MU 1903. — Wr. 144. Montag den 28. Slptemöer. I Monsieur Harnors Begeisterung?" fragte der Professor mit feinem, etwas skeptischen, Lächeln die Leiden andern junAN , //D^wiß, mehr oder weniger bewundern wir alle das mLAr« AL?' ifl |le un8 “ W S»”« "M) so. Sie haben sie noch nicht gemalt?" , "..ein, bis letzt noch nicht, aber binnen kurzem wird „sitzen, ich schwöre es beim^ heiligen I M-iwoc , rief Hamor übermütig. „Wer ist denn eigentlich die Kleine?" • A, ist ein wildes Fischerkind, das wie die andern in der Fischhandlung arbeitet, die besten Einkäufe für ihren I Herrn macht wenn die Boote abends einlaufen, und mit allen Seeleuten ein Herz und eine Seele ist. Man kennt I Lnb breit in der Gegend von Plouvenec, sie läuft Überall frei umher, am hellen Tag tote um Mitternacht “ttbT. treibt mit jedem, der ihr in den Wurf kommt, ihren derben Scherz Sie hat ein kluges anstelliges Köpfchen und I öl Tk 8'ClT Ed Leben. Ihr Vater ist em roher .^uukenbold und von ihren sonstigen Beziehungen weiß ! "ur, daß sie noch einen kleinen buckligen Bruder hat,' ! Höch,t durchtrieben zu sein scheint. Das Mädchen besitzt die Anmut einer wilden Gazelle, und ihre Schönheit ist von ?ös?m-^rl-ckender Natur. Es liegt etwas südlich Leiden- KÄhrt^nd'frisch." Erscheinung, dabei ist sie ganz un- »Ich für meinen Teil finde ihren Muskelbau noch viel bewunderungswürdiger, als ihre sonstige Schönheit" bemerkte Douglas in seiner ruhigen, trockenen Art. „Sie so leicht und luftig, daß man iinwillkürltch den Atem anhalt, ivenn sie vorbei kommt." „Ich versichere Sie, Monsieur", rief Hamor eifria und dem ungläubig lächelnden Professor einen überzeugenden Blick zu, „diese einfache kleine Bretagnerin besitzt sucht nur südliche Wärme und Farbenschmelz, sondern sie pf auch em kleines Meisterwerk nach Form und Umriß. Ich sah sre neulich ihr Boot rudern, ich beobachtete jede Linie fu.d jede Bewegung. Das Mädchen würde in Marmor ein tadelloses Bild abgeben." Hamor sprach mit einer Ehr-, furcht und Feierlichkeit, etwa wie ein anderer seine religiöse Ueberzeugung dargelegt haben würde. '$a soi!" r-ief der Professor, erhob sein Weinglas und blinzelte mit verständnisvollem Lächeln zu den Freunden hinüber. „Hier wäre ja ein Geschäft zu machen, Wenn *?te Sie sagen, so müßte sie im Hippo- chr Gluck machen. Eine solche Vereinigung von Schönheit, Frische und Gliedergeschmeidigkeit würde ja mit Gold ausgewogen werden. Und dann, — aprtzs", er lächelte und warf eine schmachtetide Kußhand hinaus in die unbestimmte Zukunft. — ® „ „ ®lte unwillkürliche Unruhe bemächtigte sich seiner Zuhörer. Sogar Douglas streckte sich und nahm eine abweisende Haltung an. Die Maler hätten in der sorglos (Nachdruck verboten.) Jas MemiiW m der Bretagne. Von B. W. Howard. (Fortsetzung.) Oen Sie also Nächte laiw mit Ihrem Virgil E'u,^wahrend draußen die wilde See tobt?" ftagte Ha- entwarf er bereits ein Bild des Pfarrers, e,r' emem Buche in der Hand dasaß, das gesenkte mit. der Tonsur und das stark ausgeprägte glatt- Tvw^ beleuchtet^""" flntfernben Kerzenlicht ä la Gerhard m ¥nn bec Virgil ist so ziemlich alles, was K S entgegnete Thymert einfach; „freilich weiß h auswendig; in rannen Sturmnächten, Wenn die Boote draußen smd und ich mich um meine ^Ä^bn.sorge, gehe ich in der Kapelle auf und nnd tröste mich mit ihm. Ich folge hierin nur einem tav§/"eu Beispiel, beim der heilige Kädoc mit dem großen Herzen, ein Schutzpatron der Bretagne, hing auch k 8'nfern seiner Seele am Virgil. In seinem feuri- gen Christenglauben hatte er nur den einen Zweifel was KÄ’W'1. dn. S--I-N ffi» roewen mochte, die auf Erden tote Engel vom .Himmel i 8^" ,6edrchtet haben, wennschon sie des ewigen aT^r ^tten teilhaftig werden können! So war unser Landesheiliger Saint Kadoc." ' feine Gesundheit trinken", rief Hamor Wfthen habenl^ "" §i,nmeI feilien Virgil von Angesicht Noch mancherlei geschichtliche und philosophische Fragen ?bruhrt, bis der Pfarrer hinausgerufen ward, weil em alter Fischer seines Rats bedurfte. . Unterdessen begann der Professor, der sich bis dabin ziemlich schweigsam verhalten hatte, sich behaglich eine pgarette anzünd end, zu den Malern'gewendet' „Sie oCiUslrbtf? Naturschönheiten und Mannigfaltig- ^t rn der Landschaft, aber genügt eigentlich Ihrem künst- ?ige!?@cgmi)d?"taS baS leibliche Geschlecht der hie- . »Gewiß", versetzte Staunton, „wir finden Schönheit Tarben und der Zuge bei den jungen Mädchen und bei eine malerische Häßlichkeit. Anmut ist freilich schon seltener, die Frauen sind körperlich I überarbeitet und altern daher auch vor der Zeit" I „Unb doch ist hier ein kleines Jnivel verborgen", begann Hamor mit Feuer, „haben Sie schon meine kleine Venus von Plouvenec gesehen?" . . "^ein, weines Wissens nicht, ich habe überhaupt noch ! rfrft e^UUl in. Flügelhaube und Holzschuhen gesehen. Eh^ lich ist dies auch nicht gerade die Art Venus, der ich den Vorzug geben möchte! Teilen Sie auch I 574 unbefangenen Weise geplaudert, wie sie es in ihren Ateliers gewohnt waren. Die Schönheit und ihre geheiligten For- »len, die Natur in ihrer urcherhüllten Wahrheit war ein Thema, das sie überall und rnit der größten Offenheit zu verhandeln liebten. Sie pflegten ihre Worte durchaus nicht auf die Goldwage zu legen/ aber im Tone des Professors lag doch etwas, das sie abstieß und anwiderte. Nach einer fite alle Beteiligten ziemlich unerquicklichen Pause nahm Hamor mit ernster Miene das Wort: „Verzeihen Sie, Monsieur, aber Sie scheinen uns falsch verstanden zu haben. Das junge Mädchen ist rauh und wild, aber durch uud durch rein und gut. Wenn meine Morte von vorhin Ihnen eine irrige Meinung beigebracht haben, so sollte mir dies aufrichtig leid sein." Ter Professor lächelte verbindlich: „aber Sie wollen sie doch zum Modell nehmen?" „Mir müssen Ihnen auch noch erklären", fügte Staunton hinzu, „daß die Mädchen, die uns hier Modell stehen, fehr anständig und ehrenwert sind. Sie besprechen freilich in unserer Gegenwart Sachen, die nicht für salonfähig gelten, und ihre Ausdrucksweise ist oft roh und plump, die armer: Dinger Ivissen's eben nicht besser! Sie würden aber jede Freiheit, die man sich erlauben wollte, mit ebensoviel Entrüstung zurückweisen, wie andere Mädchen, derien eine sorgfältigere Erziehung strengere Formen eingeprägt hat. W ist eine ganz andere Klasse als unsere getzwhnlichen Pariser Modelle, die Ihnen wahrscheinlich vorgeschwebt haben." „Nun, Ihr Maler bleibt trotz alledem höchst gefährliche junge Lpute", neckte der Professor. „Ick habe nur von einem einzigen Fall gehört, daß ein Mädchen hier durch uns ins Unglück geraten wäre", rief Hamor eifrig. „Sie hieß, glaube ich, Wonne, uud hat sich ertränkt. Ich will hier nicht die Frage erörtern, ob es nicht doch ein würdigeres Los für sie war, einen Blick in eine höhere Welt zu iverfen, als erhabenes Kunstmotiv zu dienen, und aus Liebesgram zu leiden und zu sterben, nachdem' ihr treuloser Liebhaber sie verlassen, als wenn sie ihn niemals gesehen und gekannt und einfach einen Mann ihres Standes geheiratet hätte. Sie wäre dann, wie die andern, ein armes geplagtes Haustier geworden, gestoßen, geschlagen, und vor der Zeit zur alten Brau gemacht. Ich will, wie gesagt, hier nicht meine rivatansicht entwickeln, aber wenn ich die Mädchen so unschuldig !vie die Kinder Modell stehen sehe, sie in ihrer ungebändigten Lebensfreude beobachte, und ihr fpäteres Leben bedenke, da scheinen mir solche Gedanken mcht all- zusern zu liegen." Der Professor zuckte ungläubig die Achseln. „Ihre Angaben, meine Herren, machen Ihrem guten Herzen, sowie Ihrem Zutrauen zur menschlichen Natur alle Ehre, ich fürchte aber, sie sind nicht ganz richtig. Tie Statistik zeigt, daß es um die Moralität der Fischerbevölkerung der Bretagne, die milde gesagt, doch nur eine halbwilde, traurig unwissende und brutale Kaste ist — sehr mißlich — Er hielt erschrocken inne. Eine gebieterische Bewegung von Thymerts drohend erhobenem Arm ließ ihn plötzlich verstummen. Zornesbleich, wie ein Racheengel, stand der Priester regungslos auf der Schwelle. Unwillkürlich erhoben sich die jungen Leute vor seinem Rechenschaft fordernden Blicke. Niemand wagte ein Wort zu sprechen; Thymert rang sichtlich nach Selbstbeherrschung, endlich begann er mit tiefer, von Leidenschaft durchbebter Stimme: „Mcht weiter, Monsieur, oder Sie zwingen mich zu einer Ungastlichkeit unter meinem eigenen Dache, ja zu einer Sünde in den Mauern unserer heiligen Kapelle. Ihre Statistik — es muß heraus — ist nichts als Lug und Trug! Wer macht diese Statistik? Ist es einer der unfern? Ist es ein Bretagner? Wer, der sein Land kennt, wird den Bauer schmähen! Man ehrt ihn überall, man preist die Ueberlieferungen, die alten Sagen und Gesänge einer edlen Bolksrasse! Lesen Sie nur unsere Geschichte! Welches Land hat so tapfere Helden hervorgebracht wie unsere kretaguischen Seigneurs und welches Volk hat seinen angestammten Herren treuer angehängen? Ihr Fremdlinge vermögt uns freilich nicht zu beurteilen, Ihr lernt uns ja auch,nie kennen, de«n wir sind abweisend, zurückhaltend, schwer zugänglich, mit einem Wort — wir sind Bretagner! Was wissen Eure Gelehrten von unseren Mühen, unsern Mmüken um den MUÄen Boden! Wer unter' ihnen hat je der See und ihren Gefahren getrotzt, unsere Armut gekostet, mit uns gelebt und gelitten?" Niemand regte sich, feierlich fuhr der Priester fort: „Und unsere jungen Mädchen —" er hob wie schützend beide Arme empor — „der Heiland gebe ihnen seinen reichsten Segen! Tas junge Kind aber, das vorhin Ihr Hauptthema bildete" — seine Stimme schmolz zu zärtlicher Weichheit, sein Antlitz strahlte vom reinsten Mitleid — „meine Herren, meine werten Gäste — das ist ein mutterloses Kind; sie ist aus meiner eigenen Verwandtschaft." Hamors Mienen zeigten die tiefste Bestürzung. „Können Sie mir vergeben!" begann er hastig. „Ich allein bin der Schuldige. Ich brachte jenes unglückliche Gespräch auf, ich wollte freilich nichts Böses sagen, weder gegen Sie noch gegen das Mädchen, ich wußte ja auch nicht, daß sie Ihnen nahe steht. Nun sehen Sie mich beschämt, bestürzt, ich weiß nicht, ivie ich mein Bedauern ausdrücken soll!" Thymert sah dem Maler mit seinen dunklen, durchdringenden Augen prüfend ins Gesicht: „Monsieur", sagte er bann etwas ruhiger, „sie steht mir sehr nahe, sie ist meine Nichte a la mode de Bretagne. Anderswo wären wir wohl Vetter und Base. Bei uns ehrt man seine Familie. Mein Herr, was würden Sie empfinden, was würden Sie tun, wenn ich in Ihr Land, in Ihr Haus käme und von Ihrer Schwester so spräche, wie Sie von der meinen gesprochen haben? Tenn sie ist mir teuer wie eine Schlvester." Sein Gesicht verfinsterte sich bei dem Gedanken an gewisse Aeußernngen, die er vernommen. „Sie würden sagen, daß ich ein halbwilder, unwissender Bretagner bin? — Sie würden mich zu Boden schlagen, mich niederschießen. Sagen Sie mir, Monsieur, was tun die Leute Ihres Landes, wenn man Ihre Schwestern beleidigt?" Hamor stand ihm sprachlos gegenüber. Was hätte er auch, Vorbringen können. „Ich hörte Ihre Beleidigung", fuhr der Priester bitter fort, „aber", stieß er mit Anstrengung heraus, „ich hörte auch Ihre Verteidigung. Und dafür danke ich Ihnen. Ich glaube Ihnen auch, Monsieur, wenn Sie mir sagen, daß Ihnen Ihre Worte leid sind." Erft jetzt ergriff er langsam Hamors dargebotene Hand. „Es ist uns allen herzlich leid", nahm Staunton freundlich das Wort; „wenn wir auch nicht wissen konnten, daß unser Gespräch einen so persönlichen Charakter annehmen würde, so war es an und für sich doch durchaus ungehörig. Nehmen Sie die Versicherung, daß wir alle es sehr bedauern." „Sie sind gut und freundlich", sagte Thymert, befriedigt von Stauntons ehrerbietigem Wesen. „Ich danke Ihnen, lassen tote’3 nun gut sein, Messieurs; ich bin überzeugt, Sie werden nichts weiter über das junge Mädchen sagen, das in seinem unschuldigen Leben gar nichts getan hat, um wie heute die Aufmerksamkeit von fünf Männern auf sich zu lenken. Reden wir nicht weiter davon; ich war auch zu hastig, ich bin so wenig an die Welt gewöhnt und habe ein sehr heißes Blut. Entschuldigen Sie mich nur einen Augenblick." Damit schritt er schnell über den Vorplatz in sein Schlafgemach-. „Was für eine wundervolle Stellung", rief Hamor enthusiastisch und starrte dem Priester unverioandt nach. „Er hat wirklich etwas von einem Othello an sich — wenn ich ihn nur einmal im vollsten heiligen Zorn sehen könnte !" Er zog sein Skizzenbuch hastig hervor und entwarf mit flüchtigen Strichen ein Paar mächtige Schultern, einen zornig zurückgetoorsenen Kopf und warnend erhobenen Arm. Als Thymert zurückkehrte, war er sichtlich, bemüht, den unbefangenen Ton von ftuiher wieder herzustellen. Aber sein innerstes Wesen blieb unzugänglich und verschlossen. „Wir scheinen diesen liebenswürdigen Wilden aufs ernstlrchste verwundet zu haben", überlegte er bei sich; „wie kann rch nun jemals sein Vertrauen zurückgewinnen?" Der auf allen lastende Druck war nicht wieder abzu- schütteln. Es schien, als ob sich an Stelle des freundlichen St. Kadoc, der mit seinem geliebten Virgil unter dem Arme Frieden und Behaglichkeit verbreitet hatte, eine Keine zornige Gestalt zwischen sie gedrängt habe, die ihre unbedachten Worte von vorhin heraufbeschworen, und die nun niemand mehr zu bannen vermochte. Das zürnende, schone Gesicht unter hier weißen Coiffe, die furchtlosen Madchen- augen, schienen Rechenschaft zu fordern, weshalb man sre in das Gespräch der Männer gezogen habe. So stand ne 575 tut n r n r 5- t r e 3 t 3 t - i't: :be en na it, m, sie en er ch ch ;n iß te st n e. te n zweiten Viertel des achtzehnten Jahrhunderts, die „Mora, tischen Wochenschriften", werden nicht müde, aus das Beispiel bekannter'Schriftstellerinnen und weiblicher Gelehrter zu verweisen, die dem vorhergehenden Jahrhundert entstammten: namentlich die Dacier, die Schurmann und Gertraud Müller aus Königsberg. In einer dieser moralischen Wochenschriften, die Gottsched schon in seiner Frühzeit unter der weiblichen Maske der „Vernünftigen Tädlerinnen" herausgab, wird das Thema besonders lebhaft erörtert. Und immer aus dem Gesichtskreis des Rationalismus wird behauptet, ein wahrhaft gelehrtes Frauenzimmer werde erst recht eine vernünftige Mutter werden; „ja, sie wird alle ihre anderen Pflichten, als Ehegattin, Hausfrau, Nachbarin, Freundin und Blutsverwandtin, aus eure tngend- haste Weise erfüllen lernen." Abermals Tugend als Folge der Gelehrsamkeit! Die gelehrte Frau blieb aber nicht nur ein Lieblmgs- wnnsch der Zeit: sie begegnet uns leibhaftig, vor allem in einer Reihe geistreicher Fürstinnen. Boran, aus Leibniz' unmittelbarer Schule, Sophie Charlotte von Hannover, die erste Königin von Preußen. Enge Beziehungen zu Christian Wolf, zu Gottsched und andern Vorkämpfern der Aufklärung unterhält die Herzogin Luise Dorothea von Gotha; in Gottscheds Lehrbuch der Weltweisheit las sie z. B. jeden Morgen vor ihren Hofdamen, denen sie es „wie ein Professor" erklärte. Weiter sind zu nennen Maria Antonie von Sachsen, Karoline von Baden, die Schwestern Friedrichs des Großen, darunter Wilhelmine von Bayreuth, und die unvermählte Anna Amalia. Auch sei die Nichte, Anna Amalia von Weimar, die dem Hause Braunschweig entstammte, nicht vergessen. Diese Fürstinnen, wußten nicht nur hervorragende Männer anzuziehen, sondern umgaben sich auch zum Teil mit geistig bedeutenden Hofdamen. So entstammen dem hannoverschen Hof: Aurora v. Königsmark, die in Dresden nicht nur durch verführerische Schönheit, sondern auch durch Geist glänzte, ferner das mit Sophie Charlotte nach Berlin verpflanzte Frl. v. Pöllnitz und Frau v. Bülow; in Gotha treffen wir Franziska von Buchwald, sowie diegeistvollenFrauen desDarm- st ä d t e r und namentlich des Weimarer Hofes. Unter den adeligen Familien, deren Damen in die engem rationalistischen Ktei.se hineingezogen werden, spielt namentlich die des Grasen Manteuffel eine Rolle. Dieser Gönner Christan Wolfs und Gottscheds faßte die Wahrheitsfreunde zu einer Reihe von Organisationen zusammen, in denen sich Ernst und Scherz die Wage hielten. Seine Töchter figurieren neben der Gottschedin in dem „Regiment de Sans-Fayon" als Repräsentanten der einzelnen Kompagnien. Die Männer dieser Gesellschaft dienen im „Regiment" als Offiziere. Werden diese Wahrheitsfreundinnen Mütter, schreibt man die Kinder sogleich in die Stammrollen des „Regiments" als Kadetten ein . . . Auf Reisen werden den Komtessen von den Hauptleuten Episteln in Knüttelversen nachgesandt, überhaupt durchdringen sich die gesellschaftlichen und aufklärerischen Interessen. Bor allem gehen gelehrte Frauen natürlich aus Gelehrtenhäusern selbst hervor. Jene Frau Erxleben, geb. Leporin, die unter besonderer Ermächtigung Friedrichs des Großen 1754 in Halle mit dem medizinischen Doktorgrad die ärztliche Approbation erlangte, war die Tochter eines Arztes, der sie früh in seine Wissenschaft und deren Ausübung etnsührte; inzwischen war sie Gattin eines Geistlichen und Mutter von mer Kindern geworden. Häufig im Ausklärungszeitalter finden wir die gelehrte Frau an der Seite eines gelehrten Mannes, zugleich als Gattin und Arbeitsgenossin. Sprichwörtlich erscheint namentlich die bereits genannte Frau Gottsched als die „geschickte Helferin" Sr. Magnifizenz, die Tochter eines Danziger Arztes Kul- mus; sie schrieb schon mit 14 Jahren Gedichte, die sich in jener Zeit sehen lassen konnten. In einem langen Brautstand übt Gottsched fortgesetzt einen bestimmenden Einfluß aus ihre literarische wie wissenschaftliche Fortbildung, sendet ihr Bücher und Musikalien, tauscht mit ihr Eindrücke von neuen Erscheinungen aus, vor allem weiht er seine Zukünftige in seine Arbeiten und Anschanungen ein. Mit der französischen Und englischen Literatur hatte sich die Külmus schon als Mädchen vertraut gemacht; als Gottscheds Gattin erhält sie lateinischen Unterricht. Auch musikalisch vervollkommnet sie sich: ein Schüler Sebastian Bachs erteilt ihr Kömpositivnsunterricht. Indem sie sich fortbildet, produziert die gelehrte Frau ununterbrochen; vor ihnen und wollte nicht weichen. Auch Thymert sah sie und sein Herz trauerte. Zu ihm erhob sie die fragenden vorwurfsvollen Blicke, die lieben Augen, die er seit ihrer Geburt in dem unschuldigen Gesichtchen gesehen, aber in ihren blauen Tiefen vermißte er den freundlich heiteren, sorglosen Ausdruck, sie schienen ihn mit der ernsten Frage zu verfolgen: „Warum lässest Tu mich von den Fremdlingen verunglimpfen? Was für ein Recht gab ich ihnen, mich wie ein Stück Ware zu besprechen?" „Und das ist's nun, was sie Kunst nennen", dachte er schaudernd bei sich selbst, während er fast mechanisch die Magen seiner Gäste beantwortete. Sie empfanden es, alle mehr oder weniger wie eine Erleichterung, als er seine Pfarrkinder zur Vesper herbeirufen mußte. Abermals standen die Freunde in der armen kleinen Kapelle, aber jetzt lag eine düstere Stimmung auf ihnen und Thymerts Augen blickten wie die eines verwundeten Tieres. (Fortsetzung folgt.) Die gelehrte Frau im 18. Jahrhundert. Bis zur Leidenschaft tobt heute der Kampf um das Anrecht der Frau an Gelehrsamkeit. Wie alle übrigen Gebiete der Frauenbewegung wird auch dieses allzu theoretisch betrachtet, allzuwenig in geschichtliche Bedeutung gerückt. Und doch könnten Freund wie Feind manche Wasfe dem Arsenal der Geschichte enttlehmen und so verhüten, daß Erfahrungen erst beherzigt werden, nachdem sie mit eigenem Schaden gesammelt sind. Wieviel des Problematischen verlieren manche scheinbar moderne Forderungen, wieviel gewinnen sie aber auch an realer Begrenzung, sobald das Zeitalter offenbar wird, dem sie charakteristisch entkeimen, mit dessen Beurteilung auch sie bis zu einem gewissen Grade stehen und fallen! Erkennen wir, daß die weibliche Gelehrsamkeit schon eine Art kurzer Blütezeit hinter sich hat, und daß diese in das Zeitalter des Rationalismus und der Ausklärung sällt, so ist die problematische Erscheinung auf ihren natürlichen Boden gerückt; wir sehen sie aus einer bestimmten geistigen Disposition unseres Volkes hervorgehen und in einer höhern Einheit der deutschen Geistesentwicklung aufgehen. Zwar einzelne gelehrte Frauen hat es fast zu allen Zeiten gegeben, aber weitere Kreise ergreift die geistige Bewegung in Deutschland erst mit der Aufklärung. Erst sie zeitigt eine über die gelehrte Zunft hinausgreifende Blüte der weltlichen Mldung — freilich eine einseitige Schätzung der Verstcmdesbildung als Inbegriff aller geistigen Kräfte. Lehrte nicht die Leibniz-Wolffche Philosophie, das Uebel könne von dem grundgütigen Gotte nicht gewollt fein, es habe keine selbständige Existenz, es sei nur ein Mangel an Vollkommenheit? Je vollkommener der menschliche Verstand sei, desto klarer könnte er die natürlichen Folgen lasterhafter, böser Handlungen einsehen und — vermeiden. Bildung macht tugendhaft! Soll die eine Hälfte des Menschengeschlechts von dem Wege zu der gottgewollten Tugend abgeschnitten fein? Gottsched, der eine führende Stellung in diesem ganzen Bildungskampfe einnimmt, findet eine der vornehmsten Ursachen, warum die meisten Weibspersonen so unwissend und — lasterhaft seien, darin, daß die Auferziehung meistenteils dummen Weibern und unverständigen Müttern überlassen bleibe, die Väter sich aber so wenig oder garnicht darum bekümmern, wie die Töchter wohlerzogen werden möchten. Frau Gottsched, seine geschickte Helserin, behauptet, gerade die häuslichen Pflichten: der Gehorsam gegen die Männer, die Besorgung des Hauswesens und die Erziehung der Kinder, erforderten eine gewisse philosophische Mldung. Denn zur (Erfüllung dieser Pflichten gehöre „eine genaue Kennttns der Gemüter, eine philosophische Einsicht in die Natur unserer Handlungen und ein wrises Vorhersehen der aus denselben entspringenden Folgen. Ja, wir müssen auch — setzt sie hinzu — ein richtiges Erkenntnis von der Natur des Guten und Bösen, von Tugenden und Lastern haben." Damit war eine gelehrte Bildung, der Fran auch außerhalb der gelehrten Berufe gefordert, ja, betont, daß schon im Hause für die Frau Raum genug zur Betätigung höherer Mldung sei. Die notwendige Folge solcher Anschauungen der aufklärerischen Kreise war die eifrige Propaganda für die Zulassung der Frau zum gelehrten Studrum. Die Mödezeitschristen im 576 und ihre Schriftstellerei erstreckt sich nach dem Vorgänge ihres Mannes, überhaupt im Stile der Zeit, über weite Gebiete. Auf rein dichterischem Felde baut sie vorwiegend das Lustspiel an; nächstdem läßt sie satirische Episteln ausgehen, versucht sich.'auch noch immer in der Lvrik. Vorwiegend aus dem Französischen, doch auch aus dem englischen übersetzt sie fabrikmäßig Dichtungen aller Art, in erster Linie auch hier Dramen. Dazwischen fällt eine Unzahl von philosophischen Schriften, teils UebersetzunK teils Originalarbeiten. Neben mancher Beihilfe an ihres Mannes Werken, Zeitschriften und Streitschriften leistete die rastlose Frau namentlich noch eine Geschichte der lyrischen Dichtkunst der Deutschen; obgleich diese Arbeit schon durch das zusammengetragene Material für ihre Zeit bedeutsam war, stand der literarische Kredit des Ehepaares doch nicht mehr aus der Höhe; vergebens bietet es Gottsched den besten Verlegern an, und die Verfasserin warf das Manuskript verbittert in die Flaminen. Aus der Arbeitsgefährtin ihres Mannes war nach und nach eine Leidensgefährtin geworden, und Gottsched rühmt noch der Voten nach, wie sie zartfühlend manche Schmähschrift seinen Blicken zu entziehen wußte. Eine gelehrte Genossin fand ähnlich der hervorragende Gelehrte Reiske; sie geht ihm bei seinen Arbeiten zur Hand und liefert selbst Uebersetzungen aus griechischen Schriftstellern. Bekannt ist, in wie enge Beziehungen Ernestine Reiske zn Lessing tritt. Akademischer Ehren wurden damals sogar Dichterinnen gewürdigt, da ja der Rationalismus die Poesie in den Bezirk der Wissenschaften einbezog. So krönt die philosophische Fakultät in Wittenberg die Leipziger Dichterin Christiane Marianne von Ziegler mit dem poetischen Lorbeer; dieselbe Dame wird von der berühmten Deutschen Gesellschaft in Leipzig zum Mitglied gewählt und versammelt in ihrem Salon unter freien Umgangsformen die literarischen und musikalischen Kreise von Klein-Paris. Diese gelehrten Frauen haben sich praktisch mit ihren Pflichten als Hausfrauen ganz gut abgefunden. Die Gott- schedin betrachtet zwar Haus- und Wirtschaftssorgen als die „elendesten Beschäftigungen eines denkenden Wesens"; aber wie ihr eigener Manu ihr nachrühmt, besorgte sie die Wirtschaftsangelegenheiten, an Mche, Wäsche und Klerd- ung, ohne alles Geräusch aufs ordentlichste; Arbeiten init der Nadel ließ sie nur wenig durch fremde Hände besorgen; ihre Einnahmen und Ausgaben schrieb sie regelmäßig auf. Auch Frau v. Ziegler soll trotz aller literarischen, künstlerischen und gesellschaftlichen Ablenkung ihren häuslichen Pflichten nachgekommen sein. Mit noch größerer Bestimmtheit wissen wir von Ernestine Reiske, daß sie ihr Hausivesen mit kümmerlichen Mitteln zu bestreiten wußte, während sie an den wissenschaftlichen Arbeiten wacker mitschuf. Ja, sie versetzte ihre Geschmeide, um ihrem Manne den Truck seiner großen Ausgabe der griechischen Redner zu ermöglichen! Aber was war das plötzlich für ein neuer Geist, der sich mit Zulassung der Frau in die gelehrten Kreise zur Ver- blüffung der hartgesottenen Rationalisten einschlich? Gottsched sah mit Kopfschütteln, wie seine gelehrte Frau sich aus der Studierstube gelegentlich in eine liebliche Landschaft sehnte, und — merkwürdig! — sie liebte den Mondschein, der ihr — so konstatiert er — „viel reizender als das gar zu helle Sonnenlicht vorkam". Auch wrrd sie von „Hypochondrie" ergriffen und weint „unzählige Tränen sonder Zeugen, die Gott allein hat fließen sehen." Schiebt sie noch wenigstens die Kriegsdrangsale ihrer Mitmenschen als Ursache vor, so muß Gottsched ein seiner Nichte und Pflegetochter erleben, daß sich selbst ihre Freude immer in Tränen ausdrückt: das „ist eine neue Mode" — verweist er ihr. „Lachen muß man dabei!" Aber das Nebel, das malum hypochondriacum, wird allgemein: in der Frauenwelt und auch dem jungen männlichen Nachwuchs geht es epidemisch um. Der Einfluß-Rousseaus steigert diese neuen geistigen Zuflüsse zur Sturmflut, die das deutsche Geistesleben in völlig neue Bahnen reißt. Die einseitige Herrschaft des Buches und des Kopfes ist zu Ende, die neuen Großmächte heißen Natur und Herz. Im ersten Ueber- schäumen dieser Kräfte lehnt sich die Genieperiode gegen kein Wahrzeichen des Rationalismns schroffer auf als gegen die geleyrte Frau. Herder sagt geradezu: „Ich'bin auf das gelehrte Frauenzimmer vielleM M sehr erbittert; aber ich kann nicht dafür, es ist Abneigung der Natur. Eigent- liche Gelehrsamkeit ist dem Charakter eines Menschen, eines Mannes schon unnatürlich (!)...; in dem Münde eines Frauenzimmers, die noch die einzigen wahren menschlichen Geschöpfe auf dem Exerzierplatz unserer Welt sind, ist diese Unnatur so tausendmal fühlbarer. Damit will ich aber nicht sagen, daß ein Frauenzimmer sich nicht auch durch die Lektüre bilden, Geist und Herz verschönern müsse. . . , So wenig, daß ich vielmehr glaube, das weibliche Geschlecht sei das einzige richtende Publikum über eine Reihe von Materien des Geschmacks und der Empfindung, und daß jede Mannsperson, die kein Pedant sein will, im Kreise der Frauenzimmer muß gelernt haben, gewisse Bücher zu lesen . . . ." Und das Wunderbare geschieht: die Frauen, im Namen des Verstandes zum geistigen Leben zugelassen, behaupten im Zeitalter des Natur- und Herzenskultus nicht nur ihren Platz, erwachsen sogar wirklich zu einer tonangebenden Größe für harmonische Bildung, für feine Abtönung des Charakters durch Ausgleich von Natur und Kultur, von Herz und Welt. Die glänzendste Repräsentantin dieser neuen Zeit: Charlotte v. Stein, und ihr hehrer Apostel: Goethe. (Köln. Ztg.) vermischtes. * Geographische Ortsnamen werden meistens richtig geschrieben, aber falsch aufgefaßt und ausgesprochen. So bedeutet die Endung „ort" in Namen von Orten an der Seeküste nicht Ort, sondern Ohrt, d. h. die Spitze, so z. B. Schwarz ort, Brüsterort, die bereits lange, ehe sie bewohnte Ortschaften wurden, diesen Namen führten. Zu den Ortsnamen, über deren Herkunft und Schreibweise kerne Einigkeit herrscht, gehört auch der Name des nördlichsten Ortes in Deutschland, der einen Doppelnamen führt. Jmmersatt oder Nimmersatt. Der Königsberger, litaui che, in der Nähe von Jmmersatt geborene Professor! Rhesa singt noch von Nimmersaat (und so muß der Name nach Analogie der anderen dort vorkommenden Ansaat, Wehsaat, Truschwesaath auch eigentlich geschrieben werden), dem sandigen, öden Grenzorte: „Zu Nimmersaat am Baltenstrand Rauscht früh und spät die Welle, Da grünt kein Baum auf ödem Sand, Kein Blümlein an der Quelle, Und nimmer, nimmer wächst dre Saat, Wer hier auch ackert früh und spat. Der Nachtigallen Lieder Tönt Busch und Wald nicht wider." Der Name Jmmersatt soll unter Friedrrch Wilhelm rll. entstanden sein. Der Posthalter Mellten war mit Recht mit der verballhornten Ortsbezeichnung „Nrmmermti un« zufrieden, und als der König, der damals tn Memel lv eilte, bei ihm einkehrte, bat er: „Ich bin immer satt und bitte meine Besitzung doch lieber slo zu nennen." In der Tat führt noch jetzt die Post den Namen Jmmersatt. Auf den meisten Landkarten aber heißt der nördlichste Ort Deutschlands Nimmersatt, was entschieden durch eme Verkürzung der im Lettischen sehr häufigen Endsilbe sath fälschlich ent standen ist und zu vielem Aergerms für he Einwohner Ö * Tu stanzri11 eiu es llniv er sitä t spr o f es- sors. Einen Spazierritt von Berlin durch du Mark mw goldene Aiie über das Eichsseld und den Kauffunger Wald nach Kassel zur Natursorscherverfammlung hat derUniver- sitätsvrofessor Dr. O. Lass ar dieser Tage aus geführt, Tie Reise dauerte einschließlich aller Nacht- und Futter- pausen 120 Stunden. Roß und Reiter kamen m bester Kondition an. Logogriph. (Nachdruck verboten.) Mit t sah ich dich scheiden, Mein Freund, es geht mir nah. Ich Hofs', du wirst mir schreiben, Bist du in dem mit