . it Ha . . . . ton ... scher An Stelle der Punkte sind passende Buchstaben zii setze», w daß bekannte Hauptwörter ent,leben. Tie .emgeiugteu B chslabeii müssen im Zusammenhang gelesen em Sprichwort ergebe . Redaktion: August Göb. — Rotationsdruck und Verlag der Brühl'schen llniversitäts-Bucki- und Steindruckerci. R. Lange, Gießen.