Aümstsg den 28. Mär). H.Noii 'oTe.ssen. liHÖ 1903. — Nr. 47. W tÄpgSgs MWWA arrtiirnii (Nachdruck verboten.) Das Gasthaus am Strande. Roman in zwei Bänden von Florence Warden. Autorisierte Uebersetzung aus dem Englischen. Erster Barch. 1. Kapitel Der „Blaue Löwe". Das Meer und der Wohlstand hatten Stroan zusammen verlassen. Als die Wellen ficfy von ihm zurückzogen, eine ilde Strecke von Sand da hinterlassend, wo einst ganze Flotten vor Anker gelegen hatten, war die damals blühende Stadt trotz kräftiger Anstrengungen, ihre alte Ueberlegen-- heit neu zu beleben und zu behaupten, herabgekommen und in Verfall geraten. Weit und breit im Lande war kein anderer Ort mit so gewundenen Straßen, so mit Moos überwachsenen Steinen, so in Schlaf versunken und hinter der Zeit zurückgeblieben zu finden, wie es Stroan geworden war, als durch glücklichen Zufall das Golfspiel von Norden her eindrang und sich als Mode hier niederließ, Hatte doch jemand damals entdeckt, daß die öden und unfruchtbaren Sandflächen zwischen dem Meere und Stroan vortreffliche Spielplätze abgäben. Gäste fingen an, einzutreffen, und sich in einem nagelneuen Hotel niederzulassen, das eigens zu ihrer Bequemlichkeit errichtet worden war, und ein kleiner Hauch tätigen Lebens fing wieder an, sich in den engen, gewundenen Gassen zu regen. Unter den Zureisenden trafen an einem warmen Septembertage auch drei Freunde von London ein, deren Eifer für das Golfspiel durch verschiedene andere Bestrebungen, bet jedem seiner Neigung entsprechend, gemäßigt wurde. Otto Conybeare, der älteste von ihnen, war Journalist und besaß literarischen Ehrgeiz von keiner zu flüchtigen Art; er benutzte seine freie Zeit, sich sowohl in Prosa, wie in Versen zu versuchen, woran dann seine Begleiter schneidende, wenn auch nicht scharfsinnige Kritik ausübten. Er war ein großer, dünner Mann von dunkler Haut, mit scharf- Seschnittenem Gesicht und einer Adlernase, der von den eibeit anderen als Vorkämpe und Führer angesehen wurde. Willie Jordan, der jüngste der drei, war kurz und leider auch fett, mit krausem, lichten Haar und einem riesigen rotbraunen Schnurrbarte, den er als Wahrzeichen seines Berufs, er war Künstler, sorgfältig pflegte. Clifford King, der letzte des Trios, war ein Gerichts- advokat, dem bis dahin noch niemand eine Verteidigung anvertraut hatte. Er war ein dunkelhaariger, blauäugiger, aufgeräumter junger Bursche, den jedermann gern hatte und an den alle seine Freunde mit einer Zuversicht glaubten, die nicht ohne Grund war, denn Clifford hatte Verstand und harrte nur der Gelegenheit, eS zu zeigen, die allen denen nicht ausbleibt, die auf die rechte Art zu warten bett stehen. Sie waren erst fünf Tage in Stroan, als der kleine Gott Kupido bereits den Einklang der Freunde gestört hatte. Willie war natürlich das Opfer. Immer war es ja Willie, der ein Paar hübschen Augen, mochten sie schwarz, blau oder grau sein, nicht zu widerstehen vermochte, sodaß, als er von der Gesellschaft des alten Obersten Bestal angezogen, darauf bestand, diesen nicht gerade unterhaltenden alten Herrn von dem Spielplatz, nach seiner drei Meilen entfernten Wohnung zu begleiten, Clifford und Otto Winke austauschten; und nachdem sie ausfindig gemacht, daß der Oberst eine Tochter hatte, ohne weiteres glaubten, mit Erfolg in das Geheimnis der Höflichkeit Willies eingedrungen zu sein. Und mit Recht über Willies Falschheit entrüstet, da dieser junge Mann geringschätzig von den Reizen Miß Bostalz gesprochen hatte, beschlossen Otto und Clifford, die Fährte des Verräters bis zu seinem Schlupfwinkel zu verfolgen. Dies führten sie an einem sonnigen Nachmittag aus, als der gerade Weg über die urbar gemachte Marsch zwischen Stroan und Shingle End in dickem weißen Staube lag. Sie kannten des Obersten Haus von außen, da sie oft daran auf dem Wege von Stroan nach Courtstairs, der nächsten Stadt, vorübergegangen waren. Es lag ungefähr eine halbe Meile über dem „Blauen Löwen", dem malerisch an der Straße zwischen Stroan und Courtstairs gelegenen Helbweggasthause. Der Oberst war, wie er Sorge trug, jedermann wissen zu lassen, sehr arm, und sehr ärmlich kam seine Wohnung den forschenden Augen der beiden jungen Leute vor, als sie Ringelten und lange warten mußten, ehe jemand, ihnen zu öffnen, erschien. Shingle End war ein hübsches, aber baufälliges Haus, das links an der Ecke zweier sich kreuzenden Straßen stand. Es war einst weiß gewesen, Vernachlässigung und rauhes Wetter hatten aber daraus ein scheckiges Grau gemacht, während zerbrochene und verstäubte Fenster, wacklige Läden und verwilderte Bäume und Sträuche zusammenwirkten, dem Orte ein ödes, verlorenes Aussehen zu geben. Hinter dem Hause war ein Garten mit einem Hühner- hos und einem eingehegten Stück Land, und Otto hatte im Vorübergehen den Obersten unter einem Apfelbaum seine Zeitung lesen sehen, während das Flattern eines Frauen^ gewandes int Hintergründe zwischen den Bäumen ihren Verdacht zu bestätigen schien. „Wir haben den Schurken in seinem Schlupfwinkel aufgestöbert!" frohlockte Otto, da sie auf ihr zweites Klingeln un Hause endlich Fußtritte hörten. Als aber die Türe sich öffnete, schwand ihre Zuversicht, denn vor ihnen stand eine weibliche Gestalt von mindestens vierzig Jahren, klein, mager, armselig gekleidet, von steifem Wesen, langsam im Reden, in ein Paar Gartenhandschuhen 186 - Mtib einem luftigen Strvhhut, die sie mit Verwunderung ansah und steif nach ihrem Begehren fragte. Otto, der scharfsinnig genug war, einzusehen, daß dies dle Tochter des Obersten sein mußte, bat der Störung wegen um .Verzeihung und sagte, daß sie einen Brief für ihren Freund ^ordan gebracht hätten, der, wie sie annähmen, den Nachmittag mit dem Obersten Bostal verbrächte. Sie wurden nicht zudringlich gewesen sein, wenn sie nicht ae- glaubt hatten, daß der Brief sehr wichtig wäre, da aus limschlag die Bemerkung stände: „Bitte um sofortige Abgabe." ö Und der Anstifter zog mit übertriebener Sorgfalt ein Schreiben aus der Tasche, das er mit Clifford zusammen hergestellt hatte, und dem mit großem Fleiß das Aussehen gegeben worden war, als ob es durch die Post befördert worden Ware. Aber Miß Bostal schüttelte, einen Blich auf den Brief werfend, mit dein Kopf. 1 „Es ist niemand beim Vater", sagte sie, „und ich kenne niemand jenes Namens; wenn Sie jedoch ins Besuchszimmer emtreten wollen, will ich ihn fragen." „O nein, nicht um die Welt. Wir können uns unmöglich weiter aufdrangen. Wir müssen uns geirrt haben", stammelte Otto, während Clifford sich eilig durch das kleine hölzerne Dor zuruck auf die Straße begab. - Luzwischen war Oberst Bostal, der die Stimmen gehört hatte, durch den engen Gang aus dem Garten gekommen, um die Bedeutinlg dieses ungewöhnlichen Klanges kennen zu lernen. Die Sache wurde ihm unter weiteren Entschuldig-' ungen Ottos von seiner. Tochter erklärt. ®er em Mann von ungefähr fünfundsechziq Jahren, nut verwittertem, grauem Gesicht, in einem fadenscheinigen, geflickten Rock und einem abgenutzten Panama- Hut, erinnerte sich sofort des Namens. , „Jordan — Jordan — ja, natürlich kenne ich ihn", sagte er ohne weiteres. „Ein kleiner junger Mann mit I“ langen Schnurrbart. Ja, er geht oft mit mir nach bJe ^'Me, wo er jedesmal umkehrt und sich entschuldigt, daß er nicht weiter geht." Wnr,fYtt0 sah betroffen von dieser Nachricht aus; über Miß Bostals hageres, schmales Gesicht flog aber ein mattes .. „Versuchen Sie's im „Blauen Löwen", sagte sie fast Otto reckte sich auf. . , „Viein Freund treibt sich nicht in Wirtshäusern herum", Miß'Bosta?^ SiC’ä nUr im "blauen Löwen", wiederholte Vater brach in ein trockenes Lachen aus. . „Der Blaue Löwe" hat eine hübsche Menge Besucher JKell Claris, die Nichte des Wirtes, ist eine Protegö meiner Tochter und das hübscheste Mädchen des Orts." er.i^'n Licht flog über Ottos Gesicht; Miß Bostal aber ward werde mit ihr ein sehr ernstes Wort sprechen fte etwas unwillig. „Sie ermuntert die vergeuden "1U”ßen Seute von Stvoan, hier ihre Zeit zu Der Oberst, lächelte aber und schüttelte zweifelnd den - , nützt nichts, einem hübschen Mädchen zu raten", zuversichtlich „Man erhält nur die Antwort, sich m"rr K bienen Angelegenheiten zu bekümmern. Und Nell denkt an nichts Schlimmes dabei." ... weiß es", entgegnete seine Dochter ohne Groll, doch strengen kleinlichen Besorgnis einer alten Jungfer. 1I.tc£)t s? viel Anteil nehmen, wenn ich Nicht wüßte, daß sie em kleines gutes Ding ist. Sie ist aber unbesonnen und gedankenlos. Ich werde ihrem Onkel wirklich zureden, fte wieder zurück in die Schule zu schicken." „Sie wird aber nicht gehen wollen", sagte der Oberst. „Und wenn sie auch wollte, würde doch der alte Claris sich nicht von ihr trennen. Wir müssen uns schon auf die Wirk- ung Deiner Strafreden verlassen, Theodora." Baker und Tochter hatten dieses Zwiegespräch fortge- Führt, ohne den Besucher mit in die Unterhaltung zu ziehen, sodaß Otto, der sich rühmte, ein scharfsinniger Beobachter zu sein, Gelegenheit fand, einen Blick in die Zimmer zu beiden Setten des Ganges zu werfen, deren Türen offen standen, ohne sich selbst von der Stelle, auf der er stand zu bewegen. Er wurde von dem, was er sah, sehr überrascht — von den abgetretenen Teppichen, sodaß kein Muster darin mehr zu sehen war, von den sorgfältig gestopften Tischdecken, von den abgenutzten Gerätschaften. Alles war nett gehalten und fleckenlos rein, alles ließ aber eine gedrückte Armut ertcnnen, die man nirgends zu verbergen versucht hatte. Er zog sich, sobald die kurze Erörterung zwischen Vater und Tochter beendet war, mit neuen Entschuldigungen zurück und traf draußen nut seinem Freunde wieder zusammen. „ „Nun?" sagte Clifford, als Otto sich schweigend heimwärts nach Stroan wandte. „Und was hattest Du noch so lange mit der gestrengen Dame zu sprechen?" „Zu sprechen? Nichts! Ich hörte nur zu", antwortete Otto, „und arbeitete im Geiste einen Roman aus, einen von jener Art kläglicher Romane, die nicht anziehend genug sind, als daß die Leute sie anhören möchten." . ''Has? Willst Du damit etwa sagen, daß Jordan sich w^klich tn diese überreife und dürre alte Jungfer verliebt hat? fragte Clifford in Hellem Erstaunen. „O Gott, nein! Er hat sich verliebt, das habe ich sicher yerausgebrachi; doch nur in das herkömmliche Schenk- madchen, das sicher nicht halb so interessant wie Miß Bostal ist." „Interessant?" „Jawohl. Ich habe die Idee, daß die magere alte Jungfer eine Heldin ist. Nicht eine Heldin natürlich derart, üüer die man sich aufregt. Während sie aber über eine gewisse Nell sprachen, die jetzt augenscheinlich der Gegenstand von ^ordans unschätzbaren, aber vergänglichen Neigungen ch, warf ich den Blick in ihre Zimmer: das ärmliche kleine rfr lange Besuchszimmer, und sah eine folclje Geschichte gedrückten Lebens und niedriger, armseliger Kampfe, daß es mich nach Papier und Feder verlangte." Clifford stöhnte. „Es gehört nicht viel dazu, damit das geschieht", sagte er. „Und ich halte Deinen Gegenstand für keinen sehr interessanten." „Natürlich tust Du das nicht. Für Dich ist er nicht augenfällig, nicht gewöhnlich genug, nicht stark genug auf- getragen", entgegnete Otto. „Für mein Gemüt ist ober in vorn verlumpten alten Rocke dieses würdig und vornehm aussehenden greifen Mannes und in den Flickereien, über denen die Tochter den Glanz ihrer Augen verloren hat, etwas unendlich Poetisches." „Sicher mußt Du es in Versen und nicht in Prosa ab- fassen, mein guter Junge", sagte Clifford spöttisch. Otto würde etwas erwidert haben, sie hatten aber die kleine Brücke, die über den Fleet führte, erreicht und waren nur noch einige Yards von dem Halbweggasthaus entfernt. „Das ist der Ort, wo Jordan seine Nachmittage verbringt", sagte Otto, indem er den Weg zu dem Gasthause einschlug. „Laß uns ihn herausrufen." Der „Blaue Löwe" war ein sehr anspruchlofes Gebäude, alt und frei von jeder Absichtlichkeit, geschichtliches oder altertümliches Interesse zu erregen, klein, unbequem und mitgenommen von Wind und Wetter. Da es zwischen dem schläfrigen Stroan und dem demokratischen Courtstairsi mitten inne lag, so war es das Haus, wo die Fuhrleute, Pächter und Wiehtreiber jahrein und jahraus anhielten, während in den Monaten Juli und August sein kleiner Schenkverschlag noch, gedrängt voll von Leuten aus Mile End Road war, die in Gesellschaftswagen ihr Vergnügen an Konzertinen, Geschrei und schrillem Gesinge fanden. Einige späte Ankömmlinge dieser Art waren in dem kleinen Schenkverschlage, als Clifford und Otto eintraten. Keine Spur aber von Jordan. Beide jungen Leute betrachteten mit Neugier das Mädchen, das hinter dem Schenktisch bediente, eine stattliche junge Person mit flinker Zunge, die sowohl in ihrem derben Bau, mit ihren großen, groben Händen, wie in ihrer wettergebräunten Gesichtsfarbe verriet, daß sie die Zeit, da es wenig Arbeit im Hause gab, gewöhnlich mit Arbeit der gröbsten Art im Freien verbrachte. Die Freunde sahen einander, als sie wieder hinaustraten, mißvergnügt an. „Sie ist nicht gerade jung!", rief Otto. „Den sünfund- oreifcigen, wie ich schwören will, näher als den fünfundzwanzig." „Und ihre Stimme! Und ihr abscheulicher kentischer — 187 — Accent!" fligte Clifford hinzu. „Und diese hoch herausstehenden Backenknochen und diese schreckliche Stumpfnase! Cs ist ein Typus, den ich verabscheue." „3ch würde es nicht von Jordan gedacht haben", murrte Otto mit von Unwillen gedämpftem Mitleid ''.Wo °ber ist der Liederjahn selbst?" fragte Clifford, plötzlich stehen bleibend. „Denkst Du, daß wir doch auf der falschen Fährte sind?" „Wenn es sich um jemand anders handelte als um Jordan, so wurde ich ja sagen", meinte Otto bedachtsam. „Seme Empfänglichkeit ist aber so kolossal, daß ich keinen .Grund sehe, selbst noch hieran zu zweifeln." „ Gleichwohl folgte er Clifford, als dieser zu der kleinen Brücke zuruckkehrte. „ . "Da ist eine Hütte", sagte der humanere King, „eine kleine Hütte, dort an der Straße. Laß uns versuchen, ob sich dort m der Nähe ein Frauenvock blicken läßt. Wir dursten den armen Kerl bei alledem unrecht tun." . Bevor sie aber noch die Hütte erreichten, wurde die .Aufmerksamkeit der beiden jungen Leute von dem Klang einer Mädchenstimme zur Linken auf sich gezogen, gerade dicht vor der Brücke. Es war eine so helle, so süße Stimme, mit solch emem perlenden Lachen in ihren Tönen, daß beide plötzlich stillstanden und mit vorwurfsvollen Gesichtern einander ansahen. „Das ist Nell!" sagte Otto. haben ihm grausam unrecht getan", murmelte Clifford. (Fortsetzung folgt.) Lebensreform und Gartenstädte. Auf allen Wegen drängt es nach Reform. Es giebt kaum ein wichtiges Feld des Wissens und der Lebensbetätigung, wo nicht Forderungen nach völliger Neugestaltung oder Umkehr der bisherigen Methoden und Anschauungen aufgetaucht wären. Man denke nur an die Reformbestrebungen in der Heilkunde, im Erziehungswesen, in der Rechtsübung, in der Ernährung und Kleidung, an die Bodenbesitzreform und unzählige andere soziale, politische und religiöse Reformforderungen. Mle diese Reformgedanken gehen meist abgesondert ihren Weg, ohne das Bedürfnis, mit einander in Fühlung und Einklang zu treten. Es erscheint fraglich, ob auf solchem Wege jemals eine einheitliche Neugestaltung unserer gesellschaftlichen Zustände erreicht werden kann. Jedenfalls besteht die Gefahr einer starken Zersplitterung der geistigen Interessen. Eine harmonische Zusammenfassung aller vernünftigen Resormbestrebungen auf einer einheitlichen und eigenartigen Grundlage bezwecken zwei kleine Schriften, die uns vorliegen. Die eine betitelt sich „Die neue Gemeinde", die andere „Die Stadt der Zukunft" Verfasser ist der Leipziger Ingenieur Th. Fritsch „Die neue Gemeinde" ist bereits in zweiter Auflage erschienen und legt m allgemeinen Zügen die Grundgedanken dar, dre zu der Bildung einer „Gemeinde für allgemeine Lebensreform" führen sollen. Der Verfasser geht von der Meinung aus, daß alle vereinzelten Reformgedanken scheitert: müssen, solange ihre Verwirklichung innerhalb der jetzigen zerfahrenen Gesellschaft versucht werde. Er befürchtet, daß die Macht der Gewohnheit und das Beispiel der umgebenden Masse die Einzelreformer immer wieder in die Bahn der Allgemeinheit zurückzerren wird. Er befürchtet ferner, daß große soziale und politische Reformen am Staatsganzen schwierige und gewagte Aufgaben sind, weil rasche, tief eingreifende Aenderungen ™ cm er millionenköpfigen Masse unvermeidlicher Weise vrel Wrd erstand finden, viele Interessen verletzen und Verwirrung schaffen müßten. Die Tatsachen scheinen dem Verfasser recht zu geben, denn ^w:r sehen, daß unsere Sozialreform in der Tat nur langsam vom Flecke kommt, und daß jeder wohl- tzcwemte Schrrtt der Gesetzgebung oft nur neue Ansprüche, neue Mißstände und neue Verwicklungen hervor- rilft. Der Verfasser will daher das, was an einer großen Gesamtheit kaum durchführbar erscheint, gleichsam durch Elnzelexperimente an kleinen Gemeinden ausprobiert sehen. Er denkt sich zu diesem Zwecke die neuen Reformgemein- den auch räumlich abgegrenzt vom heutigen Großstadt- Leben. Er will neue städtische Siedelungen begründet sehen. gleichsam als „Pflanzschulen eines neuen deutschen Le- bens . In diesen neuen Gemeinden, die sich aus kleinen Anfängen allmählich entwickeln, soll nun die Durchführung aller vernünftigen Reformen schrittweise und harmonisch versucht werden: so Erziehungs- und Schulreform, Reform der Rechtsprechung, der religiösen An- schauung, des Baustiles und der Trachten, der gesellschaftlichen Sitten und anderes mehr. Die ganze Ge- memde soll errichtet werden auf Gemeinbesitz an Grund und Boden und fte soll dadurch zugleich eine Verwirklich- ung der Bodenbesitzreform anbahnen. Der Boden als Geinemeigentum soll unverkäuflich und unverschuldbar sem. Daraus verspricht sich der Verfasser unter anderem sehr günstige Wohnungsverhältnisse und billige Mieten, die allein schon ein mächtiges Auziehungsmittel für die neue Siedelung bilden dürften. Auf dem billig erivorbenen Boden brauchte man mit den Raumverhältnissen nicht so sehr zu kargen, wie in den heutigen Großstädten, wo der Bodenpreis z. T. eine verhängnisvolle Höhe erreicht hat. So ist in der neuen Gemeinde mit jeder Wohnung ein Garten verbunden gedacht, und auch mit öffentlichen Anlagen so verschwenderisch verfahren, daß die neue Siedelung im wahren Sinne den Namen einer Park- und Gartenstadt verdienen würde. Der eigentlichen Gestaltung der Stadt ist nun die zweite Schrift „Die Stadt der Zukunft" gewidmet. Hier entwickelt der Verfasser, mehr von technischen Gesichtspunkten ausgehend, tote eine Stadt aufzubauen wäre, wenn sie ein organisches, wohl gegliedertes Ganzes bilden und eine unbegrenzte Entwicklungsfähigkeit besitzen soll. Die Stadt ist in rrngförmige Zonen geteilt, von denen jede nur Gebäude bestimmten Charakters aufnehmen soll, so z. B. — von außen nach innen fortschreitend: Fabriken, Arbeiterwohnungen, gewöhnliche Wohn- und Geschäftshäuser, bessere Wohnhäuser, vornehme Villen, Paläste. Den Mittelpunkt des ganzen Systems soll ein großer varkähnlich eingerahmter Platz, eine Art Forum bilden, das alle großen öffentlichen Gebäude von monumentalem Charakter aufzunehmen hätte: als z. B. Dom, Museum, Theater, Hochschule, Rathaus, Justizpalast usw. Mit diesem Bebauungsplan, der mit breiten Alleen und Parkanlagen durchzogen ist, hofft der Verfasser sowohl in hygienischer wie in schönheitlicher und technischer Hinsicht ungewöhnliche Vorteile zu erreichen. Es ist einleuchtend, daß der Aufbau einer solchen Stadt nicht im Mittelpunkte mit der Anlage des monumentalen Viertels beginnen kann, denn dieses kann ja erst geschaffen werden, wenn die Größe der Stadt das Bedürfnis für große Monumentalbauten erweckt. Vielmehr ist der Beginn entweder mit dem Villenviertel oder mit der industriellen Zone zu machen; und die neue Stadt würde sonach nicht, wie die alten Städte, von innen nach außen, sondern gleichsam von außen nach innen wachsen. Durch einen wohldurchdachten, weitaus- ;reifenden Bebauungsplan soll nur im voraus der Raum irr diese Entwickelung gesichert werden. In zwei großen arbigen Stadtplänen hat der Verfasser die Grundgedanken zu veranschaulichen gesucht. Es ist dabei auch der Fall vorgesehen, daß eine solche Stadt nach dem neuen System sich an eine alte Klein- oder Mittelstadt auschließt und diese allmählich in das neue Bebauungssystem überführt. Der ideelle Mittelpunkt der neuen Stadt ist dabei außerhalb der Altstadt zu legen. Der Text des Buches ist durch viele Figuren tinterbrochen, die die Stadt in verschiedenen Entwicklungsstadien, sowie eine Reihe weiterer technischer Vorschläge zeigen, so unter anderem die Unterwölbung der Hauptstraßen, bezw. die Anlage zweier Verkehrsstraßen über einander und bergt mehr. Besonders vorteilhaft erscheint die Einführung der Bahnhöfe in die Stadt, die Verbindung der Markthalle, der Hauptpost, der großen Warenspeicher usw. mit den Bahnhöfen; ferner die Verbindung der Fabriken untereinander durch Schienengeleise und Wasserstraße. — Der Verfasser ist mit diesen Ideen bereits 1896 her- ausgetreten und hat damals einflußreiche Kreise für sein Buch „Die Stadt der Zukunft" zu interessieren versucht, doch vergeblich. Merkwürdiger Weise aber haben diese Gedanken in England sofort einen ftuchtbaren Boden gefunden. Zwei Jahre nach der Fritsch'schen Schrift erschien dort ein Buch „The garden-cities of To-Morrow" von Ebenezer Howard, das sich in allem wesentlichen an 188 Eine begrabene Stadt. In der „Umschau" finden wir einige Mitteilungen über die im Wüstensand vergrabene Stadt, die Sven Hedin bei seinen Forschungsreisen im Innern Asiens entdeckt hat. Der Bericht liest sich wie ein Märchen; er verdient, weiteren Kreisen bekannt zu werden, besonders da der bekannte Forscher K. Himly in „Petermanns Mitteilungen" feststellt, wie die begrabene Stadt geheißen hat und welcher Art sie gewesen ist. Was Sven Hedin auffand, waren Trümmer im Sande. Mer während von den meisten Häusern nur noch die Holzgerüste standen, war eins aus Lehm gebaut, mit dicken Außen- und zwei Innenwänden, oie das Haus in drei Räume teilten. In einem wurden eine Menge Stäbe aus Tamariskenholz mit meist chinesischen Schriften und entgegen der jetzigen Sitte — auf beiden Seiten beschrieben unter einer Sandschicht von etwa 2 Fuß Dicke aufgefunden. Es befanden sich darunter auch kleine Klötzchen, die gleichfalls beschrieben waren und zum Zubinden bestimmte Vertiefungen zeigten. Diese Klötzchen hatten als Deckel für darunter befindliche Briefschaften gedient. Unweit dieser Fundstelle befanden sich sehr wertvolle Holzschnitzereien mit geschmackvollen Verzierungen; die darunter vorkommenden Buddhabilder lassen auf das Vorhandensein eines Tempels schließen. In einem anderen Haus fanden sich Fischknochen in großer Menge, und unzählige Schnecken (Limnaea) lagen umher. Läßt dieser Umstand darauf schließen, daß hier das Ufer eines Sees war, so zeugte ein riesengroßes, aus fünf dicken Brettern bestehendes Rad vom Wagenverkehr zu Land. Die vier Türme aus Fachwerk, die sich in der Umgebung fanden, mögen teils zur Verteidigung, teils am Weg als Feueroder Rauchtürme gedient haben, wie sie weit über das chinesische Reich zerstreut lagen, vor dem herannahenden Feind zu warnen. Wie hieß nun diese Stadt, was war ihr Schicksal? Himly giebt nach der Untersuchung der Funde die folgende Aufklärung: Hinsichtlich der Frage, um welchen Zeitraum es sich die Grundgedanken bet Fritsch'schen Schrift anschließt und nun sofort eine lebhafte Bewegung für diese Ziele entfachte. Mit finanzieller Unterstützung von feiten vermögender Personen bildete sich in England eine „Gartenstadt-Gesellschaft", die bereits in Bournville mit dem Ausbau einer solchen neuen städtischen Siedelung den Anfang gemacht hat. Nachdem in England der praktische Wert der Ideen erkannt und das Vorbild für die Verwirklichung gegeben war, hat sich nun auch in Deutschland eine solche Gartenstadtgesellschaft gebildet. Es erscheint allerdings fraglich, ob ihre Bestrebungen eine gleiche tätige Unterstützung finden werden, wie jenseits des Kanals, obgleich es sich um eine von Deutschland ausgegangene Idee und nicht um eine Nachahmung handelt. Der Verfasser weist noch besonders auf den Wert solcher städtischen Neusiedelungen für unsere Ostprovinzen hin. Er meint, daß die bäuerliche Siedelung dort allein nicht genüge; es bedürfte auch städtischer Kolonisation, da gerade ein intelligentes deutsches Bürgertum den besten Schutzwall gegen die slavischen Völkerwogen bilden würde. Von den Elementen, die sich an der Neubildung solcher Gemeinden beteiligen wollten, fordert der Verfasser vor allem leibliche und moralische Gesundheit. Er sagt am Schlüsse der kleineren Schrift: „Auf eine gute und reinliche Lebensführung würde es freilich ankommen! Wenn es aber richtig ist, daß viele der scheußlichsten Laster, mit denen wir die moderne Menschheit befleckt sehen, ihren Ursprung haben in wüsten wirtschaftlichen Zuständen und allgemeiner Lebensverwilderung, in geistiger, sittlicher und wirtschaftlicher Art, so sollte es wohl nicht schwer fallen, aus einer organisch geordneten Gemeinde die größte Masse dieser Untugenden fern zu halten. Eine größere Gemeinde aber, in der es keine Trunksucht, keine Bankrotte, keine Prostitution, keine Verbrechen, keine Selbstmorde gäbe, würde gewiß die Augen der Welt auf sich lenken und zur Würdigung und Nachahmung ihrer Grundsätze und Einrichtungen anregen." bei der Zerstörung des Ortes bandeln dürste, und wie er, das heißt die Stadt oder das Land, geheißen habe, sprechen die aufgefundenen Schriftstücke eine deutliche Sprache. Sowohl auf den Stäben als auf den alten Papierfetzen kommt der Name Löulan vor, und zwar in einem Zusammenhang, der keinen Zweifel läßt, daß so der Ort der Bestimmung oder Aufbewahrung hieß. Die erste Zeitangabe ist vom Jahre 264, sonst finden sich noch die Jahre 266 bis 310 angegeben. Der Inhalt der schriftlichen Bemerkungen ist ein sehr verschiedenartiger. Es ist darin von Getreidelieferungen, von Nachrichten aus Tun-Hang, Verkehr mit Kao-Tschang (dem alten Turfan), von gerichtlichen Verhandlungen usw. die Rede. Die Stäbe dienten augenscheinlich bald als Tagebücher, bald zu Mitteilungen oder Weisungen an Untergebene. Es ist nach dem allen kaum zu bezweifeln, daß hier das alte, lange gesuchte Löulan war, und daß es an dem See Lop-nur (Lopnor) lag, den man auf alten chinesischen Karten verzeichnet findet, der von den neueren: Forschungsreisenden (Przewalski, Sven Hedin) aber vergeblich gesucht wurde. Diese alte, offenbar sehr verkehrsreiche Stadt scheint Anfangs des vierten Jahrhunderts vom Wüstensturm oder von den Gewässern beziehungsweise durch beide Gewalten zerstört worden zu sein. Man wird in der Mhe eine andere, die sog. Drachenstadt gebaut haben, die dann ihrerseits in den Jahren 1408—11 durch eine Sturmflut zu Grunde ging. Der See aber wurde durch die Sandstürme verschüttet. So hat Löulan ähnlich Pompeji und Saint-Pierre ent trauriges Ende gefunden. Wer nicht die unterirdischen Gewalten waren seine Zerstörer, sondern der unerbittlich« Wind und die langsam, zäh, aber unerbittlich vorrückende Wüste. ___________ Vermischter. Sir Walter Raleigh. Der Günstling Elisabeths benutzte, wie bekannt ist, die zwölf Jahre, die ihn Jakob L in dem Tower schmachten ließ, um sein großes Geschichtswerk zu schreiben, und mehrere kleinere Schriften über seine Reisen herauszugeben. Er war der Entdecker von Virginien, welchen Landstrich er zu Ehren der jungfräulichen Königin so nannte, und der Gründer der ersten englischen Kolonien in Nordamerika. Von seinen Reisen hatte er Tabak mitgebracht und denselben in England eingeführt; er selbst rauchte stark und gab dadurch einst einem seiner Kammerdiener Gelegenheit, ihm unter Hilfegeschrei ein Gefäß mit Wasser über den Kopf zu gießen, weil dieser, unbekannt mit dem Tabak, als er die großen Rauchwolken ans dem Munde seines Herrn kommen sah, glaubte, er sei in Brand geraten ober, in Gefahr zu ersticken. Wäre er damals erstickt, so hatte dieser große Mann nicht als das Opfer einer Hofkabale sein Haupt 1618 aus den Block des Henkers legen müssen. England wäre aber auch um ein großes Werk ärmer gewesen. Preisrätsel.*) Magisches Dreieck. (Nachdruck verboten.) A A E Eli L L L M N R 8 U V In die Felder des Dreiecks sind die Buchstaben derart einzutragen, daß die drei Außenseiten und die drei wogerechten Mittelreihen Wörter von folgender Bedeutung ergeben: 1. alte Göttin; 2. Landhaus; 8. weiblicher Vorname; 4. Nahrungsmittel; 6. Fluß in Afrika; 6. Fluß und Gebirge in Rußland. *) Lösungen sind mit Aufschrift: „PreiSrülsel-Lösung" versehen innerhalb acht Tagen an die Redaktion der „Gießener Kamtiiendkällrr" einzusenden. Auflösung der Gleichung in vor. Nr.r a Herz, b Egon, c Wien, d Aal. x Herzegowina. Redaktion: August Götz. — Rotationsdruck und Verla» der Brühl'schen UniversitätS-BuL« und Steindruckerei (Pietsch Erben) in Gießen.