1903. — Hlr. 160 Mittwoch den 28. Oktober. & M (Nachdruck verboten.) Jas UMMA» m der BretaaZe. Von B. W. Howard. (Fortsetzung.) „Einige bretagnische Züge hatte er wohl", erwiderte der eure trocken, worüber Hamor herzlich lachte, sogar Thymerts Lippen umspielte ein leises Lächeln. „Uns Bretagnern", hatte Guenn gesagt, und wie ein linder Balsam war dieses Wort in sein wundes Gemüt gefallen. Sogar die große Staffelei, die so kecklich von seinem freien Eiland Besitz ergriffen hatte, schien ihm in diesem Augenblick weniger verhaßt. „Jetzt lächeln Sie wieder, jetzt sind Sie wieder gut und lieb", rief Guenn triumphierend. „Wie froh bin ich, nun ich weiß, daß Sie Monsieurs Wunsch- erfüllen wollen." „Ich muh hinüber nach der Cigogne, dem alten Jean geht es schlechter," sagte der junge Priester hastig und stieg in sein Boot; „wenn Sie etwas brauchen, steht die alte Brigitte ganz zu Ihrer Verfügung." „Monsieur le eure", rief Guenn leise, der eigentümliche Ausdruck in Thymerts Gesicht hatte sie unruhig gemacht — „war ich vorhin unartig? Es tut mir so leid", setzte sie hinzu, nicht gerade sehr reumütig, aber mit einem unwiderstehlich schelmischen Blick ihrer offenen, ehrlichen Augen. „Nein, Kind, Du warst nicht unartig, nur aufgeregt." „Mag sein, aber ich habe Sie doch verletzt", beharrte sie, „ich sah's Ihnen an. Sie machten so —" sie preßte die Lippen aufeinander und ahmte dem Priester nach. „Kind, Du kannst mich überhaupt nicht verletzen", rief Thymert mit überwallendem Gefühl. „Du kannst mir nicht wehe tun, selbst wenn Du es darauf anlegtest, Guenn!" Er ruderte langsam an ihr vorbei; aus seinen traurigen Augen grüßte sie ein Strahl der zärtlichsten Milde, und Nachsicht. „Ja, Sie sind gut", versetzte Guenn sorglos, dabei beobachtete sie Hamvr unablässig und wartete auf sein Zeichen, „Sie sind ein Engel!" „Posez, Guenn!" rief der Maler. 18. Kapitel. Guenn fühlte sich jetzt überglücklich! Schon an und für sich war die Fahrt nach den Lannions alle Morgen ein Hochgenuß; aber es lag außerdem noch etwas so Beseligendes in dem Gedanken, als Monsieurs unentbehrliches Modell von Meurice binübergefahren zu werden. Freilich Hütte sie viel lieber oort übernachtet, statt alle Abende nach Hause geschickt zu werden, allein Madame in den Voyageurs, die sich sonst so selten in anderer Leute Angelegenheiten mischte, hatte diesmal ein energisches Veto eingelegt. Sir allein hatte darauf bestanden, daß Guenn jeden Abend nach Plouvenec zurückgebracht werden müsse. „Ja, wird es denn aber nicht ganz unmöglich sein, daß sie am Morgen rechtzeitig genug herüber kommt?" warf Hamor besorgt ein. „Davon hängt natürlich alles ab, die Tage sind so kurz, ich muß das Mvrgenlicht zum Arbeiten benutzen." „Ach nein, unmöglich ist's gerade nicht", rief Guenn eifrig, „aber es hat ja gar keinen Sinn, wenn Sie es lieber haben, daß ich drüben bleibe", sie warf Madame einen vorwurfsvollen Blick zu. „Auf den Lannions ist es so kalt", suchte diese zu be- gütigen. „Als ob mir das etwas ausmachte!" „Es sind auch noch andere Gründe, die nicht übersehen werden dürfen." „Ah- bah !" machte Guenn. „Es schickt sich ganz und gar nicht", entschied Madame', „ich bin überzeugt, daß Monsieur Hamvr mir beistimmt." Nach einer geheimen, überaus liebenswürdigen Rücksprache von fünf Minuten war Monsieur Hamor einverstanden. „Ich versichere Ihnen, Madame, meinte er lachend, „da der eure und die alte Brigitte drüben sind, da es sich- um Guenn Rodellec handelte, und ich auch nicht gerade — nun kurz und gut, ich habe nicht mit einem Gedanken daran gedacht, ob es schicklich sei oder nicht." So mußte sich Guenn wohl oder übel ins Unvermeidliche fügen, und bald genug fand sie heraus, daß sie keine Ursache habe, Madames Einmischung sonderlich zu bedauern. Ter tägliche Triumphzug nach den Lannions schmeichelte ihrem Stolze ungemein. Er erwartete sie; sie war ihm unentbehrlich. Gs war (a auch etwas ganz anderes, zu ihm angesegelt zu kommen und nicht wie sonst durch die wohlbekannten Gassen zu eilen, um dann unter dem Thorweg zu warten, bis Monsieur mit dem Schlüsselbund erschien. Von Kleopatra, die einst Mark Anton entgegen fuhr, in der königlichen blumengeschnrückten Barke mit dem seidenen Zeltdach, das rosige Liebesgötter hielten, hatte sie nie gehört; aber als sie, in all ihrer Lieblichkeit, voll glühender Hingabe zu ihm durch die weißschäumeuden Wogen fuhr, war sie so gut ein liebendes Weib wie jene. Der rauhe Seewind rötete ihre Wangen, die reinste Freude glänzte aus ihren Augen, auf ihren Lippen schwebte ein frohes Lachen; Meu- riee nebst seiner Mannschaft beugte sich willenlos vor der Zaubergewalt dieses herrischen, kleinen Geschöpfs, mit der klaren Stimme und dem furchtlosen Blick. In stillerMorgen- frühe schifften sie Guenn, rosig und strahlend, am Felsengestade der Lannions aus, wo Hamor und der Priester schon ihrer harrend standen. Wie stolz schlug ihr Herz, wenn sie der hohen Gestalten ansichtig wurde. Beim trüben Winterdämmersein brachten die Beiden sie abends wieder zum Strande, wo das Boot, vom Fischfang heimkehrendbereit lag, sie auszunehmen. Dann streckte sie sich behaglich! 638 auf einen .Haufen Segeltuch; die Schiffer dachten, sie fei müde und wolle schlafen, und Meurice deckte sie sorglich zu, ost mit seinem eigenen Mantel. Bei der Landung in Plouvenec suchten die rauhen Seeleute sie sanft zu Wecken r- aber Guenn schlief nicht. Im Geiste durchlebte sie noch einmal alle Stunden des vergangenen Tages — eifersüchtig wehrte sie jedem andern Gedanken den Zutritt uud überzahlte wieder «und wieder ihren goldenen Schah an freundlichen Worten und Blicken. Sie prüfte sich aufs gewissenhafteste, ob sie auch ihre besten Kräfte für das Werk eingesetzt habe, ob sie geleistet, was er von ihr verlangte, ob „das Bild" heute mit ihr zufrieden sein könne? Von froher Hoffnung auf ein glückliches Morgen umgaukelt, segelte sie unter dem leuchtenden Sternenhimmel nach Plouvenec. Wahrlich, die Liebe des unwissenden kleinen Mädchens, das so sorglos mitten unter dem rauhen Fischervolk träumte und hoffte, war ein erhabenes Gefühl, reich an Aufopferung, Mut und Entsagung; tapfer arbeitete sie Tag für Tag an sich und in sich, und das alles nicht um den süßen Lohn der Gegenliebe, sondern im stillen, unausgesetzten Kampfe gegen das unverstandene Sehnen ihres Herzens. In der Arbeit für eine große Sache, im Aufgehen in einer Idee, brachte sie ihre Seele als reinste Huldigung Hamor und feinen Zielen dar. — AuS den beabsichtigten vier Tagen wurden deren sechs, und auch diese gingen vorbei. Als die Schiffer am siebenten Morgen die wohlbekannte kleine Gestalt nicht unten am Strande erscheinen sahen, kein rosiges Mädchengesicht ihnen freundlich zulächelte, keine süße Stimme, bald bittend, bald ungeduldig, Befehle erteilte oder ihres Ungeschicks spottete — da tat es den wackeren Leuten leid und sie hätten gewünscht, daß man auf den Lannions Guenn Rodellec auch ferner bedürfe. Es war eine durchaus befriedigende, erfolgreiche Woche für Hamor gewesen, das Wetter so günstig wie möglich und Guenn wieder im Vollbesitz aller jener Eigenschaften, die unter den, — im allgemeinen so förderlichen — Einflüssen des Atelierlebens hier und da zu Hamors Leidwesen zu verblassen schienen — warum, wußte er nicht. Für seine speziellen Zwecke müßte sie wild und ungebunden sein; andererseits war ein gefügiges Betragen bei einem Modell ganz unerläßlich. Guenn hatte sich gehorsam, sanftmütig und nützlich erwiesen, seitdem er auf den glücklichen Gedanken gekommen, ihr persönliches Interesse für sein Werk wachzurufen. Sie war ein so eigenartiges Geschöpf, daß man sie unmöglich mit einem fremden Maßstabe messen konnte. Jin Laufe der Woche« war ihm nun zuweilen ein gewisser Mangel aufgefallen. Fehlte es ihr an Frische, Anmut oder Lebhaftigkeit? er wußte es selbst nicht zu sagen. Sie schien das noch alles in reichem Maße zu besitzen; früher jedoch, in ihrer vollständigen Ungebundenheit, war es die Uebersülle der Gaben, was ihn so gefesselt und entzückt hatte. Groß war daher ferne Freude und Dankbarkeit, als er sie jeden Morgen in all ihrem ursprünglichen Reiz auf den Lannions erscheinen sah. „Es liegt auf ihr, wie der Schmelz auf einer Blume, der Flaum auf einer Pfirsiche", rief er oftmals beglückt aus, — „ich muß es benützen, so lange ich kann". Lebhaft empfand er, daß die gütigen Mächte, die sein Schicksal leiteten, für ihn in Guenn Rodellecs bezaubernder kleiner Person, gerade zur rechten Zeit, alles verkörpert hatten, was er zur Ausführung seines großen Werkes wünschte und bedurfte. „Ich bin wirklich ein vom Schicksal selten bevorzugtes Menschenkind", sagte er eines Abends zu dem Priester. „Was ich mir wünsche, wird mir fast immer zuteil. Das ist natürlich kein Verdienst, ich erwähne es nur als Tatsache. Ich bin eben ein Glückskind. Freilich habe ich auch keine übertriebenen Wünsche", fügte er fröhlich lachend hinzu. „Außer meiner Kunst begehre ich nichts. Am ersten Abend, den ich in Plouvenec verbrachte, sah ich Sie und Guenn alle zwei in für mich äußerst fesselnden Stellungen. Ich nahm mir damals vor. Sie beide zu malen. Das habe ich erreicht, finden Sie da nicht, daß es mir über Verdienst gut ergangen ist?" Auf dergleichen heitere Reden ging Thymert selten ein. Hamor fand seinen Gastfreund überhaupt weit düsterer und unzugänglicher, als er für möglich gehalten hatte.. Wenn er daran dachte, wie ganz anders der Priester an jenem Morgen beim Frühstück gewesen, wie liebenswürdig, ja heiter er sich damalff gezeigt hatte, so muhten ihnderErnst und die Förmlichkeit, die er jetzt an den Dag legte, eigentümlich berühren. Er glaubte die natürliche Ursache davon in Thymerts trostloser Umgebung auf den öden Inseln, und in dem eintönigen, trübseligen Wellenschlag des brandenden Meeres zu finden. Erst am Abend, wenn Guenn fort war, kam die liebenswürdige Natur des jungen Priesters wieder zum Vorschein. Bis tief in die Nacht hinein saßen sie oft bei einander. Der Maler erzählte von seinen abenteuerlichen Erlebnissen im fernen Westen; er sprach einfach und bescheiden dem Manne gegenüber, dessen tägliches Leben so reich war an Entbehrungen und Gefahren. Thymert vernahm manches, was feine Teilnahme erregte, oft entfuhr ihm ein Ausruf der Bewunderung, des tiefen Mitgefühls, der Begeisterung. Dann schwieg er wieder, in seinem Blick lag ein unergründliches Fragen, er ward niedergeschlagen und unruhig. Mitunter zeigte er ein ungewöhnliches Interesse an Kunst und Malerei, als strebe er dem wahren Wesen der Sache auf den Grund zu kommen, dann wieder überfiel ihn plötzlich eine düstere Schwermut, er achtete kaum mehr auf Hamors Erzählungen, murmelte halbverständliche Ent- schuldigungen, und stürzte aus dem Zimmer, um draußen in wilder Erregung auf dem Felseneiland auf und ab zu stürmen. Thymert war oft zu Mute, als gehe er aus den Fugen, die Pflicht der Gastfreundschaft ward ihm zur unerträglichen Qual, er fühlte sich außer stände, sich und seine Umgebung zu verstehen. Keine Gefahr war vorhanden, kein Unrecht geschah, aber die unheimlichen Befürchtungen, die ihn unablässig verfolgten, schienen mit jedem neuen Tage eine bestimmtere Form anzunehmen. Er zitterte für die kleine Guenn, die er doch so sicher und glücklich sah, er fürchtete den Maler, zu Zeiten haßte er ihn sogar, obgleich ihm das einfachste Gerechtigkeitsgefühl sagen mußte, daß Monsieur Hamor eine durchaus harmlose, sonnige Natur war, die sich überall Freunde erwarb. Böse Vorahnungen beängstrg- ten und warnten ihn; er fühlte sich namenlos elend, vermochte aber keinen vernünftigen Grund für seine Befürchtungen zu entdecken. Dieser Zustand allein genügte, ihn; unglücklich zu machen. , Mochte er aber still und traurig in seinem Studierzimmer sitzen oder vergeblich trachten, einen Einblick in Hamors ihm unverständliches Gemütsleben zu gewinnen, mochte er sich in seiner alten, fadenscheinigen Soutane trotzig emporrecken und in die Nacht hinausstürmen, mochte er sich mitteilsam und gastfreundlich oder abstoßend und ungeduldig zeigen — Hamor war stets und überall sem eifrigster Bewunderer. Die Arbeitswoche auf der Insel, im steten Verkehr mit dem seltsamen, ihn mächtig fesselnden Charakter, erschien ihm als eine der reichsten, fruchtbarsten Episoden seines ganzen bisherigen Lebens. Der Priester war entschieden die gewaltigste Persönlichkeit, die er je gesehen. Den tiefsten Eindruck übte jedoch seine außerordentliche und fesselnde Kraft auf ihn während der Ereignisse einer denkwürdigen Nacht. Es war am Sanistag. Hamor hatte sich vollständig befriedigt mit dem Ergebnis seiner Wochenarbeit erklärt, alles übrige könne er sehr gut im Atelier beenden. Guenn war beglückt durch sein Lob, ganz seinem Magischen Einfluß hingegeben. Gegen Abend ward es stürmisch, und Meurice kam nicht, sie abzuholen. Guenn fühlte in jeder Fiber das Nahen des Sturmes, das Brausen der zornigen Mnde, das drohende Grollen des Ozeans. Ihre blauen Augen erschienen beinahe schwarz vor innerer Erregung, auch Hamor freute sich auf das ungewohnte Schauspiel; Thymert allem ward unruhig und äußerte besorgt: „Guenn, Meurice wird nicht landen können bei diesem Sturm." „Meine chose", erwiderte Gueuu. "Ja, aber dann müßtest Du doch die Nacht über hier Bleiben ?z/ „Und warum nicht? ich habe immer gewünscht hier zu schlafen. Sie werden doch für s-olch ein kleines Ding wie mich gewiß ein Plätzchen übrig haben, inonfieur U recteur", versetzte Guenn halb bittend halb befehlend. „Ich bin nun einmal hier, und wenn Meurice nicht kommt, muß ich bleiben, das ist klar, Sie mögen mich nun wollen oder nicht. Huh! tote die Wogen an die Felsen, schlag^. schlimm mit dem alten Jean", bemerkte Dhy- mert NM einer Pause. 639 >,Sie werden doch nicht nach der Cigogne wollen", sagte Guenn ängstlich, „das wäre ja eine Fahrt auf Tod und Leben." Der Priester zuckte die Achseln: „und dennoch muß ich hinüber." „Leidet Jean viel?" fragte das Mädchen. „Er findet keine Ruhe; er bewegt den Arm fortwährend in der Luft gleich einem Pendel und ist doch so müde. Ich bin eine Uhr, sagte er, ich muß es tun — Tick — tack." „Wie seltsam!" rief Hamor. „Durchaus nicht, Monsieur", versetzte der Priester errötend und mit unwilliger Geberde. „Wieso seltsam? Es ist aus dem Leben: Jean war ein Uhrmachersohn in Brest, Er lies fort zur See. Jetzt liegt er im Sterben urtö der alte Mann versetzt sich in seine Kindheit zurück. Ich sehe dabei nichts Seltsames." Thymert stand auf und durchmaß mit zwei Schritten das kleine Gemach. „Wenn Sie hiniiber fahren, will ich mit", rief Gnenn mutig. „Es ist heute zu rauh und gefährlich für ein Mädchen", wehrte der Priester ab. „Hab' ich mich schon je einmal gefürchtet?" Lebhaft aufspringend, stellte sie sich kühn und herausfordernd an seine Seite; „ich werde auf jeden Fall mit Ihnen fahren." „Ist das Dein Ernst, Guenn?" fragte der Priester mit tiefem Seufzer. „Darf ich auch mitkommen, bat Hamor. „Was könnte Ihnen daran liegen?" Der Priester maß seinen Gast mit einem beinahe feindseligen Blick. „Weshalb wollen Sie mitfahren? Was kümmert Sie der alte Jean?" Hamor zögerte, er sah das verhaltene Feuer in Thy- merts Augen glühen. Dann sagte er mit ruhigem, ehrerbietigem Tone: „Ich könnte Ihnen doch vielleicht bei der Führung des Bootes von diutzen sein, monsieur le recteur?" Die Sanftmut seines Wesens erschien Guenn wahrhaft bewundernswürdig. „Gewiß, er soll uns helfen", erwiderte sie. Ernst und gefaßt stand sie neben Thymert, bereit, durch Sturm und Gefahr mit ihm zu dem sterbenden Fischer zu eilen. Wie gut und tapfer war doch die kleine Guenn, und welcher Trost für sein gequältes Herz lag in ihrem Entschluß. (Fortsetzung folgt.) Kriegserkeönlsse aus dem Ieldznge 1870/71. Fortsetzung. Inzwischen war an der Loire eine neue französische Armee gebildet worden, die zwar Anfang Oktober von den Bayern zurückgeworfen wurde, aber sich bald nach Eintreffen von Verstärkungen zum Vorgehen anschickte. Prinz Friedrich Karl sollte daher mit einem Teil der bei Metz freigewordenen Truppen über Troyes nach Orleans zu marsch-reren. Das 2. Bataillon unseres Regiments verließ daher bereits am 30. Oktober Ars und gelangte am 10. November nach Troyes, wo es vor der Kathedrale an dem Prinzen Friedrich Karl vorbeimarschierte. In den Straßen der Stadt lagen Haufen von demolierten Waffen. In Troyes hoffte man etwa acht Tage zu verbleiben, aber schon in der Nacht wurde der Abmarsch besohlen, um in Eilmärschen Orleans zu erreichen. Die Tornister wurden in Troyes abgelegt und auf Wagen nachgefahren. Da beim Abmarsch noch viele Soldaten fehlten, welche sich sorglos zur Ruhe begaben, in der Meinung, einige Tage hier W verleben, blieben einige Offiziere zurück, um die Fehlenden nachzubringen. Feldwebel Bruchhäuser wurde zurückgelassen, um die Kranken der 7. Kompagnie in das Lazarett abzuliefern, traf aber bald wieder Leim Regimente ein. Das Oberkommando in Versailles befürchtete einen Vorstoß der Loire-Armee zum Entsätze von Paris und befahl dem Prinzen Friedrich Karl, mit seinem rechten Flügel in dev Richtung von Fontainebleau zu marschieren. Das Durchschreiten des Waldes von Fontainebleau ging nur langsam von statten, da die Wege durch Barrikaden und Verhaue gesperrt waren. Der 7. Kompagnie des Gießener Regiments, welche an jenem Tage die Vorhut hatte, fiel die schwierige Aufgabe zu, Barrikaden uitb Verhaue zu besei- Mit dem Feinde kam man jedoch nicht in Berührung. Von den Waldwegen aus erblickten die Soldaten in einiger Entfernung das berühmte Schloß in Fontainebleau. Beim Passieren des Waldes fiel Büchsenmacher Engel vom Protz- kasten und brach ein Bein. Er mußte in das Lazarett nach Fontainebleau gebracht werden. Am 15. November kam die 7. Kompagnie nach Males- herbes in Quartiere. Feldwebel Bruchhäuser mit noch einigen Soldaten wurden in das Haus einer Französin einquartiert, die ihnen aber kein Zimmer öffnen, sondern sie in einem Stalle unterbringen wollte, was man entschieden ablehnte und mit Gewalt die Zimmer öffnete. Da das Verhalten der Französin ein sehr unwirtliches blieb, verließ man das Quartier und es wurde ihr zur Strafe eine ganze Korporatschaft zugewiesen. Zur Sicherung der Straße Orleans-Paris wurde das Regiment am folgenden Tage mehr nach Westen hin dirigiert. Vom 17. bis 22. November bezog die 7. Kompagnie in dem Orte Leonville Quartiere. Leonville bestand aus einer Reihe sehr großer Bauernhöfe, und die Besitzer waren offenbar sehr wohlhabend. Bald war man benn auch überall mit Braten und Kochen beschäftigt. Hier hatte ein Soldat ein Huhn, dort ein anderer eine Ente. Es wurde auch ein Kalb geschlachtet, wovon Feldwebel Bruchhäuser und die bei ihm untergebrachten Unteroffiziere und Mannschaften ihren Anteil erhielten. Man war zu einem alten, alleinstehenden Bauern ins Quartier gekommen und mußte sich seine Mahlzeit selbst zubereiten. Bon dem vielen Braten und Kochen in dem offenen Kamin hatten die Balken des Fußbodens Feuer gefangen und fingen in der Nacht an zu Brennen. Die darunter im Stalle stehenden 'Pferde der Ulanen wurden von den glühenden Kohlen überschüttet und schlugen wütend um sich Nach einiger Mühe gelang es indessen, den Brand zu löschen, doch gingen von den Pferden zwei zu Grunde. Trotz Bitten des alten. Wirtes, doch bei ihm zu bleiben, mußte Bruchhänser mit feinen Leuten doch ein anderes Quartier beim Maire des Ortes beziehen. Vom 22. bis 28. November lag das 2. Bataillon in Oison im Quartier und hatte Vorpostendienste zu leisten. Hier standen bereits braune Husaren, die das Erscheinen der Infanterie mit Freuden begrüßten, weil sie allein beit Plänkeleien des Feindes zu sehr ausgesetzt waren. Die 7. Kompagnie kam in ein ausgedehntes Gehöft Mamonville, das sie sofort zur Verteidigung einrichtete. In der Ferne sah man sehr oft feindliche Kavallerie-Patrouillen, die sich aber alsbald wieder entfernten. In Mamonville erhielt Feldwebel Bruchhäuser die Nachricht von der Geburt seines dritten Söhnchens. Der Kompagniechef riet ihm, es nach dem Hofe Mamonville zm- nennen, dann wolle er selbst Pathenstelle übernehmen, was aber dankend abgelehnt wurde. Für den Fall einer Alarmierung hatte sich die hessische Ttvision bei Chateau Gaillard an der großen Straße nach Orleans zu versammeln, wo auch in dieser Zeit unser Regiment sich mehrmals einzusindert hatte. Am 28. November hörte man in Mamonville den Kanonendonner der Schlacht von Beaume la Rolande, in der ein Angriff der Franzosen vorn 10. Korps zurückgewiesen wurde. Da für den folgenden Tag ein neuer Angriff befürchtet wurde, so mußten einige Truppenverschiebungen auf deutscher Seite vorgenommen werden. Tie 7. Kompagnie bezog daher am folgenden Tage in Jz.y Quartiere. In der Nacht fiel plötzlich ein Schuß, eine Patrouille wurde abgeschickt, fand aber nichts vom Feinde. Am andern Morgen stellte es sich heraus, daß der Vorposten, Musketier Nachtigall der 7. Kompagnie ein Artilleriepferd, — in der Meinung, es sei eine feindliche Patrouille — das sich losgemacht hatte, und quer über das Feld lief, erschossen hatte. Am Nachp mittag wurde die Kompagnie alarmiert und mußte in der Nacht bis Ramoulu marschieren. Es wehte ein sehr kalter Wind, und die Soldaten waren so ermüdet, daß sie sogar auf dem Marsche schliefen. » Am 2. Dezember kam die 7. Kompagnie wieder nach Izh in Quartier. In der Nacht wurden überall Biwakfeuer angezündet, nm die Franzosen über die Stellungen und Absichten der deutschen Truppen zu täuschen. Für den 3. Dezember hatte Prinz Friedrich Karl den Angriff befohlen. Unser Regiment rückte der Straße nach Orleans gegen Artenay vor. Da ritt Prinz Friedrich Karl mit seinem Stabe vorüber, mit Hurra-Rufen von den Trup« pen begrüßt. Am Mmag wurde nach hartnäckigem Kampfe 640 Artenay genommen und der Feind nach Orleans hin verfolgt. Prinz Ludwig vou Hessen ritt gerade am Regiment vorüber, als in seiner Nähe eine Granate einschlug. Ein Granatstück traf den Sattel seines Pferdes, das sich hoch aufbäumte. Der Prinz blieb aber unverletzt und ritt lächelnd weiter. Nachts bezog das Regiment bei Artenay Biwak und die 7. Kompagnie Borposten. In einiger Entfernung brannte ein großer Bauernhof, welcher im Laufe der Schlacht in Brand geschossen wurden, dessen Glut sich bis in das Biwak hinein wohltuend fühlbar machte. Am 4. Dezember wurde der Angriff auf Orleaus fortgesetzt. Im Vorgehen erbeuteten unsere Truppen große Mengen von Zwieback, die ihnen nach den vorherigen Entbehrungen trefflich zu statten kamen. Ein hartnäckiger Kampf entspann sich noch bei den Vorstädten vou Orleans. Plötzlich schlug ein Marinegeschoß mitten auf die Straße unter die Truppen, Hauptmann von Muralt vom. 3. Hessischen Infanterie-Regiment wurde sofort getötet, Leutuant Scharch vou demselben Regiment schwer verwundet. Einige Minuten später kam der Bruder ves letzteren, Leutnant Scharch tion der 7. Kompagnie des Gießener Regiments hier vorüber. Er trat in das Haus, in das man seinen Bruder getragen hatte, kam aber bald mit der traurigen Nachricht zurück, daß die Verletzung etria rötliche sei. In der Hand hatte er einen großen Knochensplitter, den die Aerzte soeben aus der Wunde entfernt hatten. Leutuant Scharch erlag einige Tage später seinen schweren Verletzungen. Während des Rückmarsches des Gießener Regiments ans Frankreich war der Vater aus Deutschland "nach Orleans gekommen, um die Leiche keines Soones abzuholen. (Fortsetzung folgt.) Vermischtes. * Ueber die Diamanten der Patti wird aus Newyork geschrieben: „Ob Adelina Patti anläßlich ihres bevorstehenden „unwiderruflich letzten Auftretens" in den Vereinigten Staaten ihre berühmten Juwelen mitbringen wird, — das ist eine der Fragen, die anläßlich des bevorstehenden Kunstgenusses in unseren vornehmen Damenkreisen besonders erwogen wird. Der Preß-Manager be- hanptet, sie werde sie mitbringen, aber traue einer derlei Preß-Menschen! Die große Sängerin hat Juwelen in ihrem Besitze, deren Wert eine halbe Million Dollars übersteigen soll. Die Diva hat seit jeher eine große Vorliebe für wertvolle Steine gehabt, und ein nicht unbedeutender Teil ihres großen ersungenen Vermögens liegt in ihrem Schatzkästlein zinslos begraben. Einen solchen Reichtum in Form von kostbaren Steinen übers Meer zu bringen, erscheint fast als ein zu großes Risiko. Wenn die Patti alle ihre Juwelen tragen wollte, würde sie manche der hiesigen Dollarköniginneu ausstechen, und dies könnte bei der bekannten Eifersucht der Damen der oberen Vierhundert „fürchterliche" Folgen haben. Beim letzten Besuche der Diva hier erschien sie bei den Konzerten in einer Robe, deren Eorsage eine einzige glitzernde Fläche der herrlichsten Diamanten bildete, während ihr Haar wie in ein Meer von Feuer getaucht schien, das von den dort angebrachten Diamanten widerstrahlte. Die führenden Damen unseres smart set gerieten in eine mit dem Gefühle des Neides gemischte Verzückung bei dem Anblicke des Diamanten-Madems der Patti tmd der berückenden Pracht ihres Perlenhalsbandes „von unschätzbarem Werte". Nachdem aber die Patti ihre Tournee beedigt hatte, wurde in der Presse mitgeteilt, daß ihre Juioelen nichts weiter als geschickt gemachte Imitationen der echten Juwelen gewesen seien, die in den Sicherheitsgewölben einer Londoner Bank wohlverwahrt verborgen lägen. Diesmal wird es der Patti nicht so leicht sein, einen ähnlichen Trick anzuwenden, denn die Damen werden aufpassen, scharf aufpassen. Deshalb verlautet auch schon, daß bei den betreffenden Versicherungsgesellschaften angefragt worden sei, um die Kostbarkeiten der Diva gegen jedes Risiko zu versichern." * Die Pariser Polizei hat eine Diebesschule entdeckt, deren Leiter leider die Flucht ergriffen hat. Geheimpolizisten beobachteten dieser Tage auf oer Plaee de la Nation das eigenartige Gebühren dreier Bürschlein, die vor den Schaufenstern und an den Unter grundbahu-Aus- gängen sich den Leuten näherten und sich nach einigen Redaktion: August Götz. — Rotationsdruck und Sekunden entfernten. Da es für die Geheimen sofort klar? war, daß sie es hier mit jungen Taschendieben zu tun hatten, verdoppelten sie ihre Wachsamkeit. Schon nach wenigen Augenblicken hatten sie die drei Jungen bei der Arbeit ertappt und sestgenommen; sie brachten sie nach der nächsten Polizeistation, wo der Poltzeikommissar Brunet sie einem Verhör unterwarf. Die drei jungen Burschen —•; der älteste ist erst sechzehn Jahre alt — machten interessante Enthüllungen. Sie übten den Taschendiebstahl schon seit Beginn des Jahres aus und hatten immer Erfolg gehabt. Sie hatten aber auch eine gute Schule! Ein Individuum, das sie nur unter 5em Namen „Bamboula" kennen wollen, hatte ihnen „Unterricht" gegeben; dafür mußten sie ihm jeden Abend ihre „Tageseinnahme" bringen. Der Polizeikommissar begab sich, von den drei Spttzbüblein begleitet, in die Wohnung Bamboulas und nahm dort eine, gründliche Haussuchung vor. Er fand zehn große Puppen, die mit verschiedenen Männer- und Frauen- kleidern, tote Oberrock, kurzes Röckchen, Ueberzieher, Mantel, Jäckchen usto., bekleidet waren. Auf die Frage, was diese Puppen bedeuteten, antwortete einer der drei Burschen: „Aber das ist ja unsere Schule, die Diebesschule! An diesen Puppen übten wir uns im Taschendiebstahl. Oh ! Bamboula ist ein strenger Lehrer!" Die Puppen wurden, obwohl sie als „Arbeitswerkzeug" nicht hätten gepfändet werden dürfen, in Beschlag genommen, ebenso zahlreiche Geldtaschen, Brieftaschen und Waren, die von Diebstählen herrührten. Bamboula selbst konnte bis jetzt nicht gefunden werden. * Eine Pariserin in Männerkleidung. Int Vordergrund des Interesses steht in Paris wieder einmal Mme. Jeanne Dieulasoy, die Verfasserin des preisgekrönten Romans „Parysatis", aus dem Saint-Sasns das Libretto zu seiner kürzlich mit großem Erfolg im Römischen Theater von Orange aufgeführten Oper gleichen Namens entnahm. Die eigenartige Persönlichkeit der bekannten Schriftstellerin erregt schon deshalb überall, wo sie sich zeigt, großes Aufsehen, weil man statt der Dame trt eleganter Toilette, die man zu sehen erwartet, eine Gestalt in tadelloser Männerkleidung erblickt. Seit 1881 trägt Mme. Dieulafoy miü Erlaubnis der Regierung vollständige Männerkleidung. Wer die derart kostümierte Frau, deren geistvolles, scharf markiertes Gesicht mit dem kurz geschnittenen Haar durchaus männlich wirkt, zum ersten Male vor sich sieht, kann gar nicht glauben, daß er einer Frau gegenübersteht. Und Madame Jeanne ist keineswegs eine enragierte Frauenrechtlerin wie ihr amerikanisches Gegenstück, die seit vielen Jahren in Männertracht einhergehende Dr. Mary Walker, sondern eine echt weiblich empfindende Natur, die ihr größtes Glück darin sieht, die geliebte Gattin eines geliebten Mannes zu sein. Dieser Mann ist der gleichfalls berühmte Ingenieur Marcel Dieulafoy, der, von seinem jungen Weibe begleitet, im Auftrage der Regierung eine archäologische Forschungsreise nach Persien unternahm, wo er die Paläste der Könige Darius I. und Artaxerxes II. entdeckte und hochinteressante Funde machte, die in einem besonderen, nach ihm benannten Saal des Louvre ihren! Platz erhielten. Während jener persischen Reise sah sich Mme. Jeanne genötigt, um nicht häufig in, Lebensgefahr zu geraten, Männerkleidung anzulegen, an dte ste sich bald so gewöhnte, daß es ihr schwer geworden wäre, ste toterer mit der weiblichen zu vertauschen. Silbenrätsel. (Nachdruck verboten.) blch ber ber can di die ei i ke le Io me na na o on ot po pas pern ra te to Aus vorstchenden 23 Silben sind 7 Wörter zu bilden, die sollende Bedeulung haben: 1. großer Eroberer; 2. wustkaltscher Aus- druck; 3. Edelstein; 4. Küstengebiet in Afrika; 5. Feuerwerkskorper; 6. geistiger Krüppel; 7. bekannter Geograph. Sind die richtigen Wörter gesunden, so ergeben die Ansangs- und Endbuchstaben im Zusainntenhang gelesen ein bekanntes Sprichwort. (Auflösung in nächster Nummer.) Auflösung des Abstrichrätsels in vor. Nr.r Beraten, Braten, Raten. Verlag der Brübl'schen Universitäts-Buch» und EteindruSerei. R. Lange, Gteßen.