Mn nächsten Tage hatte sich das Wetter ein wenig gebessert und damit auch Lady Fanshawes Stimmung, Sie bot ihrer Schwester die Hand zur Versöhnung indem sie ihr anstatt eines Oelzweiges ihre Haarbürste entgegen- hielt. „Du reiztest mich gestern so seh^, sagte sie etwas kleinlaut. „Wie kannst Tu nur immer solche abscheuliche Dinge sagen, Moll?" „Die nackte Wahrheit ist selten schön", erwiderte Mau- reen, „jedenfalls bin ich aufrichtig. — Ach, wie mir Lovells zynisches Wesen verhaßt ist!" „Greville sagte, ich werde es Bereuen, nicht mit ihm gegangen zu fein", fuhr Nita in kläglichem Tone fort. „Zehnmal täglich tat ich das, und drei ganze Tage ist er nun schon weg! Ach, warum habe ich ihn nicht begleitet?" „Meine liebe Nita, es ist weit besser, daß Du hier geblieben bist, Du hättest Dich ja doch nur im höchsten Grade unbehaglich gefühlt. Du weißt, wie Du Dich immer gleich ängstigst, sogar auf den Seen." „Das Wetter ist diesen Morgen viel ruhiges, erklärt« Lady Fanshawe, sich zum Fenster hinausbäigend. „Sa, in der Bucht geht eS an, auf offener See aber 1903. — Nr. 15. tirnuirrj W SäS WM 'Ä'SWiTöi E Tln't'Xsy.mv M (Nachdruck verboten.) Eine verhängnisvolle Fahrt. Roman von B. M. Croker. Autorisierte Uebersetzung aus dem Englischen von Alwtna Wischer. (Fortsetzung.) Plötzlich aber machte sich ihre erregte Stimmung ohne die germgste Veranlassung in den leidenschaftlichsten Zvrn- ausbruchen &ift Wodurch hatte sie es verdient, daß man sie derart behändste, sie, die, obgleich an einen älterem Mann verheiratet, niemals die Huldigungen anderer Manner ermutigt hätte. Niemals habe sie sich auch nur des kleinsten Vergehens schuldig gemacht, wie so viele anbere Frauen ihrer Bekanntschaft. Nur nm Greville eine Freude zu machen, sei sie in dieses abscheuliche Nest gekommen, und zum Tank dafür verbringe er seine ganze Zeit mit emer anderem Frau, er, der behaupte, ein Weiberfeind zu sein. ,,O-, was sind doch die Männer alle für Heuchler!" rref sie, indem sie auffprang und wie rasend int Zimmer umherlief. „Ja, ja, nun verstehe ich es, warum er eine solche Vorliebe für Ballybay hat und um keinen Preis darauf verzichten wollte. Fischen! Ha, ha, nein! Tas war nur ein Vorwand, um mir Sand in die Augen zu streuen. Mit dieser Person wollte er hier zusammentreffen!" "Aber Nita, Nita", sagte Maureen, ihr besorgt mit den Blicken folgend, „wie kannst Tu nur so etwas sageit!" , „Ja, >Danz Ballybay wußte es außer mir", fuhr sie immer leidenschaftlicher fort, „und Bertrand Lovell sagt, daß bte Geschichte in aller Leute Mund sei. Es ist ein Skandal, und jedermann hat Mitleid mit mir." „Mr. Lovell spricht die Unwahrheft!" „Ha, das sieht Tir wieder ähnlich!" rief sie, sich zornig nach ihr umwendend. „Tu nimmst natürlich Partei für Greville, und jene Person ist ja auch Deine Busenfreundin wahrscheinlich haben sie Tich in ihr abscheuliches Ge-! heimnis eingeweiht." „Mta, ich glaube wahrhaftig, Du hast den Verstand verloren." „O nein, im Gegenteil, jetzt bin ich erst recht klar bei Sinnen. Wenn Bertrand Lovell mein Mann wäre, der hatte anders gehandelt und sich von keinem Wetter ab- halten lassen, und nun vollends gar, um mit einer andern Frau zusammen zu sein! Es' ist geradezu schamlos!" Schluchzend sank sie auf einen Stuhl. „Schamlos!" wiederholte Maureen. „Wie kannst Du so etwas von Greville sagen, von dem Du doch weißt, daß er Dich über alles liebt. Kann er denn etwas dafür, daß Du das Fischen verabscheust und Dich beim Kahnfahreu fürchtest? Wenn Du aber glaubst, daß Mr. Lovell einem solchen Wetter Trotz bieten würde, so täuschst Du Dich gewaltig", rief siet sprang auf und öffnete hastig das Fenster, sodaß das Heulen des Sturmwinds und das wilde Brausen des Meeres ungedämpft hereindrang. „Lovell ist ein Feigling, ein Salonheld, weiter nichts. Ich verabscheue ihn." „Das ist ganz gegenseitig. Er behauptet, es sei schänd- sich, tote Du mich tyrannisierst." „Ich? Ja, schändlich und gemein ist es, Greville bet Drr anzuschwärzen und sich — ich will es Dft nur sagen --- öffentlich als Deinen Liebhaber aufzuspielen." „Maureen!" schrie ihre Schwester, indem sie aufforana und mit tragischer Gebärde auf die Türe wies: „Verlasse sofort dieses Zimmer!" 11 „Gerne, aber nicht, ehe ich Dich vor Mr. Lovell gewarnt habe." „Du erdreistest Dich, mich zu warnen?" rief Mta mit zitternder Stimme. „So, das tue ich, denn er ist ein gefährlicher Gesellschafter für Dich, ein leichtsinniger, gewissenloser Mensch, der sich auf die ftechste Weise mit seinen Siegen über junge Frauen brüstet." „Wie kannst Du, ein junges Mädchen, es wagen, solch abscheuliche Dinge zu sagen!" „O, ich wage gelegentlich gar manches", antwortet« fie kalt, „und ich wollte, ich könnte noch mehr wagen. Manchmal, wenn ich sehe, wie Mr. Lovell sich über Dich beugt, und in seiner abgeschmackten, süßlichen Weise mit Dir flüstert, zuckt es mir in allen Fingern, ihm eine Ohrfeige zu versetzen. „Das fehlte gerade noch", rief Mta bebend. „Verlasse sogleich das Zimmer! Hörst Du? Gehe!" „Gut, ich gehe. Dein Haar kannst Du Mr dann morgen selbst machen. Gute Nacht!" 58 ist es sicherlich noch sehr stürmisch. Ich glaube jedoch Mich, Laß sie gegen elf Uhr kommen werden." Allein es wurde Mittag und als von den Anwesenden weit und breit nichts zu sehen war, überließ sich Lady Fanshawe den schwärzesten Vermutungen. Maureen, die endlich einsehen mußte, daß sie mit all ihren Beweisgründen und freundlichen Ermahnungen doch nichts ausrichten konnte, unternahm nachmittags mit Taffy einen größeren Spaziergang. Ms sie zurückkehrte — es war sechs Uhr vorüber — wurde ihr ein Telegramm mit der Aufschrift Fanshawe oder D'Arcy übergeben, das schon vor einer Stunde angekommen, Lady Fanshaive aber nicht gebracht worden war, da diese strengen Befehl gegeben hatte, unter keiner Bedingung gestört zu werden. Maureen öffnete das Telegramm, das aus einer an der Bucht gelegenen Station aufgegeben worden war, und lautete: „Hoffe morgen zwölf Uhr bei Euch zu sein, warte auf ein Schiff. Greville." Eilig lies Maureen die Treppe hinauf, fand jedoch die Türe ihrer Schwester verschlossen, und als sie sich ohne Mühe durch das Ankleidezimmer den Eingang verschaffte, stieß sie es inen h alb unterdrückten Schreckensruf aus — das Nest war leer. 18. Kapitel. Ein Königreich für ein Pferd. Boll Verwunderung sah sich Maureen in dem Gemache um, allein diese Verwunderung machte sofort einer angstvollen Besorgnis Platz, als ihr Auge auf einen Brief siet, der ihre Wresse trug- und möglichst auffällig an den Spiegel gesteckt war. Er lautete folgendermaßen: „Liebe Molli Ich gehe fort mit jemand, der mich wirklich zu schätze»: weiß. Schon seit Donnerstag stand mein Entschluß fest, dennoch gewahrte ich Greville noch zwei Tage Frist. Nun aber ist meine Geduld erschöpft. Es tut mir leib, daß Tu die unangenehme Sache den Leuten gegenüber ausfechten mußt; am besten ist es wohl. Tu sagst, ich fei leidend — sprichst von irgend einer ansteckenden Krankheit, und wenn Greville zurückkommt, soll er die weiteren Erklärungen geben. Wir fahren mit der Abendpost nach Shule und um Awei Uhr morgens mit der Eisenbahn weiter. Briefe werden mich im Hotel Kontinental in Paris finden, -deine Nita." war es also fehl Scherz. Nita hatts sich nicht fcgeubnro im Zimmer versteckt. Nein, sie war wirklich fortgegangen. Ein paar Minuten lang stand Maureen rvie vernichtet da, dann mußte sie sich auf den Bettrand nieder- Ben, denn sie zitterte derart, daß der Bries in ihren nden laut knisterte. Aber dieses Zittern und untätige illsitzen konnte nichts helfen, irgend etwas mußte geschehen. Vor altem zerriß sie den Vries in kleine Stückchen, bann schloß sie die Türe des Ankleidezimmers ab, steckte den Schlüssel in die Tasche und sagte Ml Julia, die sich gerade im Gang befand, daß Lady Fanshawe diese Nacht unter ferner Bedingung gestört werden dürfe. Nun lief sie zum Hotelbesitzer und bestürmte diesen, ihr so rasch «A möglich einen Wagen nach Shule zu verschaffen. „Ich will gerne jeden Preis dafür bezahlen", fugte sie «regt hinzu. „Tas hilft alles nichts, gnädiges Fräulein", erwiderte ec. „Wenn ich überhaupt einen Wagen hätte, so stünde er Ahnen natürlich mit dem größten Vergnügen und umsonst fcnr Verfügung, aber ich habe keinen, die Post hat alle Fahr- gelegeuhe-ten mit Beschlag belegt." Ratlos kehrte Maureen in ihr Zimmer zurück. Was Nun hm? Mrs. Tuckitt war hort, einem anderen Menschen wagte sie sich nicht anzuvertrauen, sie mußte also allein «ns Hilfe sinnen. Woher konnte sie ein rasches Pferd bekommen? Ta plötzlich fiel ihr der Kutscher Terence ein. Zu langem Ueberlegen war keine Zeit, denn schon senkte sich die Tämmerung hernieder. Hastig setzte sie ihren Hut aus, lief §u Frau Macgill hinüber und klopfte ohne Zögern «n die Türe. Eine sauber gekleidete alte Frau öffnete, betrachtete die junge Tarne mit ziemlich ungastlichen Blicken und sagte: „Was wünschen Sie, Fräulein?" „Ich möchte den Kutscher Terence sprechen." „Er ist erst vor wenigen Augenblicken todmüde heim- gefemmen. Hat es nicht Zeit bis morgen?" „Nein, leider nicht, ich muß ihn durchaus sprechen", »»trvortete sie in gebieterischem Ton, „und zwar sofort." Mit einem mißtrauischen Blick riß die alle Frau eine vom Hauseingang gelegene Till weit auf, wodurch Maureen den Einblick in ein niedriges, braun getäfeltes Zimmer gewann. In der Mitte stand ein Tisch mit einer rot und blau karrierten Tecke, und vor dem Kaminseuer saß Terence in einem Lehnstuhl, während sein Hund in einem ebensolchen behaglich zusammengekauert lag. Heber dem Kaminsims hingen ein Segen und einige eingerahmte Phtoographien, verschiedene Bücher lagen umher, und das Sofa bedeckte ein Tigerfell. So bescheiden, ja fast ärmlich diese, von dichtem Dabaksqualm erfüllte Stube nun auch aussah — die Wohnung eines gebildeten Mannes war sie trotzdem unverkennbar. „Eine junge Dame behauptet. Sie durchaus sprechen zu müssen", verkündete Frau Macgill im Tone hoher Mißbilligung. Langsam wandte er den Kopf, legte daun seine Pfeife nieder und sprang auf. ,Lst etwas vorgefallen?" rief er. Miß D'Arcy nickte bejahend, wobei es ihm auffiel, wie blaß ihr Gesicht und wie düster ihr Blick war. „Ich kann Sie nicht bitten, hier Platz zu nehmen, werde aber sofort zu Ihnen herauskommen." Er griff hastig nach seiner Mütze und eilte ihr nach aus die enge Straße. „Nun, was ist geschehen?" fragte er in sanftem Tone. Einen Augenblick zögerte sie, dem: sie konnte die richtigen Worte nicht gleich finden. Endlich sagte sie: „Ich habe meine Schwester verloren." ,Hhre Schwester verloren?" rief er im Tone höchster Ueberraschung. „Mr. Terence, ich weiß. Sie sind ein Ehrenmann, ich aber stehe int Begriff, die Ehre und den guten Namen unserer Familie in Ihre Hand zu legen. Meine Schwester ist mit Mr. So beit entflohen. Ich muß ihr folgen und sie zurückbringen um jeden Preis. Wer tote? Im ganzen Ort ist fein Pferd zu bekommen. Können Sie mir helfen?" „Natürlich kann ich das. Warrn hat sie Ballybay verlassen?" „Mit der Sechsuhrpost. Ich erinnere mich, daß ich, als der Postwagen an mir vorüberfuhr, Mr. Lovell und neben ihm eine dicht verschleierte Dame sitzen sah. Schon freute ich mich über fein Fortgehen, nicht ahnend, daß die Tarne neben ihm Nita sei." „Hat sie vielleicht einen Bries zurückgetassen?" fragte er kurz. „Ja, als ich ihr vorhin ein Telegramm bringen wollte, sand ich ein lleines, an mich adressiertes Bittet in ihrem Zimmer. Sie hatte sich nänllich eingeschlossen, und auch jetzt glauben die Leute, sie sei noch dort. Ich habe deshalb die zweite, in ihr Ankleidezimmer führende Türe ebenfalls abgeschfessen. Um elf Uhr kommt sie nach Shute, und um zwei Uhr fährt der Schnellzug ab, der Anschluß aus den nach England gehenden Dampfer hat." „Wir müssen sie in Shute einholen. Ich weiß, daß Sie gut retten, und Kirwau hat einen Braunen, der sich für Sie eignen könnte, obwohl er nicht für Damen zugeritten worden ist." „5cf) habe schon manches' wilde Füllen geritten." „Es gtebf einen kürzeren Weg Über den Slieve-na-Goil« berg, da sind es nur etwa dreißig Mellen. Es ist freilich eigentlich nur ein Ziegenpfad, ober Sie sind ja mutig und ausdauernd, und ich kenne den Weg genau. Wenn wir nicht auf ein besonderes Hindernis stoßen, können wir noch vor elf Uhr in Shute fein. Jetzt ist es sieben Uhr; Zeit ist also feine zu vertieren. Gehen Sie nun und machen Sie sich bereit; ziehen Sie eine warme Jacke an, und genießen Sie etwas, ich werde Sie mit den beiden Pferden am hiim teren Gittertor erwarten." „Ein Stallbursche könnte mir ja aber den Weg zeigen"« sagte sie. „Warum wollen Sie sich selbst bemühen?" Ohne zu antworten, lief Terence den Ställen zu, sodaß Maureen nichts anderes übrig blieb, als ins Hotel zurück« zukeyren. Seit ihrer Unterredung mit Terence fühlte sie sich weniger niedergeschlagen und hoffnungslos, denn wenn er auch ihre Mitteilung fest verletzend kühl ausgenommen hatte, so flößte ihr seine rasche, bestimmte Handlungsweise doch das größte SSertrauen ein. Ein Viertel nach sieben Uhr schlich sie unbemerkt die Treppe hinunter, erreichte die Hintertüre und schließlich den Hof, wo Julia mit zwei Stallknechten plauderte. In der Ferne sah sie einen Herrn heranreiten, begleitet von einem Stallknecht, der ein Pferd mit einem Damensattel am Zügel führte. Rasch eilte sie vorwärts, der Herr stieg ab, hob sie in den Sattel, brachte 59 Bügel und Zügel ftt Ordnung, und ohne ein Wort zu Achseln, ritt das Paar durchs Gittertor auf das hinter dem Hotel sich ausdehnende Feld hinaus, Mo es, scharf galoppierend, bald im Dunkel verschwand. In wortlosem Erstaunen sahen sich Julia, Patsey und Bob an. „Na, daS ist ja eine hübsche Geschichte!" sagte endlich Julia. „Ditscher Terence, der sich aus den Feinen K, als sei er minoestens ein Lord, reitet mit MißT'Arcy t. Nun weiß ich doch auch, warum sie vorhin eine Hühnerkeule und ein Stück Brot verlangte. Und ihre arme Schwester liegt krank im Bett, und Sir Greville ist fort. Tu meine Güte, was still man dazn sagen?" ries sie, die Hände ringend. — „Gar nichts, sondern den Mund halten", erwiderte der Mann, der das Tamenpserd herbrachte. „Miß T'Arcy hat etwas schrecklich Wichtiges zu besorgen, von dem Leben und Tod abhängt, sagte mir Mr. Terence. Teshalb verlangte sie ein Pferd, und er begleitet sie, um ihr den Weg zu zeigen." „Und bei Nacht und Nebel muß das nun gerade fern? Eine recht sonderbare Zeit, um mit einem hübschen jungen Mann über den Slievberg zu galoppieren." „Zum Teufel, da ist doch nichts Schlimmes dabei! Ei, ei, Julia, ich hielt Sie bis jetzt immer für ein gutmütiges Mädchen. Wenn also jemand nach Miß D'Arch fragt, so antwortet man, sie sei in ihrem Zimmer und liege warm xugedeckt in ihrem Bett, wohl verstanden, Julia!" (Fortsetzung folgt.) Christian Langes Freite. Eine Thüringer Torfgeschichte von Rudolph Braune- Rvßla.*) (Nachdruck verboten.) Christian Lange in Udorf hatte seine Sechzig auf dem Rücken, war aber noch rüstig und arbeitskräftig. In vierzig Jahren ununterbrochenen Plackens und Abmühens hatte er ein Häuschen und einige Morgen Ackers erworben. Außerdem hatte er noch ganze tausend Mark in der Sparkasse. Er war nur ein gewöhnlicher Arbeiter, befand sich aber wohl, wenn man Wohloefinoen den Besitz von Haus, Acker und sicher angelegten Ersparnissen nennen kann — denn seine Häuslichkeit war so ärmlich und sein Lebensunterhalt so kärglich, daß der bedürftigste Spittelmann besser lebte. Arbeiten und sparen, sparen und arbeiten stillte sein ganzes Leben aus. Seine Frau Karoline hatte ihm dabei redlich geholfen. Hätten sie es sonst so weit gebracht? Wären sie wie andere zum Tanze und in die Schenke gelaufen, hätten sie wie andere große Kirmsen gefeiert und neue Kleider und Tücher gekauft, so hätten sie vielleicht mehr Freunde besessen, aber nicht so rar ihre alten Tage gesorgt. Es schadete ja nichts, daß die Leute sie geizig nannten, sie waren zufrieden. Kinder hatten sie nicht. Was wollten sie auch mit kleinen Kindern anfangen? Tie hielten ja nur von der Arbeit ab. Aber trotzdem hätten sie gern ein Kind gehabt, e» mußte nur gleich groß, wenigstens aus dem Gröbsten herausgewachsen sein. Sie loären dann nicht mehr so einsam gewesen und hätten für chre alten Tage, wenn sie nicht mehr so Viel arbeiten konnten, Hilfe und Unterstützung gehabt. Sie überlegten jahrelang hin und her. Dann nahmen sie ein armes vierzehnjähriges Mädchen an, dem sie gleich, um es sicher zu stellen — so verlangten es des Mädchens Stiefeltern — ihr Haus verschrieben. Würde es gut tun, j» sollte es einmal alles erben. AlS wenn Karoline wußte, daß sie nun Christian nicht mehr unentbehrlich war, daß für ihn gut gesorgt sei, legte sie sich mitten in der Ernte, wo die Arbeit am dringerrdsten war, hin und starb. Christian betrauerte von Herzen die Gefährtin, die dreißig Jahre an seiner Seite gesorgt und gescharwerkt hatte. Aber Zeit, lange zu jammern und zu klagen, hatte er nicht, dafür befand man sich in der Ernte. Wer nach Feierabend dachte er immer an Karolinen und seufzte, weil sie so früh fort gemußt hatte. Seine Pflegetochter Rike sorgte zwar gut für ihn unb arbeitete auch tüchtig, aber wie früher war's doch nicht. *) Mit Genehmigung der Berlagshamdlung entnehmen wir diese Erzählung dem kürzlich unter dem Titel „Der Arbeitsteufel" erschienenen Bande neuer Thüringer Dorfgeschichten von Rudolph Braune-Roßla (Hermann Seemann Nachfolger, LeifWg. 3 Mk.). Junge Mädchen sind eben vergnügungslustkger als alte Frauen. Und weil sie mehr Vergnügen mitmachen, brauchen sie mehr Putz. Und deshalb Kisten sie mehr. Wenn sie auch rwch so fix und fleißig sind . . . na ja . . . dafür sind sie eben jung. Daran konnte Christian nichts ändern, und im Laufe der Jahre ärgerte er sich auch nicht mehr darüber. Was ihn aber ärgerte, war, daß Rike mit den jungen Burschen schön tat. Solange er lebte, brauchte sie nicht ans Heiraten zu denken. Sie war bei ihm gut versorgt. Später, wenn er erst weg war, konnte sie sich nach einem Manne umsehen. Wer Rike war anderer Meinung. Als sie zwanzig Jahre alt war, erklärte sie dem Alten, Karl Schober und sie wären miteinander einig geworden und wollten sich heiraten, wenn der Alte nichts dagegen habe. Was wollte Christian machen? Es war Riken zuzutrauen, daß sie ihn im Stich ließe, wenn er seine Zustimmung nicht gab. So sagte er denn „ja", und vier Wochen später heirateten sie. Karl Schober war Knecht auf dem Rittergute gewesen, zog aber nun mit in Christians Haus und gebärdete sich als Herrn. Tagsüber arbeitete er als Tagelöhner aus dem Gute, aber nach Feierabend und Sonntags kommandierte er in Christians Hause und auf Christians Acker. Tas wollte sich Christian nicht gefallen lassen, und so kam es oft zu Zänkereien. Dreißig Jahre hatte Friede und Eintracht im Hause geherrscht, hatte man an einem Strange gezogen, jetzt gab es finstere Gesichter und harte Worte. Leute, denen Christian seine Not klagte, hetzten ihn auf. „Soft Dir das nich gefalle, Christian, heirate wädder", sagten sie. „To wärd sich Rike schune umgucke un kleine beigebe." Christian hatte zwar keine Lust, wieder zu herraten, denn er glaubte nicht, daß er noch einmal eine so gute Frau tote die selige Karoline kriege, hielt aber den Rat für gut und drohte das nächste Mal mit seiner Wiederverheiratung. Aber die jungen Leute ließen sich nicht erschrecken. , „Immer zu", spottete Rike, „heirare wadder." „To lachten doch die Schtoine", fügte Kurl Schober hinzu. Christian war zornig und lief zum Nachbar, um dem sein Herz auszuschütten. „Sik nich dumm", meinte der Nachbar, „das Hus äs dine, jag' se uns, wenn sie nich pariere wull'n." Tas wollte Christian nicht tun, weil er zu gutmütig dazu war, aber er drohte damit. „Was?" rief Rike. „Tas Hus is mine." „Wenn ich tot bän", erklärte Christian. „Wer drinne wuhnt, den äs's", meinte Schober. Christian überlief die Wut: „Su? No, ich wäll uch totfe, wen's Hus gehert. Ich heirate wädder, ich dränge äne Frau ins Hus, die wärd uch schune de Fletentene bei- die von bränge." „Immerzu, heirate wädder", lachten die beiden. Christian ließ sie lachen, zog feinen schwarzen Bräu-, tigamsrock an, in dem er Karoline zum Altar geführt hatte, und der nur bei feierlichen Gelegenheiten aus dem Schranke " Tuchmütze auf, ergriff den jung- achte sich auf den Weg nach der kam, setzte die schwarze ! eichenen Gehstock und machte fii „Vie^'g Jahre." „Hat se Geld?" „Sie hat scheenes Geld auf der Sparkasse." Christian trank sein Bier aus und marschierte durch Stadt nach Altendors hinaus, das nur zehn Minuten Frankstadt entfernt liegt. Es drängte ihn, Ehlers' Er war ja erst sechzig Jahre alt. War das nicht das schönste Alter? Gleich im ersten Wirtshaus kehrte er ein und traf dort einen guten Bekannteil, den Seiler Märtz. „Na, Christian", fragte Märtz, „auch mal wieder in der Stadt?" L , „Jo. Weißte, ich toäll wädder heirate. Weißte keine Frau für mich?" _ r. „O ja, un die paßte Minder scheue zu Dir. Der alte Ehlers in Altendorf hat eine Wirtschafterin, die gerne heiraten möchte. Sie hat mir erst vor vier Wochen gesagt, wenn ich mal 'was wüßte, sollte ich ihr einen Wmi geben." „Wie oft äs se?" 60 Wirtschafterin rennen zu lernen, die Geld hatte und so gut zu ihm paßte. Er kam an den Röhrbrunnen, an dem zwei schwatzende Frauen standen. An die wandte er sich um Auskunft, wo Ehlers wohnte. „Ehlers?" erwiderte die eine. „Was wull'n Se bä den?" „Ich ha gehert, hä hätte äne Wärtschafter'n, die gerne heirate wulle." „Tie wull'n Se wull gar heirate?" „Jo, ich bän Se nämlich Wüttmann." „Se wer'n doch nich die ale, schwarze Hexe heirate", riefen beide Frauen. „Hexe?" rief Christian entsetzt. „Freilich äs's äne Hexe. Han Se das nich gewußt? Tie brucht Sie gurt mol scharf anzugucken, do sin Se verhext. Ihre Mutter hat auch schune gehext. Wenn das Hexen nicht wäre, un alle Lite sich vor ihr fürchten, wär fe doch nich Wärtschafter'n bä den ölen, giz'gen Ehlers, «unst hätte se doch geheirat't, denn sie hat ja schenes Geld." Christian überlief es eiskalt. Er dankte für das Geld, er wollte keine Hexe zur Frau haben. Ach, wie gut war es, daß er die beiden Frauen ge-i troffen hatte, er wäre ja sonst der unglücklichste Mensch auf der Erde geworden. „To wißte ich äne andere Frau für Sie", erklärte die zweite, „gehn Se mol bä Hermine Buschen, die wäll auch gern tvädder heirate." „Wie vlt äs se?" „Fusz'g." „T as würde Passe. Hat se auch ®eß>?" „No, reich äs se gerade nich, aber auch nich arm. Se hat ä Hischen mät ä grüßen Garten un anderthalb Morgen Land. Ihr Mann war Schuster un äs vor zwei Johr'n gestorben. Se muß wädder ä Mann habe, der Gorten äs verwildert un drängt nich mehr väle in, un ums Land bekimmert sich auch kei Mensch. Früher hatten Buschens egal d'n schönsten Solat un Kuhl." „Jv, io", machte Christian befriedigt. „Wer zwei Kinger hat se", sagte die Erste, „ä Mächen vun zwanz'g un ä Jungen vun zehn Jahren." „Tas schadt't ntscht", entgegnete Christian, „die kenn' feste mät ahnpacke." Er ließ sich beschreiben, wo die Buschen wohnte und machte sich aus den Weg zu ihr. Er musterte das Haus. Es gefiel ihm — nicht zu klein, auch nicht zu groß. Er grng ins Haus und klopfte an der ersten Tür an. herein", ertönte es drin. Er trat ein. Am Fenster saß ein junges hübsches Mädchen und nähte. „Guten Tag", sagte er, „wohnt denn hier die Frau Duschen?" „Jo, das äs mine Mutter." „Aes so do?" „Se äs üben." „Wull'n Se se mol rufe?" „Was füll se denn?" „Sehn Se, ich bän Wättmann, ich Wuhne in Udorf, ich wäll Ihre Mutter heirate." Tas Mädchen musterte ihn kritisch und sagte: „Nehmen Se Platz, ich will mine Mutter rufe." Sie lies die Treppe hinauf und sagte: „Mutter, ungen äs ä Kerl, der Dich heirate wäll." „Mächeu, Tu bist verrickt", rief die Buschen erstaunt, wußte sie doch gar nichts von einem Verehrer. „Nei, nei, gek mol nunger." Tie Buschen eilte in die Stube. Da saß Christian auf dem Platze, den vorhin Emilie innegehabt hatte. Er brachte seinen Spruch an, daß er wieder heiraten wolle, und daß die Leute ihm gesagt hätten, sie passe zu ihm. Tabei sah er sie verliebt an, sie gefiel ihm. Und er gefiel der Buschen. Aber sie zeigte es ihm nicht sofort. Sie sagte: Ja, das ginge doch nicht so schnell, das wollte überlegt sein. „Sie ken'n sich nach mir erkundige", sprach er. „Sie ken'n jedes in Udorf frage, ob ich mine Sache nich zusammenhalte. Ich trinke nich und rauche nich. Ich, ha ä tzus und vier Morgen Land, und in d'r Sparkasse ha ich tausend Mark. Wenn Se mol 'nus kumme wull'n, wäll ich Sie's Sparkassenbuch wise. Oder ich kann'S auch ämol mätbränge. In mi Hüse tvuhnt Rike mät ihr'n Mann«. Tie ha ich nämlich als Kind ahngenummen un ba ihr'S Hus verschräbben. Wer's Land un's Geld füll se nrch erbe, weil si nich gut mät mir äs. Tas ken'n Ihre Kinger erbe. 'S Land kann de Rike mät ihr'n Manne jo Witter- bearbeite, aber se missen mir Pacht zahw. Wenn ich da bä Sie ziehe, ken'n mer scheue lebe. Se Han doch'» Hus un d'n Gorten un auch noch Land." „Jo, das ha ich", erwiderte die Buschen, „aber ich ha auch finfhunnert Mark Schulden. Wenn Se su väl Geld hergebe wull'n, daß ich meine Schulden bezahle kann, no, do ließe sich jo dräbber spreche." „Jv, das Geld kann ich hergebe, das äs jo nich weggeschmissen. Un ä Mann kennten Se gut beuche, denn d'r Gorten is nich in Ordnung." „J-o, hä dränget gor nich mehr väle in." So schwatzten sie hin und her und verabredeten sich, noch in derselben Woche das Aufgebot zu bestellen. Schobers erschraken doch, als sie sahen, daß Christian Ernst machte. Sie versuchten, durch Schmeicheln und heuchlerisches Gutsein ihn von seinem Vorhaben abzubringen. Wer er blieb fest. Er ließ vom Gemeindeschrerber einen Pachtvertrag aussertigen, den sie unterschreiben mußten, und ließ sie nicht im Zweifel darüber, daß sie nichts von ihm «erben würden. In Altendorf arbeitete er fast noch mehr als in Udorf, und seine Frau und seine Tochter halfen ihm. Es ging alles wie am Schnürchen. Minen war zwar die Arbeit und die Knickerigkeit manchmal zu arg, aber gegen ihren Mann äußerte sie nichts davon. Scharwerken und Sparen lag einmal in seiner Natur, und wer kann gegen seine Mrtur? Aber ihrer Kundschaft gegenüber schüttete sie ihr Herz aus. Freilich konnte sie nicht umhin, Christian zu loben, aber sie beklagte sich doch auch bitter über ihn. sagte sie, „alles was wohr äs. Ich ha ä hibschen, guten und sleiß'gen Mann. An d'n Kingern hat er si Narren gefressen un hat ä Testament gemacht, daß se alles vun ihn erben. TaS Stückchen in Udorf krait kei Pfennig. Aber aiz'g LS hä, giz'g, sag ich Sie, das äs 'was Arges. Nv, uh bän aber ganz .stille, denn warum, 's kemmt ja doch emol mi Kingern zu gute." Christian traf, aW er schon Jahr und Dag mit Mine« verheiratet war, seinen früheren Freund, den Seiler Märtz. „Gut, daß ich Dich treffe", sagte er, „ich ha ä Hihnchen mät Dir zu ruppen. Du willst mi Freund si und hast mich bä äne Hexe geschickt, daß de mech nochtern uslache kunnt'st? Fär sulche Frindschaft danke ich. No, aber d'r liebe Gott hat's gut gemacht un hat mich laßt äne Prachtsftau kriege un gute Kinger, daß ich 'mol in Frieden sterbe kann." Schachaufgabe. Von A. Burmeister in Tschernigow. (Nachdruck verboten.) Weiß. (8+*) Weiß zieht an und setzt mit dem dritte« Zuge matt, (Auflösung in nächster Nummer.) Auflösung deS Akrostichons in vor. Nr.: Harm, Lhering, Decke, Wellt, Ilia», Gabd — Hedwig. abcdef g h 8 7 6 5 4 3 2 1 abcdef g h Redaktion: Turt Plato. — Rotationsdruck und Verlag der Brühl'schen Univerfltäis-Buch- und Eteindruckcrci (Pietsch Erben) in Gieße«.